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Dass es schwer sein würde, vor den alten Seehofer zu treten und ihn um seinen Segen zu bitten, das hatten Rosi und Simon von vornherein gewusst. Denn Simon war der einzige Erbe des reichen Seehofers und Rosi nur eine arme Häusler-Dirn. Ihre Väter waren sich noch dazu spinnefeind. Doch Rosi und Simon vertrauten darauf, dass ihre Liebe alle Hindernisse überwinden könnte, und traten mutig vor Simons Vater hin. Er jedoch beschimpfte und verhöhnte Rosi und forderte seinen Sohn energisch auf: »Lass sofort ihre Hand los!«
Voller Entsetzen spürte Rosi, dass Simons Hand, die ihr bisher Kraft und Halt gegeben hatte, sich aus der ihren löste. In dieser Sekunde fühlte sie sich so gedemütigt und allein wie noch nie zuvor in ihrem Leben ...
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Seitenzahl: 106
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Sie wollte ihn nie wiedersehen
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Impressum
Sie wollte ihn nie wiedersehen
Ein junges Glück zerbricht durch Neid und Intrigen
Von Kathi Bernried
Dass es schwer sein wird, vor den alten Seehofer zu treten und ihn um seinen Segen zu bitten, das haben Rosi und Simon von vornherein gewusst. Denn Simon ist der einzige Erbe des reichen Seehofers und Rosi nur eine arme Häusler-Dirn. Dazu sind sich ihre Väter noch spinnefeind.
Doch Rosi und Simon vertrauen darauf, dass ihre Liebe alle Hindernisse überwinden kann, und so treten sie mutig vor Simons Vater hin. Der jedoch beschimpft und verhöhnt Rosi und fordert seinen Sohn energisch auf: »Lass sofort ihre Hand los!«
Voller Entsetzen spürt Rosi, dass Simons Hand, die ihr bisher Kraft und Halt gegeben hat, sich aus der ihren löst. In dieser Sekunde fühlt sie sich so gedemütigt und allein wie noch nie zuvor in ihrem Leben ...
Über dem mächtigen Raxenstein, der das Dorf Kematen beherrschte, war die Sonne aufgegangen. Warm und freundlich beschien sie das kleine Kathaus, in welchem Leopold Dobler seinen Rausch ausschlief. Rosi, seine hübsche Tochter, stieß die Blendläden auf.
»Willst du net aufstehen, Vater? Es ist schon bald acht, und ich muss ins Dorf, um beim Kaufmann das Eiergeld zu kassieren.«
Im Allgemeinen hatte Leopold Dobler ein gutes Verhältnis zu seiner Tochter. Heute jedoch schrie er sie an: »Was hast du in meiner Kammer zu suchen? Sofort schleichst dich! Aber mach vorher gefälligst den Blendladen wieder zu! Ist ja unmenschlich, wie einem das grelle Licht in die Augen fährt.«
»Oje!«, seufzte die Rosi auf. »Ist wohl, so scheint's mir, wieder arg spät geworden letzte Nacht. So schlechte Laune hast du immer nur dann, wenn dir der Kopf dröhnt und dein Geldbeutel leer ist. Schlaf halt aus und steh auf, wenn dir die Welt wieder freundlicher vorkommt. Das Vieh ist bereits versorgt, die Milch steht auf dem Herd, Vater.«
Die Wiesen waren hellgrün und saftig, die Bäume voller Knospen, und der Himmel war blau und wolkenlos. Frühling hing in der Luft. Rosi spürte ihn in jeder Faser. Als der Kleehof mit seinen schneeweißen Gebäuden vor ihr auftauchte, begann ihr Herz erwartungsvoll zu klopfen. Unwillkürlich verhielt sie den Schritt.
Unter der niedrigen Stalltür stand Kilian Weiß, der Jungknecht vom Kleehof. Er hatte Werkzeug zum Ausbessern der Weidezäune geholt.
»Simon!«, rief er in den Stall hinein, wo der Jungbauer noch immer nach einer passenden Zange suchte. »Da kommt ein Dirndl für dich.«
Wie eine Rakete schoss Simon hervor und sah Rosi, blond, schlank und geschmeidig, durch die Wiesen gehen.
»Rosi! Rosi!«, rief er mit seiner dunklen, sympathischen Stimme, und als er nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war, breitete er seine Arme weit aus. »Das wird ein herrlicher Tag, wenn ich dich abbusseln darf, bevor ich mit der Arbeit anfang'. O Rosi, mein Engerl, ich freu' mich!«
Was immer er sonst noch sagen oder was Rosi erwidern wollte, wurde von einer Sekunde zur anderen unwichtig. Sobald seine Lippen ihren Mund berührten, gab es für beide nichts anders mehr als das herrliche Gefühl der Nähe.
Dann ließ er das geliebte Madel los, breitete im Überschwang beide Arme aus und rief zum Himmel hinauf: »Gott segne den Zufall! Gott segne ihn doppelt, denn erst in dieser Minute ist mir klar geworden, wie herrlich schön so ein Tag sein kann, wenn er mit einem Kuss von dir beginnt. Weißt du was, Rosi, ich will nimmer warten. Noch heut' red' ich mit meinem Vater. Und du sollst dabei sein. Gemeinsam wollen wir vor ihn hintreten und um seinen Segen bitten. Es muss ein End' haben mit der Heimlichkeit. Bist du einverstanden, Rosi?«
Auf Rosis zarten Wangen zeigte sich eine sanfte Röte.
»Das weißt du doch, Simon, dass ich einverstanden bin mit allem, was du tust.«
»Dann schau mir in die Augen und sag's laut und deutlich, dass du meine Frau werden willst.«
Gehorsam hob sie den Blick. Bedingungsloses Vertrauen und blinde Ergebenheit strahlten ihm entgegen. Simon war ihre erste Liebe.
»Ich liebe dich, Simon, und ich will deine Frau werden«, sagte sie klar und mit einem rührenden Lächeln um die roten Lippen.
»Bis wann kannst du zurück sein, Rosi?«
»Bis Mittag.«
»Beim ersten Glockenschlag vom Angelusläuten findest mich hier auf der Bank. Sei pünktlich, Rosi.«
***
Mit dem letzten Glockenschlag, der über die Dächer von Kematen hinwehte, betraten Simon und Rosi Hand in Hand den Kleehof. Der Bauer sah die beiden durchs Fenster auf das Wohnhaus zukommen. Er lächelte verächtlich, als er die Rosi erkannte.
Breit wie ein Baum und halsstarrig wie ein Stier stand der alte Kleehofer mitten in der Wohnstube, als die beiden jungen Leute eintraten.
»Vater«, begann Simon tapfer. »Das ist die Rosi. Ich möcht' sie heiraten. Wir sind uns einig. Gibst du uns deinen Segen?«
In dieser Stube fühlte sich die Rosi klein und unbedeutend. Nur Simons Hand, die fest um ihre Finger lag, gab ihr Kraft.
Es dauerte beklemmend lange, ehe der reiche Kleehofer seine Stimme hob. Gerade lange genug, um Simon jedes Selbstbewusstsein zu nehmen.
»Die da willst du nehmen? Bist ja wohl net recht gescheit, Bub!« Nach diesen vernichtenden Worten, schaltete der Bauer eine Pause ein. Dann fuhr er fort: »Wer Bäuerin auf dem Kleehof werden will, der muss schon mehr mitbringen als Schönheit und Arbeitseifer. Die hat ja nix, Bub. Wie kannst du dich von einer glatten Larve nur so einwickeln lassen?«
Nun wandte er sich an die Rosi. »Von deiner Sippschaft hat noch nie einer was getaugt. Ich kenne sie alle. Soll ich dir erzählen, wie's mit den deinigen war?«
Rosi hatte vorher gewusst, dass dieser Gang nicht leicht sein würde. Sie hielt Simon fest bei der Hand und hob stolz den Kopf.
»Die vor mir mit meinem Namen gelebt haben, sind ehrliche Leut' gewesen, Kleehofer. Die brauchen sich vor dir net zu schämen. Auf dein Geld da pfeif' ich. Wir sind jung, der Simon und ich, und haben Kraft genug, einen neuen Hof aufzubauen, der am End' genauso stattlich sein wird wie dein Kleehof.«
Das saß bei dem alten Kleehofer, der zeit seines Lebens den Nacken vor nichts gebeugt hatte als vor Reichtum und Besitz.
»Sieh einer an«, knirschte er gefährlich ruhig. »Eine Gans mit Adlerkrallen. Aber mit solchen Frechheiten kommst bei mir an die verkehrte Adress'.«
Immer wütender wurde die Stimme des Bauern.
»Wer bist du denn du überhaupt, dass du dich so kostbar machst und geheiratet werden willst? Zu meiner Zeit, da hat so eine wie du auch dann Ja gesagt, wenn sie nicht vorher am Traualtar stehen durfte. Dem Simpel da wird es noch leidtun, dass er sich das Heiratsversprechen hat abschmeicheln lassen. Damit du's nur weißt, Simon, die da wird niemals Bäuerin auf dem Kleehof. Niemals! Lass sofort ihre Hand los! Auf der Stell' trittst du einen Schritt beiseite, Simon, sonst ...«
Simon war starr vor Entsetzen und keines klaren Gedankens fähig. Mit tödlichem Erschrecken spürte Rosi, dass er tatsächlich ihre Hand losließ. Sie stand allein da. Simon blieb der gehorsame Sohn seines Vaters.
Rosi senkte das Kinn tief auf die Brust. Noch niemals im Leben hatten ihre jungen Ohren derartig hässliche Worte gehört. Ihre Haut brannte vor Scham.
»Ich seh' jetzt klar«, sagte sie leise, drehte sich um und ging hinaus.
Kaum war die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen, da begann sie zu rennen, als seien alle Teufel der Hölle hinter ihr her.
***
Von dieser entscheidenden Stunde ihres Lebens an wurde aus der fröhlichen Rosi Dobler ein stiller, ernster Mensch.
Inzwischen waren auch die letzten Schneereste von den Hängen weggetaut. Der Almauftrieb stand bevor. Leopold Dobler tunkte einen derben Brotkanten in seine Morgenmilch. Über den Becher hinweg betrachtete er seine Tochter.
»Warum hast du dein Arbeitszeug schon abgelegt, Rosi? Gehst du fort?«
Sorgfältig knotete Rosi die langen Bänder ihrer Schürze.
»Wird Zeit, dass ich mich um den Almbetrieb kümmere. Seltsam, dass heuer noch kein Mensch sein Vieh für unsere Sensen-Alm angemeldet hat. Werd' ich halt selber hingehen und nachfragen.«
Leopold Dobler hatte plötzlich keinen Appetit mehr. Verlegen räusperte er sich.
»Den Weg kannst du dir glatt sparen, Rosi«, platzte er heraus. »Weil nämlich die Sensen-Alm nimmer uns gehört. Ich – ich hab sie verspielt.«
Ganz langsam wandte ihm Rosi ihr schönes, fassungsloses Gesicht zu.
»Ich hör' wohl net recht, wie? Du hast die Alm verspielt?«
»Viel war sie eh net wert. Der Boden war viel zu steinig, und die Hütte war baufällig. Das weißt du selbst, Rosi, gelt?«
Rosi ließ sich auf der Ofenbank nieder. Ihr wurde übel vor Schreck.
»Die Alm hat uns in jedem Sommer noch Geld eingebracht. Das wird uns fehlen. Herrgott, Vater, wie hat's nur so weit kommen können? An wen hast du die denn verspielt, unsere Alm?«
Mit geballter Faust schlug der Katbauer auf den Tisch.
»An den Kleehofer, diesen niederträchtigen, gemeinen Hundling, der's nur darauf abgesehen hat, mich zu ruinieren! Aber das sag' ich dir, Rosi, darüber ist das letzte Wort noch net gesprochen. Ich geh' dagegen an. Ich klag' mein Recht ein! Reg dich net auf, Dirndl, wir kriegen die Alm wieder. Ich hab bereits alles in die Wege geleitet.«
Rosi saß stocksteif auf der äußersten Kante. Alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen.
»Der Kleehofer also ...«, murmelte sie. Wie eine Drohung stand das Wort im Raum. Plötzlich riss sie den Kopf herum. »Vater! Was bedeutet das, ich hab bereits alles in die Wege geleitet? Was willst du damit sagen?«
Leopold Dobler hob selbstbewusst das wetterbraune Gesicht und lächelte stolz.
»Angezeigt hab ich ihn. Den Prozess werd' ich ihm machen. Schließlich sind Recht und Gesetz auch für unsereinen da, net nur für die Reichen.«
»O mein Gott«, seufzte Rosi und ließ mutlos die Schultern sinken. »Es wird ihm gelingen, dem notigen Kleehofer. Er wird uns zugrund' richten.«
***
Die Köchin auf dem Kleehof war uralt. Die verstorbene Bäuerin hatte sie mit auf den Hof gebracht. Sie hieß Meta, und jedermann hatte großen Respekt vor ihr.
»Herrschaftszeiten, bist du da unten in Schlaf gefallen, Vreni?«, rief sie erbost durch die offene Kellertür in die kühle Tiefe hinunter. »Schick dich ein bisserl! Wenn das Geschäft im Stall abgeschlossen ist, will der Bauer mit dem Viehhändler eine Brotzeit einnehmen. Dann muss der Tisch in der Wohnstube ordentlich gedeckt sein.«
»So ein Geschäft wünsch' ich mir alle Tage«, sagte der feiste Viehhändler zur gleichen Zeit und rieb sich zufrieden die Hände.
Der Kleehofer nickte. Auch er war sichtlich zufrieden.
»Noch einen Obstler und eine gute Brotzeit mit auf den Weg, nachher kannst getrost für heut' Feierabend machen. Dein Geld hast verdient, oder?«
Aus der Kehle des Viehhändlers rollte ein Lachen, das richtig ansteckend war. Der Kleehofer stimmte allerdings nicht in das Lachen ein. Kurz bevor er das Haus betrat, sah er den Simon um die Ecke flitzen.
»Simon!«, rief er ihm mit Donnerstimme nach, aber der Sohn schoss wie der Sturmwind davon. Der Kleehofer bekam ein rotes Gesicht vor Zorn.
Mochte der Tisch im Wohnzimmer noch so freundlich gedeckt sein, der Kleehofer griff nicht zu. Er forderte nur den Viehhändler auf: »Lang kräftig zu, Severin, und kümmere dich net um mich. Ich hab keinen Hunger.«
Der Viehhändler folgte der Aufforderung mit Begeisterung. Genüsslich kauend erkundigte er sich: »Gibt's Unfrieden mit deinem Buben, Kleehofer?«
»Es muss etwas geschehen!«, stieß der Martin Brunner hervor. »Und vielleicht kannst du mir dabei helfen.«
»Gern, wenn ich dir dienlich sein kann. Sag's nur frei heraus, Kleehofer, ich tu so ziemlich alles für dich.«
»Du kommst doch viel herum, gelt, Severin? Bist auf den größten Höfen zu Hause und machst deine Geschäfte.«
»Kann man wohl sagen«, bestätigte der Viehhändler und nickte selbstgefällig.
»Dann hörst du auch so allerlei. Weißt du keine Braut für meinen Buben? Es muss etwas Besonderes sein, verstehst du? Mein Simon ist schließlich net irgendwer. Er erbt einmal den Kleehof.«
Der Viehhändler hatte aufgehört zu essen. Achtlos schob er den Teller zur Seite. Nicht einmal für ihn gab es Wichtigeres als dieses Thema.
»Abgesehen davon, dass auch der Simon selber ein selten stattliches Mannsbild ist, nach dem sich die Dirndl die Finger abschlecken werden ... Lass mich nachdenken, Kleehofer, das dürfte net allzu schwer sein.«
»Soll dein Schaden net sein«, stieß der Bauer nach.
»Hm«, machte der Viehhändler sinnend und streichelte seinen runden Bauch. »Ich glaub', ich weiß schon eine, die dem Simon gefallen könnt'. Sie ist wirklich eine Besondere. Mit der hat der Vater seine liebe Not. Sie heikelt. Keiner ist der recht, so eine ist das. Die Elena Bender ist's, einzige Tochter vom Eichhof. Die kriegt ein gutes Stück Mitgift. Bildhübsch und blitzgescheit ist sie auch. Mir wär' sie freilich zu mager.«
»Du sollst sie ja auch net heiraten«, grinste der Kleehofer. »Bring sie her, mit meinem Simon kann ich mich sehen lassen.«
***
