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Inhaltlich sind die Themen der "Capriccios" breit gefächert, von Friedensaktivisten Amerikas bis hin zu Hyperions Heimkehr in seine marode Heimat Griechenland; von der berühmten Schwarzfahrerin in Wuppertal bis zu einem alten Ehepaar, das am Heiligen Abend seinen kleinen Disput austrägt. Experimentelle Altenpflege übertrifft die schlimmsten Befürchtungen. Asylbewerberheime sind in vielen Städten zum Zankapfel geworden. Können Kopftuchmädchen trendy sein? Auch ein Fräulein im hohen Alter hat sein Würde. Zickenzoff ist hingegen etwas ganz anderes. Franz Kafkas tiefe Menschlichkeit in einem Beispiel aus seinem letzten Jahr. Und Gerhart Hauptmann hat mit Alma Mahler und Franz Werfel tatsächlich 1927 in Rapallo Silvester gefeiert. Und anderes mehr. Na denn Prosit!
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Seitenzahl: 122
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Klaus Werner Hennig
Amerikas Helden
Capriccios I
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Amerikas Helden
Auf dem Kriegspfad
Die Schwarzfahrerin
Zickenzoff
Trendy
Auf der Suche
Fräulein
Der Lockvogel
Asylbewerberheim
Experimentelle Altenpflege
Mein liebes Püppchen Leni
Habemus iram
Putze Emma
Der schwarze Mann
Hyperions Heimkehr
Nachbarschaftszwist
Disput am Heiligen Abend
Silvester in Rapallo
Voranzeige
Impressum neobooks
Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.
Bertolt Brecht, „Leben des Galilei“
Ihr Name: Megan Gillespie Rice, in Manhattan als jüngstes von drei Mädchen einer Familie irischer Herkunft geboren; katholisch erzogen, nahm sie sich vor, zu verändern die Welt. Ihre Eltern, beide in der Katholischen Arbeiter-Bewegung organisiert, wollten in Einklang mit der Gerechtigkeit und in Liebe zu Jesus Christus leben. Gewaltfreiheit, ihr oberstes Gebot, ob engagiert im Kampf gegen den Krieg oder wider die ungleiche Verteilung des Reichtums dieser Welt.
So wurde die Tochter mit Achtzehn Nonne der Schwestern vom Heiligen Jesuskind, studierte am Boston-College Zellbiologie, lernte, wie verheerend Radioaktivität auf menschliche Zellen wirkt und diente zweiundvierzig Jahre als Lehrerin in Ghana und Nigeria. Mit Haut und Haaren schloss sie sich der Antikriegsbewegung an, wurde an die dreißig, vierzig Mal wegen zivilen Ungehorsams verhaftet, scheute kein Risiko, war monatelang eingesperrt inGeorgiawegen Teilnahme an ProtesteninFort Benninggegen dieUS Army School Americas. Deren Schüler waren verquickt in die Kriegshandlungen südamerikanischer Militärdiktaturen. Die Demonstranten – gejagt, verprügelt, inhaftiert – gaben nicht nach. Immerhin, die Schule wurde zwei Jahre später geschlossen.
Heute ist Megan Rice vierundachtzig Jahre alt. Sie sagt, das sei keine Schande, wenn das Gesicht auch voller Falten ist, das Haar schütter und fahl, die Gangart und der Blick gemächlicher geworden sind, so schäme sie sich dessen nicht. Noch spüre sie Kraft, ihrem Leben weiterhin Sinn zu geben!
Es juckt ihr das Fell, Durchgreifendes müsse geschehen, das kann noch nicht alles gewesen sein! In der Pflugscharen-Bewegung lernte sie zwei smarte Boys kennen,Michael Walli und Greg Boertje, beide um die Sechzig, gestandene Vietnam-Veteranen, in Kampfeinsätzen erprobt. Die sprühten nur so vor Ideen, haben sie inspiriert, saßen fortan mit ihr im gleichen Boot: O. k., Meggy, wir deichseln das Ding.
So quatschten sie sich in Rage. Das war der Plan: Einbruch in den Y -12 National Security Complex in Oak Ridge, Tennessee – stabsmäßig geplant: Erkundung des Geländes, Operativ- und Ablaufplan, Störfallanalyse. Die Ausrüstungsliste: Bolzenschneider, Hammer und Meißel, Farbspraydosen in fluoreszierendem Scharlachrot und drei Babyflaschen voll Menschenblut, gespendet von Willigen, die diese Aktion billigen. Das Trio hat ein hehres Ziel: Die Welt auf die Gefahren eines Atomkriegs erneut hinzuweisen.
In dem Areal in Tennessee lagert waffenfähiges Uran, ausreichend für zehntausend Bomben, bewacht wie das Gold von Fort Knox. Aber Megan Rice hat zwei kundige Vietnamveteranen im Team, die waren vertraut mit den Taktiken des Vietcong im Dschungelkrieg, anschleichen in der Dunkelheit, lautlos zu Werke gehen. Ein Spaziergang wird das nicht.
An Hand von Lageskizzen erörtern sie Angriffsvarianten auf dem Papier, dazu ein Gläschen Whisky, bloß nicht zu viel. So steigern sie sich in merkwürdige Laune, als sei es ein Trapper- und Indianerspiel. Sie würden die Aufmerksamkeit der Welt erlangen. Einen Prozess scheuen sie nicht. Kämen sie öffentlich vor Gericht, würde das die Wirkung des Protestes potenzieren und gäbe ihrem Leben mehr Inhalt und Sinn, als in Florida geruhsam am Sonnenstrand zu liegen.
Wir peilen Oak Ridge von drei Seiten an. Greg kommt richtig in Form, erläutert den Aufmarschplan. Das ist sein Metier. Ich, aus der Luft, lande auf dem Mc Ghee Tyson Airport, südlich von Knoxville, nehme ein Taxi bis Oak City. Michael nutzt den Morgenzug der Norfolk Southern Railway Company, und Meggy fährt mit ihrem Ford auf dem Interstate Highway zum Ziel. Wir treffen uns nachmittags fünfzehn Uhr im Museum der Stadt, fahren in Meggys Auto zum Operationsgelände, biwakieren versteckt und im Morgengrauen stürmen wir Y-12.
Gregs Aufmarschplan, konspirativ durchdacht, fand Anklang, das klappt. Drei alte Leutchen im Kampf für Amerika, für seine Ehre in der Welt von heute – wunderbar, sagenhaft.
Die Fahrt nach Oak Ridge empfand Meggy als malerisch schön. Am Steuer sitzend schmettert sie unbeschwert die Lieder ihrer Kindheit, überdenkt ihr Leben. Sie hat nicht alles erreicht, aber alles gegeben. Die kurvige Straße hinab in die beschauliche Stadt, schlängelt sich durch die Berge von Old Tennessee, vorbei an Wäldern im Junigrün, über den Clinch River, ins Tal der Appalachen hinein. Nur die großen Schilder, die alle paar Meter aufdringlich am Straßenrand stehen, vermiesen ihr die Idylle.
Betreten verboten! Geldstrafe, Gefängnis, Gewalt werden angedroht. Wer sich zu weit in den Wald wagt, gerät in dieKillzone, wird gnadenlos gejagt. Geschossen wird scharf auf Eindringlinge jeglicher Art.
Zum vereinbarten Zeitpunkt trifft Meggy am Museum ein. Eine Schulklasse wird gerade durch die Ausstellung geführt, den Kindern die Bedeutung der Kernenergie für Amerikas Ruhm, Macht und Größe erklärt, auch an Hand originaler Atombombenhülsen älteren Typs. Das Ungeheuerliche von Hiroshima wird kaum erwähnt. Fukushima, kein Begriff. Meggy kann nur mühsam an sich halten, dass sie nicht auf der Stelle demonstrativ explodiert. Sie schreitet an Michael und Peg vorbei. Die zwinkern ihr zu. Vorsicht, die Räume sind videoüberwacht, sie leben schließlich im freiesten Land der Welt.
Nacheinander verlassen sie das Museum. Meggy fährt zwei Straßen weiter. Ihre Komplizen steigen zu. Gemeinsam fahren sie aus der Stadt hinaus, die bewaldeten Hügel hinauf, picknicken abseits, vertreiben sich die Zeit bis zur Dunkelheit, erzählen sich viel, trinken ein Gläschen Wein, rollen sich in mitgebrachte Schlafsäcke ein und verbringen die Nacht im Freien.
Im Morgengrauen sind sie abmarschbereit. Der Kaffee aus der Thermoskanne ist lau, aber sie sind aufgeregt genug und strotzen vor stolzer Entschlossenheit. Sie wissen, was ihnen blüht. Altersschutz wird nicht gewährt, Geheimnisverrat mit Haft bis zu dreißig Jahren abgestraft. Wie gesagt, im freiesten Land der Welt. Kriechen durch dichtes Gestrüpp auf sumpfigem Gelände, schlängeln sich in weiten Kurven einen steilen Hang hinauf, halten kurz inne, um sich zu verpusten. Schleichen weiter, müssen leise treten, dürfen sich nicht räuspern oder husten.
Laut Anklageschrift schnitten sich die Delinquenten den Weg durch drei acht Meter hohe Maschendrahtzäune frei, warfen die mit Menschenblut gefüllten Babyflaschen,als Sühnezeichen für all jene, die im Krieg verstorben sind,gegen die Außenwand des Lagerhauses, sprühten die alttestamentarische Friedensbotschaft:Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihr Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere ein Schwert aufheben, werden hinfort nicht mehr kriegen lernen. – Sprühten ´s mit signalroten Lettern und brachen mit Hammer und Meißel aus dem Mauerwerk des Hochsicherheitstraktes Steinbrocken heraus. Dann standen sie abwartend, lächelnd: Halleluja, vollbracht!
Meggy sprach im Gebet: Himmlischer Vater, Dir danken wir, Du hast uns geleitet, beschützt und bewacht.Sie bekreuzigte sich undatmete tief. Bis endlich ein Wachmann mit hochrotem Kopf um die Ecke getrabt, haben die drei Unverbesserlichen über ihren gelungenen Coup gescherzt und gelacht, ließen sich widerstandslos festnehmen und abführen.
Die Blamage für die Security war enorm. Kinderleicht konnte eingebrochen werden.Die groben Sicherheitsmängel an einem der gefährlichsten Plätze der Welt haben schockiert.In höchsten Regierungskreisen wurde erwogen, das Trio, welches vermutlich in den Ausbildungslagern der al-Qaida trainiert worden war, ratzfatz in Guantanamo verschwinden zu lassen. Bei menschenrechtswidrigen Foltermethoden gäbe es jedes gewünschte Geständnis: Waffenfähiges Uran sollte gestohlen, in den Iran geschmuggelt werden! Wohin auch sonst? Eine Yacht für die heiße Fracht lag im Golf von Mexiko bereit. Die NSA habe die Handys des Seniorentrios abgehört. Eine ausgebuffte Story, geschickt in die Presse lanciert. Na klar, Amerika stünde besser da, wäre nicht so blamiert. Nur eine römisch-katholische Nonne als islamistische Terroristin verkaufen, wird das vom Leser akzeptiert?
Zwei Jahre schon sitzen die Aktivisten in Untersuchungshaft, störrisch wie junge Esel. Der Untersuchungsrichter lamentiert: In Japan, das waren Experimentalabwürfe, die mussten sein, seht das doch ein. Dessenthalben gab ´s siebzig Jahre keinen Atomkrieg auf der Welt. Hier und da kleine Scharmützel, nicht der Rede wert, Irak und so, damit der Weltfrieden dauerhaft hält. Euch Pazifisten ist es nicht beizubringen. DieKillzonehabt ihr wissentlich durchschritten, wir hätten euch gnadenlos umlegen müssen.
Also sprach die Regierung, vierundachtzig Jahre hin oder her, ein Prozess muss sein, uns sind in der Demokratie die Hände gebunden. Unabhängig ist die amerikanische Justiz.
Für Megan Rice war die Aktion Protest gegen Krieg und nukleare Waffen. Für die Wachleute in Tennessee war der Einmarsch der Rentnertruppe eine Riesenblamage, sie wurden Knall auf Fall aus dem Staatsdienst entlassen. Für die Justiz, keine Frage, glasklar Sabotage, Sachbeschädigung am Staatseigentum. Im vergangenen Jahr wurden Rice und Konsorten schuldig gesprochen. Nun steht das Strafmaß rechtskräftig fest: Zwei Jahre und elf Monate muss die alte Dame ins Gefängnis, ihre Kumpane doppelt so lange.
DieWashington Posttitelt: DIE HELDIN VON OAK RIDGE.
Ein Reporter befragt Sister Rice, ob sie sich als Heldin fühle?
Milde lächelt sie aus ihrem altersschönen Gesicht: „Bradley Manning und Edward Snowden haben gezeigt, wie abgrundtief Freiheit und Demokratie verkommen sind. Sie sind Amerikas Helden!“ Und fügt gelassen hinzu: „Nur das zu schreiben, getraut ihr euch nicht.“
„Und Sie, bereuen Sie Ihre Tat?“
Megan Rice blickt ernst, gesteht beschämt: „Ich bereue nur eins, dass ich siebzig Jahre damit gewartet hab."
Der Satz rast über die Liveticker der Welt
Nun ist es wieder soweit, Manöver im Krisengebiet, wir haben uns den Krieg nahezu vor die eigene Haustür platziert. Das hat aber gedauert. Nun gibt es demnächst für uns richtig Krieg, so mit Raketen, Bomben, Granaten, auch Toten und Verwundeten zuhauf. Na endlich, nicht mehr auszuhalten, nur noch Gespräche über Bäume und Steine, Verse über den Dorftümpel, seine Entengrütze, den Giersch, der hoch zum Giebel kriecht, den Ginster der schwefelgelb am Wegrand glüht, über das Biotop in einer Regenpfütze mit Pantoffeltierchen, Mückenlarven, Landblutegel, am Horizont verschwimmt ein weißes Segel.
Um uns herum all die Jahre hindurch war es dermaßen friedlich, auf Dauer nicht auszuhalten: Die Märkte brechend voll mit Waren aus aller Welt, die Inflationsrate so niedrig, wie nie zuvor. Allerdings gab es immer mehr Arbeitslose, die Unruhe stiften, die den Sozialfonds in die Höhe treiben, die Wirtschaftskrise mit dem Mindestlohn anheizen. Die könnten nun allesamt soldatisch sinnvoll eingegliedert werden für den guten Zweck, unsere Leistungsträger zu schonen, zu verbergen in einem sicheren Versteck: bei Mutti auf dem Schoß oder hinten in unserem Garten bloß.
Ein transatlantisches Sturmtief erstreckt sich bis zum Uralgebirge, verdrängt die subtropische Warmluft, die uns seit fünfundzwanzig Jahren einlullt in Friedensillusion und Wohlstandswahn. Zwar gab es irgendwo in der Welt immer ein bisschen Krieg, ein kleines Gewitter mit Hagelschlag, an dem wir teilhaben durften, aber doch nicht vor unserem Gartenzaun, vom Schlafzimmerfenster aus zu überschauen und zu hören, wie es munter blitzt und knallt. Aus dem Drei-D-Fernseher dräut ein Kanonenrohr, über der Sesselecke durchstößt es die Zimmerdecke, ein gepanzertes Kettenfahrzeug rammt die Giebelwand, das Haus stürzt ein, oder bilden wir uns das bloß ein?
Kaltluft polaren Ursprungs erfasst den Kontinent. Versiegt der Golfstrom, bricht eine neue Eiszeit an. Nördlich des Schwarzen Meeres, entlang der Luftmassengrenze, entladen sich schwere Unwetter. Unsere Kanzlerin verspricht sofortige Abhilfe über Twitter. Sie lässt für Milliardäre in Kiew Rettungsschirme made in Germany, aus Spendengeldern finanziert, verfrachten und versichert den baltischen Staaten, wir europäischen Demokraten lassen euch im Verteidigungsfall gegen den Russen keinesfalls im Stich.
Guttenberg sei Dank, er hat die Wehrpflicht abgeschafft. Es gibt kein Geflenne, kein Geschrei, nur Manneszucht im Söldnerheer. Schließlich ist Deutschland wieder wer. Der Präsident verkündet ohne Scheu, wir dürfen schießen auf alle, die nicht hören wollen und uns nicht vorschriftsmäßig grüßen, wie die faulen, frechen Griechen, hochverschuldet, ohne Geld, wissen nicht, was sich gehört in einer freien Welt.
Für den Frieden muss man etwas tun!
Im allerletzten Moment, bevor sich die Türen schlossen, sind am vorderen und hinteren Perron blaugrau uniformiert ein Mann und eine Frau zugestiegen. Niemanden auslassend, arbeiten sich die Kontrolleure, vom Jagdfieber auf Schwarzfahrer getrieben, beidseitig durchs Gewühl zur Mitte hin. Ihr Job, den Bus bis zum nächsten Halt zu durchkämmen. Keiner darf ihnen entwischen. Sie kennen sämtliche Ausreden und Tricks. Die Fahrpreise sind hoch – ja, das sind sie – aber Schwarzfahren kommt wesentlich teurer.
Ein winziges Persönchen wuselt zur Mitte, trachtet zu entkommen. Aussichtsloses Unterfangen. Die nächste Haltestelle zu weit, die Kontrolleure zu routiniert. Unscheinbar, zwischen ihren Plastiktüten, kauert sie sich auf den Boden hin. Verräterisch strahlt der wirre, schlohweiße Haarschopf der alten Frau. Von hinten und vorne umzingelt, in die Zange genommen, begrüßen die Beamten sie wie eine alte Bekannte. Die Frau erhebt sich, lächelt versonnen, als ginge sie hier alles nichts an. Auf das stereotype „den Fahrschein bitte zur Kontrolle“, streicht sie über ihr Haar, hält eine Hand ans Ohr, verzieht fragend den Mund, stößt unvermittelt hervor: „Schönes Wetter heute, nicht wahr?“ Die Fahrgäste um sie herum schauen schadenfroh zu. Pech gehabt, Madam. Jeder ist sich selbst der Nächste, mit sich selbst zufrieden, so es ihn nicht erwischt hat.
Gertrude Fingerlein, sechsundachtzig Jahre, Rentnerin, hat Zeit ihres Lebens geschuftet, zog sich selber die Hosen an, arbeitete, so man ihr Arbeit gab, packte an, half jedem, der sie darum bat, war stets Kumpel, Kamerad, stand ihren Mann, landete in einer Putzkolonne, beim Malochen ging sie hurtig voran, buckelte sich ab. Müßiggang kannte sie nicht. Trotzdem, ihre Altersrente heute ist gottesjämmerlich: fünfhundertsechzig Euro monatlich, dreihundertfünfzig die Miete, einhundertzwanzig für Gas, Wasser, Heizung und Licht, da bleiben knapp neunzig zum Leben. Wie der Bischof von Limburg, so verschwenderisch wie ein Kirchenfürst, kann sie das Geld nicht ausgeben. Mit ihren sechsundachtzig geht sie noch putzen, drei Euro fünfzig pro Stunde bar auf die Hand, es ist eine Schande, und von dem bisschen knappst sie für ihren Jungen, der sie mitunter besucht, noch ab. Beim Sozialamt die karge Rente aufstocken lassen, käme Gertrude Fingerlein nicht in den Sinn. Nein, in ein Altersheim sperrt sie niemand ein. Lieber lebte sie wie ein Hund auf der Straße.
Selbstverständlich sammelt sie Pfandflaschen aus Abfalleimern, stibitzt Essbares vom Kaufmarkt, wenn sie Hunger hat: Mundraub werde nicht bestraft, das habe schon ihre Großmutter gesagt. Steht doch in der Bibel: Wenn du in den Weinberg eines andern kommst, darfst du so viel Trauben essen, wie du magst, bis du satt bist, nur darfst du nichts in ein Gefäß tun. Aber in Deutschland sieht die Rechtslage anders aus, da wird Ladenraub auf Strafantrag verfolgt, selbst wenn es einen hungert, und er flink alles verschlingt. Aus Prinzip fährt Gertrude Fingerlein schwarz, um zu ihren Putzstellen zu gelangen. Sie verkörpere nicht mal die halbe Portion Lebendgewicht anderer und soll den vollen Fahrpreis zahlen? Die paar Pimperlinge, die sie sich mit Putzen mühselig verdient, kann sie dafür nicht verschwenden. Am Monatsende versorgt sie sich zuweilen von der Tafel, anfangs furchtbar blamabel, mit der Zeit empfindet sie nichts Schlimmes mehr dabei. Ich bin ein Mensch, allerdings alt, aber noch bin ich frei, möchte hingehen, wohin ich will, teilhaben am Leben!
