Beschreibung

Nachdem sich Marias Pläne, mit ihrer Freundin Leena eine Kanzlei zu gründen, zerschlagen, nimmt sie zunächst eine Stelle bei einem Forschungsprojekt an. Sie lernt die Journalistin Jutta Särkikoski kennen, die wie Leena einen Autounfall hatte und seitdem behindert ist. Bevor sie von der Straße abgedrängt worden war, hatte sie einen Dopingskandal aufgedeckt, in den zwei Diskuswerfer verwickelt waren. Seitdem erhielt sie Morddrohungen. Nachdem es bei einer Veranstaltung des Behinderten-Sportbundes einen Toten gibt und die Leiterin des Gewaltdezernats der Espooer Polizei zurücktritt, wird Maria verpflichtet, an ihren alten Arbeitsplatz zurückzukehren, um die Sondereinheit zu leiten, die den Mord untersucht. Doch dafür muss sie Wunden aufreißen, die ihre frühere Mordermittlung hinterlassen hat …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 546


Leena Lehtolainen

Auf der falschen Spur

Maria Kallio ermittelt

Roman

Deutsch von Gabriele Schrey-Vasara

Für Otso

This bound is eternal

Sworn through blood

Ensiferum

Prolog

Die Straße von Salo nach Inkoo war dunkel und von Schildern gesäumt, die vor Elchen warnten. Die Journalistin Jutta Särkikoski fuhr bewusst langsam, obwohl der Mann, der neben ihr saß, es eilig hatte, nach Helsinki zu kommen. Normalerweise hätte sie den Weg von Turku nach Helsinki auf der Autobahn zurückgelegt, doch da sie den Freelance-Fotografen, der in Turku Aufnahmen für sie gemacht hatte, in Kisko absetzen musste, hatte sie die Landstraße genommen.

Jutta Särkikoski war in Turku gewesen, um den Achthundertmeterläufer Toni Väärä und seinen Trainer Ilpo Koskelo zu interviewen. Väärä hatte in diesem Sommer den Durchbruch geschafft und die erfolgreiche Saison gerade mit einem überlegenen Sieg beim Länderkampf Schweden– Finnland abgeschlossen. Mit einer Zeit von 1:44:13 war er auf Platz 15 der internationalen Rangliste aufgestiegen, ein sensationeller Erfolg. Jutta Särkikoski, die als freie Journalistin arbeitete, hatte von einer Illustrierten den Auftrag zu einem ausführlichen Interview mit Väärä erhalten, in dem unter anderem die Gründe für den rasanten Aufstieg des jungen Sportlers ausgelotet werden sollten. Das Treffen in Turku, wo der gebürtige Ostbottnier wohnte und trainierte, war der Auftakt zu dieser Arbeit gewesen.

Der Regen schlug immer heftiger gegen die Scheiben. Jutta nahm sich vor, Toni Väärä allmählich in ein Gespräch zu verwickeln. Er war alles andere als redselig, eher glich er den Sportlern früherer Jahre, die Interviewfragen möglichst knapp und ohne jeden Anflug von Humor beantwortet hatten. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, ihn überhaupt für das Interview zu gewinnen; er hatte das Treffen unter verschiedenen Vorwänden immer wieder verschoben. Obendrein hatte sein Trainer alles darangesetzt, ein Gespräch unter vier Augen zu verhindern. Da Väärä noch keinen Manager hatte, hatte Jutta zunächst mehrmals beim Leichtathletikverband anrufen und das Interview schließlich mit Trainer Koskelo vereinbaren müssen. Zu ihrem Glück brauchte Väärä eine Mitfahrgelegenheit nach Helsinki, wo er an einer Veranstaltung seines Sponsors teilnehmen sollte. Nachdem der Fotograf in Kisko ausgestiegen war, ergab sich endlich eine Chance, ungestört mit dem Nachwuchstalent zu reden.

In Sportkreisen weckte Jutta Särkikoski widersprüchliche Gefühle. Sie hatte im vorhergehenden Winter einen Tipp erhalten, wonach zwei vielversprechende junge Diskuswerfer ihre Muskeln mit Mitteln aufbauten, die auf der Dopingliste standen. Außerdem nahmen sie nicht nur selbst anabole Steroide, sondern verkauften sie auch weiter. Jutta hatte die Informationen mehrmals überprüft, bevor sie die sensationelle Reportage an ein Boulevardblatt verkaufte. Obwohl sie ihre Quellen nicht preisgab, wurde die Reportage ernst genommen. Ein überraschender Test während der Trainingsphase überführte die beiden Diskuswerfer. Auch die B-Probe zeigte ein positives Ergebnis, und bei Hausdurchsuchungen fand die Polizei bei beiden mehr Anabolika, als sie für den Eigenbedarf benötigten. Eero Salo und Sami Terävä wurden nicht nur für Wettkämpfe gesperrt, sondern auch wegen Besitz und Weitergabe verbotener Substanzen angeklagt; aus Mangel an Zeugen wurde der zweite Anklagepunkt jedoch fallengelassen.

Jutta hatte für die Aufdeckung des Dopingskandals nicht nur Lob geerntet. Junge Nachwuchstalente waren in der finnischen Leichtathletik dünn gesät. Viele empfanden Jutta daher als Nestbeschmutzerin, die zwei aussichtsreiche Karrieren zunichtegemacht hatte. Schließlich nehme jeder verbotene Mittel, meinten Juttas Kritiker, nur könnten sich manche Sportler eben teure Substanzen leisten, die nicht so leicht nachzuweisen waren. Diejenigen, die im Voraus von dem geplanten Interview mit Väärä erfahren hatten, zogen den Schluss, dass auch der Erfolg des jungen Mittelstrecklers auf Doping beruhte, und die Abschottungsversuche seines Trainers hatten diesen Verdacht eher noch verstärkt.

Plötzlich tauchte aus dem Halbdunkel eine schwarze Gestalt auf. Ein Elch? Jutta erschrak, der Wagen schlingerte leicht. Doch die Gestalt war ein Mensch, irgendein Verrückter, der durch den Regen joggte. Vermutlich ein Seelenverwandter von Toni Väärä. Der junge Sportler hatte beteuert, sein Erfolg sei einzig und allein hartem Training zu verdanken. In all den Jahren habe er nicht einen Trainingslauf ausfallen lassen, mochte das Wetter noch so schlecht sein. Jutta streifte beinahe die linke Böschung, als sie in weitem Bogen an dem Jogger vorbeifuhr. Im Rückspiegel sah sie das Licht seiner Stirnlampe. Auf dem nächsten Hügel warnte ein weiteres Schild vor Elchen. Auf Straßen dieser Art hängte Jutta sich am liebsten so dicht an einen Laster, dass kein Elch dazwischenpasste. Doch jetzt war die Straße leer.

Plötzlich tauchte im Rückspiegel ein gelblicher Lichtstrahl auf. Ein Kleintransporter näherte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit. Er geriet immer wieder auf die Gegenfahrbahn, doch der Fahrer bekam ihn jedes Mal wieder unter Kontrolle. Sieh zu, dass du vorbeikommst, dachte Jutta und drosselte das Tempo, um dem Raser das Überholen zu erleichtern. Der durchgezogene gelbe Mittelstreifen war nur undeutlich zu sehen, doch der Fahrer schien ihn zu respektieren und blieb hinter Juttas Renault.

Rums!

Der Kleintransporter versetzte dem Renault nur einen leichten Stoß, doch Jutta hätte beinahe die Kontrolle über ihren Wagen verloren.

«Um Himmels willen!», rief sie. Sie trat aufs Gas, doch der Lieferwagen blieb dicht hinter ihnen. Dann setzte er doch zum Überholen an und zog gleichauf, fuhr aber nicht vorbei, sondern rammte die linke Vorderflanke des Renaults.

«Was will der Spinner?», schrie Jutta, und auch Toni brüllte etwas, doch seine Worte erreichten sie nicht, denn der Kleintransporter rammte sie erneut, und der Renault schlingerte auf ein Brückengeländer zu. Jutta versuchte zu bremsen, aber vergeblich. Kurz bevor sie das Bewusstsein verlor, sah sie, wie sich das Blut, das ihr aus dem Mund tropfte, mit dem Strahl vermischte, der aus Tonis Schenkelarterie schoss.

Eins

Seit einigen Monaten hatte ich häufig Albträume. Alles, was mir in meinem Leben widerfahren war, kehrte im Traum wieder. Der Lauf eines Elchgewehrs drückte gegen meine Brust, und kaum war er verschwunden, sah ich einen explodierenden Briefkasten, der zusammen mit meiner Tochter Iida in die Luft geschleudert wurde. In manchen Träumen war es dunkel, und ich kämpfte mich mit letzter Kraft eine Leiter hoch, denn im Schacht unter mir würde gleich eine Bombe hochgehen. Im schlimmsten Albtraum hielt mir jemand eine mit Zyanid gefüllte Spritze an die Halsschlagader, und ich bekam keine Luft…

Davon wurde ich meistens wach, aber ich brauchte eine ganze Weile, um zu begreifen, dass es nur Träume waren, von der Phantasie verfremdete Erinnerungen an das, was ich bei meiner Arbeit erlebt hatte. Es wunderte mich, dass die Träume erst einsetzten, nachdem ich den Polizeidienst quittiert hatte. War meine Psyche einfach nicht bereit gewesen, Albträume hinzunehmen, solange mir im Alltag jederzeit etwas zustoßen konnte? Ich hatte erst nachträglich eingesehen, dass ich mich auf die Fälle, die ich untersuchte, emotional viel zu sehr eingelassen hatte. Als Ermittlungsleiterin hätte ich distanzierter sein, Abstand von den Verdächtigen halten und mich auf das Gesamtbild konzentrieren müssen. Aber es hatte mir Spaß gemacht, Vernehmungen zu führen und mit Menschen zu tun zu haben. Vielleicht war der Posten der Kommissarin und Dezernatsleiterin von Anfang an nicht das Richtige für mich gewesen, oder besser gesagt, ich war die falsche Person für diesen Job. Bei meiner neuen Arbeit hatte ich viel eher das Gefühl, am richtigen Platz zu sein.

Als ich aus meinem Traum aufschrak, schien die Sonne. Es war ein Morgen im Frühherbst, zehn Minuten nach sechs, der Wecker würde erst um halb acht klingeln. Ich schloss die Augen und versuchte, mich zu entspannen, doch die Traumbilder gingen mir nicht aus dem Sinn. Es ist vorbei, betete ich mir vor. Du brauchst nicht mehr zurück.

Meine Stelle als Hauptkommissarin und Leiterin des Gewaltdezernats bei der Espooer Polizei hatte ich schon vor einigen Jahren gekündigt, mit klaren Zukunftsplänen: Meine Freundin und ehemalige Kommilitonin Leena Viitanen-Ruotsi hatte ihre Tante beerbt, und wir wollten gemeinsam eine auf Rechtshilfe für Minderbemittelte spezialisierte Anwaltskanzlei gründen, die wir unter uns «Allus Engel» nannten. Leena gehörte dem Anwaltsverband an, und ich würde die Aufgaben übernehmen, die keine Mitgliedschaft voraussetzten. Ich erholte mich damals gerade von einer Körperverletzung, der ich im Zuge meiner Ermittlungen in einer Mordserie zum Opfer gefallen war. Selbst als ich die Kündigung einreichte, war mir noch nicht vollkommen bewusst gewesen, wie stark mich die Attacke erschüttert hatte.

Ein Berufswechsel war die einzige denkbare Lösung gewesen. Leena und ich hatten im Frühjahr und in den ersten Sommerwochen mit glühendem Eifer Pläne geschmiedet, bis das Leben wieder einmal mit einer unangenehmen Überraschung aufwartete. Am Wochenende nach Mittsommer war Leenas Familie mit dem Bus zum Sommerhaus ihres Bruders in Bromarv gefahren. Leena war noch mit mir bei einem Konzert gewesen und wollte am Abend mit dem Wagen nachkommen. Erst gegen Mitternacht war sie in Helsinki losgefahren. Bei Västankvarn war ihr ein Fahrer entgegengekommen, der sich vor der Fahrt eine Flasche Schnaps hinter die Binde gegossen hatte. Obwohl Leena auszuweichen versuchte, waren die beiden Autos zusammengestoßen. Im Gegensatz zu dem Betrunkenen hatte Leena den Unfall überlebt, doch das war ein magerer Trost. Meine Freundin war von der Taille abwärts gelähmt und musste eine Reihe von Operationen über sich ergehen lassen. Ob sie je wieder laufen könnte, war ungewiss. Sie hatte mich sofort gebeten, meine Zukunftspläne nicht von der Hoffnung auf ihre Genesung abhängig zu machen.

So stand ich also ohne Job da. Nach der Karenzzeit bekam ich Arbeitslosengeld, aber ich hatte nicht die Absicht, lange untätig zu bleiben. Kurz nach dem Unfall hatte sich mein ehemaliger Chef Jyrki Taskinen gemeldet und gefragt, ob ich nicht zur Polizei zurückkehren wolle. Im Dezernat für Wirtschaftskriminalität sei eine Stelle frei. Ich hatte ihn ausgelacht, natürlich in aller Freundschaft. In Fragen der Wirtschaftskriminalität war ich trotz meiner juristischen Ausbildung nicht kompetent. Jyrki hätte das eigentlich wissen müssen.

Auch andere ehemalige Kommilitonen erfuhren von dem Schicksalsschlag. Leena wurde mit Zuspruch überschüttet; bei mir wiederum meldete sich Mikko Rajajoki, Leitender Referent im Innenministerium, der zur gleichen Zeit mit dem Jurastudium begonnen hatte wie Leena und ich.

«Hallo, Maria! Ich hab neulich mit Lasse und Kristian Squash gespielt.»

«Die alte Clique, wie?» Auch Lasse Nordström und Kristian Ljungberg waren ehemalige Studienkollegen, mit Kristian war ich sogar eine Zeitlang liiert gewesen.

«Ja. Wie man hört, bist du momentan frei, ich meine stellungslos.»

«Stimmt. Nicht alle haben Kristians Talent, Karriere zu machen.»

«Oder Kristians Beziehungen. Wegen Beziehungen rufe ich dich auch an, du bist nämlich genau die Person, die ich suche. Bei der Espooer Polizei hast du doch auch Fälle von Gewalt in der Familie untersucht?»

«Davon gab es mehr als genug, leider.»

«Wir sind im Innenministerium gerade dabei, ein Forschungsprojekt über häusliche Gewalt zu starten, bei dem zunächst die vielfältigen Erscheinungsformen kartiert und dann wirksame Präventivmaßnahmen entwickelt werden sollen», begann Mikko und hielt mir anschließend einen viertelstündigen Vortrag darüber, dass Gewalt gegen Kinder, vor allem wenn sie von den Müttern ausging, überhaupt nicht wahrgenommen wurde, sie war ein gesellschaftliches Tabu. Damit hatte er leider recht. Die Forschung über familiäre Gewalt war teilweise politisiert, sie wurde sowohl von Frauenverbänden in Beschlag genommen als auch von den Aktivisten der Männerbewegung, die der Ansicht waren, sie wären die Sündenböcke und über die Gewalt von Frauen werde hinweggesehen.

All das wusste ich, aber ich ließ Rajajoki reden. Ich hatte schon lange mit dem Gedanken gespielt, eine Lizentiatenarbeit zu schreiben und an der Uni einzureichen; vielleicht würde ich bei diesem Projekt geeignetes Material finden. Also fragte ich Mikko, ob ich die Ergebnisse auch akademisch nutzen dürfte. Er meinte, dem stehe nichts im Wege. Die Untersuchung schien mir sinnvoll, denn der Kampf gegen familiäre Gewalt war eigentlich erst nach der Jahrtausendwende ernsthaft aufgenommen worden.

Nach kurzer Arbeitslosigkeit wurde ich also wieder Beamtin des Innenministeriums, diesmal aber forschte ich nicht kriminalistisch, sondern wissenschaftlich. Außer mir waren ein Sozialarbeiter und eine Psychologin an dem Projekt beteiligt. Wir arbeiteten auch mit der Polizeischule zusammen, die bald darauf zur Polizeifachhochschule, kurz PFHS, aufgewertet wurde. Mir fiel die Aufgabe zu, Lehrgänge zur Erkennung von Gewalt im sozialen Nahraum zu halten, die jedes Frühjahr an der PFHS stattfanden. Sie richteten sich teils an Polizeischüler, die kurz vor dem Abschluss standen, teils waren sie als Fortbildung für berufserfahrene Polizeibeamte konzipiert. Die Schule hatte sich seit meiner Zeit verändert, doch in der Kantine arbeitete immer noch die netteste Kassiererin der Welt, die sich selbst nach zwanzig Jahren noch an mich erinnerte. Man munkelte, dass sie alle Absolventen der Polizeischule mit Namen kannte und wusste, wer nach der Ausbildung wo gelandet war.

«Ich kann gut verstehen, dass du zur Abwechslung etwas anderes tun willst», nickte sie mir zu, als ich meine Portion Pasta mit Gemüse bezahlte. «Als Polizistin darf man nicht zu viel grübeln, man muss einfach nur Verbrechen aufklären. Das scheinst du manchmal vergessen zu haben.» Als ich leicht verwirrt lächelte, erklärte die Frau, sie habe meine Laufbahn genau verfolgt.

Während ich mein Mittagessen verzehrte, gestand ich mir ein, dass sie recht hatte. Ein Polizist konnte nicht völlig gefühllos sein, aber unparteiisch musste er bleiben, und gegen diese Regel hatte ich allzu oft verstoßen. Jetzt bestand meine Aufgabe darin, mit streng wissenschaftlicher Genauigkeit Informationen über das menschliche Verhalten zu sammeln. Ich brauchte nicht in das Leben meiner Forschungsobjekte einzugreifen, ich musste lediglich ruhig zuhören und Notizen machen. Dennoch meldete sich mein früheres Leben in Form von Albträumen, als wollte es mir klarmachen, dass ich alles, was ich erlebt hatte, bis an mein Lebensende mit mir tragen würde.

Auch mein Mann Antti war weiterhin als Forscher tätig; er hatte eine dreijährige Anstellung an der Akademie Finnlands bekommen. Sein aktuelles Projekt vertrat die weltverbessernde Richtung der Mathematik, mit der er sich schon beim Globalisierungsprojekt der Universität Vaasa befasst hatte. Die Akademie finanzierte ein multidisziplinäres Forschungsprojekt, bei dem es um die Frage ging, wie man den Schwerpunkt der Besteuerung von der Einkommens- auf die Umwelt- und Konsumsteuer verlagern konnte und welche Auswirkungen dies auf die finnische Volkswirtschaft hätte. Antti war von dem Projekt begeistert.

«Ich war immer schon der Meinung, dass Mathematik eine politische Wissenschaft ist. Zwei plus zwei ergibt immer vier, aber die Zahlen sind trotzdem nicht neutral. Man kann fragen, wem die zwei plus zwei gehören. Kommt die eine Zwei zum Beispiel von jemandem, der sechs hat, und die andere von einem, der nur drei besitzt?»

Wir fühlten uns also beide wohl bei unserer Arbeit, und unsere Kinder freuten sich, weil wir viel öfter zu Hause waren als früher. Antti war einige Jahre lang zwischen Vaasa und Espoo gependelt, und ich hatte versucht, die unregelmäßige Arbeitszeit bei der Polizei mit der Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. Ohne die Hilfe meiner Schwiegermutter wären wir nicht zurechtgekommen. Sie war in vielerlei Hinsicht unentbehrlich gewesen. Zudem hatte sie Antti und seine Schwester Maritta praktisch gezwungen, das Erbe ihres Vaters vernünftig zu nutzen. Folglich hatten wir ein Haus gekauft und zur Hälfte aus dem Erbe finanziert, den Rest durch Ersparnisse und einen Kredit. Ein ganz neues Gefühl. Als wir heirateten, konnten wir uns gar nicht vorstellen, je etwas zu besitzen, weshalb wir auch nicht auf die Idee gekommen waren, Gütertrennung zu vereinbaren.

In den letzten zwei Jahren hatte ich trotz der Albträume das Gefühl gehabt, die beste Zeit meines Lebens zu erleben. Ein Eigenheim in einem dichtbebauten Teil Espoos war vielleicht kein Paradies, aber die Schule lag in der Nähe, und die Busverbindung zum Arbeitsplatz war günstig. Als Taneli vor einigen Wochen eingeschult worden war, hatten Antti und ich abwechselnd verkürzt gearbeitet. Bei Iida, die in die fünfte Klasse ging, kündigte sich bereits die Pubertät an. Vielleicht lag der letzte harmonische Winter vor uns. Der September war warm, im Wald standen Unmengen von Pilzen, und in unserem Garten blühten die Stiefmütterchen. Und die Albträume waren nur Albträume, Erinnerungen an ein früheres Leben.

Ich merkte, dass ich restlos wach war. Das spürte auch Venjamin, unser Kater. Gleich würde er vom Bett springen, in die Küche laufen und nach Futter maunzen. Ich beschloss, aufzustehen und eine Runde zu joggen. Das Außenthermometer zeigte acht Grad. Der Ahorn in unserem Garten prunkte bereits mit einigen roten Blättern. Ich trank eine Tasse Milchkaffee, machte ein paar Dehnübungen und lief in ruhigem Tempo los.

Leena konnte die Beine immer noch nicht bewegen, hatte aber die Hoffnung nicht ganz aufgegeben. Beim Joggen dachte ich fast immer an sie. Meine Schritte waren auch nicht mehr so leicht wie mit zwanzig, aber die sechs Kilometer, die ich morgens lief, schaffte ich immer noch in gut einer halben Stunde. Ich versuchte gar nicht erst, bei dem Tempo der beiden Männer mitzuhalten, die vor mir joggten; sie waren zwanzig Jahre jünger und dreißig Zentimeter größer als ich. Als ich zurückkam, war Taneli schon aufgestanden. Er hatte zweimal wöchentlich vor Schulbeginn Eislauftraining und wachte auch an den anderen Tagen früh auf. Ich frühstückte mit den Kindern, dann verließen wir alle vier gemeinsam das Haus. Die Kinder gingen zu Fuß zur Schule, wobei Iida allerdings meckerte, weil sie ihren kleinen Bruder mitschleppen musste. Antti stieg in den Bus nach Otaniemi, ich fuhr mit einer anderen Linie ins Zentrum von Helsinki. Das Ministerium hatte Büroräume am Bahnhofsplatz gemietet; der Blick aus meinem Bürofenster war der reine Luxus für mich, denn an meinem vorigen Arbeitsplatz hatte ich direkt auf die Autobahn gesehen. Ich lief die Treppe in den dritten Stock hinauf. Drinnen roch es nach Kaffee: Meine Kollegen Outi und Jarkko waren schon da. Ich rief ihnen einen Gruß zu und ging in mein Büro. Auf meinem Schreibtisch stand ein lustiges Foto von Iida und Taneli. Es war im Astrid-Lindgren-Park in Vimmerby aufgenommen worden, und die Kinder posierten als Ida und Michel aus Lönneberga. Als die Aufnahme gemacht wurde, war Taneli noch flachsblond gewesen, doch nun färbten sich seine Haare allmählich dunkel.

Meine Haare wiederum waren so lang wie nie zuvor in meinem Erwachsenenleben, sie reichten weit über die Schultern. Ich band sie nur zusammen, wenn ich respektabel wirken wollte, was in meinem derzeitigen Job nicht jeden Tag nötig war. Als Akademikerin durfte ich bohemehaft aussehen, während ich als Kommissarin kühl und sachlich hatte wirken müssen. In der Vorwoche war ich beim Friseur gewesen; nun waren die grauen Strähnen, die in meinem roten Schopf aufgetaucht waren, wieder unter glänzender Farbe verborgen. Um meine Augen hatten sich Lachfältchen eingegraben, vom Sommer waren noch einige Sommersprossen im Gesicht zurückgeblieben, und meine Nase schien von Jahr zu Jahr stupsiger zu werden. Gut, dass wenigstens ein Körperteil der Schwerkraft trotzte.

Ich legte die Salmiakdrops, die ich am Busbahnhof gekauft hatte, weil sie meinen Arbeitseifer stimulierten, in die Schreibtischschublade und klickte die Mailbox an. Dort warteten wieder Nachrichten von zwei mittlerweile vertrauten, aber nach wie vor anonymen Untersuchungsteilnehmern, die sich Leonardo und Snorkmädchen nannten. Zu Beginn des Projekts hatten wir auf jede erdenkliche Weise nach Untersuchungsmaterial und Interviewpartnern gesucht. Zum Teil waren die Kontakte durch die Polizei und das Sozialamt vermittelt worden, zum Teil hatten sich die Betroffenen selbst mit uns in Verbindung gesetzt. Snorkmädchen kommunizierte per E-Mail mit mir. Da das Untersuchungsmaterial vertraulich war, versuchten wir gar nicht erst, die wahre Identität der Teilnehmer festzustellen. Mir war das anfangs schwergefallen, denn als Polizistin war ich an direktes Eingreifen gewöhnt, doch allmählich hatte ich gelernt, es zu genießen, dass ich für meine Gesprächspartner keine Verantwortung trug.

Snorkmädchen war meiner Einschätzung nach ein Mädchen im Teenageralter, das regelmäßig misshandelt wurde. Von unserem Projekt hatte sie durch ein Faltblatt erfahren, das an den Schulen verteilt worden war. Ich hatte vergeblich versucht, sie zu überreden, wenigstens mit der Schulpsychologin zu sprechen.

Outi, Jarkko und ich hatten lange darüber diskutiert, ob anonym eingesandtes Material vertrauenswürdig war, und schließlich beschlossen, es in einem separaten Teil der Untersuchung auszuwerten. Es interessierte uns, weshalb die Betroffenen anonym bleiben wollten. Zudem war es ja gerade die verborgene häusliche Gewalt, in die wir Einblick gewinnen wollten. Auch wenn die Welt nie perfekt sein würde, wie Jarkko zu sagen pflegte.

Wie fast immer begann die Mail des Snorkmädchens mit einem Bericht über ihre jüngste Lektüre. Sie liebte brutale Bücher, vor allem solche mit realem Hintergrund. Es handelte sich wohl um eine Art Therapie, denn den Menschen in diesen Büchern ging es noch schlechter als ihr selbst. Nach dieser Einleitung berichtete sie, was ein Familienmitglied namens Morra ihr diesmal angetan hatte. Im Haushalt lebte außerdem noch eine Person, die Hemul genannt wurde und häufig abwesend war. Bisweilen schien es offensichtlich, dass Morra Snorkmädchens Vater und Hemul ihre Stiefmutter war, doch manchmal beschlich mich der Verdacht, Morra könne die Mutter und Hemul ein erwachsener Bruder oder der Freund der Mutter sein. Ich konnte nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, ob sich hinter dem weiblichen Pseudonym wirklich ein Mädchen verbarg; Jugendliche verstanden sich aufs Bluffen.

«Morra und ich waren allein zu Hause. Ich hab versucht, mucksmäuschenstill in meinem Zimmer zu sitzen und meine Geschichtsarbeit zu schreiben. Hemul hat sich ein paar Tage nicht blicken lassen, ist wahrscheinlich wieder dienstlich im Ausland. Morra hat dann jedes Mal bessere Laune. Deshalb hat’s mich wieder mal kalt erwischt.

Ich hatte Wäsche gewaschen und war gerade dabei, die Kissenbezüge von Morra und Hemul zu bügeln, als Morra ins Bügelzimmer kam. Morra hasst zerknitterte Laken, und die Kissen müssen unbedingt gebügelt werden, weil sie beim Mangeln nicht glatt genug werden oder so. Irgendeinen Grund gibt es immer. Ich hab Angst vor der Mangel. Als ich klein war, hat Morra gesagt, wenn ich nicht aufpasste, würden meine Finger in die Mangel geraten. Ich hab mir ausgemalt, wie mein Finger platt gewalzt wird wie ein Eierkuchen. Im Schulbuch war ein Gemälde abgebildet, mit Uhren, die irgendwie aus der Form liefen, ich dachte, die wären in die Mangel geraten.

Morra schien schlechte Laune zu haben. Morra und ein heißes Bügeleisen im selben Raum, das ist eine üble Kombination. Eine ganz üble. Natürlich gab’s wieder einen Grund zum Meckern: Ich hatte das grüne Hemd mit der Kochwäsche gewaschen, zu heiß, und jetzt war es verfilzt. Hundert Euro hatte es gekostet. Ich hab keine Flusen an dem Hemd gesehen, das war bloß ein beschissener Vorwand. Mir war klar, dass ich schleunigst den Stecker vom Bügeleisen rausziehen musste, aber ich war nicht schnell genug. Morra hat mich am Arm gepackt und meine Hand mit dem heißen Eisen immer näher an mein Gesicht gedrückt. Es war schon so nah, dass ich die Hitze auf der Haut spürte. Da hab ich das Bügeleisen losgelassen und Morra weggeschubst. Ich hab es tatsächlich geschafft, wegzurennen und mich in Hemuls Arbeitszimmer einzuschließen. Das Schloss traut Morra sich nicht aufzubrechen. Morra sagt, Hemul würde mir nicht glauben, wenn ich erzählen würde, was passiert ist, und außerdem ginge das Hemul auch gar nichts an.»

Ich hatte bislang an die zwanzig Mails von Snorkmädchen bekommen, eine grausiger als die andere. Von Zeit zu Zeit dachte ich, dass ich trotz allem versuchen müsste, sie aufzuspüren. Es war unverantwortlich, sie mit Morra allein zu lassen, denn die Situation schien lebensgefährlich zu sein. Die erste Mail war im Vorjahr kurz nach Weihnachten eingetroffen. Offenbar hatte Snorkmädchen lange nach einer Möglichkeit suchen müssen, mir zu mailen, denn damals hatten wir längst aufgehört, für unser Projekt zu werben, weil wir schon genug Teilnehmer beisammenhatten.

In einigen ihrer Mitteilungen hatte sie erzählt, dass Morra und manchmal auch Hemul ihr androhten, sie wegzuschicken, weil sie verrückt sei. Da ich keine Psychiaterin war, konnte ich keine Diagnose stellen, aber ich hatte den Eindruck, dass Snorkmädchens Neurosen zumindest teilweise eine Folge ihrer Lebensumstände waren. Sie berichtete von ihrem inneren Zwang, immer mit dem Rücken zur Wand zu sitzen, und von ihrem Ekel vor allem Löchrigen. Sie konnte beispielsweise keinen Käse mit Löchern essen und den Anblick von blubberndem Brei nicht ertragen. Snorkmädchens Server hotmail.com gab keine Auskunft über den Absender. In meiner Antwort bat ich sie erneut, mir unter ihrem richtigen Namen zu schreiben, damit ich ihr helfen konnte. Bisher hatte sie auf diesen Vorschlag kein einziges Mal reagiert. Aber meine Aufgabe bei diesem Projekt bestand nicht darin, Polizeiarbeit zu leisten, rief ich mich zur Ordnung.

Die Nachricht von Leonardo war nicht tröstlicher. Auch in diesem Fall war ich mir nicht sicher, ob sich hinter dem Pseudonym eine weibliche oder männliche Person verbarg und wie alt sie war; um einen relativ jungen Menschen handelte es sich auf jeden Fall. Leonardo wurde von seinem neuen Stiefvater – es war wohl der dritte – sexuell missbraucht. Er schrieb, er habe versucht, es seiner Mutter zu erzählen, doch sie habe ihn als Lügner beschimpft. Gestern, so schrieb Leonardo, war der Mann wieder in sein Zimmer gekommen und hatte ihn zum Oralverkehr gezwungen. Mir wurde übel, als ich davon las. Auch Leonardo benutzte einen Server, über den sich der Absender nicht ermitteln ließ. Ich überlegte kurz, ob es völlig unprofessionell war, zu antworten, dass ich aus eigener Erfahrung wusste, wie elend man sich nach einer Vergewaltigung fühlte, und kam zu dem Ergebnis, dass es in der Tat falsch wäre. Ich versuchte, meine Antwort so zu formulieren, dass Leonardo sich daraufhin endlich mit mir oder direkt mit der Polizei in Verbindung setzen würde.

«Niemand hat das Recht, dich so zu behandeln oder als Lügner zu beschimpfen. Ich kenne viele Polizisten. Wenn du mir schreibst, wo du wohnst, kann ich in der Nähe die richtige Person finden, an die du dich wenden kannst. Mich erreichst du zwischen neun und fünf Uhr sowohl unter dieser Adresse als auch unter der Telefonnummer in der Adresszeile. Dir kann geholfen werden, Leonardo, und dein Stiefvater bekommt seine verdiente Strafe.»

Über den letzten Satz dachte ich lange nach, denn selbst nach meinem liberalen Rechtsverständnis kamen Sexualverbrecher oft mit empörend milden Strafen davon. Ich wusste zudem, wie belastend es für das Opfer war, bei Vernehmungen und vor Gericht über seine schlimmen Erlebnisse zu sprechen; es war, als erlebte man das Furchtbare immer wieder von neuem. Ein stechender, salziger Geschmack stieg mir auf die Zunge, mein Geschmacks und Geruchsgedächtnis war manchmal allzu gut. Ich stopfte mir ein Salmiakbonbon in den Mund und versuchte, an etwas anderes zu denken. Zwei weitere E-Mails waren gekommen; ich las sie und rief den einen Absender an, der seine Telefonnummer angegeben hatte. Darüber verging der Vormittag.

Zum Mittagessen war ich mit Leena verabredet. In den ersten zwei Jahren nach dem Unfall hatte sie ihre Wohnung nur verlassen, wenn sie ins Reha-Zentrum musste. Ich hatte sie besucht, sooft ich konnte. Im Lauf des letzten Jahres hatte sie sich allmählich wieder in die Stadt gewagt, obwohl das im Rollstuhl gelinde gesagt eine Herausforderung war. In das Museumsrestaurant im Athenäum kam man zum Glück mit dem Aufzug, und der Rollstuhl passte an den Tisch, wenn man ein wenig rückte. Ich wusste, was Leena gern aß, und stellte ihr am Büfett eine Salatschüssel zusammen. Leena war so gut gelaunt wie seit langem nicht mehr, und als wir beim Essen saßen, erfuhr ich auch, warum.

«Ich habe mir eine Stelle gesucht», erklärte sie. «Auf der faulen Haut habe ich lange genug gelegen.»

«Toll! Wo denn?»

«Beim SKSB. Dem Sportverband der körperlich und sensorisch Behinderten», grinste Leena. «Ich arbeite halbtags als Verbandsjuristin. In der Praxis kann ich einen Großteil der Arbeit von zu Hause aus erledigen. Jutta hat mir den Tipp gegeben. Habe ich dir schon von ihr erzählt? Wir haben uns bei der Reha kennengelernt.»

Ich wusste auf Anhieb, wen sie meinte. Jutta Särkikoski war eine freiberufliche Sportreporterin, die ein Jahr zuvor bei einem Verkehrsunfall eine Behinderung davongetragen hatte. Sie hatte behauptet, der Unfall sei absichtlich herbeigeführt worden, weil irgendjemand sie einschüchtern oder gar endgültig zum Schweigen bringen wollte. Bei dem Unfall war auch der Achthundertmeterläufer Toni Väärä verletzt worden, einer der Hoffnungsträger für die Olympiade in Peking. Dem Vernehmen nach hatte er keinerlei Erinnerung an das Unglück oder die vorhergehende Autofahrt. Böse Zungen behaupteten, Jutta Särkikoski habe sich Vääräs Gedächtnisverlust zunutze gemacht, um zu erklären, sie sei von der Straße abgedrängt worden, während sie in Wahrheit auf dem regennassen Asphalt die Kontrolle über ihren Wagen verloren habe. Diese Gerüchte wurden auch dadurch gespeist, dass der zweite Unfallwagen nie aufgetaucht war. Allerdings hatte man an Juttas Auto Aufprallspuren und Splitter von dunkelgrauem Lack entdeckt. Zudem hatte ein Jogger, der auf der Straße zwischen Inkoo und Salo gelaufen war, ausgesagt, er habe sich über einen dunklen Kleintransporter gewundert, der in Richtung Inkoo raste und ihn beinahe überfahren hätte.

Jutta Särkikoski war mehrmals an beiden Beinen operiert worden. Bei Toni Väärä war die Lendenwirbelsäule besonders schwer verletzt, und anfangs war fraglich gewesen, ob er je wieder würde laufen können. Vor einigen Wochen hatte ich in den Sportnachrichten gelesen, dass er das Training wieder aufgenommen hatte und sich auf die Weltmeisterschaft 2009 vorbereitete. Über das Befinden der Journalistin stand in dem Artikel nichts. Ich hatte den Eindruck gewonnen, dass sie nicht bei allen ihren Kollegen beliebt war.

«Wann geht’s los?», fragte ich Leena und schaufelte mir Krabbensalat in den Mund.

«In zwei Wochen. Wer weiß, vielleicht fange ich selbst noch mit Rollstuhlbowling oder Sitztanz an», feixte sie. Für Leistungssport hatte sie nur Verachtung übrig, aber sie war immer sehr bewegungsfreudig gewesen, und die erzwungene Untätigkeit hatte sie bedrückt. Ich selbst wäre mit einer bleibenden Behinderung seelisch sicher nicht so gut fertig geworden wie sie. Man brauchte Zähigkeit, um die Leistungen einzufordern, die Behinderten zustanden, und Leenas juristische Kompetenz war auch Schicksalsgenossen zugutegekommen, die nicht gewitzt genug gewesen waren, von der Stadt Espoo den gesetzlich vorgeschriebenen Servicevertrag oder die ihnen zustehenden achtzehn Freifahrten pro Monat zu verlangen. Unter dem Druck der Verhältnisse hatte sich meine Freundin zur Behindertenaktivistin entwickelt. Auch wenn aus unserer gemeinsamen Anwaltskanzlei nichts geworden war, versuchten wir dennoch beide, durch unsere Arbeit die Welt ein kleines Stück besser zu machen, so wie wir es uns in der Studienzeit vorgenommen hatten.

Am Nachmittag hatte ich eine Besprechung mit einem Sozialarbeiter aus Joensuu. Er war ein erfahrener Experte für familiäre Gewalt und hätte ein ganzes Buch über das Thema schreiben können, zog es jedoch vor, an der Basis zu arbeiten. Im Sozialbereich war jeder männliche Mitarbeiter Gold wert, denn es wurde immer wieder behauptet, Frauen würden in Konfliktsituationen grundsätzlich Front gegen die Männer machen. Als ich anschließend zum Busbahnhof ging, sah ich vor mir eine Frau mit blondem Pferdeschwanz. Sie schritt fast so schnell aus wie ich – eine sportliche Leistung, denn sie ging an einer Krücke. Als sie den Kopf zur Seite wandte, stellte ich wieder einmal fest, wie klein der sogenannte Großraum Helsinki doch war: Es war Jutta Särkikoski. Ich holte sie ein, und sie sah fast erschrocken zu mir hinüber, beruhigte sich aber, als sie merkte, dass ich eine unbekannte und offenbar harmlose Passantin war.

Ich wollte sie schon ansprechen, aber was hätte ich ihr sagen sollen? So ging ich weiter, stieg in den Bus, beantwortete während der Fahrt eine SMS meiner Mutter und las einen Roman über einen Kommissar in Tampere, einen sympathischen Kerl, den ich zu meiner Zeit gern als Kollegen gehabt hätte. Zu Hause erwartete mich die übliche Hektik. Ich kochte für die Familie, bevor ich zur Probe unserer Band «Die Bullen» aufbrach. Obwohl ich nicht mehr Polizistin war, hatte ich in der Band bleiben dürfen. Im Lauf der Jahre hatten wir einigermaßen gelernt, zusammenzuspielen. Große musikalische Ziele verfolgten wir nicht. Als ich nach zwei Stunden intensiven Probens unseren Drummer nach Hause fuhr, hatte ich das Gefühl, dass es an meinem Leben eigentlich nichts auszusetzen gab. Es bestand hauptsächlich aus alltäglicher Routine, und das war mir ausgesprochen recht.

Zwei

Ein paar Tage später rief Leena an. An ihrem Tonfall erkannte ich gleich, dass sie mich um einen Gefallen bitten wollte; vielleicht sollte ich sie ins Kino oder zum Konzert fahren und ihr Gesellschaft leisten. Sie konnte in einem normalen Auto fahren, sofern man ihr beim Einsteigen half und der klappbare Rollstuhl in den Kofferraum passte. Auf fremde Hilfe und Behindertentaxis angewiesen zu sein fiel ihr immer noch schwer. Anfangs hatte ich mir die Kinokarte von ihr bezahlen lassen, dann aber eingesehen, wie unfair das war, denn ich genoss unsere gemeinsamen Filmabende genauso wie sie.

Diesmal ging es jedoch nicht um Kulturgenuss. Leena wollte mich mit ihrer Freundin Jutta bekannt machen. Sie fragte, ob es zum Beispiel am Freitagabend nach Iidas Synchroneiskunstlauftraining ginge. Nach einer kurzen Beratung mit Antti sagte ich zu. Da keine dringenden Arbeiten anlagen, googelte ich zum Spaß nach Jutta Särkikoski und den Einzelheiten des Dopingskandals. Als ich dabei in diversen Diskussionsforen landete, wurde mir beinahe übel: Viele, die sich dort äußerten, betrachteten Jutta rundweg als Vaterlandsverräterin, dabei hatte sie lediglich nach allen Regeln der journalistischen Kunst ihre Arbeit getan. In vielen Beiträgen wurde ihre berufliche Kompetenz angezweifelt und erklärt, ein «Mädchen» könne die Regeln des Sportbetriebs nun mal nicht verstehen. Dass das «Mädchen» eine ausgebildete Journalistin war und zudem an der Universität Jyväskylä Sportwissenschaft studiert hatte, fiel unter den Tisch.

Den Artikel, der so viel Aufsehen erregt hatte, fand ich nach kurzer Suche im Archiv der Zeitung, in der er ursprünglich erschienen war. Der Titel ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:

DISKUSWERFER SALO UND TERÄVÄ

UNTER DOPINGVERDACHT

Jutta Särkikoski, Vantaa/​Nokia

Die Diskuswerfer Eero Salo, 21, und Sami Terävä, 23, Hoffnungsträger der finnischen Leichtathletik, stehen im Verdacht, verbotene Dopingmittel, nämlich Anabolika, genommen zu haben. Nach den Informationen, die der Redaktion vorliegen, reisten die beiden Nachwuchssportler Ende Juli mit dem Linienhubschrauber nach Estland und brachten von dort Hunderte von Tabletten mit. Es handelt sich um anabole Steroide, die sie unter anderem in Fitnessclubs in ihren Heimatstädten Vantaa und Nokia zum Verkauf anboten. Unsere Reporterin hat mit zahlreichen Personen gesprochen, die Dopingmittel von Salo oder Terävä gekauft haben und von ihnen zugleich auch über den richtigen Einsatz dieser Mittel aufgeklärt wurden. Unter den Abnehmern sind sowohl Leistungs- als auch Konditionssportler. Strafanzeige wurde bisher nicht erstattet.

Salo und Terävä gehören zum B-Kader des Finnischen Leichtathletikverbandes FLV; Sami Terävä hat für die laufende Saison 3000Euro Trainingsbeihilfe vom Olympischen Komitee erhalten. Zuletzt wurden beide im Frühjahr vor Beginn der Wettkampfsaison getestet und lieferten saubere Proben ab. Nach den uns vorliegenden Informationen ist Eero Salo zu einem späteren, bereits vereinbarten Dopingtest nicht erschienen.

Jutta musste absolut sichere und verifizierbare Informationen gehabt haben, andernfalls hätte sie Verleumdungsklagen und saftige Schadensersatzforderungen riskiert. Nachdem der Artikel erschienen war, hatten sich Salo und Terävä nicht mehr lange vor Dopingtests drücken können, und bei beiden hatte sich sowohl die A- als auch die B-Probe als positiv erwiesen. Zudem hatte offenbar einer ihrer Abnehmer nachträglich Gewissensbisse bekommen und die beiden Sportler wegen Besitzes illegaler Dopingmittel angezeigt. Salo und Terävä waren zu dumm oder zu geldgierig gewesen, den Stoff beiseitezuschaffen. Eigentlich war die Geschichte eine Farce, aber bei einigen Sportfans weckte sie immer noch heftige Emotionen. Man war der Ansicht, Jutta habe die Diskuswerfer nur benutzt, um ihre eigene Karriere voranzutreiben. Verschiedenen Quellen entnahm ich, dass sie nach der Veröffentlichung ihres Artikels sogar Morddrohungen erhalten hatte.

Am Freitag bekam ich Antwort von Leonardo. «Hallo. Ich wohne in Helsinki. Unser Polizeibezirk ist Itäkeskus, nehm ich an. Aber die Bullen glauben mir ja doch nicht. Ich bin fett und hässlich, mich würde keiner mit der Zange anfassen. Das hat Mutti gesagt, als ich ihr erzählt hab, was der Scheißkerl getan hat.»

Wäre ich im Polizeibezirk Itäkeskus tätig gewesen, hätte ich das Melderegister nach mehrfach verheirateten Frauen mit halbwüchsigen Kindern durchsucht. Aber wahrscheinlich hätte ich Leonardo trotzdem nicht gefunden, ich wusste ja nicht einmal, ob die Mutter wirklich verheiratet war oder in wilder Ehe lebte. Ich schickte Leonardo die Kontaktdaten eines Kollegen im Polizeibezirk Itäkeskus, der Erfahrung mit Opfern von Sexualdelikten hatte und den ich als warmherzigen und vernünftigen Menschen kannte. Das schaffte ich gerade noch, bevor Hillevi zu unserem letzten Treffen kam. Sie war von Pekka Koivu, meinem früheren Kollegen bei der Espooer Polizei, auf das Projekt hingewiesen worden. Hillevi war ein typisches Beispiel für Frauen, in deren Leben sich die familiäre Gewalt nach und nach einschlich. Zunächst hatte ihr Freund sie gelegentlich angebrüllt und ihr kleine Klapse versetzt, nach der Hochzeit war er allmählich dazu übergegangen, sie an den Haaren zu reißen und mit Fausthieben zu traktieren. Hillevi hatte niemandem davon erzählt. Als ihr Mann Jouni, von dem sie mittlerweile geschieden war, schließlich mit einem Messer zugestochen hatte, waren Freunde und Verwandte fassungslos gewesen. Das Paar hatte doch so glücklich gewirkt, das Einzige, was an der Idylle zu fehlen schien, war ein Kind.

«Es hätte mir ja doch keiner geglaubt», hatte Hillevi gesagt, als ich sie beim ersten Treffen fragte, warum sie so lange geschwiegen hatte. «Jouni hat sowieso behauptet, ich würde übertreiben. Jeder gibt doch seiner Frau mal einen Klaps, wenn sie nicht spurt.»

Koivu, der nach der Messerstecherei den größten Teil der Vernehmungen geführt hatte, beschrieb Jouni Litmanen als selbstsicheren, auf seine Art sogar charmanten Mann, der seine Tat als bedauerliches Missgeschick abtat – das Messer sei ihm zufällig ausgerutscht – und darauf beharrte, Hillevis Aussage, er habe sie mehrfach misshandelt, sei nichts als leeres Gewäsch. Bei der ärztlichen Untersuchung wurden jedoch Spuren früherer Gewalttaten festgestellt, unter anderem zwei schlecht verheilte Rippenbrüche und Brandnarben. Koivu hatte sorgfältige Arbeit geleistet und schließlich zwei Nachbarn dazu gebracht, zuzugeben, dass sie im Haus der Litmanens Streit und Gepolter gehört hatten. Auch Hillevis Chef, der unmittelbar vor der Pensionierung stand, hatte ausgesagt, sie sei manchmal mit Platzwunden zur Arbeit gekommen.

Man mischte sich nicht ungebeten in fremde Angelegenheiten ein. So kam man leichter davon. Bisweilen waren mir auch Menschen begegnet, die sich nicht einmischen wollten, weil sie sich für etwas Besseres hielten. Familiäre Gewalt war ein Problem von Losern, und zu denen zählten sie sich nicht. Zwar lebten wir in einer säkularisierten Epoche, und nur wenige Finnen fürchteten sich vor Gottes Verdammnis und vor der Hölle, aber es schien mir, als wolle man sich seinen Platz im Himmel schon auf Erden sichern, indem man besser war als andere. Darauf beruhten wohl auch die demütigenden Castingprogramme im Fernsehen. Jeder Hinz und Kunz hatte Gelegenheit, den Kandidaten den Zugang zum Paradies – den Sieg im Idol-Wettbewerb oder die Suche nach einem Lebenspartner – zu verbauen. Gleichzeitig konnte man sich in dem Gefühl sonnen, dass man selbst nicht so blöd war oder nicht so miserabel tanzte wie die Kandidaten. Anscheinend war das Selbstbewusstsein der Menschen so seltsam konstruiert, dass man sich immer durch den Vergleich mit anderen aufwerten musste. Man war dem irdischen Eldorado näher, weil man schlanker war oder jünger aussah als die Nachbarin, weniger öffentliche Dienstleistungen in Anspruch nahm als der Vetter und schon gar kein widerlicher, in die Hosen pinkelnder Säufer war wie der Mann da vorn in der Straßenbahn. Immer noch meinten viele, die Opfer häuslicher Gewalt trügen selbst die Schuld an ihrem Los, und bei einer Sozialpornosendung im Fernsehen, wo derjenige prämiert wurde, der das schrecklichste Schicksal gemeistert hatte, hätte Hillevi massenweise Gegenstimmen bekommen.

Hillevi war vierunddreißig, wirkte aber älter. Es fiel ihr schwer, die Dreiviertelstunde, die unsere Sitzung jeweils dauerte, ohne Zigarette durchzustehen. Sie trug die dunklen Haare kurz, als wolle sie sicherstellen, dass niemand sie daran reißen konnte. Den kleinen, schmalen Mund machte sie nur selten auf, ich musste ihr jedes Wort aus der Nase ziehen. Ursprünglich hatte ich klären wollen, welche Aspekte der Polizeiarbeit sie davon abgehalten hatten, Anzeige zu erstatten. Doch die Ausgangshypothese hatte sich schon beim ersten Gespräch als fehlerhaft erwiesen: Hillevi hatte sich nicht vor der Polizei gefürchtet, sondern vor Jouni. Ihr zartgliedriger Körper bewegte sich immer noch fahrig, als könne Jouni jeden Moment in meinem Dienstzimmer auftauchen und erneut zustechen. Der hastige Blick über die Schulter erinnerte mich an Jutta Särkikoski. Auch ich sah mich beim Joggen mitunter ängstlich um, vor allem, wenn ich allein lief. Ich wusste zwar, dass der Mann, der mich einmal angegriffen hatte, eine zehnjährige Haftstrafe absaß, aber der Verstand reagierte selten schneller als das Gefühl.

Hillevis Lage war weitaus schlimmer als meine: Jouni war zu lediglich zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden, wovon er als Ersttäter nur ein Jahr abzusitzen brauchte. Sieben Monate waren bereits verstrichen. Hillevi hatte gerade wieder angefangen zu arbeiten, als Vereinssekretärin. Berufliche Fragen kamen im Rahmen unseres Projekts nicht zur Sprache, sofern sie nicht direkt mit dem jeweiligen Fall zu tun hatten. Wir untersuchten zwar auch einige Übergriffe am Arbeitsplatz, doch sie hatten sich ausnahmslos in Familienbetrieben zugetragen, hauptsächlich in ethnischen Restaurants, in denen die ganze Familie mitarbeitete. Wenn man das Delikt nicht als häusliche Gewalt, sondern als Misshandlung am Arbeitsplatz registrierte, wurde es gewichtiger, sowohl in unserer eigenen als auch in vielen fremden Kulturen. Der Arbeitsplatz war ein öffentlicher Raum, keine unantastbare Privatsphäre wie die eigenen vier Wände.

Diejenigen, die an dem Projekt teilnahmen, hatten ihre Einwilligung dazu gegeben, dass die Behörden relevante Informationen über sie austauschen durften. Das hatte allerdings einen beträchtlichen bürokratischen Wirrwarr verursacht. Da ein Großteil der Befragten Opfer waren, konnten wir Angaben über die Täter meist nur aus den Gerichtsakten beziehen. Unter den Tätern waren die trockenen Alkoholiker am kooperativsten, andererseits gab es viele, die ihre Tat rundweg bestritten, wie Jouni Litmanen. Ich vermutete, dass auch Morra aus den Berichten des Snorkmädchens zu dieser Kategorie gehörte.

«Sieh zu, dass das Näherungsverbot in Kraft tritt, sobald Jouni entlassen wird», riet ich Hillevi zum Schluss und seufzte leise. Gerade um solche Dinge hatten Leena und ich uns in unserer geplanten Anwaltskanzlei kümmern wollen. Für entlassene Häftlinge gab es Beratung, wogegen an sich ja nichts einzuwenden war, aber Verbrechensopfer, die sich über ihre Rechte nicht immer im Klaren waren, wurden alleingelassen.

«Wo beantragt man das? Ich weiß gar nicht, wie das geht», antwortete Hillevi und hob nervös die dünnen Schultern. «Sie hat sich immer so hilflos angestellt, das ging mir auf die Nerven», hatte Jouni Litmanen bei der Vernehmung zu Koivu gesagt. Hillevi erinnerte mich an Anne, ein Mädchen aus der Parallelklasse in der Grundschule. Anne war vor Schreck erstarrt und hatte in die Hose gemacht, wenn die größeren Jungen sie mit Schneebällen bewarfen. Ich hatte mich einmal vor sie geschoben und einfach laut gebrüllt. Da ich als Kratzbürste verschrien war, hatten sich die Jungen getrollt, aber wie es Anne auf dem Heimweg ergangen war, wusste ich natürlich nicht.

Wie üblich gab ich Hillevi zum Schluss meine Visitenkarte und bat sie, sich zu melden, wenn ihr noch etwas einfiel. Auf der Karte stand nur die Nummer meines Diensthandys. Das Projekt lief nicht rund um die Uhr; wir hielten uns an die normale Dienstzeit. Ein berauschendes Freiheitsgefühl erfasste mich, als ich die Bürotür abschloss und ins Wochenende aufbrach. Da meine Klienten aus allen Teilen Finnlands kamen, liefen sie mir in der Freizeit kaum über den Weg. Dafür saßen heute Jani Väinölä und Mape Hintikka, zwei Gauner aus meiner Espooer Zeit, Bier trinkend am Aleksis-Kivi-Denkmal. Offenbar hatten sie Hafturlaub, sonst hätten sie sich wohl nicht in aller Öffentlichkeit blicken lassen. Ich grüßte die beiden, ließ mich aber nicht auf ein Gespräch ein, denn sie waren schon ganz gut in Fahrt. Hintikka hatte ich bei einer Messerstecherei erwischt. Mit Väinölä dagegen hatte ich so viel Ärger gehabt, dass ich ihm höchstens unter die Augen kommen wollte, wenn er nüchtern war. Ich hatte den Verdacht, dass die Burschen außer dem schon fast geleerten Sixpack noch ein paar andere Sachen konsumiert hatten.

Iida ging nach dem Training über Nacht zu ihrer Freundin Nea, sodass ich früher als geplant zu Leena fahren konnte. Unterwegs besorgte ich eine Flasche Wein. Leena durfte ab und zu ein Glas trinken, obwohl sie noch Medikamente nehmen musste. Ihr Haus in Saunalahti hatte umgebaut werden müssen, denn bei der Planung hatte weder ihre Familie noch der Architekt darauf geachtet, es rollstuhlgerecht zu gestalten. Wer dachte schon an so etwas? Unfälle passierten immer nur den anderen.

Ich bot mich an, im Haus zu helfen, und faltete mit Leenas ältester, schon erwachsener Tochter die Bettlaken. Dann fragte ich Leena neugierig, worüber ihre Freundin Jutta mit mir sprechen wollte, aber sie sagte nur, das würde Jutta mir selbst erzählen. Auf ihrem Schreibtisch lagen Sportbücher sowie einige englischsprachige Werke über Behindertensportler und über die Klassifizierung ihrer Behinderung. Meine Freundin arbeitete sich ganz offensichtlich in den Themenkreis ein, mit dem sie es in ihrem neuen Job zu tun hatte.

Jutta Särkikoski kam im eigenen Wagen; dank der Automatik konnte sie trotz ihrer Behinderung wieder selbst fahren. Wir begrüßten uns neugierig wie zwei Hunde, die sich vorsichtig beschnüffeln, weil sie nicht wissen, wer der Anführer ist. Jutta war noch jung, höchstens dreißig, schlank und etwa zehn Zentimeter größer als ich. Sie wirkte ungeduldig, als fiele es ihr schwer, sich an ihre eigene Langsamkeit zu gewöhnen. Die glatten blonden Haare hatte sie zum Pferdeschwanz gebunden, ihre Kleidung war leger und weit geschnitten, betont geschlechtsneutral. Ihr dezent geschminktes Gesicht war angespannt wie bei jemandem, der schwere Qualen ausgestanden hat.

Leena scheuchte die anderen Familienmitglieder aus dem Wohnzimmer, denn das Gespräch sollte unter uns bleiben. Ich hatte diesen Vorgang im Lauf der Jahre häufig beobachtet und wusste, dass Leenas Familie anstandslos gehorchte. Ihr Mann war Wettbewerbsjurist, und die drei Kinder der Familie hatten den Respekt vor der Schweigepflicht offenbar bereits mit der Muttermilch aufgesogen. Leena entkorkte die Weinflasche, doch Jutta wollte lieber Tee. Als Leena ihren Rollstuhl in die Küche lenkte, um sich darum zu kümmern, begann Jutta:

«Ich weiß, dass du nicht mehr bei der Polizei bist, aber eigentlich ist das sogar besser. Zur Polizei habe ich nämlich kein Vertrauen mehr. Sie hat schlimme Fehler gemacht, sowohl bei der Dopinggeschichte als auch bei unserem Verkehrsunfall, als würde sie mir nicht glauben oder bekäme Anweisungen von oben. Ich möchte mit dir reden, weil es mit den Morddrohungen wieder angefangen hat.»

Dass die Polizei Morddrohungen nicht ernst nahm, konnte ich mir nicht vorstellen. Ich fragte Jutta, was sie mit Fehlern meinte.

«Anfangs haben sie nicht mal versucht, herauszufinden, woher Salo und Terävä die Dopingmittel hatten, obwohl es verbotene Substanzen waren. Ich habe meine Quelle natürlich nicht preisgegeben.»

«Du wusstest aber, woher die Mittelchen stammten?»

«Ja. Das herauszufinden war nicht schwer, nachdem ich den Hinweis von meinem Informanten bekommen hatte. Aber die Polizei soll ihre Arbeit gefälligst selbst erledigen, ich bin keine Polizistin.»

«Ich auch nicht – nicht mehr. Was kam denn bei der Untersuchung des Autounfalls heraus?»

«Davon habe ich seit einem halben Jahr nichts mehr gehört! Als das mit den Morddrohungen wieder losging, habe ich den Ermittlungsleiter angerufen, aber er sagte, dafür sei die Espooer Polizei zuständig, weil ich in Espoo wohne. Leena hat mir erzählt, dass du früher dort gearbeitet hast. Wem kann man da trauen?»

Natürlich dachte ich sofort an Pekka Koivu. Doch bevor ich seinen Namen nannte, fragte ich Jutta weiter aus. Die Drohungen hatten eingesetzt, als sie nach langer Krankschreibung wieder in den Beruf zurückgekehrt war. Sie war gerade im Auftrag des Finnischen Nachrichtenbüros beim Weltcup der Behindertensportler gewesen und plante nun eine mehrteilige Reportage über die Rehabilitationstherapie bei Sportlern, die wegen einer Verletzung operiert worden waren.

«Diese Themen können doch für niemanden bedrohlich sein. Ich habe allerdings daran gedacht, auch Toni Väärä zu interviewen, weiß aber nicht, ob das ethisch vertretbar ist, weil er ja bei meinem Unfall verletzt wurde. Darüber muss ich mit dem Chefredakteur reden, der die Reportage in Auftrag gegeben hat.»

Leena rollte mit Teekanne und Tasse herein. Zu ihrem Rollstuhl gehörte ein Tablett, das sich an den Armlehnen befestigen ließ und es ihr ermöglichte, kleinere Gegenstände zu transportieren. Jutta goss sich Tee ein, bevor sie weitersprach:

«Jetzt beginnt der ganze Albtraum wieder von vorn. Nachdem ich damals Salo und Terävä entlarvt hatte, habe ich mehrmals die Telefonnummer gewechselt, aber die Drohanrufe hörten nicht auf. Deshalb hatte ich den Verdacht, dass irgendwer, mit dem ich beruflich zu tun hatte, die neue Nummer immer gleich weitergab. Nach dem Unfall war immerhin einige Monate lang Ruhe. Vielleicht glaubte derjenige, der mich von der Straße abgedrängt hat, er hätte mich gründlich genug eingeschüchtert. In den Drohungen, die ich vor dem Unfall bekommen habe, hieß es ja immer wieder, wenn mir mein Leben lieb wäre, sollte ich aufhören, als Sportreporterin zu arbeiten.» Jutta trank von ihrem Tee und sah mir dann direkt in die Augen. «Ich weiß, dass man auch dir Gewalt angetan hat, obwohl du nur deine Arbeit gemacht hast. Deshalb kannst du mich sicher verstehen.»

Ich verschluckte mich am Wein, als die Erinnerung hochkam. Auch diese Frau wusste, was mir passiert war. Der Täter hatte sein Ziel erreicht, alle Welt wissen zu lassen, wie er mich gedemütigt hatte. Jutta schien meine Reaktion nicht zu verstehen. Sie nahm eine Pilzpastete vom Tablett und fragte, ob sie auch bestimmt glutenfrei sei. Ich tupfte die Weinspritzer mit der Serviette vom Tisch.

«Welcher Art sind die Morddrohungen?», brachte ich schließlich heraus.

«Ein paar Anrufe, ein paar Briefe. Ähnlich wie damals, allerdings sind es diesmal viel weniger. Damals hat die Polizei immerhin ein paar von den Spinnern erwischt. Manche waren dumm genug, von ihrem eigenen Anschluss aus anzurufen. Hier sind die Briefe, die Anrufe habe ich auf dem Handy gespeichert.» Jutta hielt mir zwei Briefumschläge hin, doch ich fasste sie nicht an.

«Wie viele haben die schon berührt?»

«Nur ich – soweit ich weiß.»

Es war noch so warm, dass ich keine Handschuhe bei mir hatte. Ich holte Leenas Gummihandschuhe aus der Küche und streifte sie über, bevor ich die Briefe in die Hand nahm. So ersparte ich wenigstens den Kriminaltechnikern ein wenig Mühe, falls die Briefe irgendwann einmal im Labor untersucht wurden. Beide waren im Helsinkier Postbezirk zehn, im Zentrum, eingeworfen worden, auch die Umschläge waren gleich: normale braune Kuverts im Format A 5.Die Briefmarken zeigten eine stilisierte finnische Flagge, es waren Sondermarken zum hundertjährigen Jubiläum des Olympischen Komitees. Das Briefpapier wirkte auf den ersten Blick wie normales Druckerpapier. Die Schrifttype war Times New Roman, die Schriftgröße vermutlich 14.

In meiner Laufbahn bei der Polizei hatte ich viele Drohbriefe zu Gesicht bekommen. Zum Teil waren sie wirklich erschreckend gewesen, zum Teil miefig, wieder andere einfach nur lächerlich. Der erste Brief, den Jutta erhalten hatte, war am ehesten als bizarr zu bezeichnen:

«Du verlogene Hure lass die Finnischen Sporrtler in Ruhe. Du hast schon genug angerichtet. Jetzt halt den Mund oder du kommst nicht so leicht davon wie beim letzten Mal sondern liegst bald unter der Erde.»

Die Unterschrift fehlte natürlich. Der zweite Brief war noch unverblümter:

«Hast du meinen ersten Brief nicht ernst genommen? Lass die Finnischen Sporrtler in Ruhe, sonst kriegst du ein Messer zwischen die Rippen oder dein Auto fliegt mit dir in die Luft. Wir wissen was man mit solchen wie dir tun muss die bloß das eigene Nest beschmutzen. Wenn du Toni Väärä zu nahe kommst, ergeht es dir schlecht. Wegen dir kann er nicht zur Olümpiade. Vergiss das nicht, du Flittchen.»

«Der Typ hat anscheinend keine Ahnung, wie man das Korrekturprogramm benutzt. Lernt man das nicht schon im Anfängerkurs?», überlegte ich halblaut. In den Diskussionsforen im Internet fand man ähnliche, offenbar absichtlich fehlerhaft geschriebene Meinungsäußerungen. Ich zog die Handschuhe aus, das dünne Gummi fühlte sich unangenehm an. «Bewegen sich die telefonischen Nachrichten auf demselben Niveau?»

«Hör sie dir selbst an.» Jutta drückte ein paar Tasten auf ihrem Communicator. «Ich habe sie in einem separaten Ordner gespeichert. Hoffentlich ist es trotzdem noch möglich, sie zurückzuverfolgen. Aber wahrscheinlich sind sie sowieso von einem Prepaid-Anschluss gekommen.»

«Hast du die Anrufe beantwortet?»

«Nein. Bei unbekannten Anrufern melde ich mich nie. Wer wirklich etwas von mir will, kann auf meine Mailbox sprechen. Da waren die hier auch.» Jutta reichte mir den Communicator. Die Stimme, die mir kurz darauf ans Ohr drang, klang verschwommen, der Anrufer hatte offensichtlich versucht, sie unkenntlich zu machen. Die erste Nachricht erklärte lapidar, Jutta sei so gut wie tot; in der zweiten wurde gedroht, ihr alle Glieder einzeln auszureißen, wenn sie ihre Arbeit als Journalistin nicht aufgab. Ich ließ die Mitteilungen noch einmal ablaufen, diesmal über Lautsprecher, sodass auch Jutta und Leena mithören konnten. Es war schwer zu sagen, ob die Stimme einem Mann oder einer Frau gehörte. Der Tonfall war monoton, gesprochen in normalem Finnisch ohne Dialektfärbung.

«Kommt dir die Stimme bekannt vor?», fragte ich Jutta.

«Nein! Es muss ja auch gar kein Bekannter sein. Irgendein Verrückter eben. Von denen gibt’s genug. Es hat sich nichts geändert. Die Diskuswerfer haben Wettkampfsperre, aber im Verband tummeln sich immer noch dieselben alten Funktionäre. Über die beiden Burschen wundere ich mich nicht. Wenn man mit minimaler Schulbildung plötzlich aufsteigt und Erfolg hat, bringt man Richtig und Falsch schon mal durcheinander. Und beim Publikum ist es genauso.»

«Ich kann wirklich nicht begreifen, dass jemand wegen einer so überflüssigen Angelegenheit wie Sport mit Morddrohungen um sich wirft», seufzte Leena. «Man braucht doch nicht mehr zu laufen oder zu werfen, um Finnland bekannt zu machen, wie vor hundert Jahren. Der ganze Spitzensport ist nur Showgeschäft, nichts weiter.»

«He, du redest mit einer Frau, die den Sport liebt!», ereiferte sich Jutta. «Deshalb war ich ja so wütend auf die Diskuswerfer, weil sie etwas in den Dreck gezogen haben, woran ich glaube!»

Ich überließ die beiden ihrer Kabbelei, denn ich wusste aus Erfahrung, dass Leena eine Weile schimpfen, sich dann aber beruhigen würde, und Jutta Särkikoski schien eine gute Sparringpartnerin abzugeben. Unterdessen dachte ich über die Telefonate und Briefe nach. Man konnte natürlich versuchen, die Anrufe zurückzuverfolgen, aber das brachte wahrscheinlich nichts. Immerhin handelte es sich aber um eine vierfache Straftat, eine Drohung, die sich obendrein gegen die Redefreiheit einer Journalistin richtete. In Russland wurden politische Journalisten getötet, weil sie die Machthaber kritisierten, in den anderen skandinavischen Ländern wurden Kopfgelder auf Reporter und Karikaturisten ausgesetzt, die sich kritisch über islamische Fundamentalisten äußerten. Bei uns in Finnland wurde bis auf weiteres nur eine Sportreporterin bedroht. Aber auch diese Drohung musste untersucht werden, und dafür waren meine ehemaligen Kollegen zuständig.

Anni Kuusisaari, meine Nachfolgerin als Leiterin des Gewaltdezernats der Espooer Polizei, kannte ich nur flüchtig. Koivu hatte mir erzählt, als Chefin sei sie ganz in Ordnung. Am besten setzte Jutta sich direkt mit Koivu in Verbindung.

«Wer hat den Verkehrsunfall untersucht? Die Polizei von Raasepori?»

Meine Frage unterbrach Leenas und Juttas Debatte. «Nein, die von Lohja, die Unfallstelle liegt gerade noch in deren Bezirk. Aber die Beamten dort interessieren sich absolut nicht für die Morddrohungen. Sie haben ihre eigene Theorie. Demnach hat ein Betrunkener den Unfall verursacht und aus Angst vor den Folgen Fahrerflucht begangen. Aber an der Sache ist etwas faul, das ist mir gerade erst aufgegangen. Der Bruder des Ermittlungsleiters in Lohja ist nämlich mit der Schwester von Sami Terävä verheiratet. Also ist er eigentlich befangen, oder?»

«Mit wessen Schwester?», fragte Leena.

«Von Sami Terävä, einem der Diskuswerfer, die durch meinen Bericht aufgeflogen sind!» Juttas Augen funkelten, es war ihr anzusehen, dass sie eine Verschwörungstheorie entwickelt hatte. Wirrköpfig wirkte sie allerdings nicht. Ich hatte in meiner Polizeilaufbahn diverse Vertuschungsversuche und unter den Tisch gekehrte Ermittlungen beobachtet. Zwar arbeitete die überwiegende Mehrheit meiner ehemaligen Kollegen einwandfrei, aber es gab immer wieder mal ein schwarzes Schaf.

«Befangenheit ist eigentlich nicht gegeben, dafür ist das Verwandtschaftsverhältnis nicht eng genug, außerdem handelt es sich um zwei ganz verschiedene Fälle. Für die Ermittlungen über die Einfuhr der Anabolika waren doch sicher die Polizeibezirke Vantaa und Nokia zuständig, wo Salo und Terävä wohnen, oder?»

«Ja, aber vielleicht haben die Polizisten in Lohja aus Befangenheit die Ermittlungen schleifenlassen.»

«Als du den Unfall hattest, lag ich gerade im Krankenhaus und hatte außer Zeitunglesen und Fernsehen nichts zu tun», mischte sich Leena ein. «Für Sport interessiere ich mich zwar nicht, aber die Berichte über euren Unfall habe ich genau verfolgt, weil wir sozusagen Schicksalsgenossinnen waren. Und ich kann dir versichern, dass die Medien wirklich scharf auf den Täter waren, weil dieser Läufer auch verletzt worden war. Die Polizei stand ganz schön unter Beschuss.»

«Die Sache hatte hohe Priorität», nickte ich. «Kein Polizist mag ungeklärte Fälle. Glaubst du, dass Salo, Terävä oder irgendwer aus ihrem engeren Bekanntenkreis zu der Tat fähig gewesen wäre?»

«So gut kenne ich sie nicht, Terävä habe ich nur ein einziges Mal interviewt. In meiner Branche ist der weibliche Teil der Belegschaft hauptsächlich für Kinder, Frauen und Behinderte zuständig, die ganzen Kerle sind die Domäne der männlichen Kollegen.» Jutta lächelte spöttisch. «Terävä ist meinem Eindruck nach nicht besonders helle; gut möglich, dass Eero Salo ihn zum Doping angestiftet hat. Eero scheint ein Mann der Extreme zu sein, er hat früher geradezu besessen trainiert, aber nach allem, was man hört, stärkt er seine Muskeln heute vor allem beim Bierkrugstemmen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie beide in dem Wagen gesessen hätten. Allerdings habe ich nur eine Gestalt gesehen.»

«Woher hätten sie wissen sollen, dass du gerade um die Zeit und ausgerechnet auf dieser Straße unterwegs warst?»

«Beim Leichtathletikverband wusste man von dem Interview, weil vereinbart war, dass ich Toni Väärä zu dem Sponsorenfest bringen sollte. Vielleicht hat irgendwer Salo und Terävä davon erzählt.»

«Aber warum ausgerechnet dann ein Anschlag auf dich, als Väärä in deinem Wagen saß?», mischte sich Leena ein. Vielleicht hatte sie mich nur eingeladen, damit ich Jutta die Verschwörungstheorie ausredete? Ich trank einen Schluck Wein und nahm eine Pilzpastete. Das süßliche Aroma des Graubraunen Schnecklings stieg mir in die Nase. Offenbar hatte Leenas Mann Pilze gesammelt, denn sie selbst war dazu nicht mehr in der Lage.

«Du hast recht, das ergibt keinen Sinn, aber andererseits kann man gerade von einem wie Salo solche Verrücktheiten erwarten. Immerhin durfte Toni im Gegensatz zu ihm weiter Sport treiben. Vielleicht wollte er sich gleichzeitig auch an ihm rächen. Oder ich bin völlig auf dem Holzweg, und es ging überhaupt nicht um mich. Toni behauptet zwar, er hätte gar keine Erinnerung an den Hergang. Aber als wir uns nach dem Unfall zum ersten Mal im Krankenhaus begegnet sind, hat er mich gefragt, ob ich den Fahrer des grauen Kleintransporters erkannt hätte. Toni schien zu glauben, dass es jemand auf ihn selbst abgesehen hatte.»

Drei

Letzten Endes einigten wir uns darauf, dass Jutta die Morddrohungen bei der Espooer Polizei melden und ich Koivu vorab einige Informationen zukommen lassen würde. Wenn allerdings die Anrufe nicht zurückverfolgt werden konnten und sich auf den Briefen keine polizeilich registrierten Fingerabdrücke fanden, bestand keine Hoffnung, den Urheber ausfindig zu machen. Als Jutta schon im Aufbruch war, fiel mir noch etwas ein. Ich fragte sie, warum die Morddrohungen ihrer Meinung nach wieder eingesetzt hatten.

«Ich dachte, Leena hätte dir schon von der Kampagne erzählt. Ich arbeite dabei wieder mit Toni zusammen, und das scheint irgendwem gegen den Strich zu gehen.»

«Was für eine Kampagne denn?»

«Eine Reha-Kampagne, die der Sportverband der körperlich und sensorisch Behinderten, der Zentralverband für Mentalhygiene und der Finnische Leichtathletikverband gemeinsam lancieren wollen. Ich habe auf Projektbasis die PR-Arbeit übernommen. Ich bin ja freie Journalistin, und seit dem Dopingskandal habe ich Schwierigkeiten, Aufträge zu bekommen, außer von Illustrierten. Ehrlich gesagt, ich war überrascht, als Merja mir den Auftrag anbot. Ich meine Merja Vainikainen, die Geschäftsführerin des SKSB. Die Kampagne wird nächsten Dienstag lanciert, es ist ein einjähriges Projekt. Es handelt sich um eine Sportkampagne für Menschen mit verschiedenen körperlichen und geistigen Behinderungen, und es geht ausdrücklich um Breitensport. Aber weil wir Medienpräsenz brauchen, haben wir Toni Väärä zum Schirmherrn und Maskottchen der Kampagne gewählt. Leena, gib Maria die Broschüren!»

«Das steht doch alles auch auf der Website des SKSB», wandte Leena ein, aber Jutta reagierte nicht darauf. Sie redete sich in Fahrt:

«Der Grundgedanke ist, dass Sport bei Krankheiten und Behinderungen zur Genesung beiträgt und chronisch Behinderten neue Lebensfreude bringt. Die Artikelserie über Spitzensportler, die ich schreibe, hängt indirekt damit zusammen, denn die Illustrierte, die sie in Auftrag gegeben hat, ist eine der Sponsoren.» Jutta lächelte kurz, wurde aber gleich darauf wieder ernst. «Ich liebe Sport und Bewegung, und ich werde aktiv bleiben, selbst wenn ich die Krücke nie loswerden sollte. Deshalb hasse ich Doping. Die Parallele zu den Menschenexperimenten der Nazis liegt für mich auf der Hand. In der DDR hat man die Tradition fortgesetzt, und heute sind in den USA die meisten Versuchskaninchen des Balco-Labors schwarze Sportler.»

«Jetzt geht die Predigt wieder los», seufzte Leena. Jutta lächelte erneut.

«Man kann mir nicht wegnehmen, woran ich glaube. Du hast recht, Maria, natürlich muss ich die Polizei über die Drohungen informieren. Ich lasse mich nicht einschüchtern.»

«Welche Sicherheitsvorrichtungen hast du in deiner Wohnung?»

«Sicherheitsschlösser und eine Alarmanlage. Ich wohne in Kauklahti, in der Siedlung, die zur Wohnungsbauausstellung gebaut wurde. Dort gibt es auch Überwachungskameras, von denen allerdings keine meinen Parkplatz abdeckt. Ich habe schon verlangt, dass da Abhilfe geschaffen wird. Eine Pfefferdose habe ich immer bei mir, und vielleicht beantrage ich noch die Erlaubnis für einen Zerstäuber. Den Sicherheitsaspekt habe ich im Griff. Danke für deine Zeit und deine guten Ratschläge!» Jutta stand auf, gab mir die Hand und umarmte Leena zum Abschied. Mir war nicht ganz klar, was ihren plötzlichen Stimmungswandel ausgelöst hatte.

Ich blieb noch auf ein Glas Wein. Leena hielt wacker mit. Nach dem ersten Schock war sie betont forsch über ihre Behinderung hinweggegangen. Deshalb war ich direkt erleichtert, als sie nun darüber fluchte, dass sie nicht in die Pilze gehen konnte.