Arminius und der Berserker - Jörg Kastner - E-Book
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Arminius und der Berserker E-Book

Jörg Kastner

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Beschreibung

Ein Berserker treibt sein Unwesen gegen die Cherusker. Eine römische Flotte gerät auf dem Rhein in einen Hinterhalt der Germanen. Dem Gaufürst Thorag gelingt es, zwei wertvolle Gefangene zu nehmen, darunter Drusus, den Sohn von Kaiser Tiberius. Damit will Thorag seine Frau Auja und Thusnelda, die Frau seines Blutsbruders Arminius, aus römischer Geiselhaft befreien. Doch das Blatt wendet sich und bald sieht sich Thorag selbst als Gefangener von Drusus und Sejanus wieder. Gleichzeitig schlachtet ein unheimliches Wesen, ein Berserker, die heiligen Rosse der Cherusker ab: Eine Freveltat an den Göttern. Alles deutet darauf hin, dass Arminius selbst den Berserker angestiftet hat. Zur Sühne soll der Herzog sein Leben geben. Nur sein Blutsbruder Thorag kann ihm jetzt noch helfen … Der siebte Band der zwölfteiligen Romanserie »Die Saga der Germanen« von Jörg Kastner.

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Jörg Kastner

Arminius und der Berserker

Folge 7 der 12-teiligen Romanserie Die Saga der Germanen

Historischer Roman

Kapitel 1 – Der Waffenruf

Die Totengöttin Hel breitete gierig ihre Arme über den Dunklen Bergen aus, unsichtbar noch, unbemerkt von den fröhlich feiernden Hariern. Sunnas leuchtende Strahlen durchbrachen die graue Wolkendecke über dem Bergdorf, als die große Festgesellschaft zu reinem, zweistimmigem Lurenklang und langsamem Trommelrhythmus auf das große Gehöft am Nordhang zuhielt. Niemand aus der tausendköpfigen Schar ahnte, dass dies der letzte Tag sein sollte, den sie froh und unbeschwert verlebten.

Männer und Frauen hatten ihre feinsten Gewänder angelegt, sich mit glitzernden Fibeln, Ketten und Nadeln geschmückt und ihr Haar glänzend gekämmt, um der Vermählung Katualdas beizuwohnen. Der kräftige Jüngling, Sohn des Gaufürsten Ortolf, führte den Festzug gemessenen, aber nur mühevoll bezähmten Schrittes an. Zu groß war sein Verlangen, Ilga zu sehen, ihre weiche Haut zu spüren und mit der Geliebten endlich den Ehebund zu schließen. Doch sobald Katualda schneller gehen wollte, wurde er von der Hand seines Vaters zurückgehalten. Ortolf, der neben dem Bräutigam ging, nahm ihm die Ungeduld nicht übel. Das milde Lächeln in dem breiten, faltigen Gesicht des Gaufürsten verriet sein Verständnis, geboren aus der Erinnerung an die eigene Jugend.

Die Wolken rissen mehr und mehr auf und gaben den Blick auf den Sonnenwagen frei. Dessen bronzene Strahlen hüllten das Dorf in ein überirdisches Licht, wie zum Zeichen, dass die Götter der Vermählung ihren Segen gaben. Das glaubte Katualda damals, aber schon bald sollte er seinen furchtbaren Irrtum erkennen. Die Schattenkrieger, deren Verbündete die dunkle Riesin Nott war, hatten von Sunna, der Herrin des lichten Tages, nichts Gutes zu erhoffen. Sunna hatte ein verhängnisvolles Bündnis geschlossen mit Hel.

Der Brauthof hätte verlassen gewirkt, wären Koben und Koppeln nicht überreich mit Vieh gefüllt gewesen. Viele der Rinder, Ziegen, Schweine, Gänse und Hühner würden das Hochzeitsfest nicht überleben, waren doch Hunderte von Mündern zu stopfen; aus dem ganzen Gau waren die Gäste angereist. Die Eingangstür des Wohnhauses war verschlossen, und vor den Windaugen hingen Matten aus schwerem Flechtwerk. Katualda glaubte zu sehen, wie sich die Matten bewegten. Waren das neugierige Schalke oder Ilga selbst, die es nicht erwarten konnte, ihren zukünftigen Gemahl im prachtvollen Putz des Bräutigams zu erblicken?

Katualda und Ortolf erreichten das große, in den Hang hineinwachsende Gebäude und blieben im Schatten des überhängenden, mit Rohr gedeckten Daches stehen. Der Sohn des Gaufürsten hielt es vor Ungeduld kaum noch aus, doch sein Vater wartete, bis sich alle Dorfbewohner und Gäste am Fuß des grünen Hangs verteilt hatten. Lurenklang und Trommelschläge erstarben und machten dem Ruf der heiligen Hörner Platz, in deren leuchtendes Silber Runen graviert waren; ihr weithin hallender Klang sollte die Götter gewogen stimmen. Endlich verstummten auch sie, und Ortolf schlug mit kräftiger Faust gegen das Türholz.

Mit leisem Knarren schwang die Tür auf, und – zu schnell, dass Katualda einen neugierigen Blick hineinwerfen konnte – Ilgas Vater Wolrad füllte die Öffnung aus. Der bärtige Edeling, der zu den angesehensten Männern im Nottgau zählte, schob seinen fassartigen Wanst durch die Tür und ließ seinen Blick in die Runde schweifen, mit einer Gelassenheit, die den Bräutigam zum stillen Zähneknirschen brachte.

Der massige Brautvater schien in jedes einzelne Augenpaar zu blicken, bevor er Ortolf die rituelle Frage stellte: „Was ist dein Begehr?“

„Deiner Tochter Hand.“

„Wozu begehrst du dies?“

„Um Ilga aus deiner Munt in die meines Sohnes zu übergeben.“

„Wodurch wird dies offenbar?“

„Durch den Tausch der Ringe“, erwiderte Ortolf und entnahm einem der kleinen Leinenbeutel an seinem breiten, silberbeschlagenen Ledergürtel den goldenen Ring, auf dem ein großer Bernstein saß; er hielt den Ring hoch und legte ihn dann in Katualdas Hand.

Auch Wolrad entnahm einem Gürtelbeutel einen Goldring mit einem ähnlichen Bernstein, trat ins Freie und rief ins Haus: „Komm heraus, Tochter, um den Ring zu tauschen mit deinem Gemahl, Gebieter und Beschützer!“

Und dann sah Katualda nur noch Ilga. Die schöne, verzaubernde Ilga in einem hellblau leuchtenden Kleid. Der silbernen Fibeln und Armreife und der Kette aus leuchtenden Glasperlen, selten und kostbar in den Dunklen Bergen, hätte es nicht bedurft, um der Braut eine glänzende, strahlende Aura zu verleihen. Die grünen Augen, wie gebannt auf ihren baldigen Gemahl gerichtet, schillerten vor Glück, und die vollen Lippen zeigten ein beseeltes Lächeln. Die Blicke der Verliebten trafen sich, brannten sich tief ineinander fest und nahmen kaum etwas anderes wahr.

Sie tauschten die Ringe wie im Traum und führten dann den Festzug zurück ins Dorf, zum Hof des Gaufürsten. Hinter Ilga traten ihre sämtlichen Angehörigen aus dem Haus, von der Mutter Gondela bis hin zur kleinen Schwester Alea, die trotz ihrer acht Winter noch recht klein war und auf ihren kurzen Beinchen kaum Schritt halten konnte, bis die Mutter sich erbarmte und sie auf den Arm nahm.

Wieder spielten Luren und Trommeln eine rhythmische Melodie. Plötzlich mischte sich ein anderer Laut in die feierlichen Klänge, schrill und aufwühlend drang er von fern über Hügel und Baumwipfel und überlagerte den anschwellenden Lurensang. Mit jedem Augenblick schien er lauter zu werden, eindringlicher, fordernder. Luren und Trommeln erstarben auf einen hastigen Wink des Gaufürsten. Mitten im Dorf, zwischen den blumengeschmückten Häusern, hielten die Menschen an, um dem schreienden Ton zu lauschen, der ebenso vertraut wie unerwartet war. Was an das Röhren eines Hirsches erinnerte, war eine Botschaft ihres Kunings, und Katualda, der sie zu anderer Gelegenheit freudig begrüßt hätte, hörte sie am Tag seiner Vermählung mit versteinertem Gesicht. Aufgeregtes Flüstern ging durch die Reihen, und ein Wort wurde immer wieder ausgesprochen: „Krieg!“

Das Röhren verstummte und wurde durch das hektische Getrappel von Pferdehufen ersetzt. Drei Reiter kamen vom Südpass und galoppierten, über die Hälse ihrer großen Römerpferde gebeugt, ins Dorf. Sie trugen Eisenhemden und Bronzehelme, deren geschwungene Spitzen in kleinen Pferdeköpfen ausliefen. Ein springender Rappe zierte die ovalen Schilde und die rote Fahne, die einer der Reiter stolz im Wind flattern ließ. Ein anderer hatte das lange, gewundene Bronzehorn umgehängt, dessen Laut Ortolfs Siedlung alarmiert hatte. Ihr Anführer trug einen roten Mantel, den ebenfalls der springende Rappe zierte: Marbods heiliges Tier.

Dicht vor der Festgesellschaft zügelten die Reiter ihre Pferde, und der spitzbärtige Anführer blickte Ortolf an. „Du bist Ortolf, Fürst des Nottgaus, nicht wahr?“

„Wer will das wissen?“, fragte Ortolf barsch und wies damit den Fremden zurecht, der sich nicht vorgestellt hatte.

„Ich bin Anjo, Reiterführer in Marbods Heer“, verkündete der Rotbemäntelte mit stolz vorgerecktem Kinn.

„Ich bin Ortolf und heiße dich in meinem Gau willkommen, Anjo. Was führt dich zu mir?“

Anjos bärtiges Gesicht unter dem Bronzehelm verzog sich ungläubig, und sein Blick flog zu dem Hornisten, bevor er sich wieder auf den Gaufürst heftete. „Seid ihr alle taub, Ortolf? Habt ihr das Signal nicht gehört, den Kriegsruf unseres Kunings nicht vernommen? Was steht ihr noch hier wie versteinert? Warum seid ihr nicht längst zu den Waffen geeilt?“

Ortolf versteifte sich, zog die dichten Brauen über den dunkelbraunen Augen zusammen und erwiderte im selben vorwurfsvollen Ton: „Bist du blind, Anjo? Siehst du nicht, dass hier eine Hochzeit gefeiert wird, die Vermählung meines Sohns Katualda mit Ilga, der Tochter des Edelings Wolrad? Sollen wir das Fest in Windeseile abbrechen, nur weil in der Ferne ein Hirsch röhrt?“

„Kein Hirsch!“, rief wütend, mit zorngeröteten Wangen, der Reiterführer. „Es war mein Hornist, der den Kriegsruf ausstieß, weil Marbod seine Truppen sammelt. Im ganzen Land der Harier sind meine Boten unterwegs, um, wie es überall im Markomannenreich geschieht, auch die Schattenkrieger zusammenzurufen. Will der Nottgau seiner Waffenpflicht nicht nachkommen?“

„Wir stehen zu unserer Pflicht, Kuning und Heimat gegen jeden Feind zu verteidigen“, sagte Ortolf laut, aber ruhig. „Wenn Marbod in Gefahr ist, ziehen wir noch heute zu seiner Hilfe aus. Wer sind die Angreifer, und woher kommen sie?“

Anjo wand sich in seinem Römersattel und antwortete: „Das Reich der Markomannen wird nicht angegriffen – noch nicht.“

„Also bereitet Marbod einen Kriegszug vor?“, forschte der Gaufürst nach.

„Auch das trifft es nicht“, brummte Anjo. „Der Kuning sammelt seine Krieger mehr aus Vorsicht und um seine Stärke zu zeigen.“

„Wem will er seine Stärke zeigen?“

„Den Römern und den nördlichen Stämmen, besonders den Cheruskern.“

Ortolf zog die Stirn noch mehr in Falten. „Das verstehe ich nicht. Erkläre deine Worte, Anjo!“

„Armin, der neue Cheruskerherzog, hat Marbod ein Geschenk gesandt, den Kopf des römischen Feldherrn Varus. Vor Kurzem fand eine große Schlacht statt, in der die Cherusker und ihre Verbündeten das Heer des Varus völlig aufrieben. Drei Tage soll der Kampf gedauert haben, und die Erde trank das Blut von vielen Tausend Römern. Der Kopf des Varus soll Marbod bewegen, sich dem Aufstand anzuschließen und zusammen mit Armin gegen Rom zu ziehen.“

Viele Augen, besonders die der männlichen Harier, leuchteten bei Anjos Bericht auf. Ein Sieg über Rom, was konnte es Größeres, Ruhmreicheres geben? Schon einmal hatte Marbods Markomannenreich an der Schwelle zum Krieg gegen die römische Weltmacht gestanden, wenige Winter war dies her. Aber dann hatte ein Aufstand in Pannonien und Illyrien Kaiser Augustus gezwungen, seine Legionen dorthin zu werfen. Diesen Aufstand hatte Tiberius, der Stiefsohn des Augustus, gerade erst niedergeschlagen. Noch mussten Roms Soldaten erschöpft sein, die Legionen ausgeblutet und kampfesmüde. Im Verein mit Armins Nordstämmen die Römer zu besiegen, versprach ein aussichtsreiches, Ruhm bringendes und beuteträchtiges Unterfangen zu werden.

Ortolf nickte Anjo beifällig zu und fragte: „Will Marbod sein Heer in solcher Eile mit den Cheruskern vereinigen, dass die Hochzeit meines Sohns unterbrochen werden muss? Wenn es so ist, werden wir uns selbstverständlich dem Willen unseres Kunings fügen.“

„Du missverstehst mich, Gaufürst. Marbod schließt sich nicht dem Cherusker Armin an.“

Ortolf seufzte: „Du sprichst an einem Tag mehr Rätsel aus, Anjo, als eine Seherin in ihrem ganzen Leben.“

„Unser Kuning hat es nicht nötig, sich einem fremden Herzog anzuschließen“, erklärte der Reiterführer. „Das Markomannenreich liegt nicht im Krieg mit Rom. Warum sollte es sich in die Fehde der Cherusker hineinziehen lassen?“

„Weil dies die Gelegenheit ist, auf die wir seit vielen Wintern warten!“, erwiderte Ortolf mit Nachdruck. „Die Gelegenheit, Roms Macht für immer zu zerschlagen, bevor Augustus unsere Stämme unterjocht. Hat Marbod vergessen, dass die Legionen des römischen Herrschers schon einmal an unseren Grenzen aufmarschiert sind?“

„Es steht mir nicht zu, über das Gedächtnis meines Kunings zu urteilen“, versetzte Anjo brüsk. „Ich führe Marbods Befehle aus und stelle sie nicht infrage. Außerdem haben uns die Römer damals nicht angegriffen, so sehr fürchteten sie Marbods Macht.“

„Nein, sie fürchteten nicht seine Macht, sondern einen Krieg an zwei Fronten, weil die Pannonier und Illyrer Tapferkeit zeigten und ihnen trotzten.“

„Wohin hat es die Pannonier und Illyrer geführt, Ortolf? Sie verloren viel Blut, ohne ihre Freiheit zu gewinnen.“

„Sie haben es wenigstens versucht!“, rief Katualda und trat neben den Reiterführer. „Mein Vater Ortolf hat recht, jetzt ist die Gelegenheit für Marbod, seine Macht und Stärke zu beweisen. Schließen wir uns den Cheruskern an, fegen wir die Römer für immer aus unseren Tälern und Wäldern!“

Begeisterte, zustimmende Rufe wurden laut. Die Schattenkrieger ließen den Kuning Marbod hochleben, ihren Gaufürsten Ortolf und seinen Sohn Katualda.

Anjos Gesicht verfinsterte sich zusehends. „Befolgt Marbods Befehl und eilt zu den Waffen, Schattenkrieger! Das ist eure Aufgabe, die Entscheidungen lasst unseren weisen Kuning treffen! Er hält es für das Klügste, nicht in den Streit zwischen Römern und Cheruskern einzugreifen. Die Krieger werden nur zur Vorsicht versammelt, für den Fall, dass der Krieg doch über unsere Grenzen dringt.“ Er richtete sich im Sattel auf. „Ortolf, ich erwarte dich mit deinen Kriegern am Eulenberg, noch bevor Notts schwarze Schleier Sunnas Strahlen verhüllen!“

Der Soldat wollte seinen Braunen wenden, aber Ortolf hob die Hände und hielt ihn zurück. „Du wirst vergeblich auf uns warten, Anjo. Wäre das Reich in Gefahr oder ein Zug gegen die Römer zu führen, sofort würde ich zu Ger und Frame greifen. Aber ich werde die Hochzeit meines Sohns nicht verschieben, nur um meine Krieger tatenlos an den Grenzen des Markomannenreiches aufmarschieren zu lassen.“

Anjos Augen verengten sich zu schmalen, gefährlich wirkenden Schlitzen. „Du willst also dem Waffenruf deines Kunings nicht folgen, Gaufürst Ortolf?“

„Doch. Aber erst, wenn die Hochzeit vorüber ist.“

„Nein, sofort!“, bellte Anjo. „Ich erwarte deine Krieger am Eulenberg, bevor Sunna hinter den Bergen versinkt!“

Er packte die Zügel, riss den Braunen herum und sprengte mit seinen Begleitern davon. Marbods Boten ließen die Männer aus dem Nottgau in erregtem Wortwechsel zurück. Sollten sie dem Befehl folgen und zu dem großen Felsen aufbrechen, der wegen seiner Vogelform Eulenberg genannt wurde? Oder sollten sie den rüden Worten Anjos trotzen und das Fest gebührend begehen, zu dem sie zusammengekommen waren?

„Die Schattenkrieger haben niemals einen Kampf gescheut“, übertönte der Gaufürst das Stimmengewirr. „Weit über unser Land und über die Grenzen des Markomannenreiches hinaus sind wir gefürchtet, noch niemand hat uns Feiglinge geschimpft. Aber wir greifen nur zu den Waffen, wenn ein Feind zu besiegen ist, nicht wenn ein Kuning Männer braucht, nur um seine Macht zu zeigen. Gegen Rom wären wir sofort gezogen, gegen Schemen wenden wir uns erst, wenn die Hochzeit vollzogen ist.“

Notts Söhne und Töchter setzten die Zeremonie fort. Sie geleiteten das Brautpaar in das Vaterhaus des Bräutigams, wohnten dem Austausch der Geschenke bei, nahmen das Festmahl ein, opferten den Göttern und vollzogen, bereits umgeben von Notts Schleiern und im Schein hochflackernder Feuer, die Hammerweihe, bei der Donars Hammer Miölnir in den Schoß der Braut gelegt wurde, um die Zeugungskraft des Mannes mit der fruchtbaren Bereitschaft der Frau zu vereinen.

Schließlich, die Feuer waren schon niedergebrannt und die Metkrüge und Fleischplatten geleert, begleiteten die Edelinge aus Ortolfs Gau Katualda und Ilga in das neue Haus am westlichen Dorfrand, das ihr Heim sein sollte. Dort stiegen Bräutigam und Braut nach altem Ritus in das Brautbett. Ortolf und Wolrad zogen die große Brautdecke aus mit beschwörenden Runen bestickter Wolle über das junge Paar, bis es von Kopf bis Fuß zugedeckt war. Noch einmal rief der Gaufürst die Götter an und bat sie, die Ehe mit Glück und Fruchtbarkeit zu segnen, dann verließen alle das Haus.

Katualda und Ilga waren allein, endlich.

Kapitel 2 – Der Blutmorgen

Etwas weckte Katualda, und er schreckte hoch. Ein Geräusch dicht neben ihm, ein Stöhnen, ließ ihn in der Bewegung verharren. Er lächelte, als er im schwachen Morgenlicht, das durch die Ritzen zwischen Flechtmatten und Windaugen ins Haus fiel, neben sich den zarten, schlanken Leib erblickte, nackt wie er selbst. Er musste sich erst noch daran gewöhnen, ein verheirateter Mann zu sein. Aber es würde ihm nicht schwerfallen, denn es war ein gutes Gefühl.

Mann und Frau hatten ihre erste gemeinsame Nacht genossen, obwohl es spät war, als sie aufs Brautlager sanken. Liebe und Leidenschaft hatten jeden Anflug von Müdigkeit vertrieben. Jeder hatte den Körper des anderen erkundet, mit Augen, Händen und Lippen. Dann kam endlich der Augenblick, auf den Katualda so lange gewartet hatte. Aber es erwies sich als überaus schwierig, in Ilga einzudringen. War er zu ungestüm oder zu ungeschickt? Ilga beruhigte ihn, es würde besser gehen, wenn sie sich aneinander gewöhnt hatten. Auf einmal war er in ihr, und sie schrie und wimmerte, erst vor Schmerz, von dem die Blutflecke auf dem Laken zeugten, irgendwann vor Lust. Lange hatten sie sich geliebt, und kurz nur war Katualdas Schlaf gewesen. Was hatte ihn geweckt?

War es schon Zeit für die Morgengabe, die der Bräutigam nach altem Brauch am Tag nach der Hochzeitsnacht der Braut zu übergeben hatte? Nein, dazu war es noch zu früh, das Licht noch viel zu schwach. Nur undeutlich sah Katualda die Stützbalken und Bänke, und sein Blick kehrte zurück zu dem warmen, weichen, wunderschönen Wesen, das nun seine Frau war.

Ilga rekelte sich im wohligen Schlaf und drückte die Rundung ihres Gesäßes gegen seinen Schoß. Er spürte die aufsteigende Erregung, da hörte er wieder Geräusche: Pferdegewieher, dumpfes Hufgetrappel, Stimmen und Waffenklirren. Dann auch Schreie: Befehle sowie Laute der Überraschung und des Schmerzes.

Katualdas Schläfrigkeit war wie weggeblasen. Der junge Mann wurde zum Krieger und schwang sich vom Lager. Etwas stimmte nicht im Dorf seines Vaters!

Er wollte nach draußen stürzen und nachsehen, als er gewahr wurde, dass er nackt und waffenlos war. Er fand sein Hemd auf dem Boden und streifte es über, das musste genügen. Auf einer Bank lagen der Schild und die Waffen, die Ilga ihm gestern geschenkt hatte: Schwert, Ger und Frame. Er packte am mit Silberblech beschlagenen Griff das Schwert, eine kostbare Arbeit, und zog die stählerne Klinge aus der ebenfalls silberbeschlagenen Scheide. Nach einem kurzen Blick auf Ilga, die selig schlummerte, stieß Katualda die Tür auf. Was er sah, verschlug ihm den Atem.

Von allen Seiten kamen sie ins Dorf, behelmte Krieger auf großen Pferden, deren Hufe mit Lappen umwickelt waren; deshalb hatte der Hufschlag so dumpf geklungen. Einige Angreifer sprangen aus den Sätteln und liefen in die Häuser, um die Schlafenden zu wecken und nach draußen zu treiben. Ein Teil der Hochzeitsgäste, der unter freiem Himmel genächtigt hatte, wurde unter starker Bewachung in die große Pferdekoppel bei den östlichen Hügeln gebracht. Katualdas Blick fiel auf rote Fahnen mit einem springenden schwarzen Pferd in der Mitte. Es war die Flagge des Kunings. Marbods Reiter waren zurückgekehrt, um Rache zu nehmen an Ortolfs Siedlung.

Unheimlich war die Stille, in der dies alles geschah. Noch immer schliefen einige Menschen im Dorf, während andere längst Gefangene der Reiter waren. Nur vereinzelt wurden Schreie laut, aber die Angreifer verhielten sich weitgehend geräuschlos, gaben nur halblaut knappe Befehle und sorgten dafür, dass auch die Überfallenen ruhig blieben. Katualda erkannte darin Marbods eiserne Faust, die aus ungestümen Kriegern disziplinierte Soldaten nach römischem Vorbild geformt hatte.

Der junge Harier erblickte Anjo, der einen Kriegertrupp zum größten Haus des Dorfes führte, dem Heim des Gaufürsten. Schon sprengten Marbods Männer mit einem Holzbalken die Tür und wollten ins Haus stürmen. Aber bewaffnete Harier kamen ihnen entgegen, angeführt von Ortolf, der Schwert und Schild trug. Augenblicklich entbrannte ein heftiger Kampf zwischen der Gefolgschaft des Gaufürsten und Anjos Soldaten.

Das erlöste Katualda aus seiner Erstarrung. Er sprang hinaus und hetzte in weiten Sprüngen über das Gras. Es war noch feucht vom Tau, der nächtens von den Mähnen der Wolkenrosse, auf denen die Walküren durch den Himmel jagten, zur Erde träufelte.

Katualdas Vater konnte Hilfe gut gebrauchen. Zwei Berittene hatten ihn von seinen Gefolgsmännern abgedrängt. Ortolfs Rechte focht mit dem einen Reiter ein Schwertduell aus, während seine Linke den schwarzen Schild hielt und die Framenstöße des zweiten Gegners abfing.

Katualda stieß einen grellen Schrei aus, um den Framenreiter von Ortolf abzulenken. Das wirkte, und der Berittene riss erschrocken seinen Braunschecken herum. Sobald er Katualda sah, richtete er die Eisenspitze der Frame auf den jungen Krieger und hieb die Bronzesporen in die Pferdeflanken. Das Tier wieherte schrill und stürmte vor.

Katualda hatte den Schild nicht mitgenommen und war deshalb nicht in der Lage, den Framenstoß abzuwehren. Auch war es zu spät, beiseite zu springen. Also ließ er sich fallen, rollte sich unter das Pferd und stieß seine Klinge in die Brust des Tieres. Ein Huf traf Katualda hart und schmerzhaft an der linken Schulter. Aber er hielt sein Schwert mit beiden Händen fest, und die Klinge fraß sich von der Brust bis zum vorderen Bauchbereich durch den Pferdeleib. Warmes Blut und Gedärm regneten auf den Harier, verklebten Gesicht, Arme und Brust. Das Pferd schrie und knickte ein. Katualda riss seine Waffe zwischen Fleisch und Knochen hervor und rollte sich so schnell wie möglich zur Seite. Gerade noch rechtzeitig, bevor der schwere Pferdeleib zu Boden stürzte.

Der Reiter wurde aus dem Sattel geschleudert und verlor seinen Helm, der hölzerne Framenschaft zerbrach. Katualda stand auf und hob das Schwert zum Schlag; an der Stahlklinge klebten Blut und Pferdehaar. Der Markomanne riss im Knien die Linke mit dem ovalen Schild hoch und fing den Hieb ab. Dann sprang der Mann hoch und zog sein eigenes Schwert aus der Scheide an seiner rechten Hüfte. Noch aus dieser Bewegung führte der erfahrene Kämpe den ersten Streich gegen Katualda. Ihre Klingen trafen sich, ließen winzige Funken aufstieben und rutschten kreischend aneinander entlang, ohne sich zu trennen. Beide Männer erhöhten den Druck, um den Feind zum Nachgeben zu zwingen.

Aus den Augenwinkeln sah Katualda, dass Ortolf seinen anderen Gegner bezwungen hatte. Ein Schwerthieb des Gaufürsten hatte den halben Waffenarm des Markomannen aufgeschlitzt, und gleich darauf fuhr Ortolfs Schwert in den ungeschützten Hals über dem Kettenhemd. Der Reiter stieß ein dumpfes Gurgeln aus, hustete, spuckte Blut, wankte im Sattel und fiel vor Ortolfs Füße. Aber schon drohte Katualdas Vater neue Gefahr: Anjo und zwei weitere Reiter trieben ihre Pferde in seine Richtung.

Katualda wollte einen Warnruf ausstoßen, als etwas schwer gegen seinen Kopf schlug. Der Markomanne hatte den Schild gegen den Harier geführt, und der bronzene Buckel traf Katualdas Stirn. Übelkeit und Benommenheit überwältigten ihn für Augenblicke. Die beiden Schwerter trennten sich, und der junge Harier wankte ein, zwei Schritte zurück.

Anjo und seine Begleiter erreichten Ortolf, der geschickt einem Framenstoß auswich und sich sofort gegen den nächsten Angreifer wandte: den Reiterführer selbst. Anjo wehrte den ersten Schlag des Gaufürsten mit dem eigenen Schwert ab, den zweiten ebenso. Als Ortolf zum nächsten Hieb ausholte, bohrte der dritte Reiter seine Frame von hinten zwischen die nackten Schultern des Gaufürsten.

Ein gellender Schrei entfuhr Katualda, und er stürzte nach vorn. Sein überraschter Gegner riss den Schild zu spät hoch. Der Stahl des Hariers fuhr mitten ins Gesicht des Markomannen und zerschnitt es von oben nach unten in zwei Teile. Katualda stürmte an dem einknickenden Soldaten vorbei und hielt auf Ortolf und die berittenen Markomannen zu.

Der Gaufürst war schwer getroffen und sackte auf die Knie, hielt aber immer noch Schwert und Schild. Die zweite Frame bohrte sich in seine rechte Seite. Blut spritzte, und der verletzte Harierfürst schrie auf. Anjo brachte seinen Braunen dicht an Ortolf und spaltete ihm mit dem Schwert das Haupt.

Wieder schrie Katualda und hob seine Klinge in einer Mischung aus Zorn und Trauer, um des Vaters Tod zu rächen. Anjo hörte den Schrei und riss den Braunen herum. Das erschrockene Tier stieg auf die Hinterläufe, die Vorderläufe wirbelten durch die Luft und trafen den Angreifer an Kopf und Brust. Kurzzeitig kehrte die Nacht für Katualda zurück, und er fiel ins Gras, das nicht mehr nur feucht war vom Tau, sondern auch vom vergossenen Blut. Er spürte einen unangenehmen Druck an seiner Kehle. Es war die eiserne Spitze einer Frame.

„Halt, tötet ihn nicht!“, rief Anjo. „Bindet ihn! Lebend können wir ihn noch besser gebrauchen. Unser Kuning will vielleicht auch seinen Spaß mit denen haben, die seinen Befehl verweigerten.“

Kräftige Hände packten Katualda und banden ihn mit Hanfstricken und Lederriemen. Noch immer war ihm übel, und er spürte Schmerzen am ganzen Körper, aber Notts Schleier, der sich über seine Augen gelegt hatte, zerriss. Sein Blick fiel auf das neu erbaute Haus, in dem er mit Ilga eine kurze Nacht des Glücks verbracht hatte. Ilga stand in der offenen Tür und hielt ein Tuch oder ein Kleidungsstück vor ihren nackten Schoß. Mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen starrte sie auf das blutige Treiben – und auf Katualda. Als sie ihren gefesselten, am Boden liegenden Bräutigam sah, lief sie los.

Furcht stieg in ihm hoch, und er wollte ihr zurufen, im Haus zu bleiben. Aber die Angst um Ilga schnürte ihm die Kehle zu, und er brachte nur ein leises, raues Krächzen heraus. Ilga wollte sich über ihren jungen Gemahl werfen, doch Anjos kräftige Hand packte sie an der Schulter und hielt sie zurück.

„Wen haben wir denn da?“, fragte der Reiterführer, nahm seinen Blick nur mit Mühe von Ilgas festen, noch mädchenhaft kleinen Brüsten und starrte in ihr längliches, ebenmäßiges Gesicht, jetzt ein Bild von Verwirrung und Schrecken. „Wenn das nicht die hübsche Braut des widerspenstigen Hariers ist!“

Mit einem Blick in die Runde vergewisserte sich Anjo, dass seine Männer die Herren des Dorfes waren. Sunna hatte sich noch nicht über die östlichen Berge erhoben, schickte aber schon die ersten blassroten Strahlen voraus, die für ausreichendes Licht sorgten. Licht, in dem der Reiterführer sah, wie seine Männer die Gefangenen zusammentrieben. Widerstand gab es nicht mehr.

Zufrieden glitt Anjo aus dem lederbespannten Sattel, der nach römischer Art mit vier Knäufen versehen war. Mit fast väterlicher Geste strich seine Hand durch Ilgas seidiges, rötlich schimmerndes Haar, das lose um ihre Schultern fiel und den Rücken fast bis zum nackten Gesäß bedeckte. Dann, mit einem plötzlichen Ruck, riss er der Frau das Tuch aus der Hand und schleuderte es achtlos beiseite.

Vollkommen nackt stand Ilga nun vor ihm. Sie unternahm keinen Versuch, ihren Schoß mit den Händen zu verdecken. Instinktiv ahnte sie, dass dies nicht nur zwecklos war, sondern den Markomannenführer nur noch mehr anstacheln würde.

„Ein wirklich schönes Kind bist du“, brummte Anjo und leckte über seine wulstigen Lippen. „Schade, wir hätten eher kommen sollen, vor der Hochzeitsnacht. Es wäre sicher ein Vergnügen gewesen, diese Frucht als Erster zu pflücken!“

Seine Rechte verkrallte sich im Kraushaar ihrer Scham, und die groben Finger bohrten sich in das empfindliche Fleisch. Ilgas spitzer Schrei entsprang dem Schmerz genauso wie der Angst. Anjo ließ nicht von ihr ab, griff nur noch fester zu, bis Ilga sich wand, keuchte und vor Schmerz Blut aus ihrer Unterlippe biss.

Bisher hatte Katualda geschwiegen, um den Reiterführer nicht noch mehr zu reizen. Doch als er Ilgas schmerzgeplagtes Gesicht sah, hielt er es nicht länger aus und zerrte an seinen Fesseln – vergebens, die Soldaten hatten ganze Arbeit geleistet.

„Dreckiges Markomannenschwein!“, schrie er. „Kannst du nichts anderes, Feigling, als Schlafende zu überfallen und dich an wehrlosen Frauen zu vergreifen?“

„Doch“, erwiderte Anjo und ließ von Ilga ab. „Ich kann kläffende Köter zum Schweigen bringen!“

Er trat in Katualdas Gesicht. Die lederne Schuhspitze brach die Nase des Hariers, und der Bronzesporn riss seine linke Wange auf. Fast schlimmer noch als den Schmerz empfand Katualda das Gefühl zu ersticken. Blut füllte seine Nase aus. Als er das begriff und durch den Mund atmete, ging es wieder.

Anjo kehrte zu Ilga zurück, warf sie roh zu Boden, öffnete seinen Gürtel und ließ die dunkle, zum Schutz gegen den Durchrieb beim Reiten mit Lederflicken besetzte Wollhose hinunterfallen. Dann sackte er auf die Knie und packte die auf dem Rücken liegende Frau bei den Unterschenkeln, die er brutal auseinanderriss.

Noch einmal versuchte Katualda, die Fesseln abzustreifen. Als das nicht gelang, flehte er Anjo an, Ilga zu verschonen und dafür ihrem Gemahl das Leben zu nehmen.

„Das kann ich immer noch“, lachte der Reiterführer und drang, angefeuert von den groben Zurufen seiner Männer, gewaltsam in Ilga ein.

Diesmal wimmerte sie nur vor Schmerz.

Kapitel 3 – Die Hundsspalte

Es war ein lichtloses, stinkendes, feuchtes Loch, in dem Katualda die Zeit vergaß, aber nicht die Pein, die Trauer und den Zorn. Immer wieder sah er Ilga vor sich, die sich mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden wand, während Anjo sie schändete. Anjo und weitere Markomannen. Wie die Tiere fielen sie über Ilga und die anderen gefangenen Frauen her, nicht nur am Morgen des Überfalls. Während des ganzen Marsches zum Fluss Moldau, an dem Marbod die Hauptstadt seines Reiches gegründet hatte, missbrauchten sie die Harierinnen, sogar solche im Kindesalter, auch die kleine Alea. Lange hatten die Geschändeten gebettelt und geweint, bis sie schließlich alles, auch die widernatürlichsten Handlungen, in stummer Verzweiflung erduldeten.

Zwei grüne Augen starrten Katualda durch die Finsternis an, selbst wenn er seine eigenen Augen schloss. Mal war der Blick von Scham und Schmerz geprägt, mal von Todesangst, dann von dem Wunsch zu sterben; zuweilen war der Ausdruck auch vorwurfsvoll. Warum hast du, mein Gemahl, mich nicht beschützt?, schienen Ilgas Augen zu fragen.

Weil ich zu schwach gewesen bin, antwortete der Gefangene stumm in die Finsternis hinein. Zu schwach, um meine Frau vor der Schande, meinen Vater vor dem Tod und mein Dorf vor der Vernichtung zu bewahren. Ich habe versagt!

Dieser Gedanke fraß sich in ihm fest, bohrte in seinen Eingeweiden und hielt sein Herz in eisiger Umklammerung. Nur eine Sühne konnte es dafür geben: den ehrlosen Tod!

Den Strohtod zu sterben, nicht in der Schlacht zu fallen, war die größte Schande für einen Krieger. Wer den Strohtod starb, wurde nicht von den Walküren nach Walhall geführt, durfte nicht mit den Göttern zechen, sich nicht im täglichen Kampf als Einherier üben, um am Ende der Zeiten Seite an Seite mit den Göttern gegen die Ungeheuer der dunklen Mächte zu kämpfen. Hel, die halb schwarz- und halb menschenhäutige Tochter Lokis und Angurbodas, zog die unrühmlich gestorbenen Krieger in ihr düsteres Totenreich. Für eine Frau oder ein Kind war dies ein annehmbares Schicksal, der rechte Ort, auf das Zeitenende zu warten, nicht aber für einen Mann, der zum Kämpfen geboren war.

Nahrung bekamen die Gefangenen in dem tiefen, finsteren Felsloch nicht. Wasser tranken sie von den steinigen Wänden, an denen die lebenswichtige Flüssigkeit hinunterlief. Sie drückten ihre Gesichter gegen den Stein und leckten ihn mit rauen, pelzigen Zungen ab. So wie in dieser Höhle war es wohl auch in allen anderen Kavernen von Marbods Kerker, in denen Hunderte von Hariern ihrem Schicksal harrten – dem Hungertod?

Irgendwann – er wusste nicht, wie viele Nächte vergangen waren – beschloss Katualda, nicht mehr zu trinken, damit der Tod, seine schändliche Strafe, schneller zu ihm kam. Reglos hockte er in einer Ecke, antwortete nicht mehr auf Zurufe seiner Mitgefangenen, beachtete nicht mehr die Berührungen durch Käfer, Salamander, handgroße Spinnen und stumme Höhlengrillen. Selbst die Ratten, die an ihm nagten, verscheuchte er nicht. Er schloss die Augen, lehnte sich zurück und wartete auf Hels kalte Hand.

Aber die Hand war warm und rau und schlug ihm ins Gesicht, bis er die Augen aufriss und in ein bärtiges Antlitz starrte. Hell wie der Bart war das Haar des Mannes, das an der rechten Kopfseite zu einem Knoten geflochten war, in dem über Kreuz zwei Knochen steckten – Menschenknochen. Der Mann mochte den Sueben angehören, die Marbod seinem Reich einverleibt hatte, vielleicht auch einem anderen Volk. Ursprünglich hatten die Suebenstämme diesen Knoten getragen, doch die Mode hatte sich im ganzen Markomannenreich verbreitet.

„Steh endlich auf, störrischer Harieresel!“, keifte der Mann, der einen dunklen Wollkittel über Hosen aus demselben Stoff trug. „Hast es wohl nicht eilig, zu deiner Hinrichtung zu kommen, was?“

Das meckernde Lachen des Fremden wurde von seinen Gefährten erwidert. Mehrere von ihnen standen in der Höhle, hielten Fackeln, Gere und Schwerter in den Händen und trieben die Gefangenen an, eine wacklige Holzleiter emporzuklettern. Die Harier waren so geschwächt, dass einige an dem glattgescheuerten Stamm abrutschten, aus dem ebenso glatte Sprossen ragten, zumal einige Sprossen abgebrochen waren. Die Kerkerwachen kannten kein Mitleid, schlugen die Verunglückten oder stachen sie mit spitzen Eisen.

Wut stieg in Katualda auf und verscheuchte die Schwermut. Am liebsten hätte er sich auf die Wärter gestürzt und sie mit bloßen Fäusten bearbeitet. Aber er war zu schwach, konnte sich kaum auf den eigenen Beinen halten. Mühsam erstieg er die Leiter, dem schmerzhaften Licht entgegen, das aus seinen nur noch an Finsternis gewöhnten Augen Tränenströme presste. Auch frische Luft und Vogellaute, den zu einem hohen, lang anhaltenden Ton anschwellenden Gesang der Goldammer, war er nicht mehr gewohnt.

Die Gefangenen wurden auf einem großen freien Platz zusammengetrieben, der auf allen Seiten von Felswänden umgeben war. Ein natürliches Gefängnis. Eine schmale Öffnung im Fels war durch ein schweres Tor verschlossen. Mehrere an den Stein gelehnte Holzhütten dienten den Wachen als Unterkunft.

Das alles erkannte Katualda nach und nach, während seine Augen sich an das helle Tageslicht gewöhnten und die Tränenschleier sich allmählich auflösten. Die Umrisse von Felsen und Gebäuden setzten sich vor ihm zusammen, als würde die Welt in diesem Augenblick geboren. Gleiches galt für die Konturen der Menschen, die anfangs noch gesichtslos waren, dann zu Männern und Frauen wurden.

Frauen!

Erregt blickte er sich um, dann sah er sie endlich: Ilga. Sie lebte und schien gesund zu sein, und er dankte den Göttern dafür. Sie trug nur schmutzige, löchrige Fetzen am Leib, und ihr verfilztes Haar hing in ungeordneten Strähnen an ihr herunter. Ilga stand bei ihren Eltern und Geschwistern und stierte mit leerem Blick vor sich hin.

Bestürzung überfiel Katualda. War nur der Leib seiner Frau gesund, nicht aber ihr Verstand?

Er rief ihren Namen und wollte zu ihr laufen, aber ein Reiter drängte sich dazwischen und schlug den Handrücken in Katualdas Gesicht. Der geschwächte Edeling fiel zu Boden und blickte zu einem großen braunen Pferdeleib auf und zu dem hageren, knochigen Reiter mit einem dunklen Bart, der am Kinn zu einer langen Spitze auslief. Die schmalen Augen unter dem Bronzehelm sahen in boshafter Befriedigung auf Ortolfs Sohn herab.

„Wohin so rasch, Schattenkrieger?“, grinste Anjo. „Hast du deine hübsche Frau so sehr vermisst? Ich kann’s ja verstehen. In den Kerkerhöhlen fühlt sich ein Mann sicher einsam, zumal ein jungvermählter. Dein Weib hat dich bestimmt nicht so schmerzhaft entbehrt. Meine Soldaten und ich haben dafür gesorgt, dass ihr Bedarf an Männern gedeckt ist. Ich würde mich nicht wundern, wenn ein Markomannenkrieger in ihrem Leib heranwächst!“

„Ich wusste gleich, dass du ein Schwein bist, Markomanne!“, stieß Katualda hervor und erhob sich schwankend. „Und ich schwöre bei Nott, der Göttin der Nacht, dass ich dich töten werde!“

Noch bevor er ausgesprochen hatte, stürzte er sich mit ausgestreckten Armen auf den Reiter, um ihn vom Pferd zu reißen. Anjo war darauf vorbereitet, zog sein Schwert aus der Scheide und schlug die Klinge mit der stumpfen Breitseite über den Schädel des Angreifers, der erneut zu Boden ging. Sofort riss Anjo den Braunen zurück.

„Pass auf, dass du nicht auf den dreckigen Harier trampelst, mein Guter“, raunte er dem Tier ins Ohr. „Unser Kuning wäre sehr traurig, wenn er Katualdas Tod nicht beiwohnen könnte.“ Dann befahl er zwei Kerkerwächtern, Katualdas Arme auf den Rücken zu fesseln.

Derart gebunden, musste sich Katualda in die lange Schlange der Harier einreihen, die, bewacht von Anjos Reitern und unberittenen Kerkerwächtern, Marbods Gefängnis durch das große Doppelflügeltor verließen. Anjo führte den Zug an. Einer der beiden Reiter hinter ihm hielt die rote Fahne mit dem springenden Rappen. Der andere war ein Hornist. Kaum hatte die Spitze des Trupps das Kerkertor durchritten, stieß er in sein Horn und ließ in kurzen Abständen immer wieder ein lang gezogenes Signal ertönen.