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"Am Ende des Tages ... erzählt die fiktive, heitere und spannende Geschichte der Ausnahmeregisseurin Katharina von Kürthen. So außergewöhnlich ihre Geschichte, so ausgefallen ist auch das Format des Romans: In 40 Interviews werden neben der Regisseurin auch ihr Mann, der Galerist David von Kürthen und ihr Liebhaber, der Theaterschauspieler Sven Mühe befragt. Alle drei erzählen bereitwillig ihre Geschichte, die sie während eines gemeinsamen Jahres erlebt haben. Subjektiv gefärbt und mit dem klaren Anspruch auf die einzige relevante Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Durch den permanenten Perspektivenwechsel in der Erzählweise wird eines schnell klar: Die Wahrheit ist immer relativ und liegt im Auge des Betrachters. Lassen Sie sich überraschen von dieser humorvollen, erotischen Reise durch das Theater- und Galeriemilieu, mit Eitelkeit, Verrat, Sex, Mord und der Weisheit: Wen interessiert die Wahrheit. Die Menschen wollen doch nur eine gute Story lesen. (Jim Morrison, Doors)
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Seitenzahl: 560
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Rainer Haußmann
Am Ende des Tages ...
... entscheidet vielleicht ein Kieselstein in deinem Schuh über den Rest deines Lebens
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Einleitung:
David von Kürthen Alles auf Anfang
Katharina von Kürthen Der erste Arbeitstag Januar
Sven Mühe Rauchen fördert die Begegnung Januar
David von Kürthen Aussitzen wie die Kanzlerin Dezember
Katharina von Kürthen Der kleine Marcello Dezember
David von Kürthen Sprinter des Grauens Januar
Katharina von Kürthen Haare am Arsch Februar
Anmerkung der Redaktion
Sven Mühe Alles über Sushi Februar
David von Kürthen Das fängt ja gut an Februar
Katharina von Kürthen Zwei Leben Februar
Sven Mühe Unerwarteter Besuch März
David von Kürthen Spaß im Einkaufszentrum März
Katharina von Kürthen Ein Angebot April
Sven Mühe Unsere erste Nacht April
David von Kürthen Gesprächsabbruch Mai
Katharina von Kürthen David verliert Mai
David von Kürthen Zurück zu den Wurzeln Mai
Sven Mühe Mein geheimes Theater Juni
David von Kürthen Wenn nichts mehr geht Juni
Sven Mühe Proben mit Katharina Juli
David von Kürthen Fremdgehen Juni
Katharina von Kürthen Ich bin glücklich Juli
David von Kürthen Das Aus für meine Galerie Juli
Sven Mühe Wahnsinnszeit August
David von Kürthen Stolz auf Katharina August
Katharina von Kürten Gefühlschaos August
Sven Mühe Das Drama endet August
David von Kürthen Der Untergang August
Katharina von Kürten Das Ende meiner Träume August
Sven Mühe Argwohn und Eifersucht August
Katharina von Kürthen Weihnachtstraum September
David von Kürthen Davids Wahrheit September
Sven Mühe Verfolgungsjagd September
Katharina von Kürthen Keine Ahnung September
David von Kürthen Der letzte Tag September
Sven Mühe Schlag der Wahrheit September
David von Kürthen Das Ende September
Katharina von Kürthen Angst vor David Oktober
David von Kürthen Das Theater muss brennen November
David von Kürthen Meine Melodie Dezember
Katharina von Kürthen Stille Nacht Dezember
David von Kürthen Katharinas Tod Dezember
Kai-Uwe Becker Nachwort
Sven Mühe Nachwort
Katharina von Kürthen Nachwort
David von Kürthen Nachwort
Impressum neobooks
Sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Im letzten Herbst habe ich mir den neuen Film von Katharina von Kürthen angesehen. Ihren Ersten. Was für ein Meisterwerk.
Das war eindeutig mehr als 90 Minuten kurzweilige Popcorn-Unterhaltung. Viel mehr. Dieser Film hat mich zum Lachen und zum Nachdenken gebracht.
Katharina von Kürthen hat uns mit diesem Film Gedanken, Ideen und Gefühle geschenkt, die sich in Herzen und Hirnen verfangen.
Anlässlich dieser Premiere hat mich mein Chefredakteur beauftragt, Informationen über diese Ausnahmeregisseurin zu sammeln und eine Reportage über sie und ihr Leben zu schreiben.
Als Autor interessiere ich mich für den „Urknall“ des Menschen. Situationen, die sein Leben radikal verändern und ihm eine neue Richtung geben.
Bei einigen geschieht dies in ihrer Kindheit oder Jugend. Bei anderen erst später. Zufällig oder gewollt. Unfälle, Krankheiten, glückliche oder unglückliche Umstände.
Auch bei Katharina von Kürthen gab es diesen Urknall. Gut behütet, wie das gesamte Privatleben der Regisseurin.
Ich sprach knapp drei Monate lang mit Katharina von Kürthen, ihrem Mann David von Kürthen und mit ihrem damaligen Liebhaber, dem Theaterschauspieler und Autor Sven Mühe.
Die Reportage wurde in unserem Magazin in sehr gekürzter Form abgedruckt.
Die Interviews - in voller Länge - können Sie hier in diesem Buch lesen.
Ihr Kai Becker (stellvertretender Chefredakteur)
Während eines telefonischen Vorgespräches sagte mir Herr von Kürthen:
Wenn mir jemand vor 12 Jahren, als ich meine Frau Katharina kennen lernte, prophezeit hätte, dass ich sie eines Tages umbringen würde, dann wäre ich sicherlich in schallendes Gelächter ausgebrochen. Heute weiß ich, dass unsere Ehe tatsächlich nicht anders hätte beendet werden können, als durch dieses Gewaltverbrechen.
Eine Woche später suchte ich dann David von Kürthen persönlich in einem großzügig angelegten Sanatorium auf. In dieser Jugendstilvilla lebte Herr von Kürthen seit ca. 3 Jahren. Er saß auf der Terrasse seines Zimmers und wirkte durchaus gepflegt und hell wach.
Guten Tag Herr von Kürthen.
Ihr Arzt sagte mir, es könne sein, dass Sie Angst haben, mit mir zu sprechen. Es geht um Ihre Frau Katharina und ...
... Angst ist das Befürchten möglichen Leidens und bezeichnet somit eine Empfindungs- und Verhaltenssituation aus Ungewissheit und Anspannung, die durch eine eingetretene oder erwartete Bedrohung hervorgerufen wird. Und da sie mir bisher kein Leid angetan haben und auch nicht so aussehen, als währen sie sonderlich gewalttätig, sehe ich keine Veranlassung Angst vor Ihnen zu haben.
Okay?!
Es sei denn, Sie meinen Furcht. Denn der Begriff Angst grenzt sich von der Furcht dadurch ab, dass sich Furcht immer auf eine reale Bedrohung bezieht. Angst ist dagegen ein ungerichteter Gefühlszustand.
Aber da habe ich von Ihnen wohl eher nichts zu befürchten. Ich habe weder Angst noch Furcht. Ich greife Sie auch nicht an oder so etwas. Vielleicht sabber ich ab und zu einmal oder schlafe bisweilen ein. Wer weiß?
Eine schöne Einführung in das Interview. Waren diese Sätze von Ihnen?
Quatsch! Die sind von einem Kerl namens Riemann. Aber ich lese viel. Mir ist den ganzen Tag über stinklangweilig. Und so bekomme ich wenigstens ein bisschen von der Außenwelt mit. Ich sag Ihnen was: Je mehr ich hier bin und mich auf mich konzentrieren kann, desto mehr sind meine Sinne geschärft. Also glauben Sie nicht, Sie sprächen mit irgendeinem Trottel.
So war das nicht gemeint. Entschuldigung, wenn es so rüber gekommen ist.
Ich würde gerne chronologisch vorgehen.
Na von mir aus können wir so vorgehen. Ich wollte nur klarstellen, dass Sie nicht mit einem Verrückten sprechen. Ich werde oft genug für irre gehalten, wenn Sie wissen, was ich meine.
Das tut mir leid.
Ach so ein Unsinn. Das glauben Sie doch selber nicht. „Dass tut mir leid!“ Wenn ich das schon höre. Es ist Ihnen egal. Sein Sie ehrlich.
Das tut mir leid.
Papperlapapp.
Aber sei es drum. Ich erzähle Ihnen gern von Katharina. Schließlich war es, bis zum bitteren Ende eine wundervolle Geschichte.
Begonnen hat unsere Liebe auf einer Party. Wie sich später am Abend herausstellte ihre Abschiedsparty. Mein Gott war das schrecklich.
Sie hatte am nächsten Morgen einen Flug nach New York gebucht um ihr Regiestipendium an irgendeinem wohl recht renommierten Theater anzutreten. Also objektiv gesehen, ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt um sich kennen zu lernen. Aber das wusste ich in dem Moment, als ich sie das erste Mal sah noch nicht.
Wo war das? Wo haben Sie Ihre Frau das erste Mal gesehen?
Ach Gott, ich weiß das noch wie heute. Ich stand im Flur einer dieser geräumigen und prunkvollen Altbauwohnung, die sich in einer Wohngegend befand, in der entweder sehr reiche Familien oder die Studentenwohngemeinschaften der Kinder dieser sehr reichen Leute wohnen konnten.
Stammte man aber wie ich, nur aus der Mittelschicht, dann war diese Wohngegend ein Ort, der einem höchstens ein sehnsüchtiges Seufzen entlocken konnte. Wenn Sie wissen, was ich meine.
Ich war also sehr gespannt, welche Menschen ich dort antreffen würde. Für mich als junger, angehender Galerist wohnte hier nämlich ein Klientel das ich unbedingt kennenlernen wollte. Denn auch die Kinder dieser sehr reichen Leute verfügten ja mittlerweile über genügend Geld, um sich gehobener Kunst leisten zu können.
Und, haben Sie sie dort getroffen?
Ach Unsinn. Da war wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens. Nein, nein. Die Ausbeute an diesem Abend war wirklich niederschmetternd: ein paar lausige „Ich-möchte-gern-selber-Künstler-sein-Idioten“. Ein paar junge Hippies und einige Jungspunde, die jede Ausrede nutzten, um ihr Studium auch in den nächsten zwei Jahren nicht zu Ende zu bringen. Verdammte Schnösel, die von Beruf Sohn waren. Und dann natürlich noch ein paar nett anzuschauender Frauen. Aber die waren leider allesamt mit ihren Freunden, also den Söhnen dieser besagten sehr reichen Leute da. (Er lacht trocken)
Alle sehr intellektuell, gepflegt, die Jungs mit Einheitshaarschnitten: an den Seiten kurz und das Haupthaar lang, gradlinig gescheitelt. Reiche Arschlöcher mit einem geschulten Gespür für „Parasiten“ wie mich, die so recht nicht dazugehörten und vor denen man sich besser in Acht nehmen sollte.
Ach Gott ja, verkehrte Welt. Denn ich verbrachte die ersten Stunden mit einem dieser möchtegern Künstlern. Er witterte seinerseits wohl die Chance, einen Agenten und Galeristen für seine Bilder zu finden.
Und Ihre Frau?
Ja, langsam, langsam. Das kommt doch jetzt. Sind Sie immer so ungeduldig? Das kann ja heiter werden. Da bekommen wir aber noch viel Spaß miteinander. Wenn Sie wissen was ich meine.
Na egal. Dann geschah dieses Außerordentliche!
Plötzlich begannen meine Beine zu zittern und das, obwohl ich noch nicht mehr als ein Bier getrunken hatte. Meine Güte, war mir das peinlich. Können Sie sich das vorstellen? Ich sprach ja gerade mit diesem Künstlerimitat. Und dann so etwas. Ich wusste gar nicht wohin mit mir.
Ich entschuldigte mich bei ihm und eilte, mit kaltem Schweiß auf der Stirn, zu einer der naheliegenden Toiletten.
Und dann?
Sie werden es nicht glauben. Kaum hatte ich die Toilette betreten, die übrigens größer war, als mein damaliges Zimmer, verschwand das Gefühl genau so schnell, wie es gekommen war. Ich hatte das Gefühl, als wenn ich sie nicht alle beisammenhätte. Total verrückt.
Also ging ich wieder zurück und stellte mich in den langgestreckten Flur, mit dem frisch restauriertem Stuck unter der Decke und wartete.
Als ich mich umsah, war da aber nichts, was mich wirklich nervös hätte machen können. Schwere Rauchschwaden von Zigaretten und Joints waberten durch die Gänge. Wortfetzen flogen durch die Gegend, kaum ein Lachen. Überall lehnten junge Menschen in Designerklamotten an den Wänden und diskutierten.
Mal cool, introvertiert mit schweren Brillen auf der Nase. Mal laut, wild gestikulierend, mit Rotweingläsern in den Händen und dem Duktus ihrer Väter. Also, wie gesagt, eher belustigend, als das es mir ein beunruhigendes Gefühl im Magen hätte bereiten können.
Doch dann sah ich einen Nacken!
Einen Nacken?
Ja. Wie ich es sage! Es war nichts weiter als einen Nacken! Wundervoll. Wie ein Gemälde.
Eine kleine Haarsträhne hatte sich aus dem eilig gebundenen Knoten gelöst und fiel leicht über ihn.
Dieser Nacken also war offensichtlich der Grund und das Ende meiner Suche.
Und der gehörte Ihrer Frau?
Ja genau. Sie war damals eine bildschöne, sehr schlanke, junge Frau. Anfang 20. Sie war für mich - wie eine Erscheinung. Mit diesem eleganten, enganliegenden, schwarzen Kleid und ihrem feingeschnittenen, leicht gebräunten Gesicht. Mit einem Hauch von Arroganz, die den Frauen zu Eigen waren, die wussten, wie sie auf Männer wirkten. Wahnsinn. Leider trug sie diese albernen Perlenohrringe. Die trug sie, bis zum Schluss. Furchtbar. Der einzige Kunstfehler in diesem einzigartigen Kunstwerk der Natur.
Sie stand in einer Gruppe blasierter Idioten und gestikuliere filmreif.
Erst später, als ich mit ihr sprach und ihre ambitionierte Energie spürte, wurde mir klar, welch unglaubliches Wesen mit diesem Nacken verbunden war. Welches einzigartige Gesamtpaket sich hinter ihm verbarg. Ich sah eine Suchende, die sich mit jeder Pore ihres Lebens der Regie verschrieben zu haben schien.
Und Sie?!
Ich selber hatte nach Jahren der Suche endlich einen adäquaten Beruf gefunden, bei dem ich genügend Geld verdienen konnte, um ein beschauliches, wohlhabendes Leben zu führen. Wobei ich schon sehr darauf achtete, mich nicht wirklich zu überarbeiten.
Als Galerist?!
Genau. Das war ich. 12 Jahre lang. Ein wundervoller Beruf. Eher eine Berufung. Denn neben der wichtigen Voraussetzung mich nicht zu überarbeiten, gab es für mich noch ein zweites, wichtiges Kriterium. Ich wollte mich mit meiner geliebten Kunst und den dazugehörigen Künstlern umgeben können. Sie erschienen mir, zumindest zu dieser Zeit, als ganz besonders wertvolle Menschen, mit denen ich mich gerne traf, um mit ihnen nächtelang zu philosophieren.
Ganz nebenher machte ich noch hervorragende Geschäfte mit ihnen und ihrer Kunst.
Heute hasste ich sie. Einen wie den anderen.
Ach je, das hört sich aber bitter an.
Das ist bitter, guter Mann. Das ist sehr bitter!
Aber das kam viel später. Nachdem das alles mit Katharina geschehen war.
Als wir uns kennenlernten, war ich wie besessen von Malern und Bildhauern.
Wie kamen Sie zur Kunst. Hatten Ihre Eltern auch mit Kunst zu tun?
Nicht direkt. Eher mein Großvater. Der hatte meinem Vater kistenweise Bilder vererbt. Aber um ehrlich zu sein, konnte der nun wirklich herzlich wenig damit anfangen. Und so standen die Kisten blind und eingestaubt im Keller herum und hätten sicherlich bis zu einem Sperrmülltermin der irgendwann unweigerlich anberaumt worden wäre, ein stiefmütterliches Dasein geführt.
Doch irgendwann begann ich, aus einer Laune heraus und in der Hoffnung mit dem Erlös dieser Bilder meine Reise nach Australien finanzieren zu können, einige dieser Bilder an diverse Sammler zu veräußern.
Und hat das funktioniert?
Ja, und wie! Widererwartend ging mir das Verkaufen unglaublich leicht von der Hand und ich bewies so viel Geschick und Kalkül, dass aus dem Trip nach Australien eine ausgedehnte Weltreise wurde. Beinahe zwei Jahre lang.
Und das alles aus dem Verkauf von ein paar Bildern?
Wie ich es sage!
Sie scheinen nicht viel von Kunst zu verstehen, wie ich Ihrer Frage entnehmen kann. Na ja, sei es drum.
Ich reiste sage und schreibe zwei Jahre um den Globus. Heute absolut unvorstellbar.
Und ohne mir einen übermäßigen Zwang aufzuerlegen, setzte ich mich in jedem der bereisten Länder, immer wieder mit der jeweiligen, landestypischen Kunst auseinander. So lernte ich im Laufe der Reise mehr über Kunst und ihre ganz individuelle und biografisch bedingte Anders- und Einzigartigkeit kennen, als ich das in irgendeinem Kunststudium dieser Welt hätte lernen können.
Beinahe am Ende der Reise lernte ich dann den Künstler Sharon kennen. Durch ihn kam ich erst auf den Gedanken, eine Galerie zu eröffnen.
Meinen Sie den Bildhauer und Maler Sharon? Erzählen Sie von ihm.
Sie sind zu ungeduldig. Immer mit der Ruhe. Zu Sharon und vor allem zu seiner Tochter ... ach je, wie hieß sie noch gleich ... ach, was weiß ich. Ich habe keine Ahnung mehr. Aber es wird mir noch einfallen. Sie war zauberhaft. Und sie hat gevögelt wie eine Besessene. Ach ja, ... wie hieß sie denn nur ... ? Ach, zu ihr komme ich später.
Auf jeden Fall, gleich nach meiner Rückkehr mietete ich eine alte Fabrikhalle in einem schicken In - Viertel meiner Stadt. Ich schruppte tagelang den alten Dreck heraus, tünchte sie weiß, hing Lampen auf und machte sie galerietauglich. Nicht so ein Edelscheiß, sondern eher in einem urbanen Look. Sehr außergewöhnlich zu dieser Zeit. Heute findet man das ja an jeder Ecke.
Mit dem stattlichen Rest der Bilder meines Großvaters eröffnete eine Galerie. So fing das an.
Kommen wir noch mal auf Ihre Frau Katharina zu sprechen.
Ach ja, ja. Katharina. Sie schien begeistert von dem Gedanken zu sein, sich mit einem Galeristen zu liieren. Auch wenn ihr der Altersunterschied von 14 Jahren anfänglich noch eine gewisse Sorge zu bereitete schien.
Und wie haben Sie Ihre spätere Frau dann doch überzeugt?
Nun ja, wir verbrachten die erste Nacht in tiefe Gespräche versunken auf dieser Party. Sexuell gesehen völlig unspektakulär. Erotisch allerdings – umwerfend!
Wir sprachen über vergangene Gefühle und Vorlieben, die wir mit unseren Ex-Partnern erlebt hatten. Über wilden und langweiligen Sex. Über kopflastige Lebensmodelle und tiefgründige Sehnsüchte, Geilheit und Langeweile. Wir bissen uns verbal ineinander fest und ließen uns nicht mehr los. Wir liebten uns mit schmeichelhaften Worten und keuchenden Blicken bis in die frühen Morgenstunden. Dann erwachte ich, aus diesem surrealem Traum, aus Liebe und Müdigkeit. Immerhin mit der Gewissheit die Frau fürs Leben getroffen zu haben.
Die Sie jedoch noch am selben Morgen wieder verlieren würde.
Ja, in der Tat. Gut zugehört, mein Lieber, gut zugehört.
Das hat mich fast zerrissen, dass ich sie gehen lassen musste. Aber Katharina lachte nur. Sie war ja noch jung und Zeit spielt keine Rolle, wenn man jung ist.
„David, sechs Monate ist doch keine Zeit.“ Sagte sie lachend.
Wir standen im Morgengrauen vor ihrer Haustür und ich hatte furchtbare Angst sie aus dem Auto aussteigen zu lassen.
„Ich bin in einem halben Jahr wieder hier. Und dann machen wir genau da weiter, wo wir jetzt aufgehört haben. Hier in deinem Auto, bei mir vor der Tür.“
Ich hatte aber überhaupt keine Lust zu warten, deshalb lächelte ich nur dünn und schwieg. Was sollte ich dazu sagen. Ein halbes Jahr war für mich eine Ewigkeit. Ich beneidete sie um ihre Jugend.
„Komm, wir küssen uns jetzt endlich“, sagte sie.
Wir hatten ja bis dahin noch nicht einmal geknutscht,
„und wenn wir wieder hier stehen, dann küsst du mich wieder und es ist so, als wäre die Zeit stehen geblieben.“
Aber ich wollte sie nicht küssen. Ich war traurig, zerrissen und beleidigt.
Und? Haben Sie sie geküsst?
Nein. Ich hatte, wie gesagt, keine Lust!
Gott ja, und so flog sie eben ungeküsst.
Aber unserer Zukunft tat das zum Glück keinen Abbruch.
Nach sechs Monaten unbefriedigter Seemannsliebe und tausenden von Telefonaten, Mails und Briefen über den Atlantik hinweg, war unsere Liebe so unendlich tief, dass ich Angst hatte, wir würden uns nur etwas vormachen. Verstehen Sie was ich meine? Ich dachte, wir könnten uns ohne Trennung im realen Leben nicht lieben. Aber es hielt. Unbeeindruckt von meinen negativen Gedanken. Fast zehn Jahre lang.
Was passierte dann?
Dann begann dieses wundervolle Fundament zu bröckeln und letztlich in sich zusammenzubrechen. Jetzt sind nur noch Hass und Verzweiflung in mir.
Das hört sich schlimm an. Konnten Sie denn nichts daran ändern?
Was weiß ich? Sie stellen Fragen!?
Ja vielleicht, wenn ich schon früher von den Verstrickungen zwischen Katharina, Herrn Mühe und mir gewusst hätte, ich wäre möglicherweise anders, besser und besonnener mit der Situation umgegangen.
Obwohl. Ach was.
Wie ich mich und meine Verhaltensmuster kenne, wäre ich sicherlich auch im Vollbesitz aller schmerzlichen Fakten und Informationen ebenso untätig geblieben.
Es wäre mir allerdings eine beruhigende Genugtuung gewesen, meine Ehre in Sicherheit zu wissen, wenn es mir schon nicht vergönnt war, meine Ehe in ruhige Gewässer zu lenken.
Ich finde es übrigens interessant, dass bei den Worten Ehe und Ehre nur ein „r“ den Unterschied ausmacht.
Haben Sie das auch schon entdeckt?
Ehe – Eh(r)e. Interessant oder?
Ja sicher. So habe ich das noch nie gesehen.
Ach Firlefanz! Das dachte ich mir schon, dass man sich mit Ihnen über die existenziellen Dinge im Leben nicht richtig unterhalten kann. Das sieht man Ihnen ja förmlich an.
Ach wirklich?
Ach sein Sie ruhig. Das ist doch jetzt völlig ohne Belang.
Und was soll es? „R“ hin oder her. Mir blieb weder die Ehe noch die Ehre, sondern nur die schmerzliche und unerbittliche Gewissheit, dass von der Vorsehung, die Katharina und ich uns immer als eine positive, auf uns herabschauende Macht ausmalten und der Gewissheit, dass das Universum es gut mit uns meinte, nichts aber auch gar nichts übrig blieb.
Das Universum blieb stumm, die Vorsehung pfiff auf meinen unendlichen Schmerz, und falls es einen Gott geben sollte, dann ist er, mit Verlaub, ein Arschloch.
Von Kürthen singt einen Grönemeyer Song. Gar nicht mal so schlecht. (Anmerkung der Redaktion)
Gib mir mein Herz zurück
Brauch' niemand, der mich quält,
niemand, der mich zerdrückt
niemand, der mich benutzt, wann er will.
Niemand, der mit mir redet, nur aus Pflichtgefühl,
der nur seine Eitelkeit an mir stillt.
Niemand, der nie da ist, wenn man ihn am nötigsten hat.
Wenn man nach Luft schnappt, auf dem Trocknen schwimmt.
Lass' mich los, oh, lass' mich in Ruh',
damit das ein Ende nimmt
Gib mir mein Herz zurück,
du brauchst meine Liebe nicht
gib mir mein Herz zurück,
bevor es auseinanderbricht.
Je eher, je eher du gehst,
umso leichter umso leichter wird's
für mich
Äh ... ja , schön. Okay. Sie konnten Ihre Ehe also nicht retten ...
.... Nein! Sonst säße ich ja wohl nicht hier, Sie Klugscheißer.
Irgendwann war der Stein ins Rollen geraten und ließ sich nicht mehr aufhalten. Das alles geschah, so unvorstellbar, so verletzend und beleidigend, dass meine Konsequenz daraus, logisch und nachvollziehbar war:
So wie das unausweichliche Fallen der Perlen, wenn die Kette zerreißt. Wie der Ball, der in die Luft geworfen, immer wieder auf die Erde zurück fällt. Oder die Konsequenz der Kugel, die, einmal von einem Gewehr, einem Revolver oder einer Pistole abgefeuert, immer irgendwo einschlagen muss. Verstehen Sie, was ich meine?
Es würde doch niemand diese logische, aus sich selber heraus resultierende Konsequenz je anzweifeln. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass letztlich mein Handeln geradezu als ein Naturgesetz gesehen werden müsste.
Verstehe.
Das wage ich, ehrlich gesagt, zu bezweifeln!
Ich habe nämlich das Gefühl, das mich in dieser Beziehung niemand versteht. Wie sollte sonst ausgerechnet ein deutscher Richter, ein studiertet Mann und Diener des Staates, nicht in der Lage gewesen sein, meiner logischen Konsequenz intellektuell zu folgen. Das treibt mich ehrlich bis heute um und hinterlässt ein nachhaltiges Kopfschütteln meinerseits.
Was ich in diesem Zusammenhang nicht begreifen kann ist die Tatsache, dass ausgerechnet eine Frau, eine Schöffin, eine vom Gericht bestellte Hausfrau die einzige ist die mich scheinbar versteht.
Abgesehen vielleicht von einer Handvoll Freunden, die mir geblieben sind und natürlich meinen Kindern, die mich uneingeschränkt unterstützen.
Wobei, um ehrlich zu sein, Jungen im Alter zwischen 5 und 8 Jahren ... Die haben doch sicherlich noch eine andere in sich geschlossene Sichtweise auf Gerechtigkeit und Konsequenz. Schließlich haben sie ein Recht darauf, in der Ethik von Star Wars - Helden und dem Einfühlungsvermögen von Harry Potter zu verweilen. Niemand würde ihnen dies übel nehmen. Oder?
Da gebe ich Ihnen Recht!
Da fragte mich mein Sohn Fritz vorlänerer Zeit beispielsweise:
„Du, Papa, soll ich mal was sagen? Darth Vader ist doch auch ein Papa wie du oder?“
Er hatte seinen „erkläre mir die Welt“ Blick aufgesetzt.
„Wieso?“
„Er sagt doch immer „ich bin dein Vater!“ – also von dem Anakin Skywaker.“
Ich hatte keine Ahnung von Star Wars.
„Ja dann ist das wohl Anakin Skywalkers Papa.“
„Aber der hat doch so eine Maske auf. Damit kann man doch gar nicht küssen. Wieso kriegt er denn dann trotzdem Kinder?“
Sie verstehen sein Problem?
Ich fand es hinreißend. (lacht) Ich nahm mir vor, sehr intensiv an seiner Aufklärung zu arbeiten. (lacht sehr lange, bis ihm die Tränen kommen.)
Schöne Geschichte. Wirklich.
Wie war denn die Reaktion ihres Umfeldes auf all die Vorkommnisse die sie im Laufe dieses Jahres erlebten?
Die Meisten hatten natürlich schnell ein Urteil gefällt und es war lustig zu beobachten welche meiner Freunde, wie das „sinkende Schiff“ verließen.
Da gab es die einen, die mit einem finalen Rettungssprung aus meinem Leben hechteten. Oder die, die vorsorglich das Rettungsboot zu Wasser ließen, sich aber noch eine Weile an Deck tummelten, um zu schauen, welche Wendung das grausame Spiel letztendlich nehmen würde.
Das waren in der Regel meine Künstler, die ohnehin unfähig waren ihr eigenes Leben ernsthaft zu gestalten.
Doch auch sie stiegen irgendwann, nachts, klammheimlich über die Reling und erreichten das rettende Ufer in Gestalt eines neuen Galeristen. Mutig genug, die paar Meter durch seichtes, knietiefes Wasser zu rudern. Mit ihren bescheuerten roten Rettungswesten kamen sie sich vor wie Helden.
Ja und dann gab es natürlich noch die, die ihren Abschied tröpfelnd, wie ein kleines, seichtes, lauwarmes Rinnsal vollführten. Bis kein Tropfen Vertrauen mehr in der Flasche war und sie getrost in den Glascontainer der Geschichte geworfen werden konnte.
Am Ende blieb von dem großen Tross der Menschen die mich täglich umgaben unweigerlich nur eine Handvoll.
Jene treuen Gefährten, die ebenso ungesellig wie ich durch das Leben schritten. Denen das geschwiegene Wort ehedem lieber war, als das beliebige Geschwätz der intellektuellen Selbstverliebten. Die Arschgeigen, die immer da sind, wo sie niemand braucht, aber niemals dort zu finden sind, wo sie gebraucht werden.
Also, letzten Endes kann behaupten, dass ich es am Ende gut getroffen habe. Abgesehen von dem furchtbaren Essen, das einem hier serviert wird und den Matratzen, an denen ich auch bis zum Ende meiner Tage keinen Gefallen finden werde.
(Von Kürthen scheint abwesend. Er murmelt ein Lied von Konstantin Wecker. Er scheint müde und unkonzentriert.)
Will liegen, wie ich falle. Ich verzichte
auf diesen letzten Beistand eurer Heuchelei.
Gestattet, dass ich dies Geschäft allein verrichte.
Kein Nachgesang. Ich war einmal und bin vorbei.
Ich bin getilgt. Ihr habt euch um mein Leben
doch keinen Furz gekümmert. Warum dann um meinen Tod
Ihr müsst euch keinen letzten weißen Anstrich geben.
Der Körper steift sich, und das Blut ist nicht mehr rot.
..... Herr von Kürthen, ich danken Ihnen bis hier her erst einmal. Wir treffen uns dann nächste Woche wieder.
..... Die Augen werden aus den Höhlen treten.
Und meine Füße werden etwas kühl.
Ich hab euch früher mal um eure Hand gebeten.
Das ist vorbei. Es stirbt auch das Gefühl.
Das sag ich euch, so möchte ich nicht begraben sein ...
Der erste Arbeitstag ist immer der Schlimmste. Alles ist neu. In keiner Geste, in keiner Handlung, nirgends kann man sich auf Routine verlassen. Jeder Geruch, jeder Blick, jede Bewegung ist neu und ungewohnt.
Nicht, dass ich damals mit ersten Arbeitstagen wirklich viel Erfahrung hatte?! Nein. Nach neun Jahren weitestgehender Abstinenz vom Arbeitsleben kann ich wirklich nicht ernsthaft von einem großen Erfahrungsschatz sprechen. Aber das macht das Neue und Ungewohnte noch neuer und ungewohnter.
Herzlichen Dank, Frau von Kürthen, dass Sie uns das Interview gewähren. Sie sind ja eigentlich dafür bekannt, dass Sie Ihre Familie und Privatsphäre ganz besonders schützen. Daher ist es für mich ganz ...
.... Ich will wirklich nicht so tun, als ob ich Ihnen das Interview gerne gäbe. Aber Sie und Ihre Zeitung lassen mir ja keine andere Wahl.
Ach, das kann man so aber auch nicht sagen ...
... Doch, das kann man genau – so - sagen.
Nichts für ungut. Aber dass mein Mann und Sven Mühe, aus ihrer Sicht heraus, nicht besonders gut auf mich zu sprechen sind, das ist doch klar.
Auch wenn ich nicht sonderlich eitel und rechthaberisch bin, aber ich habe wirklich keine Lust mich und meine Familie in der Öffentlichkeit demontieren zu lassen.
Und das nur, weil ich eine Frau bin.
Würden Sie über einen Mann schreiben, dann gäbe es diese Story erst gar nicht.
„Was für ein arrogantes Arschloch!“
Ach, das glaube ich doch.
Ach, das glauben Sie doch?
Dann sagen Sie mir mal, warum Sie über meine Kollegen, die ein ausschweifendes Sexualleben haben, die ihre Frauen ohne Reue betrügen und gleichzeitig eine Hammerkariere hinlegen keine so propagandistische Reportage schreiben.
Aber das tun wir doch.
Ja sicher! Süffisant und mit einem Augenzwinkern. „Der alte Schwerenöter ...,, sie ist ja 20, 30 Jahre jünger. Aber er sieht ja auch noch gut aus, für sein Alter ...“ Bei Männern ist das alles normal.
Nein! Ich bin davon überzeugt, dass meine Geschichte nur so hochgekocht wird, weil ich eine Frau bin. Weil auch Sie davon ausgehen, dass einer Frau eine solche Rolle in der Gesellschaft nicht zusteht.
Aber Frau von Kürthen ....
..... Ich gebe zu, dass die Situation suboptimal gelaufen ist und das es ein weitaus erfreulicheres Enden unserer Liebesgeschichte hätte geben können. Unbestritten.
Aber noch einmal. Ich bin davon überzeugt, dass, wenn wir Frauen nicht permanent in die Rollen der Mutter, der Ehe- und Hausfrau gedrängt würden, die ihre Karrieren ausschließlich neben dem Haushalt und den ehelichen Pflichten anzusiedeln haben, dann wäre es wahrscheinlich auch nicht zu diesen Extremen und letztlich zu diesem bitteren Ende gekommen.
Ich sehe nicht ein, warum ich mich dafür schämen sollte, dass ich es in der Rolle des „Heimchen am Herd“ nicht mehr ausgehalten habe und dass ich das Gefühl hatte zu ersticken.
Mein Mann lebte sich beruflich aus und fand alles „supi“ zu Hause, wo ihm der Hintern nachgetragen wurde.
Ich will David gegenüber nicht unfair sein. Ich habe es über eine lange Zeit geliebt, für die Familie da zu sein, sie zu umsorgen, das Familienleben zu genießen und all das. Aber ich bin und bleibe eine Künstlerin. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Ich wäre auf kurz oder lang daran zerbrochen.
Ich will das aber gar nicht nur auf mich beziehen und darauf, dass ich Künstlerin bin. Ich bin davon überzeugt, dass, wenn wir Frauen einen anderen gesellschaftlichen Stand hätten und wir uns nicht permanent als Rabenmütter fühlen müssten, nur weil wir neben der Familie auch noch Träume haben, nur weil wir auch neben der Familie unserer Karriere weiter nachgehen wollen, dann hätte alles anders kommen können.
Nichts gegen David, aber natürlich ging er davon aus, dass ich zu Hause bleibe und er sich mit der Galerie verwirklichen kann.
Dabei war doch von Anfang an klar, dass ich Regisseurin werden wollte. Schon am ersten Abend, als wir uns auf meiner Abschiedsparty zum ersten Mal trafen, erzählte ich ihm von meinem Stipendium im „August Wilson Theatre“.
Mein Gott war ich aufgeregt. Ein halbes Jahr New York. Mitten auf dem Broadway! Abgefahren!
Und er?
David war beleidigt, weil ich nicht bei ihm bleiben wollte. Er wollte mich nicht einmal küssen. Oh Mann.
Dabei war doch alles schon abgedreht und aufregend genug an diesem Abend.
Die Party war in der Wohnung meines Ex Freundes, der mich die ganze Zeit belauerte und um mich herum schwirrte. Er war so eifersüchtig auf David und meine Reise nach New York, dass ich froh war, dass David so hartnäckig an mir dran blieb. So konnte ich mir Robert schön vom Hals halten.
David war wirklich ein außergewöhnlicher und attraktiver Mann, in seinem schwarzen Anzug und seiner doch schon gesetzten Art. Die anderen waren ja eher Bubis gegen ihn. David war da schon ein anderes Kaliber.
Und trotzdem. Er zickte total rum und ... Ach was weiß ich. Später, als ich dann in New York war, da klappte es ja ganz gut.
Ich hatte, ehrlich gesagt, überhaupt nicht damit gerechnet, dass er sich in dieser Zeit melden würde.
Aber, das fand ich dann irgendwie schon aufregend, dass er sich da so reingehängt hat und am Ball geblieben ist. Anders währe es wahrscheinlich gar nicht gut gegangen mit uns. Ich war innerlich so weit weg und so in meinem Element, dass ich ihn, ohne seine Hartnäckigkeit, ganz sicher schnell vergessen hätte. Dazu war es am bei August Wilson viel zu spannend.
Wenn es so spannend war, warum sind Sie dann zurück-gekommen. Oder kamen Sie wegen ihrem Mann zurück?
Nein, sicherlich nicht. Nein, das Stipendium war abgelaufen und ich hatte keinen finanziellen Background, um in den USA zu bleiben. Außerdem wollte ich mein Studium in Deutschland zu Ende bringen.
Waren Sie denn verliebt in David?
Ach ... ich weiß nicht. Eigentlich nicht, jedenfalls nicht zwingend.
Aber ich war noch nie so richtig zwingend verliebt, daher viel mir das wahrscheinlich gar nicht auf.
Nein, es war ganz schön. Auch, dass er sich um mich so bemühte, das war wirklich neu für mich. Das kannte ich bis dahin überhaupt nicht.
Robert war so ein reicher, verwöhnter Junge, der es gewohnt war, dass man sich um ihn bemühte und nicht umgekehrt.
Und David war so ganz nah, so verliebt und warm, das war ich nicht gewohnt, wie gesagt. Und dann wurde ich ja auch schon schwanger. Das war eine echte Katastrophe. (lacht)
Eine Katastrophe? Das hört man selten bei Müttern.
Ach Sie, mit ihrem eingestaubten, glorifizierenden Mutterbild, das im letzten Jahrhundert geprägt wurde.
Bei Ihnen müssen Mütter alles toll finden, wenn es um Kinder geht. Das weichgezeichnete Muttersein. Mein Gott. Aber ich war gerade mal 24 Jahre alt und mitten im Studium. Da gab es anderes, was man unbedingt toll fand. Dazu gehört Mutter werden nicht unbedingt.
Aber als Georg dann da war, fand ich alles perfekt. Ich war gerade fertig geworden mit dem Studium und hatte das Gefühl, das ich mir eine Pause gut gönnen konnte.
Und irgendwie war es ja auch wirklich großartig.
Wir zogen in unser Haus und ich lernte viele neue Leute kennen, die mit Theater gar nichts zu tun hatten und einfach nur nett waren.
So gesehen habe ich die Zeit wirklich genossen. Ich hatte keinerlei berufliche Verantwortung, jede Menge Zeit und genügend Geld, um mir ein angenehmes Leben zu bereiten.
Alle um mich herum lebten so. Alle meine Freundinnen gingen nicht arbeiten, sondern lebten mehr oder weniger gelangweilt mit ihren Kindern in den Tag hinein. Alle tranken den ganzen Tag Latte macchiato oder Prosecco.
Das hört sich vielleicht abwertend an. Es ist aber gar nicht so gemeint. Eine Weile kann man ohne weiteres so leben.
Und dann kam Fritz und brachte mir noch mal einen neuen Sinn in mein Leben.
Aber spätestens, als beide Kinder im Kindergarten waren, fiel mir die Decke auf den Kopf und ich hatte das Gefühl, wenn mich noch einmal eine meiner Freundinnen fragt, ob ich noch ein Proseccöchen möchte, dann drehe ich durch.
Also begann ich, mich zu bewerben.
Und wurden dann von Marcello Dias eingestellt.
Ja, ausgerechnet von Marcello. Meinem Idol. Wahnsinn.
Und dann ging es auch gleich los.
Schon drei Wochen später ließ ich mein gewohntes Leben, meinen Mann, meine Kinder, meine Umgebung und Freunde von einem Tag auf den anderen zurück.
Ich sprang, sozusagen, in ein neues Leben. In eine neue Stadt, in eine neue Wohnung, in einen neuen Job und das, ohne darüber wirklich lange nachgedacht zu haben, ob dies richtig oder falsch war.
Verstehen Sie? Es war so klar für mich, so ungemein zweifelsfrei, dass ich das Assistenzangebot sofort zusagte. Und das, ohne abzuwägen, zu diskutieren oder zu hinterfragen.
Ich wollte so unbedingt an dieses Theater, dass eine andere Entscheidung niemals in Frage gekommen wäre.
Sie sagen das so, als wenn Sie sonst anders handeln oder gehandelt haben.
Das stimmt. Und deshalb war ich ja selber total von mir überrascht. Wie unvernünftig ich auf einmal sein konnte, wie irrational und spontan. Ich erkannte mich selber nicht mehr. –
Obwohl, das stimmt eigentlich gar nicht. In Wirklichkeit war ich immer so. Ich hatte das nur vergessen.
Doch zu dieser Zeit hatte mich das Muttersein so absorbiert, dass allein der Gedanke, ich würde für meine Kinder nur eine Wochenendmutter sein, völlig undenkbar war. Ich und meine Kinder!? Das war schon wie eins!
Und trotzdem nahmen Sie die Assistenz an.
Ja, mit allen Konsequenzen. Und daran erkannte ich, wie sehr ich mich in den Jahren zuvor unter Druck gesetzt hatte und wie sehr ich unter Druck gesetzt wurde. Ich hatte doch unbewusst ein völlig fremdbestimmtes Leben gelebt.
Ich möchte nicht, dass Sie das falsch verstehen. Ich war gerne Mutter und Ehefrau und bin es ja heute noch. Naja, Mutter zumindest. Aber es brodelte in mir, all die Jahre.
Und plötzlich glitt das alte Leben an mir ab und ich stand in meiner neuen Wohnung, die die Bezeichnung Wohnung ernsthaft nicht verdient hatte.
Wenn ich zu Hause aus dem Fester schaute, dann sah ich in den Garten und in den Wald, der sich direkt anschloss. Ich sah ins Grüne. Jetzt guckte ich aufs Graue. Eine schrecklich triste Häuserwand, die sich 10 m vor mir auftürmte.
Wie fühlten Sie sich?
Oh Gott. Sie werden lachen. Ich fühlte mich wie ein Teenager, die in ihre erste, eigene Wohnung zieht. Und das Erste, was ich machte: Ich zündete mir eine Zigarette an. (lacht laut) Ich? Eine Zigarette?!
Was für ein pubertärer Unsinn. Ich hatte im Studium schon mal geraucht, aber eigentlich war ich Nichtraucherin.
Doch kaum war David aus dem Haus gegangen, holte ich eine Packung Zigaretten aus meiner Handtasche, die ich mir heimlich auf der Raststätte kaufte, als David kurz zur Toilette ging.
Ich fühlte mich so frei, so emanzipiert. Ich war so stolz, dass ich endlich das tat, was ich schon immer wollte.
Ich fragte mich, ob man sich mit 32 Jahren, verheiratet, Mutter zweier Kinder im Alter von fünf und acht Jahren, wirklich so verhalten durfte und beantwortete die Frage augenblicklich mit: JA!
Und zum ersten Mal, seitdem ich die Entscheidung getroffen hatte, quälte mich kein schlechtes Gewissen.
Und dann begannen Sie eine Assistenz bei Marcello Diaz.
Ja und das war wirklich ein Abenteuer.
Kenne Sie Marcello Diaz?
Nur vom Namen her und von seinen Theater – Inszenierungen. Also die, die ich mir auf DVD besorgt hatte.
Da haben Sie als Assistent keine Chance auch nur die Hälfte von dem zu verstehen, was er sagt. Das ist so ein völliges Kauderwelsch, dass Sie denken: Da steige ich nie durch, was der will. Ein absolutes Sprachchaos.
Ich sage Ihnen, mir schwirrte der Kopf, als er endlich nach zwei Stunden intensiver Probenarbeit übergangslos aufstand und hinausging.
„Was ist jetzt?“ Fragte ich Frau Sievers, die so was wie seine rechte Hand von Marcello war.
„Pause! Er geht jetzt, sich ausruhen.“
„Und wir?“
„Gehen Sie ruhig durch den Notausgang, gleich hier vorne, wenn sie rauchen möchten. Das geht schneller,“ sagte Frau Sievert und schaute kurz über ihre Lesebrille. Dabei hob sie nicht einmal den Kopf, sondern schaute nur kurz auf, wobei sich ihre Stirn in viele, tiefe Falten legte.
Auf dem Weg zum Notausgang ließ ich mich zu der Frage hinreißen, ob eine Botoxbehandlung bei Frau Sievert noch Sinn machen würde, oder ob man da schon vor Jahren hätte mit beginnen sollen?!
Frau Sievert ist gut 20 Jahre älter als ich.
Mein Gott, sehe ich mit Anfang 50 auch so aus? Und kommt dann auch eine Neue, die sich auf dem Weg zum Notausgang Gedanken darüber macht, ob sich die alte von Kürthen mal das Gesicht richten lassen sollte. Na ja, vielleicht raucht die Neue ja gar nicht.
Dennoch, ein unschöner Gedanke, der mich daran erinnerte, endlich Gesichtscreme zu kaufen.
Haben Sie denn den Schauspieler Sven Mühe noch an diesem Tag kennen gelernt oder erst später.
Nein, nein. Den habe ich gleich am ersten Tag kennen gelernt. Er spielte ja in der Produktion mit, bei der ich assistierte.
Den lernte ich gleich in der ersten Pause kennen, als ich wie angeordnet, rauchen ging.
Die Tür, mit der Aufschrift „Notausgang“ und einem phosphoreszierenden Flüchtling in Weiß auf grünem Hintergrund, ließ sich nur sehr schwer öffnen. Ich musste mich mit aller Kraft dagegen werfen, um das Eisenmonstrum zu öffnen.
Ein heftiger Schwall Sonne haute mich beinahe um. Sie glauben gar nicht, welche Wucht das Sonnenlicht hat, wenn man zwei Stunden lang in einem dunklen Raum sitzt und auf eine, mit Kunstlicht beleuchtete Bühne starrt. Das ist wirklich enorm. Ich denke manchmal drüber nach, ein Theaterstück nur mit Sonnenlicht zu inszenieren. Aber das führt jetzt wohl zu weit.
Die klare, wunderbar schneidende Winterluft war wie Balsam auf meiner trockenen Heizungshaut.
Ich hatte gerade den ersten Zug an meiner Zigarette genommen, und blies den blauen Rauch der Sonne entgegen, als mir völlig unerwartet diese bescheuerte Eisentür in den Rücken knallte.
Welcher Vollidiot war das denn?
„Entschuldigung“, hörte ich eine Männerstimme. Und diese Stimme gehörte Sven Mühe.
„Geschenkt!“ Sagte ich und versuchte wenigsten einigermaßen souverän zu wirken.
Was für eine saublöde Situation:
Als wenn so ein erster Arbeitstag nicht schon schlimm genug wäre. Ich lief permanent Gefahr, hysterisch zu werden.
Dabei hatte ich das unbedingte Bedürfnis, absolut sicher, taff und locker zu wirken.
Jedenfalls wollte ich nicht den Eindruck erwecken, das Döfchen aus der Provinz zu sein. Mir war es schon wichtig, als eine selbstbewusste Persönlichkeit wahrgenommen zu werden.
Und dann haut mir dieser Arsch von Mühe die Eisentür ins Kreuz. Mann!
Jetzt hieß es, sich spontan zu entscheiden. Was machst du?
Steckst du dir schnell eine Neue an um den Fauxpas zu überspielen?
Oder hebst du die alte Zigarette auf und läufst unweigerlich Gefahr, dass der erste Blick, den Sven Mühe von dir bekommt, dein Hintern ist?
Warum der erste Blick? Ich dachte, sie hätten schon die ganze Zeit geprobt?
Ganz einfach, weil Marcello Diaz mich niemandem vorgestellt hatte. Auch Frau Sievert hatte nicht dazu beigetragen, meinen Bekanntheitsgrad an diesem Theater zu steigern. Möglicherweise dachten sie, dass es sich nicht lohnt, da ich so und so nicht länger bei ihnen bleiben würde.
Sehen Sie, Marcello, die Sievers und ich trafen uns drei Stunden, bevor die ersten Proben begannen, auf der Bühne. Marcello erläuterte mir in großen Gesten und gewaltigen Worten die Idee seiner Inszenierung.
Ach du liebe Zeit, war ich ein Schäfchen. Ich war unglaublich beeindruckt und lauschte ihm mit den großen Augen eines kleinen Mädchens. Damals fand ich es schier ungläubig, dass es ein Mensch fertigbrachte, ein neunzigminütiges, komplexes und diffiziles Theaterstück mit wenigen, fulminanten Worten zu umreißen, und so Szene für Szene seine außergewöhnliche Sichtweise darzustellen.
Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass mein Herz raste, als er mich am Ende seiner Performance in den Arm nahm und leise sagte: „Du musst mir vertrauen. Folge mir. Du wirst eine ganz Große werden. Ich sehe dich. Tief im Inneren. You are the one!“
Wow!
Ja, das fand ich auch! Ich war überwältigt.
Dass er mindesten 70% meiner Ideen, die ich ihm einigen Monaten zuvor zugesandt habe, schlicht weg in sein Konzept der Inszenierung hatte einfließen lassen, war mir ehrlich gesagt völlig gleichgültig. Wichtig war, dass er mich sah, mich registrierte, mich schlicht und einfach fördern wollte. Das machte mich stolz und glücklich.
Dieser Monolog, allerdings, war das Einzige, für den Rest des Tages, dass an eine Konversation auch nur im Entferntesten erinnerte.
Danach verschwand ich im Dunkel. Verschluckt von einem Theatersaal mit mehr als 700 Sitzplätzen, die in der Regel bei jeder Aufführung ausverkauft waren. Der frenetische Applaus, der allabendlich hier zu hören war, hing noch wie eine Verheißung in jedem dieser rot gepolsterten Theatersesseln und machte mich unglaublich stolz hier sein zu dürfen.
Inmitten dieser „Hall of Success“, wie Marcello sein Theater bescheiden nannte, saßen wir drei an einem großen Regiepult, beleuchtet von zwei matten Schreibtischlampen und starrten auf die Bühne.
Und wie war der große Diaz bei den Proben?
(Sie lacht laut. Ein freundliches, herzhaftes Lachen) Furchtbar! Soll er aber immer noch sein, habe ich gehört. Ab und zu sagte er irgendetwas Kryptisches in das Mikrofon und verständigte so offensichtlich sich mit seinen Schauspielern. Wobei er seine Anweisungen und Ideen ausschließlich durch schlichtes, fragmentarisches Schweigen äußerte und die Akteure auf der oft Bühne dadurch, so schien es mir jedenfalls, zu Höchstleistungen brachte.
„Schau Marcello, schau! Was hältst du davon?“ Und dann legten sie los und spielten, als ging es um Leben und Tod.
Er kommentierte ihre Leistungen mit einem:
„Mh...“
„Ja, warum nicht?!“
Oder „ach weißt du ...“
Mir war völlig unklar, was die Armen auf der Bühne damit anfangen wollten. Aber wie gesagt, es spornte sie scheinbar ungeheuer an.
Urplötzlich riss es ihn dann aber doch hoch und er euphorisierte ins Mikrofon:
„Ja, phantastisch, ja, perfekt! Großartig ... Großartig. Ihr seid super. SUPER!!!!!!“
Und zu mir: „Hast du das? Hast du das? Ja Wahnsinn!“
Gott sei Dank hatte ich Frau Sievert.
Und wie ging es mit Sven Mühe weiter?
Auf den war ich total sauer. Mein Rücken schmerzte und mir schossen die Tränen in die Augen. Ich zündete schnell eine neue Zigarette an und wartete.
Und dann, nach einer Ewigkeit trat Sven Mühe aus dem Notausgang. Keine Ahnung, warum das so lange dauerte, bis er rauskam? Er blinzelte mir entgegen und sagte so etwas Dämliches wie:
„Oh, da geht aber die Sonne auf“, oder so ähnlich.
Und dann?
Ja, nichts und dann?! Wir rauchten und ich versuchte, irgendwie nicht wie die letzte Ische rüber zu kommen. Dann ging es weiter mit den Proben.
Kein verlieben?
Quatsch! Ich war doch verheiratet und hatte zwei kleine Kinder.
Nein, nein.
Sven sagte mir später zwar, dass er sich schon in diesem Moment in mich verliebt hatte. Aber ich nicht.
Das wäre doch echt blöd.
Ach, das kann man sehen, wie man will. Ich glaube schon an die Liebe auf den ersten Blick. Aber sei es drum. Ich danke Ihnen und freue mich schon auf den nächsten Termin.
Es heißt immer: „Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit“, „Rauchen kann Krebs verursachen“, „Mit dem Rauch einer Zigarette belasten Sie sich und Ihre Umwelt“ „Rauchen ...“
Aber nirgendwo steht geschrieben: „Rauchen verändert ihr Leben positiv“, „Durch Rauchen lernen Sie Ihre Traumfrau kennen“, „Rauchen ermöglicht Ihnen die große Liebe!“
Die große Liebe! Gutes Stichwort. Hatten Sie wirklich das Gefühl, dass Katharina die Richtige für Sie ist?
Ja natürlich, durch und durch. Mann oh Mann, wer konnte das ahnen, auf was für einen Scheiß ich da reinfalle. Mit keiner Faser meines Denkens wäre ich darauf gekommen, dass das alles nur ein paar kleine Fluchten einer frustrierten Hausfrau war. Was für eine absurde Geschichte.
Aber sie wurde doch sehr erfolgreich durch sie, oder?
Ja schon. Sie ist echt eine wirklich große Nummer geworden in der Szene. Fette Inszenierungen an allen wichtigen Theatern. Wow. Und jetzt auch noch der Spielfilm. Alle Achtung.
Ich will nicht ungerecht sein. Sie ist schon okay. Ohne Frage.
Nein wirklich, sie ist brillant. Besser als ich. Viel besser. Und ich habe ihr echt viel zu verdanken. Echt.
Als wir uns das erste Mal trafen dachte ich, sie sei so ein kleines Assistenzmäuschen von Marcello, so wie all die anderen auch.
Obwohl, ne. Dazu war sie eigentlich zu alt. Aber sie sah echt jünger aus. Ich dachte sogar, dass sie jünger sei als ich.
Zwei Kinder, ich fasse es nicht. Das hat man ihr nun wirklich nicht angesehen. Was ein Body. Mann oh Mann. Und wenn sie im Bett loslegte, dann ging es aber richtig ab.
Wie soll ich das verstehen, hatte sie besondere Vorlieben?
Nein, nichts Außergewöhnliches. Nicht was sie vielleicht wieder glauben. Schreiben Sie jetzt bloß keinen Scheiß: Dass sie irgendwie Sadomaso war oder nur auf Analverkehr abfuhr. Ne, sie war einfach nur wild und nahm sich, was sie wollte. Und das fand ich geil. Und sie wollte echt viel. Sie war beispielsweise die erste Frau, die immer mehr wollte als ich. Sie hatte auch dann Bock mit mir zu vögeln, wenn wir schon stundenlang gearbeitet hatten und ich völlig im Sack war.
Was weiß ich? Vielleicht hat sie ihr Mann nicht mehr rangelassen und sie musste sich bei mir austoben. Der soll ja echt abgedreht sein. Die arme Sau. Kann ich echt verstehen. Das war ja auch zum Verrücktwerden. Im wahrsten Sinne.
Kannten Sie ihren Mann denn?
Den habe ich ja nur ein oder zwei Mal gesehen. Eigentlich ein cooler Typ. Viel älter als sie. So eine Vaterfigur.
Vielleicht konnte er ja nicht mehr. Ich meine im Bett. Der war echt alt. So gesetzt, mit Anzug und so und großer Karre. Jaguar oder so was. Echt fett.
Aber vielleicht sah er ja auch nur viel älter aus, als er war, nach all dem, was der durchgemacht hat. Und sie viel jünger.
Auf jeden Fall passten die beiden überhaupt nicht zusammen.
Aber cool war er.
Mann. Als ich ihm eine reingehauen habe, da war er wirklich lässig. Hut ab.
Eine reingehauen?
Ja, ja aber das ist eine andere Geschichte. Darauf komme ich später zu sprechen.
Sonst hatte ich nichts mit ihm zu tun. Ich war ja nur völlig besessen davon, das Stück von Katharina gut zu spielen. Das war die ganz große Chance für mich.
Und die hatten Sie dann ja auch. So gesehen hat es sich ja für Ihre Karriere schon gelohnt.
Ja klar, da habe ich voll hingelangt und alles gegeben. Mehr ging dann wirklich nicht mehr. Ich wollte immer ein großer Schauspieler sein. Aber irgendwie hat das bis dahin nicht geklappt. Jedenfalls nicht so, wie ich mir das vorgestellte hatte.
Sieben Mal musste ich zum Vorsprechen. Sieben Mal! Bis mich endlich eine Schauspielschule genommen hat. Ich hatte echt schon aufgegeben und mich mit dem Gedanken abgefunden, doch irgendwie Theaterwissenschaften oder irgendetwas anderes zu studieren. Einen letzten Versuch hatte ich mir noch gegeben. Und dann: zack, dritte Runde und Studienplatz. Yes!
„Mensch Mühe, jetzt geben sie sich doch mal dieselbe!“
Scheißspruch vom alten Nölle, meinem Lehrer. Alle anderen fanden es lustig.
Aber das erste Engagement habe ich bekommen und nicht einer von den Arschgeigen aus meiner Klasse. So schlecht war ich dann wohl doch nicht.
Aber immer ein wenig zu wenig.
Auch bei Marcello. Immer in der zweiten oder dritten Reihe. Nie die große Rolle.
Bis Katharina. Ab dann ging es los. Sie glaubte an mich. Oder nur an meinen Schwanz. Was weiß ich. War mir auch scheißegal.
Wie war das, als sie sich zum ersten Mal trafen. War ihnen da schon klar, dass Sie sich verlieben würden?
Aber klar. Natürlich. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und zwar volles Programm. Das sag ich Dir.
Wir hatten an dem Tag mal wieder ätzend lange Probe. Marcello hat uns dermaßen durch den Wolf gedreht, dass ich dachte, ich pack das nicht mehr. Manchmal übertrieb er es wirklich.
Irgendwann war dann endlich Zigarettenpause. Aber weil ich der einzige Raucher war, waren die Raucherpausen echt kurz. Also ging ich nicht in die Kantine oder durch den Haupteingang raus, sondern öffnete die Tür des Notausgangs. Ein absolutes Verbot, ein No Go! Aber hey, bei einer Pause von 15 Minuten war es unsinnig, quer durch die Katakomben des Theaters zu düsen, um nach geschätzten 6,5 Minuten im Freien zu stehen. Bei einem Rückweg von 6,5 Minuten blieben mir nur noch beschissene 2 Minuten für eine Zigarette. Absolut bescheuert. Ich will die schließlich genießen. Wenn einem schon unaufhörlich suggeriert wird, dass man dabei sein Leben aufs Spiel setzt. Oder?
All das Gewese um das Rauchen geht mir unglaublich auf die Nerven. Ich habe generell nichts gegen das Rauchverbot. In Bussen, in der Bibliothek oder auf dem Amt. Meinetwegen auch noch in wirklich guten Restaurants. Da kann das echt nerven.
Aber bitte, was soll das, wenn ich in einer Bar oder in der Kneipe einen Cocktail oder ein Bier trinke und dann vor die Tür gehen muss, um eine zu rauchen. Wie bescheuert ist das denn? Da wird doch das Rauchen ad absurdum geführt. Da geht der Sinn des Rauchens doch völlig verloren. Hallo! Merkt hier einer noch was?
Also bin ich dann raus aus dem Notausgang und volle Kanne gegen die Stahltür geworfen.
Normalerweise klemmte das Mistding ständig. Man musste sich mit aller Wucht dagegen werfen, um sie zu öffnen.
Ich dachte noch, welcher Schwachkopf hat denn die Tür offen gelassen und dann flog dieses Ungetüm mit einer derartigen Wucht auf, dass ich mich selber erschrak.
Und dann knallte es auch schon. Die Tür donnerte gegen irgendwas oder irgendjemanden.
Dann hörte ich Katharina fluchen. Zu leise, um unanständig oder vulgär zu wirken. Aber laut genug, um klar zu machen, dass sie das echt scheiße fand. Ist ja auch ätzend so eine Tür im Rücken oder wo auch immer.
„Entschuldigung“, rief ich schon mal vorab.
„Geschenkt“, kam es postwendend zurück.
Und dann passierte irgendetwas mit mir, dass ich bis heute nicht beschreiben kann.
Warum, es war doch noch gar nichts passiert.
Das war es ja gerade, was ich meine. Ich kannte die Stimme nicht. Ich verband keinerlei Bild, Gesicht oder Erinnerung.
Und trotzdem ließ ich mich für den Bruchteil von Sekunden zu dem Gedanken hinreißen, hinter der Tür verborgen zu bleiben. Ich wollte die Unterhaltung mal ganz anders fortzusetzen. Das waren so Sekunden, in denen ich mir alles vorstellen konnte: Ein Gesicht, eine Erscheinung, ein Versprechen. Verstehen Sie?
Nein, nicht wirklich.
Ach schade.
Das alles mag für einen Außenstehenden völlig irrational und albern klingen. Und ehrlich, ich hatte selber so etwas auch noch nie erlebt. Aber mir zitterten die Knie und mein Atem war flach, als wäre ich ohnmächtig.
Hallo, was war das denn? Ich hatte wirklich keine Ahnung, was hier mit mir passierte. Ich war total gespannt. Ich wusste echt nicht, ob ich dem Allmächtigen oder dem Teufel persönlich gegenübertreten würde.
Aber dann hielt ich doch noch einmal inne, so wie ich immer versuchte, einen Orgasmus so lange wie möglich hinauszuzögern. Ich hatte das sonderbare, absurde Gefühl, dass alles Alte, Verstaubte, schon immer Dagewesene aus mir herausgepustet würde. Ich brauchte nur aus der Tür zu ins Freie zu treten. Mir wurde schlagartig klar, dass ab jetzt eine neue Zeitrechnung begann. Ohne zu wissen, warum?
Das hört sich ja nach einer unglaublichen Ausstrahlung an, die Frau von Kürthen hatte.
Die hat sie. Das kann ich Ihnen sagen. Es ist unglaublich. Man spürt schon lange vorher, dass sie reinkommt. Noch bevor man sie überhaupt sieht. Hammer. Sie sollte Schauspielerin werden.
Es gab einmal vor langer Zeit eine Sendung im ARD Vorabendprogramm. Die hieß „Herzblatt“, oder so, auf jeden Fall mit Rudi Carrell und später dann noch mit anderen Moderatoren. Schreckliche Sendung. Da stand sich das Paar, das gewonnen hatte, getrennt durch eine bewegliche Wand gegenüber und wartete sehnsuchtsvoll, wer sich dahinter verbarg.
Und irgendwann, auf dem Höhepunkt der kaum aushaltbaren Spannung rief dann Rudi Carrell, mit starkem holländischen Akzent:
“Und das ist ihr Herzblatt!“
Dann fuhr die Wand zurück und das Paar sah sich zum ersten Mal.
Und dann konnte ich in den Augen der beiden oft so eine maßlose Enttäuschung erkennen, dass es mir selber schon beinahe wehtat. Ich meine, ich konnte das wirklich nur zu gut nachempfinden, weil die alle so scheiße aussahen.
Aber an diese Sendung und all die frustrierten Gesichter musste ich denken, als ich hinter der Tür stand. Und daher verspürte ich keinerlei Lust, die Tür zu öffnen und diesen emotionalen, hinreißenden und geradezu erotischen Moment zu zerstören.
Aber irgendwann ließ sich Rudi Carrell einfach nicht mehr aufhalten und die Regie drückte gnadenlos auf den Knopf, der die Tür hydraulisch öffnete.
Und da stand sie, mein „Herzblatt“. Und ich sagte so etwas Bescheuertes wie: „Jetzt geht die Sonne auf“. Oh Mann.
(Sven Mühe zitiert einen Text. Sehr dramatisch)
Oh, sie nur lehrt die Kerzen, hell zu glühn!
Wie in dem Ohr des Mohren ein Rubin,
So hängt der Holden Schönheit an den Wangen
Der Nacht; zu hoch, zu himmlisch dem Verlangen.
Sie stellt sich unter den Gespielen dar
Als weiße Taub in einer Krähenschar.
Schließt sich der Tanz, so nah ich ihr: ein Drücken
Der zarten Hand soll meine Hand beglücken.
Liebt ich wohl je?
Nein, schwör es ab, Gesicht!
Du sahst bis jetzt noch wahre Schönheit nicht.
Das war jetzt Romeo und Julia oder?
Ja klar.
Aber sagen Sie es mir: Ist es wirklich so absurd, wenn man sich hinter einer Eisentür verborgen, ungesehen, nur mit ein paar Wortfetzen geködert, hingebungsvoll verliebt?
Gibt es diese ewig beschworene, in Schlagern hoch und runter gesungene Liebe auf den ersten Blick?
Keine Ahnung. Ich ... mir ist das noch nie passiert.
Schade für Sie.
Ich kann Ihnen sagen, mich hatte es wirklich völlig umgehauen. Aber es konnte doch nicht sein, dass es tatsächlich diese eine Frau gibt, bei der man sofort weiß, dass es die richtige Frau fürs Leben ist.
Von der man nie wieder getrennt sein und die man umgehend seinen Eltern vorstellen möchte?
Ich glaubte nie an die große Liebe und stand doch leibhaftig vor ihr. Ein Paradoxon.
Woran erkannten Sie, dass es die große Liebe war?
Weil alle Parameter, die ich normalerweise bei einer Frau ansetze, hier überhaupt nicht griffen.
Eine Frau checken läuft bei mir üblicher Weise über ein ganz spezielles Blickmuster:
Arsch, Titten, Augen, Mund.
Und das läuft immer gleich?
Ja klar. Bis auf wenige Ausnahmen. Es gibt beispielsweise Frauen, die ihre Hände bei angewinkelten Armen schlapp herunterhängen lasse, wenn sie sich konzentrieren oder so. Wenn ich das sehe, dann ist schon alles vorbei. Die gehen gar nicht. Da kann der Rest stimmen, dass ist mir scheißegal.
Bei zu dicken Titten, aber nur wenn sie echt sind, da könnte ich noch einen Kompromiss eingehen, obwohl mir das schon echt Angst macht beim Sex. Ich stelle mir immer vor, wenn die dann so unkontrolliert hin und her wabern. Ich weiß nicht.
Aber ein zu dicker Hintern, der macht mir echt schlechte Laune. Da denke ich immer unwillkürlich:
Warum machst du doofe Kuh kein Sport, was? Wieso bringst du den nicht in Form? Damit tust du doch wirklich keinem einen Gefallen. Und wenn du die von hinten nimmst. Also bitte. Das ist doch eine Zumutung. Kann ja sein, dass es dem einen oder anderen Mann gefällt. Aber mir nicht. Da gibt es keinen Kompromiss.
Interessante Herangehensweise.
Das finde ich übrigens eines der größten Herausforderungen, wenn du eine Frau in einer Bar kennen lernst. Womöglich ist noch so schummeriges Licht, das du nicht viel siehst.
Und dann sitzt da am Tresen eine Frau, die hat ein hübsches Gesicht und wohlgeformten oder wenigsten akzeptablen Brüsten.
Und du willst nur eins, den Hintern sehen. Aber sie sitzt ja drauf. Du redest also mit ihr, in der Hoffnung, sie steht gleich auf.
Aber nein. Sie bleibt sitzen. Und sie hat eine Blase ... oh Mann. Bis zu zwei Stunden.
Ich meine, möglicherweise hat sie auch Schiss, dass du sofort abhaust, wenn sie aufsteht und zur Toilette geht.
Aber manchmal ist das Gespräch wirklich anregend und hat diesen wundervollen, erotischen Tuch, der einem alles verspricht.
Doch dann steht sie auf, nach zwei Stunden und schiebt eine Kiste durch den Laden, dass dir schon allein beim Anblick sämtliche Optionen abhandenkommen.
Und dann?
Dann hast du natürlich verschissen. Weil die guten Frauen jetzt schon verteilt sind. Und dann überlegst du ernsthaft, ob nicht doch irgendetwas geht mit der mit dem dicken Hintern. Weil Resteficken ja noch viel deprimierender ist.
Manchmal hilft dann auch ein Cocktail mehr als sonst, um es sich dann doch noch erträglich zu gestalten.
Ich bin nun wirklich kein Chauvie, aber solche Abende finde ich einfach nur furchtbar. Die können mir das ganze Wochenende verhageln.
Wie ging es dann weiter mit Katharina?
Ach bei ihr war das alles egal. Das war ja das Bekloppte. Ich hätte beim besten Willen nichts Erhellendes zu der Frage beisteuern können, was ihre Kleidung, ihr Aussehen, die Farbe ihrer Augen, nicht einmal die Körbchengröße ihres BHs oder sonst was anging. Egal. Alles egal.
„Katharina von Kürthen“, sagte sie und streckte mir ihre Hand entgegen.
„Sven Mühe“, sagte ich und gab ihr die Hand.
Und mit dieser Berührung wurde mein Schicksal endgültig besiegelt. Ich glaube, ich bin sogar ein wenig rot geworden.
Dann entzog sie mir ihre Hand, die ich völlig stumpfsinnig festhalten wollte. Oh Mann, wie peinlich.
„Ich weiß, wer du bist. Ich habe dir die letzten Stunden auf der Bühne zugesehen.“
„Auf der Bühne?“
„Ich bin die neue Assistentin von Marcello.“
„Oh wie grauenhaft“ sagte ich, um überhaupt etwas zu sagen. Dann lachte ich. Viel zu laut.
„Ach was, so schlimm war es nicht. Feuer?“
„Bitte?“
„Ob du Feuer brauchst. Sonst wird das nichts mit dem Rauchen.“
Ich lachte, schon wieder dämlich laut und ließ mir Feuer geben. Dabei nahm ich kurz ihre Hand und schaute ihr in die Augen.
In der Regel konnte ich mit dieser kleinen Geste schon Tendenzen absehen. Wie war der Blick, wie lange hielt sie das Feuer, war sie verunsichert und so, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Aber bei ihr war auch das alles anders. Sie gab mir Feuer, erwiderte sehr feste meinen Blick und sagte:
„Na rauchen solltest du jetzt aber wirklich alleine!“
Ich lachte. Sie steckte das Feuerzeug in ihre Tasche.
Und auch hier: Kein Hinweis auf ihren Charakter. Keine Herzchen auf dem Feuerzeug, keine blöden Katzenbilder oder was weiß ich.
Es war blau.
Was für eine dämliche Situation. Ich fühlte mich wie so ein 16jähriger Schuljunge, der mit einer heimlichen Latte in der Hose auf dem Schulhof vor seiner ersten großen Liebe stand und keine Ahnung hat, was er sagen soll. Furchtbar.
Aber irgendetwas musste ich ja reden. Ich konnte ja nicht wie ein Vollhonk neben ihr stehen und rauchen.
Also stellte ich irgendeine, für mich, unverfängliche, banale Frage: „Woher kennst du eigentlich Marcello Diaz?
Volltreffen!
Die Antwort sprudelte nur so aus ihr heraus und traf mich völlig überraschend und schmerzhaft.
Warum?
Na ... sie war ein echter Diaz-Fan. Und das schon seit ihrem Studium. Sie schwärmte, sie lechzte, sie bewunderte. Kurz, sie nervte.
Ich wäre am liebsten weggerannt. Sie sollte nicht IHN toll finden, sondern MICH.
Marcello bekam doch eh jede Frau ins Bett. Aber Bitte! Bitte! BITTE! Nicht auch sie!
Es machte mich schier verrückt, wenn ich mir vorstellte, dass sie mit Diaz da oben im Dunklen saß und meine Bemühungen auf der Bühne mit ansah. Ich wusste, wie Marcello war, wie sehr er sich aufplusterte und andere niedermachen konnte. Vor allem wenn es darum ging, eine Frau zu erobern. Und dass er sie erobern würde, das war sonnen klar. Sie war zu 100% sein Beuteschema.
Ich fühlte mich bei dem Gedanken daran richtig Scheiße.
Na, so schlimm wird es nicht gewesen sein. Oder?
Haben Sie eine Ahnung. Verglichen mit einem Orchester, spielte sie die erste Geige, hell, klar und dominant.
Marcello war der Dirigent, der die Fäden in den Händen hielt und jedem seinen Einsatz gab.
Und ich, ich war der Kontrabass, in seiner Tonlage ein wenig gefangen, einfältig und dumpf, unfähig sich gegen dieses unfassbare Gefühl zu wehren.
