Die Tote von Higher Barton - Rebecca Michéle - E-Book
  • Herausgeber: Dryas Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2011
Beschreibung

Mabel Clarence ist sich sicher: Noch vor ein paar Minuten lag in der Bibliothek des Herrenhauses eine kostümierte tote Frau - erdrosselt mit einem Strick. Doch nun ist sie verschwunden, ohne jede Spur. Und wo keine Leiche, da keine Ermittlungen. Glauben schenkt der älteren Besucherin aus London nur ein kauziger Tierarzt. Also stellt Mabel in bester Miss-Marple-Manier eigene Nachforschungen an und versinkt immer tiefer im undurchsichtigen Sumpf der Vergangenheit - bis sie selbst in die Schusslinie des Mörders gerät ... Very British - ein spannender Krimi in düster-idyllischem Cornwall-Ambiente.

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Seitenzahl:437

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Sammlungen



Rebecca Michéle

Die Tote von Higher Barton

Ein Cornwall-Krimi

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Impressum

Für Mary, John und Phillip Lovelock und Michelle und Jason Hillier, Cornwall

Danke für Eure langjährige Freundschaft

1

Zum ersten Mal in ihrem Leben bedauerte Mabel, kein Handy zu besitzen.

„Heutzutage gehört ein Mobiltelefon ebenso wie ein Lippenstift in die Handtasche einer jeden Frau“, hatte ihre ehemalige Kollegin und Mitbewohnerin Henny gesagt, als Mabel sich strikt weigerte, sich solch ein technisches Gerät anzuschaffen.

„Ich sehe nicht ein, jederzeit und überall erreichbar zu sein“, konterte Mabel. „Als Krankenschwestern waren wir immer in Rufbereitschaft, darum bin ich jetzt froh, meine Ruhe zu haben. Warum hätte ich sonst in Rente gehen sollen?“

Bisher hatte Mabel Clarence ein Handy nicht vermisst, jetzt musste sie jedoch zugeben, dass so ein Mobilteil durchaus seine Vorteile hätte. Wenn man nämlich mitten in der Nacht bei einem Gewitter und bei sintflutartigen Wolkenbrüchen mit leerem Tank irgendwo auf einer Landstraße, die kaum diesen Namen verdiente, festsaß und man keine Ahnung hatte, wo man sich überhaupt befand. Über ein Navigationssystem verfügte Mabels zehn Jahre alter Vauxhall natürlich auch nicht. Das war bisher ebenfalls nicht nötig gewesen, denn Mabel war eine gute Kartenleserin. Auch heute hatte sie sich nach der Straßenkarte und zusätzlich nach der Wegbeschreibung gerichtet, die sie von ihrer Cousine erhalten hatte:

Bei Launceston die A30 verlassen und auf die B3254 einbiegen, South Petherwin passieren, bei Congdon’s Shop links halten, an der zweiten Gabelung nach rechts abbiegen bis zu einer T-Kreuzung, an dieser nach links, dann zweimal wieder rechts …

Mabel hatte sich strikt an die Anweisungen gehalten, außerdem war sie nicht zum ersten Mal in Cornwall. Ihr letzter Besuch lag allerdings über vierzig Jahre zurück, und seitdem war das Straßenbauamt fleißig gewesen. Früher, da war die A30 – die Hauptverbindung zwischen Exeter und Land’s End, dem westlichsten Punkt der britischen Insel – eine schmale, kurvige und beschauliche Landstraße gewesen, die sich an normannischen Kirchen vorbei und durch liebliche Dörfer und einige größere Städten geschlängelt hatte. Heute durchschnitt die vierspurige Bundesstraße die Grafschaften Devon und Cornwall wie ein Graben. Das brachte zwar die zahlreichen Touristen, die wie Heuschreckenschwärme jeden Sommer in Cornwall einfielen, schneller zu ihren Ferienorten an den Küsten, zerstörte aber auch die wildromantische Landschaft. Verließ man jedoch die Hauptstraße, so fand man sich in einem Gewirr von engen, gewundenen Sträßchen mit zahlreichen unbeschilderten Kreuzungen wieder. Mabel hatte jedenfalls nirgends ein Schild, das auf die Ortschaft Lower Barton oder das Herrenhaus Higher Barton, ihrem eigentlichen Ziel, hinwies, entdecken können.

Mabel Clarence war eine praktische Frau, die sich mit den Gegebenheiten abfand. Das hatte das Leben sie gelehrt. Wenn sie jetzt nervös oder zornig auf das Lenkrad schlagen würde, änderte es nichts an der Tatsache, dass sie sich verirrt hatte. Warum hatte sie nicht früher auf ihre Tankuhr gesehen und bemerkt, dass das Benzin nur Neige ging? Mabel ärgerte sich über ihren Fehler und musste versuchen, nun das Beste aus der Situation zu machen. Da es bereits dunkel war, Blitze über den Himmel zuckten und es in Strömen goss, machte es wenig Sinn zu versuchen, zu Fuß ein Haus zu erreichen, von dem aus sie ihre Cousine anrufen konnte.

„Dann findet die Party eben ohne mich statt“, sagte Mabel laut zu sich selbst und eigentlich empfand sie kein Bedauern darüber. Seit sie vor zwei Wochen die Einladung von Abigail zu deren sechzigsten Geburtstag erhalten hatte, war Mabel durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen.

Keiner weiß, wie lange wir noch auf dieser Erde sind, darum sollten wir die Vergangenheit ruhen lassen. Es ist mein sehnlichster Geburtstagwunsch, Dich noch einmal sehen zu können, und dass Du mir sagst, dass du mir verziehen hast …

Dieser handschriftliche Zusatz stand unter der gedruckten Einladung, und Mabel hatte die steile, eckige Schrift ihrer Cousine sofort erkannt, auch wenn sie diese seit vierzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Damals waren von Abigail regelmäßig Briefe gekommen, oft ein-, zweimal die Woche, aber Mabel hatte alle Schreiben ungeöffnet verbrannt. Mabel wollte mit ihrer Cousine nichts mehr zu tun haben, vor allen Dingen nicht wissen, wie sie an Arthurs Seite auf Higher Barton lebte. Zu tief waren der Schmerz und die Enttäuschung über das, was sie ihr angetan hatte. Ebenso wie sie Arthur niemals wiedersehen wollte. Arthur … Bei der Erinnerung lächelte Mabel wehmütig. Ihm würde sie tatsächlich nie wieder begegnen, denn er war vor vier Jahren gestorben. Ein plötzlicher Herzinfarkt, so lautete der Text der offiziellen Anzeige, die in allen englischen Zeitungen erschienen war. Damals hatte Mabel mit sich gekämpft, rund ein Dutzend Mal versucht, Abigail einen Kondolenzbrief zu schreiben und ihr Bedauern über den Verlust ihres Ehemannes auszudrücken, aber entweder waren ihr die Worte zu banal oder zu hochtrabend erschienen. Mabel wusste, es war nicht richtig gewesen, dass sie Abigail schlussendlich ihr Beileid nicht ausdrückte. Das hatte nichts damit zu tun, dass sie der Cousine immer noch zürnte, sondern vielmehr, dass Abigail und Arthur zu einem anderen Leben gehörten. Einem Leben, das für Mabel so weit entfernt war wie der Mond von der Erde.

Ein Blitz zuckte über den nachtschwarzen Himmel, nur zwei Sekunden später krachte ein unbeschreiblich lauter Donner, dem gleich darauf der nächste Blitz folgte. Der Regen verstärkte sich und prasselte so hart und laut auf das Autodach, dass Mabel zuerst dachte, es würde hageln. Sie lächelte und seufzte. Offenbar hatte sie vergessen, um wie viel heftiger Unwetter in Cornwall im Vergleich zu London sein konnten. Die Uhr im Armaturenbrett zeigte inzwischen nach dreiundzwanzig Uhr, und sie gab die Hoffnung auf, dass jemand sie noch heute Nacht aus dieser misslichen Lage befreien würde. Augenscheinlich hatte sie sich in eine Gegend verirrt, in die nie jemand kam, zumindest nicht bei diesem Wetter. Sie fürchtete sich nicht vor Gewitter, denn sie wusste um die Sicherheit des Faradayschen Käfigs. Überhaupt war sie keine schreckhafte Frau, sondern stand mit beiden Beinen im Leben und nahm gerne jede Herausforderung an. Nun, die heutige Nacht hätte Mabel natürlich lieber in einem warmen, weichen Bett verbracht als auf einer einsamen Straße. Sie streckte ihre steifen Glieder, so gut das in der Enge ihres Kleinwagens möglich war. Sie angelte nach der Tasche auf dem Rücksitz, zog sie nach vorne und holte eine Plastikbox und eine Thermoskanne hervor. Henny hatte darüber gelächelt, als Mabel Tee und Sandwichs für die Fahrt einpackte.

„Mabel, alle paar Meilen gibt es Rasthäuser, in denen man sich verköstigen kann“, klangen ihr Hennys Worte in den Ohren.

„Auf den Rastplätzen ist es sehr teuer, und es könnte ja auch eine Situation eintreten, in der es mir nicht möglich ist, einen Tee zu kaufen.“

Jetzt war Mabel über ihre Entscheidung froh, denn seit dem Frühstück hatte sie nichts mehr gegessen, und ihr Magen knurrte vernehmlich. Da sie glaubte, bis spätestens zwanzig Uhr ihr Ziel erreicht zu haben, und bei der Geburtstagsfeier würde es ausreichend zu essen geben, hatte sie auf einen ausgiebigen Lunch verzichtet. Wie hätte sie wissen sollen, dass sie zuerst auf der Höhe von Stonehenge über drei Stunden im Stau stehen würde, da die Straße wegen eines Frontalzusammenstoßes zweier Autos gesperrt worden war, und dass sie sich dann im Unwetter hoffnungslos verirrte? Mabel trank einen Schluck des Tees, der sich seit über zwölf Stunden in der Kanne befand und deswegen nur noch lauwarm war und aß langsam ein Hähnchenbrustsandwich mit Eisbergsalat, der bereits angewelkt war. Dann zwängte sie sich zwischen den Sitzen nach hinten, was gar nicht so einfach war, denn in ihrem Alter war man nicht mehr ganz so beweglich, entfaltete eine karierte Wolldecke und versuchte, eine einigermaßen bequeme Position zu finden. Wenn Mabel die Beine anzog, passte sie mit ihren einhundertsechzig Zentimetern gerade so auf die Rückbank. Es war Nacht, es regnete und stürmte und sie saß hier fest – dann würde sie eben versuchen, so gut es ging zu schlafen, um sich bei Tagesanbruch auf den Weg zu machen, um Hilfe zu holen. Glücklicherweise war es nicht kalt, und Mabel war durch die Nachtdienste im Krankenhaus daran gewöhnt, auch unter widrigen Umständen zu schlafen. Wenn sich Mabel die Situation richtig überlegte, so war sie eigentlich ganz froh, die Party versäumt zu haben. Es war ihr lieber, wenn ihre erste Begegnung mit Abigail nach über vierzig Jahren in einem kleinen Kreis, am besten unter vier Augen stattfand, anstatt inmitten von Dutzenden von Menschen, die sie nicht kannte. Mabel rollte sich zusammen, zog die Wolldecke bis zum Kinn und war binnen kurzer Zeit eingeschlafen.

Ein Dröhnen und ein grelles Licht, das ihr direkt ins Gesicht fiel, weckten sie. Erschrocken fuhr sie hoch und stieß dabei mit dem Kopf gegen den Wagenhimmel.

„Was in aller Welt …?“

Das Licht blendete sie noch immer, so hörte sie nur, wie jemand gegen die Scheibe klopfte und rief: „Hallo, Sie! Sie blockieren die Straße.“

„Einen Augenblick!“ Mabel zwängte sich auf den Fahrersitz und öffnete die von innen verriegelte Tür. Das Licht blendete sie erneut und sie blinzelte. „Machen Sie doch bitte das Licht aus, ich kann ja gar nichts sehen.“

Nachdem die Taschenlampe gesenkt wurde, sodass der Schein nicht mehr direkt in Mabels Augen traf, sah sie sich einem älteren Mann in Cordhosen und grüner Wachsjacke gegenüber, der sie skeptisch von oben bis unten musterte. Mabel stieg aus dem Wagen. Der Regen hatte aufgehört, aber in der Luft lagen noch die Kühle und Nässe der Nacht, im Osten zeigte sich bereits ein erster heller Streifen.

„Wie spät ist es?“, fragte Mabel.

„Kurz vor fünf. Haben Sie etwa hier übernachtet? Mitten auf der Straße?“

Mabel nickte. „Sie werden mich sicher für eine alte törichte Frau halten, wenn ich sage, dass mir das Benzin ausgegangen ist. Außerdem habe ich mich verfahren, und bei dem Unwetter hatte ich wenig Lust, zu Fuß weiterzugehen.“

Er nickte ebenfalls, sein von Falten durchzogenes Gesicht blieb jedoch ausdruckslos.

„Sie müssen jetzt hier weg, Sie versperren die ganze Straße. Ich möchte nämlich nach Hause, hab’ die ganze Nacht gearbeitet.“

Mabel wagte nicht zu fragen, welcher Tätigkeit der Mann nachging, denn der Fremde wirkte nicht besonders freundlich. Sie blickte zu seinem Jeep und erkannte, dass die beiden Autos tatsächlich nicht aneinander vorbeikommen würden. Sie befand sich auf einem dieser schmalen, einspurigen Wege, die typisch für Cornwall sind, und auf denen es in unregelmäßigen Abständen Ausweichstellen gibt, um den Gegenverkehr passieren zu lassen.

„Mein Name ist Mabel Clarence und es tut mir leid, Ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten“, sagte sie betont freundlich, denn sie war auf die Hilfe dieses Mannes angewiesen. „Vielleicht können Sie mir Ihr Handy leihen, dann rufe ich den RAC, der mich abschleppt oder mit einem Kanister Benzin versorgt. Das Problem ist nur, dass ich keine Ahnung habe, wo ich mich überhaupt befinde.“

„Ich hab’ kein Handy bei mir.“

Mabel lächelte. „Was, Sie auch nicht? Und ich dachte, ich wäre die Einzige, die ohne so ein Teil einen Schritt vor die Tür setzt.“

Sein Gesicht blieb nach wie vor verschlossen, als er brummend antwortete: „Natürlich besitze ich ein Handy, hab’ es gestern Abend nur nicht mitgenommen. War nicht nötig. Was machen wir jetzt? Ich bin hungrig und müde und will nach Hause.“

Mabel überlegte kurz, dann sagte sie: „Ich möchte Ihre Zeit nicht über Gebühr beanspruchen, aber vielleicht könnten Sie mit mir meinen Wagen zur Seite schieben und mich mit zu sich nehmen, damit ich von dort telefonieren kann?“

Er zuckte kurz mit den Schultern. „Meinetwegen, wenn Sie aber gleich wieder verschwinden. Mag keine Fremden in meinem Haus.“ Er deutete auf Mabels Auto und sah die Straße hinunter. „Fünfzig Meter weiter ist eine Ausweichbucht.“

Mabel wurde es in seiner Gegenwart immer unwohler, denn der Fremde, der sich bisher nicht vorgestellt hatte, ließ keinen Zweifel daran, dass er sich durch Mabels Panne belästigt fühlte. Er befahl ihr, einzusteigen und auszukuppeln, dann schob er sie langsam zu der Ausweichstelle. Erstaunt bemerkte Mabel, wie kräftig er trotz seines Alters – sie schätze ihn auf ein paar Jahre älter als sich selbst – noch war. Nachdem der Wagen in der Bucht stand, nahm Mabel ihre Handtasche, das Gepäck ließ sie im Wagen, und stieg in den Jeep des Fremden.

„Wo wollen Sie eigentlich hin?“, fragte er, ohne sie anzusehen. „Sie sind nicht von hier.“

„Ich komme aus London und war auf dem Weg zu dem Landsitz Higher Barton, als ich mich hoffnungslos verirrte.“

„Higher Barton? Das liegt keine Meile von hier.“ Zum ersten Mal zeigte sich ein freundlicher Ausdruck in seinen Augen. „Das liegt auf dem Weg, ich kann Sie dort absetzen.“

„Das wäre sehr nett“, antwortete Mabel, dachte aber sofort, dass ihre Cousine wohl noch schlafen und über die frühe Störung wenig erfreut sein würde.

„Ich hatte ganz vergessen, wie einzigartig die Luft in Cornwall ist“, sagte sie gedankenverloren, als sie langsam losfuhren.

„Ja, so wie hier riecht es nirgendwo auf der Welt“, bestätigte der Fremde und auf einmal klang seine Stimme weich. „Das Meer ist keine vier Meilen entfernt. Sein salziger Geruch vermischt sich mit dem Torf der Heide. Eine einzigartige Kombination.“

„Sind Sie ein Poet?“, fragte Mabel erstaunt und sah ihn von der Seite an, konnte aber nur die Konturen seines Profils erkennen. Er gab keine Antwort, und Mabel hoffte, bald ihr Ziel erreicht zu haben. Sie war kein ängstlicher Mensch, doch dieser Mann erschien ihr doch etwas seltsam.

Nach nur wenigen Minuten Fahrt stoppte er den Jeep und deutete auf eine Gartenpforte, die wie aus dem Nichts vor ihnen aufgetaucht war.

„Der Park von Higher Barton.“ Nun war sein Tonfall wieder brummig und abweisend. „Von hier aus kommen Sie durch den Garten zum Haus hoch. Das ist nicht weit, Sie folgen einfach dem gepflasterten Pfad und …“

„Danke, ich kenne den Weg“, unterbrach Mabel und öffnete die Tür, da er keine Anstalten machte, ihr aus dem Wagen zu helfen. „Hier scheint sich in all den Jahren nichts verändert zu haben.“

„Sie sind mit Lady Tremaine bekannt?“, fragte er.

„Sie ist meine Cousine“, gab Mabel knapp zur Antwort. „Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Mister …?“

Er nickte ihr lediglich zu, und – kaum als Mabel die Wagentür geschlossen hatte – fuhr er davon.

„Ungehobelter Kerl“, schimpfte Mabel und machte sich auf den Weg zum Herrenhaus, das eine halbe Meile durch den Park hinauf auf einem Hügel lag. Das erste Morgenlicht warf bizarre Schatten auf die Bäume und Sträucher, die in üppiger Blüte den Weg säumten. Es schien Mabel, als wäre die Zeit um vierzig Jahre zurückgedreht worden, als wäre es erst gestern gewesen, dass sie durch den Garten und diese Pforte gegangen war. Ganz in der Nähe führte ein Fußweg hinunter zur Küste. Wie oft waren sie und Arthur zu den Klippen gegangen, manchmal einen Picknickkorb in der Hand …

Mabel wischte sich über die Augen, um die Erinnerungen zu vertreiben. Das alles lag Jahrzehnte hinter ihr. Als sich die Konturen des Hauses am Ende des Gartens abzeichneten, konnte sie nirgends ein Licht erkennen. Higher Barton lag noch in tiefem Schlaf. Sie zögerte, einfach zum Haupteingang zu gehen und zu läuten. Damit würde sie alle aufwecken und Mabel wusste nicht, wie Abigail auf diese frühe Ruhestörung reagieren würde. Ihre erste Begegnung nach so langer Zeit hatte Mabel sich anders vorgestellt. Sie erinnerte sich, dass in vergangenen Zeiten der Eingang zum Dienstbotenbereich stets früh geöffnet war, denn das Personal begann bei Sonnenaufgang mit seiner Arbeit. Nun, Mabel wusste allerdings nicht, ob und wie viel Personal überhaupt noch auf Higher Barton beschäftigt war, aber ein Versuch war es wert. Sonst würde sie sich auf eine Bank setzen, den heranziehenden Morgen genießen und abwarten, bis sich im Haus etwas rührte.

Sie umrundete den Ostflügel und ging über die südliche Terrasse, die mit zahlreichen großen Blumenkübeln, in denen Rhododendren und Rosenbäumchen in verschwenderischer Pracht blühten, übersät war. Ein weißer schmiedeeiserner Tisch mit vier Stühlen lud zum Verweilen ein, auf den Flächen glitzerte noch der Tau der Nacht. Mabel sah sich um und atmete tief ein und aus. Der an die Terrasse angrenzende Blumengarten hatte sich im Laufe der Jahrzehnte kaum verändert. Sauber geharkte Kieswege zogen sich durch die Rosenrabatten, und immer noch plätscherte ein Springbrunnen mit einer verkleinerten Nachbildung von Michelangelos David in der Mitte. Die Dämmerung schritt zügig voran und erstaunt bemerkte Mabel, als sie sich umwandte, dass eine der Terrassentüren einen Spalt breit geöffnet war. Sie zögerte, einfach ein fremdes Haus zu betreten, doch da sich der Morgen noch immer von seiner kühlen Seite zeigte, trat sie durch die Tür in die Bibliothek. Sie entschloss sich hier im Warmen zu warten und hoffte, Abigail würde für ihr Eindringen Verständnis aufbringen. Im fahlen Morgenlicht erkannte Mabel, dass sich der Raum über die Jahrzehnte hinweg kaum verändert hatte. Deckenhohe Regale voller Bücher umschlossen ihn an vier Seiten, der Schreibtisch aus viktorianischer Zeit stand noch an derselben Stelle wie früher, nur der alte schwarze Telefonapparat mit der Wählscheibe war durch einen modernen schnurlosen ersetzt worden. Vor dem Kamin lud eine Sitzgruppe mit zwei Sofas und einem Sessel zum Verweilen ein. Als Mabel ein Sofa umrundete und sich setzen wollte, stieß ihr Fuß an etwas Weiches. In der Annahme, der Teppich hätte sich aufgeschlagen, schaute sie hinunter. Ihr Atem stockte und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie zwinkerte mehrmals mit den Augen, sagte sich, sie müsse sich irren, denn das hier gab es nicht wirklich. Das alles spielte sich im Bruchteil einer Sekunde ab, dann realisierte Mabel in voller Deutlichkeit, dass vor dem Kamin ein regungsloser Mensch lag. Es war zu dunkel, um mehr zu erkennen, Mabel kniete sich nieder und tastete zielsicher nach der Halsschlagader der Person. Die Haut war kalt, und Mabel konnte keinen Puls fühlen. Sie versuchte es auf der anderen Halsseite – ohne Erfolg. Dann fühlte sie ein Seil unter ihren Fingern und fuhr erschrocken zurück. Mit einem Mal war sie ganz ruhig. Hier lag ein Mensch, der womöglich noch ihre Hilfe brauchte. Als Krankenschwester war sie daran gewöhnt, persönliche Gefühle auszuschalten und das zu tun, was getan werden musste. Als Erstes brauchte sie Licht. Sie tastete nach dem Schalter der neben dem Sofa stehenden Stehlampe und erkannte, als das Licht aufflammte, dass es sich um eine junge Frau handelte. Allerdings kam hier jede Hilfe zu spät, denn ihre Augen waren weit aufgerissen und schienen Mabel voller Entsetzen anzustarren, die Zunge hing geschwollen und dunkel verfärbt aus dem Mundwinkel. Die Frau war mit einem Strick um den Hals erdrosselt worden.

Mabel hatte in ihrem Leben zahlreiche Tote gesehen, manche waren sogar in ihren Armen gestorben, aber die Tote hier war sicher nicht älter als Mitte zwanzig und eindeutig keinem natürlichen Tod zum Opfer gefallen. Obwohl es eine schreckliche Situation war, blieb Mabel ganz ruhig. Ihr fiel auf, dass die Tote ein seltsames Kleid aus dunkelgrauem derben Stoff und darüber eine weiße Schürze und eine ebensolche Haube trug. Das Gewand sah aus wie ein historisches Kostüm, war weder schmutzig noch abgetragen. Kurz hob Mabel einen Arm der Toten, um festzustellen, ob die Leichenstarre bereits eingesetzt hatte. Die Muskulatur war noch recht weich und beweglich, das Mädchen musste also erst vor kurzem ermordet worden sein.

Wie automatisiert ging Mabel zum Schreibtisch, griff zum Telefon und wählte die Notrufnummer 999. Nach nur einmaligem Läuten wurde auf der anderen Seite abgenommen: „Polizeirevier Liskeard. Was kann ich für Sie tun?“

„Mein Name ist Mabel Clarence und ich spreche von Higher Barton aus. Hier liegt eine Tote in der Bibliothek. Sie ist eindeutig erdrosselt worden und …“

„Das zu beurteilen, überlassen Sie doch bitte unseren Leuten!“, wurde Mabel scharf unterbrochen. „Sofern es überhaupt stimmt und Sie sich nicht einen üblen Scherz erlauben. Higher Barton, sagten Sie? Der Herrensitz zwischen Looe und Polperro?“

„Genau dieser, Inspektor, und ich erlaube mir ganz gewiss keinen solch makabren Scherz. Sie müssen so schnell wie möglich herkommen.“

„Ich werde die Dienststelle in Lower Barton informieren, dass sie jemanden vorbeischicken. Bis dahin rühren Sie nichts an. Haben Sie verstanden?“

„Selbstverständlich, ich schaue schließlich regelmäßig Krimis im Fernsehen“, entgegnete Mabel, die sich in Anbetracht der Arroganz des Inspektors diese Bemerkung nicht verkneifen konnte. Dann drückte sie die rote Aus-Taste am Telefon und ging zur Tür, die in die große Halle führte. Es half nichts, sie musste jemanden wecken, bevor die Polizei kam. Schließlich war hier ein Mord geschehen. Dass das Mädchen ermordet worden war, stand für Mabel außer Frage, denn kein Mensch beging Selbstmord, indem er sich selbst mit einem Strick von hinten erdrosselte, und ein Unfall schied ohnehin aus. Mabel lief so schnell sie konnte zu den Wirtschafträumen. Vielleicht war dort schon jemanden wach? Sie hatte Glück, unter der Küchentür schimmerte ein Streifen Licht hervor und sie hörte leises Gemurmel. Mabel riss die Tür auf und stolperte in die Küche, in der es warm war und der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee in der Luft lag.

Ein Paar mittleren Alters saß am Tisch und die Frau schenkte gerade zwei Tassen ein. Es handelte sich um das Hausmeisterehepaar Penrose, die vor wenigen Minuten aufgestanden waren, um in aller Ruhe zu frühstücken, bevor ihr Tagwerk begann.

„Wer zum Teufel sind Sie, und wie kommen Sie hier herein?“

George Penroses Hand fuhr automatisch zu einem auf dem Tisch liegenden Messer, obwohl von der zierlichen Frau mit dem grauen praktischen Kurzhaarschnitt wohl kaum Gefahr zu erwarten war.

Mabel wurde schwindlig und sie klammerte sich Halt suchend an den Türrahmen.

„Da liegt eine Tote in der Bibliothek. Kommen Sie, schnell! Ich habe bereits die Polizei alarmiert.“

„Eine Tote?“ Emma Penrose sprang auf, jegliche Farbe wich aus ihren Wangen. „Das ist unmöglich. George, wer ist die Irre?“

„Mein Name ist Mabel Clarence. Lady Abigail ist meine Cousine und ich bin über die offene Terrassentür in die Bibliothek gekommen“, sprudelte Mabel heraus. „Und da lag sie vor dem Kamin – eine junge Frau und eindeutig tot. Erdrosselt, würde ich sagen.“

„Gut, ich schaue nach.“ George Penrose legte das Messer hin, aber seine Frau hielt ihn am Arm fest.

„Wenn es stimmt, was diese Frau behauptet, dann könnte der Mörder noch da sein! Nimm das Messer mit, George.“

Mabel stockte der Atem. Keinen Augenblick hatte sie daran gedacht, dass der Täter sich noch in der Bibliothek aufhalten könnte. Nicht, als sie die Tote entdeckt hatte, und auch nicht, als sie die Polizei gerufen hatte. Jetzt zitterten ihr im Nachhinein die Knie bei dem Gedanken, dass die Person in einer dunklen Ecke gelauert haben könnte.

„Keine Angst, Emma, ich werde vorsichtig sein“, murmelte George und verließ die Küche. Mabel und Emma folgten ihm langsam und mit einigem Abstand.

In der Bibliothek betätigte George den Lichtschalter und die Lampen ließen den großen Raum in hellem Licht erstrahlen. Alles schien ganz normal zu sein, jedes Möbelstück stand an seiner Stelle, und weit und breit war keine Spur von einer Leiche zu sehen.

„Ich verstehe das nicht.“ Verwirrt ging Mabel zum Kamin, vor dem lediglich ein heller, flauschiger Teppich lag. „Hier hat sie gelegen. Genau an dieser Stelle, und sie hatte einen Strick um den Hals.“ Sie sah das Hausmeisterpaar verwundert an. „Es sind doch nur ein paar Minuten vergangen.“

Ärgerlich krauste George Penrose die Stirn.

„Kommen Sie wieder mit in die Küche und erklären Sie, was Sie hier zu suchen haben und was Sie mit Ihrem Auftritt bezwecken wollen. Sie sehen ja selbst, hier gibt es keine Leiche. Hat auch nie eine gegeben …“

Das Hausmeisterpaar verließ den Raum, und Mabel blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen. Sie begann, an ihrem Verstand zu zweifeln, denn sie hatte die Tote nicht nur gesehen, sondern auch gefühlt. Es konnte doch keine Sinnestäuschung gewesen sein.

2

Dankbar griff Mabel nach der Kaffeetasse und nahm einen kräftigen Schluck, obwohl sie sonst lieber Tee trank. Es war beinahe wie einst in der Notaufnahme des Hospitals: Solange akut etwas zu tun war, war Mabel immer ganz ruhig geblieben und hatte überlegt gehandelt, aber sobald sie die Sache in andere Hände übergab und selbst nichts mehr tun konnte, begann sie zu zittern. Auch jetzt umklammerte sie fest die Tasse, konnte jedoch nicht verhindern, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen.

„Glauben Sie mir, ich habe die Tote gesehen“, sagte sie eindringlich. „Zuerst habe ich nachgeschaut, ob ich ihr noch helfen kann, aber sie war bereits tot, dann bin ich zum Telefon und habe die Polizei verständigt. Die müsste bald eintreffen. Die Tote war übrigens eine junge Frau in recht seltsamer und altmodischer Kleidung.“

Der Blick, den George Penrose mit seiner Frau wechselte, sprach Bände. Die Alte hat doch einen Sprung in der Schüssel, sagten seine Augen, und Mabel bemerkte es sehr wohl. Sie war jedoch nicht verärgert, dass man sie nicht ernst nahm, denn sie hätte wahrscheinlich ähnlich reagiert, wenn ihr jemand eine solche Geschichte erzählt hätte. Dass die Tote verschwunden war, war nun mal Tatsache, und nichts deutete auf ein Verbrechen hin.

„Wahrscheinlich war der Mörder wirklich noch im Raum und hat die Leiche herausgeschafft, als ich in die Küche ging“, fuhr Mabel fort, und bei dem Gedanken lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. „Wir sollten den Garten absuchen, irgendwo da draußen müssen er und die Tote noch sein.“

„Meine liebe Mrs … Wie war noch mal Ihr Name, sagten Sie?“

„Mabel Clarence“, antwortete Mabel auf Georges Frage. „Und Miss Clarence, bitte.“

„Gut, Miss Clarence, jetzt erklären Sie bitte erst mal, wie Sie überhaupt ins Haus gekommen sind. Sie sind doch kein Gast von gestern Abend, denn die haben meine Frau und ich alle gesehen, und Sie waren nicht unter ihnen.“

„Ich war zu dem Fest eingeladen, wegen einer Autopanne musste ich allerdings die Nacht im Wagen verbringen“, erwiderte Mabel. „Heute Morgen wollte ich niemanden aufwecken, indem ich an der Haupttür läutete. Eigentlich wollte ich im Garten ausharren, bis jemand wach ist, als ich jedoch die offen stehende Terrassentür sah, entschloss ich mich in die Bibliothek zu gehen, um dort zu warten. Es war ziemlich kalt draußen. So fand ich die Tote …“

„Ja, ja, schon gut“, unterbrach Emma Penrose mit einem genervten Unterton und wandte sie sich an ihren Mann: „Hast du heute Nacht vergessen, die Terrassentüren zu schließen, George?“

„Ganz sicher nicht.“ Unwillig runzelte er die Stirn. „Ich habe alle Türen sogar zweimal kontrolliert. Wer sagt uns denn, dass nicht Sie“, er deutete auf Mabel, „hier eingebrochen sind?“

Bevor sich Mabel dieser ungeheuerlichen Anschuldigung erwehren konnte, heulten draußen die Sirenen der Polizei auf.

„Na endlich!“ George Penrose erhob sich. „Ist vielleicht ganz gut, wenn die Polizei kommt. Die werden dieser fantastischen Geschichte schon auf den Grund gehen.“

Zu dritt eilten sie in die Halle und George Penrose öffnete einen Flügel der schweren Holztür, bevor die Polizisten klingeln konnten. Zwei Uniformierte und ein Herr in Zivil, der aussah, als wäre er direkt aus dem Bett gestiegen und hätte sich nur flüchtig angezogen, traten ein. Der Zivile sagte kurz angebunden: „Chefinspektor Warden mein Name. Es ging die Meldung ein, es wäre zu einem Tötungsdelikt gekommen.“

Er sah sich suchend um und konnte nur mit Mühe ein Gähnen unterdrücken.

George Penrose rang die Hände.

„Es tut mir leid … Inspektor … ein bedauerlicher Irrtum …“

„Das ist ganz und gar kein Irrtum!“ Entschlossen trat Mabel vor den Inspektor. „Die Tote lag in der Bibliothek und wurde offensichtlich ermordet. Kommen Sie, sehen Sie sich den Tatort an.“

Warden runzelte die Stirn.

„Was soll das heißen, die Tote lag in der Bibliothek? Haben Sie sie etwa bewegt und woanders hingebracht?“

„Nein, sie ist verschwunden“, sagte Mabel und schnitt Wardens Einwand mit einer Handbewegung ab. „Kommen Sie und sehen Sie selbst.“

In diesem Augenblick erklang eine Stimme von der Treppe her: „Was, um alles in der Welt, ist um diese Zeit hier los? Wer sind all diese Leute?“

Mabel wandte den Kopf und erkannte ihre Cousine sofort, obwohl vierzig Jahre seit ihrer letzten Begegnung vergangen waren. Abigail Tremaine stand auf dem ersten Treppenabsatz, in einen aufwendig gearbeiteten dunkelblauen Morgenmantel gehüllt, und in aufrechter, stolzer Haltung, durch und durch eine Lady, musterten ihre grünen Augen ärgerlich die ungebetenen Besucher. „Was hat die Polizei in meinem Haus zu suchen? Und dann noch zu so früher Stunde?“, fuhr Abigail mit der gleichen kraftvollen, leicht rauchigen Stimme fort, die ihr schon früher zu eigen gewesen war.

„Verzeihen Sie, Mylady, dass wir Sie geweckt haben.“ Mrs Penrose trat zu ihr und sah sie entschuldigend an. „Es handelt sich um einen bedauerlichen Irrtum, die Herren der Polizei werden gleich wieder gehen.“

Offenbar hatte Abigail Mabel noch nicht gesehen oder erkannt, denn sie fragte harsch: „Wer hat die Polizei informiert? Und warum?“

Entschlossen holte Mabel Luft und rief: „Das war ich, Abigail, und ich habe sie gerufen, weil vor einer halben Stunde in der Bibliothek vor dem Kamin noch eine Leiche lag.“

Nur ein kurzes, kaum merkliches Zucken huschte um Abigails Mund und sie schwankte für einen Moment, hatte sich aber gleich wieder unter Kontrolle.

„Mabel … ich hatte dich gestern erwartet. Eine Leiche in meinem Haus? Was für eine lächerliche Vorstellung!“

„Das finde ich ebenfalls“, knurrte Warden und sah unwillig von einer Frau zu anderen. „Können wir uns jetzt endlich den angeblichen Tatort ansehen?“

„Ob der Fundort der Toten auch der Tatort ist, sei dahingestellt“, sagte Mabel energisch, und dem Inspektor verschlug es die Sprache. Endlich folgten er und seine Kollegen Mabel in die Bibliothek, die immer noch im hellen Lampenlicht lag. Beinahe hatte Mabel gehofft, die Leiche wieder an Ort und Stelle zu finden, aber der Platz vor dem Kamin war nach wie vor leer.

„Hier hat sie gelegen. Eine junge Frau, etwa Mitte zwanzig, blond und sehr hübsch, mit einem Strick um den Hals. Sie wurde erdrosselt.“

„Ach ja?“ Warden trat näher und starrte auf den leeren Teppich. „Woher wollen Sie wissen, ob sie tatsächlich tot war? Das heißt, wenn hier wirklich jemand gelegen haben sollte, wonach es nicht aussieht.“ Die Ironie in seinen Worten war unverkennbar. Seit rund dreißig Jahren stand er im Polizeidienst, hatte sich aber nie daran gewöhnt, dass Fälle veranlassten, früh aufzustehen, denn Warden war ein typischer Morgenmuffel. Wenn er dann noch aus dem Bett gerissen und zu einem Tatort gerufen wurde, wo offensichtlich kein Verbrechen begangen worden war, dann senkte das seine ohnehin schlechte Laune um ein Vielfaches. „Meine Liebe“, sagte er, wobei er das zweite Wort übertrieben betonte, „halten Sie es für besonders witzig, uns alle hier zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett zu holen? Ich kenne Sie nicht, denke jedoch, dass Sie sich in ärztliche Behandlung begeben sollten, mit Halluzinationen ist nicht zu spaßen.“

Aus den Augenwinkeln sah Mabel, wie das Hausmeisterehepaar einen zustimmenden Blick tauschte, sie ließ sich jedoch nicht verunsichern, denn sie wusste, was sie nicht nur gesehen, sondern auch gefühlt hatte.

„Sie können sich Ihren Spott sparen, Chefinspektor. Hier lag eine tote junge Frau, und als Krankenschwester habe ich in meinem Leben weiß Gott mehr Tote gesehen und berührt, als mir lieb ist. Das Mädchen hatte weder Puls- noch Herzschlag, zudem war ihre Zunge geschwollen und quoll aus dem Mund und …“

„Hör auf, solch schreckliche Sachen zu sagen!“, rief Abigail und presste beide Hände auf die Ohren. „Ich habe keine Ahnung, was das alles hier zu bedeuten hat, hier liegt jedoch niemand. Egal, ob tot oder lebendig.“

„Ganz meine Meinung“, brummte Warden und gab den Uniformierten einen Wink. „Gehen wir wieder, vielleicht bekommen wir noch eine Mütze Schlaf. Aber für Sie …“, er sah Mabel grimmig an, „wie war noch mal Ihr Name?“

„Miss Mabel Clarence, ich bin zu Besuch auf Higher Barton.“

Wardens Blick ging zu Abigail. „Sie können die Identität dieser … Dame bestätigen?“

Abigail nickte und sagte kühl: „Es handelt sich um meine Cousine aus London.“

„Also, Miss Clarence, die Sache wird ein Nachspiel haben.“ Verärgert zog Warden die Stirn kraus. „Auf ein unnötiges Alarmieren der Polizeibehörde steht ein Bußgeld. Sie werden von uns hören.“

Mabel war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren, als sich die drei Beamten dem Ausgang zuwandten.

„Ich schwöre, noch vor einer knappen Stunde lag hier eine Leiche!“

„Miss Clarence ist den ganzen gestrigen Tag von London hergefahren und musste wegen einer Autopanne die Nacht im Wagen verbringen“, mischte George Penrose sich ein. „Offenbar ist die Dame übermüdet und ihre Nerven spielten ihr einen Streich. Es tut uns sehr leid, Sie unnötig nach Higher Barton bemüht zu haben.“

„Ich bitte Sie ebenfalls um Verzeihung, Inspektor“, fuhr Abigail fort. „Ich werde mich um meine Cousine kümmern. Darf ich Ihnen als kleine Entschädigung für Ihre Mühe einen Kaffee oder Tee und ein leichtes Frühstück anbieten?“

Einer der uniformierten Polizisten wollte gerade „sehr gerne“ sagen, immerhin hatte er die ganze Nacht über Dienst gehabt, als Warden mit zusammengezogenen buschigen Augenbrauen unwillig abwinkte.

„Danke nein, ich habe hier schon zu viel Zeit vertrödelt. Kommen Sie, Officer, wir gehen.“

„Wollen Sie denn nicht einmal nachsehen, ob Spuren zu finden sind?“, rief Mabel. „Offenbar wurde die Leiche in der Zeit, als ich Hilfe holte, weggebracht und …“

Warden sah sie streng an.

„Gehen Sie ins Bett und schlafen Sie sich aus, Miss. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Lesen Sie weniger Kriminalgeschichten, dann sehen Sie auch keine Toten, wo es keine gibt.“

Wie ein begossener Pudel blieb Mabel in der Bibliothek zurück und hörte, wie George Penrose die Polizisten verabschiedete und sich erneut wortreich entschuldigte. Abigail Tremaine seufzte und sah Mabel kopfschüttelnd an.

„Ich muss schon sagen, dramatischer hättest du unser Wiedersehen nicht gestalten können, Cousine, aber lass uns später miteinander sprechen. Ich lege mich noch ein paar Stunden hin. Es ist spät geworden gestern. Emma Penrose wird dich in dein Zimmer führen, es wäre gut, wenn du auch etwas schläfst. Wir beide sind schließlich nicht mehr die Jüngsten, da können einem die Nerven schon mal einen Streich spielen.“

Mabel trat zu ihrer Cousine, legte eine Hand auf ihren Arm und sah sie eindringlich an.

„Bitte, Abigail, du musst mir glauben! Als ich vorhin die Bibliothek betrat, war da eine tote Frau. Komm, lass und nachsehen, ob noch irgendwelche Spuren zu finden sind, wenn es die Polizei schon nicht tun will.“

Abigail zog ihren Arm zurück.

„Ich denke, George hat recht, du bist erschöpft und von der Fahrt übermüdet. In diesem Haus ist noch nie jemand eines gewaltsamen Todes gestorben und letzte Nacht erst recht nicht.“

„Warum glaubst du mir nicht, Abigail?“, fragte Mabel, betrübt, dass ihre erste Begegnung nach so vielen Jahren mit einer Missstimmung begann. Auch war es ihr peinlich, diese kleine Auseinandersetzung vor den Ohren des aufmerksam lauschenden Hausmeisterpaars führen zu müssen.

„Weil ich weiß, dass in unserem Alter die Nerven uns manchmal einen Streich spielen, meine Liebe.“ Sie lächelte versöhnlich und ging zur Tür. „Wie wäre es mit einem Lunch gegen ein Uhr, Mabel? Dann können wir uns in aller Ruhe unterhalten.“

Mabel nickte und es blieb ihr nichts anderes übrig, als der Haushälterin über die breite, mit einem dunkelroten Teppich bedeckte Holztreppe ins zweite Stockwerk hinauf zu folgen. In dem holzverkleideten Gang mit der gewölbten Stuckdecke roch es nach Bienenwachs, offenbar war hier erst kürzlich alles auf Hochglanz poliert worden. Ölbilder, die Landschaften aus der Umgebung des Herrenhauses zeigten, zierten die Wände, und Mabel bemerkte, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten nichts verändert hatte. Noch immer stand eine Büste von Königin Victoria auf einer schmalen Kommode, und in der direkt danebenstehenden Vase dufteten frische Rosen. Als Mrs Penrose die zweite Tür auf der linken Seite öffnete und Mabel eintreten ließ, dachte sie: Wie rücksichtsvoll von Abigail, mir nicht das Zimmer zu geben, das ich früher bewohnte, wenn ich auf Higher Barton weilte.

„Soll ich Ihnen einen Tee heraufbringen, Miss Clarence?“, riss Emma sie aus den Gedanken.

„Danke, das ist nicht nötig. Wenn ich mich aber irgendwo frisch machen könnte?“

Emma zeigte auf eine Tapetentür in der linken Ecke des Raumes, dann zog sie sich zurück. Mabel benutzte die Toilette, wusch sich die Hände und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Sie fühlte sich kein bisschen müde, im Gegenteil, lange war sie nicht mehr von so viel Energie und Tatkraft erfüllt gewesen. Sie ging in ihr Zimmer zurück und sah sich um. Inzwischen war es fast hell, so brauchte sie kein Licht. Das Zimmer war zwar klein, aber geschmackvoll eingerichtet und wurde von einem breiten Himmelbett, dessen grün-goldene Vorhänge mit der mintgrünen Bettwäsche harmonierten, dominiert. Der doppeltürige Schrank stammte ebenso wie die Frisierkommode aus dem 19. Jahrhundert, beide waren bestens restauriert und passten zu dem runden Tisch mit den gepolsterten Stühlen, deren Beine handgedrechselt waren. Mabel erinnerte sich, dass Arthur neumodische Einrichtungen ablehnte und bemüht gewesen war, die Möbelstücke, die sich seit Generationen im Familienbesitz befanden, zu erhalten. Sie trat ans Fenster und sah hinaus. Inzwischen war es hell geworden, die ersten Sonnenstrahlen tauchten die weitläufige Parkanlage mit den kunstvoll geschnittenen Eibenhecken in ein warmes Licht. Es schien ein schöner und warmer Tag zu werden, von dem Unwetter der letzten Nacht zeugten nur noch braune Pfützen auf den sorgsam geharkten Gartenwegen. Mabel setzte sich auf die Bettkante und grübelte. Hatte sie sich tatsächlich geirrt? War da nie eine tote Frau in der Kleidung eines vergangenen Jahrhunderts gewesen? Nein, sie mochte zwar an Jahren nicht mehr jung sein, aber ihre Augen und ihr Gehirn funktionierten noch ausgezeichnet. Sie wusste, was sie gesehen hatte. Und sie wusste auch, wer immer den Körper beseitigt hatte, er oder sie hatte das Mädchen auch getötet. Nur warum hatte der Mörder die Leiche zunächst einige Stunden an Ort und Stelle liegengelassen? Und warum hatte Abigail sofort derart ablehnend reagiert? Nun, schon in jungen Jahren hatte ihre Cousine den Hang gehabt, Unangenehmes beiseitezuschieben, es zu ignorieren und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Mabel hatte für Abigails Verhalten sogar ein wenig Verständnis, denn wer wollte schon eine Leiche in seinem eigenen Haus haben?

„Schluss mit der Grübelei“, sagte sie laut und griff nach der Wasserkaraffe auf dem Nachttisch, schenkte sich ein Glas ein und trank es in einem Zug leer. Die innere Unruhe blieb. Da Mabels Gepäck noch in ihrem Auto war, wusste sie nicht, womit sie sich beschäftigen sollte, denn sie verspürte keine Müdigkeit. Sie öffnete die Zimmertür und spähte den Gang hinunter, der ruhig und verlassen war. Abigail war wieder zu Bett gegangen, aber wo war das Hausmeisterpaar? Bestimmt in der Küche, tranken ihren Kaffee und lästerten über sie, Mabel, und ihre angeblichen Fantasien. Entschlossen ging Mabel wieder nach unten und betrat die Bibliothek. Helles Morgenlicht flutete durch die hohen Fenster, und Mabel sah sich aufmerksam um. Nichts schien auf einen eventuellen Kampf hinzuweisen, der zweifelsohne stattgefunden haben musste, denn die junge Frau hatte sich sicher nicht ohne Gegenwehr erdrosseln lassen. Alle Dinge standen oder lagen an der für sie vorgesehen Stellen, auch die Teppiche waren nicht verrutscht. Mabel kniete sich vor den Kamin und tastete mit den Händen und den Augen jeden Zentimeter ab, aber sie wurde nicht fündig, auch wenn sie nicht wusste, wonach sie eigentlich suchte. Irgendein Detail, eine Kleinigkeit, die auf die Existenz der Toten hinwies, aber so lange sie auch suchte, es gab nichts zu finden. Seufzend erhob sie sich, wobei ein scharfer Schmerz durch ihr linkes Knie schoss. Arthritis – manchmal vergaß Mabel ihr Alter und dass ihr Körper nach und nach Anzeichen der Folgen ihrer jahrzehntelangen harten Arbeit zeigte. Sie ging zu der Fensterfront und schaute auf die Terrasse. Die Sonne war inzwischen aufgegangen und tauchte die Rosenrabatten in goldenes Licht. Alles war still und friedlich, überhaupt nicht so, als wäre hier kürzlich ein schreckliches Verbrechen geschehen. Aufmerksam ließ Mabel ihren Blick über die hellen Platten der Terrasse gleiten, konnte aber nichts entdecken. Sie war überzeugt, dass derjenige, der die Tote beseitigt hatte, diese über die Terrasse ins Freie geschafft haben muss. Er – oder sie? – hätte es wohl kaum gewagt, die Frau durch den Flur zu schleifen, an dessen Ende Mabel sich mit dem Hausmeisterpaar in der Küche befand. George Penrose hatte die Tür nach draußen inzwischen geschlossen, doch Mabel öffnete sie, trat auf die Terrasse und sah von außen in die Bibliothek hinein. Irgendwo musste es doch einen Anhaltspunkt geben. Sie stieß scharf die Luft aus, als sie an der unteren Metallschiene des Türrahmens etwas Dunkles erkannte. Schnell bückte sie es und wollte es aufheben, da merkte sie, dass es sich um ein Stück Stoff handelte, das sich in der scharfen Kante der Schiene verfangen hatte. Sie machte es los und befühlte das kaum handtellergroße Stück. Es war aus grobem Stoff, Leinen vermutlich, und ungefärbt – ein Stück aus dem Kleid der Toten.

Mabels Herz begann aufgeregt zu schlagen. Sie war also weder verrückt noch senil! Das Mädchen hatte es zweifelsohne gegeben und ebenso war sie erdrosselt und ihre Leiche in der Zeit, als Mabel die Penroses zur Hilfe geholt hatte, fortgeschafft worden. Wahrscheinlich war ihr Rock an der Schiene hängen geblieben, als der Täter die Leiche nach draußen gezogen hatte. Folglich musste der Täter ganz in der Nähe gewesen sein, als Mabel die Tote entdeckt hatte. Bei dem Gedanken wurde ihr eiskalt, sie unterdrückte jedoch den Impuls, das Stoffstück den Penroses oder Abigail zu zeigen, sondern steckte es in ihre Hosentasche. Dann lief sie über die Terrasse und suchte nach Schleifspuren, konnte aber nichts Auffälliges entdecken. Vielleicht hatte sich der Täter die Leiche hier draußen über die Schulter gelegt? Durch den Regen der vergangenen Nacht war der schmale Rasenstreifen unterhalb der gepflasterten Terrasse aufgeweicht, und Mabel erkannte zwar mehrere Fußabdrücke, die jedoch nichts zu bedeuten hatten. Ihre eigenen würden sich hier auch finden lassen.

„Wenn dieser Inspektor das doch nur überprüfen würde“, murmelte sie. Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Es war jetzt fast acht, und Warden war sicher nicht wieder nach Hause, sondern direkt in sein Büro gefahren, nachdem er Higher Barton verlassen hatte. Abigail schlief wahrscheinlich wieder, und um das Hausmeisterpaar kümmerte Mabel sich nicht. Kurz entschlossen machte Mabel sich auf den Weg nach Lower Barton, der kleinen Ortschaft, die seit Jahrhunderten zum Herrensitz gehörte. In längst vergangenen Zeiten besaß der jeweilige Lord Tremaine Lower Barton ebenso wie die ganze Umgebung, und alle hier lebenden Menschen waren ihm untertan und mussten für ihn arbeiten. Mabel wusste nicht, ob Wardens Büro sich in Lower Barton oder in Liskeard befand, aber die örtliche Polizei würde ihr sagen können, wo sie ihn fand. So leicht würde sie sich nicht abweisen lassen, denn schließlich hatte sie jetzt den Beweis in der Hosentasche.

3

Nach einer halben Stunde strammen Fußmarsches erreichte Mabel den kleinen Ort, dessen Zentrum sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert hatte. Weißgekalkte ein- oder zweistöckige Steinhäuser scharrten sich um den Marktplatz mit der mittelalterlichen Markthalle, einem Pub, zwei Teestuben und kleinen Geschäfte, die alles für den täglichen Bedarf aber auch Souvenirs für Touristen anboten. Alle Geschäfte kamen ohne großflächige Schaufenster aus, wirkten dadurch wie aus einer vergangenen Zeit und ließen einen fast vergessen, dass man sich im einundzwanzigsten Jahrhundert befand. Lower Barton hatte sich seinen ursprünglichen Charakter bewahrt, wenngleich in den letzten Jahren immer mehr Touristen hierherkamen. Der Ort lag nur wenige Meilen vom Meer entfernt, war aber nicht so überlaufen und teuer wie Polperro oder East Looe, in denen sich ein Hotel und ein Bed and Breakfast an das andere reihte. Mabel bemerkte, dass sich die Bäckerei und der Metzger immer noch in denselben Häusern befanden wie vor vierzig Jahren. Außerhalb des Ortskerns waren allerdings Neubaugebiete mit Reihenhäusern, die einander wie ein Ei dem anderen glichen, und hinter der Kirche ein großer, moderner Supermarkt mit einem weitläufigen Parkplatz entstanden. Direkt daneben befand sich ein vierstöckiger Neubau aus Stahl und Glas, der trotz der anderen Neubauten in dem historischen Gesamtbild störend wirkte. In dem modernen Gebäude fand Mabel die örtliche Polizeistation.

Der Polizist sah auf, als Mabel eintrat und an die Glasscheibe klopfte, die die Büroräume vom Eingangsbereich trennte. Es war einer der beiden Officer, die am Morgen auf Higher Barton gewesen waren, und seinem Blick war anzusehen, dass er über Mabels Erscheinen wenig erfreut war.

„Was wünschen Sie, Miss … äh …?“

„Clarence, mein Name, Sir. Ich würde gerne mit Inspektor Warden sprechen, wenn er im Haus ist.“

Der Mann zögerte, griff dann aber doch zum Telefonhörer und sagte ein paar Worte, die Mabel nicht verstehen konnte. Dann legte er auf, nickte ihr zu und betätigte den elektronischen Türöffner, damit Mabel eintreten konnte. Sie folgte ihm durch das Büro zu einer Tür, die er nach kurzem Klopfen öffnete.

„Miss Clarence, Chefinspektor.“

Warden saß hinter einem riesigen Schreibtisch voller Papiere und sah Mabel unwillig an.

„Was führt Sie zu mir, Miss?“

Seine Stimme war wie seine Körperhaltung ablehnend, und Mabel konnte sich vorstellen, dass er sich fragte, was die verrückte Alte wohl hier wollte. Sie ließ sich aber nicht beirren, nahm den Stofffetzen aus ihrer Tasche und legte ihn auf Wardens Schreibtisch.

„Bitte, Sir, ein Beweisstück.“

Er runzelte die Stirn und blaffte: „Was soll das sein? Ein Fetzen Stoff? Wir sind hier keine Lumpensammler.“

Mabel atmete tief durch und zählte innerlich bis zehn, bevor sie ruhig, aber eindringlich sagte: „Es handelt sich um ein Stück aus dem Kleid, das die tote Frau trug. Ich fand es heute Morgen an der Terrassentür. Als der Täter die Leiche hinausschaffte, muss sich ihr Rock an der Tür verfangen haben. Dabei ist das Stück herausgerissen.“

Warden schloss für einen Moment die Augen. Grundsätzlich war er ein höflicher Mensch und hatte in seinem Berufsleben so manches Mal mit schrägen Typen zu tun, diese Frau jedoch ging ihm gewaltig auf die Nerven. Mühsam beherrscht sagte er: „Sie beharren also weiterhin darauf, auf Higher Barton eine Tote gesehen zu haben? Auch wenn alles dagegen spricht?“

„Bei allem Respekt, Sir, aber ich hatte Sie gebeten, die Bibliothek nach eventuellen Spuren zu untersuchen, was Sie allerdings ablehnten. Zu Unrecht, wie Sie sehen, denn dann hätten Sie den Stofffetzen selbst gefunden. Ich bin überzeugt, im Garten müssen Fußspuren vorhanden sein, denn durch den Regen der letzten Nacht ist das Erdreich aufgewühlt. Ich denke, der Täter hat die Leiche irgendwo im Garten versteckt oder inzwischen vergraben, darum …“

„Es ist genug, Miss Clarence“, unterbrach Warden ihren Redefluss mit erhobener Hand. „Lady Tremaine ist eine der angesehensten Persönlichkeiten der Gegend, ihren verstorbenen Gatten kannte ich gut, darum ist es infam anzunehmen, dass sie etwas mit einem Tötungsdelikt zu tun haben könnte.“

„Das habe ich auch nie behauptet“, brauste Mabel nun auf, denn ihre Geduld neigte sich dem Ende zu. „Nichts liegt mir ferner, als anzunehmen, meine Cousine könnte in den Fall verwickelt sein. Vielleicht wissen Sie, dass gestern Abend anlässlich von Lady Tremaines Geburtstag auf Higher Barton ein Fest mit rund drei Dutzend Gästen gefeiert wurde. Da müsste doch festzustellen sein, ob die Tote unter den Gästen gewesen war, und man sollte alle Anwesende einer Befragung unterziehen. Hilfreich wäre es auch, Fingerabdrücke von jedem Gast zu nehmen und diese mit den Abdrücken in der Bibliothek zu vergleichen.“

„Sagen Sie mir nicht, wie ich meine Arbeit zu machen habe.“ Warden stand auf und kam um den Schreibtisch herum. Seine Haltung signalisierte, dass er das Gespräch für beendet erachtete. „Meine liebe Miss Clarence, es ist eine Tatsache, dass heute Morgen keine tote Person auf Higher Barton zu finden war. Wahrscheinlich haben Sie zu viele Kriminalromane gelesen oder Miss-Marple-Filme gesehen. Nein, lassen Sie mich aussprechen“, sagte er laut, als Mabel ihn unterbrechen wollte, „und lassen Sie mich raten: Ihr Lieblingsfilm ist bestimmt Sechzehn Uhr fünfzig ab Paddington, in dem eine alte Frau … äh … ich meine, eine ältere Dame einen Mord beobachtet, von der Leiche fehlt jedoch jede Spur. Meine Liebe, Sie sind aber nicht Margaret Rutherford und ich nicht Charles Tingwell. So, und jetzt gehen Sie nach Higher Barton zurück, nehmen von mir aus ein Beruhigungsmittel, ruhen sich aus und lassen mich meine Arbeit tun, von der es mehr als genug gibt.“ Er klopfte zur Bestätigung seiner Worte auf einen Aktenstapel, der direkt neben dem Computerbildschirm lag. „Zum Glück sind keine Mordfälle dabei, und dabei wird es auch bleiben. In Lower Barton geschieht nie etwas Aufregendes, und ich werde dafür sorgen, dass es so bleibt.“

„Keinesfalls lasse ich es auf mir sitzen, dass Sie denken, ich hätte Halluzinationen“, gab Mabel zurück. „Bei allem Respekt, Chefinspektor, aber ich sehe mich nun dazu gezwungen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.“

Um Wardens Lippen spielte ein ironisches Lächeln. „Also hatte ich recht, dass Sie Miss Marple lieben. Gut, präsentieren Sie mir eine Leiche und ich versichere Ihnen, ich werde den gesamten Polizeiapparat Cornwalls einschalten. Solange das aber nicht der Fall ist, und ich wage zu bezweifeln, dass dies jemals der Fall sein sollte, halten Sie sich von mir fern und belästigen mich bitte nicht weiter.“

Grimmig presste Mabel die Lippen aufeinander. Jedes weitere Wort war bei diesem ignoranten Menschen Zeitverschwendung. Sie schnappte den Stofffetzen, stopfte ihn wieder in die Hosentasche und verließ das Büro. Im Vorraum schenkte sie dem Officer nur ein knappes Nicken und erst, als sie auf die Straße trat, entfuhr ihr laut und verärgert: „So ein unverschämter Kerl!“

Im selben Moment prallte sie gegen einen Körper, taumelte nach hinten und konnte sich gerade noch vor einem Sturz retten, indem sie sich mit der Hand an der Hauswand abstützte. Dabei schürfte sie sich schmerzhaft den Handballen auf.

„Sind Sie verrückt? Wer ist denn hier unverschämt? Sie sind in mich reingelaufen!“

„Sie?“ Mabel erkannte den Fremden der vergangenen Nacht sofort wieder. Im Tageslicht konnte sie ihn näher betrachten. Er war etwas älter als Mabel, mit weißen Haaren, die auf dem Oberkopf gänzlich fehlten, sich aber hinten bis auf den Kragen einer senfgelben abgeschabten Cordjacke mit Lederflicken an den Ellbogen kräuselten, und hellgrauen Augen, die sie ärgerlich anstarrten. Auch er erkannte sie jetzt.

„Sie schon wieder!“, stöhnte er. „Erst rette ich Sie aus einer unangenehmen Situation, dann beschimpfen Sie mich auf offener Straße.“

„Ich habe Sie doch gar nicht gemeint“, machte Mabel den Versuch, die Sache aufzuklären, aber der Mann hörte ihr gar nicht zu. Er bückte sich nach dem Pappkarton, der ihm bei dem Zusammenstoß aus den Händen gefallen war und öffnete den Deckel.

„Hoffentlich ist Joey nichts geschehen.“

„Joey?“ Mabel beugte sich vor, um in den Karton zu spähen und sah einen braunen Panzer. „Eine Schildkröte?“

Der Mann nahm das Tier auf die Hand und plötzlich wurde sein Gesichtsausdruck weich, richtiggehend liebevoll.

„Gutes Tier, es ist alles in Ordnung“, murmelte er. Und zu Mabel gewandt: „Ich hab’ sie gerade gesund gepflegt, es wäre fatal gewesen, wenn sie sich ihr gebrochenes Bein wieder verletzt hätte.“

„Es tut mir aufrichtig leid.“

„Papperlapapp! Passen Sie das nächste Mal besser auf, wohin Sie treten.“ Er sah sie streng an. „Da Sie hier fremd sind, gebe ich Ihnen einen guten Rat: In der High Street gibt es einen Optiker, vielleicht sollten Sie den mal aufsuchen. Sie brauchen offenbar eine Brille.“

Vor Empörung schnappte Mabel nach Luft, aber bevor sie etwas sagen konnte, hatte der Mann die Schildkröte wieder eingepackt und ging mit schnellen Schritten davon.

„Ich reise noch heute ab“, sagte Mabel zu sich selbst, während sie sich auf den Rückweg nach Higher Barton machte. Zuerst musste sie aber sehen, wie sie zu ihrem Wagen kam und dieser zu einer Tankstelle. Dann würde sie noch heute zurück nach London fahren! Was ging es sie an, dass im Haus ihrer Cousine eine Frau ermordet worden und deren Leiche spurlos verschwunden war?

„Da sind Sie ja endlich!“, rief Emma Penrose, als Mabel die Halle betrat. „Mylady erwartet Sie ungeduldig im kleinen Speisezimmer, und das Essen ist beinahe kalt.“

Mit Schreck sah Mabel auf die Uhr, die bereits halb zwei anzeigte, und erinnerte sich, dass Abigail sie um ein Uhr zum Lunch gebeten hatte.

„Richten Sie Lady Abigail bitte aus, ich käme sofort. Ich möchte mich nur noch kurz frisch machen.“

Mabel eilte in ihr Zimmer, wusch sich die Hände und richtete ihr Haar. Zu gerne hätte sie ihre Kleidung gewechselt, dazu musste sie aber erst zu ihrem Wagen kommen, wo sich noch immer ihr Koffer befand. Hoffentlich. Weit waren sie und der unfreundliche Mann nicht gefahren, so beschloss Mabel, gleich nach dem Lunch ihr Auto zu suchen. Abigail besaß sicher einen Wagen, vielleicht würde sie ihr mit einem Kanister Benzin aushelfen.

Zehn Minuten später betrat Mabel das kleine Speisezimmer im Erdgeschoss, in dem bereits früher die Familie gegessen hatte, wenn sie unter sich waren. Abigail saß am Tisch und nippte an einem Glas Weißwein. Vorwurfsvoll sah sie Mabel an, bevor sie jedoch etwas sagen konnte, nahm Mabel die Hände ihrer Cousine und drückte sie fest.

„Bisher kam ich noch nicht dazu, dir meinen allerherzlichsten Glückwunsch zum Geburtstag auszusprechen, liebe Abigail, und mich für die Einladung zu bedanken.“

Über Abigails Gesicht huschte die Andeutung eines Lächelns.

„Nun bist du ja da, auch wenn dein Ankommen etwas … nun, sagen wir dramatisch war. Wo warst du eigentlich die ganze Nacht, und warum hast du nicht angerufen, dass du dich verspätest?“