Das Flüstern der Wände - Rebecca Michéle - E-Book
Beschreibung

Cornwall 1940: Um den Bombenangriffen auf London zu entgehen, bringt Robert Carlyon seine Familie nach Cornwall, wo sie auf dem Landsitz Higher Barton eine Bleibe finden. Während Roberts Frau und sein Sohn sich zunächst schwer in das Landleben einfügen, ist die siebzehnjährige Eve von dem Herrenhaus sofort begeistert. Doch nachts meint sie, jemanden ihren Namen rufen zu hören. Eve erfährt, dass Mitte des 19. Jahrhunderts die junge Evelyn Tremaine spurlos verschwunden ist. Seitdem soll ihr Geist in den Mauern umgehen. Welches Geheimnis birgt Higher Barton und welche Rolle spielt der alte Lord Tremaine? Eve beginnt nachzuforschen und stößt auf eine unglaubliche Geschichte, die auch ihr eigenes Leben nachhaltig verändern wird.

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Seitenzahl:397

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Beliebtheit


Das Flüstern der Wände

von Rebecca Michéle

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Eve - Cornwall, Herbst 1940

Evelyn - Cornwall, April 1850

Eve - Cornwall, April 1940

Evelyn - Cornwall, Juni 1850

Eve - Cornwall, Herbst 1940

Evelyn - Cornwall, August 1850

Eve - Cornwall, Herbst 1940

Epilog

Impressum

Weitere Abenteuer auf Higher Barton

Prolog

Higher Barton, Cornwall – 1837

Stolz betrachtete er seinen neuen Sohn. Der Achtjährige saß auf dem Teppich und spielte mit seinen Bauklötzen. Er hatte sich schnell in seinem neuen Zuhause eingelebt. In ein paar Jahren würde er den Jungen nach Eton schicken. Das war Tradition in der Familie. Er selbst, sein Vater, sein Großvater und zuvor deren Väter hatten diese exklusive Ausbildung ebenfalls genossen. Im Anschluss folgte ein Studium in Oxford oder Cambridge und schließlich ein großes Erbe. Vor dem Jungen lag eine glänzende Zukunft.

In seiner Vorstellung malte er sich für den Jungen weitere Pläne aus und dachte dabei auch an seine Tochter. Sie war erst vier Jahre alt, aber schon jetzt ein äußerst aufgewecktes Mädchen, das zu einer Schönheit heranwachsen würde. Der Altersunterschied zwischen den Kindern war perfekt. Er war fest entschlossen, dass sie – wenn die Zeit gekommen war – einander heiraten und Higher Barton somit in der Familie bleiben würde.

Auch wenn der Junge nicht sein eigen Fleisch und Blut war – er wollte ihn lieben wie einen eigenen Sohn. Und schließlich war seine Frau noch jung und gesund, also hoffte er auf weitere Kinder, am besten Söhne, wobei ihm auch ein zweites Mädchen willkommen wäre. Hauptsache, das große Herrenhaus würde sich mit Kinderlachen füllen.

Er beugte sich hinunter und strich dem Jungen über das weiche, dunkelblonde Haar. Dieser sah ihn aus großen, hellbraunen Augen vertrauensvoll an.

„Daddy!“

Gerührt wandte er sich ab. Alles würde sich zum Guten wenden. Das Tal der Tränen war durchschritten, und das Leben war wieder lebenswert.

Nachdem er das Kinderzimmer verlassen hatte, griff er in seine Westentasche und holte ein kleines, ovales Bild hervor. Er zögerte, wusste, es war an der Zeit, sich nicht länger in der Vergangenheit zu verlieren, sondern in die Zukunft zu blicken. Trotzdem betrachtete er lange die Miniatur, die kaum größer als seine Handinnenfläche war. Der Maler hatte jede Einzelheit des anmutigen Gesichts mit dem Pinsel festgehalten und die einzigartige Schönheit seiner ersten, viel zu früh verstorbenen Frau auf die Leinwand gebannt. Das schmale Gesicht, die porzellanweiße Haut, die großen, blauen Augen mit den sanft geschwungenen Brauen und die vollen Lippen. Sie lächelte nicht, strahlte aber trotzdem Glück und Freude aus, und ihm war, als würde sie jeden Moment zu ihm sprechen. Schwer atmend lehnte er sich gegen die Wand.

„Eleonor …“ Es war nicht mehr als ein heiseres Flüstern „Ich musste wieder heiraten, unsere Tochter brauchte eine Mutter. Das verstehst du doch? Bitte, verzeih mir.“

Er ließ seinen Tränen freien Lauf, sicher, dass ihn hier niemand sehen würde, denn ein Mann weinte nicht, auch nicht, wenn er die große Liebe seines Lebens verloren hatte. Entschlossen steckte er die Miniatur in die Tasche zurück. Vernichten konnte er sie nicht, das brachte er nicht übers Herz. Es lag ein neuer Lebensabschnitt vor ihm, und er musste die Vergangenheit ruhen lassen. Sein kleines Mädchen würde ihn immer an Eleonor, ihre Mutter, die sie nie kennengelernt hatte, erinnern, und er würde sie nie vergessen können …

Eve

Cornwall, Herbst 1940

1

Je weiter sie nach Westen kamen, desto mehr brach die Sonne durch die Wolken. Am Vormittag, als sie in London aufgebrochen waren, hatte es in Strömen geregnet, trotzdem war ihr der Abschied schwergefallen, denn Eve hatte keine Ahnung, wann sie in die Stadt zurückkehren konnten. In diesen Zeiten wusste niemand, was die Zukunft bringen würde, man versuchte einfach, die Tage, und vor allen Dingen die Nächte, zu überleben. Bis auf ein oder zwei Wochen während der vergangenen Sommer, die die Familie in einem der Seebäder an der Kanalküste verbrachten, hatte Eve die Großstadt nie verlassen. Die Siebzehnjährige liebte die hektische Betriebsamkeit der Metropole, die breiten Boulevards, die grünen, stillen Parkanlagen ebenso wie die zahlreichen historischen Bauten, in denen die Vergangenheit lebendig wurde. Seit ein paar Wochen war jedoch alles anders. London war nicht länger das starke, mächtige und uneinnehmbare Bollwerk Großbritanniens. Nacht für Nacht heulten die Sirenen, die Menschen flüchteten vor den Bomben in die Luftschutzkeller, um dort auszuharren, zitternd aneinandergekauert, die Gasmasken vors Gesicht gepresst und nicht wissend, ob ihr Haus und ihr Hab und Gut noch vorhanden sein würde, wenn Entwarnung gegeben wurde. London brannte, und unter der Bevölkerung machte sich langsam, aber sicher Panik breit.

„Ihr müsst hier weg“, hatte vor einigen Tagen Eves Vater, Robert Carlyon, gesagt. „Ich bringe euch so schnell wie möglich zu Verwandten aufs Land.“

Ihr – das waren neben Evelyn, die von allen nur liebevoll Eve genannt wurde, ihr drei Jahre jüngerer Bruder Mickey und ihre Mutter Melanie, die wegen der Bombenangriffe einem Nervenzusammenbruch nahe war. So erhob niemand Einwände dagegen, die Stadt zu verlassen, auch wenn das die Trennung von Robert bedeutete. Unmittelbar nachdem Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hatte, hatte sich Robert Carlyon zum Kriegsdienst gemeldet. Als aufstrebender Politiker wurde er jedoch nicht an die Front geschickt, sondern bekam einen Posten im Kriegsministerium. Eve wusste nicht, mit welchen Aufgaben ihr Vater dort betraut war, denn selbst gegenüber seiner Familie war er zur Verschwiegenheit verpflichtet.

„Wann sind wir endlich da?“ Mickey versuchte, seine Beine auszustrecken. Für einen Vierzehnjährigen war er hochgewachsen, und das stundenlange Sitzen im Fond des Rovers war alles andere als bequem. „Außerdem habe ich Hunger.“

„Ein oder zwei Stunden wird es noch dauern“, antwortete Robert. „Wir werden bei Okehampton eine Pause machen und etwas essen.“

„Lieber nicht.“ Melanie Carlyons Stimme war so zart wie ihre ganze Erscheinung. „Lass uns bitte durchfahren, damit wir ankommen, bevor es dunkel wird.“

Mit der linken Hand berührte Robert kurz den Arm seiner Frau. „Du brauchst keine Angst zu haben, meine Liebe, hier wird uns nichts geschehen. Bisher haben die Deutschen nur die großen Städte angegriffen.“

Melanie seufzte, drehte den Kopf zur Seite und starrte auf die vorbeiziehende Landschaft, die sich, obwohl es Herbst war, in saftigem Grün und üppiger Vegetation präsentierte. Bedingt durch den Golfstrom, kam im Westen Englands der Herbst später, und kalte, schneereiche Winter waren eher selten.

Sie passierten kleine, zum Teil strohgedeckte Cottages in dem für die Gegend typischen grauen Granit. Auf den grünen Wiesen weideten braune und gescheckte Kühe und Schafe mit schwarzen Köpfen, die wegen ihres weißen Fells wie willkürlich verteilte Wattetupfen wirkten. Es herrschte wenig Verkehr, und über der Landschaft lag eine friedliche Ruhe, die es unvorstellbar machte, dass Tag für Tag und Nacht für Nacht in den Groß- und Hafenstädten die Häuser brannten und Menschen starben. Eve wusste von der panischen Angst ihrer Mutter, mitten auf der Straße von Kampfflugzeugen angegriffen zu werden. Melanie Carlyon hatte allerdings vor allem und jedem Angst, sie fürchtete sich sogar vor einer harmlosen, kleinen Spinne an der Wand.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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