1,99 €
Am Grab ihres Vaters sieht Monika Haselbacher den jungen Mann wieder, der ihre erste große Liebe war - und gleichzeitig ihre größte Enttäuschung. Stefan Lermoser hat das blutjunge Madel vor drei Jahren geküsst und dann nie wieder etwas von sich hören lassen.
Doch jetzt ist Stefan von der Forstschule zurück, und von Neuem schwört er ihr seine Liebe.
Monika aber will nichts mehr von den Männern wissen. Und so weist sie auch den zudringlichen Lugger-Franzl zurück, der das schöne Mädchen mit düsterer Besessenheit begehrt.
Dieser wilde Bursche ist entschlossen, Monika um jeden Preis zu bekommen - auch wenn er Schuld auf sich laden muss. Und weil er überzeugt ist, Stefan Lermoser stünde ihm dabei im Weg, will er den Rivalen beseitigen ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 117
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Der erste Kuss wurd' ihr zum Schicksal
Vorschau
Impressum
Der erste Kuss wurd' ihr zum Schicksal
Heimatroman um Liebe, Eifersucht und Hass
Von Michaela Rosenau
Am Grab ihres Vaters sieht Monika Haselbacher den jungen Mann wieder, der ihre erste große Liebe war – und gleichzeitig ihre größte Enttäuschung. Stefan Lermoser hat das blutjunge Madel vor drei Jahren geküsst und dann nie wieder etwas von sich hören lassen.
Doch jetzt ist Stefan von der Forstschule zurück, und von Neuem schwört er ihr seine Liebe.
Monika aber will nichts mehr von den Männern wissen. Und so weist sie auch den zudringlichen Lugger-Franzl zurück, der das schöne Mädchen mit düsterer Besessenheit begehrt.
Dieser wilde Bursche ist entschlossen, Monika um jeden Preis zu bekommen – auch wenn er Schuld auf sich laden muss. Und weil er überzeugt ist, Stefan Lermoser stünde ihm dabei im Weg, will er den Rivalen beseitigen ...
An jenem Frühlingstag, als die Erdbrocken auf den Eichensarg des Waldbauern Vinzenz Haselbacher polterten, war der Bergfriedhof von Fischau schwarz vor Menschen. Und es schien, als wollte auch die sonnenüberflutete Hochgebirgslandschaft Abschied nehmen von diesem Mann, der sie so geliebt hatte. Hoch über dem lieblich blühenden Tal gleißten Gipfel und Kare noch in reinem Schneekleid, in ihrem immerfrischen Grün grüßten auch die Wälder herunter, die im Leben des unerwartet Verstorbenen so viel bedeutet hatten.
Ergriffen verharrte die Trauergemeinde, bis Witwe und Tochter des nunmehr verewigten Waldbauern sich nach schluchzendem Weinen so weit gefasst hatten, dass sie die vielen anteilnehmenden Händedrücke entgegennehmen konnten.
»Mein aufrichtiges Beileid, Maria! Dir auch, Monika!«
Fast alle sagten die gleichen Worte. Nur einer, ein schwerer, schon grauhaariger Mann um die Fünfzig, reichte Mutter und Tochter seine Hand wortlos. Was hätte der schwerreiche Valentin Lermoser, der mit dem Verstorbenen seit Jahrzehnten verfeindet gewesen war, auch sagen sollen, ohne sich einer Heuchelei verdächtig zu machen?
Nach ihm trat sein hochgewachsener Sohn Stefan zu Maria und Monika Haselbacher vor.
»Mein aufrichtiges Beileid, Frau Haselbacher. Es hat mir so leid für dich getan, Monika, als ich es gehört hab' ...«
Das schöne Mädchen vermied es, dem jungen Mann ins Gesicht zu sehen, dessen Nähe ihr noch vor wenigen Jahren die Seligkeit geschenkt hatte. Stumm reichte sie ihm die Hand, und sie tat es, als müsste sie nach einem rotglühenden Stück Eisen fassen.
Betroffen wandte sich der attraktive Bursche ab und verließ hinter seinem Vater den Friedhof. Und von dieser Stunde an war wieder alles in ihm, was vor drei Jahren die damals noch blutjunge Monika Haselbacher in ihm hatte aufklingen lassen.
Stefan Lermoser sah nicht, wie der Blick des Mädchens ihm folgte, bis er unten am Friedhofseingang verschwunden war.
»Komm, gehen wir!«, hörte Monika die Mutter leise sagen.
Das Mädchen zuckte zusammen. Gehen – wie schwer für die Mutter! Behutsam fasste Monika sie unter, damit ihre von Rheumatismus und Arthrose gepeinigten Füße auf der steilabführenden Grasnarbe nicht umknickten.
»Hoffentlich ist niemand bös' deswegen, weil wir keinen Leichenschmaus machen«, flüsterte die kranke Frau schweratmend. »Ich bewundere die Leut', die Kraft für so etwas haben – ich kann's halt net ...«
»Da brauchst du dir überhaupt keine Gedanken zu machen, Mutter!« In Monikas Stimme war tröstender Eifer. »Alle die heut' mitfühlen mit uns, die werden uns verstehen. Und bei den anderen kommt es wirklich net drauf an, was sie denken oder schwatzen!«
»Ach ja, Monerl«, seufzte die leidende Frau, »hast ja recht. Was kommt es uns jetzt noch drauf an, ob einer so oder so denkt über uns.« Ein haltloses Schluchzen begann ihren Körper zu schütteln.
Das Mädchen bemühte sich, die Weinende so schnell wie möglich zu dem kleinen alten Auto zu bringen, mit dem sie vom Waldbauernhof ins Dorf heruntergefahren waren. Jetzt ist es doch gut, dass der Vater mich gedrängt hat, den Führerschein zu machen, ging es ihr durch den Kopf.
Das Auto ratterte schüttelnd und stoßend bergan. Der Weg hinauf zum weit über dem Tal gelegenen Waldbauernhof war steinig und steil. Zu Fuß hätten die Frauen, wenn Maria Haselbacher gehfähig gewesen wäre, an die zwei Stunden gebraucht, um nach Hause zu gelangen. Mit dem Auto, das Vinzenz Haselbacher vor neun Jahren gekauft hatte, schafften sie die weite Strecke mit ihrem Höhenunterschied von sechshundert Metern in knapp zwanzig Minuten.
Der Waldbauernhof lag in einer weiten, von Lärchen und Fichten schütter bestandenen Mulde auf dem halben Weg zur Bärenalm. Noch jetzt war dem stattlichem Wohnhaus und den großen Wirtschaftsgebäuden der Reichtum früherer Waldbauerngenerationen anzusehen.
Doch diesen Reichtum hatte Mathias Haselbacher, der Großvater des heute beerdigten Vinzenz Haselbacher, im wahrsten Sinne des Wortes verspielt. Er war vom Kartenteufel gepackt worden wie kein anderer im Tal unter dem Bärenkogel. Als er Rieseneinsätze wagte, um sein verlorenes Geld zurückzugewinnen, war ihm das Glück nicht gnädig. Und weil er, während er spielte, auch das Saufen nicht lassen konnte, wurde er mehr und mehr das Opfer gewissenloser Zechbrüder. Ein böses Wort ging damals um im ganzen Tal: »Wer rasch einen Haufen Geld braucht, der holt sich den Waldbauern zum Kartenspielen ...«
Nur nach und nach erfuhr Monika vom Vater, warum die Waldbauern einen so großen Besitz hatten und dennoch nicht mehr zum Leben besaßen als manche Kleinbauern.
»Ich hab' es net verhindern können, Dirndl«, klagte der Vater, als sie alt genug war, um die Tragödie des Hofes langsam verstehen zu können.
»Aber warum? Hat denn der Großvater überhaupt nicht mit sich reden lassen? Nicht einmal auf die Großmutter hat er gehört?«
Vinzenz Haselbacher wühlte sich mit der schweren Bauernhand im dichten braunen Haar.
»Ach, Monerl«, seufzte er, »du hast ihn ja net gekannt. Der Großvater hätte sich net einmal von unserem Herrgott was dreinreden lassen. Die Großmutter hat ihn viel zu gern gehabt, als dass sie ihm hätte sagen können: Entweder du hörst mit dem Spielen auf – oder ich geh' fort von dir! Das hätte vielleicht gewirkt, aber dazu war die Großmutter einfach net fähig. Du musst nämlich verstehen, Monika: Der Großvater war im Grund ein unheimlich lieber und herzensguter Mensch. Ich glaub' net einmal, dass er die Mutter mit anderen Weibsbildern betrogen haben soll, wenn er tage- und nächtelang ausgeblieben ist. Sein Unglück – das Unglück vom Waldbauernhof – war halt der Spielteufel. So ist die Welt, den einen packt es, den anderen etwas anderes. Dem Hinterecker sitzt der Geiz im Genick, dem Lermoser der Jagdteufel, und ein anderer kann keinen Weiberrock sehen, ohne dass er wissen will, wie es darunter ausschaut. Soviel Leidenschaften gibt's auf der Welt, Monerl, und es kann einer nur froh sein, wenn es ihn net zu arg erwischt.«
Mit diesem Problem hatte Monikas Vater zu kämpfen gehabt, bis vorige Woche sein Herz plötzlich versagte und der starke Mann kalt und steif wurde. Ein Schicksalsschlag sondergleichen für Maria und Monika Haselbacher.
Vinzenz Haselbacher hatte am Beispiel seines vom Spielteufel besessenen Vaters gelernt, was sich ein Mann nicht leisten kann, wenn es darauf ankommt, jedes Risiko auszuschließen. Sich nicht gehenlassen war sein oberstes Gebot. Vinzenz Haselbacher hatte jede Art von Lebensgenuss verabscheut, der gefährlich werden konnte. Dass er besonders die Karten gehasst hatte, war nach dem erlebten Jammer mit seinem Vater besonders leicht zu begreifen.
Monikas Vater war auch bis zum letzten Tag seines Lebens bei der Überzeugung geblieben, dass der Alkohol ein Feind des Menschen sei, dem man sich nicht ausliefern dürfe. Auch wenn Monika noch so angestrengt nachdachte, sie konnte sich nicht erinnern, den Vater jemals Wein oder Schnaps trinken gesehen zu haben.
Monika half der Mutter aus dem Auto. Maria Haselbacher musste dabei die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Schmerz aufzustöhnen. Die Arthrose nagte nicht allein an ihren Füßen. Auch die Knie taten der unglücklichen Frau immer mehr weh, und längst saß die Krankheit auch in ihren Händen.
Morgens, wenn es aufzustehen galt, litt Maria Haselbacher immer am ärgsten. Die Ruhe, die sie so nötig hatte, brachte den Nachteil, dass die Gelenke nachher wie eingerostet waren. Wie schlimm es nur schmerzte, sie dann wieder zu bewegen.
Und nichts wollte helfen. Der verstorbene Bauer hatte große Hoffnungen auf die Kur in einem berühmten Kurort gesetzt, er hatte einen Kredit aufgenommen und Maria hingeschickt. Aber am Ende peinigte sie die Krankheit wie zuvor.
Um die argen Schmerzen zu lindern, schluckte die Bäuerin täglich eine Menge Tabletten. Und als der Fischauer Gemeindearzt sie warnte, die vielen Tabletten könnten ihrem ohnedies nicht besonders gesunden Herz schaden, antwortete Maria Haselbacher mit einem müden Lächeln um ihre blassen Lippen:
»Ohne die Pulver halt' ich es net aus, Herr Doktor. Und vielleicht ist es ganz gut für mich, wenn mich mein Herz bald erlöst von der Pein. Sie sehen ja selbst, dass es mir von Monat zu Monat schlechter geht ...«
Das wagte Maria Haselbacher freilich nur deshalb zu sagen, weil der Vinzenz und die Monika gerade nicht im Haus waren und es nicht hören konnten. Mann und Kind sollten auf keinen Fall wissen, wie schlecht es ihr in Wirklichkeit ging. Deshalb kam auch nie ein Wort der Klage über ihre aus großem Schmerz zusammengepressten Lippen. Nach außen hin tat die Bäuerin so, als wäre das alles halt nicht sehr angenehm, aber Sorgen bräuchte sich ihretwegen niemand zu machen.
Nur bei der Arbeit konnte sie nicht schwindeln. So sehr sie sich auch abmühte – mit diesen kranken Händen brachte sie nichts mehr voran, wie sie es früher gewohnt war.
»Machst uns einen Kaffee, Moni?«, bat die Mutter, nachdem sie sich am großflächigen Küchentisch auf ihren Stuhl niedergelassen hatte.
»Den hab' ich jetzt auch nötig«, meinte Monika. Ein Blick in das Gesicht der Mutter hatte sie mit Sorge erkennen lassen, wie erschöpft sie war. Jetzt, da die Mutter das schwarze Trauerkleid trug, wirkten ihre Stirn und Wangen besonders weiß und krankhaft.
Das Mädchen wusch sich. Nachdem sie so viele Hände berührt hatte, meinte sie das zumindest ebenso nötig zu haben wie den Kaffee. Während sie sich abtrocknete, drängte sich ihr das Bild auf, wie Stefan Lermoser vor ihr gestanden hatte. Monika verdrängte es rasch, sie wollte nicht mehr daran denken.
»Ich bin heut' gar so müd', Monerl«, bat die Mutter, als dann der heiße Milchkaffee in den Tassen dampfte. »Bist du so lieb und holst mir meine Pulver?«
Sie brauchte nicht zu sagen, wo die Medikamente aufbewahrt waren, Monika wusste es seit ihrer Kindheit. Die Mutter und ihre Pulver gehörten in ihrer Erinnerung zusammen wie Kaffee und Zucker.
»Mama«, sagte später das Mädchen, nachdem es schweigend von dem Kaffee getrunken hatten, »wir müssen jetzt reden, was werden soll. Hast du dir schon Gedanken über den Hof und über uns gemacht?«
Maria Haselbacher hatte soeben über etwas ganz anderes nachgedacht. Mit Mühe hielt sie die Tränen zurück, die schon wieder in ihre verweinten Augen drängten. Ihr Mann war jetzt schon drei Tage tot, aber noch immer ertrug sie es nicht, auf den Platz am Tisch zu sehen, der nun leer war.
»Was meinst du denn?«, fragte sie geistesabwesend zurück.
»Das will ich dir jetzt sagen, Mama, auch wenn du es nicht gern wirst hören wollen: Wir müssen den Waldbauernhof verkaufen, es geht net anders.«
»Verkaufen?« Maria Haselbachers Stimme schnappte vor Schreck hoch.
»Ja, Mutter. Wir haben doch bisher nur von dem gelebt, was der Vater als Sachverständiger verdient hat. Unsere Wirtschaft bringt ja nichts, die kostet nur. Das, was wir von unserem Holz verkaufen können, reicht net einmal für die Steuer. Ein gutes, schlagreifes Holz haben wir noch net, der Vater hat selbst gesagt, dass es noch zehn bis fünfzehn Jahre dauert, bis es so weit ist ...«
Die wasserblauen Augen der Bäuerin hatten sich verdunkelt, so bestürzt war sie über das, was ihre Tochter eben gesagt hatte.
»Aber Monerl«, rief sie nun kläglich, »kannst du dir vorstellen, was der Vater dazu sagen würde?«
»Ich meine, er müsste mir recht geben, Mama. Ich kann hier heroben nichts verdienen, ich bin kein beeideter Holzsachverständiger wie der Vater. In die Stadt arbeiten gehen, das kann ich auch nicht, gib es doch zu, Mama. Ich muss bei dir bleiben und mich um dich kümmern. Was sollte denn werden aus dir, wenn ich net mehr da wäre?«
Der Bäuerin kamen jetzt doch die Tränen, sie wischte sich über das Gesicht und nickte.
Monika fasste das als Ermutigung auf, der Mutter alles zu sagen, was ihr in den letzten achtundvierzig Stunden bezüglich ihrer Zukunft durch den Kopf gegangen war. Sie war ein gutes Mädchen, der Tod ihres geliebten Vaters hatte sie zutiefst erschüttert und bisher unbekanntes Leid spüren lassen. Aber Monika war auch die Tochter vom Vinzenz Haselbacher. Er hatte ihr die Fähigkeit vererbt, das Leben nüchtern zu betrachten und Notwendiges zu tun, auch wenn es unangenehm war.
»Mama«, sagte sie, »ich glaub' wirklich, dass der Vater mir recht geben würde. Für den Besitz kriegen wir so viel, dass wir uns in Schladming eine schöne Wohnung kaufen können und dass du davon leben kannst. Ich werde dort eine Arbeit finden, etwas verdienen und trotzdem jeden Tag bei dir sein können. In der Stadt wirst du eine bessere ärztliche Betreuung haben als hier in der Einschicht. Ich will ja nichts gegen unseren lieben Herrn Doktor sagen, aber er ist halt kein Spezialist für solche Krankheiten. Das hat er ja selbst schon gesagt. In Schladming aber gibt es Fachärzte, das weißt du doch. Und sicher wird das Geld auch noch dafür reichen, dass du es noch mit einer anderen Kur probieren kannst, vielleicht in Baden oder gar im Ausland. Wenn das eine net hilft, könnte das andere helfen. Aber das geht nur, wenn wir Geld dafür haben!«
Maria Haselbacher empfand eine so starke Abneigung gegen das, was die Tochter ihr da zumuten wollte, dass sie ihr gar nicht richtig hatte zuhören können. Die kranke Bäuerin hatte noch keine Ahnung, wie das Leben jetzt hier auf dem Waldbauernhof weitergehen sollte, aber eines wusste sie ganz bestimmt, und das sagte sie jetzt auch mit fester Stimme:
»Verkauft wird auf keinen Fall! Wir werden uns net versündigen gegen das, wofür der Vater sein Leben lang gearbeitet hat!«
»Aber Mama«, protestierte Monika erregt, »wie stellst du dir denn das vor? Meinst du etwa, ich hätte ein ganz leichtes Herz bei dem, was ich dir da vorgeschlagen hab'? Glaubst du im Ernst, dass ich vergessen hab', was der Waldbauernhof für den Vater war?«
