Königin für neun Tage - Rebecca Michéle - E-Book
Beschreibung

England zur Zeit der Herrschaft Henry VIII. Tudor Lord Fenton droht seiner Frau, sie nach Vorbild König Henrys zu verstoßen, sollte sie ihm keinen Sohn schenken. In ihrer Verzweiflung verkleidet sie die neugeborene Tochter als Junge. Der Betrug wird erst entlarvt, als Antonia als Knappe an den Hof des Königs kommt und sich dort in den Ritter Norman verliebt. Als dieser die Wahrheit erkennt, will er nichts mehr mit ihr zu tun haben. In ihrer neuen Rolle als Frau wird sie die Vertraute von Lady Jane Grey. So sehr sich die Mädchen wünschen, ihr Glück zu finden - sie werden in die Welt der Intrigen und Komplotte am Hofe hineingezogen, und für beide beginnt ein Spiel auf Leben und Tod - und um ihre große Liebe.

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Königin für neun Tage

von Rebecca Michéle

erschienen im Dryas Verlag

1. KAPITEL

Fenton Castle, Dorset, 5. August 1532

Das Gesicht schweißüberströmt, das schlichte Leinenkleid am Körper klebend, versuchte die untersetzte, kurzatmige Frau mit dem jungen Burschen Schritt zu halten. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Der Jüngling war ihrem Blickfeld entschwunden, als vor Kate Trevor die grauen Mauern der Burg aufragten. Sie verharrte kurz, wischte sich den Schweiß aus den Augen und blickte besorgt zum Himmel hinauf. Es war der heißeste Sommer, seit sie denken konnte. Der Regen ließ auf sich warten, die Felder lagen verdorrt in der Sonne und drückende Schwüle machte jede Tätigkeit im Freien zur unerträglichen Anstrengung. Jetzt jedoch verdunkelten schwarze Gewitterwolken den Himmel. Mit Besorgnis erkannte Kate Trevor am Horizont eine gelbliche Wolkenfront, die auf Hagel schließen ließ. Blitz und Donner folgten im selben Augenblick. Die korpulente Frau beeilte sich schnaufend, die rettende Burg zu erreichen. Gerade als heftiger Platzregen einsetzte, hatte sie die geschlossene Zugbrücke erreicht. Sie hämmerte vehement an die kleine Pforte, die in die massive Holzkonstruktion eingelassen war. Das schmale Fenster öffnete sich, und ein ungewaschener Mann mit struppigem Bart musterte sie missmutig. »Was wollt Ihr?« Ein Schwall alkoholgeschwängerten Atems ließ Kate Trevor augenblicklich zurückweichen, und sie schnappte mehrmals nach Luft, während es um sie herum gleichzeitig blitzte und donnerte. »Euer Herr hat nach mir geschickt. Ich bin die Hebamme«, schrie sie gegen den Gewittersturm an. Die schwarzen Augenbrauen des Mannes zogen sich über seiner Hakennase unwillig zusammen. »Ich kenne die Hebamme. Ihr seid nicht Mary Trevor!« »Ich bin Kate, ihre Schwester, und ebenso als Hebamme …« Rums! Die Klappe wurde zugeworfen. Nur mit Mühe konnte Kate Trevor noch die Worte »Wartet hier!« verstehen. Sie trommelte mit beiden Fäusten gegen das Holz und rief: »Lasst mich bitte ein!«, doch hinter der Tür rührte sich nichts mehr. In diesem Augenblick setzte der Hagel ein. Taubeneigroße Körner prasselten hernieder und prallten schmerzhaft auf Kates Rücken und Arme. Sie versuchte, sich so dünn wie möglich zu machen, und drückte sich direkt an die Wand der äußeren Burgmauer, um vor dem Unwetter ein wenig Schutz zu finden. Kate Trevor war keine abergläubische Frau, sie sah in einem Gewitter eine ganz normale Naturerscheinung, doch jetzt schien es ihr, als hätte der Himmel alle Schleusen geöffnet und die Wassermassen wollten sie mitreißen. »Auf was habe ich mich da nur eingelassen?«, murmelte sie und wünschte sich zurück in die einfache Hütte mit dem festen und dichten Dach. »Das hat man nun davon, wenn man sein Leben in den Dienst anderer Frauen stellt!« Nach einer Ewigkeit, wie es Kate schien, knirschte der Schlüssel im Schloss, und endlich wurde die kleine Pforte geöffnet. Kate musste sich bücken und sich regelrecht hindurchzwängen, doch dann stand sie endlich im trockenen Tordurchgang. Bedingt durch das Unwetter herrschte hier beinahe völlige Finsternis. Kate versuchte blinzelnd, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, als sie eine tiefe weibliche Stimme vernahm: »Ich schickte den Burschen aus, um die Hebamme aus dem Dorf zu holen. Wer bist du, und was willst du?« Eine mittelgroße, hagere Frau, beide Arme in die Hüften gestemmt, baute sich misstrauisch vor Kate auf. Kate schauderte einerseits vor Kälte, die die feuchte Kleidung auf ihrem Körper hervorrief, andererseits wegen der kalten Stimme der Frau. »Mein Name ist Kate Trevor. Ich bin die Schwester der hiesigen Hebamme Mary Trevor. Meine Schwester ist gestern zu einem weiter entfernten Hof gerufen worden und noch nicht zurückgekehrt. So traf Euer Bote nur mich an.« »Weshalb habe ich dich nie zuvor gesehen?« Die Frau mittleren Alters, deren Kleidung sie als eine höher gestellte Bedienstete auswies, blieb skeptisch. »Mary Trevor ist mit dem besonderen Fall der Lady vertraut. Sie hat ihr bereits bei den vorherigen Geburten beigestanden.« Erleichtert atmete Kate auf. Gut, dass es sich nicht um eine Erstgebärende handelte, das würde die Sache ungemein beschleunigen. Schon jetzt sehnte sie sich zurück in ihre vier Wände und nach einem Becher warmen Biers. »Ich komme aus einem Dorf in der Nähe von Launceston, das letzte Woche durch einen Brand völlig zerstört wurde. Darum habe ich mich auf den Weg zu meiner Schwester gemacht, denn es gibt sonst niemanden, zu dem ich hätte gehen können. Ihr könnt mir glauben, ich habe dieselben Kenntnisse wie meine Schwester Mary. Beide wurden wir von unserer Mutter, die ebenfalls Hebamme war, ausgebildet, und in meinem Dorf habe ich Dutzenden von Kindern auf die Welt geholfen.« Die Frau drehte sich abrupt um und gebot Kate mit einer Handbewegung, ihr zu folgen. »Dann müssen wir eben mit dir vorlieb nehmen. Hat dich deine Schwester über das Befinden von Lady Margaret unterrichtet?« Kate bemühte sich, mit den schnellen Schritten der Frau mitzuhalten. Sie passierten einen gepflasterten Innenhof, der von vier Seiten von mehrstöckigen Fachwerkgebäuden umschlossen war. Sobald sie wieder ins Freie traten, wurden sie erneut vom Regen durchnässt, doch hatte der Hagel zum Glück aufgehört. Kate verzichtete darauf zu erwähnen, dass sie zuvor weder von Lady Margaret Fenton noch von Fenton Castle etwas gehört hatte. Sie war erst am Vortag bei ihrer Schwester Mary eingetroffen. Die Schwestern hatten nicht viel Zeit gehabt, um miteinander zu sprechen, dann wurde Mary zu der Geburt gerufen. Nun betraten sie die große Halle der Burg. An der dunklen Holztäfelung mit den kunstvollen Schnitzarbeiten und dem großen, von hellen Kacheln gesäumten Kamin erkannte Kate, dass es sich um ein vornehmes, reiches Anwesen handelte. Dutzende von Kerzen erhellten die Räume, da es wegen des Unwetters draußen finster wie mitten in der Nacht war. Während sie die Halle durchquerten, sagte die Frau: »Die Lady ist sechs Wochen zu früh dran, eine Katastrophe!« Sie betraten gerade die Treppe zum Obergeschoss, als aus einer Seitentür ein Mann auf sie zu stürmte. »Ist das endlich die Hebamme?«, blaffte er unfreundlich. »Ellen, warum hat das so lange gedauert?« Die mit Ellen Angesprochene zuckte unter der lauten und dröhnenden Stimme des Mannes wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Von ihrer vorherigen Überlegenheit Kate gegenüber war plötzlich nichts mehr zu bemerken. Ihre Stimme wurde zu einem demütigen Flüstern, als sie antwortete: »Verzeiht, Herr, aber die Hebamme, die Mylady bereits öfters zur Seite gestanden hat, ist zurzeit nicht da. Wir haben jedoch einen Ersatz beschafft.« Verärgert runzelte Kate Trevor die Stirn. Was sollte das heißen: Ersatz beschafft? Sie war schließlich freiwillig hier! Kein Mensch hatte sie beschafft. Sie war gekommen, weil der Bursche sie um Hilfe angefleht hatte, da seine Herrin in den Wehen lag. Zum zweiten Mal an diesem Tag bereute Kate, den Weg in die Burg angetreten zu haben. Sie hatte schließlich mit den Bewohnern von Fenton Castle nichts zu schaffen! Die nächsten Worte des Mannes, bei dem es sich offenbar um Mylord Fenton, den Hausherrn, handelte, jagten ihr erneut einen Schauer über den Rücken, der diesmal gewiss nicht von ihrem durchnässten Kleid kam. »Sorge dafür, dass meinem Sohn nichts geschieht, sonst wirst du es bitter bereuen!« Er beugte sich zu ihr hinab, denn er war sicher über sechs Fuß groß, dabei kräftig und muskulös. Sein dunkles Haar war ebenso wie sein sorgfältig gestutzter Bart von unzähligen grauen Strähnen durchzogen. Eiskalt, ohne jegliches Gefühl, bohrte sich sein Blick in Kates Augen. »Wenn du vor der Wahl stehen solltest, mein Kind oder meine Frau zu retten – so lass dir gesagt sein: Ich will meinen Sohn! Unter allen Umständen! Meine Geduld ist am Ende. Wenn es dieses Mal nicht gelingt, so werde ich mit euch allen kurzen Prozess machen! Hast du verstanden?« Kate nickte beklommen, zumal der Mann immer noch drohend wie ein Berg den Weg ins Obergeschoss versperrte. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass er immer das bekam, was er wollte. Aber Gottes Willen konnte auch er nicht beeinflussen. Offensichtlich hoffte er auf einen Sohn und Erben, das Schicksal seiner Frau schien ihm dagegen völlig gleichgültig zu sein. Kate schluckte mehrmals trocken, um den Kloß in ihrem Hals zu vertreiben. Endlich konnte sie wieder der Frau mit dem Namen Ellen folgen, die sie im ersten Stock in einen großen Raum führte. Sofort bemerkte Kate die stickige Schwüle im Zimmer, vermischt mit dem Geruch von Schweiß, Blut und Angst. In dem großen, mit roten Samtvorhängen umschlossenen Bett lag, umringt von besorgten Bediensteten, eine Frau, die sich in heftigen Krämpfen wand. Sofort war Kate voll und ganz Hebamme. Hier war eine Frau, die dringend Hilfe benötigte. Sie würde alles tun, was in ihrer Macht stand. Kate beugte sich über Lady Margaret und untersuchte sie mit schnellen, geschickten Griffen, ohne der geplagten Frau noch mehr Schmerzen zuzufügen. Scharf zog sie die Luft ein, behielt aber ihre Erkenntnis, die das Abtasten des geschwollenen Leibes ergeben hatte, für sich. Lady Margaret hatte die Größe und Statur eines zwölfjährigen Kindes! Jetzt war ihr zarter Körper auf ein Vielfaches aufgedunsen, ein schwaches Rinnsal von hellrotem Blut lief an ihren Beinen herunter. »Die wievielte Geburt ist es für sie?«, fragte sie Ellen, während sie das mitgebrachte Bündel mit ihren Utensilien öffnete. »Wenn du die Schwangerschaften rechnest, die Mylady bis zum Ende durchgestanden hat, so ist es die fünfte. Dazu kommen allerdings noch einige Fehlgeburten.« Fünf Geburten! Dieser zarte Körper war kaum dazu geeignet, einem Kind das Leben zu schenken! Kate ölte ihre rechte Hand ein und tastete sich in den Geburtskanal vor. Mit der Linken drückte sie leicht von außen dagegen. Lady Margaret stöhnte, über ihre Pupillen legte sich ein milchiger Schimmer. »Rettet mein Kind«, hauchte sie und versuchte sich aufzusetzen. In ihren Augen stand die nackte Angst. Mit erstaunlicher Kraft umklammerte sie Kates linkes Handgelenk. »Es muss ein Junge sein! Hörst du? Sonst sind wir alle verloren!« »Es ist alles in Ordnung, Mylady«, versuchte Kate sie zu beruhigen. Auf keinen Fall durfte sie ihr sagen, was sie eben bei der Untersuchung festgestellt hatte. Wenn sich Lady Margaret zu sehr aufregte, wäre ihr Leben keinen Pfifferling mehr wert. Sie brauchte ihre ganze Konzentration und Kraft für die kurz bevorstehende Geburt. Kate wischte sich die Hände an einem feuchten Tuch ab, dann zog sie eine Glasphiole aus der Tasche und träufelte Lady Margaret einige Tropfen auf die Zunge. »Was machst du da?«, fuhr Ellen sie barsch an. Die anderen Frauen standen mit ängstlichen Blicken um das Bett herum. »Sie muss ein wenig ruhen«, antwortete Kate bestimmt. »Wie lange liegt sie schon in den Wehen?« »Seit sechs Stunden. Zuerst dachten wir, sie würden wieder vergehen, da ihre Zeit noch nicht gekommen ist. Aber dann setzten die Blutungen ein …« Kate nickte wissend. »Bringt mir heißes Wasser und feuchte Tücher. Es kann nicht mehr lange dauern.« Ellen gab entsprechende Anweisungen, worauf zwei jüngere Frauen das Zimmer verließen. Eine andere beugte sich zu Kate vor und flüsterte: »Der Herr wird uns alle aus dem Haus weisen, wenn die Lady dieses Mal keinen gesunden Jungen zur Welt bringt.« Verständnislos schüttelte Kate den Kopf. »Wir können froh sein, wenn diese Frau überhaupt ein lebendes Kind gebärt. Aber ich habe Euren Herrn kennen gelernt – er scheint einzig auf einen Sohn versessen zu sein.« Kate schaute sich nach Ellen um, die geschäftig Leinentücher in schmale Streifen riss. »Mylord Fenton ist keinen Deut besser als der König.« Die Augen der jungen Frau weiteten sich angstvoll, und sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. »Als die Lady wieder schwanger wurde, hat er gesagt: ›Das ist deine letzte Chance. Entweder du bekommst endlich einen Sohn, oder ich will dich niemals wieder sehen! Ich bin noch jung genug, mir eine andere Frau zu nehmen, die im Stande ist, mir einen gesunden Erben zu schenken.‹ Seitdem hat die Lady panische Angst, dass der Herr ihr etwas antun könnte. Denn es gibt bereits eine andere Frau …« »Was habt ihr da zu tuscheln?« Barsch unterbrach Ellens Stimme die geflüsterte Unterhaltung. »Alice, verlass das Zimmer. Du kannst hier doch nicht helfen.« In der nächsten Stunde beobachtete Kate besorgt, wie sich Lady Margaret vor Schmerzen krümmte. Sie wusste, es waren nicht nur die Wehen, die es der Frau so schwer machten, nein, sie war von einer panischen Angst beherrscht, dass ihr Kind – sollte es überhaupt lebensfähig zur Welt kommen – ein Mädchen sein könnte. Diese Angst hemmte den natürlichen Geburtsvorgang. Endlich war draußen das Gewitter vorüber, und Ellen öffnete ein Fenster. Tief sog Kate die frische Luft ein, die nach dem Regen kühl und rein ins Zimmer strömte. Doch die Sonne strahlte schon wieder erbarmungslos vom Himmel, der Natur war also nur eine kurze Ruhepause von der sommerlichen Hitze beschert worden. Plötzlich schrie Lady Margaret qualvoll auf. Sie versuchte, ihre Fersen auf das Laken zu stemmen, ihr Körper bog sich nach oben. Kate und Ellen tauschten einen viel sagenden Blick. Nun ging es richtig los. Längst war alles vorbereitet, und die anderen, doch nur hilflos herumstehenden Frauen waren aus dem Zimmer geschickt worden. Eine Stunde später hielt Kate ein blutverschmiertes Bündel in den Händen. Es war klein und zart, aber es lebte – und es war ein Junge! Der kleine Brustkorb hob und senkte sich in unregelmäßigen Abständen, aber das Kind atmete. Kate gab dem neuen Lebewesen einen Klaps auf den Po, worauf es sofort zu wimmern anfing. Zu kraftvollem Schreien waren seine Lungen zu klein und zu zart. In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen, und Mylord Fenton stolperte in den Raum. »Wie lange dauert es denn noch?« Kate erkannte an seinem glasigen Blick, dass er betrunken war. Stolz streckte sie ihm das kleine Bündel entgegen. »Euer Sohn!« Thomas Fenton warf einen flüchtigen Blick auf das Neugeborene, mit dem er nichts anfangen konnte. Einzig sein Geschlecht interessierte ihn. »Wird er länger als einige Stunden leben?«, herrschte er Kate an, die unter seinem drohenden Blick an die Wand zurückwich. Rasch nahm Ellen ihr das Kind ab. »Er ist zwar sehr zart und klein, vor seiner Zeit geboren, aber ich bin sicher, dass er eines Tages ein großer und mutiger Kämpfer und Edelmann werden wird«, sagte sie überzeugter, als es ihr zumute war. »Eurer Frau geht es allerdings nicht sehr gut, denn sie …« Mit einer herrischen Handbewegung schnitt Thomas Fenton ihr das Wort ab. »Es ist mir gleichgültig, was mit meiner Frau ist! Ich habe einen Sohn.« Von seinem Gürtel nestelte er einen Lederbeutel ab und warf ihn Kate zu, die ihn geschickt mit beiden Händen auffing. »Dein Lohn. Du hast ihn dir verdient. Aber Gnade dir Gott, wenn dieses Kind stirbt. Dann ziehe ich dir bei lebendigem Leib die Haut ab!« Seine Haltung und sein Blick ließen Kate keinen Augenblick an seinen Worten zweifeln. Es war nicht ungewöhnlich, dass ein Mann unter allen Umständen einen Sohn wollte, war doch König Henry allen Männern in diesem Land mit bestem Beispiel vorangegangen. Nachdem ihm die Königin nur eine überlebende Tochter geboren hatte, wurde sie von Henry verstoßen. Der König hatte sich sogar von der Kirche in Rom gelöst, um sich scheiden zu lassen. Schon wartete eine neue Frau, die dem König endlich den ersehnten Stammhalter gebären sollte. Unwillig schüttelte Kate den Kopf. Was war das für eine Welt, in der Frauen keinerlei Rechte hatten, in der sie wie eine Zuchtstute gegen Höchstgebot an die Männer verschachert und dann, konnten sie ihre »Pflicht« nicht erfüllen, einfach in die Gosse geworfen wurden? Ganz sicher hatte auch Thomas Fenton seine Frau einst nicht aus Liebe geheiratet. Kate warf einen kurzen Blick in den Beutel, er enthielt lauter Goldstücke! Sofort sah sie vor ihrem inneren Auge das Bild eines gemütlichen Häuschens irgendwo auf dem Land. Sie und ihre Schwester waren nicht mehr die Jüngsten. Das Gold würde ihnen beiden einen angenehmen Lebensabend bescheren. Sie nahm Ellen das Kind wieder ab und wickelte es in ein vorgewärmtes Tuch. Im selben Moment stöhnte Lady Margaret laut auf. »Lasst uns jetzt bitte wieder allein, Mylord«, sagte sie bestimmt. »Eure Gemahlin hat es noch nicht ganz überstanden.« Er winkte gelangweilt ab. »Ja, ja, ich weiß, die Nachgeburt.« Kate war erstaunt, dass ein Mann diesen Vorgang mit so deutlichen Worten benannte. »Ich reite sofort nach Okehampton und hole den Priester, der die Taufe gleich morgen Vormittag vornehmen soll.« Erneut zogen sich seine buschigen Augenbrauen drohend zusammen, als er an das Bett seiner Frau trat. Sie war bei vollem Bewusstsein und starrte ihn angstvoll an. »Du weißt, ich kenne keine Gnade. Wenn ich morgen wieder hier eintreffe und feststellen sollte, dass unser Sohn auch dieses Mal nicht die ersten Stunden überlebt hat, dann müssen du und deine Weiber noch morgen mein Haus verlassen!« Ohne eine zärtliche Geste drehte er sich um und stapfte mit schweren Schritten zur Tür, die krachend hinter ihm ins Schloss fiel. Entsetzt fragte Kate Ellen, deren Unbehagen deutlich sichtbar war: »Das meint er doch nicht im Ernst?« Ellen nickte und hob mit einer verstörten Geste die Hände. »Mylady hat bereits drei Söhne geboren, die den zweiten Tag nicht überlebten. Die Geduld des Herrn ist erschöpft. Was meinst du, Hebamme, wird dieses Kind leben?« Kate zuckte mit den Schultern, aber bevor sie etwas sagen konnte, schrie Lady Margaret laut auf. »Was ist los?« Ellen eilte besorgt an die Seite ihrer Herrin. »Nun, sie bekommt das zweite Kind.« »Ein zweites?« Kate nickte und machte sich bereit, dem nächsten neuen Erdenbürger auf die Welt zu helfen. »Es sind Zwillinge. Darum auch die frühe Geburt. Der Bauch Eurer Herrin ist für zwei Kinder viel zu klein.« Kaum hatte Kate beim Zweitgeborenen – dieses Mal war es ein Mädchen – die Nabelschnur durchtrennt, als Ellen laut aufschrie. Zitternd streckte sie Kate den Jungen entgegen, dessen Gesichtsfarbe sich mehr und mehr blau verfärbte. »Er atmet nicht mehr!« Sofort begann Kate, den kleinen Brustkorb zu massieren. Sie hauchte ihren eigenen Atem durch den Mund, aber es war zwecklos. Gott hatte die Seele des Säuglings zu sich geholt, bevor er überhaupt einen Namen erhalten hatte. »Was ist mit dem Jungen?« Schwach kam die Stimme Lady Margarets vom Bett her. »Bitte, sagt nicht, dass auch er wieder tot ist!« Kate und Ellen sahen sich stumm an. Lady Margaret reichte dieser Blick, um zu erkennen, was geschehen war. Verzweifelt warf sie den Kopf hin und her. Kate trat zu ihr und legte ihr das zweite Kind in die Arme. Das Mädchen war zwar genauso zart und klein wie ihr erstgeborener Bruder, doch es atmete kräftig und tief. Jetzt verzog sich der Mund, und das Mädchen schrie, wie gesunde Neugeborene schreien müssen. Als würde sie Ekel empfinden, sah Margaret auf das hilflose Bündel in ihren Armen. Auch als sich das kleine Mündchen den Weg zu ihrer Brust suchte und gierig zu saugen begann, glättete sich ihre Stirn nicht. »Warum du?«, stieß sie zornig hervor. »Warum muss ein unnützes Mädchen leben und mein Sohn sterben?« »Mylady, versündigt Euch nicht!«, versuchte Ellen sie zu beruhigen. »Es ist Gottes Wille …« Sie stutzte und zog nagend die Unterlippe zwischen die Zähne, dann drehte sie sich mit einem hintergründigen Lächeln zu Kate herum. »Hast du dem Herrn etwas davon gesagt, dass Mylady Zwillinge erwartet?« Kate verneinte verwundert. »Als Mylord im Zimmer war, war erst der Junge geboren worden. Er hat mich ja nicht zu Wort kommen lassen, als ich ihm etwas über den Zustand der Herrin sagen wollte.« »Gut, sehr gut sogar!« Zärtlich strich Ellen über den dunklen Flaum auf dem Kopf des Mädchens. »Hebamme, wird dieses Kind leben?« »Nun, man weiß nie, aber sie ist wesentlich kräftiger und damit lebensfähiger als ihr Bruder.« Lady Margaret mochte zwar eine ängstliche Frau sein, aber sie war nicht dumm. Sie ahnte, was ihre Zofe plante, und ihre Augen weiteten sich erwartungsvoll. Sie gebot Kate, ihr das Mädchen abzunehmen, dann richtete sie sich mühsam auf. »Mein Sohn wird morgen getauft. Ganz so, wie es mein Mann wünscht.« »Kann das wirklich gut gehen?«, fragte Ellen, nun hinsichtlich ihres eigenen Gedankens skeptisch geworden. »Thomas wird in den nächsten Tagen nach Frankreich reisen. Der König plant mal wieder einen Feldzug. Möglicherweise wird mein Mann von dort nicht zurückkehren. Warum sollte ich jetzt also unser aller Leben und unser Heim aufs Spiel setzen? Es ist eine Chance, eine kleine zwar nur, aber immerhin eine Chance, die uns auf jeden Fall Zeit verschafft.« Staunend verfolgte Kate das Gespräch der beiden. In ihren Armen gluckste das muntere kleine Mädchen, während der Junge auf dem Boden lag, als sei er ein Bündel Lumpen, das jemand achtlos fortgeworfen hatte. Dann dachte sie an den Beutel mit den Goldstücken. Wenn Lord Fenton erfuhr, dass sein Sohn tot war, würde sie vielleicht nicht nur das Geld verlieren. Dieser Mann war zu allem fähig. »Was soll mit dem Jungen geschehen?« Ihre Stimme klang belegt, und sie vermied es, das Kind noch einmal anzusehen.

2. KAPITEL

Fenton Castle, Dorset, 5. August 1546

Schon lange vor seinem vierzehnten Geburtstag spürte Anthony, dass er anders war als andere. Obwohl sein Leben nach außen hin in völliger Normalität verlief, empfand er nicht nur sein Heim und dessen Bewohner als seltsam, auch er selbst fühlte manchmal ein eigenartiges beklemmendes Gefühl, für das er keine Erklärung fand. Anthony erwachte und schob die Bettvorhänge zur Seite. Die ersten Sonnenstrahlen kringelten sich schon auf dem mit Binsen bedeckten Dielenboden und versprachen einen weiteren schönen Sommertag. Gerade wollte er aufstehen, als die Tür aufging und eine Frau mit unzähligen Falten im Gesicht eintrat, ein Tablett in ihren knochigen Händen. »Guten Morgen und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.« Ihr Lächeln war aufrichtig, ihre Stimme tief und kehlig. Als sein Blick auf das Tablett fiel, klatschte Anthony begeistert in die Hände und griff nach dem Holzbecher mit der warmen Milch, nahm einen Schluck und biss dann in den noch warmen, goldgelben Kuchen. Er kaute genüsslich, und bald hingen ihm die Krümel links und rechts in den Mundwinkeln und am Kinn. Die Frau schüttelte tadelnd den Kopf. »Wann wirst du endlich erwachsen werden?«, murmelte sie, aber Anthony lachte verschmitzt, stellte Becher und Teller zur Seite und umarmte die Frau liebevoll. »Liebe Ellen, wenn ich alles perfekt machen würde, was hättest du dann zu tun? Stell dir mal vor, ich bräuchte dich nicht mehr, damit du mir den Mund abwischst. Wäre das nicht eine schreckliche Vorstellung für dich?« In Ellens Augen glitzerte es verräterisch. Sie liebte dieses Kind wie ein eigenes, das ihr als alte Jungfer nicht vergönnt gewesen war. Auch Anthony war gerührter, als es seine leicht dahingeworfenen Worte vermuten ließen. Die Kinderfrau Ellen war die einzige Person im Haus, zu der er körperlichen Kontakt hatte. Sie war immer für ihn da gewesen, hatte ihn getröstet und seine Wunden versorgt, wenn er sich beim Waffengang verletzt hatte, und sie wachte nachts an seinem Bett, wenn ihn wilde Träume plagten. Eigentlich war Ellen wie eine Mutter zu ihm, denn Lady Margaret kränkelte, seit Anthony sich erinnern konnte, und verließ selten ihr abgedunkeltes Zimmer, in dem sie kniend Stunden vor einem kleinen Altar im Gebet verbrachte. Jetzt, mit vierzehn Jahren, überragte Anthony seine Mutter um zwei Köpfe, obwohl seine sonstige Gestalt eher schmal war. Als hätte Ellen seine Gedanken erraten, sagte sie: »Deine Mutter fühlt sich nicht gut, sie ist noch nicht aufgestanden. Aber sie wünscht, dass du heute mit ihr zusammen das Mittagessen einnimmst. Es ist schließlich dein Geburtstag.« Anthony seufzte. Das Wetter war so herrlich, eigentlich hatte er heute den ganzen Tag auf dem Platz hinter dem Schloss verbringen wollen, um seine Schlagtechnik mit dem Breitschwert zu verbessern. Während der Wintermonate erhielt Anthony Unterricht von einem gesetzten Herrn, der ihn nicht nur im Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch in Französisch und Latein unterwies. Obwohl Anthony ein eifriger Schüler war, der Bücher und das Lernen liebte, mochte er den Sommer lieber. Solange er denken konnte, stand er unter der Obhut von Lifton, dem Waffenmeister von Fenton Castle. Mit vier Jahren schwang er ein Holzschwert, mit sechs ritt er bereits ein ausgewachsenes Ross, und als er zehn Jahre alt war, hatte Lifton immer häufiger Mühe, seinen Schwerthieben auszuweichen, so schnell und sicher führte Anthony den blanken Stahl. Letztes Frühjahr nun hatte er begonnen, mit dem Breitschwert zu kämpfen, das er mit beiden Händen führen musste. Seitdem hatten sich seine Muskeln an Oberarmen und Schultern zwar ausgebildet, doch Anthony war weit davon entfernt, breitschultrig und kräftig wie Lifton zu wirken. »Ellen, wie lange dauert es eigentlich, bis ein Mann ganz erwachsen ist?« Mit dieser plötzlichen Frage verblüffte er Ellen so sehr, dass sie verwundert mit dem Kissenaufschütteln innehielt. »Was meinst du damit?«, fragte sie verunsichert. Anthony trat vor den Spiegel, beugte sich so weit vor, dass sein Gesicht beinahe das Glas berührte, und musterte sich kritisch. Er trug ein kurzes Nachtgewand, unter dem zwei wohlgeformte Beine mit muskulösen Waden und schlanken Fesseln hervorlugten. »Fast alle Männer in der Burg tragen einen Bart. Bei mir jedoch ist nicht die kleinste Spur davon zu sehen.« Er wandte sich zu Ellen. »Stattdessen wächst da etwas, von dem ich nicht weiß, warum …« Anthony schoss die Schamesröte in die Wangen, als er daran dachte, wie er vor einem knappen halben Jahr morgens plötzlich Blut auf seinem Laken gefunden hatte. Zu Tode erschrocken hatte er seinen Körper sofort nach einer Verletzung abgesucht, aber außer einem ziehenden Gefühl im Bauch hatte er nichts gespürt und sich eigentlich auch nicht krank gefühlt. Natürlich war auch Ellen das Blut nicht verborgen geblieben, und die alte Kinderfrau hatte ihn fest in die Arme genommen und dabei leise geweint und gejammert. »Nun ist es vorbei. Nun wird alles herauskommen.« Auf seine Frage, was ihre seltsamen Worte bedeuten sollten, hatte sie Anthony keine Antwort gegeben, doch war es Ellen gelungen, ihn so weit zu beruhigen, dass das Blut nicht Besorgnis erregend war. Anthony war jedoch mehr als beunruhigt, dass die Beschwerden, wie er es nannte, Monat für Monat wiederkehrten. Zudem wuchsen ihm plötzlich auf der Brust zwei Hügel, ähnlich denen, die er bei Ellen und seiner Mutter unter den Lagen der Kleider erahnte. Der Waffenmeister Lifton agierte bei schönem Wetter oft mit nacktem Oberkörper. Voller Neid dachte Anthony an seine behaarte, gebräunte Haut, unter der sich harte Muskelstränge abzeichneten. Wenn er sich im Spiegel betrachtete, dann … Die Erkenntnis, dass Ellen nun heftig weinte, riss Anthony aus seinen Gedanken. Er eilte zu der Kinderfrau und umarmte sie fest. »Ich weiß doch selbst, dass ich anders bin als die anderen und mit mir etwas nicht stimmt«, sagte er traurig. »Ist das auch der Grund, warum mein Vater so selten nach Hause kommt?« Ellen ging auf seine Frage nicht ein. Sie trat hinter ihn und fuhr mit ihrer Hand durch sein dichtes, dunkles Haar. Erneut gab sie ihm keine Antwort auf seine Frage, sondern befahl: »Setz dich! Dein Haar ist schon wieder zu lang. Ich werde es kürzen, damit du wieder ordentlich aussiehst.« Geschickt hantierte Ellen mit einem scharfen Messer. Locke für Locke fiel zu Boden. Sie schor Anthonys Haar so kurz, dass darunter beinahe die Kopfhaut zum Vorschein kam. Aber Anthony war es recht. Langes Haar behinderte ihn beim Kämpfen und Reiten, außerdem war es bei der Augusthitze lästig. Während Ellen ihr Werk vollendete, hatte Anthony Gelegenheit, sein schmales Gesicht eingehend zu studieren: die hohe Stirn mit zwei wohlgeformten, dunklen Brauen über haselnussbraunen Augen. Seine Nase war lang und gerade, seine Lippen voll und rot, wobei die Oberlippe etwas groß geraten war. Sein Kinn jedoch ließ Markantes vermissen, und Anthony hoffte inständig, dass ihm nun endlich ein Bart wachsen würde, schließlich stand er jetzt an der Schwelle zum Mannesalter. Alles in allem ähnelte er mehr seiner Mutter als Lord Thomas, dessen Konterfei er eigentlich nur von dem Porträt, das in der Halle über dem Kamin hing, kannte. Versuchte sich Anthony an das Gesicht seines Vaters zu erinnern, dann hatte er Mühe, sich etwas anderes als die grauen, stechenden Augen ins Gedächtnis zu rufen. Vier Jahre war es schon wieder her, seit Lord Thomas Fenton sein Heim am Rande des Dartmoors besucht hatte. Da er zum engen Kreis der Vertrauten rund um König Henry VIII. gehörte, war eine ständige Präsenz am Hofe unerlässlich. Anthony wusste zwar, dass sein Vater in Westminster noch ein Stadthaus besaß, aber er selbst war niemals dort gewesen; ja, er hatte Fenton Castle und die nähere Umgebung in seinem ganzen Leben noch nie verlassen. Die Burganlage war so weitläufig, dass dies auch nicht erforderlich war. Die Hauptgebäude umschlossen einen gepflasterten Innenhof, die zinnenbewehrte Burgmauer aber zog sich noch eine gute Meile nach Süden und umschloss einen zweiten Hof. Dort fanden die Waffengänge, Reitstunden und sonstige Übungen statt. Manchmal durfte Anthony auch weiter ausreiten, allerdings niemals allein. Lifton war stets an seiner Seite und ließ ihn keinen Augenblick aus den Augen. Meistens ritten sie am Rande des Dartmoors entlang, in dem düster und grau die baumlosen und steinigen Hügel der Gegend aufragten. Anthony war auch noch nie im nächstgelegenen Dorf Moretonhamstead gewesen, obwohl er aus der Ferne den Kirchturm und die Dächer der Katen erkennen konnte. Überhaupt hatte Anthony mit niemandem außerhalb der Burg Kontakt, und auch im Haus selbst gab es außer seiner Mutter und Ellen wenig Personal, mit dem er mal ein Wort wechseln konnte. Die paar Dienstboten, von denen die meisten in der Küche arbeiteten, bekam Anthony kaum zu Gesicht. Ebenso wenig wie den taubstummen Stallburschen und zwei Mädchen, die das Haus sauber hielten. Die Mägde betraten die Burg beim Morgengrauen und verschwanden wieder, bevor die Nacht hereinbrach. In den Wintermonaten wohnte der Lehrer ebenfalls in Fenton Castle, aber Anthony hatte außerhalb der Unterrichtsstunden keinen Kontakt zu ihm. Kam sein Vater alle paar Jahre nach Hause, so blieb er stets nur einige Tage. Dann wurden die Mahlzeiten in der großen Halle eingenommen, dem prächtigsten Raum in der Burg. Die Wände waren mit dunklem Walnussholz getäfelt, die Pfeiler mit kunstvollen Schnitzereien versehen. Die über die Schmalseite verlaufende Musikantengalerie blieb allerdings verwaist. Anthony konnte sich nicht erinnern, dass in Fenton Castle jemals ein Fest stattgefunden hatte. Ihn fröstelte, wenn er nur an seinen Vater dachte. Solange er klein gewesen war, hatte Lord Thomas ihn kaum beachtet. Nie hatte er das Wort direkt an ihn gerichtet, sondern nur seine Frau und Ellen nach dem Gesundheitszustand des Jungen befragt. Anthony war von seinem Vater behandelt worden, als wäre er Luft. Anthony bewunderte und fürchtete ihn gleichzeitig, denn Lord Thomas war mit seiner imposanten Größe und dem dichten Bart eine beeindruckende Persönlichkeit. Seine Stimme war tief, laut und dröhnend, und er trat so fest auf, dass die Dielenbretter unter seinen Füßen vibrierten. Wie sein Souverän König Henry stemmte auch Lord Thomas gerne und oft beide Hände in die Hüften und schob seinen Unterkörper mit der prächtig verzierten, übergroßen Schamkapsel provozierend nach vorne. Anthony hatte schon früh bemerkt, dass seine Mutter Angst vor ihrem Mann hatte. Richtete er das Wort an sie, so zuckte Lady Margaret jedes Mal wie ein erschrockenes Vögelchen zusammen und stotterte eine piepsige Antwort, die kaum mehr als ein Flüstern war. Die Erleichterung, wenn Lord Thomas das Haus wieder verlassen hatte, war ihr stets überdeutlich ins Gesicht geschrieben. Bei seinem letzten Besuch vor vier Jahren allerdings hatte er Anthony zum ersten Mal bewusst wahrgenommen und sich für sein Tun interessiert. »Der Junge ist zu dünn und schmächtig«, hatte er gebrüllt, woraufhin Lady Margaret sofort in Tränen ausgebrochen war. »Bekommt er nicht genügend zu essen? Ich will, dass es meinem Sohn an nichts fehlt!« Von Anthonys Wissen und seinem geschickten Umgang mit dem Schwert und den anderen Waffen war Lord Thomas indes beeindruckt. Zum Abschied hatte er Anthony so fest auf die Schulter geklopft, dass an der Stelle noch Tage später ein blauer Fleck zu sehen war.»Ich weiß zwar nicht, warum du nicht meine Größe und Statur hast, aber ich sehe, dass du diesen Mangel an Wendigkeit wettmachst. Außerdem bist du noch nicht ausgewachsen. Wie alt bist du eigentlich?« »Zehn Jahre, Sir«, hatte Anthony verschüchtert geantwortet. Nachdenklich hatte Lord Thomas genickt und unverständliche Worte in seinen Bart gemurmelt. Dann war er durch das Tor und über die Zugbrücke fort geritten, ohne sich von Lady Margaret verabschiedet zu haben. Anthony wusste, dass seine Mutter in ihrem Zimmer hinter dem Vorhang verborgen in den Innenhof hinab starrte und ungeduldig darauf wartete, dass Lord Thomas endlich die Burg verließ. Seitdem war das Leben in Fenton Castle ruhig und ereignislos verlaufen. Auch der heutige Tag, sein Geburtstag, würde keine besonderen Überraschungen bieten. Es war nicht üblich, Geschenke zu überreichen. Zudem hatte er alles, was er brauchte. Während er sich ankleidete, wusste Anthony nicht, wie sehr er sich getäuscht haben sollte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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