Der Tod schreibt mit - Rebecca Michéle - E-Book

Der Tod schreibt mit E-Book

Rebecca Michéle

4,4

Beschreibung

Der Schriftsteller Clark Kernick wird brutal erschlagen in seinem Cottage aufgefunden. Für die Polizei ist der Täter schnell gefunden - Harrison Hickery. Dessen Ehefrau hatte eine Affäre mit dem Autor und deswegen ihren Mann verlassen. Als sich Harrison in der Untersuchungshaft das Leben nimmt scheint der Fall gelöst. Doch dann entdeckt Mabel Clarence ein Geheimnis - und begibt sich dabei selbst in tödliche Gefahr. Very British - ein weiterer spannender Krimi im nicht immer idyllischen Cornwall und der zweite Band der Mabel-Clarence-Reihe.

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Wendolin67

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Orte und Personen

Impressum

1

Jeden Nachmittag um exakt fünf Uhr richtete Mabel Clarence das Tablett für den High Tea, wie auch an diesem neblig-trüben Mittwoch Anfang Dezember: zwei süße, warme Scones, Erdbeermarmelade, eine ordentliche Portion Clotted Cream und natürlich eine Kanne Darjeeling-Tee – den trank Victor Daniels am liebsten. Der Tierarzt nahm den Tee samt Gebäck deshalb so spät zu sich, weil er nicht zu Abend aß, jedenfalls nicht viel. Er bevorzugte ein reichhaltiges Frühstück und ein ebensolches Mittagessen. Mabel war das recht, so musste sie am Abend nicht kochen, und ihre Arbeit war nach dem Tee beendet. Besonders heute kam ihr das sehr gelegen, da sie sich für den Abend etwas vorgenommen hatte.

Das Tablett in den Händen stieg sie vorsichtig die steilen Stufen hinunter, die von Victors Wohnräumen in die Praxis führten. Mit dem rechten Ellenbogen drückte sie auf die Klinke der Tür zum hellen, modern eingerichteten Behandlungszimmer.

„Ihr Tee, Victor.“

Der grauhaarige Tierarzt schaute auf und lächelte. „Ah, ist es schon wieder so spät?“

„Exakt fünf Uhr, wie immer.“ Mabel lächelte und stellte das Tablett auf den Schreibtisch, schenkte aus der Kanne Tee ein und schnitt einen Scone in der Mitte durch.

Victor sah zum Fenster und seufzte. „Draußen ist es schon dunkel. Ach, ich mag trübe Tage gar nicht, besonders dann nicht, wenn es auch tagsüber nicht richtig hell wird.“ Dann widmete er sich dem duftenden Backwerk. „Ist das immer noch Ihre selbst gemachte Erdbeermarmelade?“

„Selbstverständlich!“ Mabel gab sich entrüstet. „Im Sommer habe ich so viel eingekocht, dass es auf jeden Fall bis zum nächsten Frühjahr reicht.“

Victor bestrich eine Hälfte des Scones dick mit der hellroten Marmelade, gab darüber eine etwa doppelt so dicke Schicht Clotted Cream und biss hinein. „Köstlich!“ murmelte er mit vollem Mund. „Schon wegen des Cream Teas lohnt es sich, in Cornwall zu leben. Nirgendwo sonst schmeckt er so köstlich.“

Mabel verzichtete auf die Bemerkung, Victor sei ihres Wissens nach nur wenig gereist und könne die Speisen in anderen Regionen daher kaum beurteilen. Außerdem war sie in Eile. Sie blickte auf ihre Armbanduhr. „Ich geh dann jetzt, Victor.“

„So früh heute?“

Mabel nickte. „Heute ist doch die Autorenlesung in Higher Barton. Vor zwei Tagen habe ich Ihnen gesagt, dass ich heute pünktlich gehen muss. Das Geschirr spüle ich morgen früh ab.“

„Richtig, dieser Schreiberling stellt sein neues Werk vor. Ich wusste gar nicht, dass Sie sich für so etwas interessieren.“ Victor biss abermals herzhaft in seinen Scone.

„Es soll sich um einen historischen Roman handeln“, antwortete Mabel. „Eigentlich nicht unbedingt mein Geschmack, doch ich möchte sehen, wie die Veranstaltung im Herrenhaus ankommt.“

„Sicher ebenso gut wie das Treffen der West-Country-Dermatologen im Sommer und die Hochzeit vor fünf Wochen.“ Victor schenkte sich eine zweite Tasse Tee ein, nahm einen Schluck und fuhr dann fort: „Es war eine gute Idee, Higher Barton der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.“

In diesem Moment ertönte die Praxisklingel. Victor, genüsslich am zweiten Scone kauend, runzelte die Stirn. „Verflixt, die Praxis ist am Mittwochnachmittag doch geschlossen.“

„Sicher ein Notfall“, entgegnete Mabel und ging zur Tür. „Ich kümmere mich darum, Diana ist ja schon gegangen.“

Diana Scott war Victors Sprechstundenhilfe, die stundenweise in der Praxis arbeitete. Ohne eine Antwort abzuwarten, denn Victor Daniels würde niemals ein notleidendes Tier abweisen, nur weil er Feierabend hatte, öffnete sie die Tür. Draußen stand der wohl am seltsamsten gekleidete Mann, den Mabel je gesehen hatte. Wie sie im schwachen Licht der über der Tür angebrachten Lampe erkennen konnte, trug er über einer lilafarbenen Cordhose eine fleckige grüne Jacke. Ein hellgelbes Tuch war um seinen Hals geschlungen, und auf dem Kopf saß eine braune Kappe, die ebenso wie seine restliche Kleidung lange keine Waschmaschine mehr von innen gesehen haben konnte. Die Wangen seines langen, schmalen Gesichtes waren eingefallen und voller grauer Bartstoppeln. Dies alles erfasste Mabel binnen weniger Sekunden, dann wurde ihre Aufmerksamkeit auf den Hund gelenkt, den der Mann in den Armen trug.

„Ist der Doc da?“

Unwillkürlich zog Mabel die Nase hoch, als sie seine Alkoholfahne roch.

„Debby ist verletzt, sie blutet stark.“

„Kommen Sie rein, Hickery.“ Der Tierarzt war hinter Mabel getreten. „Was ist es dieses Mal?“

„Ach, Doc, Debby ist in Scherben getreten. Irgendwelche blöden Teenies haben am Rand von Roger’s Wood Flaschen weggeschmissen, und als Debby jagen wollte ...“ Die Stimme des Mannes nahm einen weinerlichen Unterton an. „Sie hat schon so viel Blut verloren ... Ich habe Angst, Doc, Debby ist doch mein Ein und Alles.“

Das um die rechte Vorderpfote des Hundes gewickelte und nicht gerade saubere Geschirrtuch war blutdurchtränkt, und die Augen des Hundes waren halb geschlossen. Das arme Tier – offenbar war es ein Mischling, denn Mabel konnte seine Rasse nicht einordnen – musste große Schmerzen leiden und schien sehr schwach.

Sie tauschte einen Blick mit Victor. „Soll ich ... ?“

Er nickte, und Mabel eilte voraus in das Behandlungszimmer, um alles vorzubereiten. Es war nicht das erste Mal, dass sie dem Tierarzt assistierte. Eigentlich war sie als Haushälterin bei ihm angestellt, aber immer wieder kamen Notfälle außerhalb der offiziellen Praxiszeiten, und Mabel sprang dann gerne ein. Über vierzig Jahre hatte sie als Krankenschwester gearbeitet, und als sie vor zwei Jahren in Pension gegangen war, hatte ihr diese Tätigkeit gefehlt. Vergessen war die Autorenlesung, zu der Mabel eigentlich schon längst unterwegs sein sollte, denn hier benötigte eine arme Kreatur unverzüglich Hilfe.

Im grellen Licht der Untersuchungslampe sah sich Victor die Pfote der Hündin an. Debby verhielt sich auffällig ruhig, sie zuckte und jaulte nur kurz, als Victor das Blut von der Verletzung tupfte.

„Es handelt sich um drei tiefe Schnitte“, sagte er dann. „Sie hat zwar viel Blut verloren, wird es aber überleben. Ich werde die Wunden nähen, und Sie müssen dafür sorgen, dass Debby die nächsten zwei Wochen die Pfote so wenig wie möglich belastet. Dann wird sie bald wieder völlig in Ordnung sein.“

Der Mann wischte sich fahrig über die Augen, als wollte er seine Tränen verbergen. „Danke, Doc, ich könnte es nicht ertragen, Debby auch noch zu verlieren. Sie liebt mich so, wie ich bin.“ Traurigkeit und ein bitterer Unterton mischten sich in seine Worte.

Mabel konzentrierte sich auf den Hund, und sie und Victor arbeiteten Hand in Hand, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Mabel reichte ihm die aufgezogene Spritze mit der Lokalanästhesie, Desinfektionsmittel und schließlich Nadel und Faden. Debby gab keinen Mucks von sich. Wenig später prangte ein dicker, weißer Verband an ihrer Pfote, und Victor strich der Hündin sanft über die dunkle Schnauze.

„Das war’s, meine Kleine, hast du brav gemacht.“ Seine sonst eher barsche Stimme nahm den zärtlichen, beinahe liebevollen Klang an, den Mabel kannte, wenn Victor mit seinen Patienten sprach. „In ein paar Wochen bist du wieder ganz die Alte.“

„Danke, Doc.“ Der bunt gekleidete Mann räusperte sich verlegen.

„Kommen Sie am Freitagvormittag zum Verbandswechsel“, sagte Victor. „Und achten Sie darauf, dass Debby sich so wenig wie möglich bewegt.“

Der Mann nickte, nahm seine schmuddelige Kappe ab und senkte den Blick. „Wegen der Kosten ... also, Doc ... ich ... nächsten Monat ganz bestimmt ...“

„Lassen Sie es gut sein, Hickery. Ich weiß, dass Sie mich nicht bezahlen können. Sehen Sie lieber zu, dass Sie selbst nicht vom Fleisch fallen.“

„Danke, Doc“, wiederholte er, nahm die Hündin auf die Arme, und Mabel begleitete ihn zur Tür. Als Hickery in der Dunkelheit verschwunden war, wandte sie sich fragend an Victor.

„Wer war denn das? Sie scheinen ihn zu kennen.“

Victor Daniels nickte. „Harrison Hickery, eine arme Kreatur. Lebt völlig zurückgezogen, kann sich kaum selbst ernähren, für seine Tiere tut er aber alles.“

„Tiere?“

„Außer dieser Hündin treiben sich auf seinem Grundstück noch Katzen, Kaninchen und Meerschweinchen herum. Außerdem hat Hickery eine Begabung, verletzte Vögel zu finden und sie gesund zu pflegen. Erst vor vier Wochen kam er mit einer Möwe, die einen gebrochenen Flügel hatte.“

„Und er kann Ihre Dienste nicht bezahlen“, wiederholte Mabel. „Sie aber sind so großzügig und nett, die Tiere kostenlos zu behandeln.“

„Bin nicht nett.“ Knurrig drehte sich Victor um. „Ist meine Pflicht. Die Viecher können schließlich nichts dafür, wenn ihr Herrchen sein Leben nicht in den Griff kriegt.“

Still lächelte Mabel in sich hinein. Da war er wieder, der Victor Daniels, den sie vor einem halben Jahr kennengelernt hatte. Brummig, verschlossen und bemüht, sich nur ja keine Gefühlsregung anmerken zu lassen. Eine andere Seite zeigte er jedoch im Umgang mit Tieren. Victor war mit Leib und Seele Tierarzt und schenkte seine ganze Zuneigung den Tieren, denn eine Frau gab es nicht in seinem Leben.

„Oh, jetzt muss ich mich aber sputen.“ Mabel griff nach ihrem Mantel, der an einem Haken im Flur hing. „Eigentlich wollte ich mich ja noch umziehen, aber jetzt fahre ich gleich nach Higher Barton raus, dann bekomme ich wenigstens noch einen Teil der Lesung mit.“

„Na, dann viel Spaß“, sagte Victor.

„Wollen Sie nicht mitkommen?“ Der Schalk sprach aus Mabels Blick. „Etwas Literatur würde Ihnen nicht schaden.“

Mit gerunzelter Stirn gab Victor zurück: „Ich denke, unsere Auffassung von dem, was Literatur ist, geht ziemlich auseinander. Mit Tintenklecksern von schwülstigen Romanen kann ich nichts anfangen. Außerdem wird heute das Champions-League-Spiel zwischen Manchester und den Bayern aus Deutschland übertragen, das möchte ich mir nicht entgehen lassen.“

„Seit wann favorisieren Sie Manchester United?“, fragte Mabel erstaunt, obwohl sie in Eile war. Victor schaffte es immer wieder, sie zu verblüffen. „Ich dachte, Ihre Lieblingsmannschaft wäre Liverpool?“

Victor grinste. „So ist es. Darum will ich das Spiel auch unbedingt sehen. Ich hoffe, Manchester bekommt von den Deutschen mächtig eins vor den Latz geknallt.“

Verständnislos schüttelte Mabel den Kopf. Im Gegensatz zu Victor interessierte sie sich nicht für Fußball. Es war ihr herzlich egal, wenn sich zweiundzwanzig Männer um einen Ball stritten und dabei Tausende von Fans beinahe durchdrehten. „Dann wünsche ich einen spannenden und schönen Abend, Victor.“

Mit einem genuschelten „Bis morgen“ ging Victor ins Behandlungszimmer zurück, um nach der kleinen Operation aufzuräumen, damit er rechtzeitig zum Anpfiff vor dem Fernseher sitzen konnte. Victor Daniels las keine Romane. In seinem Arbeitszimmer befanden sich zwar eine Menge Bücher, es handelte sich dabei aber ausschließlich um Literatur über Tiere oder Expeditionen in der ganzen Welt, die der Erforschung seltener Tierarten dienten. Nun, die Geschmäcker waren eben verschieden. Mabel selbst würde die Lesung wohl auch nicht besuchen, fände diese nicht ausgerechnet auf Higher Barton statt. Viel mehr als der Autor – von dem sie nie zuvor gehört hatte – interessierte sie, wie die Veranstaltung im Herrenhaus bei den Gästen ankam.

Langsam lenkte Mabel ihren kleinen Rover über die schmale Hauptstraße von Lower Barton. Mit der Dunkelheit war Nebel aufgezogen, der zunehmend dichter wurde. Trotzdem erkannte sie, dass vereinzelt Vorgärten mit bunten, teils blinkenden Lichtern geschmückt waren, obwohl die Adventszeit erst am kommenden Sonntag begann. Mabel freute sich auf die Weihnachtszeit auf dem Land. Ihr ganzes Leben hatte sie in London verbracht, in den vergangenen sechs Monaten jedoch hatte sie das geruhsame Leben in Lower Barton nicht nur schätzen, sondern auch lieben gelernt. Als sie im Frühjahr nach Cornwall gekommen war, hatte sie nicht vorgehabt, für immer zu bleiben, doch die Umstände hatten ihr keine andere Wahl gelassen. Im Sommer hatte sie ihr Londoner Reihenhaus verkauft und vom Erlös ein Cottage mit einem schönen Garten am Rande von Lower Barton erworben. Mehrmals die Woche half sie Victor Daniels im Haushalt, wo eine weibliche Hand dringend von Nöten war, denn der alleinstehende und auf den ersten Blick kauzig erscheinende Tierarzt ließ nur wenige Frauen in seine Nähe und hatte vor Mabel bereits zahlreiche Haushälterinnen vergrault. Mabel wusste jedoch, wie sie mit Victor umzugehen hatte, denn ein wenig waren sie vom selben Schlag. Beide waren sie selbstbewusst und ließen sich von anderen Menschen nicht in ihr Leben hereinreden. Während Victor jedoch oft als brummig, fast schon übellaunig auftrat, hatte Mabel stets ein Lächeln auf den Lippen, mit dem sie Victor den Wind aus den Segeln nahm. Auch wenn Mabel es finanziell nicht nötig hatte, arbeitete sie gerne bei ihm und fühlte sich mehr als schwesterliche Freundin denn als Haushälterin.

Lower Barton war ein überschaubarer Ort – sehr alt, mit kleinen, weiß getünchten Steinhäusern, einer normannischen Kirche und einer Hauptstraße, in der sich die wichtigsten Geschäfte befanden. Bereits im Domesday Book von 1086 war Lower Barton aufgeführt, worauf die Bewohner sehr stolz waren. Zum größten Teil hatte der Ort seinen ursprünglichen Charakter bewahrt, wobei moderne Neubauten natürlich nicht zu vermeiden waren, diese sich aber außerhalb des historischen Ortskerns befanden. Sechs Meilen vom Meer entfernt wurde Lower Barton von Besuchern längst nicht so heimgesucht wie die bekannten Nachbarstädtchen Polperro und Looe, die jeden Sommer Tausende von Touristen anzogen. Etwa zwei Meilen außerhalb in südwestlicher Richtung lag das elisabethanische Herrenhaus Higher Barton, dessen frühere Besitzer auf einen Jahrhunderte alten Stammbaum zurückblicken konnten.

Mabel lächelte still in sich hinein, als sie an den stattlichen Besitz dachte. So ganz konnte sie es immer noch nicht fassen, dass Higher Barton nun ihr gehörte. Auf dem Papier war zwar sie die rechtmäßige Eigentümerin, ihrer Meinung nach würde das Haus jedoch immer ihrer Cousine Abigail Tremaine gehören, auch wenn Abigail sich entschlossen hatte, ihr restliches Leben in Südfrankreich zu verbringen, und niemals wieder nach Cornwall zurückkehren wollte. Die Ereignisse des Frühsommers, in die Mabel und Abigail verstrickt gewesen waren, hatten ihre Cousine schwer getroffen und sie dazu veranlasst, Higher Barton zu verlassen. Abigail war jedoch noch jung – mit sechzig zwei Jahre jünger als Mabel –, und wer wusste schon, was die Zukunft brächte und ob Abigail nicht doch irgendwann zurückkehren würde. Auf jeden Fall würde Mabel das Herrenhaus für ihre Cousine bewahren. Da sie selbst auf keinen Fall in dem großen Kasten leben wollte, ihn aber auch nicht verkaufen oder zur dauerhaften Nutzung dem National Trust zu übereignen gedachte, hatte Mabel sich entschlossen, die Räumlichkeiten für Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen.

Ursprünglich war dies Victor Daniels’ Idee gewesen. „Bestimmt gibt es viele Leute, die gern in einem solch alten Haus feiern würden“, hatte er gesagt. „Warum vermieten Sie nicht einzelne Räume für Veranstaltungen? Die große Halle zum Bespiel würde sich für Hochzeiten eignen, und genügend Zimmer, in denen die Leute übernachten können, sind auch vorhanden.“

Mabel hatte sich den Gedanken durch den Kopf gehen lassen und nach und nach die ersten Schritte unternommen, ohne dabei etwas zu überstürzen. Auf keinen Fall wollte sie eine Art Hotel aus dem Herrenhaus machen, eine stunden- oder tageweise Vermietung aber wäre durchaus denkbar. Der Landbesitz wurde von einem fähigen Verwalter geführt und brachte gute Erträge, doch das Haus selbst musste bewohnt oder zumindest von Zeit zu Zeit genutzt werden, sonst wäre es bald nur noch eine Ansammlung seelenloser Mauern. Und das hatte Higher Barton nicht verdient.

Die Fenster im Erdgeschoss waren hell erleuchtet, als Mabel ihren Wagen auf das Kiesrondell vor dem Haupteingang lenkte. Sie sah rund zwei Dutzend andere Fahrzeuge – offenbar stieß die Veranstaltung auf reges Interesse. Langsam öffnete Mabel die schwere dunkle Holztür und spähte in die mittelalterliche große Halle, die mit einer kunstvoll geschnitzten Balkendecke, der Wandtäfelung aus dunklem Eichenholz und einem mannshohen steinernen Kamin den zentralen Mittelpunkt des Hauses bildete. Die Lesung hatte bereits begonnen, etwa die Hälfte der Halle war bestuhlt worden und fast jeder Platz besetzt. Mabel erkannte drei oder vier Bekannte, nickte ihnen zu, dann setzte sie sich auf den äußersten Platz in der letzten Reihe. Neben ihr saß eine Frau mittleren Alters, die so korpulent war, dass sie beinahe zwei Stühle brauchte. Glücklicherweise war Mabel schlank, sodass ihr der verbleibende Platz ausreichte.

Erst jetzt richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf den Mann, der vorne auf dem eigens für den Abend aufgebauten Podest an einem Tisch saß und aus einem Buch vorlas. Wie Mabel von der Buchung wusste, lautete sein Name Clark Kernick, er war vierzig Jahre alt und Schriftsteller. Bevor sein Verleger die Halle von Higher Barton für die Präsentation von Kernicks Roman gemietet hatte, hatte Mabel nie von dem Autor gehört, obwohl er seit einigen Jahren am Rand von Lower Barton lebte. Gut sieht er aus, dachte Mabel und betrachtete eingehend sein schmales Gesicht mit dem markanten Kinn und der vorspringenden Nase. Kernicks dunkles Haar war lang und kräuselte sich in kleinen Locken über seinem Hemdkragen, auf das Tragen eines Jacketts hatte er verzichtet.

„Und so befand er sich in der gefährlichsten Situation seines Lebens, denn nie zuvor hatte er einen Kampf auf Leben und Tod ausfechten müssen ...“, las der Autor mit lauter, aber nicht aufdringlicher Stimme.

Mabels Sitznachbarin wandte sich ihr zu. „Ist er nicht göttlich?“ Die Verzückung stand der Dame ins Gesicht geschrieben.

„Wer?“, flüsterte Mabel in der Annahme, die Frau spräche von dem Protagonisten des Buches.

Ein erstaunter Blick traf sie. „Na, Clark natürlich! Ich bin extra aus Launceston gekommen, um ihn endlich einmal zu sehen.“

Mabel schmunzelte. Auch wenn ihr der Schriftsteller unbekannt war, hatte er offenbar schon eine Fangemeinde.

In den nächsten zwanzig Minuten lauschte Mabel interessiert der Lesung. Der Autor beschrieb eine Kampfszene, brach dann aber mit den Worten ab: „Und ob der Held den Kampf überlebt ... das müssen Sie selbst lesen.“

Während des allgemeinen Gemurmels und Gelächters erhob sich ein großer, kräftiger Mann mit schütterem Haar aus der ersten Reihe und trat ans Mikrofon.

„Wir machen jetzt eine kleine Pause, in der Sie sich mit Tee und Saft erfrischen können, zu dem Sie selbstverständlich eingeladen sind. Clark Kernicks wunderbares Buch können Sie bei mir käuflich erwerben. Der Autor steht Ihnen in der Pause und nach der Veranstaltung gerne zum Signieren zur Verfügung.“

„Wer ist das?“, fragte Mabel ihre Sitznachbarin.

„Kernicks Verleger“, antwortete sie hastig, erhob sich dann eilig von ihrem Platz und drängte sich so dicht an Mabel vorbei, dass diese beinahe zwischen den Stühlen eingeklemmt wurde.

Mabel sah sich in der Halle um. Sie entdeckte Emma Penrose auf der anderen Seite und ging auf sie zu. „Ich habe mich leider verspätet, scheint aber alles gut zu laufen, nicht wahr?“

Emma Penrose, die Verwalterin von Higher Barton, eine knapp fünfzigjährige Frau, nickte und lächelte. „Ja, die Gäste sind zufrieden. Die Leute vom Catering reichen jetzt Getränke und Sandwiches. Die Idee, Higher Barton zu vermieten, kommt gut an. Gestern kam eine neue Anfrage rein. Eine Firma möchte ihre Weihnachtsfeier hier ausrichten.“

Mabel nickte. „Kümmern Sie sich darum, Emma. Sie machen das ganz wunderbar.“

„Danke.“ Die Frau errötete. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, auch im Namen meines Mannes ...“

„Lassen Sie es gut sein, Emma.“ Mabel lächelte sie aufmunternd an. „Sie und Ihr Mann sind mir eine große Hilfe, schließlich leben Sie schon seit Jahrzehnten hier. Ohne Sie würde ich es niemals schaffen, das Haus so gut in Schuss zu halten.“

Das Anschlagen eines Glöckchens kündigte das Ende der Pause an, und die Gäste begaben sich wieder zu ihren Plätzen. Mabel setzte sich nicht mehr neben die korpulente Frau, sondern blieb im Hintergrund an eine Wand gelehnt stehen. Der Autor las nun zwei weitere Passagen aus seinem Roman vor, die Mabel sehr interessant fand. Die Geschichte spielte offenbar in der Gegend von Lower Barton, und Clark Kernick hatte geschickt Fiktion mit Historie verknüpft. Dennoch kaufte Mabel das Buch nicht, da sie wusste, dass ihr Interesse nicht länger als vielleicht fünfzig oder sechzig Seiten anhalten würde. Der Roman hatte jedoch sechshundert Seiten.

Nachdem Kernick geendet hatte, sprach der Verleger ein paar abschließende Worte: „Denken Sie daran – bald ist Weihnachten! Sicher freuen sich Ihre Freunde und Verwandten über ein gutes Buch in ihren Strümpfen.“

Kernick signierte noch ein paar Bücher, einige Frauen fragten sogar nach Autogrammkarten oder baten ihre Freundinnen, ein Foto von sich und dem Autor zu machen, dann war der Schriftsteller plötzlich verschwunden. Und auch den Verleger konnte Mabel nirgends mehr entdecken. Nach und nach verließen alle Gäste die Halle, und Mabel war mit Emma Penrose allein.

„Ich räume morgen früh auf“, sagte die Verwalterin, die in der Ära von Mabels Cousine Haushälterin von Higher Barton gewesen war. „Mein Mann hilft mir bei den Tischen und Stühlen.“

Mabel nickte zustimmend, dann sagte sie: „Zeigen Sie mir bitte die Anfrage bezüglich der Weihnachtsfeier?“

Emma Penrose eilte davon, das entsprechende Schreiben zu holen, ebenso die Abrechnung der heutigen Autorenlesung. Die nächste Stunde verbrachte Mabel mit dem Studium der Unterlagen, dann stieß George Penrose zu ihnen und unterbreitete den Vorschlag, Higher Barton mittels einer eigenen Website als Veranstaltungsort im Internet anzubieten.

Mabel lachte. „Davon habe ich aber nicht die geringste Ahnung.“

„Kein Problem, Miss Mabel, ich kenne jemanden, der würde eine solche Seite erstellen und betreuen. Die Kosten sind nicht sehr hoch.“

„Gut, holen Sie ein Angebot ein und lassen Sie es mir zukommen.“ Mabel stand auf.

Als sie das Podium betrat, sah sie unter dem Tisch, an dem Kernick gesessen hatte, eine schwarze Brieftasche liegen. Ein kurzer Blick hinein zeigte Mabel, dass es sich um die Brieftasche von Clark Kernick handelte, mit Bargeld, diversen Kreditkarten, seinem Ausweis und dem Führerschein.

„Mrs Penrose, unser Künstler hat seine Brieftasche vergessen“, rief Mabel. „Haben Sie seine Telefonnummer?“

„Ja, Miss Clarence, aber Sie könnten die Brieftasche doch auf dem Heimweg bei ihm vorbeibringen.“ Emma stutzte, dann wurde sie verlegen. „Ich meine, wenn es Ihnen nichts ausmacht, aber Ihr Weg führt direkt an seinem Haus vorbei.“

„Sie wissen, wo er wohnt?“

Emma Penrose nickte und erklärte Mabel den Weg. „Es ist das alte Wheel Kitty House aus der Zeit, als es in der Gegend noch Zinnminen gab. Das Haus liegt etwas versteckt, die Einfahrt ist jedoch die erste auf der rechten Seite, wenn Sie von hier nach Lower Barton hineinfahren.“

„Sie wissen aber gut Bescheid.“ Mabel zwinkerte Emma vertraulich zu. „Gehören Sie auch zu Kernicks Fangemeinde?“

Die Haushälterin errötete und senkte den Blick. „Nun, er ist ja recht attraktiv ...“

Mabel lächelte, wollte das Thema aber nicht weiter vertiefen. Sie war müde und freute sich auf ihr Bett. Die Brieftasche in ihre Manteltasche steckend sagte sie nur: „Wie gut, dass wir Sie haben, Mrs Penrose. Sie kennen wirklich jeden, ich selbst hatte keine Ahnung, wo Mr Kernick lebt.“ Sie sah auf die Uhr auf dem Kaminsims. „Es ist jetzt elf, vielleicht ist er noch wach. Wenn alles dunkel ist, werfe ich die Geldbörse in den Briefkasten, da wird er sie morgen schon finden. Ich danke Ihnen, und machen Sie Schluss für heute!“

Der Nebel hatte sich nicht gelichtet, und so musste Mabel auf der schmalen Landstraße sehr langsam fahren. Am Ortseingang von Lower Barton verringerte sie nochmals die Geschwindigkeit, um ja nicht die Einfahrt zu Kernicks Haus zu verpassen. Tatsächlich fand sie, wie von Emma Penrose beschrieben, den schmalen Weg, der an beiden Seiten von meterhohen Hecken gesäumt war. Nach etwa 150 Yards tauchte ein zweistöckiges, hell erleuchtetes Haus vor ihr auf, und der Weg endete vor dem Gartentor. Der Schriftsteller schien noch wach zu sein. Mabel stieg aus und ging durch den verwilderten Vorgarten auf das Haus zu. Vergeblich suchte sie nach einer Klingel. Lediglich ein Türklopfer in Form der beliebten cornischen Sagengestalt Piskey, einer Elfe, zierte die Holztür. Mabel betätigte den Klopfer, und die Tür schwang von selbst auf.

„Mister Kernick?“ Zwei Stufen führten direkt in einen Wohnraum mit Holzbalken und niedriger Decke. Zögernd trat Mabel ein und rief erneut seinen Namen. „Ich bin es, Mabel Clarence, ich war bei Ihrer Lesung auf Higher Barton. Sie haben Ihre Brieftasche dort verloren.“

Nichts rührte sich.

„Mister Kernick? Hallo!“, versuchte es Mabel erneut, erhielt jedoch keine Antwort.

Sie sah sich um. Im Kamin brannte kein Feuer, auf dem Glastisch stand ein benutztes Whiskyglas, aber sonst ließ nichts darauf schließen, dass jemand im Haus war. Mabel überlegte, ob sie die Brieftasche einfach auf den Tisch legen und wieder gehen sollte. Ein unbestimmtes Gefühl, das sie nicht näher benennen konnte, ließ sie jedoch weitergehen. Rechts hinten führte eine geöffnete Tür in eine kleine, unaufgeräumte Küche, und auf der linken Seite befand sich ein weiterer, ebenfalls beleuchteter Raum. Mabel stieß die angelehnte Tür auf und erstarrte. Sie hatte Clark Kernick gefunden.

In dem Raum – offenbar sein Arbeitszimmer, denn auf einem Schreibtisch leuchtete der eingeschaltete Bildschirm eines Laptops – lag der Schriftsteller mitten auf dem hellen Teppich. Sein Kopf war zur Seite gedreht, seine leblosen Augen direkt auf Mabel gerichtet. Sie brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um zu erkennen, dass jede Hilfe zu spät kam. Es waren nicht nur seine vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen und der starre Blick, sondern auch die Lache hellroten Blutes, das aus einer klaffenden Wunde am Hinterkopf sickerte und sich auf dem Teppich um Kernicks Kopf wie ein Heiligenschein ausbreitete.

Man brauchte nicht Krankenschwester zu sein, um zu erkennen, dass Clark Kernick tot war.

2

Mabel atmete mehrmals tief ein und aus, um sich zu beruhigen. Obwohl alles für Kernicks Tod sprach, kniete sie sich neben den leblosen Körper und fühlte nach dem Puls an der Halsschlagader. Wie erwartet konnte sie kein Pochen ertasten. Erst jetzt bemerkte Mabel den Schürhaken, der etwa einen halben Meter vom Toten entfernt lag. Die Spitze des Hakens war blutverschmiert, und es klebten Haare daran. Mabel sprang auf, so schnell es ihre Gelenke zuließen, und wich zurück. Ihre Gedanken überschlugen sich. Kernicks Haut war noch warm, der Mord musste also erst vor Kurzem geschehen sein. Vielleicht war der Täter noch in der Nähe? Vielleicht sogar irgendwo in diesen Räumen? Sie ignorierte das Telefon auf Kernicks Schreibtisch, sondern beeilte sich, aus dem Haus zu kommen. Im Laufen zog sie ihr Handy aus der Tasche und tippte blind den Notruf 999 ein. Mabel erschien es wie ein Déjà-vu: eine Leiche, der Körper noch warm, und sie war allein. Allerdings würde es ihr nicht erneut passieren, dass jemand die Leiche verschwinden ließ und sie wieder als verrückte Alte dastand. Nein, trotz ihrer Angst, der Täter könnte sich noch in der Nähe aufhalten, wollte sie dieses Mal besser aufpassen.

Der Constable, der Mabels Notruf entgegennahm, versprach, sofort ein Team zu schicken. „Bitte fassen Sie nichts an und bleiben Sie vor Ort, bis unsere Leute eintreffen“, mahnte er eindringlich.

„Selbstverständlich, langsam wird es ja zur Routine“, entgegnete Mabel. Auf das verwunderte „Wie bitte?“ des Constables reagierte sie nicht und beendete das Gespräch.

Dann ging sie zu ihrem Wagen und nahm die Stabtaschenlampe vom Rücksitz. Dies war zwar keine richtige Waffe, wenn sie sich jedoch wehren müsste, war die Lampe besser als nichts. Ungeachtet des Nebels und der feuchten Kühle setzte Mabel sich auf eine im Dunkeln liegende Gartenbank, von wo aus sie den Eingang des Hauses gut beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Wenn der Täter noch im Haus war – sie würde ihn sehen und stellen, wenn er hinauswollte!

Es blieb Mabel nichts anderes übrig, als zu warten. Niemand verließ das Haus, niemand wollte hinein. Zehn Minuten nach ihrem Anruf bei der Polizei blinkten Blaulichter den Weg herauf, und ein Einsatzfahrzeug nach dem anderen hielt vor Kernicks Haus. Mabel sah auch einen Rettungswagen.

„Nun, den können sie sich sparen“, murmelte sie und stand auf, um den Polizisten entgegenzugehen.

Sie beantwortete die üblichen Fragen, versicherte, nichts angerührt zu haben, außer, dass sie nach dem Puls des Toten gesucht hatte, und versprach, auf den leitenden Inspektor zu warten, der bald eintreffen würde. Auf diese Begegnung freute Mabel sich besonders. Bis er kam, zog sie sich wieder auf die Gartenbank zurück.

Männer und Frauen in weißen Schutzanzügen, die Körper und Köpfe bedeckten und sie damit aussehen ließen, als kämen sie von einem anderen Stern, stellten kleine Tafeln mit Nummern auf, bargen vorsichtig Gegenstände in Plastiktüten und fotografierten den Toten aus allen Perspektiven. Der inzwischen eingetroffene Chefinspektor Randolph Warden betrachtete von der Tür aus den Tatort, denn er wollte keine Spuren verwischen.

„Wer ist das?“, fragte er einen in der Nähe stehenden Constable.

„Wir vermuten, es handelt sich um den Hausbesitzer Clark Kernick. Die Leiche muss aber noch identifiziert werden, erst dann können wir sicher sein.“

„Verwandte? Eine Ehefrau? Kinder?“

Der Constable schüttelte den Kopf. „Nach den ersten Erkenntnissen lebte er allein. Wir sind dabei herauszufinden, ob es Verwandte gibt.“

„Gut, machen Sie weiter, Constable.“ Warden wandte seine Aufmerksamkeit dem Toten zu und seufzte verhalten. Vor sieben Jahren hatte er sich aus Manchester nach Cornwall versetzen lassen in der Hoffnung, hier nicht mit einer so ausgeprägten Kriminalität wie in der Industriestadt zu tun zu haben. Sechs Jahre war alles gut gegangen: einfacher Raub, kleinere Einbrüche, Autodiebstähle. Das schlimmste Delikt war eine Schlägerei mit Todesfolge gewesen – doch nun stand er in diesem Jahr bereits vor der zweiten Leiche, die eindeutig einem brutalen Verbrechen zum Opfer gefallen war.

Der Polizeiarzt trat neben ihn. „Kein schöner Anblick, Chefinspektor“, sagte der rundliche Mann. „Nach ersten Erkenntnissen ist der Mann von hinten erschlagen worden. Mit diesem Schürhaken.“ Er deutete auf das Kaminbesteck, das bereits vorsichtig in eine Tüte gesteckt worden war. „Genaueres aber erst ...“

„Nach der Obduktion, ich weiß“, unterbrach Warden. „Können Sie den Todeszeitpunkt in etwa benennen?“

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Auch das erst, wenn meine Untersuchungen abgeschlossen sind. Die Temperatur des Körpers liegt noch bei fünfunddreißig Grad, was darauf schließen lässt, dass der Tod vor noch nicht so langer Zeit eingetreten ist.“

Warden verließ das Haus und wandte sich an den Sergeant, der vor der Tür auf seinem Posten stand. „Wo ist die Person, die den Toten gefunden hat?“

Der rothaarige junge Mann deutete vage in den dunklen Garten. „Eine ältere Dame, sie wartet dort hinten.“

Warden unterdrückte ein Stöhnen. Eine Frau, dazu eine nicht mehr junge, hatte ihm gerade noch gefehlt. „Hoffentlich ist sie vernehmungsfähig und nicht am Rande eines Nervenzusammenbruchs“, brummte Warden und konnte sich auf das Grinsen seines Mitarbeiters keinen Reim machen. „Was gibt es da zu lachen, Bourke?“, blaffte er, woraufhin der Mann sofort wieder ernst wurde.

„Sehen Sie selbst, Sir“, murmelte er nur, und Warden drehte sich um.

Mabel Clarence hatte das kurze Gespräch verfolgt und trat nun aus dem Schatten des Gartens ins grelle Licht der Polizeischeinwerfer.

„Mir geht es gut, Chefinspektor, Sie können Ihre Fragen stellen.“

Warden klappte der Unterkiefer herunter, und seine Augen weiteten sich. „Sie?“ Er zog hörbar die Luft ein. „Sie haben den Toten gefunden? Sagen Sie, dass das ein schlechter Scherz ist.“

„Nie war mir weniger nach Scherzen zumute als im Moment“, gab Mabel zurück. „Ich habe mir meinen Abend auch anders vorgestellt, das können Sie mir glauben.“

„Gut, also ...“ Warden rang um Fassung. Als er zum Tatort gerufen worden war, hatte er in keinem Moment daran gedacht, auf Mabel Clarence zu treffen. „Also, was haben Sie mitten in der Nacht hier gesucht? Ist es nicht etwas spät für ein Rendezvous, dazu in Ihrem Alter? Der Tote ist doch um einiges jünger als Sie.“ Unter dem kalten, abweisenden Blick, mit dem Mabel ihn prompt bedachte, zog Warden den Kopf ein und beeilte sich zu sagen: „Der war nicht gut, oder?“

Mabel schüttelte den Kopf. „Gar nicht gut, Inspektor, aber ich werde Ihnen Ihre Frage trotzdem beantworten. Der Tote heißt Clark Kernick, er ist ... war Schriftsteller, und ich habe heute Abend seine Lesung besucht. Dabei hat er seine Brieftasche verloren, und da sein Haus auf meinem Heimweg liegt, wollte ich sie ihm vorbeibringen. So stolperte ich regelrecht über seine Leiche.“

„Lesung?“ Warden runzelte die Stirn. „Wo fand die denn statt?“

„Auf Higher Barton.“

„Higher Barton?“ Warden wusste selbst, wie dumm es klang, wenn er Mabels Worte ständig wiederholte, die Ereignisse begannen jedoch, ihn zu überfordern. „Dann kannten Sie Kernick also?“

„Ich habe ihn heute zum ersten Mal gesehen und kein Wort mit ihm gewechselt.“ Mabel sah Warden direkt in die Augen. „Die Veranstaltung wurde von seinem Verleger bei meiner Verwalterin Emma Penrose gebucht. Ich war bei der Lesung nur Gast.“

„Aha.“ Mehr fiel Warden nicht ein. Auch wenn der Tote in seinem eigenen Haus gefunden worden war, wunderte es ihn keineswegs, dass es offenbar eine Verbindung zu Higher Barton gab. Das hatte er schon befürchtet, als Mabel auf ihn zugetreten war. „Was haben Sie dann gemacht?“

Mit knappen Worten schilderte Mabel ihr Vorgehen und betonte, sie habe draußen gewartet, bis der erste Streifenwagen eingetroffen war. „Dieses Mal war ich nicht so dumm, die Leiche allein zu lassen.“ Ein Lächeln zeichnete sich auf Mabels Gesicht ab. „Sicher ist sicher ... man weiß ja nie, nicht wahr, Inspektor?“

„Nun, in diesem Fall brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, Miss Clarence.“ Langsam fand Warden seine Fassung wieder und sprach betont herablassend, um seine Autorität zu markieren. „Schließlich ist der Tote noch da, und alles weist auf Fremdeinwirkung hin. Es wird sich wohl niemand selbst umbringen, indem er sich mit einem Schürhaken den Hinterkopf einschlägt.“

„Gut kombiniert, Inspektor, Sie sollten zur Polizei gehen“, scherzte nun auch Mabel, was bei Warden allerdings nicht gut ankam, wie seine heruntergezogenen Mundwinkel verrieten.

„Ich muss Sie bitten, mich aufs Revier zu begleiten, Miss Clarence“, sagte Warden, wieder ganz der kühle und überlegene Ermittler. „Wir müssen ein Protokoll aufnehmen.“

„Heute Nacht noch? Nun, wenn es nicht anders geht. Ich warte, bis Sie hier fertig sind.“

Grimmig kehrte Warden ins Haus zurück. Obwohl er im Frühsommer gegenüber Mabel Clarence hatte Abbitte leisten müssen, weil allein durch ihre Hartnäckigkeit ein Mordfall aufgeklärt werden konnte, der sonst wohl niemals entdeckt worden wäre, war er alles andere als erfreut, sich erneut mit dieser resoluten Dame auseinandersetzen zu müssen. Wie er Mabel gegenüber schon gesagt hatte: In diesem Fall schien alles klar zu sein. Jetzt brauchte er nur noch den Täter zu fassen, und für Mabel Clarence gab es keinen Grund, sich wieder in seine Arbeit einzumischen.

Das Fluchen war im ganzen Haus zu hören, dann schepperte zerbrochenes Porzellan, was von einem lauten „Ja, zum Teufel noch mal!“ begleitet wurde.

Diana Scott, Victor Daniels’ Sprechstundenhilfe, öffnete die Tür zur Praxis und atmete erleichtert auf, als sie Mabel sah. „Da sind Sie ja endlich, Miss Clarence! Sie sollten schnell hinaufgehen, ich glaube, der Doc ist ziemlich sauer. Er muss auch bald mit der Sprechstunde anfangen, das Wartezimmer ist voll.“

Noch im Mantel öffnete Mabel die Küchentür und musste sofort husten, denn eine stinkende Rauchwolke erfüllte den kleinen Raum. Im selben Moment schlug der Rauchmelder an, und der schrille Ton dröhnte in ihren Ohren. Schnell öffnete sie ein Fenster, dann sah sie die Bescherung: In einer Pfanne krümmten sich zwei völlig verkohlte Speckscheiben, in einer anderen war ein Spiegelei zu einer grau-gelben Masse zusammengeschmort, und auf dem Fußboden lagen die Scherben eines Tellers.

„Du meine Güte, was haben Sie denn angestellt? Und schalten Sie endlich den Alarm ab!“

„Verflixt noch mal.“ Victor Daniels wedelte mit den Armen den Rauch fort und zischte: „Weil Sie nicht hier waren, musste ich mir mein Frühstück selbst machen.“ Seine Verärgerung war offensichtlich, trotzdem stieg er auf einen Hocker und schaltete den Rauchmelder ab.

Die Ruhe tat gut, der Rauch zog langsam durchs Fenster ab, und Mabel konnte wieder richtig atmen. „Es tut mir leid, ich habe verschlafen“, sagte sie, zog den Mantel aus und machte sich daran, den größten Schaden zu beseitigen.

„Dann sollten Sie abends nicht so lange ausgehen“, bemerkte Victor spöttisch und ließ sich auf den Hocker fallen. Zum ersten Mal sah er Mabel an. „Du meine Güte, Sie sehen wirklich furchtbar aus.“

„Danke, Victor, das sind genau die Worte, die jede Frau gerne hört“, gab Mabel zurück, doch war sie nicht eingeschnappt. Victor war eben immer geradeheraus. „Ich mache Ihnen jetzt schnell ein neues Frühstück, Ihre vierbeinigen Freunde warten nämlich schon.“

Die verbrannten Essensreste kippte Mabel in den Müll. Schnell schlug sie zwei frische Eier in die Pfanne. Mit wenigen Handgriffen toastete sie das Brot, stellte Butter und Marmelade auf den Tisch und schenkte Victor Tee ein – den hatte er als Einziges hinbekommen. Erst als er sich wie ein Verhungerter über das Essen hermachte, setzte sie sich ihm gegenüber. „Wie ist das Spiel gestern ausgegangen?“, fragte sie, obwohl sie vor Spannung, ihre Erlebnisse mitzuteilen, beinahe platzte.

„Spiel? Ach so, Fußball ...“ Seine Miene verzog sich grimmig. „Manchester hat zwei zu null gewonnen, so ein Pech für die Deutschen. Manchester ist trotzdem ausgeschieden, da Neapel gegen Villarreal gewonnen hat.“

Mabel verstand kein Wort, und sie wollte das Thema auch nicht weiter vertiefen. „Ich war heute Nacht bis drei Uhr auf dem Polizeirevier“, platzte sie nun heraus. Sie hätte es keine Minute länger für sich behalten können.

Victor hielt mit dem nächsten Bissen zum Mund inne. „Sie waren bei der Polizei? Du meine Güte, was haben Sie angestellt? Ich wusste es – wenn Sie nach Higher Barton fahren, dann kann nichts Gutes dabei rauskommen.“

Mabel merkte, wie sein Ärger verflog und ehrlichem Interesse Platz machte. In knappen Sätzen berichtete sie von den Ereignissen des letzten Abends.

Fassungslos schüttelte Victor den Kopf. „Sie haben aber auch ein unvergleichliches Talent, über Leichen zu stolpern, Mabel.“

Sie lachte und griff nach einer Tasse, um sich ebenfalls Tee einzuschenken. „Nur dieses Mal läuft der Polizeiapparat auf Hochtouren, denn es gibt eine Leiche und offenbar zahlreiche Spuren. Es war Pech, dass ausgerechnet ich Kernick finden musste, mein Part bei der Sache ist jedoch erledigt.“

„Ihr Wort in Gottes Ohr.“ Victor zwinkerte Mabel zu und sah auf die Uhr. „Ich muss runter, Sie räumen hier auf, ja?“

Mabel nickte, trank ihren Tee aus und machte sich daran, aus dem Chaos wieder einen Raum zu machen, den man als Küche bezeichnen konnte.

Im Laufe des Nachmittags bemerkte Mabel, dass sie Kernicks Geldbeutel immer noch in ihrer Manteltasche trug. In dem ganzen Trubel hatte sie völlig vergessen, ihn dem Chefinspektor auszuhändigen. Da es noch Zeit war, bis Victor seinen Tee erwartete, und sie mit der Hausarbeit fertig war, ging sie nach Lower Barton. Bis zum Polizeirevier, das sich direkt neben dem großen Supermarkt Morrisons am Ortsrand befand, war es keine Meile, und Mabel tat die frische Luft gut, obwohl es noch immer neblig und feucht war. Der Schlafmangel der letzten Nacht hatte Spuren hinterlassen, doch bei jedem Schritt wurde sie zunehmend munterer.

„In meinem Alter braucht man eben ausreichend Schlaf“, murmelte Mabel und gähnte noch einmal ausgiebig, da niemand in der Nähe war.

Bald hatte sie die Fore Street, die Hauptstraße Lower Bartons, erreicht. Jedes Mal, wenn sie hierherkam, freute sich Mabel an der Ursprünglichkeit der kleinen Stadt, die sich über Jahrhunderte hinweg kaum verändert zu haben schien. Die mittelalterliche Markthalle, in der noch heute jeden Mittwoch- und Samstagvormittag Markt abgehalten wurde, und die niedrigen, weiß getünchten Steinhäuser ließen einen vergessen, dass man sich im 21. Jahrhundert befand. Einzig der Autoverkehr, der durch die Hauptstraße rollte, störte den Eindruck. Mabel hatte Lower Barton jedoch in ihr Herz geschlossen und kam gerne in den Ort. Natürlich war es erforderlich, dass sie hin und wieder den modernen Supermarkt mit seinem großen Angebot aufsuchte, viel lieber kaufte sie jedoch in dem kleinen Fleischerladen ein, wo der Metzger jeden seiner Kunden mit Namen kannte, und ebenso beim Bäcker an der Ecke, wo es stets nach frischen Cornish Pastys duftete. Ihr Leben in London war hektisch und unpersönlich gewesen, daher genoss Mabel die ländliche Geruhsamkeit Lower Bartons. Sie wohnte zwar erst seit sechs Monaten hier und wurde immer noch als „die Neue“ bezeichnet, doch niemand begegnete ihr unfreundlich oder gar abweisend.

Mabel klingelte an der Tür des Reviers, der automatische Öffner summte, und Sergeant Bourke sah ihr lächelnd entgegen. Der junge Beamte hatte seit den Vorfällen im Frühjahr eine kleine Schwäche für Mabel, erinnerte sie ihn doch an seine Großmutter, bei der Bourke als Junge stets die Ferien verbracht hatte. Leider war die Dame vor einigen Jahren gestorben, doch war sie Mabel offenbar nicht nur im Aussehen, sondern auch in ihrer resoluten Art sehr ähnlich gewesen.

Der Sergeant betätigte die Gegensprechanlage, die den Eingangsbereich mit dem Vorraum des Reviers verband, und fragte: „Miss Clarence, was führt Sie zu uns? Ihre Aussage haben wir doch letzte Nacht zu Protokoll genommen.“

Mabel mochte den jungen Sergeant. Er hatte schließlich nicht unwesentlich dazu beigetragen, ihres und Victors Leben zu retten. Sie zog Kernicks Brieftasche aus der Manteltasche. „Vor lauter Aufregung habe ich völlig vergessen, Ihnen Kernicks Brieftasche zu geben, Sergeant. Das war ja überhaupt der Grund meines Besuches gestern.“

Bourke nickte, ein zweiter Türöffner summte, und Mabel betrat das Großraumbüro.

„Ich sage dem Chefinspektor Bescheid.“ Bourke griff zum Telefon.

„Das ist wirklich nicht nötig ...“, wandte Mabel ein, doch es war schon zu spät.

Als hätte Warden gespürt, dass sie da war, öffnete sich just in diesem Moment seine Bürotür. „Miss Clarence?“ Auf seinem Gesicht zeigte sich eine Mischung aus Erstaunen und Ungeduld. Wenn diese Frau sein Revier betrat, dann konnte das nichts Gutes bedeuten.

Mabel bemühte sich um ihr freundlichstes Lächeln und hielt ihm die Brieftasche hin. „Die befand sich noch in meiner Manteltasche, Inspektor.“

„Gut, kommen Sie herein.“

Mabel betrat sein Büro, wo wie immer ein Chaos aus Aktenstapeln und Papieren herrschte und von dem sie gehofft hatte, es nie wiederzusehen. Nach Wardens Aufforderung setzte sie sich und legte die Brieftasche auf den Schreibtisch. „Haben Sie schon eine Spur?“ Die Frage konnte Mabel sich nicht verkneifen – wenn sie schon mal hier war.

Wardens Gesicht verschloss sich. „Beim derzeitigen Stand der Ermittlungen ist es nicht möglich, etwas zu sagen.“ Und Ihnen schon gar nicht, fügte er in Gedanken hinzu.

„Ich verstehe.“ Mabel erhob sich, Warden bemerkte jedoch ihr Zögern. „Ist noch etwas, Miss Clarence? Sie sind hoffentlich nicht gekommen, um mir zu sagen, wie ich meine Arbeit zu erledigen habe.“

„Nun, beim letzten Mal war es wohl nötig.“ Bevor Mabel nachgedacht hatte, waren ihre diese Worte entschlüpft. Der Chefinspektor hatte aber auch eine Art an sich, die Mabel auf die Palme brachte.

„Miss Clarence, ich denke, wie haben die Fronten geklärt.“ Wardens Stimme wurde leise und nahm einen warnenden Ton an. „Im Frühjahr waren Sie und dieser Tierarzt eine große Hilfe, nun jedoch ...“ Er erhob sich ebenfalls, um anzudeuten, dass er das Gespräch für beendet hielt.

„Eine Bitte hätte ich noch“, sagte Mabel schnell.

„Welche?“

„Sie müssen ja sicher die Presse über den Mord ...“

„Ob es Mord war, muss erst noch geklärt werden“, unterbrach Warden sie harsch. „Bisher gehen wir von einem Tötungsdelikt oder gar von einem Unfall aus.“

Mabel lachte heiser. „Ein Unfall, bei dem das Opfer so unglücklich auf einen Schürhaken stürzt, dass es sich dabei den Hinterkopf zertrümmert?“

„Miss Clarence, bitte ...“ Warden ging zur Tür und öffnete sie.

„Keine Sorge, Inspektor, mir steht wirklich nicht der Sinn danach, wieder auf Mörderjagd zu gehen. Dazu bin ich zu alt, und ich habe andere Aufgaben. Ich wollte Sie lediglich bitten, meinen Namen bei der Presse herauszuhalten. Sie müssen doch eine Presseerklärung abgeben, nicht wahr? Es ist sicher nicht notwendig zu erwähnen, wer den Schriftsteller gefunden hat, oder?“

Sichtlich erleichtert atmete Warden aus. Sein Blick wurde etwas freundlicher, als er entgegnete: „Selbstverständlich, Miss Clarence. Die Namen von Zeugen werden niemals genannt, schon, um diese zu schützen.“

„Ach, dann denken Sie, ich könnte in Gefahr sein?“ Dieser Gedanke war Mabel bisher nicht gekommen, und unwillkürlich beschleunigte sich ihr Puls.

Warden, dem jetzt erst aufging, was er gesagt hatte, ärgerte sich über seine unüberlegte Bemerkung. „Natürlich nicht, denn wenn es einen Täter gibt, war dieser längst verschwunden, als Sie Kernicks Haus betraten. Er hat also keine Ahnung, dass Sie in den Fall involviert sind.“