Engelsfluch - Jörg Kastner - E-Book

Engelsfluch E-Book

Jörg Kastner

4,5
4,99 €

Beschreibung

Zum ersten Mal seit Jahrhunderten kommt es zur Spaltung der katholischen Kirche. In Neapel regiert als Gegenpapst Lucius IV., über den dunkle Gerüchte im Umlauf sind. Die Vatikanjournalistin Elena Vida beginnt, über seine Vergangenheit zu recherchieren. Gleichzeitig ermittelt ihr Freund Alexander Rosin, der aus der Schweizergarde ausgeschieden ist und für Elenas Zeitung arbeitet, im Auftrag von Papst Custos gemeinsam mit der Polizei in einer Reihe von grausamen Mordfällen: Ein Priester wird in seiner Kirche ans Kreuz genagelt, ein anderer im Taufbecken ersäuft. Den Opfern war eines gemein: Sie standen allesamt in Verbindung mit dem päpstlichen Geheimarchiv. Dieser Einrichtung gilt auch das rätselhafte Interesse der attraktiven deutschen Religionswissenschaftlerin Vanessa Falk. Sie alle stoßen auf ein Geheimnis aus der Vergangenheit, das über die Zukunft der Menschheit entscheidet … Band 2 der Engel-Trilogie um Elena Vida und Alexander Rosin. »Ein spannender Vatikanthriller mit mystischen Elementen.« (Rhein-Neckar-Zeitung) Am Anfang stehen ein neuer Papst, dessen scheinbar übernatürliche Kräfte die Welt schockieren, und der Mord am Kommandanten der Schweizergarde. Der Gardist Alexander Rosin und die Vatikanjournalistin Elena Vida ermitteln in den belebten Straßen Roms und in abgelegenen Klöstern. Dabei geraten sie in einen Strudel ebenso gefährlicher wie mysteriöser Ereignisse. Uralte Geheimnisse und vatikanische Intrigen, Engel des Lichts und der Finsternis, sie alle nehmen Einfluss auf das Schicksal der Menschheit. Zur Engels-Trilogie gehören folgende Romane: • Engelspapst • Engelsfluch • Engelsfürst

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Seitenzahl: 633

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Jörg Kastner

Engelsfluch

Roman

Dieses Buch ist allen gewidmet, die mich bei meiner Arbeit unterstützt haben. Besonderer Dank gebührt Andrea und Roman Hocke, mit denen es eine Lust ist, Italien zu erkunden, Signor Angelo Ciofi für unerwartet tiefe Einblicke in die etruskische Kultur und meiner Frau Corinna, die Entstehung und Vollendung des Romans mit großer Sachkunde und viel Verständnis begleitet hat. JK

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Antoine de Saint-Exupéry

I

Rom, Donnerstag, 17. September

»Und so ist heute das vielleicht größte Unglück über die katholische Kirche hereingebrochen, das man sich überhaupt vorstellen kann. Eine Ungeheuerlichkeit, wie sie seit vielen Jahrhunderten nicht mehr vorgekommen ist. Wenn wir den Begriff Schisma hören, denken wir an das Mittelalter und an Avignon. Aber ab heute hat das Wort eine neue, ganz aktuelle Bedeutung. Die katholische Kirche ist nicht mehr das, was sie bis gestern noch war. Sie hat sich in zwei eigenständige Kirchen aufgespalten!«

Giovanni Dottesio saß gebannt vor dem Fernseher. Das Glas Rotwein und der Teller, auf dem ein mit Schinken und Rucola belegtes Weißbrot lag, standen unberührt auf dem Tisch. Wie es seine Gewohnheit war, hatte er beim Hinsetzen nach der Fernbedienung gegriffen und den Apparat angeschaltet, um sich die Abendnachrichten anzusehen. Er hatte nichts Besonderes erwartet, nur die üblichen Katastrophen. Ein abgestürztes Flugzeug hier, eine Massenkarambolage dort und irgendwo auf der Welt ein schlimmes Bombenattentat – all die Ereignisse, die im einundzwanzigsten Jahrhundert normal waren und bei denen dennoch die Betroffenen, selbst wenn sie nicht gläubig waren, ihre Zweifel an Gott anmeldeten. Stirnrunzelnd hatte Dottesio zur Kenntnis genommen, dass statt der gewohnten Nachrichtensendung ein Sonderbericht lief. Mitten auf dem Petersplatz stand ein Reporter im offenen Mantel und sprach so hastig ins Mikrofon, als befürchte er, mit den aktuellen Ereignissen nicht Schritt halten zu können.

»Noch liegt uns keine Bestätigung aus dem Vatikan zu dieser Meldung vor. Aber die Presseerklärung seitens der neu gegründeten« – der Reporter zog mit der linken Hand einen Zettel hervor und warf einen kurzen Blick darauf – »Heiligen Kirche des Wahren Glaubens lässt keinen Zweifel aufkommen. Teile der Kirche, die vom kleinen Dorfpfarrer mit seiner Gemeinde bis hin zu einflussreichen Kardinälen reichen, haben sich vom Vatikan, vom Papst, losgesagt. Im Vatikan scheint man davon selbst überrascht, wie die Aufregung rund um mich herum zeigt.«

Die Kamera zoomte zurück und präsentierte Dutzende von Fahrzeugen, zivile Limousinen und Taxis, die vor den Toren des Vatikans kirchliche Würdenträger ausspuckten. Männer in Soutanen und in dunklen Anzügen mit weißen Römerkragen durften nach kurzer Kontrolle durch die Wachtposten der Schweizergarde passieren und eilten fast im Laufschritt weiter. Dottesio erkannte einige der Gesichter, die nur kurz in die Kamera blickten, weil die Kardinäle und ihre Begleiter zu einem Kommentar nicht bereit und vielleicht auch nicht befugt waren. Kein Zweifel, die Häupter der Kirche strömten im Zentrum des Katholizismus zusammen. Ein Auftrieb, wie er ihn sonst allenfalls von der Wahl eines neuen Papstes gewohnt war. Natürlich hatte ein kleiner Pfarrer aus Trastevere mit den hohen kirchlichen Würdenträgern kaum etwas zu schaffen. Aber Dottesio kannte sie noch aus seiner Zeit im Vatikan.

Auf dem Fernsehschirm erschien wieder der Reporter. »Noch ist nicht klar, wie der Vatikan auf das Schisma reagieren wird. Es sieht nicht so aus, als würde sich hier in den nächsten Minuten etwas tun. Aber natürlich bleiben wir für Sie vor Ort und am Ball. Ich gebe jetzt erst einmal zurück ins Studio zu Norina.«

Norina trug zu ihrer dunkelroten Löwenmähne ein grünes Kostüm, das nicht so recht mit dem gelben Hintergrund des Fernsehstudios harmonieren wollte. Der Titel der Sondersendung wurde am unteren Bildrand eingeblendet: »Krise im Vatikan – die Kirche ist gespalten.« Die Moderatorin lächelte, als habe der Reporter soeben drei Tage Sonnenschein angekündigt, und sagte: »Roberto wird uns auf dem Laufenden halten. Sobald sich im Vatikan etwas Wichtiges ereignet, schalten wir sofort zu ihm. Zunächst aber will ich die überraschende Entwicklung einer Kirchenspaltung mit zwei Gästen erörtern, deren Kompetenz in Sachen Vatikan und Kirche niemand bestreiten kann.«

Die beiden Gäste wurden eingeblendet, ein Mann und eine Frau, beide noch jung an Jahren. Dottesio erkannte sie, sobald er ihre Gesichter sah. Kein Wunder, waren ihre Bilder doch einige Monate zuvor durch die römische Presse gegangen wie sonst nur die von Fernseh- oder Fußballstars. Die beiden waren in das verwickelt gewesen, was ein Vatikanist in einem Zeitungskommentar als die größte Krise bezeichnet hatte, die der katholischen Kirche in der Neuzeit widerfahren war. Damit hatte der Vatikanjournalist zweifellos Recht gehabt – jedenfalls bis heute.

Als Norina ihre Gäste vorstellte, hörte Dottesio nur mit einem Ohr hin. Seine Erinnerung trug ihn zurück zu jenem unglaublichen Ereignis Anfang Mai, das die Medien als »Gardemord« bezeichnet hatten. Damals waren der Kommandant der Schweizergarde und seine Frau in ihrer Wohnung mitten im Vatikan ermordet worden. Als Mörder galt ein junger Gardist, dessen Leiche man ebenfalls in der Wohnung des Ehepaars fand. Man nahm an, dass der Gardist, ein gewisser Marcel Danegger, seinen Vorgesetzten aufgrund dienstlicher Differenzen getötet und sich dann selbst gerichtet hatte. Die Frau des Ermordeten hatte sterben müssen, weil sie zufällig anwesend war. So weit die offizielle Version, die der Vatikan damals an die Öffentlichkeit gab. Die Kirche hatte kein Interesse an einem Skandal, war doch erst kurz zuvor ein neuer Papst, Custos, gewählt worden, dessen unorthodoxe Ansichten und Angewohnheiten schon für genug unliebsames Medieninteresse sorgten. Aber schnell wurde klar, dass der angebliche Mörder Danegger auch nur ein Opfer war und dass etwas ganz anderes, Größeres und Fürchterlicheres, hinter dem dreifachen Mord steckte. Aufgeklärt hatten das der Neffe des ermordeten Gardekommandanten, der Schweizergardist Alexander Rosin, und die Vatikanjournalistin Elena Vida. Und diese beiden saßen jetzt im Fernsehstudio bei der ewig lächelnden Norina.

Noch immer liefen Giovanni Dottesio Schauer über den Rücken, wenn er an die Enthüllungen dachte, die im Frühsommer nicht nur Rom und den Vatikan, sondern die gesamte Christenheit erschüttert hatten. Selbst für ihn als Geistlichen war all das nur schwer zu verstehen, wie sollte es da erst den vielen Gläubigen in aller Welt gehen? Er griff zum Rotweinglas und nahm einen kräftigen Schluck, den er ein wenig hastig hinunterkippte. Der leicht süßliche Geschmack des Weins und die Wärme, die der Alkohol in ihm verbreitete, beruhigten seine angespannten Nerven etwas. Er stellte das Glas ab, lehnte sich auf dem abgewetzten Stuhl zurück und schloss die Augen, um seine Gedanken zu ordnen.

Hinter dem Gardemord hatte eine Geheimgesellschaft gesteckt – oder zwei, was verwirrender, aber genauer war. Da hatte es den sogenannten Zirkel der Zwölf gegeben, dem jeweils zwölf Schweizergardisten angehörten. Sie wachten über ein Geheimnis, das man die Wahre Ähnlichkeit Christi nannte. Das war ein Smaragd, auf dem das wahre Abbild Jesu Christi zu sehen war. Eines doppelten Messias! Denn mit dem Smaragd verbunden war das Geheimnis, dass Jesus gar nicht am Kreuz gestorben, sondern nur in einen Scheintod verfallen war. Seine Freunde hatten ihn heimlich zur Küste gebracht, von wo er per Schiff übers Meer reiste, nach Gallien. Der angeblich auferstandene Erlöser war in Wahrheit der Zwillingsbruder des Herrn, Judah Toma, der die Legende von der Auferstehung benutzte, um eine neue Religion zu begründen.

Als hätte all dies noch nicht gereicht, um die katholische Kirche in ihren Grundfesten zu erschüttern, hatte sich Papst Custos auch noch als Nachfahre des geretteten Jesus entpuppt. Die wunderbaren Heilkräfte, über die der Heilige Vater verfügte, verliehen dieser Behauptung einiges Gewicht.

Verflochten mit dem Zirkel der Zwölf war die mächtige katholische Organisation Totus Tuus gewesen. Dieser erzkonservative Orden tat alles, um die althergebrachte Lehre und damit seinen eigenen Einfluss zu erhalten. Seine Mitglieder gingen sogar so weit, den Gardekommandanten umzubringen, der nicht länger das Geheimnis hüten, sondern mit dem neuen Papst zusammenarbeiten und die Kirche in ein neues, aufgeklärteres Zeitalter führen wollte. Der Heilige Vater selbst sollte von Totus Tuus ermordet werden, aber das Attentat war gescheitert und die Verschwörung aufgeflogen. Als Anführer der Geheimgesellschaft hatte sich niemand anderer als der Bruder des ermordeten Gardekommandanten entpuppt, der totgeglaubte Exgardekommandant Markus Rosin. Mehr als einmal hatte Dottesio sich gefragt, welche Überwindung es Alexander Rosin gekostet haben mochte, sich gegen seinen eigenen Vater zu stellen.

Ein Geräusch, das sich wie eine zuschlagende Tür anhörte, ließ Dottesio zusammenfahren. Er öffnete die Augen und sah sich um, aber er war allein. Natürlich war er das. Lucilla, seine Haushälterin, hatte heute ihren freien Abend. Sie war zusammen mit ihrem Mann Alberto, dem Kirchendiener, zu ihrem Vater nach Viterbo gefahren.

Im Fernsehen wandte sich Norina an Alexander Rosin: »Signor Rosin, Sie haben einen guten Einblick in das Innenleben des Vatikans. Bis vor kurzem noch haben Sie der Schweizergarde angehört. Nach den Ereignissen, die mit der Ermordung Ihres Onkels und Ihrer Tante zusammenhängen, sind Sie vorzeitig aus dem Dienst ausgeschieden. Jetzt arbeiten Sie als Vatikanjournalist zusammen mit Signorina Vida beim ›Messaggero di Roma‹ und …«

Rosin fiel ihr ins Wort: »Sagen wir besser, ich unterstütze Elena bei ihrer Arbeit ein wenig. Sie ist die erfahrene Journalistin. Ich fange gerade erst an, in diesen Beruf hineinzuschnuppern.« Dottesio fand Gefallen an dem Ernst und der Aufrichtigkeit, mit der Rosin die Moderatorin korrigierte, und er betrachtete den jungen Mann genauer. Das Gesicht, über dem sich rotbraunes, lockiges Haar ringelte, besaß feste Züge und wurde von einem markanten Kinn beherrscht. Geradlinigkeit und ein fester Wille sprachen aus diesem Gesicht. Und während der Ereignisse im Mai hatte Rosin bewiesen, dass er über diese Charaktereigenschaften verfügte.

Norina erholte sich von ihrer Irritation über die Unterbrechung und sprach Rosin direkt darauf an, ob er einen Zusammenhang zwischen der Kirchenspaltung und den Vorfällen sehe, die mit der Ermordung seines Onkels und dem fehlgeschlagenen Attentat auf den Papst in Verbindung standen.

Rosin nahm sich die Zeit, kurz zu überlegen, bevor er antwortete: »Bevor wir nichts Genaueres über die Motive derjenigen wissen, die sich zur sogenannten Heiligen Kirche des Wahren Glaubens zusammengefunden haben, lässt sich darüber kaum etwas Konkretes sagen.«

»Aber der Name Heilige Kirche des Wahren Glaubens legt doch nahe, dass die Gründer dieser Kirche mit dem neuen, aufklärerischen Kurs von Papst Custos nicht einverstanden sind«, insistierte die Moderatorin.

»Das sehe ich auch so. Die Häupter der neuen Kirche werden aus ihrer Sicht schon gute Gründe haben, sonst hätten sie solch ein Projekt nicht unternommen.«

Zwar lächelte Norina noch immer, aber ihren zuckenden Mundwinkeln sah Dottesio den Unwillen darüber an, dass ihr Gast sich zu keinen Spekulationen verleiten ließ. »Sie glauben also nicht an einen direkten Zusammenhang zwischen der neuen Kirche und Totus Tuus, Signor Rosin?«

»Ich kann einen solchen Zusammenhang nicht ausschließen, aber ihn zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht bejahen.«

Norina beugte sich zu Rosin vor und sah aus wie ein rotmähniger Löwe, der zum Sprung auf sein Opfer ansetzt. »Es könnte doch sein, dass Ihr Vater Ihnen etwas über so einen Zusammenhang verraten hat. Stimmt es nicht, dass Sie Ihren Vater erst vor zwei Tagen besucht haben?«

Dottesio erinnerte sich, dass Markus Rosin bei einer bewaffneten nächtlichen Auseinandersetzung in den unterirdischen Gängen des Vatikans, über die nur wenig an die Öffentlichkeit gedrungen war, sein Augenlicht verloren hatte. Der Vatikan, der als eigenständiger Staat auch über eine eigene Justiz verfügte, hatte Markus Rosin zu lebenslanger Haft verurteilt. Jetzt saß das ehemalige Oberhaupt von Totus Tuus wie einige andere Anführer der Verschwörung im neuen vatikanischen Gefängnis ein.

»Ja, ich war bei meinem Vater«, beantwortete Rosin die Frage.

»Und hat er Ihnen gegenüber eine Andeutung gemacht, was es mit der neuen Kirche auf sich haben könnte?«

»Nein. Wenn er etwas davon weiß, hat er es mir gegenüber nicht erwähnt.«

»Worüber hat er dann mit Ihnen gesprochen?«

Rosin blickte die Moderatorin ernst an. »Wir haben nur über Privates gesprochen, und darüber möchte ich in der Öffentlichkeit nicht reden.«

Leicht pikiert wandte sich Norina an Elena Vida und bat sie um eine Einschätzung. Während die Vatikanistin zu einer Antwort ansetzte, wurde Dottesio durch neuerlichen Lärm aufgeschreckt. Kam das aus der Sakristei? Einen Moment zögerte er und blickte zum Telefon, überlegte, ob er die Polizei anrufen solle. In den vergangenen sechs Wochen war zweimal in die Sakristei eingebrochen worden, wobei allerdings lediglich ein paar vernachlässigenswerte Sachschäden entstanden waren. Bei den Tätern hatte es sich offenbar um Jugendliche gehandelt, vielleicht Drogensüchtige, die gehofft hatten, Dottesio würde die Klingelbeutel samt Spenden offen herumliegen lassen. Dottesio hatte daraufhin kurz überlegt, die Kirche, durch die die Einbrecher vermutlich gekommen waren, nur noch zu bestimmten Zeiten zu öffnen, wenn der Kirchendiener anwesend war, um aufzupassen. Aber er hatte sich dagegen entschieden. Ein Gotteshaus hatte nach seiner Vorstellung für jedermann offen zu sein, von morgens bis abends.

Jetzt war wieder alles ruhig. Schlug vielleicht irgendwo ein Fensterladen im Wind? Wenn er wegen so etwas die Polizei rief, machte er sich nur lächerlich. Dottesio gab sich einen Ruck und ging in die Sakristei. Nein, die Fensterläden waren geschlossen. Durch ihre Ritzen fiel genügend Licht, um den Raum in einen ungewissen Dämmer zu tauchen. Die Schränke und der große Tisch in der Mitte hatten im Zwielicht verwischte Konturen, als gehörten sie nicht ganz zu dieser Welt. Am Ende des Raums, wo der schmale Durchgang zur Kirche war, glaubte Dottesio, eine Bewegung wahrzunehmen.

»Ist da jemand?«, fragte er vorsichtig, als könne er mit einer zu lauten Stimme einen ungebetenen Gast verschrecken.

Er erhielt keine Antwort und ging langsam zum Durchgang. Erleichtert stellte er fest, dass er allein hier war. Vielleicht hatte ihn der Bericht über die Kirchenspaltung zu sehr aufgewühlt, und er sah deshalb Gespenster. Er entschloss sich, noch einen kurzen Blick in die Kirche zu werfen und dann schnell in seine Wohnung zurückzukehren, vor den Fernseher. Er wollte nichts verpassen, falls es Neuigkeiten zu dem ungeheuerlichen Vorgang der Kirchenspaltung gab, vielleicht gar eine erste Stellungnahme aus dem Vatikan.

Aus dem Halbdunkel der Kirche kam ihm ein kalter Luftzug entgegen, der ihn frösteln ließ, obwohl dieser September Rom mit sommerlichen Temperaturen beglückte. Kirchen waren fast immer kalt und dunkel, und zum ersten Mal in seiner langen Laufbahn als katholischer Geistlicher fragte er sich, warum das so war. Brauchte das göttliche Mysterium den diffusen Schleier des Halbdunkels, und war das Frösteln notwendig, um den Menschen Respekt einzuflößen? Wenn die Menschen, um die es ging, wirklich gläubig waren, sollte das eigentlich unnötig sein. Während er sich solchen abstrakten Überlegungen hingab, betrat er das Kirchenschiff, wo ungefähr zwei Dutzend Opferkerzen still vor sich hin flackerten. Niemand war hier, um zu beten, was ihn nicht verwunderte. Vermutlich saß ganz Rom vor dem Fernseher.

Auch Dottesio wollte sich die Sondersendung weiter ansehen. Doch als er sich zur Sakristei umwandte, sah er sich etwas Fremdem gegenüber. Ein Schatten, dunkler noch als die Dämmerung in der Kirche, kam über Dottesio und riss ihn in die absolute Finsternis.

Sandrina Ciglio wunderte sich über die wenigen Menschen, denen sie begegnete, während sie mit schleppenden Schritten durch die alten Gassen von Trastevere ging. Je länger sie unterwegs war, desto weniger Menschen begegnete sie. Dabei war dieser Septemberabend wie geschaffen dafür, auf den Balkons und vor den Haustüren zu sitzen und sich über Gott und die Welt und vor allem über die jüngsten Steuererhöhungen zu unterhalten. Sie war eine alte Frau, aber sie konnte sich nicht erinnern, die engen Gassen, in denen sich die Menschen normalerweise drängelten, jemals so leer gesehen zu haben. Als sie an einer Bar vorüberkam, bemerkte sie durch das große Fenster mit der Werbeaufschrift »New York Caffè«, dass sich die Menschen dort um den Fernseher scharten. Sie konnte nicht erkennen, was für ein Programm lief, aber vermutlich war es ein wichtiges Fußballspiel von Lazio oder AS Roma. Was sonst konnte die Römer davon abhalten, diesen lauen Sommerabend an der frischen Luft zu genießen?

Sandrina hatte sich kein Fußballspiel mehr angesehen, seit ihr Mann Ernesto vor acht Jahren gestorben war, und so kümmerte sie sich nicht weiter um den Auflauf in der Bar. Sie war lange am Tiber spazieren gegangen und hatte dann Ernestos Grab besucht, wie sie es jeden Abend tat. Jetzt spürte sie, wie ihre alten Beine zu schmerzen begannen. Aber sie wollte nicht in ihre kleine Wohnung an der Piazza Mastai heimkehren, ohne für Ernesto eine Kerze angezündet zu haben. Auch das war eine tägliche Gewohnheit – jedenfalls war es zu einer solchen geworden. Anfangs hatte es ihr wie die Besuche auf dem Friedhof geholfen, über den Verlust hinwegzukommen. Jetzt waren es Rituale, die zu ihrem Leben gehörten wie das Rosinenbrötchen zum Frühstück oder der sonntägliche Besuch bei ihrer Tochter Arietta und deren Familie.

Die kleine Kirche Santo Stefano in Trastevere tauchte erst im letzten Augenblick vor ihr auf. Fast gänzlich von großen, wuchtigen Wohnhäusern umgeben, gewährte nur ein winziger Vorplatz den freien Blick auf das Gotteshaus. Es war außerhalb Trasteveres kaum bekannt, und darüber war Sandrina auch ganz froh. Die Touristen sollten sich lieber die berühmte Santa Maria in Trastevere ansehen, dann blieb Sandrina beim Beten wenigstens ungestört. Hier in Santo Stefano hatte sie Ernesto vor vierundvierzig Jahren geheiratet, hier hatte sie ihre Tochter getauft und um Ernesto geweint. Hier wollte sie seiner in Ruhe gedenken, bis sie endlich neben ihm auf dem Friedhof lag.

Während sie langsam auf das dunkle Kirchenportal zuschritt, dachte sie an Pfarrer Dottesio. Als er vor fünf Jahren die Gemeinde übernahm, hatten sich die Menschen hier gewundert. Es hieß, der Pfarrer habe eine bedeutende Stellung im Vatikan gehabt. Wie konnte es dann sein, dass er in eine so kleine Kirche geschickt wurde? Die Leute munkelten von einer Strafversetzung und davon, dass Dottesio es bestimmt nicht lange hier aushalten würde. Aber er hatte sich in das neue Umfeld eingefügt, war bescheiden und immer höflich, und inzwischen betrachteten die alteingesessenen Gemeindemitglieder ihn fast als einen der Ihren.

Nur schwer ließ sich die knarrende Kirchentür öffnen, jedenfalls für eine alte Frau. Noch während Sandrina die rechte Hand ins Weihwasserbecken tauchte, um sich zu bekreuzigen, fiel die Tür hinter ihr wieder zu. Sandrina war von Kälte und Dunkelheit umfangen. Der Weihrauchgeruch kitzelte ihre Nase, und ihr Niesen hallte im Kirchenschiff überlaut wider. Hatte sie jemanden beim Gebet gestört? Als ihre Augen sich an den Halbdämmer der Kirche gewöhnt hatten, stellte sie erleichtert fest, dass sie allein war. Natürlich, der Fußball!

Sie ging zwischen den alten Holzbänken entlang und blickte zum Opferstock, wo die kleinen Kerzen flackerten. Es gab auch größere Kerzen, aber von denen brannten nur wenige. Sie kosteten fünfzig statt zwanzig Cent. Sandrina beschloss, heute eine große Kerze zu nehmen. Wenn sie schon mit schmerzenden Füßen herkam, sollte Ernesto auch etwas davon haben. Ihr Geldstück fiel mit einem hellen Geräusch in den Opferstock. Sie nahm eine Kerze, entzündete sie und stellte sie direkt unter die Füße der großen Statue des heiligen Stephanus, der wegen seines Bekenntnisses zu Jesus Christus gesteinigt worden war. Sie blickte zu dem Erzmärtyrer auf, und er schien ihr aufmunternd zuzublinzeln. Natürlich war das nur ein Reflex des unsteten Kerzenlichts, das in der zugigen Kirche keine Ruhe finden konnte.

Trotzdem freute sich Sandrina darüber und ging die paar Schritte in Richtung Altar, um unter dem gewaltigen hölzernen Kruzifix mit der mannshohen Jesusfigur ihr Bittgebet zu sprechen. Den Blick ehrfürchtig gesenkt, fiel sie unter dem Heiland auf die Knie und begann im Flüsterton das Vaterunser zu sprechen, wie sie es schon als kleines Kind von ihrer Großmutter gelernt hatte.

Als sie etwas Feuchtes auf ihrer linken Wange spürte, erschrak sie. Mit einem leichten Plitschen fiel vor ihr etwas auf die steinernen Stufen zum Altarraum. Ein Tropfen. Rot. Unwillkürlich fuhr ihre rechte Hand zur linken Wange, und sie berührte vorsichtig mit dem Zeigefinger die feuchte Stelle. Zögernd hielt sie sich den Finger vor das Gesicht und betrachtete die Kuppe. Sie war rot. Blutrot.

Sandrinas Erschrecken wuchs, und gleichzeitig mischte sich ein unheimlicher Gedanke darunter – der Gedanke an ein Wunder. Die Figur des Erlösers über ihr blutete!

Aber als sie den Kopf in den Nacken legte und nach oben blickte, erkannte sie ihren Irrtum. Nicht der Heiland hing am Kreuz, sondern ein Mann im dunklen Anzug und mit weißem Römerkragen. Ein Geistlicher. Ans Kreuz genagelt wie zweitausend Jahre vor ihm Jesus Christus, hing dort Pfarrer Dottesio und starrte Sandrina aus weit aufgerissenen Augen an.

»Gekreuzigt, sagst du, wie Jesus? Und wir sollen hin? Aber was ist mit dem Vatikan? Du hast gesagt, nach unserem Auftritt im Fernsehen sollen wir … Ah, Emilio … verstehe. Aber wieso kann Emilio das nicht übernehmen, und wir fahren wie vorgesehen … Gut, na schön, wir fahren hin.«

Mit einem unwilligen Seufzer ließ Elena Vida das Handy sinken und legte es achtlos in die kleine Ablage des winzigen Autos. Ihre grünen Augen funkelten zornig wie die eines erregten Raubtiers. Alexander Rosin auf dem Beifahrersitz kannte seine Freundin gut genug, um zu wissen, dass mit ihr in diesem Augenblick nicht gut Kirschen essen war.

»Was ist los?«, fragte er vorsichtig. »Haben die Großmächte aus Versehen ihr gesamtes Atombombenpotential in die Luft gejagt, oder ist nur weltweit die Pest ausgebrochen?«

Normalerweise hätte das gereicht, um Elena zumindest ein kleines Schmunzeln zu entlocken, aber mit geradezu verbissenem Gesichtsausdruck fädelte sie den Fiat 500 in den Straßenverkehr ein und setzte den linken Blinker.

»Geradeaus kommen wir schneller zum Vatikan«, sagte Alexander.

»Wir fahren nicht zum Vatikan.«

»Wer sagt das?«

»Laura.«

In diesen zwei Silben ließ Elena so viel Zorn mitschwingen, als sei Laura Monicini, die neue Chefredakteurin des »Messaggero di Roma«, der Teufel in Person. Dabei hatten sich die beiden Frauen immer gut verstanden. Alexander hatte den Eindruck, als sei Laura in den zwei Monaten, seit sie zusammenarbeiteten, für Elena so etwas wie eine mütterliche Freundin geworden, vielleicht ein Ersatz für die Mutter, die Elena nie gehabt hatte.

»Wenn du dich ein wenig beruhigt hast, könntest du mir in ganzen Sätzen Aufschluss geben«, schlug Alexander vor. »Oder soll ich dich mit blöden Fragen quälen wie diese Fernsehkuh eben?«

Er blickte über die Schulter nach hinten, wo das Fernsehstudio gerade aus dem Sichtfeld verschwand. Mit Schaudern dachte er an den Auftritt vor laufenden Kameras und schwor sich, sich nicht so schnell wieder auf etwas Derartiges einzulassen. Die Ereignisse um Papst Custos und die Wahre Ähnlichkeit Christi waren noch zu frisch. Da war es wohl unvermeidbar, dass die Journalisten ihn immer wieder auf seinen Vater ansprachen. Und das war ein Thema, über das er für kein Honorar der Welt gesprochen hätte, schon gar nicht für die mickrige Aufwandsentschädigung, die es für den Fernsehauftritt von eben gab. Laura hatte ihn und Elena dazu verdonnert, weil sie meinte, das sei eine gute Werbung für den »Messagero«. Alexander glaubte allerdings nicht, dass zurzeit irgendeine Zeitung in Rom Werbung benötigte: Angesichts der Hiobsbotschaft von der Kirchenspaltung würden die Kioskbesitzer ihre Blätter morgen schneller verkauft haben, als sie buon giorno sagen konnten. Vielleicht, überlegte Alexander, war er einfach zu empfindlich. Immerhin war er jetzt selbst ein Journalist – oder versuchte zumindest, einer zu werden. Sollte er da nicht Verständnis aufbringen für die berufliche Neugier seiner Kollegen? Aber es war eine Sache, die Fragen zu stellen, und eine ganz andere, die Antworten zu geben.

Nachdem Elena an der Kreuzung abgebogen war, sagte sie: »Unser lieber Kollege Emilio Petti hält im Vatikan die Stellung, während wir in Trastevere nach einem ermordeten Priester sehen.«

»Ein Mord an einem Priester, ausgerechnet heute?«

»Das hat Laura auch gesagt. Sie meint, jeder auch noch so kleine oder unwahrscheinliche Zusammenhang zwischen dem Mord und der Kirchenspaltung gäbe eine prima Schlagzeile ab.«

Alexander grinste. »Allmählich beginne ich zu verstehen, was man mit Sensationsjournalismus meint.« Er wurde schnell wieder ernst. »Du hast zu Laura etwas von ›gekreuzigt‹ gesagt. Was hast du damit gemeint?«

»Laura sagte, man habe den ermordeten Priester an das Kruzifix seiner eigenen Kirche genagelt. So hat man ihn gefunden.«

»Das scheint in der Tat eine Schlagzeile wert zu sein. Trotzdem wäre ich jetzt lieber im Vatikan.«

Nun war es Elena, die grinste. »Der Journalist denkt, und die Chefredakteurin lenkt. Das, mein Lieber, ist die erste Lektion, die du als Mitglied unserer Zunft zu lernen hast.«

Sie kamen gut voran. Die Straßen waren längst nicht so vollgestopft wie an anderen Tagen um diese Zeit. Wer jetzt nicht wegmusste, saß zu Hause vor dem Fernseher und verfolgte auf einem der vielen Kanäle, die ihr Programm geändert hatten, eine Sondersendung zum Schisma. Dank ihrer hervorragenden Ortskenntnis lenkte Elena den Fiat zielsicher durch die engen Straßen Trasteveres, bis es plötzlich nicht mehr weiterging. Mehrere Fahrzeuge, darunter Streifenwagen der Carabinieri und der Polizia municipale, der Stadtpolizei, versperrten die Straße. Zwischen den Fahrzeugen drängten sich die Menschen auf Fahrbahn und Gehweg. Die uniformierten Polizisten hatten Mühe, die aufgebrachte Menge im Zaum zu halten.

»Hier in Trastevere scheinen die Leute nicht vor dem Fernseher zu hocken und gebannt auf Neuigkeiten aus dem Vatikan zu warten«, sagte Alexander, als Elena den Fiat neben einem blau-weißen Wagen der Stadtpolizei abstellte.

»Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass gerade ihr Pfarrer gekreuzigt wurde.«

Alexander und Elena kämpften sich durch die Menge und konnten dank ihrer Presseausweise durch die Sperrkette der Uniformierten schlüpfen. Auf dem kleinen Platz vor der Kirche standen einträchtig ein Ambulanz- und ein Leichenwagen nebeneinander, als wollten sie sich den Leichnam teilen. Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne, die noch über die umliegenden Hausdächer fielen, wurden vom bunten Glas der Kirchenfenster reflektiert, und das Licht blendete Alexander für einen Augenblick. Als er wieder sehen konnte, stand vor ihm ein wahrer Schrank von Carabiniere, ein Angehöriger der Motorradstaffel, der durch seinen dunkel glänzenden Helm noch martialischer wirkte. Die ausgebreiteten Arme des Polizisten waren für Elena und Alexander wie eine Mauer.

»Durchgang verboten«, verkündete die Schwarzenegger-Version eines italienischen Polizisten.

»Presse«, entgegnete Elena und zückte ihren Ausweis.

»Das spielt keine Rolle.« Der Carabiniere blieb standhaft. »Ich habe meine Anweisungen.«

»Wer hat Ihnen diese Anweisung gegeben?«, fauchte Elena.

»Commissario Donati!«

Die Antwort kam nicht von dem Carabiniere, sondern von Alexander. Er hatte es laut gerufen und winkte dem grauhaarigen Mann zu, den er im geöffneten Kirchenportal erspäht hatte. Als Donati ihn und Elena bemerkte, gab er dem Carabiniere einen Wink, die beiden durchzulassen.

»Ich habe doch gesagt, Presse!«, bemerkte Elena spitz zu dem Motorradpolizisten, bevor sie sich an ihm vorbeidrängte.

Zusammen mit Alexander ging sie zu Donati, der sich gerade von einer jungen Frau verabschiedete. Er begrüßte seine alten Bekannten knapp und blickte dann seiner Gesprächspartnerin hinterher. »Das ist meine junge Kollegin Micaela, Micaela Mancori. Sehr talentiert. Ich habe sie gebeten, sich unter den Leuten ein wenig umzuhören. Und wie ich sehe, ist der ›Messaggero‹ auch schon vor Ort. Dabei dachte ich, sämtliche Journalisten Roms treten sich zur Stunde die Füße im Vatikan platt.«

»Wir nicht«, erwiderte Alexander mit säuerlicher Miene. »Unsere Chefredakteurin hält einen gekreuzigten Priester für interessanter als eine gespaltene Kirche.«

Donati zog die Brauen hoch. »Sie sind erstaunlich gut informiert. Da hat doch nicht jemand heimlich den Polizeifunk abgehört?«

»Von uns beiden war es keiner«, versicherte Alexander augenzwinkernd. »Wir sind beide katholisch. Was hat es nun mit diesem toten Priester auf sich? Und wie kommt es, dass ausgerechnet Sie mit diesem Fall betraut wurden?«

»Seit der Sache im Vatikan damals gelte ich bei unserer Polizeiführung als Spezialist für alles Klerikale, und ein gekreuzigter Priester fällt nun mal in diesen Bereich.«

»Also stimmt das mit der Kreuzigung?«, hakte Elena nach.

»Ja, es stimmt. Eine alte Frau kam in die Kirche, um zu beten. Als sie den toten Pfarrer sah, rannte sie schreiend nach draußen. Sie steht noch immer unter Schock. Zum Glück lief die Frau zwei Touristen in die Arme, die sich um sie kümmerten und die Polizei alarmierten.«

»Touristen bei Santo Stefano in Trastevere, wie ungewöhnlich«, wunderte Elena sich.

»Zwei beinharte Romfanatiker, die von der Kirche in irgendeinem obskuren Reiseführer gelesen haben«, erläuterte Donati. »Ein deutsches Schriftstellerehepaar, das sich hier auf Bildungs- oder Recherchereise befindet. Aber sonst völlig harmlos. Sicherheitshalber habe ich die beiden dennoch zum Verhör bringen lassen. Vielleicht haben sie etwas Verdächtiges bemerkt, vielleicht sogar die Täter gesehen. Der Mord muss sich ereignet haben, kurz bevor Signora Ciglio die Kirche betrat.«

»Signora Ciglio?«, fragte Alexander.

»Die alte Frau, die den Toten entdeckt hat.«

»Hat sie die Mörder gesehen?«

»Vermutlich nicht, aber ganz genau können wir das noch nicht sagen. Der Schock war zu groß. Es ist kaum ein vernünftiger Satz aus ihr herauszubringen. Jetzt haben die Ärzte sie erst mal in den Klauen.«

Elena brannte eine Frage auf der Zunge, und sie ließ den Commissario kaum ausreden. »Woher wissen Sie, dass es mehrere Täter waren, wenn es bislang keinen Augenzeugen gibt?«

»Kommen Sie mit!«, lautete die lakonische Antwort.

Donati wandte sich um und ging mit steifen, ungelenken Schritten in die Kirche. Seit vor acht Jahren eine Mafiabombe in Mailand seine Frau und seine beiden Kinder getötet hatte, war Donatis Leben nicht mehr dasselbe. Der gefürchtete Mafiajäger war zwar mit dem Leben davongekommen, aber die Bombe hatte sein linkes Bein unter dem Knie zerfetzt. Mit einer Prothese hatte er wieder zu gehen gelernt, und die Polizei setzte ihn nun vornehmlich zu Unterrichtszwecken und für Sonderaufgaben ein. Vor drei Monaten hatte er sich für Alexander und Elena als unschätzbare Hilfe erwiesen. Er hatte auf der Seite von Papst Custos gestanden und geholfen, alle Anschläge auf den neuen Papst und sein Pontifikat abzuwehren. Das große Kruzifix im Altarraum der Kirche war blutverschmiert. Mit all dem Blut sah die geschnitzte Jesusfigur aus, als sei sie eben gekreuzigt worden, und ihre Augen unter der Dornenkrone blickten traurig auf die Menschen zu ihren Füßen herab. Aber nicht der hölzerne Heiland war der frisch Gekreuzigte, sondern der Mann im schwarzen Priesteranzug, der rücklings auf dem Boden lag und von einem Polizeiarzt untersucht wurde. Alexander bemerkte die blutigen Hände und Füße, wo die Nägel durch die Gliedmaßen getrieben worden waren.

»Jetzt verstehe ich«, sagte er. »Ein Mann allein kann den Toten unmöglich an das Kreuz geschlagen haben. Es müssen mehrere gewesen sein. Mindestens einer hat den Toten festgehalten, während ein anderer den Hammer schwang. Das heißt, falls der Priester da schon tot war.«

Der Arzt blickte zu ihnen auf. »Das war er. Natürlich kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nichts Definitives sagen, aber bislang habe ich folgendes Bild gewonnen: Erst wurde der Priester niedergeschlagen, worauf eine frische Wunde am Kopf hindeutet. Vermutlich war er bewusstlos. Jedenfalls hat man ihn erstickt und dann, als er bereits tot war, ans Kreuz genagelt.«

»Also war die Kreuzigung weder eine Folter noch der Akt des Mordes«, überlegte Alexander laut. »Trotzdem haben sich die Mörder erhebliche Mühe gemacht. In der Zeit, die sie benötigten, um dem Toten Schuhe und Strümpfe auszuziehen, ihn ans Kreuz zu schlagen und dieses wieder an seinen Platz zu bringen, hätten sie von einem zufälligen Kirchenbesucher entdeckt werden können. Damit stellt sich die Frage, was den Mördern an der Kreuzigung so wichtig war.«

Donati lächelte. »Sehr gut, Signor Rosin. Mein Unterricht scheint sich bezahlt zu machen. Vielleicht hätten Sie zur Polizei gehen sollen anstatt zur Zeitung.«

»Es gab gute Gründe, die für die Zeitung sprachen«, sagte Alexander und legte einen Arm um Elena.

»Keine Frage«, stimmte ihm Donati zu und blickte zum Kruzifix. »Die Mafia hat verschiedene Rituale entwickelt, nach denen Leichen aufgefunden werden. Es sind Botschaften für die Hinterbliebenen, häufig Warnungen. Ich vermute, die Kreuzigung hat einen vergleichbaren Hintergrund.«

»Aber welchen?«, fragte Elena, während sie ihre Fotokamera aus der Umhängetasche zog.

»Das«, antwortete Donati gedehnt, »sollten wir herausfinden.«

II

Rom, Freitag, 18. September

»Und was gibt es Neues aus dem Vatikan? … Ah, na gut … Ja, machen wir. Ciao, Laura.«

Alexander blickte Elena über den Frühstückstisch an und bemerkte an ihrem Gesichtsausdruck und an ihrem Tonfall, dass sie unzufrieden war. Sie schien seinen fragenden Blick nicht zu bemerken. Sie legte ihr Handy auf den Tisch und rührte lustlos in ihrem Cappuccino herum.

»Wenn du so weitermachst, kommst du selbst aufs Titelblatt des ›Messaggero‹, Elena. Als die erste Frau, die sich totgerührt hat.«

»Haha«, sagte sie in übertriebenem Tonfall. »Überaus witzig, und das am frühen Morgen!«

Alexander setzte sein breitestes Grinsen auf. »Gut gelaunt sollten wir den Tag angehen, der uns noch genügend düstere Neuigkeiten bringen wird. Ich denke, heute wird der Vatikan um eine Presseerklärung nicht mehr herumkommen. Wenn sie das gestrige Schweigen zur Kirchenspaltung fortsetzen, stürmt eine Armee wild gewordener Journalisten den kleinsten Staat der Welt. Da kann dann auch die Schweizergarde nicht mehr helfen.«

»Vermutlich wird es heute eine Presseerklärung geben, aber uns kann das egal sein.« Elena seufzte und legte endlich ihren Löffel auf die blaue Untertasse. »Wir fahren nämlich nicht zum Vatikan. Laura hat uns gerade damit beauftragt, an dem gekreuzigten Priester dranzubleiben.«

»Aber wir haben unseren Artikel abgeliefert«, sagte Alexander und hielt die neueste Ausgabe des »Messaggero di Roma« hoch, auf der ein von Elena geschossenes Foto des ermordeten Geistlichen prangte, zusammen mit der Überschrift »Priester gekreuzigt – grausamer Mord in Trastevere«. »Wenn es Neuigkeiten gibt, wird Donati es uns wissen lassen.«

»Laura meint, die Sache gebe mehr her. Wir sollen nach Trastevere und uns in Dottesios Gemeinde umhören. War der Ermordete beliebt oder nicht, hatte er viele Freunde oder vielleicht sogar Todfeinde? Und so weiter und so fort, das ganze Standard-Abc.«

»Dazu missbraucht Laura ihre Topvatikanistin?«

»Laura meint, bei einer Presseerklärung des Vatikans auf dem Hintern zu sitzen und zuzuhören wäre für uns Zeitverschwendung. Das könne Emilio ebenso gut.«

»Da hat sie nicht ganz Unrecht. Fast wird sie mir wieder sympathisch. Aber wenn …«

Das helle Läuten der Türglocke unterbrach ihn, und die beiden sahen sich fragend an, jeder von demselben Gedanken bewegt: Wer konnte das zu dieser frühen Stunde sein? Achselzuckend stand Alexander auf und drückte auf den Türöffner. Da es in Elenas gemütlicher Dachwohnung auf dem Gianicolo keine Gegensprechanlage gab, blieb ihnen nichts anderes übrig, als auf ihren unangemeldeten Gast zu warten.

»Vielleicht die Post?«, überlegte Alexander laut. »Wer immer da die Treppe raufkommt, lässt sich Zeit. Das könnte ein Beamter sein.«

»Nicht zu dieser frühen Stunde«, wandte Elena ein.

»Da hast du auch wieder Recht.«

Als im Treppenhaus Schritte zu hören waren, zog Alexander die Tür auf.

»Doch ein Beamter, und was für einer!«, entfuhr es ihm, als Stelvio Donati auf dem kleinen Treppenabsatz erschien. »Lässt Sie der tote Priester nicht schlafen, Commissario?«

»So kann man’s sehen«, brummte der Kriminalkommissar, der übernächtigt aussah. Bartstoppeln, Schatten unter den Augen und eine äußerst lässig geknotete Krawatte ließen ihn ein wenig wie Lieutenant Columbo aus dem Fernsehen aussehen.

Elena lud ihn auf einen Cappuccino und ein Marmeladehörnchen ein, und Donati setzte sich dankend zu ihnen an den Tisch. Nachdem er gegessen hatte, blickte er Alexander an und sagte: »Würden Sie mich in den Vatikan begleiten?«

»Ich würde gern, aber ich darf nicht«, antwortete Alexander und erzählte von dem Auftrag, den er und Elena eben von Laura Monicini erhalten hatten. »Wir müssen uns also um den toten Priester kümmern. Sie offenbar nicht, Commissario.«

»Doch, ich auch. Und ich bin gebeten worden, Sie mitzubringen, Alexander.«

»Mich? Wer hat Sie darum gebeten?«

Donati beugte sich über den Tisch und sagte leise, als befürchte er, abgehört zu werden: »Seine Heiligkeit, der Papst.«

Eine Viertelstunde später saß Alexander neben Donati in dessen Wagen und fragte sich voller Spannung, was sie im Vatikan erwarten würde. Donati hatte nur gesagt, er habe einen Anruf aus dem Vatikan erhalten, von Henri Luu, dem Privatsekretär des Papstes. Seine Heiligkeit hatte den Wunsch geäußert, den in der Mordsache Dottesio ermittelnden Commissario so schnell wie möglich zu sprechen, und er solle nach Möglichkeit Alexander Rosin mitbringen. Alexander war gespannt auf die Unterredung, und er bedauerte Elena, die sich zähneknirschend allein auf den Weg nach Trastevere gemacht hatte.

Überall auf den Straßen rund um den Vatikan hatte die römische Polizei seit gestern eilig Absperrungen errichtet. Die Nachricht von der Kirchenspaltung lockte Scharen von Journalisten an, von Kamerateams und Übertragungswagen. Um dem Ansturm einigermaßen Herr zu werden, hatte die Polizei alle Zufahrtsstraßen zum Vatikan für den Privatverkehr gesperrt. Auch Donati wurde dreimal angehalten, aber sein Dienstausweis räumte ihnen den Weg frei. Der Petersplatz tauchte vor ihnen auf. Tausende von Menschen hatten sich dort versammelt, warteten und bangten, was aus ihrer Kirche werden würde und aus ihrem neuen Papst, in dessen liberale Gesinnung viele Menschen ihre Hoffnung gesetzt hatten. Donati lenkte den Fiat Tempra zur Porta Sant’Anna, einem der drei Eingänge zum Vatikan. Zwei Schweizergardisten in ihren blauen Alltagsuniformen mit den dunklen Baretts bewachten das Tor.

Noch vor wenigen Monaten hatte auch Alexander diese Uniform getragen, hatte ebenfalls Wachdienst an der Porta Sant’Anna geschoben, doch es schien ihm eine kleine Ewigkeit her zu sein. Den jüngeren der Gardisten kannte Alexander nicht. Die Aufdeckung der Verschwörung gegen den Papst, in die viele Mitglieder der Garde verwickelt waren, hatte zu einem wahren Aderlass bei der Wachtruppe geführt. Ja, man hatte sogar überlegt, ob die Schweizergarde der Päpste nicht ganz aufgelöst werden solle. Immerhin verfügte der Vatikan noch über eine zweite Schutzmannschaft, die Vigilanza, die dem Bild einer modernen Polizeitruppe mehr entsprach als die Schweizergarde mit ihren althergebrachten Traditionen. Da die Vigilanza aus Italienern gebildet wurde, schien eine Aufstockung ihres Mannschaftsbestandes einfacher als die Rekrutierung von Schweizer Staatsbürgern, die den strengen Zugangsvoraussetzungen für die Aufnahme in die Schweizergarde entsprachen und dazu noch bereit waren, den harten Dienst für einen vergleichsweise kargen Sold zu verrichten. Als das bekannt wurde, war es in der Schweiz zu einer patriotischen Aufwallung gekommen, infolge deren sich so viele Männer um einen Posten bei der päpstlichen Garde bewarben, dass die großen Lücken rasch geschlossen werden konnten. Die Pläne zur Auflösung wurden daraufhin fallen gelassen, wohl auch, weil der neue Papst es nicht für ratsam hielt, zu schnell mit zu vielen Traditionen zu brechen. Die Menschen mussten ihre Kirche noch wiedererkennen, wenn sie ihr treu bleiben sollten.

Der zweite Gardist trat in Alexanders Blickfeld, ein hoch gewachsener, schmaler Mann mit sehr ernstem Blick. Gardeadjutant Werner Schardt war kein enger Freund Alexanders gewesen, aber immerhin ein bekanntes Gesicht. Wegen seiner schweigsamen, zurückhaltenden Art hatten die Kameraden ihm den Spitznamen »der Asket« verliehen.

»Alexander!«, staunte er, als Donati das Fenster herunterließ. »Hallo, Werner! Eine Menge los bei euch. Das sieht mir mächtig nach Überstunden aus.«

Das Zucken, das Schardts schmale Lippen umspielte, vermochte Alexander nicht zu deuten. Es konnte ebenso gut ein Ausdruck der Erheiterung als auch des schmerzhaften Gedankens an viele zusätzliche Dienststunden sein.

»Weiß man schon, was es mit dieser Kirchenspaltung auf sich hat?«, fragte Alexander.

Schardt sah ihn missbilligend an. »Du weißt, dass wir über solche Fragen keine Auskunft erteilen dürfen. Überhaupt, was tust du hier? Der Presse ist der Zugang zum Vatikan nicht erlaubt.«

»Mir schon. Seine Heiligkeit hat nach mir gefragt und« – Alexander zeigte auf seinen Begleiter – »Commissario Donati beauftragt, mich mitzubringen.«

»Habt ihr denn ein Visum?«, fragte Schardt zögerlich.

»Dazu ist kaum Zeit gewesen«, erwiderte Donati. »Ich habe den Anruf erst vor eineinhalb Stunden erhalten.«

»Und wer hat Sie angerufen, Commissario?«

»Don Luu.«

»Hm.«

Nach kurzem Zögern ging Schardt in das kleine Wachhäuschen und griff zum Telefon. Es dauerte keine Minute, und der Gardeadjutant gab seinem Kameraden einen Wink, den Wagen durchzulassen. Hinter dem Fiat hatte sich schon eine kleine Schlange von Fahrzeugen gebildet, deren vorderstes eine dunkle Limousine war. Bei einem Blick über die Schulter glaubte Alexander, auf dem Beifahrersitz einen Mann in der Kleidung eines Kardinals zu erkennen. Vermutlich trafen in diesen Stunden die katholischen Oberhirten aus allen Teilen der Welt im Vatikan ein, um über die Kirchenspaltung zu beratschlagen. Dementsprechend viele Autos waren hier geparkt. Während Donati mit Schrittgeschwindigkeit auf der Suche nach einem Abstellplatz über das Vatikangelände fuhr, bemerkte Alexander einen Helikopter, der jenseits des Petersdoms auf dem Hubschrauberlandeplatz niederging.

Auf dem Damasushof stand ein uniformierter Gendarm der Vigilanza und spielte den Parkwächter. Donati folgte seinen Weisungen und quetschte den Tempra in eine enge Parklücke, die ihm und Alexander kaum Platz zum Aussteigen ließ.

Der Gendarm eilte auf sie zu. »Die Herren Donati und Rosin?«

»Dieselben«, bestätigte der Commissario, während er den Wagen abschloss.

»Warten Sie bitte einen Augenblick hier, Sie werden abgeholt.« Kaum hatte der Gendarm ausgesprochen und sich den anderen Fahrzeugen zugewandt, die einen Parkplatz benötigten, trat auch schon ein drahtiger Mann im schwarzen Priesteranzug aus dem Schatten des Apostolischen Palastes und kam ihnen mit schnellen Schritten entgegen. Schwarz glänzendes Haar umrahmte ein Gesicht, das durch die hohen Wangenknochen und die schmalen Augen einen deutlichen asiatischen Einschlag hatte. Alexander wusste von Henri Luu nur, dass ein Elternteil französisch und der andere vietnamesisch war. Luu war teils in Asien und teils in Europa aufgewachsen und hatte seine klerikale Karriere in Frankreich begonnen. Papst Custos war, bevor er nach Rom kam, unter seinem bürgerlichen Namen Jean-Pierre Gardien Erzbischof von Marseille gewesen. Aus dieser Zeit kannte und vertraute er Luu, den er daher vor kurzem als seinen Privatsekretär nach Rom geholt hatte.

»Buon giorno, signori!«, rief Luu ihnen entgegen. »Schön, dass Sie beide so schnell gekommen sind!«

Trotz der freundlichen Worte wirkte Luus Gesicht so ernst wie das von Werner Schardt. Falls Alexander das Klischee vom ewig lächelnden Asiaten im Hinterkopf gehabt hatte, sah er sich enttäuscht. Ohne eine Miene zu verziehen, bat Luu die beiden, ihm in den Apostolischen Palast zu folgen. Der Geistliche führte sie durch die Gänge zum privaten Arbeitszimmer Seiner Heiligkeit, das Alexander bereits kannte. Luu trat nach kurzem Anklopfen allein ein und winkte Alexander und Donati nach wenigen Sekunden, ihm zu folgen.

Papst Custos saß in seiner weißen Soutane mit sorgenvollem Gesicht am Schreibtisch und telefonierte. »Ich will mit ihm persönlich sprechen!«, sagte er in energischem Tonfall. »Wie, eine Aufwertung seines angemaßten Amtes? Das sehe ich nicht so. Noch wurde er nicht offiziell als Gegenpapst ausgerufen. Vielleicht können wir vorher zu einer Einigung kommen … Wie die aussehen soll?« Custos holte tief Luft und sah zur Decke hinauf, als flehe er Gott um eine Eingebung an. »Kommt Zeit, kommt Rat. Stellen Sie erst einmal den Kontakt her, Monsignore! Ich warte auf Ihren Rückruf, danke.«

Mit einem schweren Seufzer legte der Papst den Hörer auf und starrte versunken auf die mit Papieren überhäufte Schreibtischplatte, als sei er ganz allein in diesem Raum. Das Arbeitszimmer wirkte aufgrund seiner mit Bücherregalen voll gestellten Wände reichlich dunkel, aber das schien der Stimmung des Heiligen Vaters nur angemessen. Als Custos endlich aufsah und sich zur Begrüßung erhob, wirkte das Lächeln auf seinem Gesicht angestrengt. Die tiefen Schatten unter seinen Augen verrieten, dass eine schlaflose Nacht hinter ihm lag. Trotz der großen Sorgen, die auf ihm lasteten, hieß er seine Gäste freundlich willkommen, und er bat sie, auf einer kleinen Sitzgruppe Platz zu nehmen.

»Sie haben es gehört, in Kürze werden wir einen zweiten Papst haben.« Custos seufzte erneut. »Jedenfalls dann, wenn es nach dem Willen der sogenannten Heiligen Kirche des Wahren Glaubens geht.«

»Wer soll es werden?«, platzte Don Luu heraus, der damit auch das Klischee von der eisernen asiatischen Selbstbeherrschung widerlegte.

»Salvati«, sagte der Papst nur.

»Tomás Salvati?«, vergewisserte sich sein Privatsekretär.

Der Papst nickte.

Luu ließ ein Geräusch hören, das an das wütende Knurren eines Hundes erinnerte. »Ich wusste, dass Salvati mit Ihrem Reformkurs nicht einverstanden ist, Heiligkeit. Ich hatte auch vermutet, dass er mit den Kirchenspaltern unter einer Decke steckt. Aber das?«

»Jetzt wissen wir, dass er auf der anderen Seite steht«, sagte Custos in sachlichem Ton. »Es heißt, seine Gegner zu kennen, sei der erste Schritt, um sie zu überwinden. Ich muss allerdings gestehen, dass ich wenig glücklich darüber bin, Salvati im anderen Lager zu wissen.«

»Verzeihen Sie meine Unwissenheit«, mischte Donati sich ein. »Wer ist dieser Tomás Salvati?«

Die Antwort gab Alexander: »Ein verhältnismäßig junger, aber sehr charismatischer Mann, Leiter der Kongregation für religiöse Orden. Vorher war er Bischof von Messina.«

Custos wandte sich an Alexander, und diesmal wirkte das Lächeln des Papstes ungezwungen. »Bravo, mein Sohn, Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht, wie es sich für einen Vatikanberichterstatter gehört! ›Charismatisch‹ ist der richtige Ausdruck. Und energiegeladen. Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass Salvati das Amt des Papstes ausfüllt. Unglücklicherweise hat er es nicht rechtmäßig inne.«

»Ich würde eher sagen, dass er es glücklicherweise nicht rechtmäßig innehat«, sagte Luu und wandte sich dann an Alexander. »Wo Seine Heiligkeit es gerade erwähnt, Signor Rosin: Sie müssen für den Augenblick Ihren neuen Beruf vergessen. Alles, was hier gesprochen wird, ist streng vertraulich.«

»Nichts anderes hatte ich erwartet«, erwiderte Alexander ohne jede Ironie. »Es liegt nicht in meiner Absicht, die Probleme der Kirche noch zu vergrößern.«

Custos sagte leise: »Derjenige, der hier die Probleme schafft, bin wohl ich. Meine Reformen sind es, die zur Kirchenspaltung geführt haben. Ich habe damit gerechnet, auf Widerstände zu stoßen, auf große Widerstände sogar, aber ich habe nicht mit einem Schisma gerechnet. Vielleicht war es ein Fehler, dass ich dieses Amt angetreten habe. Während der vergangenen Nacht habe ich mehrmals an einen Rücktritt gedacht.«

Luu blickte ihn erschrocken an. »So etwas dürfen Sie nicht sagen, nicht einmal denken, Heiliger Vater! In den wenigen Monaten Ihrer Amtszeit haben Sie schon so viel bewegt. Wenn Sie aufgeben, wird all das, was Sie bis jetzt erreicht haben, umsonst gewesen sein. Alle Opfer waren dann vergebens. Wer weiß, wann die Kirche wieder das Glück hat, einen Mann von Ihrem Format an ihrer Spitze zu haben. Vielleicht niemals.«

Custos machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Machen Sie mich nicht größer, als ich bin, Don Luu! Aber was das Ende der Reformen und die vergeblichen Opfer betrifft, all das habe ich mir auch gesagt und mich deshalb zum Weitermachen entschlossen. Das Amt des Papstes ist kein Job in der Tankstelle oder im Kaufhaus, den man einfach an den Nagel hängen kann, wenn man keine Lust mehr hat. Doch ich muss mir selbst und meiner Kirche eingestehen, dass ich Fehler gemacht habe. Ich glaubte, die Reformen sinnvoll und für alle tragbar durchzuführen, aber für die konservativen Kreise der Gläubigen und auch der kirchlichen Amtsträger ging das meiste viel zu schnell, und es war zu viel auf einmal. Verheiratete Priester und Frauen im Priesteramt, das hätten wir nicht auf die Tagesordnung setzen sollen, nicht so schnell und nicht beides zum selben Zeitpunkt.«

»Sie wollen das Zölibat aufheben und Frauen die Priesterweihe gestatten?«, fragte Alexander verblüfft.

»Noch ist nichts offiziell«, beeilte Luu sich zu sagen. »Wir haben diese Punkte auf Wunsch Seiner Heiligkeit der Kongregation der Kardinäle zur Beratung vorgelegt. Aber das hat schon ausgereicht, um diese Verräter zur Abspaltung zu bringen.«

»Sagen wir lieber, es war der berüchtigte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat«, schränkte Papst Custos ein. »Beide Punkte sind ebenso vernünftig wie notwendig, wenn die Kirche nicht in naher Zukunft ohne ausreichendes Personal dastehen soll. Ich glaubte, solch große, schmerzhafte Einschnitte sind im Paket leichter zu ertragen, aber da habe ich mich geirrt.« Die Andeutung eines bitteren Lächelns umspielte seine Lippen. »So viel zur viel besungenen Unfehlbarkeit des Papstes.«

Luu ergriff wieder das Wort, wobei er sich an Alexander und Donati wandte: »Vielleicht sollten wir jetzt auf den eigentlichen Grund unseres Zusammentreffens kommen, auf die schrecklichen Morde an unseren Geistlichen.«

»Morde?«, wiederholte Alexander. »Gibt es denn mehrere?«

»Bislang zwei«, sagte Donati. »Wussten Sie das nicht, Signor Rosin?«

Elena Vida klebte ihren Daumen auf den Klingelknopf neben dem Türschild mit der Aufschrift »Parolini«. Sie hörte den durchdringenden Klingelton, der ohne Unterlass durch die Hochhauswohnung schrillte, und fragte sich, wie lange das ein Mensch aushalten konnte, der seine Ohren nicht mit Wachs versiegelt hatte. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass niemand zu Hause war. Aber der sechste Sinn, den Elena im Laufe ihrer Journalistenlaufbahn entwickelt hatte, sagte ihr, dass hinter der in billigem Weiß gestrichenen Wohnungstür jemand furchtbar unter dem Dauerklingeln litt. Wie groß musste da erst die Furcht vor demjenigen sein, der die Klingel betätigte? In Situationen wie dieser konnte Elena ihren Job fast hassen. Für sie war es alles andere als ein Spaß, einer alten Frau Angst einzujagen. Aber so etwas gehörte zum täglichen Brot ihres Berufslebens.

Als Elenas Daumen schon zu schmerzen begann, ertönte aus der Wohnung eine keifende Stimme: »Hören Sie endlich damit auf, zum Teufel! Wir machen nicht auf!«

Es war die Stimme einer Frau, allerdings nicht die einer alten. Elena vermutete, dass sie Arietta Parolini gehörte.

Sie nahm den Daumen von der Klingel und fragte im besten Unschuldston: »Warum wollen Sie nicht aufmachen?«

»Weil wir nicht mit Ihnen sprechen wollen.«

»Aber Sie wissen doch gar nicht, wer ich bin.«

»Und ob wir das wissen! Sie sind von der Zeitung, oder vom Fernsehen oder Radio. Stimmt’s?«

»Von der Zeitung, ja. Ich heiße Elena Vida und schreibe für den ›Messaggero di Roma‹.«

»Ist doch egal, für wen Sie schreiben. Hier ist niemand, der mit Ihnen sprechen möchte.«

»Vielleicht kann Ihre Mutter mir das selbst sagen«, schlug Elena vor.

»Meine Mutter? Die ist nicht hier.«

»Da haben mir ihre Nachbarn in Trastevere aber etwas anderes erzählt.«

Für einen Augenblick herrschte Schweigen. Elena vermutete, dass Arietta Parolini sich mit ihrer Mutter beriet. Dann hörte sie das erlösende metallische Geräusch eines sich im Schloss drehenden Schlüssels, und die Wohnungstür wurde ein kleines Stück geöffnet. Eine Kette sicherte die Tür. Durch den Spalt sah Elena das rundliche Gesicht einer Frau in den Vierzigern, an den falschen Stellen zu stark und an den richtigen zu wenig geschminkt.

»Signora Parolini?«, fragte Elena.

»Ja, ganz recht. Ich wohne hier. Und wenn Sie nicht gleich verschwinden, rufe ich die Polizei!«

»Das gibt aber einiges Aufsehen. Wollen Sie das wirklich? Dadurch könnten meine Kollegen Wind von der Sache kriegen. Sie haben ja vielleicht gesehen, wie viele Reporterteams das Haus in Trastevere belagern, in dem Ihre Mutter wohnt. Es war wirklich klug von Ihnen, Ihre Mutter zu sich zu holen.«

Elena war tatsächlich in Trastevere gewesen, in dem alten Haus an der Piazza Mastai, in dem Sandrina Ciglio wohnte. Allerdings hatte ihr kein Nachbar verraten, wo die Frau sich aufhielt, die den toten Pfarrer Dottesio entdeckt hatte. Das war ein Bluff gewesen. Mit ein wenig journalistischem Spürsinn und der dazugehörigen Kombinationsgabe war Elena selbst darauf gekommen, Sandrina Ciglio bei ihrer Tochter zu suchen, die mit ihrem Mann und ihren Kindern in dieser tristen Vorortsiedlung nahe dem Autobahnzubringer zum Flughafen Leonardo da Vinci wohnte.

Zum ersten Mal wirkte Arietta Parolini ein wenig unsicher. »Die Ärzte haben gesagt, dass meine Mutter sich schonen soll.«

»Ich will nur kurz mit ihr sprechen. Falls sie sich in irgendeiner Weise aufregt, breche ich das Gespräch sofort ab.« Elena streckte der Frau ihre Hand entgegen. »Mein Wort darauf.«

Zögernd ergriff Arietta Parolini die Hand und ließ Elena eintreten. Sandrina Ciglio lag im Wohnzimmer auf der Couch und hatte eine Decke über den Knien, obwohl es nicht kalt war. Durch die großen Fenster schien warm die Spätsommersonne herein. Wärme und Helligkeit waren wohl die einzigen Vorteile dieser Wohnung im neunten Stock, überlegte Elena. Der Blick auf eine Welt aus sich gleichenden Hochhäusern und auf graue Straßenbänder, über die sich endlose Blechlawinen wälzten, deprimierte sie.

»Soll ich mit der Frau sprechen, Arietta?«, fragte die Frau auf der Couch, wobei sie mit einer Mischung aus Neugier und Unbehagen auf Elena blickte.

»Du sollst gar nichts, mammina. Diese Journalistin möchte dir ein paar Fragen stellen. Aber du musst ihr nicht antworten. Und wenn es dich anstrengt, geht sie auch gleich wieder weg.« Hoffnung schwang bei diesem Satz in Arietta Parolinis Stimme mit.

Sandrina Ciglio setzte sich auf und zog die Decke wieder sorgsam über ihre Knie. »Ich werde mit ihr sprechen. Vielleicht tut es mir gut. Und die anderen Zeitungsleute lassen uns dann hoffentlich in Frieden.«

»Ich werde in meinem Artikel nicht erwähnen, wo ich Sie gefunden habe«, versprach Elena und nahm in dem blauen Sessel Platz, auf den Arietta Parolini mehr pflichtschuldig als höflich wies. »Am besten erzählen Sie mir in Ihren eigenen Worten, was Sie gestern Abend in Santo Stefano in Trastevere erlebt haben, Signora Ciglio.«

»Eigentlich gibt es da nicht viel zu erzählen«, begann die alte Frau vorsichtig und berichtete dann, wie sie in die Kirche gegangen war, eine Opferkerze für ihren verstorbenen Mann angezündet und sich anschließend zum Gebet vor dem großen Kruzifix niedergelassen hatte. »Da war diese Feuchtigkeit, die ich plötzlich auf meiner Wange spürte. Ich … ich glaubte schon an ein Zeichen des Herrn, als ich merkte, dass es Blut war. Aber dann blickte ich auf … und sah ihn!«

»Wen?«, fragte Elena in der Hoffnung, einen Hinweis auf die Mörder zu erhalten.

»Pfarrer Dottesio. Er hing am Kreuz wie der Heiland und blickte zu mir herab. Es war grässlich! An mehr kann ich mich nicht erinnern. Ich glaube, ich bin dann aus der Kirche gelaufen.«

Das war mehr als mager, absolut nichts Neues, aber Elena versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. »Und Sie haben niemanden sonst in der Kirche bemerkt? Oder haben Sie draußen etwas Verdächtiges wahrgenommen, bevor Sie die Kirche betraten? Menschen? Oder ein Auto, das Ihnen aufgefallen ist?«

»Nein, gar nichts. Die Straßen waren ja auch sehr leer.«

»Diese Fragen wurden meiner Mutter schon von der Polizei gestellt«, murrte Arietta Parolini.

»Ich hatte gehofft, dass sich Ihre Mutter zwischenzeitlich an etwas erinnert hat. Manchmal dauert es seine Zeit, bis man einen Schock überwunden hat und seine Erinnerung wiedererlangt.«

»Ich habe der Polizei alles gesagt, was ich weiß«, beteuerte Signora Ciglio. »Nur an die Kette habe ich nicht gedacht, das ist mir erst später wieder eingefallen.«

Elena beugte sich neugierig zu ihr vor. »Was für eine Kette?«

Die alte Frau griff nach ihrer grauen Handtasche, die neben ihr auf der Couch lag, kramte umständlich darin herum und beförderte schließlich eine dünne silberne Kette zutage, die sie vor Elena auf den sechseckigen Glastisch legte. An der Kette, die an einer Stelle zerrissen war, hing ein zierliches Silberkreuz. Auf den ersten Blick sah es nach dem billigen religiösen Schmuck aus, den man im und rund um den Vatikan an Touristen verkaufte.

Elena nahm die Kette in die Hand und betrachtete sie sorgsam, konnte aber nichts Besonderes an ihr feststellen. »Was hat es mit dieser Kette auf sich?«

»Sie gehört mir nicht«, erklärte Signora Ciglio. »Als man mich ins Krankenhaus gebracht hatte, gab man mir dort die Kette, weil man glaubte, es sei meine. Ich hätte sie angeblich in der Hand gehalten. Aber ich weiß nicht, wie ich dazu komme. Vielleicht lag sie unter dem Kruzifix, und ich habe nach ihr gegriffen.« Sie schüttelte verzweifelt ihren grauhaarigen Kopf. »Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern. Ich habe die Kette in meine Handtasche gesteckt und mich erst vor einer halben Stunde an sie erinnert. Was meinen Sie? Muss ich deshalb die Polizei anrufen?«

»Wenn Sie möchten, kann ich die Kette dem zuständigen Commissario übergeben«, schlug Elena vor. »Ich kenne ihn ganz gut.«

Signora Ciglio lächelte schwach. »Das wäre nett von Ihnen, Signorina.«

»Aber gern.« Elena lächelte zurück und steckte rasch die Kette ein, bevor Arietta Parolini einen Einwand erheben konnte.

»Der erste Priestermord ereignete sich vor drei Tagen«, erklärte Commissario Donati dem staunenden Alexander Rosin. »Das Opfer war ein gewisser Giorgio Carlini, dessen Gemeinde in den Bergen liegt, in Ariccia. Man fand ihn über das Taufbecken gebeugt. Jemand hat ihn im Taufwasser ersäuft. Wie auch im Fall von Pfarrer Dottesio gibt es keinen Hinweis auf den oder die Täter.«

»Ich habe nichts davon gehört«, wunderte Alexander sich. »Der Vorfall wurde auf Bitten der Kirche nicht im Polizeibericht erwähnt«, sagte Donati. »Aber der gestrige Mord ließ sich leider nicht verheimlichen.«

»Warum leider?«, fragte Alexander. »Hat die Öffentlichkeit kein Recht auf Information?«

»Commissario Donati will uns nur helfen«, sagte Henri Luu. »Die Kirche hat in diesen Tagen schon genug Schwierigkeiten.«

»Zwei Priestermorde so kurz aufeinander folgend«, sagte Donati kopfschüttelnd. »Ich möchte wissen, ob es einen Zusammenhang zwischen den beiden Toten gibt, eine Gemeinsamkeit, die über das Priesteramt hinausgeht.«

»Die gibt es«, kam es zu Donatis und Alexanders Überraschung von Papst Custos. »Und das ist der Grund, warum ich Sie beide hergebeten habe.«

Don Luu übernahm wieder das Wort: »Den beiden Ermordeten gemeinsam ist, dass sie früher im Vatikan gearbeitet haben, und zwar beide in der Glaubenskongregation. Giovanni Dottesio hat die Registratur des Archivs geleitet, und Giorgio Carlini war sein Stellvertreter.«

»Also haben sie sich gekannt«, murmelte Donati.

»Seltsam«, überlegte Alexander laut. »Pfarrer von Santo Stefano in Trastevere oder in Ariccia zu sein ist nicht gerade ein Aufstieg. Warum wurden sie versetzt?«

Luu lächelte dünn. »Wenn Sie an eine Strafversetzung denken, irren Sie sich. Laut unseren Personalunterlagen wurden beide auf eigenen Wunsch versetzt.«

»Zu welchem Zeitpunkt?«, fragte der Commissario.

Luu griff nach einem abgewetzten Aktenordner auf dem Schreibtisch und blätterte darin. »Ah, hier ist es. Dottesio verließ den Vatikan vor fünf Jahren im Mai, Carlini folgte ihm zwei Monate später.«

»Die Sache riecht immer seltsamer«, fand Donati. »Sie stinkt schon beinah.«

»Deshalb ließ ich Sie rufen«, sagte der Papst. »Ich möchte die Morde schnellstmöglich aufgeklärt haben, Commissario Donati. Sie erhalten eine von mir persönlich ausgestellte Sondervollmacht, die Ihnen erlaubt, ungehindert innerhalb des Vatikans zu ermitteln. Und Sie, Alexander, sollen dem Commissario mit Ihrer Kenntnis vom Innenleben des Vatikans dabei helfen.«

»Sehr gern, aber ich habe einen Job.«

»Das ist bereits abgeklärt«, sagte Luu. »Als Sie hierher unterwegs waren, habe ich mit Ihrer Chefredakteurin telefoniert. Sie, Signor Rosin, haben unbegrenzte Freiheit, Commissario Donati zur Seite zu stehen. Dafür darf der ›Messaggero di Roma‹ vorab über alle Ergebnisse Ihrer Recherchen berichten – natürlich nur dann, wenn der Vatikan sie zur Veröffentlichung freigibt.«

Stelvio Donati nickte zufrieden. »Das alles hört sich sehr vielversprechend an. Als Erstes würde ich gern mit dem Leiter der Glaubenskongregation sprechen.«

Die Glaubenskongregation oder Kongregation für die Glaubenslehre war die Nachfolgerin der berüchtigten Inquisition. Noch immer hatte diese kirchliche Institution darauf zu achten, dass kein Irrglaube verbreitet wurde, und sie besaß Gerichtsgewalt gegenüber den Gläubigen. Ihr Leiter, der Kardinalpräfekt Renzo Lavagnino, hatte große Macht inne und war nur dem Papst gegenüber verantwortlich. Lavagnino gehörte der Glaubenskongregation schon längere Zeit an, war aber erst nach den Ereignissen um die Wahre Ähnlichkeit Christi zu ihrem Leiter ernannt worden. Viele Posten waren seit damals neu besetzt worden. Böse Zungen nannten es eine Säuberungswelle. Aber Papst Custos musste an den entscheidenden Stellen der Kirche Männer wissen, denen er vertrauen konnte, wollte er seine Reformpläne durchsetzen. Wie groß und einflussreich der Kreis seiner innerkirchlichen Widersacher war, bewies die Abspaltung der Heiligen Kirche des Wahren Glaubens.

Das alles ging Alexander durch den Kopf, als er mit Don Luu und Commissario Donati auf umständlichem Weg zum Palast des Heiligen Offiziums ging, dem Sitz der Glaubenskongregation. Der Palazzo del Sant’Uffizio lag dem Apostolischen Palast gegenüber am anderen Ende des Petersplatzes. Aber den zu überqueren hätte bedeutet, sich den neugierigen Blicken und Fragen von ganzen Reporterscharen auszusetzen. Deshalb hatte Luu es vorgezogen, mit Alexander und Donati um den Petersdom herumzugehen.

Als sie die Rückseite des Doms umrundet hatten, blieb Alexander für einen kurzen Augenblick stehen. Zwischen Stephanskirche und Tribunalspalast sah er weiter hinten den Bahnhof des Vatikans, der als solcher nur noch selten genutzt wurde. Aus diesem Grund hatte man jüngst einen Teil des Gebäudes abgetrennt und in einen Gefängnistrakt verwandelt. Ein Gefängnis im Vatikan, das hatte es lange nicht mehr gegeben. Die meisten der Verschwörer vom Mai hatten ihre kirchlichen Ämter verloren und waren exkommuniziert worden. Viele, die sich nach weltlichem Recht Straftaten hatten zuschulden kommen lassen, hatte der Vatikan der italienischen Justiz übergeben. Aber ein paar Anführer der Verschwörer waren vom Vatikan unter Rückgriff auf seine autonome Justiz selbst verurteilt und in dieses neu geschaffene Gefängnis gesteckt worden. Sämtliche Urteile lauteten auf Haft für unbestimmte Zeit, was bedeutete, dass nur ein Gnadenentscheid des Papstes die Freilassung bewirken konnte. Und einer der Gefangenen war Alexanders Vater Markus Rosin, der seine Taten nicht im Mindestens zu bereuen schien. Mit Schaudern und zugleich voller Trauer dachte Alexander an die wenigen Besuche, die er seinem inhaftierten Vater abgestattet hatte. Markus Rosin weigerte sich, mit seinem Sohn zu sprechen. Nur einmal hatte er etwas gesagt, und das waren bittere Vorwürfe gewesen.

»Wollen wir weitergehen, Signor Rosin?«

Trotz des sanften Tonfalls war ein leichtes Drängen in der Stimme von Don Luu unüberhörbar. Vermutlich hatte er in diesen aufregenden Tagen viel zu tun, und jede Minute zählte. Alexander beeilte sich, zu ihm und Donati aufzuschließen.