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Als Halb-Fae Tochter eines menschlichen Königs verbrachte ich meine Tage damit, mich vor der Welt zu verstecken – bis die Seelie-Fae eine Allianz mit unserem Königreich suchten. Als Gegenleistung für die Hilfe meines Vaters im Kampf gegen ihre Feinde, die Unseelie, sollte ich den herzlosen Atakan heiraten. Der Seelie-Prinz verabscheute alle, aber niemanden mehr als mich. In den Jahren bis zu unserer Hochzeit wurde jede Begegnung schrecklicher als die letzte, da er mir immer wieder bewies, wie er seinen berüchtigten Ruf erlangt hatte. Angst würde mich nur schneller ins Verderben stürzen. Also lernte ich, sie mit Spielen zu verbergen, die mir bald Freude bereiteten. Ich sollte mich nicht nach einem Monster sehnen. Doch gerade als ich glaubte, das Unzähmbare zähmen zu können, griff das Schicksal ein. Und führte mich direkt zu seinem Feind.
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Seitenzahl: 559
Veröffentlichungsjahr: 2026
Ella Fields
Übersetzt von Patricia Buchwald
Amid Clouds and Bones
Copyright © 2024. Amid Clouds and Bones by Ella Fields.
Published by arrangement with Bookcase Literary Agency.
The moral rights of the author have been asserted.
Copyright der deutschen Ausgabe. © 2026 VAJONA Verlag GmbH
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel
»Amid Clouds and Bones«.
Druck und Verarbeitung:
FINIDR, s.r.o.
Lípová 1965
737 01 Český Těšín
Czech republic
Übersetzung: Patricia Buchwald
Korrektorat: Anna Göber und Angela Dobbelstein
Umschlaggestaltung: Stefanie Saw
Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz
VAJONA Verlag GmbH
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe
Eine Ratte kroch durch einen Haufen Knochen.
Schritte hallten die Treppe hinunter, und ich zog meine angewinkelten Knie fester an meine Brust. Meine nasse Nase drückte sich gegen meinen Seidenrock. Die goldenen Blumen zwischen den rosa und purpurroten Falten schimmerten in der Dunkelheit. Bernie würde sauer auf mich sein. Es war mein bestes Kleid.
Schnelle Schritte kamen näher.
Zwei Zellen weiter fiepte die Ratte und schoss durch die Gitterstäbe, auf ein kleines Loch in der hintersten Wand des Kerkers zu.
Als Bernie mich fand und seufzte, wünschte ich mir, ich könnte so einfach entkommen. »Ein Kerker ist kein Ort für eine Prinzessin.«
»Ich will keine Prinzessin mehr sein«, sagte ich.
Das stimmte nicht ganz.
Prinzessin zu sein, war nicht immer so schlimm gewesen. Ich musste nichts von dem tun, was Bernie tat. Sie sagte oft, ich hätte Glück, weil ich spielen durfte, so viel ich wollte, solange ich mich vor Besuchern und bei wichtigen Anlässen versteckte. Aber wenn ich dafür den Fae entkommen konnte, würde ich meinen Titel gerne aufgeben.
Sicherlich gab es jemanden, der viel besser für ein Monster geeignet war. Jemand, der viel mutiger und kühner war. Ich verstand nicht, warum ich es sein musste.
Bernie lehnte sich an die Gitterstäbe meiner Zelle, unbeeindruckt vom Eisen.
Ihr kastanienbraunes Haar war zu einem strengen Dutt zusammengebunden. Locken lösten sich aus dem perfekten Nest und fielen ihr in das herzförmige Gesicht. Selbstbewusst, vornehm und unerschütterlich ihrer Pflicht als zukünftige Königin von Nephryn verpflichtet, war meine ältere Schwester alles, was ich nicht war.
Aber es war noch etwas anderes, das einen Keim der Verbitterung in mir aufkeimen ließ.
Prinzessin Bernadette war ein Mensch.
Deshalb war sie die bevorzugte Thronfolgerin.
Ihre Mutter, Königin Agatha, tat gerne so, als würde ich nicht existieren, was mir ganz recht war. Wenn sie sich herabließ, mich zu beachten, kam meistens nichts Gutes dabei raus.
Wahrscheinlich würde sie mich dafür bestrafen.
Bernies Lippen waren rosarot geschminkt. Sie verzogen sich liebevoll, als sie mir ihre Hand reichte. »Komm, Butter.«
Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass sie mich jemals anders genannt hatte. Es ließ mich hassen, wie mein hellgelbes Haar mich von dem Rest meiner Familie unterscheiden ließ.
»Ich kann nicht.« Mein Herz schlug seit dem Aufwachen wie wild. Ich war mir sicher, dass es versagen würde, wenn ich ganz Mensch wäre. »Ich will dich nicht verlassen«, krächzte ich. »Warum zwingst du mich dazu?«
Ihre Schultern sackten nach unten. »Du gehst heute nirgendwohin, Mildred«, sagte sie. »DU wirst den Prinzen noch sehr lange nicht heiraten.«
Nicht annähernd lange genug.
Meine Gedanken wirbelten. Dunkelheit kroch aus den Ecken des Kerkers auf mich zu. Ich schloss die Augen. »Ich glaube, mir ist schlecht. Sag Vater und Stiefmutter, dass es mir nicht gut geht.«
Bernie lachte, leicht und unbeschwert, als würde ich ihr nur von einem meiner Abenteuer im Wald erzählen. »Butter, du bist zehn Jahre alt. Du musst Prinz Atakan nicht einmal ansehen, wenn du nicht willst.«
Allein schon sein Name ließ sich meinen Magen zusammenziehen.
Mein Faegehör war oft eine tolle Unterhaltung – bis ich Dinge hörte, die ich nicht hören wollte. Seit Tagen kursierten Gerüchte unter den Bediensteten. Sie sagten, der Seelie-Prinz sei ein Monster. Obwohl er noch nicht einmal erwachsen war, war er als Atakan der Herzlose bekannt.
»Du musst nur nach draußen kommen und eine Weile dabei sein«, sagte Bernie leise. »Das ist alles.«
Ich dachte darüber nach und öffnete die Augen. »Zwei Minuten?«
Ein weiteres Lachen durchbrach die schwindelerregende Dunkelheit. »Vielleicht etwas länger, aber ich werde mich bemühen, es kurz zu machen.«
Ich blinzelte zu ihr hoch. »Wirklich?«
»Wirklich.« Sie lächelte und reichte mir die Hand.
Ich starrte sie an und kaute auf meiner wunden Lippe. Ich hatte heute Morgen zu viel daran geknabbert. »Aber was ist, wenn sie mir wehtun wollen?«
»Niemand will dir etwas tun, Mildred. Ganz im Gegenteil. Dies ist der Beginn einer mächtigen Allianz. Eine Allianz, die dazu beitragen wird, diesen Kontinent für die kommenden Jahrhunderte friedlich zu machen.«
Friedlich.
Bevor ich vor ein paar Wochen von dieser Vereinbarung erfahren hatte, wusste ich nicht, dass die Faereiche im Krieg lagen oder der Kontinent Elaysia ein so gefährlicher Ort war. Aber ich hatte auch selten das Schlossgelände verlassen.
Mein Vater und Bernie sagten, ich sei nicht alt genug, um sie auf ihren Reisen zu begleiten. Eine nettere Art, das auszudrücken, was meine Stiefmutter mir immer ohne Umschweife sagte: Ich sollte weder gesehen noch gehört werden.
Während sie also unterwegs waren, streifte ich durch den Wald und tat so, als wären unsere Hunde magische Rösser und Baumstämme Brücken, unter denen dunkle Wunder verborgen waren.
Es machte Spaß, sich dunkle Wunder vorzustellen, bis sie plötzlich allzu real wurden.
»Wie soll ich das schaffen?«, fragte ich, panisch bei dem bloßen Gedanken an diese riesige Verantwortung.
»Indem du einfach du selbst bist: magisch, abenteuerlustig und schlau«, erwiderte Bernadette und hob eine Augenbraue. »Jetzt beeilen wir uns, bevor Mutter dich suchen kommt.«
Königin Agathas Wut würde zweifellos jetzt für Peinlichkeit und später für Bestrafung sorgen.
Ich zuckte zusammen und legte meine Hand in Bernadettes, als sie nach vorn trat, um mich vom Boden zu ziehen. Oben auf der spiralförmigen Steintreppe des Kerkers blieb sie stehen, um mein Kleid zu richten und Staub und Spinnweben vom Rock zu entfernen.
»Du hast es furchtbar dreckig gemacht«, tadelte sie mich und seufzte tief. »Wir haben keine Zeit, dich umzuziehen, also hoffen wir einfach, dass es niemand bemerkt.«
Ich folgte ihr durch die sonnendurchfluteten Hallen.
Unter der Melodie der Flöten wurden die Gespräche lauter und lauter, wie ein Kompass, der uns zu unserem Ziel führte. Frische Wildblumen quollen aus Vasen auf jedem Tisch und aus den tiefen Fensterbänken. Kränze waren an den Türen und sogar an den Weinranken der Terrassenmarkise aufgehängt. Die Farben waren alle gleich: eine Mischung aus leuchtendem Gelb und hellem Blau.
Die königliche Farbe unseres Reiches war Gold, und die des Seelie-Faereichs Ethermore Blau.
Ich blieb stehen, um nach den Samtblättern über der Tür zu greifen.
Bernie zerrte mich an der Hand, und ich stolperte zu ihr auf die Steinterrasse. Die plötzliche Wärme so vieler Körper ließ mich kurz den Atem anhalten.
»Genau wie ich dir gesagt habe«, flüsterte Bernie mir zu. »Stell dir vor, sie sind alle Schafe und du bist ein Wolfsjunges, das niemand anfassen kann, egal wie klein es ist.«
Das funktionierte nur eine Minute lang.
Diese Leute waren keine Schafe. Ich versuchte es, aber als wir an den schicken Freunden meiner Stiefmutter, den Wachen und Beratern meines Vaters vorbeikamen, konnte ich es mir nicht vorstellen.
Als Reihen um Reihen von grau-blauen Uniformen meinen Blick auf meine geliebten Gärten versperrten, konnte ich keinen Weg mehr sehen – für einen Wolf, umgeben von unsterblichen Monstern.
Es waren so viele von ihnen auf der Wiese. Sie waren alle so stark, so groß, dass ich hinter ihren mit Emblemen verzierten Schultern kaum die Baumwipfel des Waldes sehen konnte.
Vor dem endlosen Meer aus starren Blautönen standen unser Vater und ein großer Mann, dessen Gesicht von der Sonne verdeckt war.
Als er uns kommen hörte, drehte sich Vater um und lächelte strahlend, doch seine Mundwinkel wirkten angespannt. »Bernadette.« Er legte eine Hand auf meinen Rücken und packte mein Handgelenk, um mich zu sich zu ziehen. »Da ist sie.« Er ließ mich los, aber seine schwere Hand blieb auf meiner Schulter liegen, als Trost und Warnung, stehen zu bleiben. »Meine Mildred.«
Ich hatte seine Ankunft nicht bemerkt. Ich sah immer noch nur die perfekten Reihen blau gekleideter Männer, die mit ihren klobigen Stiefeln unser smaragdgrünes Gras zertrampelten. Nur dass es gar keine Männer waren.
Es waren Fae.
Und ich war mir nicht sicher, ob ich noch atmete, als ich endlich zu dem großen Jungen aufblickte, der kein Junge war, sondern ein Faeprinz.
Mein zukünftiger Ehemann.
Atakan sah mich nicht an. Er schien sich mehr für einen Käfer zu interessieren, der durch das Gras an seinen Füßen krabbelte.
Er zertrat ihn so plötzlich, dass ich zusammenzuckte.
Der Griff meines Vaters wurde fester. »Das ist König Garran.«
Langsam nahm Atakan die Spitze seines Stiefels von den Überresten des Käfers und sah auf.
Bevor sich unsere Blicke treffen konnten, wandte ich mich dem König der Seelie zu. Er hatte schulterlanges, sandfarbenes Haar und ein warmes Lächeln, das nicht ganz zu seinen haselnussbraunen Augen passte.
Er nickte einmal. »Wie schön, dich kennenzulernen, junge Prinzessin.«
Mein Vater lachte freundlich, als ich nichts sagte. »Und das ist sein Sohn, Prinz Atakan.« Er tippte mir auf die Schulter und räusperte sich. »Sei nicht schüchtern.« Mit einem sanften Schubs schob er mich nach vorn. »Sag hallo.«
»Hallo«, piepste ich, als ein zitternder Atemstoß aus meiner Brust strömte, und ich achtete darauf, so weit von ihm entfernt zu bleiben, wie es angemessen erschien. Ich erinnerte mich daran, was Bernie gestern beim Abendessen zu mir gesagt hatte, und umklammerte mit feuchten Händen meinen Rock. Ich machte einen Knicks und zwang mich zu einem Lächeln, als ich mich aufrichtete. »Ich freue mich, Eure Hoheit kennenzulernen.«
Eine Lüge, von der ich hoffte, dass er sie nicht erkennen würde.
Mein Blick traf seinen – brennendes Bronze mit leuchtenden grünen Sprenkeln. »Es freut mich«, sagte er, als würde es ihn überhaupt nicht freuen.
Ich rümpfte die Nase.
Er blickte finster zu mir herüber, seine goldenen Augenbrauen zogen sich über seinen faszinierenden Augen zusammen.
Ein raues Gelächter lenkte meinen Blick vom Prinzen weg, als König Garran ihm auf die Schulter klopfte. »Verzeiht meinem Sohn seine Unhöflichkeit. Er wurde bei Vollmond geboren, und seitdem habe ich es nicht geschafft, ihm seine Frechheit abzugewöhnen.«
Mein Vater lachte erneut. Ich fragte mich, ob ich die Einzige war, die merkte, dass es gezwungen klang. »Lasst uns essen und die Kinder sich kennenlernen.«
Sofort löste sich die angespannte Stimmung in der Frühlingsluft, als sich die Leute bewegten.
Als aus Flüstern Geplauder und aus Geplauder Gelächter wurde, duckte ich mich hinter meinen Vater und wartete auf eine Gelegenheit, unbemerkt über den Rasen zur Terrasse zu sprinten.
Die Faewächter blieben vor den Rosenbüschen stehen. Aber sie grüßten unsere Wachen steif, als diese aus der Formation an den Hecken entlang der Schlossmauern traten, um sie zu begrüßen.
Das war genau meine Chance.
Doch sobald ich die Terrasse erreichte, packte Agatha meinen Arm. »Wo willst du hin?« Sie strich sich eine rotbraune Locke aus ihrer pausbäckigen Wange und zischte: »Du wirst mit dem Seelie-Prinzen gehen, Mildred.«
Ich blinzelte zu ihr hoch, das Sonnenlicht verschärfte den warnenden Ausdruck in ihren schokoladenbraunen Augen. »Aber …«
»Geh.« Sie ließ meinen Arm los und schob mich in Richtung der Faewächter.
Als ich zurück zur Terrasse schaute, packte mich eine Angst, die mir bis in die Knochen ging. Mein Vater und König Garran gingen ins Haus, vermutlich um wie Könige zu reden. Bernie unterhielt sich mit ihrem Verlobten, einem ruhigen Adligen namens Royce, der bei ihrem Anblick rot wurde.
Und Prinz Atakan stand vor einer Gruppe seiner Wachen, die alle nicht geneigt schienen, unsere Leute zu begrüßen.
Mit vor sich verschränkten Händen musterte der Prinz alles mit einem Ausdruck, den man nur als Abscheu bezeichnen konnte. Er wollte nicht hier sein. Ich hätte meine ganze Sammlung seltener Steine darauf verwettet, dass er mit diesem Bündnis nichts zu tun haben wollte.
Zumindest hatten wir eine Gemeinsamkeit.
Das gab mir den Mut, weiter über die Wiese zu gehen. »Ich wurde angewiesen, mit dir spazieren zu gehen.«
Der Wind wehte ihm weiße Haarsträhnen über die scharfen Wangen. »Tust du immer, was man dir sagt?«, fragte er, ohne mich auch nur anzusehen. »Du bist wirklich noch ein Kind.«
»Ich bin kein Kind«, sagte ich trotzig. »Ich bin fast elf.« Er schnaubte.
Bernie hatte mir erzählt, der Prinz sei fünfzehn und mit der Zeit würde unser Alter keine Rolle mehr spielen. Jetzt war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich ihr glauben sollte.
Als der Prinz seufzte und etwas über seine Göttin murmelte, hatte ich das schreckliche Gefühl, dass er, egal wie alt ich war, lieber irgendwo anders wäre, nur nicht in meiner Nähe.
Er ging neben mir her. Sein Schatten schwankte auf dem Gras, als er mit einer Hand durch sein langes blondes Haar fuhr. Es war länger als das seines Vaters und fiel ihm glatt bis auf die Schultern.
Ich hatte mich noch nie klein gefühlt. Ein Ärgernis, ja, aber nie klein.
Ich war immer einen Kopf größer gewesen als alle anderen Jugendlichen am Hof. Doch neben ihm fühlte ich mich wie ein Kleinkind.
Atakan schien so groß wie mein Lieblingskletterbaum und roch auch ähnlich. Die meisten Leute rochen nach Blumen und Puder aus der Flasche oder nach Moschus und Schmutz. Aber sein Duft war eine seltsame Mischung aus brennender Eiche und Pfirsichen.
Da ich wusste, dass ich etwas sagen musste, gab ich leise zu: »Ich habe heute zum ersten Mal einen Fae gesehen.«
Der Prinz sagte nichts. Jeder seiner Schritte schien seiner Energie nicht würdig zu sein.
Ich platzte heraus: »Du riechst anders.«
»Du auch«, sagte er. »Riechen alle Halbwesen wie eine verschimmelte Leiche?«
Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass er mich nicht nur neckte, sondern dass er den Kerker riechen konnte. Ich zögerte einen Moment, bis ich hervorstieß: »Ich rieche lieber wie eine Leiche, als mich wie eine zu benehmen.«
Sein tiefes Lachen kitzelte meinen Nacken, und ich erstarrte vor Angst.
Er ging zu dem Ahornbaum, weit genug, um uns vor den Ohren der Fae zu schützen, aber nicht so weit, dass seine Wachen uns nicht sehen konnten. Knielange schwarze Stiefel schmiegten sich an seine eng anliegenden Hosen. Im Gegensatz zu denen seiner Wachen waren seine Stiefel nicht klobig, sondern schlank, und das dicke Leder glänzte.
Zögernd folgte ich ihm.
Er lehnte sich gegen den Baumstamm. »Es hat Krallen.« Seine Arme verschränkten sich und zerdrückten die weit geöffneten, hellblauen Ärmel seiner luftigen, leichten Tunika. »Für das, was du vorhast, brauchst du mehr als das.«
Ich wagte es nicht, zu nah zu kommen, und blieb stehen, sobald meine Füße den Schatten des Baumes erreichten. Der Wind wehte mir meine Locken ins brennende Gesicht. »Warum?«
»Warum?«, wiederholte er mit hochgezogenen Augenbrauen.
Ich nickte und wartete, während ich zu ihm hinaufblickte, obwohl ich verzweifelt versuchte, meinen Blick abzuwenden. Er war genauso gutaussehend, wie die Gerüchte behaupteten.
Und genauso grausam.
Sein Lächeln war giftig, seine vollen Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, das ein verschmitztes Grübchen zum Vorschein brachte. Er drückte seinen Stiefel gegen die Baumrinde. »Du wirst schon sehen.«
Mein Magen zog sich zusammen. »Meine Schwester sagt, ein Ehemann soll seine Frau beschützen.«
Bernie hatte versprochen, dass ein Ehemann, egal wie zwanghaft eine Ehe auch sein möge, verpflichtet sei, für das Glück seiner Frau zu sorgen.
Als hätten meine Angst und meine Gedanken sie herbeigerufen, rief sie in der Ferne meinen Namen.
Prinz Atakans Blick huschte zu dem leisen Geräusch, dann fiel er auf mich und funkelte grün. »Lass mich das verdammt noch mal klarstellen, kleines Ding.« Ich riss die Augen auf, weil er so einfach fluchte. »Von allen Gefahren, die dich an meinem Hof erwarten, bin ich der Einzige, vor dem du geschützt werden musst.«
Tränen brannten in meinen Augen.
Bevor ich dem Drang zu fliehen nachgeben konnte, schritt er an mir vorbei und ließ mich zitternd im Schatten des Ahornbaums zurück.
Sparrow Hall lag im Herzen des Kontinents, ein scheunenartiges Gebäude, eingebettet in eine Biegung des Ribbon River.
Jahrelang hatte ich mich danach gesehnt, den Fluss zu sehen, der die Grenzen aller drei Reiche bildete. Jetzt, wo ich ihn vor mir sah, bemerkte ich nicht, wie er sich in flatternden Strudeln wand, denn ich sah nur noch Prinz Atakans weißblondes Haar und sein grausames Lächeln.
Unsere Kutsche holperte über einen großen Stein, und mir wurde übel.
Drei Jahre lang hatte ich versucht, die Abschiedsworte von unserem ersten Treffen aus meinem Kopf zu verbannen. Es war mir nicht gelungen. Zu oft war ich mit schweißnassen Laken aufgewacht, die an meinen Gliedern klebten, weil ich Albträume hatte.
Albträume von Wolken und Nebel, klebrig, während ich über Knochen stolperte und sein Lachen mich aus dem unentrinnbaren Himmel verfolgte.
»Schau mich an, Butter.« Bernie packte mein Kinn und lenkte meinen Blick von dem glitzernden Wasser hinter dem Kutschfenster ab. Ich runzelte die Stirn, aber mein finsterer Blick verschwand, als Bernie eine Haarsträhne zurückstrich, die über das Flechtband an meinem Haaransatz gefallen war. »Ich bleibe bei dir.«
»Mach keine Versprechen, die du nicht halten kannst«, wiederholte ich die Worte, die sie mir immer sagte.
Aber sie war jetzt verheiratet. Bald würde sie wahrscheinlich ein Kind haben. Ein menschliches Kind, das ihre ganze Zeit in Anspruch nehmen würde. Außerdem war ich alt genug, um für mich selbst zu sorgen. Ich hatte gelernt, nicht mehr aus meinem Zimmer in ihres zu rennen, wenn ich einen Albtraum hatte.
Die Angst hatte mich gefangen gehalten und einsam gemacht.
Bernadette konnte nichts ändern. Ich musste den Fae heiraten, der mich gewarnt hatte, dass er genauso monströs war, wie die Gerüchte behaupteten.
Und jetzt war es Zeit, meinen Verlobten wiederzusehen.
Der Krieg zwischen den Unseelie und den Seelie war nicht mehr auf die Faereiche beschränkt. Dieser Besuch an dem heiligen Ort des Friedens war nicht nur ein Treffen zwischen König Garran und meinem Vater, sondern ein Fest.
Eine unverzichtbare Demonstration der Unterstützung und Solidarität, hatte mein Vater gesagt. Die blutrünstigen Unseelie-Fae würden in die Schranken gewiesen werden. Die Strategien zu ihrer Niederlage, die in den letzten Jahren in enger Zusammenarbeit mit dem Seelie-Hof ausgearbeitet worden waren, wurden nun umgesetzt.
Wenn ich in der Nähe war, wählte mein Vater gerne milde Worte, aber ich wünschte mir, er würde einfach Klartext reden.
Der gesamte Kontinent befand sich jetzt im Krieg.
Nach dem ersten Krieg hatte sich das Menschenreich Nephryn aus den Streitigkeiten der Fae herausgehalten, und diese anhaltende Fehde zwischen den beiden Reichen hätte daran nichts ändern sollen. Aber auf das Offensichtliche hinzuweisen, war sinnlos. Außerdem wollte niemand meine Meinung zu irgendetwas hören. Ich war nicht nur zu jung, sondern meine spitzen Ohren, meine Größe und meine seltsam gefärbten Haare erinnerten sie auch daran, dass ich zu unmenschlich war.
Da meine Verlobung auf Pergament festgehalten worden war, wurde ich am Hofe besser toleriert. Agatha zog es jedoch weiterhin vor, dass ich mich nicht blicken ließ. Das war mir auch lieber. Vor allem jetzt. Ich wollte nichts lieber, als in der Kutsche zu bleiben oder mich in den Bäumen zu verstecken, die voller Krieger waren.
Bernie schenkte mir ein besorgtes Lächeln und half mir dann aus der Kutsche, obwohl sie wusste, dass ich das, ob in einem schweren Kleid oder kaum bekleidet, längst selbst konnte.
Während der Fahrt erzählte sie mir, dass die Unseelie-Fae jetzt auch unsere Feinde waren und ich vorsichtig sein sollte, obwohl Sparrow Hall heiliger Boden war. Ich warf ihr einen bösen Blick zu, bevor sie mir erklären konnte, warum.
Ich war zwar erst vierzehn, aber ich war nicht mehr naiv. Sie wusste, dass ich vieles mitbekam, von dem viele wünschten, ich hätte es nicht gehört. Dass ich weitaus mehr gelernt hatte, als sie oder meine Lehrmeister mir je beizubringen bereit gewesen waren.
Zum Beispiel, dass König Garran der Grund dafür war, dass sein Reich gerettet werden musste.
Das Seelie-Königreich Ethermore war schon seit Jahren ständig angegriffen worden, lange bevor der Unseelie-König vom Tod seiner Frau erfahren hatte. Als Königin Kalista vor ihm floh, schickte er seine Krieger, die meisten von ihnen waren bestialische Gestaltwandler, um sie zu jagen.
Diese Jagd hatte viele Dörfer und Städte in Flammen aufgehen lassen oder ins Chaos gestürzt und viele Zivilisten das Leben gekostet. Sogar in ihrem eigenen Königreich, den Bonelands.
König Garran hatte die Unseelie-Königin angeblich beherbergt und geliebt. Er hatte sie auch angeblich getötet, als sie versucht hatte, König Vorx’ Zorn zu besänftigen, indem sie zu ihm zurückgekehrt war. Garran hielt dies so lange wie möglich geheim, aber als Kalistas Schicksal aufgedeckt worden war, wurden die Jagden des Unseelie-Königs zu brutalen und rachsüchtigen Angriffen.
Wie bei allen Faegeschichten lag die Wahrheit irgendwo inmitten der kunstvoll verstrickten Dramatik.
Unabhängig davon, wer abscheulicher war, konnte Ethermore der Macht der Bonelands nicht standhalten. Sie brauchten unsere Soldaten. Im Gegenzug würden sie ein dauerhaftes Bündnis mit dem Menschenreich eingehen, indem sie mich mit ihrem Prinzen verheirateten.
Obwohl ich jetzt wusste, warum meine Zukunft so gefährlich war, gefiel es mir trotzdem nicht. Vor allem fand ich es scheiße, dass ich nichts daran ändern konnte. Mein unreines Blut machte mich zu einem Makel, den meine Familie versteckt hielt, nutzlos, bis sie eine Marionette brauchten.
Natürlich wollte ich, dass auf dem ganzen Kontinent Frieden herrschte. Ich war nur zur Hälfte ein Monster. Aber ich wünschte mir trotzdem von ganzem Herzen, dass sie einen anderen Weg finden würden, um die Grausamkeit des Unseelie-Königs zu beenden.
Der Gestank von Pferdemist und Fasswein verpestete die Frühlingsbrise. Ich richtete meinen Schal und hielt den apricotfarbenen Schleier fest um meine Brust geschlungen.
Mein Kleid saß besser als alle anderen, die ich bisher getragen hatte. Als wir uns an unserem letzten Stopp fertig gemacht hatten und ich mich ununterbrochen beschwert hatte, hatte Bernadette gezischt, dass ich eine Frau wurde und die Veränderungen daher notwendig seien.
Ich konnte nicht verstehen, warum es notwendig war, mir das Atmen fast unmöglich zu machen. Ich hatte auch vergessen, sie daran zu erinnern, dass ich kein Mensch war. Nicht ganz. Es hatte wenig Sinn, da sie es wusste. Da alle es wussten.
Das war der Grund, warum ich eines Tages alles, was ich kannte, hinter mir lassen würde, um unter Fae zu leben.
Mein bestürzter Gesichtsausdruck brachte Bernadette zum Lachen. Dann gab sie mir den Schal, den sie für sich selbst eingepackt hatte, um meine Brust zu bedecken.
Faekrieger und unsere Soldaten umzingelten die Lichtung am Flussufer, wo sich Sparrow Hall befand. In ihrer gold-blauen Uniform standen sie in unerschütterlicher Formation entlang der Baumgrenze und des gewundenen Feldwegs.
Zwei Seelie-Krieger standen Wache am hoch aufragenden Torbogen der Halle. Sie ließen sich Zeit, die schimmeligen Türen zu öffnen, und ich musterte ihre emotionslosen Gesichter. Die orangefarbenen Augen des einen und die Narbe, die die Wange des anderen zierte.
Vater war vor uns angekommen. Als hätte er es nicht mit tödlichen Wesen zu tun, lümmelte er am Kopfende des riesigen Banketttisches, die Wangen vom Lachen gefleckt und die Krone von einer Weinkaraffe baumelnd.
König Garran saß ihm gegenüber. Die gewölbte Holzdecke ermöglichte es ihren dröhnenden Stimmen, die Geräusche der Höflinge und Generäle, die zwischen ihnen saßen, und der Geigenspieler, die auf einer Plattform in der Ecke der Halle standen, mühelos zu übertönen.
Zum Glück war Prinz Atakan nirgends zu sehen.
Das Festmahl neigte sich wenige Minuten nach unserer absichtlich verspäteten Ankunft dem Ende zu. Nach einem Nicken unseres Vaters ließ Bernadette mich am Getränketisch stehen. »Bleib hier. Ich bin gleich zurück.«
Ich blieb nicht.
Als weitere einflussreiche Personen eintrafen und zu den Geigen kleine Trommeln hinzukamen, ging ich nach draußen, bevor die Feierlichkeiten richtig losgingen.
Die Halle stand nicht weit vom Fluss entfernt. Ein Weg aus braunen Steinen führte von der mit Wagen und Kutschen gefüllten Straße dorthin. Angeleinte Pferde grasten am Ufer.
Ich besuchte ein Pferd von uns, Olive, die an meinen Wangen schnüffelte, auf der Suche nach dem süßen Gebäck, das ich im Saal gegessen hatte.
Mein Lächeln verschwand, und ich lockerte meinen Griff um den Hals der Stute, als ich weibliches Lachen flussabwärts hörte. Der Halbmond wurde heller, als die letzten Farben der Dämmerung in der Nacht verschwanden.
Aber ich sah sie immer noch.
Zwei Gestalten kauerten an der Flussbiegung auf dem Gras, versteckt vor Sparrow Hall unter einer Trauerweide. Der blonde Mann wurde besser sichtbar, als er sich von der Frau wegrollte, die ihren zitronengelben Rock zurechtzog.
Prinz Atakan.
Mehr fasziniert als verängstigt beobachtete ich über Olives gefleckten Rücken hinweg, wie er durch sein langes Haar fuhr und dann sein Hemd zuknöpfte. Als Nächstes kümmerte er sich um seinen Frack, den er grob abbürstete, um alle Schmutzreste zu entfernen.
Ich musste mich nicht fragen, was sie getan hatten.
Obwohl ich noch nie geküsst worden war, hatte ich durch das, was ich gelesen und in den selten benutzten Sälen unseres Schlosses gesehen hatte, genug gelernt. Genug, dass ich Bernie, als sie kurz nach meinem dreizehnten Geburtstag versucht hatte, mit mir über Sex zu sprechen, an all die Bücher erinnerte, die ich mit ihrer Erlaubnis aus ihrem Zimmer geklaut hatte.
Sie hatte gelacht und mich am Kinn gekitzelt, während sie sagte: »Solltest du jemanden finden, der dir gefällt, denk daran, dass es am besten ist, vorsichtig zu sein und solche Angelegenheiten privat zu halten, damit deine Verlobung nicht gefährdet wird.«
Ich hatte niemanden gefunden, der mir gefiel. Die Jungs am Hof waren nichts als verwöhnte Ratten, die mich hänselten, wann immer sie konnten. Die Mädchen waren nicht viel besser, aber zumindest waren sie mir gegenüber einigermaßen höflich.
Selbst wenn ich mich für jemanden interessiert hätte, hätte ich solche Angelegenheiten geheim gehalten, um meinen Vater nicht in Verlegenheit zu bringen und mir nicht noch mehr von Agathas Verachtung einzuhandeln. Fae kümmerten sich nicht um Anstand und darum, ihre Unschuld für die Ehe zu bewahren.
Für sie war Sex so selbstverständlich wie jeder neue Morgen. Eine Möglichkeit, ihr unsterbliches Leben und die Zwillingsgöttinnen zu ehren, die ihnen dieses Geschenk gegeben hatten.
Also zog Prinz Atakan schamlos seine Hose hoch, als er aufstand.
Er reichte der Frau, die er auf dem Boden liegen gelassen hatte, nicht die Hand. Er stapfte zum Fluss und ließ sie allein mit ihren üppigen Röcken und ihrem offenen Mieder zurück.
Abwesend streichelte ich Olives Hals und beschloss dann, zurück in die Halle zu gehen, bevor ich gesehen wurde oder Bernie mich suchen kam.
Ich war noch nicht einmal auf halbem Weg den Kiesweg hinauf, als seine Stimme, jetzt noch sanfter, sich wie Krallen in meinen Rücken bohrte und mich innehalten ließ.
»Willst du heimlich einen Blick auf das werfen, was du niemals haben wirst, kleines Ding?«
Ich hätte nichts sagen sollen. Ich hätte so tun sollen, als hätte ich ihn nicht gehört, und weitergehen sollen. Stattdessen zog ich meinen Schal über meine Brust und drehte mich um.
Ich musterte ihn absichtlich langsam von oben bis unten und bemerkte den feuchten Fleck auf seiner schwarzen Hose. »Ich habe anscheinend den Teil verpasst, in dem du dich vollgepisst hast.« Grinsend sagte ich: »Schade.«
Er schaute nicht einmal auf seine Hose, obwohl ein Muskel in seinem zusammengebissenen Kiefer zuckte.
Er ging an mir vorbei und blieb dann stehen.
Ich wandte mich zu ihm, neigte den Kopf und schüttelte ihn, bevor ich um ihn herumging. Etwas Warmes, vielleicht ein Hauch von Sieg, erleichterte jeden meiner Schritte.
Kieselsteine knirschten unter seinen Stiefeln, als er mir folgte.
Sein süßer, rauchiger Eichenduft, der von der Frau stammte, mit der er zusammen gewesen war, umhüllte mich, als würden seine Verärgerung und sein Zorn seine Energie anfachen. Vielleicht war es das auch, denn er sagte mit einer Gleichgültigkeit, die ich nur zu gut kannte: »Du hast deine kleinen Krallen geschärft, wie ich sehe.«
Die Erinnerung an seine Drohung bei unserem ersten Treffen ließ mich innehalten.
Er nutzte das aus und trat wieder vor mich.
Mein Magen zog sich zusammen.
Er war viel größer und breiter, als ich ihn in meinen Albträumen gesehen hatte. Drei Jahre waren vergangen. Drei Jahre, in denen ich versucht hatte, mein Schicksal zu vergessen. Drei Jahre voller Albträume, die mich daran erinnerten, dass Vergessen sinnlos war.
Leider war er auch noch attraktiver geworden.
Seine königlichen Wangen hätten Herzen zerbrechen können, nachdem sein einzelnes Grübchen und sein hübsches blondes Haar sie betört hatten. Aber es waren seine Augen, die bronzefarben leuchteten und mit smaragdgrünen Sprenkeln funkelten, die mich wirklich in ihren Bann zogen.
Lange braune Wimpern senkten und hoben sich wieder, als sich seine vollen Lippen zu einem Lächeln formten. »Die Zeit ist nicht gut zu dir gewesen, Prinzessin.«
Ich schluckte schwer. Ich hatte mich so sehr geweigert, mich von ihm einschüchtern zu lassen, dass ich offenbar vergessen hatte, dass er mich ganz einfach verärgern konnte.
Als wollte er sichergehen, dass ich die Beleidigung auch verstanden hatte, trat er mir auf mein blutendes Herz. »Du bist immer noch ein halber Zwerg.«
»Und du bist immer noch ein arroganter Arsch«, erwiderte ich spitz, bevor ich mich zurückhalten konnte. »Der nach seinem eigenen Sperma stinkt.«
Ich ging um ihn herum, hielt den Atem an und fürchtete, ich würde es nicht bis zur Halle schaffen.
Ich schaffte es, aber das war kaum eine Gnade.
Die folgenden Stunden zogen sich schmerzhaft hin – ich stand im Schatten, während der Prinz und seine Faefreunde tanzten, lachten und ständig in meine Richtung schauten.
Meine einzige Freude war es, Atakan dabei zuzusehen, wie er versuchte, seine Hose mit etwas zu schrubben, das wie Wein aussah.
Ich schaffte es, noch vor Mitternacht zu fliehen, und schloss mich im Wagen ein, um zu lesen, während Bernie ein Auge auf unseren total betrunkenen Vater hatte.
Aber ich war dumm gewesen, zu glauben, dass ich meine zweite Begegnung mit dem Prinzen mit einem Funken Zufriedenheit überstanden hatte.
Etwas schlug gegen den Wagenboden. Ein Zischen folgte, als ich erschrak und mein Buch auf das Wesen fallen ließ.
Eine zweiköpfige Schlange.
Ich tastete nach der Tür, stellte aber fest, dass sie von außen verschlossen war.
Langsam zog ich meine Füße auf den Sitz und versuchte, meine Angst zu überwinden.
Ich hatte so viel Zeit im Wald verbracht, dass meine Lehrerin mir beigebracht hatte, was ich tun sollte, wenn ich Raubtieren begegnete. Sie hatte gesagt, dass sie Angst riechen könnten. Meine Atmung zu beruhigen und …
»Keine Panik«, flüsterte ich. Keine Panik, keine Panik, keine –
Die Schlange stürzte sich auf mich und ich schrie.
Zwei Reißzähne versenkten sich in meinem Knöchel.
Ich schrie und schrie, so laut, dass ich das Gelächter von draußen übertönte.
Ich schüttelte mein Bein, aber die Zähne gaben nicht nach. Da ich wusste, dass sich das Gift gefährlich schnell ausbreiten würde, wenn ich die Wunden verschlimmerte, versuchte ich nicht, das Tier loszureißen. Ich krallte mich an den Gitterstäben des Fensters fest, rüttelte an dem Stahl, während ich weiter mein Bein schüttelte und schrie.
Da sah ich, wer die Schlange durch das Wagenfenster geworfen hatte. Schreie hallten wider, aber ich verstummte.
Prinz Atakan stand neben Olive. Er streichelte ihren Hals, hob einen Weinkelch in meine Richtung und nippte daran.
Soldaten kamen näher, und er grinste, bevor er in der Dunkelheit verschwand.
Ich sah nichts mehr.
Die Kutschentür flog auf, und die zweiköpfige Schlange ließ meinen Knöchel los, um sich den Soldaten zuzuwenden.
Sie wichen von der Tür zurück, die Frau zog ihr Schwert.
Ich schloss die Augen, während das Gift eine Spur an meinem Bein hinaufbrannte. Als meine Brust mit einem ähnlichen Gift gefüllt wurde – einer Wut, die mich dazu brachte, die Schlange am Hals zu packen und an den nutzlosen Soldaten vorbeizustoßen.
Ich marschierte zum Wasser und warf sie hinein.
Die Schlange wand sich in der Luft, bevor sie die sternenbeleuchtete Oberfläche des Flusses durchbrach.
Bernadette stand mit offenem Mund da, als sie mich erreichte und ihren Rock losließ. »War das eine zweiköpfige Schlange?« Sie untersuchte mein Gesicht zwischen ihren Händen und tätschelte dann meine Arme. »Geht es dir gut?«
Ich nickte, obwohl es eine Lüge war.
Wut, Angst und Schmerz verschmolzen zu einer riesigen Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die mich gegen sie prallen ließ, und wir fielen beide ins Gras.
Ich strich über die leicht erhabenen Narben an meiner Knöchelinnenseite.
Der Ballsaal war bereits bis zum Bersten gefüllt, aber ich machte mir keine Sorgen, dass ich zu spät kommen würde. Wieder einmal hatte ich das ganz bewusst so geplant. Je weniger Zeit ich in der Gegenwart von Fae verbrachte, desto besser.
Mein Vater war nicht begeistert gewesen, als er mich zuvor beim Trinken von Pfefferminztee und Lesen erwischt hatte, weit davon entfernt, mich für die eintreffenden Gäste fertig zu machen. Er hatte behauptet, diese Zusammenkünfte seien genau das Richtige, um mich auf meine Zukunft vorzubereiten.
Ich hatte ihm nie die Wahrheit über die zweiköpfige Schlange erzählt.
Es hatte eine Woche gedauert, fast die ganze Heimreise von Sparrow Hall, bis das Fieber gesunken war und die Halluzinationen aufgehört hatten. Wäre ich nur ein Mensch gewesen, hätten mich die Bisse wahrscheinlich getötet, bevor wir einen Heiler gefunden hätten. So erinnerte ich mich an nichts anderes von dieser qualvollen Reise als daran, wie ich um den Tod gebettelt hatte.
Ich hatte es auch Bernadette nicht erzählt.
Das musste ich nicht. Sie hatte mehr als einmal bemerkt, wie ich die winzigen Narben berührte, und ich vermutete, dass die Soldaten, die sie meinen Vater zur Degradierung überredet hatte, ihr bestätigt hatten, was sie sich zusammengereimt hatte. Die Sorge hatte ihren Duft versüßt und ihre blauen Augen in den Tagen, in denen sie sich auf den Ball heute Abend vorbereitet hatte, trüb gemacht.
Noch eine Feier.
Nach Jahren des Blutvergießens und der Zerstörung waren die Unseelie überwältigt und gezwungen worden, sich in ihr Reich in den Bonelands zurückzuziehen. Das Ziel war nun, die Oberhand zu behalten, indem man sie dort festhielt. Ich hatte das Flüstern hinter der Tür des Arbeitszimmers meines Vaters gehört.
Unsere vereinten Kräfte würden nicht ausreichen, um die Rückkehr der Unseelie-Streitkräfte zu verhindern, daher arbeiteten zahlreiche Hexenzirkel an einem Zauber, um sie in den Bonelands festzuhalten.
In der Zwischenzeit starben weitere Seelen, während unsere Armeen die zurückeroberten Gebiete verteidigten – einen Sieg, den Garran und mein Vater bereits feierten.
Vielleicht zu früh.
Ich hatte keine Ahnung, was der Zauber beinhalten würde oder ob so etwas überhaupt möglich war, und es war mir auch ziemlich egal. Ich wollte nur die hübschen Augäpfel des Prinzen aus seinem widerwärtig bösen Kopf herausschneiden und sie zertreten, während er schrie.
Natürlich konnte ich mit etwas so Offensichtlichem und Groteskem nicht davonkommen. Nach meinen Recherchen dauerte es Wochen, bis sich Faeorgane vollständig regenerierten. Aber ich würde mit etwas anderem davonkommen.
Ich ließ meinen Rock über meine Knöchel fallen, stand vom Sessel auf und verließ das dunkle Wohnzimmer.
Wachen standen in einer Reihe im Flur. Sie hielten ihre Kinne hoch, obwohl ich spürte, wie einige von ihnen mich ansahen, als ich absichtlich an meinem Mieder zupfte.
Der Ballsaal war eine grelle Explosion aus Himmelblau und Gold.
Blumen quollen aus den Architraven. Goldene Kelche mit blutrotem Wein standen auf jedem Tisch, der sich schnell mit Leckereien und Fleischgerichten füllte. Wachstropfen beschwerten bereits Seidenbänder, die von den schmiedeeisernen und goldenen Kronleuchtern hingen.
Ich hoffte insgeheim, dass eines in Flammen aufgehen würde. Dann wären wir alle gezwungen gewesen, den Ballsaal zu verlassen, und ich könnte etwas anderes tun. Etwas, das nichts mit Fae zu tun hatte.
Eine vertraute Melodie vom Klavier begrüßte mich, und ich lächelte, als ich mir eine lose Locke von der Wange strich.
Bernadettes Mann Royce war mir seit ein paar Monaten nach ihrer Hochzeit etwas misstrauisch gegenüber – ich war die kleine Halbschwester, die mit verschmitztem Lächeln und grüblerischer Miene durch die Flure schlich. Mit der Zeit wurde aus dieser Vorsicht ein trockener Humor, den ich insgeheim immer mehr zu schätzen lernte. Er behandelte meine Schwester wie die Königin, die sie eines Tages werden würde, daher kümmerte es mich nicht sonderlich, was er von mir hielt.
Aber ich liebte es, ihm beim Klavierspielen zuzuhören.
Die Gäste umringten Royce, doch als er von den Tasten aufblickte, war sein Lächeln nur für meine Schwester bestimmt. Bernies Wangen waren rosig von Rouge und Glück.
Mein Vater fand mich, bevor ich zu ihnen gehen und ihre fröhliche Blase zum Platzen bringen konnte.
»Meine Mildred.« Er breitete die Arme aus, als er näher kam. Er küsste mich auf die Wange und umarmte mich. »Du siehst bezaubernd aus.«
Ich trat einen Schritt zurück und drückte meine Hand an seine warme Wange.
In seinem bevorzugten gold-schwarzen Frack und mit der dazu passenden Krone, die sein schütteres graubraunes Haar flach drückte, strahlte er ungepflegte Autorität aus. Obwohl er mein Leben mit dieser Allianz ruiniert hatte, wurden die Dornen, die mein Herz für immer umschlangen, gegen meinen Willen weicher.
Trotz allem, was er getan hatte, um mich zu ruinieren, liebte mich dieser König.
Liebe abzulehnen, wenn ich so wenig davon hatte, war fast so unmöglich, wie sie anzunehmen. Egal, wie sehr sie mit jedem Jahr dunkler wurde, meine Seele hungerte nach Zuneigung.
»Dieses Mieder ist viel zu klein.« Agatha, gekleidet in ein kastanienbraunes Kleid mit goldener Spitze, hakte sich bei meinem Vater unter. »Wenigstens hast du etwas mit deinen Haaren gemacht.« Sie warf einen Blick auf mein glockenförmiges Kleid und nippte an ihrem Wein. »Wir sollten Jacqueline für dieses Versäumnis einen Teil ihres Lohns kürzen.«
Das war kein Versäumnis.
Ich war einfach zu sehr gereift für den Geschmack der Königin. Meine Brüste drohten, sich aus den atemberaubenden Schnürungen zu befreien, und meine breiten Hüften wurden von Minute zu Minute blauer. Es sollte keine Überraschung sein – immerhin hatte ich das sechzehnte Lebensjahr längst überschritten.
Aber ich sollte nicht attraktiv sein. In Agathas Augen war ich nichts weiter als eine Folge des Versagens ihres Mannes, die man am besten aus dem Blickfeld verbannte.
Mein Vater hatte immer noch Geliebte, aber wenn wir allein waren, erinnerte er mich immer daran, dass meine Mutter, eine Fae, die viele Jahre für ihn gearbeitet hatte, seine wahre Liebe gewesen war. Wenn ich ihm zuhörte, wie er von ihr erzählte, erfüllte mich das mit schmerzlicher Glückseligkeit, und ich stellte ihm unzählige Fragen über die Frau, die ich nie kennenlernen würde.
In den Jahren nach meiner Verlobung hörte ich auf, nach meiner toten Mutter zu fragen.
Stattdessen begann ich zuzuhören.
Ich war nur Prinzessin von Nephryn, weil meine Seelie-Mutter bei meiner Geburt in diesem Schloss gestorben war. Zumindest hatte man mich das glauben lassen. Gerüchte besagten jedoch etwas anderes: Wenn Agathas Plan nicht vereitelt worden wäre, wäre auch ich zusammen mit meiner Mutter gestorben.
Die kalte Gleichgültigkeit, die Julis Nephryn seiner Frau entgegenbrachte, sprach Bände darüber, was in der Nacht meiner Geburt wirklich passiert war. Als ich alt genug war, um die Gerüchte und ihren Hass auf mich zu verstehen, nannte ich Königin Agatha nie wieder meine Stiefmutter.
»Mit Ausnahme meiner verstorbenen Mutter …« Zögernd berührte ich die wilden Wellen, die zu einem Knoten auf meinem Kopf zusammengebunden waren, »ist Jacqueline wahrscheinlich die beste Schneiderin, die dieses Königreich je gesehen hat. Es wäre nicht klug, jemanden zu beleidigen, der so hoch geschätzt wird.« Zum Teufel mit dem Adel, diese Frau würde ihr Talent gerne woanders einsetzen.
Wut vertiefte die Falten um Agathas zusammengepressten Mund.
Aber sie wusste, dass ich die Wahrheit sagte, also schnaubte sie nur. »Komm, Julis. Der König der Seelie und Lord Stone warten.« Mit einem abweisenden Blick auf mich sagte sie: »Versuch, heute Abend nicht über irgendetwas Giftiges zu stolpern.«
Natürlich hatte Agatha darauf bestanden, dass der Biss einer zweiköpfigen Schlange nichts weiter als ein Schrei nach Aufmerksamkeit war. Sie hatte triumphierend verkündet, dass all meine dummen Streifzüge durch den Wald mich ausgerechnet im ungünstigsten Moment eingeholt hätten.
Mein Vater wusste genau, dass ich keinerlei Interesse an der Zukunft hatte, die er mir wie eine Schlinge um den Hals gelegt hatte. Er hatte keinen Kommentar zu der Schlange abgegeben, obwohl ich bemerkt hatte, dass er mich in den Wochen nach unserer Rückkehr aus Sparrow Hall öfter als sonst angestarrt hatte.
Jetzt tat er es wieder. Dann zwinkerte er mir zu und ließ sich von seiner Frau in die Menge führen.
Die Seelie-Fae von Ethermore waren leicht zu erkennen. Nicht nur wegen ihrer Größe, ihrer unheimlichen Schönheit und ihrer freizügigen, dramatischen Kleidung, sondern auch wegen ihres Verhaltens.
Sie standen regungslos an den Wänden oder schwebten anmutig zwischen den Menschen hindurch und betrachteten alles mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu.
Niemand mehr als mein lieber Prinz.
Eingebettet in eine Schar von Faefrauen lehnte Atakan an der Wand. Der einzige Mann in ihrer Mitte, der so gelangweilt wirkte, dass er hin und her schwankte, erstarrte, als er bemerkte, dass etwas die Aufmerksamkeit seines Prinzen auf sich gezogen hatte.
Hellblaue Augen trafen meine, als er über seine Schulter blickte. Ein Ausdruck der Freude verzog seinen Mund. Phineus Oldwood, angeblich der Cousin zweiten Grades und lebenslanger Freund des Prinzen.
Grinsend nahm ich etwas Wein von einem vorbeigehenden Kellner, bevor ich mich an die Wand direkt gegenüber dem Prinzen zurückzog. Ich lehnte mich dagegen.
Und wartete.
Tanzende und sich bewegende Körper versperrten mir die Sicht auf den Prinzen und seine Freunde. Aber ich hielt meinen Blick auf Phineus gerichtet. Ein stämmiger Mann bewegte sich und gab mir den Blick frei auf den finsteren Blick, den der Prinz seinem Cousin zuwarf.
Ich nippte an meinem Wein.
Auf der anderen Seite des Raumes lenkte König Garran mit einer auffälligen Darbietung mit seinem Freund Lord Stone, die Aufmerksamkeit auf sich. Die Frau des Letzteren trat zurück und schüttelte den Kopf. Juwelen funkelten, als der Seelie-König seine Krone nur mit Hilfe seiner Windmagie gegen die hohe Decke warf und Stone sie mit einer Handbewegung vor den Blicken der anderen verbarg.
Nebel, vermutete ich, als die leichte Wolke sich auflöste.
Es ging das Gerücht herum, dass Atakan die Fähigkeiten seines Vaters nicht geerbt hatte und viele glaubten, dass der Groll und die Scham für seine Rücksichtslosigkeit verantwortlich waren.
Menschen kamen näher, zu fasziniert, um sich an ihre Angst vor Verbrennungen zu erinnern. Sie lachten und klatschten und ermutigten den König und den Lord, weiter zu zeigen, was sie konnten.
Ich schaute zurück zu Phineus und hielt meine neugierigen Augen von meinem Verlobten fern. Ich wartete, nippte an meinem Wein und zwang mich, meinen Blick kurz durch den Raum schweifen zu lassen.
Wenn ich Phineus ködern könnte, würde ich vielleicht einen Prinzen an Land ziehen.
Aber es war nicht Phineus, der sich schließlich durch die Menge drängte und auf mich zuging. Der Abend verlief besser, als ich es mir hätte erträumen können.
Atakan blieb stehen, als er näher kam, vielleicht zwei seiner langen, gleitenden Schritte von mir entfernt. Mit dieser Distanz konnte er seine Abneigung zum Ausdruck bringen. Mir war er ohnehin viel zu nahe, sein Duft war nicht mehr eine holzige, süße Ergänzung zu all den anderen Düften im Raum.
Es war eine Wolke, die sich um mich bildete und mich einfing.
Er sagte, was er schon lange wusste. »Du hast also mein giftiges Geschenk überlebt.« Sein Blick wanderte langsam über mich, sodass ich einen Schauer unterdrücken musste. »Vielleicht steckt genug Faeblut in dir, um einen Käfig in meinen Gemächern zu verdienen.«
»Das klingt …« Ich tat so, als würde ich darüber nachdenken, »erregend.«
»Wenn du so drauf bist, könnte ich mich an meinen ursprünglichen Plan halten.«
Neugierig geworden, lachte ich trocken. »Darf ich fragen, was das wäre?«
Seine hübschen Augen senkten sich auf meinen Mund. Einen Moment später wanderten sie zu meinen Brüsten. Obwohl ich ihn hasste, schnurrte eine selbstgefällige, katzenhafte Befriedigung in mir.
»Angeleint in einer der Stallboxen.« Sein Blick hob sich zu meinem, fest wie Bronze. »Nackt.«
Ich lächelte. »Erzähl mir mehr.«
Seine goldenen Augenbrauen hoben sich. »Meine …« Amüsement spielte um seine Lippen. »Wie du dich verändert hast, kleines Ding.«
»Und du überhaupt nicht«, log ich und hielt inne. »Immer noch so selbstbewusst widerwärtig.«
Atakan war fünf Jahre älter als ich und jetzt einundzwanzig. Das eng anliegende, zerknitterte weiße Hemd, das seine muskulösen Arme und Schultern bedeckte, unterstrich dies deutlich. Ebenso wie die härteren Konturen seines markanten Kinns, wenn er die Zähne zusammenbiss.
Er war völlig gereift. Zumindest sein Körper war es.
Obwohl ich wusste, dass er mir im Ballsaal meiner Familie und umgeben von so vielen Zeugen kaum etwas antun konnte, war ich dennoch leicht angespannt.
Aber sein Kiefer entspannte sich. Gerade genug, dass sich sein grausamer Mund zu einem Lächeln verzog, als er flüsterte: »Ich freue mich darauf, dir zu zeigen, wie selbstbewusst widerwärtig ich sein kann.«
Ich schaute zur filigranen Decke und seufzte. »Das Leben kann hier in diesem riesigen, wunderschönen Schloss so langweilig sein.« Dann klimperte ich mit den Wimpern und nippte an meinem Wein. »Mit der Zeit wirst du lernen, dass Drohungen mir nur etwas bieten, womit ich mich amüsieren kann, Prinz.«
Ein Diener näherte sich mit einem Tablett, auf dem nur ein Weinkelch stand.
Atakans Auge zuckte. Das Bronze glänzte mit smaragdgrünen Flecken, als er einen halben Schritt näher kam. »Du gibst dir alle Mühe, mutig zu sein, aber das ist auch schon alles …« Er schnappte sich den Kelch, ohne auch nur einen Blick auf das Tablett oder den Kellner zu werfen, und nippte daran. Er schluckte und grinste dann bösartig. »Nur ein bewundernswerter Versuch.«
Ich zuckte mit den Schultern und trat mutig vor, um zu flüstern: »Die Zeit wird es zeigen.«
Ich ließ ihn wütend zurück und machte mich auf die Suche nach Bernadette.
Manche würden sagen, dass so ein Rachefeldzug extrem war, aber ich würde vermuten, dass diese Leute nicht einen Tropfen Faeblut in ihren Adern hatten.
Alles, was ich jemals gewollt hatte, war der Trost, den die Liebe mit sich brachte – die Akzeptanz. Was ich war, hatte mich nur von dem getrennt, was ich am meisten wollte, und deshalb hatte ich mir nie gewünscht, so zu sein wie die hübschen Monster, die unseren Ballsaal besuchten.
Doch dem Teil von mir nachzugeben, den ich so lange verachtet hatte, verschaffte mir einen Hauch von Frieden, den ich seit Jahren nicht mehr gespürt hatte – seitdem ich erfahren hatte, dass meine Verlobung meinen Untergang bedeuten würde.
Rache war ein Spiel, das die Fae nicht verlieren wollten.
Eine zweiköpfige Schlange so weit im Osten des Kontinents zu finden, war keine leichte Aufgabe gewesen. Ich war unter dem Vorwand, einen Seher zu treffen, um ihm ein Geschenk für mein sechzehntes Lebensjahr zu bringen, tiefer ins Landesinnere gereist. Näher an die Grenze zwischen Nephryn und Ethermore.
Ich hatte keinen Seher getroffen. Ich wollte die Details meiner Zukunft nicht wissen – die Schrecken, die mich erwarteten. Ich wusste genug.
Stattdessen hatte ich die Wachen bezahlt, in der Stadt auf meine Anweisungen zu warten und jedem, der nach der Verzögerung meiner Reise fragte, mitzuteilen, ich hätte einen Jungen getroffen, mit dem ich ein wenig spielen wolle.
Nachdem ich drei Tage lang Fallen aufgestellt und am Ribbon River gezeltet hatte, fing ich endlich eine Schlange. Eine Junge. Obwohl ich nach dieser Woche voller Angst und Schmerz keine Liebe für diese Spezies empfand, ließ ich sie am Leben.
Natürlich erst, nachdem ich mit ihr fertig war.
Es hatte mich einen halben Beutel Silbermünzen gekostet, unseren Tränkemacher zu beauftragen, das Gift der Schlange heimlich in eine Phiole zu füllen. Die andere Hälfte musste ich Jesper bezahlen – dem einzigen Küchenjungen, dem ich einigermaßen vertrauen konnte –, damit er den Wein im richtigen Moment lieferte.
Das war es wert.
Atakans hervorquellende Augen suchten sofort meine, als er zurück in den Schatten des Personaleingangs stolperte.
Ich prostete ihm mit meinem Kelch zu und nippte daran.
Und zum ersten Mal, seit ich ihn kennengelernt hatte, ließ mich echte Freude lächeln.
Eingehüllt in Nebel und umgeben von schneebedeckten, abfallenden Wäldern, fügte sich das Cloud Castle nahtlos in die Himmelsberge ein.
Während ich mich in meinen Zimmern oder hoch oben in einem Baum versteckte, hatte ich öfter, als ich jemals zugeben würde, Abbildungen der aus Wald erbauten Festung studiert, die bald mein Zuhause sein würde.
Mein Vater besorgte mir freudig alle Bücher und Illustrationen, die ich wollte. Seine Schuldgefühle zwangen ihn, mir alles zu geben, was ich brauchte, um mich an diese Zwangsheirat zu gewöhnen, und ich nutzte das voll aus.
Manchmal fragte ich mich, was er tun würde, wenn er wüsste, dass das, was ich brauchte, niemals auf Pergament zu finden war. Wenn er wüsste, dass es mir nicht darum ging, mein Unbehagen zu lindern, sondern mich mit Wissen zu wappnen, um meine Überlebenschancen zu verbessern.
Ich fragte mich, ob er irgendetwas tun würde.
Die Türme des Schlosses waren riesige alte Bäume, deren belaubte Äste sich fast berührten, und die Festung dazwischen war aus Holz und Stahl gebaut. Zwischen den Türmen spannte sich eine aus Ästen errichtete Wehrmauer, auf der Wachen patrouillierten.
Weitere standen in strenger Formation zu beiden Seiten der steilen Bergstraße.
Mit der Kutsche hätte die Reise quer durch den Kontinent je nach Wetter drei bis vier Wochen gedauert. An diesem Abend hatte die Vorbereitung gerade einmal zehn Minuten in Anspruch genommen. König Garran hatte seine vertrauenswürdigsten Männer geschickt, um uns in das Cloud Castle zu bringen, angesehene Krieger, die sich nach Belieben von einem Ort zum anderen bewegen konnten.
Bernadette hätte sich fast übergeben, als unsere Füße den unbefestigten Weg berührten.
Leise fasziniert und nur ein wenig benommen, rieb ich ihr über den Rücken, während sie meinen Arm drückte. Der Krieger verzog das Gesicht und zog sich schnell zurück.
Hinter uns ragten offene Holz- und Stahltore empor, die denjenigen, die in ihren glitzernden Gewändern aus dem Tal hinaufstiegen, den Zutritt gewährten.
Wir waren nach Ethermore gerufen worden, um den Untergang des Unseelie-Königs zu feiern.
Die königliche Stadt Cloudfall war ein funkelnder Diamant in der Ferne, deren Feierlichkeiten den Fluss unter den Bergtälern erhellten.
König Vorx hatte sich mit seinen Truppen an der Grenze zum Boneland versammelt, um die Hexen zu jagen, die unermüdlich daran gearbeitet hatten, den Rest des Kontinents vor seinem unstillbaren Zorn zu schützen. Monatelang waren Hexenzirkel unter dem Schutz unserer Armeen gereist, um das Reich vor den Unseelie zu verteidigen. Fast die Hälfte von ihnen war umgekommen, und eine Hexe war gefangen genommen worden.
Bernie hatte mir erzählt, dass die Hexen geschworen hatten, einen Zaubertrank zu sich zu nehmen, wenn sie vom Feind gefangen genommen würden. Der würde sie in einen tiefen Schlaf versetzen. Ich hätte nicht fragen müssen, ob die gefangenen Hexen jemals wieder aufwachen würden.
Wie auch immer, ihr Zauber hatte gewirkt. König Vorx war getötet worden, und sein Sohn Vane regierte nun über ein Königreich, das in seiner eigenen Dunkelheit gefangen war.
Mein Vater und König Garran waren mehr als zufrieden.
Sie waren total betrunken. Der Wein schwappte aus ihren Kelchen, während sie jeden Krieger und jeden wichtigen Gast, der das Cloud Castle betrat, persönlich begrüßten.
Viele Krieger waren tot. Andere waren schwer verwundet, für immer gezeichnet, und viele weitere hatten verständlicherweise kein Interesse an den Feierlichkeiten. Unsere eigenen Soldaten hätten die Strecke nicht zurücklegen können, selbst wenn sie gewollt hätten, da das schlimmste Blutvergießen und die Zauber erst vor drei Tagen aufgehört hatten.
Als wir den Hügel hinauf zu den Königen gingen, verstärkte Bernie ihren Griff um meinen Arm. »Bleib in meiner Nähe.«
Ich runzelte die Stirn. »Mir geht es gut.«
Sie warf einen besorgten Blick auf König Garran. Ihr Flüstern war so leise, dass ich es trotz meines guten Gehörs kaum hören konnte. »Jeder Eid ist für die Fae Gesetz, und ihn zu brechen ist Verrat, aber ich möchte, dass du daran denkst, dass sie jetzt genau das bekommen haben, was sie wollten.«
Unser Königreich hatte den Seelie geholfen, Sicherheit vor den Unseelie und ihrem verstorbenen König zu finden.
Jetzt würde ich ihren herzlosen Prinzen heiraten.
Sie würden ihren Eid nicht brechen. Das konnten sie nicht. Aber sie könnten einen Weg finden, ihn zu umgehen, und es wäre nicht ihre Schuld.
Zum Beispiel durch meinen vorzeitigen und unvermeidbaren Tod.
Ich zitterte und zog meinen pelzigen Mantel enger um mich.
Der Wind blies mir ins Gesicht, sodass es leicht als Reaktion auf das kältere Klima zu tarnen war, als Bernie mich ansah. Ich nickte und zwang mich zu einem glaubwürdigen Lächeln, das ich schon zu oft geübt hatte. »Ich kenne die Gefahren.« Ich wusste weit mehr, als ihr lieb war. »Und ich bin vorsichtig.«
»So vorsichtig«, flüsterte sie, »dass der Prinz zufällig krank wurde, nachdem er vor zwei Jahren unseren Ball besucht hatte?«
Ich presste die Lippen zusammen. »Er schien völlig in Ordnung zu sein, als ich ihn sah.«
Bernie hielt mich zurück, bevor wir unseren Vater und Garran erreichten.
Sie griff nach meinem Mantel, knöpfte ihn auf und knöpfte ihn wieder zu, weil die Wachen auf der Auffahrt uns beobachteten. »Ich weiß nicht genau, was du getan hast, und ich weiß auch nicht, ob seine plötzliche Krankheit etwas mit dir zu tun hat, aber ich weiß, dass er dich quält.« Ihre Augen waren feucht, als sie aufhörte, an meinem Mantel herumzufummeln, und mein Kinn zwischen ihre Finger nahm. »Wenn du keinen Weg findest, ihn für dich einzunehmen, dann musst du dafür sorgen, dass er dich in Ruhe lässt.«
Ich hatte fast gelacht. »Angenommen, ich will, dass er mich in Ruhe lässt …«, sagte ich leise. »Wie kann man die Aufmerksamkeit von jemandem verlieren, der einen hasst?«
»Indem du langweilig bist«, erwiderte sie. »So langweilig, dass er das Interesse verliert.«
Ein Anflug von Alarm und etwas anderes – etwas Flatterndes und Warmes – tanzte in meinem Bauch. »Er hat kein Interesse an mir. Er verabscheut mich nur wegen dem, was ich bin und wegen dem, was er tun muss.«
Bernie warf mir einen Blick zu, der mir sagte, dass ich begriffsstutzig war. »Sei einfach …« Sie seufzte. »Sei vorsichtig. Ich werde stinksauer, wenn dir etwas zustößt.«
»Wie sauer?«, stichelte ich.
Sie brachte mich zum Schweigen und ermahnte mich mit lachenden Augen: »Pass auf, was du sagst, Butter.«
Ich verzichtete darauf, sie daran zu erinnern, dass ich über achtzehn war, und wir gingen zu den Königen.
Beide umarmten uns stürmisch.
König Garran musste mehr als nur Alkohol intus haben, um uns nicht nur herzlich zu begrüßen. Er stank nach Wein und einer zitronigen Seife, sein Arm lag viel zu schwer um meine Schultern, während er etwas von Jahren des Grauens murmelte, die endlich ein glückliches Ende gefunden hätten.
Gäste näherten sich hinter uns, und er vergaß mich völlig. Erleichtert eilte ich mit Bernie hinein.
Wir blieben im Foyer stehen und reckten schmerzhaft unsere Hälse, um die gewölbte Decke zu betrachten. Durch das blau-rosa gefärbte Glas sah man den Mond als glänzende Sichel und die Sterne wie Flecken vergossenen Blutes.
Ich bezweifelte, dass Bernie das auch so sah. Sie grinste und sagte atemlos: »Einfach großartig.«
Ihre Ehrfurcht blieb, als wir zwischen zwei gewundenen Holztreppen hindurch zu den holzgetäfelten Hallen dahinter schlenderten. Aus den Wandleuchtern flackerte kein Feuer. In Kupferblättern steckten Glaskugeln, in denen Insekten mit leuchtenden Flügeln saßen.
»Was ist das?«, fragte Bernie.
»Keine Ahnung. Käfer.«
»Wofür waren dann all diese Bücher und Porträts, die du gesammelt hast?«
Aus Sorge, jemand könnte von meinen obsessiven Studien erfahren, spähte ich hinter uns in den leeren Flur und zischte dann: »Ein paar Bücher machen mich noch nicht zur Expertin, Bernie.«
Wir blieben am Eingang zu einem weiteren Flur stehen, der mit blauem und milchigem Glas gesäumt war und den Blick auf die Himmelsberge freigab. Der Anblick eines Wasserfalls verschlug mir den Atem. Wir waren zu hoch, um den Fluss zu sehen, in den er weit unten mündete.
»Das sind Glühwürmchen.«
Ich errötete, weil ich gehört worden war, und drehte mich nur um, weil Bernadette an meinem Arm zupfte.
Eine geschmeidige Frau in einem eng anliegenden blaugrauen Kleid stand in der Halle und hatte die Hände vor sich verschränkt.
Ihr spitzes Kinn war erhoben. Der Saum ihres Kleides und ihre hochhackigen Schuhe passten zu ihren silbernen Augen. »Cordenya.« Ein katzenhaftes Lächeln begleitete eine sanfte Neigung ihres Kopfes. »Die Gemahlin Seiner Majestät.«
Obwohl ich mir nicht sicher war, ob das nötig war, folgte ich Bernies Beispiel und senkte den Kopf. Sie sagte: »Ihr Zuhause ist zauberhaft.«
»Das ist es, nicht wahr?« Ich wurde sorgfältig gemustert, woraufhin sich ihr Lächeln zu einem ehrlichen Grinsen ausweitete. »Ihr Verlobter sollte gleich kommen. Er war …« Ihre blutroten Lippen pressten sich zusammen. »Ein sehr beschäftigter Prinz.«
Dann ging sie weiter und ließ uns in ihrem honigduftenden Nachhall zurück.
Ich runzelte die Stirn und sagte, als sie am Ende des Flurs verschwunden war: »Die Gemahlin des Königs?«
Bernie brachte mich erneut zum Schweigen, sah sich um und flüsterte dann: »Cordenya ist seit vielen Jahren eine feste Größe am Hof. Garran weigert sich, eine Frau zu nehmen, seit er seine große Liebe verloren hat.«
Eine königliche Verbindung sei aus unzähligen Gründen wichtig, hatte mir mein Vater einmal erzählt, als ich klein war und ihn gefragt hatte, warum er Agatha geheiratet hatte.
In erster Linie als Absicherung. Damit die Macht nicht so leicht zu brechen war.
Soweit ich wusste, war Garrans Mutter die letzte Königin von Ethermore gewesen, und das war schon vor ein paar Jahrhunderten. »Die Unseelie-Königin?«
»Pst.« Bernie sah sich wieder um. »Ich war noch ziemlich jung, daher erinnere ich mich nicht mehr so gut. Aber viele glauben, dass es Kalista war, ja.«
»Und doch hat er sie getötet.« Ich versuchte gar nicht erst, meine Ungläubigkeit zu verbergen. »Wie konnte sie seine große Liebe sein?«
Bernie tätschelte meinen Arm, ihre Stimme klang wehmütig und sanft. »Liebe kennt keine Grenzen für Sterbliche und hat kein Ende für Fae.«
Diese Worte gingen mir nicht aus dem Kopf, als wir dem Lärm der Feierlichkeiten zu einem Ballsaal folgten, der so voll war, dass ich schon nach wenigen Minuten wieder gehen wollte.
König Garran schwankte inmitten einer Schar von Frauen. Neben ihnen stand Lord Stone, der kürzlich seine Frau verloren hatte, und beobachtete mit leerem Blick den Raum, während er einen klobig aussehenden Ring drehte. Bernadette unterhielt sich mit unserem zerzausten Vater und zwei seiner Berater am Balkon.
Ich stellte sicher, dass meine Anwesenheit bemerkt wurde, bevor ich Bernadette zweimal auf die Hand tippte, um ihr zu signalisieren, dass ich frische Luft brauchte.
Ehrlich gesagt wollte ich eine Fae finden, die mich teleportieren lassen und nach Hause bringen konnte. Das konnte ich aber nicht. Noch nicht. Also durchstreifte ich die Flure, um der Angst entgegenzutreten, die mich feige fühlen ließ, und der verzweifelten Sehnsucht zu entkommen.
Ich musste mich daran gewöhnen. Mit der Angst zu leben und in diesem aus Bäumen erbauten Schloss voller doppelzüngiger und intriganter Wesen zu leben.
Nur eine Treppe führte in den dritten Stock. Wachen standen davor.
Zu meiner Überraschung traten sie beiseite, als ich stehen blieb, um zu dem runden Fenster oben an der Treppe hinaufzuschauen. Eine orangefarbene Sonne, umrahmt von hellblauem Glas, das wie Wolken aussah – das Wappen von Ethermore.
Ich nickte dankbar und stieg die Treppe hinauf, meine Schritte waren unter dem Lärm aus dem Ballsaal nicht zu hören.
Ich betrachtete das mondbeschienene Glas und hob meine Finger zu den dornigen Sonnenstrahlen, die durch das Blau drangen. Bevor sie es berühren konnten, ließ eine vertraute Stimme mich erstarren.
»Die grauenhafte Mildred.«
Meine Hand sank auf meinen Rock. Ich umklammerte den Samt und die Seide, während sich mein Magen zusammenzog.
»Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich schockiert oder beeindruckt bin, dass du hier bist.«
»Ach?« Mein Herzschlag verlangsamte sich, aber ich drehte mich zu Atakan um, der halb im Schatten an der Wand lehnte. Ich betrachtete schnell seine schwarze Kleidung. Die schmalen Lederstiefel, die enge Hose und die Art, wie der hohe Kragen seines blau gefütterten Mantels sein göttlich geformtes Kinn umspielte. »Nun, du scheinst weder das eine noch das andere zu sein.«
Er sah mich genauso an, obwohl seine Augen sich Zeit nahmen, über den bauschigen Rock meines gold-gelben Kleides bis zum cremefarbenen, filigranen Mieder zu wandern. Dann blieben sie auf meiner Brust hängen, bevor sie zu meinem Mund wanderten.
Sein weißblondes Haar war im Nacken mit einem schwarzen Band zusammengebunden, sodass ich nicht erkennen konnte, ob es gewachsen oder geschnitten war.
Zwei Jahre lang hatte ich mich schämend an die Hitze seiner Aufmerksamkeit erinnert. Ich stellte mir vor, wie es sich angefühlt hätte, wenn sie weniger finster gewesen wäre.
»Du hast mich vergiftet.«
Ich riss die Augen auf und presste meine Hand auf mein Dekolleté. Es funktionierte wie beabsichtigt und zog seinen Blick wie einen Vogel zum Himmel, während ich flüsterte: »Ich bitte um Verzeihung, Prinz.«
Seine Zähne kratzten an seiner Unterlippe, als er sich von der Wand stieß. »Was ich alles tun würde, um dich das tun zu sehen.«
Wenn ich nicht weglief, blieb mir nichts anderes übrig, als mitzuspielen. »Was tun?«
