Arbon - Patrick Hofstetter - E-Book

Arbon E-Book

Patrick Hofstetter

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Beschreibung

In den stillen Straßen von Arbon erwacht ein unsichtbares Netz unter der Stadt, ein System aus alten Leitungen, vergessenen Schächten und tödlicher Präzision. Als ein scheinbar zufälliger Mord die Ermittlerin Nora Stein in die Tiefe eines komplexen Musters führt, entdeckt sie, dass der Täter keine Spur hinterlässt, sondern Strukturen. Während die Stadt zittert und ein verängstigter Zeuge vor seinen Erinnerungen flieht, zieht ein Mann im Schatten die Linien zusammen: Elias Joller, der Architekt eines Plans, der weit vor dem ersten Mord begann. Jede Spur ist doppelt. Jede Wahrheit hat einen Spiegel. Und der nächste Fehler könnte die ganze Stadt kosten. ARBON ein Thriller über Muster, Kontrolle und die dunklen Räume unter unseren Füßen.

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Für Nikita und Kateryna

Der See lag da wie ein dunkler Fleck in der Welt. Kein Glitzern, kein Flimmern, nur eine flache Fläche Schwarz, in der sich ein paar wenige Lichter von Arbon brachen. Es war eine dieser Nächte, in denen man das Gefühl hatte, die Stadt atme leiser als sonst. Zurückhaltend. Abwartend.

Lea zog den Reißverschluss ihrer Jacke bis ganz nach oben und trat aus der Tür des Cafés. Das Licht hinter ihr schnitt einen schmalen Streifen in die Dunkelheit, dann fiel die Tür ins Schloss, und der Streifen war weg. Sie stand einen Moment auf der Schwelle, die Hände tief in den Taschen, als könne sie sich noch umentscheiden.

„Fahrrad“, murmelte sie. „Heim. Schlaf. Morgen weiter.“

Nicht bleiben. Nicht zurückgehen. Nicht doch noch reden.

Die Luft roch nach kaltem Fett von der nahegelegenen Imbissbude, nach nassem Stein und, ganz schwach, nach See. Lea spürte den Tag in den Schultern: acht Stunden Café, zwei Stunden Bibliothek, zwanzig Minuten Streit. Der Streit klebte am längsten.

„Nicht schriftlich“, hatte sie gesagt.

„Was heißt das?“, hatte Silvia sie gefragt, die Stirn gerunzelt, die Hände noch feucht vom Abwasch.

„Dass ich es nicht per Nachricht kläre. Face to face. So wie früher.“

„Mit wem?“

„Musst du wirklich alles wissen?“, hatte Lea zurückgeschossen, schärfer als nötig. „Es reicht, dass ich es weiß.“

Silvia hatte sie angesehen wie eine Mutter, die genau erkennt, wann sie rausgedrängt wird: einen Moment zu lang, einen Moment zu verletzlich. Dann hatte sie nur noch „Pass auf dich auf“ gesagt. Lea hatte genickt, aber es war dieses automatische Nicken, das man gibt, wenn man nichts versprechen will.

Sie schob das Fahrrad aus der Seitengasse auf den Gehsteig. Das Schloss klickte, die Kette fiel in die richtige Position, alles war Bewegung. Routine. Einsteigen, Losschieben, in die Pedale treten. Wie jeden Abend.

Ihr Handy vibrierte in der Jackentasche. Sie spürte es, ignorierte es. Noch nicht. Sie wusste, wer es war. Sie wusste auch, dass sie zurückrufen würde. Nur nicht vor dem Treffen. Nicht, bevor sie wusste, ob sich die ganze Sache gelohnt hatte.

Sie schob sich auf den Sattel und fuhr an.

Die Stadt zog langsam an ihr vorbei. Ein paar vereinzelte Fenster mit Licht, dahinter Fernseher, Gesichter, die sich nie für sie interessieren würden. Ein Lieferwagen an der Ecke, Motor aus, Fahrer weg. Müllsäcke vor einer Haustür, ordentlich gestapelt. Im Café gegenüber wischte jemand den Boden, Kopf gesenkt, Stuhlbeine auf den Tischen.

Arbon um diese Uhrzeit war klein. Überschaubar.

Harmlos.

Lea nahm den bekannten Weg, fast automatisch. Rechts, am Brunnen vorbei. Geradeaus, bis zur Ampel, dann in die St. Gallerstrasse rein, die sich wie ein dunkler Schlauch durch das Quartier zog.

Einmal hätte sie beinahe angehalten.

Vor der Bäckerei stand Licht im Hof. Sie sah den Schatten eines Mannes, der sich bewegte, eine Schürze, die im Luftzug flatterte. Rafael, dachte sie. Der Bäcker. Immer wach, immer am Arbeiten, wenn andere schlafen. Sie mochte seinen Laden, mochte die Art, wie er morgens die Brötchen in die Auslage legte, als wäre jedes davon eine Entscheidung.

Sie hätte klingeln können. „Hey, noch ein Gipfeli für unterwegs?“ Etwas Banales sagen, um nicht an das zu denken, was vor ihr lag.

Sie fuhr weiter.

Ihr Handy vibrierte zum zweiten Mal. Diesmal nahm sie es raus, ohne abzusteigen. Ein Name leuchtete auf dem Display, in jener Schriftart, die sie einmal im Scherz „zu seriös für dich“ genannt hatte.

Lena.

Sie biss sich auf die Innenseite der Wange. Red jetzt nicht. Du fährst sonst zurück. Und dann war der Stress der letzten zwei Wochen umsonst.

Sie schob das Handy zurück in die Tasche, nahm die Hand wieder an den Lenker. Der Asphalt unter ihren Reifen war uneben, kleine Risse, Senken, die sie kannte und doch jedes Mal neu abfederte. Die Kette schnurrte, das Rücklicht blinkte in verlässlichem Takt.

Sie dachte an das Geld, das ihr fehlte. An die Nachricht vom Vermieter: Miete bis Ende Monat, sonst müssen wir reden. An die SMS von ihrer Mutter, die sie noch nicht beantwortet hatte. An das „Wir kriegen das hin“, das sie so oft gesagt hatte, ohne zu wissen, wie.

Und an ihn.

Der Gedanke kam wie ein kalter Lappen im Gesicht. Er war kein Freund, kein Partner, kein irgendwas. Er war jemand, der die falschen Leute kannte. Jemand, bei dem man sich nicht verschuldete, wenn man schlau war. Sie war trotzdem hin.

Nur für einen kleinen Betrag, nur übergangsweise, hatte sie sich eingeredet. Nur bis das Bafög durchkommt. Nur bis der Nebenjob im Café mehr abwarf. Nur, nur, nur.

Jetzt war es kein „nur“ mehr. Jetzt war es eine Zahl, die im Kopf brannte.

Er hatte geschrieben:

Heute. Keine Ausrede mehr. Nicht schriftlich.

Sie hatte zurückgetippt:

Ich komme.

Und dann gelöscht.

Keine schriftlichen Zusagen. Keine Screenshots. Kein Beweis.

Sie bog in die St. Gallerstrasse ein.

Die Straße lag da wie ein offener Schlitz. Links und rechts Häuser, vier Stockwerke, Balkone mit zugezogenen Vorhängen. Parkende Autos: ein alter Kombi, ein kleiner Lieferwagen mit verblasstem Logo, irgendwo weiter hinten ein dunkler Kleinwagen. Die Laternen warfen gelbe Kreise auf den Asphalt, die sich überlappten wie Flecken in einem schlechten Aquarell.

Lea trat fester in die Pedale. Je schneller sie fuhr, desto weniger Zeit blieb ihr zum Nachdenken.

Sie zählte im Kopf die Sätze durch, die sie sagen wollte. „Ich kann nicht alles auf einmal zahlen.“ – „Ich brauche eine Woche länger.“ – „Ich habe etwas, das dich interessieren könnte.“ Der letzte Satz war der riskanteste. Er war auch der einzige, der Chancen hatte.

Weil sie etwas wusste.

Nicht viel. Aber genug, um gefährlich zu sein. Ein Kennzeichen hier, ein Gesicht dort, ein Gespräch im Café, das jemand für belanglos gehalten hatte, während sie nebendran den Tisch wischte. Man erfährt Dinge, wenn man Kaffee trägt. Menschen vergessen, dass du zuhörst.

Vielleicht war sie naiv. Vielleicht war sie zu stolz. Vielleicht war es beides.

Ihr Handy vibrierte ein drittes Mal. Dieselbe Nummer, derselbe Name. Lena gab nicht auf. Das mochte Lea an ihr, sonst. Heute nervte es sie.

Sie ignorierte das Vibrieren, bis es aufhörte. Danach war es still. Nur das Rattern der Speichen, der dumpfe Schlag des Hinterrads, wenn es über einen unsauberen Gullydeckel fuhr, ihr Atem. Sie hörte ihren Atem plötzlich sehr laut.

Und dann hörte sie noch etwas.

Nicht deutlich. Nicht wie ein Knall, nicht wie ein Motor, der aufheult, um Eindruck zu machen. Eher wie ein fernes Rollen, tief, schwer. Ein Auto, dachte sie. Und gleich darauf: Ist doch klar, was denn sonst.

Nur war es komisch.

Es klang nicht wie ein Wagen, der auf die Straße einbiegt, sondern wie etwas, das schon da war. Etwas, das nur lauter wurde, weil es näher kam.

Sie sah über die Schulter. Nichts.

Keine Scheinwerfer, die sie blendeten. Keine Silhouette in ihrem Nacken. Die Straße hinter ihr war leer, in gelbe Inseln geteilt, dazwischen tiefe Schatten, die sich nicht bewegten.

„Reiß dich zusammen“, murmelte sie. „Du bist müde, mehr nicht.“

Vor ihr, kurz vor der nächsten Kreuzung, stand ein Mann mit Hund. Der Hund war groß, helles Fell, der Mann zog an der Leine, als der Hund stehen bleiben wollte. Lea sah, wie der Hund den Kopf hob, direkt in ihre Richtung. Die Ohren gingen nach vorne, dann zur Seite, als würde er etwas hören, was sie nicht hörte.

Der Mann drehte sich ebenfalls um. Sein Blick streifte sie nur kurz, dann weiter nach hinten, in das Dunkel hinter ihr. In dem Moment, in dem seine Augen größer wurden, wusste Lea, dass es kein Hirngespinst war.

Sie trat noch einmal fester in die Pedale.

Da waren sie. Die Lichter.

Sie waren nicht grell, nicht groß. Keine hochgelegten Scheinwerfer eines SUVs, kein imponierendes Xenonlicht. Zwei flache, weiße Streifen, so tief, dass sie den Asphalt streiften. Kein Blenden, nur ein kaltes Streichen über den Boden, als würde jemand mit zwei Taschenlampen die Straße absuchen.

Leas Kehle zog sich zu.

Ein Gedanke: Lass mich in Ruhe, fahr einfach vorbei.

Sie lenkte minimal nach rechts, ließ etwas Platz links, damit der Wagen an ihr vorbeiziehen konnte. Ihr Hinterreifen fuhr über etwas Kleines, Metallisches. Ein kurzes Klackern, ein Ruck im Lenker. Sie fing ihn ab.

Das Geräusch hinter ihr blieb.

Der Wagen kam nicht ins Sichtfeld, er blieb in ihrem Rücken, so dicht, dass sie den Druck spürte, ohne ihn zu sehen. Keine Hupe, kein Lichthupen, kein Versuch, an ihr vorbeizuziehen.

Nur dieses Näherkommen. Langsam. Überlegt.

„Vorbei“, flüsterte sie zwischen den Zähnen. „Fahr vorbei…“

Sie war jetzt mitten auf der Straße, fern von den parkenden Autos, weit weg von der Hausecke. Sie gab ihm Raum, alles was nötig war, damit er einfach an ihr vorbeigehen konnte, wie jeder normale Mensch mit einem Auto in einer Stadt, in der Fahrradfahrer existieren.

Er tat es nicht.

Die Lichter folgten jeder kleinen Kurskorrektur, die sie machte. Nicht hektisch, nicht ruckartig – sondern glatt. Als würde jemand mit einem Cursor über einen Bildschirm fahren.

Lea spürte, wie ihr Herzschlag in die Arme wanderte. Ihre Finger wurden feucht am Lenker. Sie wollte sich nicht umdrehen. Sie wusste, wenn sie es tat, würde sie ein Gesicht sehen. Und sie wusste nicht, ob sie das wollte.

Ihr Handy vibrierte erneut. Diesmal ließ sie es in der Tasche. Sie brauchte jetzt beide Hände.

Der Lieferwagen, den sie jeden Tag sah, kam näher. Weiß, etwas angerostet, daneben der schmale Gehweg. Wenn sie es dorthin schaffte, konnte sie absteigen, an die Wand, einen Schritt weg von der Straße, Platz schaffen.

Nur noch ein paar Meter.

Das Geräusch hinter ihr änderte sich. Ein kurzer, scharfer Ton – nicht das Aufjaulen einer Vollbremsung, eher das schwere Nachgeben eines Bremsbelags, der kurz zögert. Dann ein minimaler Ruck in der Tonlage. Der Wagen beschleunigte.

Der Hund bellte.

Es war kein langes, melodramatisches Bellen, das durch die Nacht heulte. Es war ein einmaliges, abgehacktes Geräusch, so als hätte jemand ihm auf die Pfote getreten. Der Mann an der Leine riss den Kopf herum, rief etwas, was Lea nicht verstand. Seine Stimme war nur noch ein Hintergrundrauschen.

Sie drehte sich. Nur ein bisschen. Nur gerade so, dass sie einen Blick nach hinten werfen konnte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.

Sie sah kein Gesicht.

Sie sah Metall, matt im gelben Licht. Eine Front, aber keine Marke. Kein Logo, kein freundliches Auto-Lächeln. Der Wagen war näher, als sie dachte. So nah, dass sie die Unebenheiten in der Motorhaube erkennen konnte, eine Delle links, einen schlecht lackierten Streifen. Die Lichter strichen unter ihr hindurch und fraßen den Schatten ihres Hinterrads.

Sie hatte noch eine Sekunde. Vielleicht zwei.

„Endlich“, dachte sie, ohne zu verstehen, warum. Endlich ist klar, dass es kein Zufall ist.

Sie riss den Lenker nach rechts, Richtung Bordstein, Richtung Gehweg, Richtung alles, was nicht Straße war. Der Vorderreifen schrammte gegen den Randstein. Der Wagen hinter ihr schwenkte mit. Kein Ausweichen, kein Abbremsen, kein Zögern.

Der Aufprall war nicht laut.

Es war nicht dieses metallische Knirschen, das man aus Filmen kannte, kein explodierendes Glas, keine schreienden Reifen. Es war ein dumpfer, schwerer Schlag, der durch ihren Körper ging wie ein Stempel durch nasses Papier.

Etwas traf sie mitten im unteren Rücken, schob sie nach vorn, der Lenker riss ihr aus der Hand. Der Himmel kippte. Das Licht der Laternen wurde zu Streifen, die an ihr vorbeizogen. Sie hörte ihr eigenes Rad irgendwo neben sich klirren, Metall auf Metall.

Dann war da Asphalt.

Er war härter, als sie gedacht hatte. Erst in den Händen, dann in der Schulter, schließlich im Gesicht. Luft wich ihr aus der Lunge, sie schnappte danach wie jemand, der unter Wasser gezogen wurde.

Weit weg hörte sie einen Schrei. Vielleicht ihren. Vielleicht einen fremden. Schritte. Ein Auto, das… nicht bremste.

Sie versuchte, die Hände unter sich zu bekommen, aber sie fanden keinen Halt. Irgendetwas war mit ihrem Bein, es fühlte sich falsch an, als wäre es nicht mehr Teil von ihr. Sie schmeckte Blut, metallisch, warm.

Ein Schatten beugte sich über sie.

Nicht der Täter. Ein anderer. Der Schatten zitterte. Jemand kniete neben ihr, sprach Worte, die sie nicht auseinanderhalten konnte. „Bleiben Sie bei mir“, vielleicht. „Hören Sie mich?“

Sie wollte etwas sagen. Wollte irgendetwas loswerden, irgendetwas, das bedeutete: Das war kein Fehler. Das war kein Zufall.

Ihre Lippen formten Laute. Ein Wort, das sie selbst nicht hörte.

Der Himmel über der St. Gallerstrasse bestand nur noch aus einem einzigen Lichtkreis. Eine Laterne, deren Glas leicht milchig war. In dem Kreis tanzten Staubpartikel, als hätten sie alle Zeit der Welt.

Lea hatte sie nicht.

Ihr letzter klarer Gedanke war kein Name. Kein Gesicht. Kein „Mama“ oder „Lena“ oder „Wieso“. Es war nur dieser eine Satz, der sich in ihr festkrallte, so als müsse er irgendwohin:

Er wusste, dass ich komme.

Dann wurde das Licht kleiner.

Die Geräusche glitten auseinander, als hätte jemand sie in Wasser fallen lassen. Stimmen, Schritte, ein Sirenenton in der Ferne, der first ganz leise war und dann lauter wurde.

Lea hörte ihn nicht mehr.

Als die ersten Blaulichter die Fassaden der St. Gallerstrasse in kaltes Blau tauchten, lag ihr Fahrrad wie ein verdrehtes Tier am Straßenrand. Ein Splitter ihres Rücklichts klebte an einem Bordstein. Ein Mann mit Mehl an den Händen stand in einer Seitengasse und starrte herüber. Der Taxifahrer, der zu spät gebremst hatte, rang mit seinem Handy und seinem Gewissen. Der Mann mit dem Hund hielt die Leine so fest, dass seine Fingerknöchel weiß wurden.

Und das Auto, das sie getroffen hatte, war längst weg.

Kein Summen. Kein Phantom. Kein Spuk.

Nur ein Wagen, gesteuert von jemandem, der die Straße kannte.

Jemand, der genau wusste, wie lange es dauern würde, bis die Sirenen hier waren.

*

Der See war perfektes Schwarz. Nicht dieses theatralisch glitzernde Dunkel, das man aus Filmen kannte, sondern echtes, ehrliches Schwarz. Eine Fläche ohne Tiefe, ohne Bedeutung, ohne Spiegelung. Eine Ruhe, die alle Fehler verschluckte. Alle Spuren. Alles.

Ich mochte diesen See in solchen Nächten.

Er war ein Versprechen:

Wenn du sauber arbeitest, verschwindet alles, was du tust, im Schwarz.

Ich stand seit fast zwanzig Minuten in der Gasse hinter dem Café und sah auf die Hintertür, aus der sie irgendwann kommen würde. Ich brauchte keine Uhr. Ich kannte ihre Zeiten. Menschen sind Gewohnheiten, die laufen lernen. Lea Graf war eine Gewohnheit mit Kopfhörern und schlechtem Timing.

Ich wusste, wann sie Feierabend machte.

Wann sie ihr Rad aufschloss.

Wann sie losfuhr.

Wann sie schneller wurde.

Wann sie langsamer wurde.

Wann sie sich umsah.

Menschen sahen sich immer dann um, wenn sie glaubten, allein zu sein.

Ich rechnete damit.

Das Auto stand bereit. Kein besonderes Auto, kein auffälliges, kein neues. Mittelklasse, gedämpft, angepasst. Eine Maschine, die man nicht beschrieb, wenn man sie sah. Ich hatte Wochen investiert, um ihn zu einem Fahrzeug zu machen, das keine Neugier provozierte.

Nur Funktion.

Nur Bewegung.

Nur Zweck.

Keine Logos.

Keine auffälligen Scheinwerfer.

Nichts, woran man sich später erinnern würde.

Ich überprüfte alles:

Reifenprofil. Bremsdruck. Scheinwerferhöhe.

Stoßdämpfer. Motorlauf ohne Gas.

Perfekt. Mechanik lügt nicht.

Die Hintertür öffnete sich.

Ein schmaler Lichtstreifen fiel heraus wie eine Zunge, die die Gasse schmecken wollte. Dann schloss die Tür wieder, und die Dunkelheit gehörte mir.

Lea trat hinaus, ein Schatten mit Rucksack und angespannten Schultern.

Zu angespannten Schultern.

Sie trug etwas mit sich herum. Kein Gegenstand – eine Entscheidung.

Ein Mensch, der weiß, dass er eine Grenze überschreiten will, bewegt sich anders.

Abgehackter. Schneller. Leiser.

Sie schob ihr Fahrrad aus der Gasse, das Schloss klickte, ein kleines mechanisches Ja, und dann trat sie hinaus auf die Straße.

Ich ließ ihr Zeit.

Hektik ist kein Werkzeug, es ist ein Fehler.

Als sie sich aufs Fahrrad setzte und losfuhr, war ich bereits im Wagen. Der Sitz war warm, weil ich ihn vorher mit der Heizung vorbereitet hatte – Körperreaktionen verraten mehr als Fingerabdrücke.

Ich legte den ersten Gang ein.

Kein Gas.

Nur Rollen.

Ein Lautloses Anschleichen existiert nicht, nicht einmal bei Elektroautos – aber man kann so nahe rankommen, dass man das Geräusch zur Normalität macht. Wenn der Mensch denkt, das Geräusch sei nicht bedrohlich, hat man gewonnen.

Lea fuhr in die Richtung, die ich vorhergesagt hatte. Warum auch nicht?

Sie nahm immer denselben Weg. Menschen glauben, Routine schütze sie. In Wahrheit macht sie sie berechenbar.

Sie bog auf die St. Gallerstrasse ein.

Eine enge Straße, flankiert von Häusern, die wie Schirme fungierten: keine Sicht, keine Reflexionen, keine Kameras, die hilfreich gewesen wären. Ich hatte mir das alles angesehen, tagelang, zu verschiedenen Uhrzeiten.

Ich hatte diese Straße ausgewählt wie ein Chirurg ein Operationsfeld auswählt.

Ich ließ den Motor arbeiten, wie ich es geübt hatte: tief, gleichmäßig, beruhigend. Ein Klang, der nie erschreckt, weil er niemals abrupt beginnt. Er ist einfach da. Teil des Hintergrunds. Teil der Nacht.

Sie fuhr schneller.

Ich merkte, wie sie sich sammelte, wie sie eine Entscheidung in sich trug. Das Handy vibrierte in ihrer Jacke. Ich hörte es nicht, aber ich sah die Bewegung ihrer Schulter. Sie las nicht. Gut. Sie sollte nicht abgelenkt sein. Ein abgelenkter Mensch macht unberechenbare Bewegungen.

Sie nahm die Kurve am Brunnen, genau wie ich es kannte.

Ein Bäcker schob eine Kiste zur Seite. Der Hund eines Mannes zog an der Leine. Ein Taxi fuhr mit gedämpftem Tempo. Die Szene war nicht leer, aber sie war sicher.

Alle Augen waren beschäftigt.

Ich hielt Abstand.

Dann verringerte ich ihn.

Ich atme ruhig, immer ruhig. Die Hände auf dem Lenkrad sind locker, nie verkrampft. Der Wagen darf keine hektischen Bewegungen machen, sonst reißt er aus der Illusion, dass er ein normales Fahrzeug ist.

Noch zwanzig Meter.

Noch fünfzehn.

Sie spürte mich. Das spürte ich.

Es ist ein subtiler Moment, wenn ein Mensch begreift, dass er nicht allein ist.

Die Schultern gehen minimal nach oben. Der Kopf kippt einen Zentimeter.

Instinkt.

Evolution.

Das Tier im Menschen merkt es zuerst.

Sie blickte über die Schulter.

Ich blieb tief im Schatten.

Nur die Lichter waren sichtbar, zwei flache Streifen am Boden.

Ein Blick, den sie nicht einordnen konnte.

Perfekt.

Sie lenkte nach rechts, wollte Platz machen. Eine höfliche Geste, die man macht, wenn man erwartet, dass der andere ein normaler Fahrer ist.

Ich änderte die Geschwindigkeit minimal.

Nicht genug, um bedrohlich zu wirken.

Nur genug, um da zu bleiben.

Das war der Moment, in dem sie wusste. Nicht verstand – nur wusste.

Ein Körper versteht Gefahr schneller als ein Gehirn.

Sie trat fester in die Pedale.

Der Hund bellte.

Ein kurzer, abgehackter Ton.

Er sah mich, bevor sein Besitzer mich sah. Tiere sehen

Muster, keine Fahrzeuge.

Ich sah zu, wie Lea versuchte, den Bordstein zu erreichen. Ein logischer Versuch: raus aus der Fahrlinie, rein in den Schutz des Gehwegs. Ein kluger Versuch.

Ich bewertete ihn.

Zu langsam.

Ich gab Gas. Nicht viel.

Nur die Differenz zwischen fast und genug.

Der Wagen stieß vor, ruhig, kein Heulen, kein

dramatisches Aufbäumen der Mechanik.

Ein präziser Sprung.

Ich traf sie im exakt berechneten Winkel.

Der Aufprall ging durch den Wagen wie durch einen

Körper, den man stützt.

Ein dumpfer, fester Schlag.

Kein Chaos.

Keine Unfälle.

Nur ein Ergebnis.

Sie flog.

Ein sauberer Bogen.

Ich verfolgte ihre Silhouette nur kurz – nicht aus Neugier, sondern weil ich den Endpunkt brauchte. Die Landung bestätigte mir, dass die Berechnung stimmte.

Ich bremste nicht.

Ich wich nicht aus.

Ich rollte weiter, bis ich die Straße verlassen konnte.

Zwei Kurven.

Drei Häuserblöcke.

Eine Kreuzung.

Der Motor klang wieder wie ein normaler Motor.

Ich parkte in einem Hinterhof, stellte den Wagen ab, kontrollierte die Räder, überprüfte den Stoßfänger. Nichts Auffälliges.

Nichts Ungewöhnliches.

Nichts, was mich verriet.

Ein Taxi fuhr eilig vorbei.

Der Fahrer hatte mich gesehen.

Nicht gut.

Aber nicht schlimm.

Zeugen sind nützlich.

Sie verkomplizieren das Bild.

Sie widersprechen sich.

Sie erzeugen Unsicherheit.

Ich schloss den Wagen. Meine Schritte waren normal, nicht eilig, nicht zielstrebig. Ein Mann, der spät von der Arbeit kam. Ein Mann, der nichts zu verbergen hatte.

Ich war keine Stunde später zu Hause.

Ich stand im Badezimmer, wusch mir die Hände, obwohl auf ihnen nichts war. Gewohnheit. Beruhigung. Der Geruch von Seife verdrängt den Geruch von Asphalt.

Dann sah ich in den Spiegel.

Ich suche niemals nach Spuren an mir.

Ich suche nach Veränderungen in meinem Gesicht.

Anspannung. Reue. Nervosität.

Nichts.

Sehr gut.

Ich trocknete die Hände ab, löschte das Licht und ging ins Wohnzimmer.

Auf der Straße unten fuhr der erste Streifenwagen vorbei.

Sie waren schnell.

Schneller als ich dachte.

Ich setzte mich in den dunklen Raum und wartete, bis die Sirenen leiser wurden.

Dann sagte ich leise, nicht zu mir selbst, sondern in die Nacht hinaus:

„Eins.“

Nicht aus Zählung.

Aus Gewissheit.

Das war nicht der letzte.

Inhaltsverzeichnis

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

EPILOG – NACH DEM NETZ

KAPITEL 1

1. Nora Stein – Die Ermittlerin

Der Blaulichtkranz zuckte über die Fassaden, als hätte jemand die Nacht in kaltes Wasser getaucht. Nora duckte sich unter dem Absperrband hindurch, ohne die Kollegen groß zu beachten. Jeder tat seinen Job – aber niemand sah, was sie sah. Noch nicht.

Die Straße roch nach warmem Asphalt, kaltem Blut und dem metallischen Hauch einer Kollision, der in der Luft hing wie ein unsauberes Geheimnis. Der Körper lag schräg auf dem Bordstein, das Fahrrad wie ein gerissenes Tier daneben. Die Lampen flackerten über Speichen und Scherben.

Nora blieb stehen und wartete. Sie drängte sich nie sofort ins Geschehen hinein. Ein Tatort sprach, wenn man ihm eine Minute Ruhe gab.

Und dieser Tatort schrie.

Sie kniete sich hin. Die Hände in Latex, die Augen in Bewegung.

Kein Bremsspurenmuster, das sinnvoll war.

Keine Schwenkspur vom ausweichenden Fahrzeug.

Keine Erklärbarkeit.

„Kommissarin Stein“, sagte einer der Uniformierten hinter ihr, „wahrscheinlich Unfallflucht—“

„War es nicht“, sagte Nora, ohne aufzusehen. Stille.

Sie deutete auf die Position des Körpers. „Der Einschlagwinkel stimmt nicht. Der Stoß kam zu kontrolliert. Keine Panikbremsung. Keine korrigierende Lenkbewegung. Der Fahrer wollte die Linie halten.“

„Absicht?“

„Absicht.“

Das Wort war hart und endgültig.

Sie stand auf und sah sich um. Die Straße war zu ruhig. Parkierte Autos. Dunkle Fenster. Eine Bäckerei. Ein Taxi am Rand, Fahrer zitternd. Ein Mann mit Hund, der zu viel gesehen haben könnte – oder zu wenig.

Ihre Augen hefteten sich an das Taxi.

Der Fahrer versuchte, nicht zu weinen.

Zu spät.

Der Mensch ist durchsichtig, wenn er Schuld fühlt – oder glaubt, Schuld zu fühlen.

„Der hat was gesehen“, sagte sie leise zu sich selbst.

„Oder er glaubt, was gesehen zu haben.“

Sie ging auf ihn zu.

Ein neuer Fall. Neues Blut. Neue Lügen.

Irgendwo draußen stand ein Mensch, der das verursacht hatte.

Ein Mensch, der glaubte, klüger zu sein als sie.

Nora spürte ein vertrautes Ziehen in der Brust.

Gut.

Sie lebte für diese Art von Gegnern.

2. Edi Novak – Der Zeuge

Er wusste nicht, was schlimmer war – das Bild der jungen Frau, die da lag, oder das Wissen, dass er zu spät reagiert hatte. Edi stand neben seinem Taxi, die Hände tief in den Taschen vergraben, der Körper schwankte leicht. Er wollte rauchen, aber er traute sich nicht. Rauchen wirkte schuldig, und er wollte alles sein, nur nicht das.

Er hatte das Geräusch gehört, bevor er irgendetwas sah.

Ein dumpfer Schlag.

Dann der Schrei.

Dann Stille.

Er war gebremst, aber nicht schnell genug.

Er hatte das Mädchen nicht retten können.

Und er hatte ihn gesehen.

Nicht klar.

Nicht richtig.

Nur die Lichter.

Diese verdammten niedrigen Lichter, die über den Boden glitten wie zwei Messer.

Die Kommissarin kam auf ihn zu. Er kannte ihren Namen, jeder im Kanton kannte ihn. Nora Stein. Die gute. Die harte. Die, die mit den Augen schnitt.

„Sie sind der Anrufer?“ fragte sie.

Er nickte. Sein Hals fühlte sich zu eng an.

„Ich… ich hab— ich war… ich bin gerade hier vorbeigefahren…“

„Und Sie haben etwas gesehen.“

Er wollte Nein sagen.

Nein wäre einfach.

Nein wäre sicher.

Doch dann sah er ihre Augen.

Klar. Rau. Leer von Geduld.

„Etwas“, flüsterte er. „Ich… ich weiß nicht, was. Ein Auto vielleicht.“

„Vielleicht?“

Er sah auf den Boden. Die feuchten Pflastersteine reflektierten sein verzerrtes Spiegelbild.

„Ich konnte das Modell nicht erkennen. Es war… tief.

Sehr tief. Und schnell. Und…“

Er brach ab.

Was sollte er sagen? Dass die Lichter aussahen, als würden sie über den Boden kriechen?

Sie würde ihn für verrückt halten.

„Die Dashcam?“ fragte sie.

Er fröstelte.

Scheiße.

„Ausgefallen“, sagte er leise. „Plötzlich.“

„Plötzlich“, wiederholte sie mit einer Stimme, die genauso gut hätte sagen können: Lüge.

Er hob die Hände in Abwehrstellung.

„Ich schwöre, ich— ich hab sie vorher noch gesehen. Sie war an. Und dann— dann einfach schwarz.“

Sie beobachtete ihn lange.

Zu lange.

Edi wollte weg.

Er wollte laufen oder weinen oder beides.

Er hatte nicht getötet.

Aber er fühlte sich wie jemand, der es getan hatte.

„Wir reden später weiter“, sagte sie schließlich.

Sie ging.

Und Edi spürte, wie sein Magen sich zusammenzog.

Der Mörder war irgendwo da draußen.

Aber wenn Nora Stein ihn noch ein paar Minuten ansah, würde sie glauben, der Mörder sei er.

3. Die Unsichtbare Stimme – Der Täter

Ich war schon wieder unterwegs.