Gestorben wird früher - Rebecca Michéle - E-Book
  • Herausgeber: Dryas Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2016
Beschreibung

Elisabeth Bennett ist tot, gestorben in einer exklusiven Seniorenresidenz in St. Ives – offenbar an einem Herzleiden, obwohl sie am Abend zuvor noch völlig gesund war. Deren Freundin glaubt an einen Mord und bittet die ehemalige Krankenschwester Mabel Clarence um Hilfe. Unter falschem Namen mietet Mabel sich in der Seniorenresidenz ein. Welche Rolle spielen die Besitzer und das zum Teil undurchsichtige Pflegepersonal? Und dann ist da noch der vermögende und charmante Sir William, der aus seiner Verehrung keinen Hehl macht und Mabels Gefühle mächtig durcheinanderwirbelt.

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Seitenzahl:372

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Gestorben wird früher

Ein Cornwall-Krimi von

Rebecca Michéle

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Nachwort

Impressum

Weiterlesen

Eins

Es war ein viel zu schöner Tag für eine Beerdigung. Wenn ein geliebtes Wesen zu Grabe getragen wird, dann sollte der Himmel weinen, schwarze Krähen in den Bäumen ihr Todeslied krächzen und ein Sturm über das Land hinwegfegen. Die strahlende Sonne am stahlblauen Himmel, die milde Brise, die vom sechs Meilen entfernten Meer her wehte, und das fröhliche Zwitschern der Vögel in den dicht belaubten Buchen und Eichen passten nicht zu der gedrückten Stimmung auf dem kleinen Friedhof.

Victor Daniels, Tierarzt des beschaulichen Ortes Lower Barton im Osten Cornwalls, beobachtete, wie die Urne langsam in das frisch ausgehobene Grab gesenkt wurde. Er schluckte mehrmals, um zu verhindern, dass der Kloß in seinem Hals übermächtig wurde. Ein Mann weinte nicht. Niemals! In keiner Situation! Das hatte ihm sein Vater eingebläut, und Victor war es gelungen, im Laufe seines Lebens, das nun schon achtundsechzig Jahre andauerte, nur selten Gefühlsregungen zu zeigen. Wenn es nur nicht so schrecklich schmerzen würde! Als würde ein Teil von ihm selbst in das Grab gesenkt und mit dunkler Erde bedeckt.

Eine Hand legte sich auf seinen Arm. Er wandte den Kopf und blickte in ein längliches, sommersprossiges Gesicht unter einem Schopf roter Haare.

„Sergeant Bourke“, murmelte Victor heiser, die Tränen steckten ihm immer noch in der Kehle.

„Es tut mir so leid, Doktor Daniels.“ In den Augen des jüngeren Sergeants las Victor aufrichtiges Mitgefühl. „Ich weiß, was sie Ihnen bedeutet hat und was nun in Ihnen vorgehen muss.“ Bourke drückte leicht Victors Arm. Der Tierarzt ließ es geschehen, obwohl er eigentlich Berührungen von anderen Menschen, so gut es möglich war, vermied. „Ich habe es erst heute Morgen erfahren“, fuhr Christopher Bourke leise fort. „Wie ist es eigentlich passiert? War es ein Unfall? Ich glaube, vor zwei oder drei Wochen habe ich sie noch gesund und munter gesehen.“

Victor Daniels schwieg und senkte den Kopf, während der Totengräber fortfuhr, das Grab zuzuschütten. Das Geräusch dröhnte wie ein Donnerhall in seinem Kopf wider. Erst als die Urne vollständig bedeckt war, antwortete er:

„Leberzirrhose. Von einem Tag auf den anderen verweigerte sie jede Nahrung, verlor drastisch an Gewicht und wurde immer dünner. Als das Untersuchungsergebnis vorlag, war es für eine Behandlung bereits zu spät …“ Er bedeckte seine Augen mit der Hand und drehte sich schnell zur Seite.

„Sie hat gespürt, wie sehr Sie sie geliebt haben und was sie Ihnen bedeutet hat, Doktor“, flüsterte Christopher Bourke. „Der Chefinspektor lässt sich entschuldigen. Gern hätte er Ihnen persönlich sein Mitgefühl ausgedrückt, er musste aber heute Morgen dienstlich verreisen und konnte es leider nicht aufschieben.“

„Danke“, murmelte Victor. „Ja, Warden hat meine treue Freundin ebenfalls gekannt, auch wenn er Begegnungen mit ihr lieber ausgewichen ist.“ Er trat an das Grab und legte eine einzelne Rose auf den aufgeworfenen Erdhügel. „Ruhe in Frieden, meine Liebe. Eine solche Begleiterin wie dich werde ich niemals wieder finden.“

Er nickte dem Sergeant zu und kehrte dem Grab den Rücken. Mit hängenden Schultern trat Victor Daniels zu einer zierlichen, älteren Dame, die ihm entgegensah. Victor zögerte, rang sich dann aber doch ein trauriges Lächeln ab. Wenn es in diesem Moment einen Menschen auf dieser Welt gab, den er in seiner Nähe ertragen konnte, dann war es Mabel Clarence. Mabel hatte seine Debbie ebenso lange wie er gekannt und hatte sie nicht minder geliebt. Vor fünf Jahren hatte Victor die herrenlose Mischlingshündin mit den dunklen, treuen Augen mehr oder weniger freiwillig in sein Haus aufgenommen. Seitdem war Debbie zu einem festen Bestandteil in seinem Leben geworden und hatte seinen Tagesablauf geprägt. Er hatte kaum einen Schritt ohne sie getan, und Debbie hatte ihm öfter als ein Mal sogar das Leben gerettet.

Schweigend hakte sich Mabel Clarence bei Victor unter. Sie war fast zwei Köpfe kleiner als er, hatte kurze, graue Haare und dunkle Augen mit einem wachen Blick. Dem traurigen Anlass entsprechend, trug sie ein dunkelblaues Twinset mit einer grauen, hochgeschlossenen Bluse. Durch den Stoff seiner Jacke fühlte Victor ihre Wärme, und das Gefühl, jeden Moment in Tränen ausbrechen zu müssen, wurde schwächer. Auch wenn er wusste, dass Mabel seinen Schmerz verstehen konnte und keinesfalls der Ansicht war, Tränen wären ein Zeichen von Schwäche, wollte er sich ihr gegenüber keine Blöße geben.

Gemeinsam gingen sie zu Victors Jeep vor dem Tor des Tierfriedhofes, der eine Meile außerhalb von Lower Barton lag. Mabel Clarence, ein Jahr jünger als der Tierarzt, war über die plötzliche Erkrankung Debbies und über deren schnellen Tod ebenfalls zutiefst betrübt. Über vierzig Jahre hatte Mabel als Krankenschwester in einem großen Londoner Hospital gearbeitet, daher wusste sie, dass bei Menschen eine Leberzirrhose häufig mit erhöhtem Alkoholkonsum und ungesundem, fettem Essen einherging. Die Erkrankung traf aber nicht selten auch Tiere, was jedoch nicht allgemein bekannt war. Das Fatale war, dass es keine Vorzeichen gegeben hatte. Noch vor drei Wochen war Debbie munter herumgetollt und hatte regelmäßig gefressen. Auch wenn Victor die Erkrankung früher erkannt hätte, hätte er Debbie nicht retten können. So war ihm nichts anderes übrig geblieben, als seiner treuen Begleiterin ein langes, qualvolles Leiden zu ersparen und sie von ihren Tag für Tag stärker werdenden Schmerzen zu erlösen. Mabel war an seiner Seite gewesen, als er die letzte, endgültige Spritze gesetzt hatte. Dass er das selbst getan hatte, war er Debbie schuldig gewesen.

„Es ist gut, dass Sie in den kommenden Tagen durch Ihre Reise abgelenkt werden“, sagte Mabel, als Victor auf der schmalen Straße in Richtung Lower Barton fuhr.

„Ich weiß nicht so recht. Der Sinn steht mir überhaupt nicht danach, ausgerechnet jetzt fortzufahren. Es fühlt sich an, als würde ich Debbie verraten.“

„Unsinn, Victor“, erwiderte Mabel streng. „Sie hätte nicht gewollt, dass Sie sich vergraben und in Trübsal versinken. Eine Luftveränderung ist genau das, was Sie jetzt am nötigsten brauchen. Es lindert zwar nicht Ihren Schmerz, eine andere Umgebung wird Ihnen aber guttun.“

So leicht waren Victors Zweifel jedoch nicht auszuräumen.

„Was soll ich überhaupt dort? Ich habe die Leute seit Jahren nicht mehr gesehen.“

„Schlimm genug. Darum ist es höchste Zeit, dies zu ändern!“ Mabel sprach mit einem mahnenden Unterton. „Es sind schließlich Ihre einzigen Verwandten, und man sollte für jede Gelegenheit, die man mit seiner Familie verbringen kann, dankbar sein. Gerade in unserem Alter“, fügte sie hinzu.

„Sie vergessen Alan“, antwortete Victor. „Wir sind zwar nicht blutsverwandt, als mein Patensohn steht Alan mir aber sehr viel näher als meine Schwester im Norden.“

„Wie könnte ich Alan jemals vergessen!“ Mabel schmunzelte. „Aber es ist doch wundervoll, dass Ihre Nichte Sie zu ihrer Hochzeit eingeladen hat, Victor. Sie werden wohl nicht so stur sein, Carol derart zu brüskieren? Das bringen nicht einmal Sie fertig!“

„Was damals mit Carol geschehen ist …“

„Ist längst vergessen“, unterbrach Mabel ihn. „Ich freue mich, dass Ihre Nichte einen Mann gefunden hat, der sie liebt und für ihren Sohn ein guter Vater sein wird.“

Victor Daniels jüngere und einzige Schwester lebte seit über dreißig Jahren in Yorkshire im Norden Englands. Vor zehn Jahren hatte die damals siebzehnjährige Carol, Victors Nichte, den Sommer bei ihm in Cornwall verbracht, da sie sich für ein Studium der Tiermedizin interessierte und ihrem Onkel bei der Arbeit über die Schulter sehen wollte. Dummerweise war sie damals an den ortsbekannten Casanova geraten und leider prompt schwanger geworden. Der junge Mann wollte jedoch nichts von ihr und dem Kind wissen, er hatte sogar die Vaterschaft geleugnet. Victor, der mit Menschen im Allgemeinen und mit Teenagern im Besonderen nicht viel anfangen konnte, machte sich bis heute Vorwürfe, nicht besser auf seine Nichte aufgepasst zu haben. Jetzt jedoch stand Carols Hochzeit bevor, und sie hatte darauf bestanden, von ihrem Onkel Victor zum Altar geführt zu werden, denn ihr Vater war vor acht Jahren einem Herzinfarkt erlegen. Das war das letzte Mal gewesen, dass Victor seine Schwester und Nichte gesehen hatte, als er zu diesem traurigen Anlass in Yorkshire gewesen war.

Bereits am Vorabend hatte Mabel geholfen, Victors Sachen, die in eine kleine Sporttasche passten, zu packen. Den obligatorischen Cut, der bei englischen Hochzeiten von den Männern getragen wurde, wollte er sich vor Ort ausleihen.

„Ist das wirklich alles, was Sie mitnehmen wollen?“, fragte Mabel skeptisch, als er die Tasche aus seinem Haus holte und auf den Beifahrersitz stellte.

„Ich bleibe doch nur übers Wochenende.“

„Meiner Meinung nach sollten Sie ruhig eine Woche oder länger bei Ihrer Familie verbringen“, antwortete Mabel. „Wie lange haben Sie schon keinen Urlaub mehr gemacht, Victor? Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass Sie jemals verreist waren. Der Tierarzt aus West Looe übernimmt Ihre Vertretung, und Ihre Patienten werden Ihnen treu bleiben, auch wenn Sie mal die Praxis zwei oder auch drei Wochen schließen.“

„Ich habe viel mehr Sorge, Sie so lange allein zu lassen, Mabel.“ Zum ersten Mal an diesem Tag schwang in Victors Stimme die für ihn typische Ironie mit, die Mabel bestens bekannt war.

„Oh, ich komme gut allein zurecht, mir wird es schon nicht langweilig werden.“

„Das meinte ich auch nicht“, antwortete Victor mit einem Lächeln, ebenfalls das erste heute. „Versprechen Sie mir, in den kommenden Tagen nicht über eine Leiche zu stolpern und nicht hinter jeder Ecke einen Verbrecher zu wittern? Sergeant Bourke erwähnte, Warden befinde sich auf einer Dienstreise. Das behagt mir gar nicht.“

Freundschaftlich stupste Mabel ihn in die Seite.

„Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass in Higher Barton oder in der Umgebung keine weiteren Morde mehr geschehen, doch hoffen möchte ich das nun wirklich nicht.“

„Dessen bin ich mir keineswegs sicher.“ Wissend zog Victor eine Augenbraue hoch und sah Mabel ernst an. „Am besten, Sie verlassen Ihr Haus nicht, dann geraten Sie auch nicht in einen Mordfall hinein.“

„Und wovon soll ich mich ernähren?“, fragte Mabel scheinbar entrüstet, froh, dass Victor wieder zu seiner gewohnten Art zurückgefunden hatte. „Sie müssen mir schon erlauben, einkaufen zu gehen.“

Dieses Mal erreichte sein Lächeln auch seine Augen, als er erwiderte: „Wenn es unbedingt sein muss.“

„Es ist Ferienzeit, Cornwall ist voller Touristen, und alle genießen den Sommer“, sagte Mabel. „Ich werde mich um mein Cottage und den Garten kümmern und Menschenansammlungen geflissentlich meiden. Ich mag das ohnehin nicht besonders.“

In Cornwall lebten normalerweise rund eine halbe Million Menschen. Jetzt im August, zur Hauptreisezeit, waren es zehnmal mehr, denn das Herzogtum im äußersten Westen Englands war das beliebteste Urlaubsziel der Briten. Auf der A 30, der Hauptverbindungsstraße zwischen Exeter in der Grafschaft Devon und Penzance im Westen Cornwalls, rollten − oder vielmehr standen − die Blechlawinen Stoßstange an Stoßstange. Durch die engen Straßen und Gässchen der alten Fischerdörfer Polperro und East Looe an der Südküste drängten sich die Menschen ebenso wie an den zahlreichen Stränden mit dem feinen, goldfarbenen Sand. Der Tourismus war eben die Haupteinnahmequelle der Einwohner. Mabel ging dem Trubel jedoch lieber aus dem Weg. Sie freute sich darauf, in ihrem kleinen, aber feinen Cottagegarten zu arbeiten, ein paar neue Beete anzulegen und dem stetig wuchernden Unkraut den Garaus zu machen. Darüber hinaus musste sie sich im Herrenhaus Higher Barton, dessen Eigentümerin sie war, um einige organisatorische Angelegenheiten kümmern.

„Sie rufen mich sofort an, wenn etwas passieren sollte“, forderte Victor Mabel auf.

Sie lachte laut. „Das wird nicht nötig sein, und jetzt machen Sie, dass Sie fortkommen, sonst erreichen Sie York nicht mehr vor dem Abend. Vergessen Sie bitte nicht, unterwegs auch mal eine Pause einzulegen, und seien Sie freundlich zu Ihrer Schwester und zu Carol und deren Bräutigam.“

„Wie soll ich nur die nächsten Tage ohne Ihre Bevormundung überstehen, Mabel? Ihre Besserwisserei wird mir fehlen.“

„Und mir Ihre Griesgrämigkeit“, erwiderte Mabel schlagfertig.

Victor stieg in den Jeep und startete den Motor. Mabel sah dem Wagen nach, bis er um die Kurve verschwunden war, dann machte sie sich zu Fuß auf den Weg zu ihrem kleinen, strohgedeckten Cottage, das in einer ruhigen Seitenstraße nahe dem Ortszentrum von Lower Barton lag.

Als sie vor sechs Jahren London hinter sich gelassen hatte und nach Cornwall gezogen war, hatte sie Victor Daniels kennen- und bald auch schätzen gelernt. Obwohl ihre Cousine Abigail Tremaine ihr Higher Barton überschrieben hatte, hatte Mabel sich entschlossen, dem chaotischen Tierarzt den Haushalt zu führen. Untätigkeit war nicht Mabels Art, sie musste immer etwas zu tun haben, und die unausgefüllten Tage nach ihrer Pensionierung waren ihr lang und öde vorgekommen. Vor Mabel hatte Victor Daniels durch seine wortkarge, oft schroffe Art alle Haushälterinnen im Umkreis von fünfzig Meilen vergrault. Als Veterinär war er allerdings eine Koryphäe. Victor liebte die Tiere jedoch mehr als die Menschen, denn Tiere logen nicht, töteten nur, wenn sie Hunger hatten, und sobald sie einem Menschen ihr Herz geschenkt hatten, dann blieben sie ihm treu bis in den Tod. Victor hatte nie geheiratet und immer allein gelebt. Daher ließ er sich in sein Leben nicht hineinreden und hatte über viele Dinge eine feste Meinung, von der er nur selten abwich.

Mabels Dickkopf stand dem Victors in nichts nach. Auch sie wusste ganz genau, was sie wollte, und noch besser wusste sie, was sie nicht wollte. Auf keinen Fall ließ sich Mabel die Butter vom Brot nehmen. Anders als Victor war sie anderen Menschen gegenüber jedoch freundlich und aufgeschlossen und gern bereit, neue Bekanntschaften zu schließen.

Im Laufe der Jahre hatten sich Mabel und Victor zusammengerauft. Erheblich dazu beigetragen hatten einige aufregende Abenteuer, die sie gemeinsam meisterten, denn Mabel verfügte über die zweifelhafte Gabe, regelmäßig über Leichen zu stolpern und in Mordfälle verwickelt zu werden. Victor und sie waren zu einem eingespielten Team geworden, und Mabel wusste längst, wie sie den alten Hagestolz zu nehmen hatte. Allerdings hatte sich ihre Freundschaft im letzten Jahr verändert, zumindest Mabel empfand seit einiger Zeit mehr als nur Freundschaft für den kauzigen Tierarzt.

Auch Mabel war nie verheiratet gewesen und hatte außer ihrer in Frankreich lebenden Cousine keine weiteren Verwandten. Einer Ehe war Mabel zwar nie abgeneigt gewesen, nach einer Enttäuschung vor über vierzig Jahren war ihr jedoch der Richtige, mit dem sie sich ein Eheleben und die Gründung einer Familie hätte vorstellen können, nicht mehr begegnet. Die Tätigkeit als Krankenschwester hatte ihr Leben bestimmt und ausgefüllt. Anderen helfen zu können, das war ihr stets ein Anliegen. Bei Mabel waren es Menschen gewesen, bei Victor Tiere. Mabel war mit sich und ihrem Leben zufrieden, wenngleich es langsam Zeit wurde, die Gedanken an die Zukunft nicht länger vor sich herzuschieben. Wenn Gott ihr die Gnade schenkte, würde sie in drei Jahren siebzig werden, auch wenn ihr Denken und Fühlen noch lange nicht diesem Alter entsprach. In ihrem Körper zwickte und zwackte es zwar manchmal, besonders morgens brauchte sie ein paar Minuten, bis sie ihre Gelenke schmerzfrei bewegen konnte, ansonsten war Mabel jedoch kerngesund. Trotzdem schien ihr die Zeit gekommen, einige Angelegenheiten zu regeln, und dazu gehörten auch ihre Gefühle für Victor Daniels. So kam Mabel seine Reise durchaus gelegen. Das würde ihr Zeit zum Nachdenken geben, wie sie mit ihren Gefühlen für den kauzigen Tierarzt künftig umgehen sollte. Dass sie für Victor nicht mehr als eine Haushälterin und eine Freundin sein konnte, hatte er ihr vor gar nicht langer Zeit unmissverständlich zu verstehen gegeben.

In ihrer Küche mit der niedrigen Balkendecke und den weiß getünchten Wänden bereitete Mabel sich eine Kanne mit bestem Darjeeling zu. Der Duft der Teeblätter, die sie ausschließlich in einem speziellen Geschäft in Truro kaufte, zog durch das Cottage, und Mabel freute sich auf die Tasse Tee und einen gemütlichen Nachmittag, an dem sie im Garten sitzen und in einem Buch lesen wollte. Als es an der Tür klopfte, runzelte sie unwillig die Stirn. Sie erwartete keinen Besuch.

Vor der Tür stand eine korpulente Dame, etwa in Mabels Alter. Ihr pausbäckiges Gesicht wurde von rosa gefärbten Löckchen umrahmt, auf denen ein runder, blauer Hut thronte.

„Miss Clarence?“, fragte die Fremde mit einer hohen Stimme. „Miss Mabel Clarence?“ Mabel, die die Frau nie zuvor gesehen hatte, nickte, und diese fuhr fort: „Ich bin so froh, Sie anzutreffen.“

Mabel blieb nichts anderes übrig, als die Besucherin hereinzubitten, denn Gastfreundschaft war Mabel wichtig. Die Frau sah sich in dem Wohnzimmer mit den geschmackvollen Stilmöbeln um, kräuselte dann die Nase und schnupperte.

„Ich habe mir gerade einen Tee aufgebrüht“, kam Mabel nicht umhin zu bemerken. „Darf ich Ihnen eine Tasse anbieten, Misses …?“

„Das wäre überaus freundlich! Oh, ich habe mich noch nicht vorgestellt, wie unverzeihlich von mir! Mein Name ist Jane Morton. Ich lebe in Boscastle und bin extra hierhergekommen, um Sie aufzusuchen.“

Mabel bat Mrs Morton, Platz zu nehmen, und ging in die Küche, um das Tablett für den Tee zu richten. Sie fragte sich, was Mrs Morton von der cornischen Nordküste zu ihr nach Lower Barton führte. Unmöglich konnte die Dame etwas mit der Angelegenheit zu tun haben, mit der Mabel sich seit Wochen beschäftigte.

„Es tut mir leid, Ihnen keinen Kuchen anbieten zu können“, sagte Mabel, während sie den goldbraunen Tee in die Tassen goss. „Ich bin heute noch nicht zum Backen gekommen.“

Die Besucherin musterte Mabel, die noch ihr dunkles Twinset mit der grauen Bluse trug, und fragte scharfsichtig: „Waren Sie bei einer Beerdigung? Das tut mir leid, aber irgendwie passt es.“

Mabel ließ die letzte Bemerkung unkommentiert und nahm einen Schluck Tee. Sofort begann sie, sich zu entspannen, und erkundigte sich: „Welchem Umstand habe ich Ihren Besuch zu verdanken, Mrs Morton? Ich glaube nicht, dass wir uns schon mal begegnet sind, oder?“

„Nein, nein.“ Jane Mortons rosa Löckchen hüpften um ihre Ohren, als sie den Kopf schüttelte. „Sie müssen mir helfen, Miss Clarence!“, fuhr sie eindringlich fort. „Also, eigentlich nicht direkt mir, sondern meiner Freundin Beth.“

„Beth?“

„Elisabeth Bennett. Wir waren seit unserer Kindheit befreundet, aber diese liegt schon lange zurück.“ Sie kicherte verlegen. „Na ja, wem sage ich das.“

„Sie waren befreundet?“ Mabel hatte ein feines Gespür für Zwischentöne. „Ich wüsste nicht, wie ich Ihnen behilflich sein könnte, wenn Ihre Freundschaft …“

„Beth wurde ermordet!“, stieß Jane Morton hervor.

„Wie bitte?“ Mabels Tasse klirrte, als sie sie auf dem Unterteller abstellte. Mit diesen drei Wörtern hatte Jane Morton Mabels absolute Aufmerksamkeit gewonnen.

„Meine Freundin Elisabeth Bennett wurde letzte Woche ermordet. Obwohl ich ganz genau weiß, wer sie getötet hat, weigert sich die Polizei, den Fall weiter zu untersuchen und den Mörder zu verhaften.“ Nervös knetete Jane Morton ihre Finger. Sie beugte sich vor und sagte entschieden: „Sie müssen den Täter überführen, Miss Clarence!“

Verwundert schüttelte Mabel den Kopf. „Wie kommen Sie auf mich? Warum sollte ausgerechnet ich etwas ausrichten können?“

Jane Morton lächelte. „Meine Nichte berichtete mir von Ihren Fähigkeiten und Erfolgen, Miss Clarence, und ebenso davon, wie bescheiden Sie sind.“

„Ihre Nichte?“

„Penelope Jennings, Sie erinnern sich doch an sie?“

Mabel nickte. Ja, sie erinnerte sich an die herbe Frau, die vor einigen Jahren bei einem Mordfall eine nicht unerhebliche Rolle gespielt hatte.

„Ich wusste nicht, dass Miss Jennings Ihre Nichte ist, nur, dass sie Lower Barton vor einigen Jahren verlassen hat.“

„Nun ja, gewisse … Ereignisse, die Ihnen bekannt sind, haben Penelope veranlasst, an einem anderen Ort neu anzufangen“, erklärte Jane Morton. „Sie wohnt nun in Trevalga, ganz in meiner Nähe. Gestern sprachen wir über Beth, und Penelope riet mir, Sie, Miss Clarence, um Hilfe zu bitten.“

Durch Mabels Körper fuhr ein angenehmes Kribbeln, und sie forderte Jane Morton auf: „Bitte, erzählen Sie von Anfang an. Noch eine Tasse Tee?“

„Sehr gern, danke. Ihr Tee ist köstlich.“ Jane Morton wartete, bis Mabel eingeschenkt hatte, trank einen Schluck, dann begann sie zu erzählen: „Wie ich erwähnte, waren Beth und ich seit Kindertagen befreundet. Unsere Freundschaft riss auch nicht ab, als sie heiratete, eine Familie gründete und nach Portsmouth in der Grafschaft Hampshire zog. Ihr Mann, ein Reeder, baute dort Schiffe für Privatpersonen, Firmen und die Marine. Als der Schiffsbau in England vor einigen Jahren fast völlig zum Erliegen kam, hatte Beth’ Mann bereits ein großes Vermögen angehäuft, sodass er und Beth sich bequem zur Ruhe setzen konnten. Sie bewohnten einen großzügigen Landsitz vor den Toren der Stadt. Leider war Beth das Mutterglück verwehrt geblieben. Als ihr Mann vor zwei Jahren starb, erbte sie alles und wurde eine sehr reiche Frau, wenn Sie verstehen, was ich meine, Miss Clarence.“

Mabel nickte. „Und nun ist sie tot, und Sie vermuten, dass Ihre Freundin ermordet wurde. Was veranlasst Sie zu einer solchen Annahme, Mrs Morton?“

„Vor einem halben Jahr entschloss sich Beth, ihren Besitz in Portsmouth zu veräußern und nach Cornwall zurückzukehren“, fuhr Jane Morton fort. „‚Jane‘, sagte sie zu mir, ‚meine letzten Jahre will ich in meiner Heimat verbringen.‘ In St. Ives mietete sie sich in einer Seniorenresidenz ein.“ Jane Morton machte eine Pause und schnaubte verächtlich. „Seniorenresidenz! Das klingt nach alten Leuten, dabei war Beth gerade mal Anfang sechzig und gehörte noch lange nicht zum alten Eisen. Ihr Haus war für eine Person aber viel zu groß, und Beth wollte sich nicht länger um diesen großen Besitz kümmern müssen. Manchmal besuchte sie mich übers Wochenende in Boscastle, zwei, drei Mal fuhr ich für einen Tag nach St. Ives. Das letzte Mal sahen wir uns vor zwei Wochen. Beth war das blühende Leben selbst und erzählte mir, sie habe sich erst wenige Tage zuvor von einem Arzt gründlich untersuchen lassen, sei kerngesund und habe keine Anzeichen einer Herzschwäche.“

Mabel begann zu verstehen und warf ein: „Ich schlussfolgere, Ihre Freundin ist einem Herzleiden erlegen?“

„Natürlich nicht!“ Jane Morton schnaubte. „Das ist es ja! Letzte Woche war sie einfach tot, gestorben im Schlaf. Der Arzt diagnostizierte einen plötzlichen Herztod. Das ist aber völliger Unsinn!“

„Sie erwähnten, bei der Polizei gewesen zu sein“, hakte Mabel nach, „und auch, dass Sie eine Vermutung hätten, wer Beth getötet haben könnte.“

„Mehr als eine Vermutung“, sagte Jane Morton laut. „Sofort, als ich von der Heimleitung erfuhr, was geschehen ist …“

„Die Heimleitung hat Sie informiert?“, fragte Mabel dazwischen.

„Ja, ja, Beth hat meine Adresse und Telefonnummer für den Fall, dass ihr etwas passieren würde, bei den Leitern des Altenheims hinterlassen. Natürlich bin ich sofort nach St. Ives gefahren, die Polizeibeamten weigerten sich jedoch, eine Obduktion zu veranlassen. Es handle sich um einen natürlichen Tod, an der Aussage des Arztes gebe es keinen Zweifel, darüber hinaus wäre ich ja keine Angehörige, sagten sie. Wenn jemand Zweifel anmelden könnte, dann nur die Verwandten.“

„Hatte Beth denn noch Angehörige?“, fragte Mabel. „Sie erwähnten vorhin, dass sie keine Kinder gehabt hatte.“

„Aber einen Neffen“, erwiderte Jane Morton und nickte nachdrücklich. „Das ist ja die Krux an der Sache! Thomas, der Sohn eines Bruders von Beth‘ Ehemann, ist ihr Mörder!“

„Wie kommen Sie zu einem solchen Verdacht?“

„Thomas Bennett steckt bis über beide Ohren in Schulden und hat in seinem Leben noch nie etwas auf die Reihe gebracht. Alles, was er beginnt, endet in einem finanziellen Desaster. Außerdem spielt er und treibt sich in äußerst zwielichtigen Lokalen herum. Ständig hat er Beth um Geld angebettelt, da es ihm wie Wasser durch die Finger rinnt. In den letzten Jahren hat sie ihm auch immer wieder etwas zugesteckt. Beth war jedoch nicht länger gewillt, sich weiterhin wie eine Milchkuh melken zu lassen, und hat erklärt, sie würde ihr Geld lieber dem Tierschutzverein vermachen, als den Lebenswandel Ihres Neffen zu unterstützen. Thomas war darüber schrecklich wütend und hat Beth sogar gedroht, sie würde es bereuen. Bei unserer letzten Begegnung erzählte mir Beth von dem Streit und war immer noch ganz mitgenommen.“

„Haben Sie das alles der Polizei gesagt?“

„Selbstverständlich!“, rief Jane Morton. „Doch niemand nahm meine Aussage ernst. Ich wurde abgekanzelt wie eine lästige Alte, die unter Wahnvorstellungen leidet und den Beamten nur die Zeit stiehlt. Es hätte nicht viel gefehlt, und dieser hochnäsige Inspektor hätte mich eigenhändig vor die Tür gesetzt.“

„Das kommt mir irgendwie bekannt vor“, murmelte Mabel, schmunzelte und sprach lauter weiter: „Ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen in dieser Angelegenheit behilflich sein könnte, Mrs Morton. Ihre Freundin ist in St. Ives gestorben. Ich verfüge über keinerlei Kontakte zur dortigen Polizei, und die Beamten hier in Lower Barton werden kaum etwas ausrichten können.“ Außerdem würde Chefinspektor Randolph Warden mir ebenfalls keinen Glauben schenken, fügte sie in Gedanken hinzu.

Aus ihrer Handtasche kramte Jane Morton ein Foto und hielt es Mabel hin.

„Das ist … war Beth, die Aufnahme ist etwa ein halbes Jahr alt.“

Elisabeth Bennett war eine überaus attraktive Frau gewesen. Kinnlange, graue, noch volle Haare umrahmten ein herzförmiges Gesicht mit dunklen Augen und vollen Lippen. Auf dem Foto lachte sie, und in ihren Wangen zeigten sich Grübchen. Ohne ihr Alter zu kennen, hätte Mabel Beth auf etwa Mitte fünfzig geschätzt.

Mit einer plötzlichen Bewegung umklammerte Jane Morton Mabels Handgelenk und rief: „Ihnen wird etwas einfallen, Miss Clarence! Meine Nichte Penelope sagt, Sie hätten viel Fantasie und wüssten genau, was zu tun ist. Sie werden nicht zulassen, dass der Mord an Elisabeth Bennett ungesühnt bleibt und ihr Mörder ungestraft davonkommt.“

Zwei

Grelles Sonnenlicht blendete Mabel, als sie auf den Bahnsteig trat. Nur von einer schmalen Straße getrennt, lag der goldgelbe, feine Sand des Porthminster Beach und das strahlend blaue und ruhige Meer vor ihr. Hunderte von Menschen hatten es sich am Strand bequem gemacht, viele planschten und schwammen im Wasser oder ließen sich auf Surfbrettern über die Wellen tragen. Mabel war nicht die Einzige, deren Ziel heute die schöne Stadt St. Ives war. Nach ihr drängten sich aus dem Zug Familien in Freizeitkleidung, Flip-Flops an den Füßen, Badetaschen über den Schultern und Windbreaker unter den Armen. In diesem Moment sah Mabel, wie eine der großen, weiß-grauen Möwen herabschoss – direkt auf einen kleinen Jungen zu, der eine Eiswaffel in der Hand hielt. Die Mutter schrie noch: „Vorsicht!“ und fuchtelte wild mit den Armen, doch die Möwe hatte bereits mit ihrem kräftigen, gebogenen Schnabel die Eiswaffel gepackt und entschwand mit ihrer süßen Beute in die Lüfte. Der Junge brüllte wie am Spieß, und Mabel hörte die Frau rufen: „Ihr Scheißmöwen!“, dann sagte sie zu ihrem Sohn: „Heul nicht rum, Mami kauft dir ein neues Eis.“

Mabel hatte über das zunehmende Problem mit den Seevögeln in den Zeitungen gelesen. Schon immer waren die Möwen in den Küstenorten mit Vorsicht zu genießen, in den letzten Jahren hatten die Attacken jedoch deutlich zugenommen. Menschen, darunter auch Kinder, waren von den Möwen verletzt und erst vor ein paar Monaten war sogar ein kleiner Hund getötet worden. Mabel und Victor brachten ein gewisses Verständnis für die Vögel auf, wurde deren Lebensraum doch immer mehr eingeschränkt. Die Touristen, die an schönen Tagen die lange, breite Strandpromenade und die Strände bevölkerten, dabei Fish and Chips, Sandwiches, Pasties und Eis aßen, wurden immer zahlreicher. Es gab für die Möwen keine Notwendigkeit mehr, ihre Nahrung im Meer zu suchen, wenn sie ihnen wie auf einem Präsentierteller serviert wurde. Überall wiesen Warnschilder darauf hin, nichts unter freiem Himmel zu verspeisen, kaum jemand hielt sich jedoch daran. Mittlerweile plante die Regierung, massiv gegen die Vögel vorzugehen und sie sogar zu töten. Dabei folgten die Möwen nur ihrem Instinkt.

Mabel hatte darauf verzichtet, den Tierarzt telefonisch über ihren spontanen Ausflug nach St. Ives zu informieren. Jane Morton hatte durchaus den Eindruck erweckt, ihre fünf Sinne beisammen zu haben, und der überraschende Tod ihrer Freundin erschien auch Mabel seltsam. Eine Frau, die noch zwei Wochen zuvor kerngesund war, starb nicht plötzlich an einem Herzstillstand. Elisabeth Bennett war vermögend gewesen, und ihr einziger Erbe steckte bis über beide Ohren in Schulden. Bei Jane Mortons Bericht hatte Mabels Nase plötzlich zu jucken begonnen − ein untrügliches Zeichen, dass etwas nicht stimmte. Und dass die Polizei Jane Morton keinen Glauben schenken wollte, ja, sie sogar als verrückte Alte brandmarkte, das hatte für Mabel den Ausschlag gegeben, ein paar Erkundigungen einzuziehen.

In Lower Barton hatte Mabel mit der Polizei ähnliche Erfahrungen gemacht, speziell mit Chefinspektor Randolph Warden, dem Revierleiter. Mehrmals waren sie und Warden unterschiedlicher Meinung gewesen – doch am Ende hatte Mabel stets recht behalten. Warden war derzeit nicht erreichbar, ebenso wenig Victor, und der sympathische Sergeant Bourke würde den Fall ablehnen, da er für Vorfälle in St. Ives nicht zuständig war.

Mabel war seit Jahren nicht mehr im Westen Cornwalls gewesen. Der sonnige und warme Sommertag bot eine gute Gelegenheit für einen Ausflug nach St. Ives, um sich das besagte Altenheim näher anzusehen.

Sie ging die Treppe zu The Terrace hinauf und stieg in ein dort wartendes Taxi. Aus ihrer Tasche kramte sie den Zettel mit der Adresse heraus und sagte: „Zum Kernow Manor bitte.“

Der Taxifahrer lächelte wissend. „Sie haben einen Ausflug gemacht und kehren nun zurück?“

Mabel antwortete ebenfalls mit einem Lächeln. Er hielt sie wohl für eine Bewohnerin der Seniorenresidenz.

Das Taxi schoss in halsbrecherischem Tempo, zumindest schien es Mabel so, durch die engen Straßen, dann ging es steil einen Berg hinauf. Mabel drehte sich um und sah auf die Stadt zurück. Von hier oben schien in St. Ives die Zeit stehengeblieben zu sein. Die kleinen, geduckten Häuser und Cottages stammten aus vergangenen Jahrhunderten, und das Zentrum am Hafen hatte sich sein historisches Aussehen bewahrt. Nun bog das Taxi in eine an beiden Seiten mit mächtigen Buchen und blühenden Hortensienbüschen gesäumte Einfahrt. Nach etwa zweihundert Yards kam Kernow Manor in Sicht. Mabel hatte sich zwar bereits im Internet über das Altenheim kundig gemacht, jetzt jedoch war sie von dem Anblick überwältigt. Das Haus besaß vier Stockwerke, zwei zinnenbewehrte, mit wildem Wein überwucherte, eckige Türme und eine großzügige Terrasse, die einen unverbaubaren Blick auf St. Ives, Porthminster Beach und die ganze Carbis Bay bot.

Mabel bezahlte und stieg aus. Langsam ging sie auf den Haupteingang zu. An den weißen Tischen unter Sonnenschirmen saßen mehrere Frauen und zwei Männer auf der Terrasse. Einige lasen in einem Buch oder in einer Zeitung, eine Dame strickte, und zwei Frauen spielten Karten. Als Mabel an einem hochgewachsenen Herrn mit einem schmalen Gesicht und markantem Kinn vorbeikam, grüßte dieser mit einem freundlichen Nicken. Sie erwiderte die Geste und fragte sich, ob er sich wohl die Haare färbte, da diese dunkelbraun und nahezu frei von grauen Strähnen waren. Den Falten im Gesicht nach musste der Mann mindestens so alt wie Victor Daniels sein. Victors spärliches schlohweißes Haar ließ dieser sich im Nacken bis über den Hemdkragen wachsen, wohl zum Ausgleich zu seiner halben Glatze. Mabel verscheuchte die Gedanken an den Tierarzt und hoffte, er würde im Norden Englands angenehme Tage verbringen.

Ein junger Mann kam ihr aus dem Eingang entgegen. Hätte die Kulisse bisher auf ein exklusives Hotel hinweisen können, zeigte seine weiße Kleidung, dass es sich bei Kernow Manor um ein Altenheim handelte.

„Ein wundervoller Tag, nicht wahr?“ Der Pfleger trat zu Mabel. „Möchten Sie jemanden besuchen?“

„Nein, nicht direkt“, antwortete Mabel. „Ich wollte mir nur das Haus ansehen, wenn es möglich ist.“

„Oh, Sie möchten Ihren Lebensabend in unserem schönen Kernow Manor verbringen?“ Der Pfleger nickte wohlwollend. „Eine gute Entscheidung. Haben Sie einen Termin mit Mrs Simpson vereinbart?“

Ebenfalls aus dem Internet wusste Mabel, dass die Seniorenresidenz von dem Ehepaar Barry und Isobel Simpson geleitet wurde. Sie verneinte und sagte: „Es war eine spontane Entscheidung, vorbeizukommen, da ich mich ohnehin in der Stadt aufhielt.“

Der junge Pfleger sah auf seine Armbanduhr. „Ich denke, Mrs Simpson wird in ihrem Büro sein und sicher ein paar Minuten Zeit für Sie haben.“ Er reichte Mabel die Hand. „Mein Name ist Peter Quintrell, aber alle nennen mich nur Pete.“

„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Pete“, antwortete Mabel höflich.

Sie traten durch die offene, zweiflüglige Tür, und Mabel blieb auf der Schwelle überrascht stehen. Die Eingangshalle wies eine große Ähnlichkeit mit der Halle in Higher Barton auf. Rauverputzte Wände, eine hohe Balkendecke und an der Stirnseite ein so mächtiger Kamin, dass ein Mann darin bequem stehen konnte. Eine glänzende Ritterrüstung und gekreuzte Schwerter an den Wänden verstärkten den mittelalterlichen Eindruck.

„Man könnte meinen, das Haus wäre uralt, nicht wahr?“, reagierte Pete auf Mabels Blicke.

„Ist es das nicht?“

Pete schüttelte den Kopf, lächelte und erklärte: „Kernow Manor wurde erst in den Dreißigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts von einem Minenbesitzer erbaut. Er hatte ein Faible für das Mittelalter und errichtete sich hier seine eigene Burg, natürlich mit allen Annehmlichkeiten, die damals möglich waren. Während des ersten Weltkrieges diente das Haus als Erholungsheim für verwundete Offiziere, danach hatte es verschiedene Funktionen, zuletzt war es ein Hotel. Die Familie des Erbauers ist längst ausgestorben, und vor sechs Jahren erwarben die Simpsons das Anwesen und bauten das Haus zu einer Seniorenresidenz um.“

„Es gibt weniger angenehme Umgebungen, seinen Lebensabend zu verbringen“, erwiderte Mabel mit einem Schmunzeln. Bei näherer Betrachtung erkannte sie nun auch die deutlichen Hinweise, dass hier ältere Menschen lebten: Der Treppenlift an der breiten, geschwungenen Treppe in die oberen Stockwerke, zwei moderne Aufzüge an der Westseite der Halle, der Handlauf an allen Wänden, und auf dem gefliesten Fußboden gab es keine Schwellen oder sonstige Stolperfallen.

Das Büro der Heimleitung befand sich direkt neben den Aufzügen. Pete Quintrell klopfte an, öffnete die Tür einen Spalt und sagte: „Verzeihen Sie bitte die Störung, Mrs Simpson, hier ist eine Dame, die sich für unser Haus interessiert.“

Mabel trat ein. Hinter einem wuchtigen Schreibtisch aus massiver Eiche erhob sich eine etwa vierzigjährige Frau. Unwillkürlich fühlte Mabel sich an eine strenge Gouvernante aus dem 19. Jahrhundert erinnert. Mrs Simpson war groß und sehr dünn, eigentlich schon hager, hatte aber ein hübsches, herzförmiges Gesicht. Das rötlich-blonde Haar trug sie zu einem Dutt gekämmt, ihre Strenge wurde durch das dunkelblaue Kostüm mit der hochgeschlossenen, mintgrünen Bluse noch unterstrichen.

„Keinesfalls möchte ich Sie stören“, sagte Mabel. „Ich wusste nicht, dass es nötig ist, einen Termin zu vereinbaren.“

Isobel Simpson lächelte unverbindlich.

„Sie haben Glück, ich kann ein wenig Zeit erübrigen. Bitte nehmen Sie Platz. Danke, Pete, das wäre alles.“

Der Pfleger schloss die Tür hinter sich, und Mabel ließ sich in den bequemen Ledersessel vor dem Schreibtisch sinken.

„Sie interessieren sich für einen Aufenthalt in Kernow Manor?“, schlussfolgerte Isobel Simpson.

Mabel gewann den Eindruck, ihr Blick aus den blassgrünen Augen glitte abschätzend über ihre Gestalt, und die folgenden Worte der Heimleiterin bestätigten ihren Verdacht: „Wir führen ein sehr anspruchsvolles Haus mit einem elitären Publikum.“

Sie glaubt, ich kann es mir nicht leisten, dachte Mabel und verkniff sich ein Schmunzeln. Sie trug eine einfache Stoffhose, einen leichten Baumwollpullover und eine schlichte, braune Windjacke. Mabels Kurzhaarfrisur war praktisch und ohne Chic, Make-up verwendete sie nie. Offenbar sah Mrs Simpson auf Anhieb, dass Mabels Kleidung von keinem bekannten Designer, sondern von Marks & Spencer stammte.

Sie ist wohl ein Snob, dachte Mabel und antwortete: „Das ist nicht zu übersehen. Ihr Heim wurde mir empfohlen, denn man wird schließlich nicht jünger.“

„Wir vermeiden es, von einem Heim zu sprechen.“ Mrs Simpson runzelte unwillig die Stirn. „Bei unseren Bewohnern handelt es sich um Gäste, die ihren Lebensabend in einer angenehmen Umgebung verbringen möchten. Die Räumlichkeiten sind begehrt, dementsprechend haben wir eine lange Warteliste, außerdem weiß ich nicht, ob Sie sich über die anfallenden Kosten im Klaren sind.“ Ihr überheblicher Blick sprach Bände. Isobel Simpson wollte offenbar gleich zum Wesentlichen kommen, um nicht unnötig Zeit zu verschwenden.

„Das lassen Sie meine Sorge sein.“ Mabels Mundwinkel zuckten. „Ich bin gern bereit, auch etwas mehr zu bezahlen, sofern sich das positiv auf die Warteliste ausübt. Es liegt in meinem Interesse, mein Domizil so bald wie möglich zu wechseln. Die feuchte Kälte im Norden des Landes ist meinem Rheuma wenig zuträglich, daher habe ich mich entschieden, meinen Lebensabend in Cornwall zu verbringen.“

Die hellen, dünnen Augenbrauen von Isobel Simpson schossen nach oben.

„Sie stammen nicht aus dem Süden?“

„Ich komme aus Yorkshire“, schwindelte Mabel, weil ihr das im Moment als Erstes einfiel.

„Wie war noch mal Ihr Name, Miss …?“

Tatsächlich hatte Mabel sich bisher nicht vorgestellt und antwortete: „Wymark, Mrs Mabel Wymark, ich bin verwitwet.“

Victors Schwester im Norden würde diese kleine Schwindelei sicher verzeihen, sofern sie überhaupt davon erführe. Mabel konnte nicht riskieren, ihren richtigen Namen zu nennen oder gar Higher Barton zu erwähnen. Chefinspektor Warden hatte ihren Namen – schon aus eigennützigen Gründen – zwar immer aus der Presse herausgehalten, trotzdem stand zu befürchten, dass in den Nachrichten Mabels Rolle bei den alten Mordfällen auch bis nach St. Ives bekannt geworden sein könnte.

Isobel Simpson legte ihre Fingerspitzen zusammen und sah Mabel aufmerksam an.

„Tatsächlich wurde vor ein paar Tagen überraschend eine unserer Suiten frei. Bisher haben wir noch keinen neuen Gast für diese Räumlichkeiten.“

„Sie meinen, der Bewohner ist verstorben?“

Mrs Simpson zuckte zusammen. „Ja, leider. Wir sprechen hier aber nicht über den Tod, Mrs Wymark.“

„Könnte ich mir die Zimmer ansehen?“, fragte Mabel.

„Vielleicht sollten Sie sich zuerst über die Verbindlichkeiten informieren“, erwiderte Mrs Simpson, immer noch nicht überzeugt, dass Mabel die Kosten würde tragen können. Aus einer Schublade entnahm sie eine Broschüre und schob sie zu Mabel. „Auf der letzten Seite finden Sie alles Notwendige. Wie ich bereits erwähnte, handelt es sich um eine Suite. Eine Vorauszahlung von drei Monatsmieten ist Usus, und was die Warteliste betrifft …“ Sie ließ den Rest des Satzes offen, und Mabel verstand.

Sie sah auf die Preisliste und schluckte. Die monatliche Miete war wirklich auf einem Niveau, für das eine alte Frau lange stricken musste, wie der Volksmund sagt. Nun, sie hatte keinesfalls vor, längere Zeit in der Seniorenresidenz zu verweilen, außerdem war sie durchaus vermögend, wenn auch nicht steinreich. Außer ihrer Rente verfügte sie über Einnahmen aus Higher Barton, dessen Räumlichkeiten Mabel mit der Hilfe der Verwalterin für Veranstaltungen vermietete, und ihr Gehalt als Haushälterin von Victor Daniels.

Sie hob das Kinn und sagte: „Wenn ich die Suite bitte sehen könnte?“

Zum ersten Mal war Mrs Simpsons Lächeln nicht mehr nur geschäftsmäßig, sondern auch freundlich. Die Erleichterung, dass Mabel angesichts der Kosten nicht sofort das Weite gesucht hatte, war ihr deutlich anzusehen.

„Schwester Grace wird Sie herumführen, Mrs Wymark. Ich denke, Sie werden alles zu Ihrer vollen Zufriedenheit vorfinden. Wir sprechen dann später über die Formalitäten, die in der heutigen Zeit leider nicht zu umgehen sind. Am besten bei einer guten Tasse Tee. Bevorzugen Sie Earl Grey oder Darjeeling?“

Schwester Grace war eine große, kräftige Frau mit undefinierbarer Haarfarbe. Ihr Alter konnte Mabel schwer einschätzen, Grace konnte ebenso Ende zwanzig wie auch bereits vierzig sein.

„Zeigen Sie Mrs Wymark die Victoria-Suite.“ Mrs Simpsons Bitte klang mehr wie ein Befehl als wie eine freundliche Aufforderung.

In der großen Halle wandte Mabel sich zu der Freitreppe, Schwester Grace hielt sie jedoch zurück.

„Wir nehmen den Lift, die Räumlichkeiten befinden sich im vierten Stock.“ Ihre Stimme war tief und rau, als würde sie regelmäßig Zigaretten rauchen.

„Ach, ich steige gern Treppen …“, bemerkte Mabel.

„Aber ich nicht“, unterbrach die Schwester bestimmt. „Was glauben Sie, wie oft ich täglich die Treppen hoch- und runterlaufen muss, da der Lift die meiste Zeit belegt ist!“ Abschätzend glitt ihr Blick über Mabels Körper. „Sie scheinen noch sehr rüstig zu sein, Mrs Wymark, dennoch sollten Sie sich nicht übernehmen.“ Während der Lift geräuschlos in die Höhe fuhr, erklärte Schwester Grace: „Wir nennen die Räume im Westturm Victoria-Suite, weil Queen Victoria und der Prinzgemahl im Jahr 1846 bei ihrer Reise durch Cornwall darin genächtigt haben sollen. Es sind die schönsten Räume im ganzen Haus.“

Bei dem Preis sollte das auch zu erwarten sein, dachte Mabel.

Schwester Grace hatte nicht übertrieben. Die Suite im obersten Stockwerk des Westturms bestand aus zwei Räumen und einem Badezimmer. Durch einen kleinen Vorraum mit der Garderobe trat Mabel in einen Salon mit großen Fenstern. Der Ausblick auf den Hafen von St. Ives, den Porthminster Beach und über die weiten, weißen Sandstrände der Carbis Bay war derselbe wie der Blick von der Terrasse und ebenso atemberaubend. Luftige, helle Vorhänge und sonnengelbe Teppiche und Sitzbezüge machten den Salon zu einer Oase der Ruhe und Gemütlichkeit. Versteckt hinter einer hölzernen Schiebetür gab es sogar eine kleine Teeküche mit zwei elektrischen Kochplatten, einem Wasserkocher, einem Spülbecken und Schränke mit Geschirr und den notwendigsten Kochutensilien.

„In der Regel nehmen unsere Gäste die Mahlzeiten im Speisesaal ein“, erklärte Schwester Grace. „Isobel und Barry bevorzugen diese Gemeinsamkeit, damit sich niemand absondert. Es steht Ihnen jedoch frei, Ihren Tee selbst zuzubereiten, und sollten Sie sich einmal unwohl fühlen, wird Ihnen das Essen auch im Zimmer serviert.“ Sie öffnete die Tür auf der linken Seite. „Das wäre dann das Schlafzimmer.“

Dieser Raum war etwas kleiner, aber ebenso geschmackvoll ausgestattet. Lediglich das moderne Krankenbett mit dem triangelförmigen Bettaufrichter wies darauf hin, dass Mabel sich nicht in einem Hotel, sondern in einem Altenheim befand – oder vielmehr in einer Seniorenresidenz. Dieser Ausdruck passte auch wirklich besser als Altenheim, diesbezüglich musste Mabel Isobel Simpson zustimmen.

„Die Möbel sind inbegriffen“, fuhr die Schwester fort. „Natürlich können Sie Ihre eigenen Möbel mitbringen.“ Sie deutete auf das Bett. „Die Matratze wurde erst vor zwei Tagen durch eine neue ersetzt.“

Mabel nickte. „Die vorherige Bewohnerin ist in diesem Bett gestorben? Mrs Simpson deutete in dieser Richtung etwas an.“

Ein Schatten fiel über Schwester Grace‘Gesicht. „Die arme Mrs Bennett. Sie war immer so freundlich und fröhlich. Ich habe sie gefunden. Zuerst dachte ich, sie schliefe länger, obwohl sie sonst immer schon beim ersten Sonnenstrahl auf den Beinen war. Als ich sie dann wecken wollte …“

„Das muss ein furchtbarer Schock für Sie gewesen sein“, sagte Mabel mitfühlend.

„Man gewöhnt dich daran, schließlich arbeite ich in einem Altenheim.“ Sie zwinkerte Mabel zu und wirkte dabei gleich um ein paar Jahre jünger. „Mrs Simpson möchte diesen Ausdruck zwar nicht hören, es ist aber Tatsache, dass für die meisten unserer Gäste hier das letzte Zuhause sein wird. Macht es Ihnen etwas aus, in den Räumen zu leben, in denen ein Mensch gestorben ist?“, fragte sie überraschend einfühlsam.

„Ich denke nicht“, antwortete Mabel und sah sich um. „Wenn man ein altes Haus bewohnt, ist immer irgendwann jemand darin gestorben.“

„Ach, Sie leben in einem historischen Gebäude?“

Du musst vorsichtiger sein, Mabel, dachte sie, und sagte laut: „Nein, nein, ich habe das nur allgemein gemeint.“

Schwester Grace zeigte ihr nun das Badezimmer. Auch hier war alles seniorengerecht eingerichtet: eine begehbare Dusche mit Sitzgelegenheit, eine erhöhte Toilette und Haltegriffe an den Wänden. Mabel dachte an das enge, schmale Bad in ihrem Cottage. Dieses lag unterm Dach und hatte nur eine Badewanne, über deren Rand sie jedes Mal klettern musste, wenn sie duschen wollte. Da bot ein solch modernes Badezimmer einen besseren Komfort.

„Haben Sie Mrs Bennett gut gekannt?“, fragte Mabel.

„Sie war erst seit ein paar Monaten in unserem Haus“, erklärte Schwester Grace bereitwillig. „Zwei Tage vor ihrem Tod waren sie und Lord Watercombe noch bei einem Tanzabend in einem Hotel in der Stadt.“

„Lord Watercombe?“

Die Schwester nickte. „Einer unserer männlichen Gäste, ein richtiger Lord mit einem uralten Familienstammbaum. Lord Watercombe und Mrs Bennett besuchten hin und wieder Tanzveranstaltungen in der Stadt. Als die zwei an diesem Abend zurückkehrten, war Beth – wir durften sie alle Beth nennen – sehr aufgedreht und hatte rote Wangen.“

„Allzu rote Wangen können durchaus ein Zeichen für eine Herzschwäche sein“, entfuhr es Mabel. „Besonders nach einer anstrengenden Tätigkeit.“

„Sie kennen sich in medizinischen Belangen aus?“ Schwester Grace sah überrascht auf, und Mabel beschloss, soweit es möglich war, bei der Wahrheit zu bleiben.

„Ich habe früher als Krankenschwester gearbeitet.“

Dem Gesichtsausdruck der Schwester war anzusehen, dass sie sich fragte, wie eine ehemalige Krankenschwester sich einen Aufenthalt in diesem Haus wohl leisten konnte.

Mabel hatte genug gesehen, und Schwester Grace begleitete sie wieder nach unten in das Büro der Heimleitung. Mrs Simpson befand sich nun in Gesellschaft eines äußerst attraktiven Mannes in mittleren Jahren.

„Mein Ehemann, Barry Simpson“, stellte Isobel Simpson ihn vor. „Wir leiten gemeinsam die Residenz.“

Tee und ofenwarme Scones standen schon bereit, und eine halbe Stunde später setzte Mabel schwungvoll den falschen Namen unter diverse Formulare. Es war ihr bewusst, dass sie sich am Rande einer Urkundenfälschung bewegte, aber sie wollte ja nur für ein paar Tage in Kernow Manor verweilen. Entweder fand sie einen Hinweis, dass Jane Morton mit ihrer Vermutung, ihre Freundin wäre ermordet worden, nicht einem Hirngespinst nachjagte, oder sie konnte das Gegenteil beweisen. Dann würde sie ihre wahre Identität natürlich sofort aufdecken. Das Ehepaar Simpson war sicher daran interessiert, dass ihr Haus nicht in kriminelle Machenschaften verwickelt wurde.

Drei

Vorsichtig stellte Mabel Clarence den Katzenkorb auf den Boden und öffnete die Klappe.

„Komm heraus, meine Kleine“, lockte sie Lucky, die sich nur vorsichtig aus dem Korb heraustraute und ihre neue Umgebung zuerst einmal skeptisch mit ihren hübschen, grünen Augen betrachtete. „Es ist sehr freundlich von Ihnen, Emma, sich um Lucky zu kümmern, solange ich fort bin“, sagte Mabel zu der Frau, die im Begriff war, den Tisch für den Tee zu decken. „Meine Nachbarn, die sonst ein Auge auf die Kleine haben, verbringen die Ferien auf Teneriffa.“

Emma Penrose, eine etwas mollige Frau Anfang fünfzig, lachte.