• Herausgeber: Dryas Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2017
Beschreibung

Kurz vor der Eröffnung des Higher Barton Romantic Hotels in Cornwall verschwindet dessen Direktor Harris Garvey samt 10.000 Pfund aus der Hotelkasse. Der beim Personal ungeliebte Chef wird schließlich Auf Eis gelegt entdeckt – in einer Kühltruhe. Von dem Geld fehlt jede Spur. Die Hotelmanagerin Sandra Flemming gerät ins Visier der Ermittlungen, denn sie profitiert nicht nur als Garveys Nachfolgerin von dessen Tod, sondern hatte auch eine Affäre mit ihm. Sie beteuert ihre Unschuld, doch niemand glaubt ihr. Also beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln, doch der wahre Mörder ist zu allem bereit, um zu vermeiden, entdeckt zu werden ...

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Seitenzahl: 401

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Auf Eis gelegt

Ein Cornwall-Krimi von

Rebecca Michéle

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Impressum

Weiterlesen

EINS

Higher Barton Romantic Hotel, Cornwall an einem frühsommerlichen Montagabend im Mai

Er leerte das Glas in einem Zug. Scharf rann ihm die goldgelbe Flüssigkeit durch die Kehle, und sogleich schenkte er sich ein weiteres Mal ein − bereits der fünfte Whisky an diesem Abend. An regelmäßigen Alkoholgenuss gewöhnt, beeinträchtigte dies seine Konzentration nicht, im Gegenteil, bei dem öden Bürokram brauchte er eine kleine Aufmunterung.

Mit einem verhaltenen Seufzer wandte er sich den Zahlenkolonnen auf dem Computerbildschirm zu. Am nächsten Tag musste er der Zentrale die Bilanz mailen, diese Nacht würde er wohl durcharbeiten müssen. Erneut trank er einen Schluck. In der Hotelbar kostete ein Glas des feinen Single Malt die Gäste acht Pfund. Aufgrund seiner Beziehungen zu der Destillerie − und da er eine größere Menge geordert hatte − war es ihm gelungen, für das flüssige Gold einen Sonderpreis auszuhandeln, sodass er beim Verkauf gut verdienen würde.

Er gab die Additionsformel in einer Zahlenkolonne ein, da nahm er ein Geräusch wahr. Es kam von außerhalb des Büros und hörte sich an, als würde Holz gehackt, und dann fiel etwas klirrend zu Boden. Unwillig runzelte er die Stirn. Wer geisterte um zwei Uhr in der Nacht im Haus herum? Jemand vom Personal oder von den seltsamen Gästen, die hier nichts zu suchen hatten? Ein erneutes Klirren …

»Verdammt noch mal«, fluchte er, schob die PC-Tastatur zur Seite und stand auf. Einen Moment dachte er an Einbrecher und dass es besser wäre, die Polizei zu informieren. Wenn aber jemand vom Personal zu nachtschlafender Zeit sein Unwesen trieb, würde er sich bis auf die Knochen blamieren. Er stand auf und griff haltsuchend nach der Schreibtischkante. Der Whisky machte sich nun doch bemerkbar. Er schlich zur Tür, öffnete sie einen Spalt und spähte in die düstere Eingangshalle, in der nur das nächtliche Notlicht brannte. Hier war alles ruhig. Überzeugt, sich geirrt zu haben, wollte er die Tür wieder schließen, als er kurz einen Lichtschein unter dem Türspalt zur Küche bemerkte. Das konnten nur Einbrecher sein, denn niemand vom Personal hätte einen Grund gehabt, mit einer Taschenlampe durch die Wirtschaftsräume zu geistern. Entschlossen straffte er die Schultern, schüttelte den Kopf, um den Alkoholnebel zu vertreiben, durchquerte die Halle, stieß die Tür rechts neben der Treppe auf und betätigte den Lichtschalter. Sofort wurde der lange, schmale Gang in gleißendes Licht getaucht.

»Wer ist da?«, rief er. »Was haben Sie mitten in der Nacht hier zu suchen?«

Keine Antwort. Langsam ging er weiter, die mahnende Stimme in seinem Kopf, besser die Polizei zu informieren, wurde lauter. Wenn ein Einbrecher sein Unwesen trieb, gab es für ihn keinen Grund, den Helden zu spielen. Nach wenigen Metern knirschten unter seinen Schuhsohlen Scherben. Auf dem Fliesenboden musste ein Teller zerbrochen sein, das war vermutlich das Geräusch, das er gehört hatte.

»Was ist eigentlich los? Kommen Sie raus und sagen Sie mir, was Sie hier treiben!«

Das Licht erlosch, um ihn herum war es nun stockdunkel.

»Verdammt …«, rief er, dann traf ihn etwas Hartes, Schweres am Hinterkopf. Einmal, zweimal, erst beim dritten Mal sackte er in die Knie. In der Dunkelheit konnte er nichts sehen, hörte aber direkt hinter sich jemanden schwer atmen.

Er öffnete den Mund, um nach Hilfe zu rufen, da traf ihn der nächste Schlag. Er spürte noch, wie seine Kopfhaut aufplatzte und das Blut über seine Stirn rann, dann schwanden ihm die Sinne.

ZWEI

Edinburgh, Schottland, zwei Wochen zuvor

Kaltes Wasser umspülte ihre Beine, feiner Sand kitzelte ihre Zehen, warmer Wind zerzauste ihre Haare. Es war ein herrlicher Tag am Stand, sie fühlte sich frei und entspannt wie schon lange nicht mehr.

I can’t get no satisfaction.

Der Klingelton ihres Handys ließ Sandra auffahren. Sie brauchte einen Moment, um zu erfassen, dass sie geträumt hatte. Es war ein sehr realer Traum gewesen, noch jetzt glaubte sie, den Geruch nach Salz und Tang in der Nase zu haben. Sie angelte nach ihrem Mobiltelefon und nuschelte:

»Wer stört um diese Zeit?«

»Sandra, hier ist deine Mum. Hast du etwa noch geschlafen?«

Mit einem Auge schielte Sandra zur Uhr, war sofort hellwach und sprang aus dem Bett.

»Scheiße, schon so spät!«, rief sie und wurde von ihrer Mutter sogleich zurechtgewiesen, eine solche Ausdrucksweise gefälligst zu unterlassen.

»Hast du deinen Wecker nicht gehört?«, fragte Mrs Flemming vorwurfsvoll.

»Sieht ganz danach aus, Mum. Wenn du nicht angerufen hättest … Ich muss mich jetzt beeilen, ausgerechnet heute habe ich verschlafen.«

»Was ist denn heute?«, fragte Mrs Flemming.

Sandra seufzte verhalten und erwiderte, während sie mit einer Hand den Wasserkocher einschaltete: »Heute wird bekannt gegeben, wem die Leitung des neuen Hotels in Südengland übertragen wird. Ich hab dir davon erzählt, Mum, mindestens drei Mal, und auch, wie wichtig mir dieser Job ist.« Ein leiser Vorwurf lag in ihrer Stimme.

»Ach, Kind, du willst doch nicht wirklich aus Schottland fort?« Sandra hörte den ihr bestens bekannten, weinerlichen Unterton. »So allein im Ausland …»

»Mum, ich bin schon lange erwachsen, und Cornwall liegt ebenso wie Schottland in Großbritannien«, unterbrach Sandra sie. »Es ist für mich eine große Chance, ich könnte endlich beweisen, dass ich zu mehr in der Lage bin, als immer nur in der zweiten Reihe zu stehen. Sei mir nicht böse, Mum, aber ich muss jetzt wirklich los.«

»Am Wochenende kommst du aber nach Hause, oder?«

»Am Wochenende?«

Mrs Flemming seufzte und antwortete: »Du hast Großtante Elsies achtzigsten Geburtstag doch nicht etwa vergessen, Kind?«

Das hatte Sandra tatsächlich, sie sagte aber schnell: »Natürlich nicht, Mum! Bereits vor Wochen habe ich mir dieses Wochenende als freie Tage in den Dienstplan eintragen lassen. Ich lege jetzt auf, wir sprechen am Wochenende, ja? Drück mir bitte die Daumen, dass ich den Job bekomme.«

Ohne eine Antwort ihrer Mutter abzuwarten, beendete Sandra das Telefonat. Sie wusste nicht, warum sie den Wecker überhört hatte, den sie gestern Abend extra eine halbe Stunde früher gestellt hatte. Jetzt blieb ihr nur Zeit für eine Katzenwäsche. Das schulterlange, dunkle Haar band sie zu einem Pferdeschwanz, als Make-up mussten eine getönte Tagescreme, Wimperntusche und Lipgloss reichen. Dabei hing von der Besprechung, die für heute Morgen anberaumt war, so viel für sie ab.

Die Tasse in der einen Hand, schlüpfte Sandra in bequeme Sneakers, trank hastig den Kaffee, zog ihre Steppjacke an und verließ im Laufschritt ihre Einzimmerwohnung in dem mehrstöckigen, schmucklosen Mietshaus am Viewcraigs Gardens. Hier waren die Wohnungen günstig, und von ihrem Zimmer aus hatte sie einen schönen Blick auf den Holyrood Park und auf Arthur‘s Seat. Als sie nach draußen trat, wickelte sie die Jacke fester um sich. Es nieselte, und der Ostwind ging ihr durch Mark und Bein. In diesem Jahr kam der Frühling spät nach Schottland. Auf den Bergen in den Highlands lag immer noch Schnee, dabei war es schon Anfang Mai. Sandra zog sich die Kapuze ihrer Steppjacke über den Kopf, öffnete das Schloss an ihrem Fahrrad, das in einer dafür vorgesehenen Garage stand, und machte sich auf den Weg. Sie besaß kein Auto. Lebte man in Edinburgh, stand man mit einem Auto ohnehin nur im Stau, und Parkplätze waren rar und schier unbezahlbar. Mit dem Fahrrad oder dem Bus war Sandra in der Regel schneller am Ziel, und wenn sie in den Norden zu ihren Eltern fuhr, nahm sie den Zug.

Sandra Flemming, dreiunddreißig Jahre alt, lebte seit drei Jahren in der schottischen Hauptstadt. Zum Leidwesen ihrer Eltern, die es begrüßt hätten, wenn Sandra nach ihrer Ausbildung in Glasgow und Aufenthalten in Frankreich und der Schweiz ins heimatliche Dufftown am Rand der Grampian Mountains zurückgekommen wäre. Sandra hatte sich aber nicht im Ausland und in den besten Hotels Europas ausbilden lassen, um dann in einem kleinen Bed & Breakfast irgendwo auf dem Land zu versauern. Vor drei Jahren hatte die Hotelkette SSG ihr die Chance geboten, als Hotel-Account-Manager einzusteigen. In dieser Position war Sandra für die Kontakte zwischen dem Hotel und den Reiseveranstaltern verantwortlich. Eine interessante und verantwortungsvolle Aufgabe, aber Sandra wollte weiter nach oben kommen. Ihr Ziel war es, als Managerin eigenständig ein Hotel zu leiten. SSG stand für Stay and Sleep Gorgeous, dem Slogan der Kette. Neben dem Stammhaus in Edinburgh besaß das Unternehmen Landhotels in Inverness, Pitlochry, Oban und Fort Williams. Seit einigen Jahren wurde auch nach England expandiert, und die Geschäftsleitung eröffnete Häuser in York und in Brighton. Vor einigen Monaten hatte die Zentrale ein ehemaliges Herrenhaus in der Grafschaft Cornwall im Südwesten der britischen Insel erworben und es zu einem Hotel umbauen lassen. Sandra hatte sich für den öffentlich ausgeschriebenen Posten der Managerin in diesem Haus beworben, da sie der Meinung war, es sei an der Zeit, ihr eine solch verantwortungsvolle Aufgabe zu übertragen. Zuvor hatte sie sich nie für Cornwall interessiert, inzwischen wusste sie jedoch, dass man nicht von einer Grafschaft, sondern richtigerweise vom Herzogtum Cornwall sprach, denn Prinz Charles war der Herzog von Cornwall. Im Fernsehen hatte Sandra Berichte über die Gegend gesehen und war von den hohen, schroffen Klippen und der lieblichen Landschaft beeindruckt. Ihre Mutter jedoch hatte versucht, Sandra eine solch gravierende Veränderung auszureden, als sie vor ein paar Wochen bei einem Besuch der Eltern von der Bewerbung erzählt hatte.

»Kind, wir wissen nicht, wie es mit unserem Land weitergehen wird«, hatte Mrs Flemming im Hinblick auf den anstehenden Brexit gesagt. »Wenn die May« − damit meinte sie die britische Premierministerin − »das wirklich durchzieht, wird es bei uns zu einem neuen Referendum kommen, und Schottland könnte sich von Großbritannien lösen. Ob wir aber in die EU aufgenommen werden, steht in den Sternen. Was soll in diesem Fall aus Schottland werden? Und du wirst vielleicht aus England ausgewiesen, was willst du dann machen?«

»Mum, jetzt übertreibst du wirklich!«, hatte Sandra gerufen und mit Mühe ein Lachen unterdrückt. Ihre Mutter neigte zu Schwarzmalerei und Melodramatik. Als Sandra im Rahmen ihrer Ausbildung in der Schweiz gewesen war, hatte Mrs Flemming befürchtet, ihre Tochter könnte in eine Gletscherspalte stürzen. »Auch wenn es zu einer Trennung kommen sollte, werden Schotten nicht automatisch und unverzüglich aus England rausgeworfen«, fuhr Sandra fort.

»Wart es ab, Kind, es kommen schwere Zeiten auf uns zu!«

Sandra hatte nur wortlos genickt. Die aktuelle politische Lage ihres Landes interessierte Sandra durchaus, und auch sie erkannte die Gefahr negativer Veränderungen, die eine Spaltung der britischen Insel mit sich bringen könnte, wollte sich aber ihre Chance, Karriere zu machen, nicht verderben lassen. Ihre Referenzen waren ausgezeichnet, sie wurde von den Kollegen, dem Personal und den Gästen im Stammhaus geschätzt, und die Geschäftsleitung konnte gar nicht anders, als ihr die Leitung des neuen Hotels in Cornwall zu übertragen. Im Rahmen des heutigen Team-Meetings, das jeden Monat einberufen wurde, wollte Alastair Henderson, der Vorstandsvorsitzende von SSG, höchstpersönlich verkünden, wer der neue Manager werden würde.

Sandra trat kräftig in die Pedale. Der Regen schlug ihr ins Gesicht, und sie musste dem Gegenwind trotzen. Als sie ihr Ziel in George Street in der New Town erreicht hatte, waren ihre Hose und die Schuhe durchnässt. Zwei Stufen auf einmal nehmend, hastete sie die Treppen hinauf. Im dritten Stock wurde sie von Maureen, der Sekretärin der Geschäftsleitung, erwartet.

»Sie sind spät dran«, mahnte die ältere Frau missbilligend. »Alle sind bereits im Sitzungszimmer, Mr Henderson ist vor wenigen Minuten eingetroffen.«

»Ich hab verschlafen«, antwortete Sandra, zog sich die Jacke aus, streifte die feuchten Sneakers von den Füßen und angelte nach einem Paar Pumps mit halbhohen Absätzen, die sie unter ihrem Schreibtisch deponiert hatte.

»Für einen Kaffee ist keine Zeit mehr?«

Maureen schüttelte den Kopf. »Wir trinken nach der Besprechung eine Tasse zusammen. Allerdings …« Sie hielt Sandra am Ärmel fest, als diese aus dem Büro eilen wollte. »Sie sollten Ihre Bluse richtig herum anziehen.«

Sandra sah an sich herunter und grinste. In der Hektik hatte sie die rostbraune Bluse auf links angezogen. Schnell zog Sandra die Bluse aus und sagte: »Maureen, was sollte ich bloß ohne Sie machen?»

In dem Moment, als Sandra im BH dastand, öffnete sich die Tür und einer der jungen Auszubildenden schaute herein. »Oh!«, stammelte er und errötete. »Ich … äh … also …«

»Na, du wirst doch schon mal eine Frau in Unterwäsche gesehen haben«, rief Sandra und knöpfte sich die Bluse zu. »Komm rein, ich bin eh gleich weg.«

Maureen hob die Hände, drückte beide Daumen und sagte: »Toi, toi, toi, Sandra! Ich bin sicher, Sie bekommen den Job!«

Ich auch, dachte Sandra, strich sich noch mal übers Haar, straffte die Schultern, atmete tief durch und öffnete die mit dunkelgrünem Leder bezogene Tür des Besprechungsraums. Sie war tatsächlich die Letzte, neun Augenpaare richteten sich auf sie.

»Ah, Ms Flemming beehrt uns nun auch mit ihrer Anwesenheit, und wir können endlich anfangen«, spöttelte ein grauhaariger Mann mit stahlblauen Augen.

»Lassen Sie es gut sein, Mr Garvey, es ist erst eine Minute vor neun«, erwiderte Alastair Henderson und nickte Sandra aufmunternd zu. »Ms Flemming ist also durchaus pünktlich.«

»Nur reichlich derangiert, wahrscheinlich hat sie mal wieder verschlafen«, erwiderte der Grauhaarige so laut, dass es alle hören konnten.

Garvey ignorierend, setzte sich Sandra auf den letzten freien Platz an dem ovalen Tisch. Hendersons Freundlichkeit gab ihrer Hoffnung Nahrung.

»Vor Ihnen liegt eine Mappe mit der Bilanz des letzten Quartals«, eröffnete Mr Henderson die Besprechung. »Sie ersehen daraus, dass unsere Häuser weiterhin schwarze Zahlen schreiben, was unter anderem auch dem derzeitigen schwachen Kurs des britischen Pfundes zuzuschreiben ist. Seit letztem Sommer können wir einen deutlichen Anstieg von Übernachtungen aus dem europäischen Ausland verzeichnen.«

Sandra überflog die Aufstellungen flüchtig. Obwohl sie sich in ihrem Aufgabenbereich auch mit den Finanzen beschäftigen musste, lag ihr der Umgang mit Zahlen nicht besonders, der direkte Kontakt mit den Gästen sagte Sandra mehr zu. In einem monotonen Tonfall analysierte Mr Henderson minutenlang die Bilanzen. Der Raum war überheizt, und die eine Tasse Kaffee hatte Sandras Lebensgeister nicht geweckt. Sie musste sich bemühen, die Augen offen zu halten.

»Ms Flemming, sind Sie noch bei uns?«

Sandra zuckte zusammen. »Wie? Was?«

»Du bist eingepennt«, raunte Garvey ihr zu. Ihm war deutlich anzusehen, wie er die Situation genoss.

»Finden Sie meine Ausführungen derart langweilig, dass Sie es vorziehen, ein Nickerchen zu halten, Ms Flemming?«, fragte Alastair Henderson, die Augenbrauen hochgezogen.

»Nein, natürlich nicht, verzeihen Sie, Mr Henderson«, erwiderte Sandra hastig. »Es ist in diesem Zimmer nur sehr stickig.«

»Ms Flemming hat recht, ich werde ein Fenster öffnen.«

Ein Mitarbeiter kam Sandra zu Hilfe. Er stand auf, und gleich darauf strömte kühle, frische Luft in den Raum. Sandra war die Situation furchtbar peinlich. Wahrlich kein guter Start in ihre neue Position.

»Dann kommen wir jetzt zu unserem neuen Projekt: dem Higher Barton Romantic Hotel in Cornwall, Südengland«, fuhr Alastair Henderson fort. Sandras Müdigkeit verflog schlagartig, sie setzte sich aufrecht hin. »In der Mappe finden Sie alles Wissenswerte über dieses Haus«, fuhr Mr Henderson fort. »Die Umbauarbeiten sind abgeschlossen, von der Zentrale wurde eine Rezeptionistin, die über Erfahrung in anderen Häusern im Süden verfügt, eingestellt. Sie befindet sich bereits in Higher Barton. Eliza Dexter, so ihr Name, hat das übrige Personal vor Ort ausgesucht und unter Vertrag genommen, es spricht nichts gegen eine offizielle Eröffnung am Sonntag in zwei Wochen. Was uns jetzt noch fehlt, ist die Geschäftsleitung für dieses Haus.« Er machte eine Kunstpause, rückte die Brille zurecht und sah in die Runde. Die Spannung war mit den Händen zu greifen. »Der Vorstand hat alle Bewerbungen ausgiebig geprüft und ist einstimmig zu einem Entschluss gekommen«, fuhr Mr Henderson fort, um erneut abzubrechen und einen Schluck Wasser zu trinken. Offenbar machte es ihm Freude, die Anwesenden auf die Folter zu spannen. Sandras Herz schlug schneller, ihre Handflächen wurden feucht. An ihrer Bewerbung gab es keinen Makel. Seit Jahren bewies sie, dass sie ehrgeizig und arbeitswillig war, den Job über ihr Privatleben stellte, Überstunden nicht scheute und gut mit Menschen umgehen konnte. Außerdem war ihr auch noch nie ein gravierender Fehler unterlaufen.

»Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass der Vorstand das Management des Higher Barton Romantic Hotels Mr Harris Garvey übertragen hat.« Damit ließ Alastair Henderson die Bombe endlich platzen.

Bewegungslos verharrte Sandra auf dem Stuhl. Keine Regung in ihrem Gesicht verriet ihre grenzenlose Enttäuschung. Wie die Kollegen und Kolleginnen klopfte auch sie mit den Fingerknöcheln beifällig auf die Tischplatte. Garvey nahm die Glückwünsche mit einem wohlwollenden, zugleich triumphierenden Lächeln zur Kenntnis.

Er hat es gewusst, dachte Sandra. Er hat es wahrscheinlich von Anfang an gewusst, dass er der Manager des neuen Hotels in Cornwall werden wird. Sandra hätte ihm diese Heimlichtuerei am liebsten vorgeworfen, sie beherrschte sich aber, denn jede negative Nachricht beinhaltete auch etwas Positives. Garvey würde nach Cornwall gehen, weit fort von Edinburgh, und sie musste nicht länger mit ihm zusammenarbeiten. Hoffentlich würde er nie wieder nach Schottland zurückkehren, und sie, Sandra, könnte ihre Chance beim nächsten Mal in einem anderen Hotel bekommen.

Mr Henderson beendete die Besprechung. Auf dem Weg zur Tür rief er jedoch: »Ms Flemming, bitte bleiben Sie noch einen Moment, ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen.«

Mit Henderson allein sagte Sandra: »Ich bitte um Verzeihung, dass ich vorhin den Eindruck erweckte, ich würde schlafen, aber …«

»Deswegen möchte ich nicht mit Ihnen sprechen, Ms Flemming.« Henderson winkte ab. »Auch nicht darüber, dass Mr Garvey recht hatte, als er meinte, Sie sehen heute etwas − wie nannte er es doch gleich? − derangiert aus.«

»Ich habe verschlafen«, gab Sandra zu und wirkte zerknirscht. »Es tut mir wirklich sehr leid, es wird nicht mehr vorkommen, Mr Henderson.«

Er ging auf ihre Entschuldigung nicht ein und forderte Sandra auf, sich wieder zu setzen. Sie zog einen Stuhl heran, ein flaues Gefühl im Magen. Warum sah der Vorstandsvorsitzende sie so ernst an? Sollte sie vielleicht entlassen werden? Erwartete sie anstelle der erhofften Beförderung eine Abmahnung oder gar die Kündigung? Nur, weil sie ein Mal unaufmerksam gewesen war? Da sie Alastair Henderson lediglich von den regelmäßigen Besprechungen kannte und noch nie ein persönliches Wort mit ihm gewechselt hatte, konnte sie ihn weder einschätzen noch in seiner Mimik lesen.

»Ms Flemming, ich wollte allein mit Ihnen sprechen, da ich Ihnen einen Vorschlag unterbreiten möchte und Sie im Beisein der anderen nicht unter Druck setzen wollte. Ich muss Sie aber bitten, Ihre Entscheidung unverzüglich zu treffen.«

»Was für einen Vorschlag, Mr Henderson?«, fragte Sandra gespannt und auch erleichtert. Das klang nicht nach einer Kündigung.

»Mr Garvey wird, wie Sie eben erfahren haben, die Leitung des Hotels in Cornwall übernehmen», fuhr Mr Henderson fort. »Er erschien dem Vorstand unter allen Bewerbern als die beste Wahl, da Mr Garvey über eine langjährige Erfahrung verfügt. In finanziellen Angelegenheiten ist er ein Genie, er bringt sich mit innovativen und auch umsetzbaren Ideen ein, daher traut der Vorstand ihm zu, ein neues Haus in kurzer Zeit zum Erfolg zu führen. Unsere Firma hat in das Hotel eine Menge Geld investiert, es muss sich also baldmöglichst amortisieren. Allerdings eilt Mr Garvey der Ruf voraus, manchmal etwas … nun ja, nennen wir es barsch oder ruppig gegenüber anderen Menschen zu sein.«

Sandra nickte. Sie hatte keine Ahnung, worauf Henderson hinauswollte. Dass Harris Garvey nicht die Freundlichkeit in Person war, war allgemein bekannt. Diplomatisch erwiderte sie: »Als Manager wird er nicht viel Kontakt mit den Gästen haben, sondern das Haus im Hintergrund leiten.«

»Wir brauchen jedoch jemanden, der sich intensiv um die Belange der Gäste kümmert, das kann nicht allein der Rezeptionistin überlassen bleiben«, fuhr Alastair Henderson fort, ohne auf Sandras Bemerkung einzugehen. »Das Higher Barton Romantic Hotel erhielt diesen Namen, damit die Gäste dort Abstand vom Alltag gewinnen. Sie sollen während ihres Aufenthaltes rundum verwöhnt werden und immer wieder gern zurückkehren. Die Konkurrenz in Cornwall ist groß. Im Südwesten reiht sich ein Hotel an das andere, und unser Haus sowie die nächstgelegene Ortschaft befinden sich einige Meilen vom Meer entfernt. Also sind unsere Zielgruppe vielmehr Menschen, die Ruhe und ländliche Beschaulichkeit und nicht überfüllte Strände bevorzugen.«

Erneut nickte Sandra und erwiderte: »Leider bin ich mit der touristischen Situation in Cornwall nicht vertraut.«

»Dann sollten Sie das schleunigst nachholen, Ms Flemming.« Alastair Henderson lächelte wohlwollend und fuhr fort: »Sie werden Mr Garvey nach Cornwall begleiten und als Assistentin der Geschäftsleitung fungieren.«

»Was? Sie machen Witze!« Sandra fuhr von ihrem Stuhl hoch.

»Keinesfalls, Ms Flemming, bei Personalangelegenheiten pflege ich niemals zu scherzen«, erwiderte Henderson pikiert. »Ich dachte, Sie wollen unter allen Umständen in den Süden.«

»Verzeihen Sie«, murmelte Sandra verlegen. »Ihr Angebot kommt nur sehr überraschend. Mir war nicht bekannt, dass die Position einer Assistentin ebenfalls ausgeschrieben worden war.«

Henderson nickte verstehend. »Zuerst war es auch nicht vorgesehen, neben dem Manager eine weitere Person mit der Geschäftsleitung zu betrauen. Wie ich bereits sagte, möchten wir vor Ort jemanden haben, der sich intensiv um die Gäste und deren Zufriedenheit kümmert, und zwar über die Aufgaben der Rezeptionistin hinaus. Dass ein reibungsloser und perfekter Service das Aushängeschild eines jeden Hotels ist, brauche ich Ihnen nicht zu erklären, Ms Flemming. Da Sie sich als Managerin für das Haus beworben haben, denke ich, Sie werden meinen Vorschlag annehmen, sich in dieses Betätigungsfeld einarbeiten und weitere Erfahrungen sammeln. Mr Garvey wird nicht für immer in Cornwall bleiben. Er strebt nach der Leitung eines größeren Hauses, und dann …«

Er ließ den Rest des Satzes unausgesprochen, und Sandra hatte die Anspielung verstanden. Wenn sie jetzt als Assistentin von Garvey arbeitete, stellte Henderson ihr in Aussicht, eines Tages das Management zu übernehmen. Ein verlockendes Angebot und mehr, als Sandra erwartet hatte, nachdem Garvey den von ihr begehrten Job bekommen hatte. Henderson bot ihr eine Chance, und der Spatz in der Hand war besser als die Taube auf dem Dach. Trotzdem sagte sie: »Darüber muss ich nachdenken, Mr Henderson.«

»Leider kann ich Ihnen keine Zeit geben, Ms Flemming«, erwiderte Henderson mit einem bedauernden Lächeln. »Mr Garvey reist in zwei Tagen nach Cornwall, und wir möchten, dass Sie ihn sofort begleiten. Aus ihrer Personalakte weiß ich, dass Sie ungebunden und damit flexibel sind. Man sagt, Sie seien eine Frau rascher Entschlüsse und verfügten über den nötigen Ehrgeiz und Biss, es ganz nach oben zu bringen.« Erwartungsvoll sah Henderson Sandra an.

Sandra holte tief Luft, dann antwortete sie entschlossen: »Ich danke Ihnen für das Angebot, Mr Henderson, und werde mich bemühen, Ihren Erwartungen gerecht zu werden.«

DREI

Sie waren im Morgengrauen aufgebrochen.

»Ich will die Strecke an einem Tag schaffen«, sagte Harris Garvey, und Sandra hatte sich seinem Wunsch zu fügen. Sie schlug zwar vor, von Edinburgh nach Newquay in Cornwall zu fliegen, Garvey hatte diese Empfehlung aber mit einer Handbewegung abgetan. »Dort unten muss ich mobil sein. Soll ich etwa aus eigener Tasche einen Mietwagen bezahlen?«

Diesem Argument konnte sich Sandra nicht verschließen, auch wenn sie mit Garvey nur selten einer Meinung war. Fürs Erste hatte sie lediglich das Notwendigste eingepackt. Sollte sie dauerhaft in Cornwall bleiben, würde sie ihre Wohnung in Edinburgh auflösen und sich ihre restlichen Sachen nachsenden lassen. Auch wenn Sandra fest entschlossen war, sich die Beförderung von Garvey nicht verderben zu lassen, im Moment konnte sie nicht einschätzen, wie sich ihre enge Zusammenarbeit gestalten würde.

Auf die Nachricht, Sandra werde seine persönliche Assistentin, hatte er mit einem süffisanten Lächeln und einer vielsagend hochgezogenen Augenbraue reagiert.

Sandras Mutter hatte aus ihrem Unwillen keinen Hehl gemacht.

»Natürlich freue ich mich für dich«, hatte Mrs Flemming gesagt, als Sandra sie noch am selben Tag telefonisch über die neue Entwicklung informiert hatte, »ich verstehe aber nicht, warum das alles so überstürzt sein muss, du hast den Urlaub schließlich bewilligt bekommen. Nach Elsies Geburtstag könntest du immer noch …«

»Lass es gut sein, Mum!«, bat Sandra. »Ich muss in zwei Tagen fahren, werde aber an Tante Elsie denken und sie an ihrem Ehrentag anrufen. Versprochen!«

Sandras Mutter hatte laut geseufzt, als läge alle Last der Welt auf ihren Schultern, ihr war jedoch klar, dass es ihr nicht gelingen würde, ihre Tochter umzustimmen.

»Tja, dann wünsche ich dir viel Glück«, sagte Mrs Flemming resigniert und gab zu: »Cornwall soll ja eines der schönsten Fleckchen auf der Insel sein. Ich hoffe, du kannst neben der Arbeit auch Land und Leute kennenlernen.«

»Ich gehe nicht nach Cornwall, um Urlaub zu machen, sondern um hart zu arbeiten», erwiderte Sandra. »Nun muss ich mich beeilen, Mum, ich habe noch jede Menge zu organisieren.«

Auf der Autobahn zwischen Lancaster und Preston gerieten sie in einen meilenlangen Stau, durch den sie zwei Stunden Zeit verloren. Nachdem sie Birmingham passiert hatten und Harris Garvey auf der M 5 endlich den Blinker setzte und auf die Abfahrt zu einer Raststätte einbog, atmete Sandra erleichtert auf. Der Wagen war kaum zum Stehen gekommen, als sie schon heraussprang und zu den Waschräumen eilte. Nachdem sie zurückgekehrt war, reichte Harris ihr einen Pappbecher mit lauwarmem Kaffee und grinste.

»Na, wieder Platz für Nachschub in deiner Blase? Du trinkst den Kaffee immer noch ohne Zucker, aber mit viel Milch?«

Sandra nickte und nahm dankbar den Becher entgegen. Der Himmel hatte sich inzwischen zugezogen, der Geruch nach Regen lag in der Luft.

»Sollten wir nicht in der Nähe von Bristol übernachten?«, fragte sie. »Cornwall erreichen wir unmöglich noch bei Tageslicht.«

»Dann treffen wir eben später ein«, erwiderte Harris entschlossen. »Obwohl − ein Zimmer in einem kleinen romantischen Hotel auf dem Land, eine Flasche guten französischen Rotwein, etwas Musik und in alten Erinnerungen schwelgen» − er sah sie vielsagend an −, »das hätte durchaus seinen Reiz …«

»Ich denke, wir sollten weiterfahren«, sagte Sandra schnell und warf den halb vollen Becher in den Mülleimer. Wenn Garvey bloß nicht immer auf vergangene Zeiten anspielen würde!

Sandra war erst wenige Wochen im Edinburgher Hotel beschäftigt gewesen, als sie seinem Charme erlegen war. Wenn Harris Garvey eine Frau wollte, dann konnte er aufmerksam, interessiert und vor allen Dingen äußerst charmant sein. Er hatte ihr das Gefühl gegeben, für ihn die einzige Frau der Welt zu sein, hatte sie mit kleinen Aufmerksamkeiten und bewundernden Worten verwöhnt. Garvey war attraktiv, besaß exzellente Umgangsformen und eine beeindruckende Allgemeinbildung. Er lud Sandra in klassische Konzerte und in die Oper ein, aber auch zu Rockkonzerten; er besuchte mit ihr Ausstellungen alter Meister und zeitgenössischer Maler, und auch auf dem Tanzparkett machte er eine gute Figur. Schnell begannen sie eine Affäre. In Sandras Leben war Garvey der erste Mann, mit dem sie sich vorstellen konnte, eine Familie zu gründen: zwei, drei Kinder, ein kleines Haus vor den Toren von Edinburgh … Für ihn hätte sie sogar ihre Träume von einer Karriere als Hotelmanagerin aufgegeben.

Nach vier Monaten war es vorbei. Von einem Tag auf den anderen hatte Garvey den Kontakt abgebrochen. Von Sandra zur Rede gestellt, hatte er nur gelacht und erklärt, sie habe doch nicht wirklich geglaubt, das mit ihnen könne etwas auf Dauer sein. Zwischen ihnen sei nur Sex gewesen, guter, leidenschaftlicher Sex, aber eben nicht mehr.

»Wir hatten unseren Spaß miteinander. Es gibt so viele Frauen auf der Welt, da binde ich mich nicht an eine einzige«, hatte er ihr mit einem zynischen Lächeln gesagt und ihr geraten, sich ebenfalls anderweitig umzusehen.

Sein Verhalten hatte Sandra zwar verletzt, sie hätte die Sache aber hinter sich lassen können, denn niemand stirbt an gebrochenem Herzen, und Enttäuschungen gehörten zum Leben dazu. Dann jedoch stellte sie fest, dass Garvey fast der ganzen Belegschaft von der heißen und gierigen Granate in seinem Bett erzählt und dabei nicht mit der Schilderung von intimen Details gespart hatte.

»Und jetzt glaubt dieses naive Dummchen, ich würde sie heiraten.«

Diese verächtlichen Worte hatte Sandra mit eigenen Ohren gehört, als sie überraschend in eine Besprechung hineingeplatzt war. Sie hatte Garvey keine Szene gemacht. Damit hätte sie nur ihm und allen anderen gezeigt, wie verletzt sie war. Mit hocherhobenem Kopf hatte sie die nächsten Wochen durchgestanden, bis die Angelegenheit langsam in Vergessenheit geraten war. Eine Zeit lang hatte Sandra durchaus daran gedacht, zu kündigen, um Garvey nicht mehr täglich begegnen zu müssen, dann hätte er aber nur noch mehr triumphiert. Nein, sie würde sich nicht unterkriegen lassen! Meldeten sich in ihr Bedenken über die Zukunft, verdrängte Sandra diese. Wenn sie das gute Angebot der Position einer stellvertretenden Managerin ausgeschlagen hätte, um nicht mit Garvey zusammenarbeiten zu müssen, hätte er genau gewusst, warum Sandra sich eine solche Chance entgehen ließ. Sollte er es wagen, ihre künftige Zusammenarbeit durch Andeutungen auf die Vergangenheit zu belasten, würde sie ihm die Meinung sagen. Nur heute wollte sie keine weitere Diskussion. Vor ihnen lagen noch über zweihundert Meilen, und sie würden ihr Ziel wohl erst mitten in der Nacht erreichen.

Nach der kurzen Rast waren sie gerade wieder auf die M 5 aufgefahren, als bereits die nächste Baustelle und ein erneuter langer Stau sie erwarteten.

Es war dunkel, als sie die A 30, die Hauptverbindungsstraße zwischen Exeter in der Grafschaft Devon und Penzance in Cornwall, verließen und Harris Garvey den Anweisungen des Navigationssystems seines Wagens folgte, das sie über enge, gewundene Landstraßen in Richtung Südküste lotste. Inzwischen goss es wie aus Kübeln, die Scheibenwischer wurden der Wassermassen kaum Herr. Sie umfuhren das Städtchen Liskeard, dann wurde die Straße so schmal, dass keine zwei Autos aneinander vorbeifahren konnten. Trotz der späten Stunde kamen ihnen immer wieder Fahrzeuge entgegen, und Garvey musste mehrmals in eine Ausweichbucht zurückstoßen, was er jedes Mal mit einem kräftigen Fluch kommentierte.

»Sehr ländlich hier«, murrte er. »Ich hoffe, es ist eine Stadt in der Nähe, in der was los ist.«

»Gerade wegen der ländlichen Abgeschiedenheit wurde das alte Schloss von der Firma erworben«, erinnerte Sandra ihn an Mr Hendersons Worte. »Ich glaube, wenn die Sonne scheint, ist es hier ganz zauberhaft.«

Garvey brummelte vor sich hin. Seine Finger umklammerten das Lenkrad, angespannt starrte er durch den Regen auf die dunkle Straße. Plötzlich tauchten im Lichtkegel der Scheinwerfer direkt vor ihnen zwei Schatten auf.

»Vorsicht!«, rief Sandra, im selben Moment trat Garvey auch schon hart auf die Bremse. Der Wagen schlingerte und wäre beinahe in die übermannshohe Hecke, die die Straße säumte, geprallt, was fatal gewesen wäre, denn unter dem grünen Gebüsch verbarg sich eine massive Trockensteinmauer.

Zwei Personen liefen dem Wagen entgegen. Sandra erkannte im Scheinwerferlicht einen jungen Mann und eine junge Frau.

Garvey ließ die Seitenscheibe herunter, doch bevor er die beiden zurechtweisen konnte, rief der Mann: »So ein Glück, dass wir Sie hier treffen! Wären Sie so freundlich, uns in den nächsten Ort mitzunehmen?«

»Selbstverständlich«, sagte Sandra schnell, da sie befürchtete, Garvey würde die Bitte ablehnen und das Pärchen in dem strömenden Regen zurücklassen.

Die beiden zwängten sich in den Fond. Ihre Rucksäcke mussten sie auf den Schoß nehmen, denn im Kofferraum befand sich das Gepäck von Garvey und Sandra. Garvey runzelte die Stirn, als er die Piercings in ihren Gesichtern bemerkte, außerdem zierte ein buntes Tattoo die rechte Halsseite des Mannes.

Als sie losfuhren, sagte die Frau: »Das ist sehr freundlich von Ihnen. Wir sind in Pelynt aus dem Bus gestiegen, haben uns dann aber irgendwie im Dunkeln verlaufen. Dazu der Regen …«

»Haben Sie denn kein Smartphone, das Ihnen den richtigen Weg weisen kann?«, fragte Garvey unfreundlich. »Wo wollen Sie eigentlich hin?«

»Der Akku ist leer, wie es in solchen Situationen immer ist«, antwortete der junge Mann. »Ich bin übrigens Ben, und das ist meine Freundin Tanya. Wir studieren in Oxford und sind auf einem Trip durch den Süden.«

»Wo soll ich Sie absetzen?«, wiederholte Garvey. »Ich kann keinen großen Umweg machen, meine Kollegin und ich haben uns ohnehin verspätet.«

»Ein paar Minuten haben wir schon noch Zeit«, warf Sandra ein und drehte sich zu den beiden nach hinten um. »Allerdings kennen wir uns in der Gegend nicht aus, wenn Sie uns also sagen würden, wohin wir Sie fahren sollen?«

»Wir haben kein bestimmtes Ziel«, antwortete Ben, und seine Freundin ergänzte: »Sie kennen nicht zufällig ein kleines, nettes Hotel, in dem wir die nächsten Tage bleiben können? Oder zumindest heute Nacht, sonst spült uns der Regen noch weg.«

»Nee, Sie hörten doch gerade, dass wir hier fremd sind«, knurrte Garvey, Sandra erklärte jedoch: »Tatsächlich sind wir auf dem Weg zu einem Hotel. Ich denke, für eine Nacht …«

»Spinnst du?«, unterbrach Garvey sie scharf. »Higher Barton hat noch nicht geöffnet.«

»Ach was, eines der Gästezimmer wird schon so weit hergerichtet sein, dass jemand darin übernachten kann«, widersprach Sandra.

»Ich glaube kaum, dass das Personal über solch unangemeldete Gäste« − er betonte das Wort abfällig − »erfreut sein wird.«

»Wenn es zu große Umstände macht«, sagte Ben, »dann lassen Sie uns einfach im nächsten Dorf raus. Wir werden schon irgendwo einen Platz für diese Nacht finden.«

»Auf gar keinen Fall, Sie kommen mit uns!« Sandra bohrte einen Zeigefinger in Garveys Rippen. »Mein Kollege meint es nicht so. Wir sind nur müde, da wir seit dem frühen Morgen unterwegs sind.«

»Nach zweihundert Yards nach links abbiegen, dann haben Sie Ihr Ziel erreicht«, erklärte in diesem Moment die sonore Stimme des Navis und enthob Garvey einer Antwort. Durch ein an beiden Seiten mit hohen Steinpfeilern flankiertes Tor, dessen metallene Flügel offen standen, bog der Wagen in eine Auffahrt, die nach einer halben Meile an einem Kiesrondell vor einem beeindruckenden Gebäude mit zwei Voll- und einem Dachgeschoss endete. Im Licht der Scheinwerfer sah Sandra zum ersten Mal ihre neue Wirkungsstätte. Im Firmenprospekt und im Internet hatte sie Fotos gesehen, in Wirklichkeit − und selbst bei Dunkelheit − sah Higher Barton noch beeindruckender aus.

»Das ist ein Hotel?«, rief Ben überrascht. »Wow! Sieht echt stark aus, nicht wahr, Tanya? Ich wollte schon immer in einem richtigen Schloss wohnen.«

»Ich glaube kaum, dass ihr euch einen Aufenthalt hier leisten könnt«, erwiderte Harris Garvey, »davon abgesehen, dass das Hotel noch nicht geöffnet hat.«

»Wenn Kreditkarten akzeptiert werden, sollte das kein Problem sein«, antwortete Ben kühl.

»Lasst uns erst mal reingehen«, sagte Sandra beschwichtigend. »Es ist fast Mitternacht, und ich glaube, wir sehnen uns alle nach ein paar Stunden Schlaf.«

Im Haus war alles dunkel, die Tür verschlossen. Harris Garvey öffnete sie mit der mitgebrachten Chipkarte, tastete nach dem Lichtschalter, und dann standen sie in einer hell erleuchteten Halle. Das Pärchen stieß Ausrufe des Erstaunens aus, und auch Sandra war von der Größe der Halle beeindruckt: Mit Eichenholz getäfelte Wände, an der Decke dunkle Holzbalken, ein mannshoher gemauerter Kamin, darüber eine Rosette aus alten Handfeuerwaffen. Auch wenn alles vorhanden war, was in einer modernen Hotelhalle erwartet wurde − Sandra fühlte sich um ein paar Jahrhunderte in die Vergangenheit zurückversetzt. Einzig der Geruch nach frischer Farbe trübte diesen Eindruck.

Ihr Eintreffen war nicht unbemerkt geblieben. Eine Frau kam die geschwungene Treppe herunter und fragte: »Was ist hier los?« Sie war groß und hager, Ende vierzig, das glatte, helle Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. »Wie kommen Sie ins Haus?«

»Ich nehme an, Sie sind Ms Dexter«, sagte Garvey und ging der Frau entgegen. »Ich bin Harris Garvey, Ihr Vorgesetzter, die Zentrale muss Ihnen mein Eintreffen mitgeteilt haben.«

Sandra knirschte verhalten mit den Zähnen, da Harris so tat, als wäre sie nicht vorhanden. Sie trat ebenfalls vor und sagte: »Entschuldigen Sie die späte Störung, Ms Dexter, leider standen wir stundenlang im Stau.«

Die wasserhellen Augen der Frau musterten Sandra abschätzend, und sie erwiderte: »Und Sie sind?«

»Sandra Flemming, die Assistentin von Mr Garvey.«

»Assistentin?« Unwillig runzelte Ms Dexter die Stirn. »Mir wurde keine Assistentin angekündigt.«

»Die Entscheidung fiel auch erst vor zwei Tagen«, antwortete Sandra. »Morgen werden wir in Ruhe über alles sprechen. Wenn Sie uns jetzt unsere Zimmer zeigen würden, wir sind sehr müde. Ach ja …» Mit einem Lächeln wandte Sandra sich an die beiden jungen Leute und dann wieder an Ms Dexter. »Gibt es ein Zimmer, das bewohnbar ist? Wir haben die ersten Gäste bereits mitgebracht.«

»Das ist sehr freundlich«, sagte Ben. »Wir wüssten sonst nicht, wo wir diese Nacht verbringen sollen.«

Den Blicken von Eliza Dexter war anzusehen, was sie von den Studenten in den nicht gerade sauberen Klamotten, mit den Tattoos und den Piercings hielt. Sie trat hinter den Tresen, nahm eine Zimmerkarte und sagte: »Ich verstehe zwar nur die Hälfte, aber Zimmer drei ist so weit gerichtet. Es ist im ersten Stock auf der rechten Seite. Ihr Raum, Mr Garvey, befindet sich im Dachgeschoss im Westflügel. Auf diesem Korridor weiter hinten gibt es noch ein freies Zimmer. Das können Sie nehmen, Ms Flemming, es ist aber nicht fertig, da ich, wie gesagt, über Ihr Kommen nicht informiert wurde.«

Ben schnappte sich die Karte mit der Nummer 3 und erklärte: »Machen Sie sich wegen uns keine Umstände, wir kommen zurecht.«

Seine Freundin und er schulterten die Rucksäcke und gingen die Treppe hinauf. Als sie außer Hörweite waren, sagte Harris Garvey: »Mir wurde gesagt, für den Manager stünde im Park ein Cottage bereit. Mir, als Chef, ist es nicht zuzumuten, zusammen mit den Angestellten auf einer Etage zu wohnen.«

Sandra bewunderte Eliza Dexter, die ruhig antwortete: »Mr Henderson hat offenbar vergessen, Ihnen mitzuteilen, dass die Renovierung des betreffenden Cottages noch nicht abgeschlossen ist. So lange werden Sie mit einem Zimmer hier im Haus vorliebnehmen müssen. Es steht Ihnen natürlich frei, im Garten ein Zelt aufzuschlagen, wenn Sie befürchten, durch unsere Anwesenheit auf demselben Korridor über Gebühr belästigt zu werden.«

Schnell drehte Sandra den Kopf zur Seite, damit Harris ihr Grinsen nicht bemerkte.

»Sie sollten daran denken, wen Sie vor sich haben, Ms Dexter«, zischte Harris, »und Ihre Zunge, die übrigens ebenso spitz wie Ihr Kinn ist, im Zaum halten. Gut, heute Nacht bin ich zu erschöpft, um weiter darüber zu diskutieren. Ich werde aber prüfen, inwieweit sich die Renovierung beschleunigen lässt, und von Ihnen, Ms Dexter, erwarte ich künftig mehr Respekt.«

»Jeder erhält den Respekt, den er verdient«, antwortete Eliza Dexter hochnäsig, und Garvey verschlug es tatsächlich die Sprache, als sie hinzufügte: »Mir ist das jetzt zu dumm, ich gehe wieder ins Bett und wünsche eine angenehme Nachtruhe. Vergessen Sie nicht, die Haustür von innen zu verriegeln, bevor Sie hinaufgehen.«

Ohne Garvey oder Sandra noch einen Blick zu schenken, lief Eliza die Treppe hinauf, aber Sandra hörte sie noch murmeln: »Unmöglich, einfach drei Personen mehr als erwartet. Wie soll ich unter solchen Umständen anständig arbeiten können?«

Als Sandra sah, wie Harris seine Hände zu Fäusten ballte, flüsterte sie: »Bitte, lass uns die Zimmer suchen und dann endlich schlafen. Morgen werden wir uns um alles kümmern.«

Garvey zog nur verärgert eine Augenbraue hoch, ließ Sandra stehen und holte seine Sachen aus dem Wagen. Sandras Gepäck ließ er im Kofferraum, sodass sie noch mal in den Regen hinauslaufen musste, um ihren Trolley und die Reisetasche ins Haus zu bringen. Mühsam schleppte sie das Gepäck ins Dachgeschoss hinauf. Einen Aufzug gab es nicht, denn der entsprechende Umbau hätte den Charakter des Hauses zerstört.

Auf dem letzten Absatz hatte Garvey dann doch ein Einsehen und nahm Sandra die Tasche ab. »Ich will ja nicht, dass du zusammenklappst«, brummte er, »uns erwartet schließlich viel Arbeit, und ich möchte eine einsatzfähige Angestellte haben.«

Sandra verzichtete auf den Hinweis, dass sie nicht seine Angestellte, sondern seine Assistentin war. An der ersten Tür auf der rechten Seite in dem schmalen und niedrigen Korridor stand bereits Garveys Name an der Tür, gegenüber der von Eliza Dexter. Der letzte Raum links war noch unbewohnt. Sandra hatte keinen Blick für die Einrichtung. Vor Müdigkeit konnte sie sich kaum noch auf den Beinen halten und sehnte sich nach einem Bett. Bevor sie einschlief, dachte sie an Eliza Dexter und hoffte, die Frau würde sich gegenüber Harris kooperativer verhalten, sonst wäre Ärger vorprogrammiert.

VIER

Die Hotelküche war geräumig und mit allen modernen Geräten und vier Herden ausgestattet. Eine Tür führte direkt nach draußen in einen Innenhof, eine weitere zu den Lager- und Kühlräumen.

Eliza Dexter, gekleidet in ein graues Kostüm und in eine hochgeschlossene weiße Bluse, bereitete Tee und Kaffee zu, stellte aber nur einen Teller mit Toast, Butter und Marmelade auf den Tisch. Sandra trank erst einmal eine Tasse Kaffee, dann sah sie die Mitarbeiterin an.

»Unser nächtliches Erscheinen muss Sie erschreckt haben, Ms Dexter«, sagte sie freundlich. »Ich möchte mich nochmals entschuldigen. Wir hätten anrufen sollen, dass wir uns verspäten werden.«

»Ich verstehe nicht, warum Mr Henderson eine Assistentin der Geschäftsleitung nicht erwähnt hat«, erwiderte Eliza Dexter mit unverhohlener Missbilligung. »Ich hoffe, Sie haben Ihr Zimmer gefunden und sind damit zufrieden.«

»Es ist alles bestens«, versicherte Sandra. »Die Angestellten bewohnen alle das Dachgeschoss?«

»Diejenigen, die Zimmer im Haus haben, ja«, antwortete Eliza Dexter. »Das sind außer uns dreien noch der Koch und eine Küchenhilfe. Die Kellner und Zimmermädchen sind aus der Gegend und wohnen zu Hause.« Eine steile Falte über der Nasenwurzel, fuhr sie fort: »Ich hoffe, Mr Garvey hat die Nacht überstanden, ohne größere Schäden davonzutragen, weil er in einem einfachen Zimmer nächtigen musste.«

»Ms Dexter, bitte«, lenkte Sandra ein, in diesem Moment betrat Harris jedoch die Küche.

»Ich habe Ihre Worte gehört, Eliza«, sagte er kühl, »und vor wenigen Minuten mit Mr Henderson telefoniert. Er hat mir zugesichert, dass das Cottage spätestens in zwei Wochen bezugsfertig sein wird.«

»Dann ist ja alles gut«, sagte Sandra schnell, sah zu Eliza und wollte ihr mit Blicken zu verstehen geben, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen.«

Eliza Dexter schien zu verstehen, denn sie wechselte das Thema und fragte: »Was ist eigentlich mit diesen gepiercten Gestalten? Bleiben die länger im Haus?«

»Die Schnapsidee, diese beiden … Landstreicher« − Garvey warf Sandra einen verärgerten Blick zu − »aufzugabeln und hier einzuquartieren, stammt nicht von mir, das möchte ich klarstellen. Wir müssen sie so schnell wie möglich wieder loswerden, und die eine Nacht werden wir ihnen natürlich berechnen.«

»Harris, kannst du nicht ein Mal etwas Uneigennütziges tun?«, fragte Sandra. »Ein Mal über deinen Schatten springen und jemandem helfen, ohne dass gleich Dollarzeichen in deinen Augen blinken?«

»Ein Hotel ist keine Wohltätigkeitseinrichtung«, erwiderte Garvey kühl, »außerdem zielt unser Interesse auf eine andere Klientel ab. Wer weiß, ob die nicht sogar Drogen dabeihaben?«

»Jetzt übertreibst du wirklich …«

»Können wir nun über unsere Aufgaben sprechen?«, unterbrach Eliza Dexter, die Finger um ihre warme Tasse gelegt. Sie hatte noch nichts gegessen, während Garvey sich bereits die dritte Scheibe Toast, dick bestrichen mit Butter und Erdbeermarmelade, schmecken ließ.

Sandra sagte: »Es tut mir leid, dass Sie über die Entscheidung der Zentrale, eine Assistentin einzustellen, nicht informiert worden sind.«

»Sandra, kannst du endlich damit aufhören, dich ständig zu entschuldigen?«, fuhr Garvey sie an. »Ms Dexter ist unsere Angestellte, sie hat sich mit den Gegebenheiten abzufinden, und wir sind ihr keine Rechenschaft schuldig.« Er sah Eliza Dexter an und fuhr fort: »Für das Betriebsklima ist es besser, wenn wir uns mit den Vornamen ansprechen. Ich bin Harris, und das ist Sandra. Um eines gleich klarzustellen: Ihr werdet miteinander auskommen, verstanden? Ich dulde keinen Zickenkrieg.«

Eliza Dexters Miene ließ nicht erkennen, was sie über Harris‘ Anweisung dachte. Sie tat Sandra ein wenig leid. Nicht nur, dass Eliza hager und ihre Figur mit wenig weiblichen Attributen ausgestattet war, sie hatte auch einen leichten Überbiss, vorstehende Schneidezähne und ein spitzes Kinn. Ihre Haarfarbe erinnerte an einen schmuddeligen Sandstrand, der Dutt und das graue Kostüm verliehen ihr das Erscheinungsbild einer missmutigen Gouvernante aus dem vorletzten Jahrhundert.

»Tatsächlich bin ich über Ihre Position überrascht, Ms Flemming … Sandra«, gab Eliza unumwunden zu. »Wie soll sich Ihre Tätigkeit gestalten? Was werden Ihre Aufgaben sein?«

Garvey ließ Sandra keine Chance, zu antworten, und sagte rasch: »Sie ist meine persönliche Assistentin und in allen Belangen mir unterstellt. In erster Linie wird sich Sandra um das Wohl der Gäste kümmern und ein wachsames Auge auf das Personal haben.«

»Und wofür bin ich dann zuständig? In den Häusern, in den ich bisher tätig war, kümmerte sich die Rezeptionistin um die Belange der Gäste und ebenso um das Personal.« Eliza sah Harris herausfordernd an.

»Nun, ich denke, das ist klar. Sie, Eliza, sind die Concierge, oder vielmehr die Conciergerine, wie man Frauen in dieser Position wohl nennen muss.« Harris lachte, er war der Einzige, der diesen Scherz lustig fand, Elizas und Sandras Mienen blieben unbewegt. Er fuhr fort: »Allerdings sollten Sie eine weniger strenge Frisur tragen und sich auch flotter kleiden. In der Gegend gibt es sicher einen guten Friseur. Gegen Ihre Zähne lässt sich wohl nichts machen, oder? An der Rezeption sind Sie immerhin das Aushängeschild dieses Hauses.«

»Harris, bitte …», warf Sandra peinlich berührt ein, und Eliza sagte, eine leichte Röte auf den Wangen: »Es tut mir leid, wenn mein Äußeres Ihrem persönlichen Geschmack nicht entspricht. Ich bin jedoch der Überzeugung, Freundlichkeit und Aufmerksamkeit wissen die Gäste mehr zu schätzen als ein hübsches Gesicht und ebenmäßige Zähne.« Ein Seitenblick, den man durchaus verächtlich nennen könnte, streifte Sandra.

Sandra seufzte verhalten. Das Gefühl von letzter Nacht, dass eine Zusammenarbeit mit Eliza nicht einfach werden würde, kehrte zurück. Sie war aber nicht nach Cornwall gekommen, um Freundschaften zu schließen, und schlussendlich zählte Eliza Dexters fachliche Kompetenz.

»Mit der Zeit wird sich alles einspielen, wir müssen uns erst einmal kennenlernen«, sagte Sandra diplomatisch. »Die Eröffnung ist in wenigen Tagen, bis dahin gibt es noch viel zu tun. Berichten Sie mir bitte von dem restlichen Personal, Eliza. Die Leute haben Sie ausgewählt, nicht wahr?«

Eliza nickte. »Diesbezüglich wurde mir vom Vorstand freie Hand gelassen. Der Koch und die Küchenhilfe treffen im Laufe des Tages ein. Darüber hinaus habe ich drei Zimmermädchen, zwei Kellner und einen Barkeeper eingestellt. Dann gibt es noch ein Ehepaar, das ein Cottage im Park bewohnt.«

»Was sind das für Menschen«?, fragte Harris. »Sind sie ebenfalls im Hotelbetrieb tätig?«

Elizas Lippen wurden schmal, als sie erwiderte: »Der Mann ist handwerklich recht geschickt, und die Frau ist bereit, auszuhelfen, sollte Bedarf bestehen, zum Beispiel bei größeren Veranstaltungen oder wenn von den anderen jemand krank werden sollte. Die vorherige Besitzerin des Hauses bestand auf ein lebenslanges Wohnrecht für das Ehepaar, sonst hätte sie Higher Barton und die Ländereien nicht verkauft. Das Cottage mit einem kleinen Stück Land ist Eigentum des Ehepaars Penrose, gehört also nicht zum Hotel.«

Auch Sandra überraschte diese Mitteilung, die Mr Henderson im Vorfeld nicht erwähnt hatte, Garvey rief allerdings ärgerlich: »Na bravo, dann können wir diesen Teil des Parks also nicht nutzen. Ich werde mit den Leuten sprechen. Es wird wohl möglich sein, sie zum Umzug zu bewegen.«

»Das wage ich zu bezweifeln«, erwiderte Eliza, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen. »Mrs Penrose weiß ganz genau, was sie will und was ihre Rechte sind.«

»Wir werden sehen. Ich will auf jeden Fall noch heute eine Liste mit den Namen aller Angestellten«, forderte Harris, »und jetzt führen Sie uns durch das Haus.«

Kannst du nicht bitte sagen?, lag es Sandra auf der Zunge. Zum ersten Mal zweifelte sie daran, ob es richtig gewesen war, das Angebot anzunehmen und künftig eng mit Harris zusammenzuarbeiten.

Garvey verließ als Erster die Küche, und Sandra raunte Eliza zu: »Er meint es nicht so. Wenn man ihn erst näher kennt, weiß man, wie man mit ihm umgehen muss.«

»Ich hab Sie nicht um Ihre Meinung gebeten«, antwortete Eliza mit einem hochmütigen Blick und ließ die Flügel der Schwingtür hinter sich zufallen, ohne auf Sandra Rücksicht zu nehmen.

Das Herrenhaus Higher Barton, erbaut in der Mitte des 16. Jahrhunderts, war über vierhundertfünfzig Jahre im Besitz derselben Familie gewesen. Erst die vorletzte Eigentümerin, Lady Abigail Tremaine, hatte das Anwesen einer Cousine übereignet, da sie keine Nachkommen und ihren Wohnsitz inzwischen dauerhaft in Südfrankreich hatte. Diese Verwandte hatte nicht selbst hier gelebt, sondern das Haus für Veranstaltungen und Feste vermietet und für diesen Zweck einige der über dreißig Räume als Gästezimmer umgestaltet. Nun hatte die ältere Dame England ebenfalls verlassen und Higher Barton der Hotelkette Sleep und Stay Gorgeous verkauft. Obwohl zahlreiche Generationen das Haus immer wieder umgebaut hatten, war der ursprüngliche Charakter eines herrschaftlichen Anwesens aus Zeiten Königin Elisabeth I. erhalten geblieben: Zu Ehren der jungfräulichen Königin zeigten die Grundmauern die Form eines E. Die große Halle war über die Jahrhunderte nahezu unverändert geblieben, und die meisten Fensterscheiben waren auch heute noch in Blei gefasst. In Ermangelung eines Kellers wurden im 19. Jahrhundert an der Ostseite weitläufige Wirtschaftsräume angebaut, die inzwischen den Anforderungen eines modernen Hotelbetriebs angepasst worden waren.

»Wir haben zwölf Standardgästezimmer«, erklärte Eliza Dexter während des Rundgangs durch das Haus. »Zusätzlich ein Hochzeitszimmer und zwei Suiten. Selbstverständlich sind alle Räume mit eigenen Bädern ausgestattet.« Sie waren im Westflügel im ersten Stock angelangt. Eliza öffnete die Tür am Ende des Korridors und ließ Harris und Sandra vor sich eintreten. »Das ist das Hochzeitszimmer.«