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Die erste Liebe ist immer ein Abenteuer. Erst recht in Zeiten der Revolution. Im Frühjahr 1789 trifft Philippe de Beretton in Bonn ein. Charmant, leichtsinnig, etwas oberflächlich gibt er sich, um zu verbergen, dass er im Auftrag der französischen Königin Marie Antoinette unterwegs ist. Mit allem rechnet er. Nicht damit, sich zu verlieben. Auch Luise hat anderes im Sinn als die Liebe. Die Tochter eines reichen Kaufmanns steht als Schauspielerin auf der Hofbühne, feiert Erfolge und ist nicht bereit, sich mit einem französischen Chevalier einzulassen. Auch wenn sie Tag für Tag an seine dunklen Augen denkt. Während in Bonn Bürgerschaft und Adel gemeinsam feiern, tanzen und lachen, fällt in Paris die Bastille. Philippe bleibt nichts anderes übrig, als in die Heimat aufzubrechen. Aus heiterem Rokokospiel wird blutiger Ernst ...
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhaltsverzeichnis
Liebe hinter den Kulissen
Vorwort
Es treten auf:
Erster Teil
Zur Bühne!
Königin ihres Reichs
Ein Chevalier in Bonn
Die Liebe
Zwei Wochen ungetrübtes Glück
Zweiter Teil
Weit entfernt
In der Schwebe
Wahrhaftig eine Revolution!
Auf der Bühne der Welt
Dritter Teil
Ein Augenblick des Friedens
Impressum
Aufruhr
hinter den
Kulissen
Eine Liebe im 18. Jahrhundert
Andrea Instone
Vorwort
Liebe Leserin, lieber Leser und alle anderen.
Normalerweise schreibe ich keine Vorworte; man liest sie nicht gerne und für die Geschichte scheinen sie nicht sonderlich wichtig zu sein. ABER ...
Nun, in diesem Roman und auch den Folgebänden sind die meisten Nebenrollen von echten Persönlichkeiten – oft sogar sehr prominenten – besetzt. Ob es Luises guter Kamerad Ludwig van Beethoven ist, die Königin von Frankreich oder all diejenigen, die weniger bekannt sind: Sie alle haben Leben geführt, die einen eigenen Roman wert wären. Dennoch sind sie Nebenfiguren und so schwer es mir mitunter fiel, sie haben daher nur wenig Platz erhalten, um zu leuchten und zu glänzen. Was mich nicht gehindert hat, so viel wie möglich über sie herauszufinden. Was wiederum oft nur wenig war.
So weiß ich beispielsweise von Amalie von Mastiaux, wen sie geheiratet hat, doch nicht wann das geschehen ist; dafür kommen zwei oder drei Jahre infrage. Ich weiß auch, dass es keine glückliche Ehe war und es gibt in einer Familienerinnerung ein, zwei Sätze, hinter denen sich ein möglicher Grund verbergen könnte. Ich habe mir daher bei ihr (wie auch bei anderen, bei denen ebenfalls nur weniges bekannt ist) die Freiheit genommen, anhand dieser kurzen Begebenheiten oder Aussprüche eine dazu passende Figur zu gestalten, die eben doch weitgehend fiktiv ist. Wenn man von der Tochter des französischen Gesandten, der kleinen Juliette, weiß, zu welcher Frau sie heranwuchs, dann lag es nah, diese Anlagen auch im Mädchen schon sichtbar zu machen. Und wenn schon die Zeitgenossen über die Ähnlichkeit des Bonner Kurfürsten mit seinem Schwager, dem französischen König, redeten, dann lasse ich auch meinen Helden seine Ideen dazu formulieren.
Andere echte Personen habe ich nicht mit aufgenommen in die Geschichte – die Brüder der drei Freundinnen beispielsweise tauchen nur am Rande auf, einige Professoren, Schauspieler, Musiker und Sängerinnen ebenso. Es wären viel zu viele Charaktere, um noch den Überblick behalten zu können.
Wo es aber darum geht, Stimmungen, Meinungen und Ideen wiederzugeben, die diese Zeit bewegt haben, dann beruhen meine Schilderungen und Dialoge auf dem, was in Briefen und Memoiren festgehalten wurde.
Worum ich dich oder Sie bitten möchte, ist das Nachlesen mancher Biografie der hier erwähnten Personen. Das 18. Jahrhundert war eine ausgesprochen spannende und prägende Zeit, die bis heute nachwirkt – im Guten wie im Schlechten. Man könnte darüber streiten, ob sich die Revolution in Frankreich positiv für Frauen ausgewirkt hat. Deren Meinung nämlich, zumindest diejenige der Gebildeten, Wortgewandten, der Schönen, Vornehmen oder Reichen, galt vor 1789 etwas. Mit dem Aufkommen der bürgerlichen Ideale aber wurde die Frau für das nächste Jahrhundert ins Haus verbannt – Freiheit und Gleichheit gab es nur unter jenen, die Brüderlichkeit erleben konnten. Von Schwestern war nicht die Rede ...
Ach, und weil ich gerade zwischen Du und Sie schwankte: Luise siezt ihre Mutter, wie es oftmals üblich war und was sich gerade in Frankreich noch sehr lange gehalten hatte (beim Schüleraustausch mit Toulouse zu Beginn der Achtziger waren es doch noch einige Gastfamilien, in denen das üblich war). Papa, ganz der Aufklärung verpflichtet und dazu Rheinländer der allertypischsten Sorte wird dagegen geduzt.
Es treten auf:
Fiktive Gestalten
Familie Dietz am Vierecksplatz
Luise Dietz
Jeanne & Johan Dietz, ihre Eltern
Wolfgang, Christoph & Carl, ihre Brüder
Else, die Haushälterin
Georg, ihr Mann, Gärtner und hilfreiche Hand
Margarete, die Köchin
Am Bönnischen Nationaltheater
Sebastian Katzmacher, Schauspieler und Sänger
Unter den Emigranten
Die alte Herzogin
Madame du Jobert & ihre Tochter Madeleine
In Paris
August d’Aminant
Personen der Historie
Der Freundeskreis Luises
Barbara ›Babette‹ Koch, Tochter der Gastwirtin des Zehrgarten
Eleonore ›Lorchen‹ von Breuning
Amalie von Mastiaux
Ludwig ›Louis‹ van Beethoven
Franz Wegeler, frisch gebackener Doktor der Medizin
Der kurkölnische Hof
Maximilian Franz, jüngster Sohn Maria Theresias, Kurfürst und Erzbischof
Freiherr Franz Wilhelm von Spiegel zum Desenberg, Minister
Das Bönnische Nationaltheater / die Hofkapelle
Anton Steiger, Schauspieler und Regisseur
Josef Reicha, Konzertmeister und Komponist
Christian Gottlob Neefe, Hoforganist
Die Demoisellen Keilholz
Madam Brand
und viele andere
Die Familie des französischen Gesandten in Bonn
Edouard Victurnien Charles René Colbert, Marquis de Maulévrier
Anne Marie, seine Gattin
Elisabeth & Juliette, seine Töchter
Sonstige Bewohner der Residenzstadt Bonn
Ludwig Grub, Hofrat
Eulogius Schneider, Professer an der Hohen Schule
Gräfin Metternich
Familie Mastiaux – Vater und Brüder Amalies
Marianne Koch, Babettes jüngere Schwester
Witwe Koch
Der Hof von Versailles
Marie Antoinette, Königin von Frankreich
Louis XVI, König von Frankreich
Dauphin Louis Charles, beider Sohn
Seine Schwester Marie-Thérèse Charlotte, genannt Madame Royale
Madame Elisabeth, Schwester des Königs
Charles-Philippe de France, Comte d’Artois, Bruder des Königs
Marie-Thérèse-Louise de Savoie-Carignan, Princesse de Lamballe, beste Freundin Marie Antoinettes
Hans Axel Graf von Fersen, mutmaßlicher Geliebter der Königin
Jacques Necker, Finanzminister
Suzanne, seine Gattin
Anne-Louise-Germaine Baronin von Staël-Holstein, seine Tochter und Ehefrau des schwedischen Botschafters
Erik Magnus von Staël-Holstein, schwedischer BotschafterFrançois-Emmanuel Guignard, Comte de Saint-Priest, Minister
In Paris
Marie-Joseph Motier, Marquis de La Fayette,General der Nationalgarde
Camille Desmoulins, Journalist
Jean-Joseph Mounier, Präsident der Nationalversammlung
Louis Philippe Joseph, Duc d’Orléans, Cousin des König und offener Konkurrent
Choderlos de Laclos, Autor und Sekretär des Herzogs von Orléans
Erster Teil
Eine unbeschwerte Zeit
Januar - Juni 1789
Zur Bühne!
Bonn im Januar
Madam Dietz schürzte die Lippen. Das tat sie stets, wenn sie unzufrieden war. Das hatte sich vor vielen Jahren auf der Bühne bewährt und es bewährte sich noch immer. Ihr Gemahl blickte auf. Lächelte. Was Madam Dietz noch unzufriedener machte, denn sein Lächeln galt nicht ihr, sondern der Tochter, der er verschwörerisch zuzwinkerte.
Nicht, dass sie Luise die Liebe des Vaters nicht gegönnt hätte; von solch kindischer Eifersucht war sie weit entfernt. Es störte sie, dass Johan nicht auf ihrer Seite stand. Sie stellte die Teetasse ab. Weniger behutsam, als es das hauchzarte Porzellan verdient hätte. Es klirrte. Gemahl wie Tochter sahen zu ihr hin. Fragend. Neugierig. Und amüsiert. Was Madam Dietz verärgerte. Sie seufzte auf, betrachtete ihre Lieben voller Ungeduld. Gleich würden sie es sagen, nur noch einen Augenblick, dann …
»Oh Maman, souriez, je vous en prie«, rief Luise und eilte hinüber, schlang die Arme um die Schultern ihrer Mutter und legte Wange an Wange.
Auch Johan Dietz bat die Gattin, ein freundliches Gesicht aufzusetzen; er könne wahrhaftig nicht begreifen, weshalb sie mit dem Vorhaben Luises so fremdele. Sie habe doch während der langen Zeit der Proben und der Vorbereitung kaum je ein Wort gesagt. Habe sie denn angenommen, es werde trotz der harten Arbeit nicht zu Luises Engagement kommen?
»Ich gebe zu, dass ich das annahm. Und ich gebe fürderhin zu, es bereitete mir zu viel Freude, wieder einmal etwas von der Aufregung zu verspüren, die einen unwillkürlich ergreift, schafft sich eine Kollegin eine neue Rolle auf.«
In der Tat hatte Madam Dietz während der letzten zwei Monate ihre Tochter eifrig dabei unterstützt, die Texte und Melodien einzuüben, für deren Vortrag diese vorgesehen war.
Was die Gemahlin denn dann störe, wollte Johan wissen. Ob sie das Kind für zu wenig talentiert halte? Oder sorge sie sich etwa, sie könne ihr den Rang ablaufen?
»Den Rang ablaufen? Mon dieu, nun werde ich böse mit dir. War ich jemals neidisch? Musste ich immer die Erste und die Beste sein? Wohl kaum.«
»Verzeih. Du weißt, ich meinte es so nicht. Aber du solltest stolz auf sie sein.«
»Stolz bin ich wohl, das gewiss. Sie hat Talent und eine angenehme Singstimme und gewiss wird beides unter der fachkundigen Anleitung der Herren Reicha, Neefe und Steiger zur Vollkommenheit gebracht werden. Doch meine Sorge überwiegt.«
»Weshalb?«
»Des Rufes wegen, den eine Schauspielerin genießt, wie wenig sie ihn auch verdienen mag. Diesem Ruf folgen Männer immerzu und gar zu viele sind doch wenig geneigt, sich so zu benehmen, wie es Anstand und Sitte verlangen.«
Johan nickte. »Das ist ein Argument, sicherlich. Aber du hast immer gewusst, dich zudringlicher Männer zu erwehren. Luise ist deine Tochter und kommt ja gänzlich nach dir. Sie wird sie schon in die Flucht schlagen.«
Doch Madam Dietz war so leicht nicht zu beruhigen. Zwar entgegnete sie nichts, doch warf sie dem Gatten einen mahnenden Blick zu.
»Oh, und jetzt siehst du mich wieder an mit dieser kühlen Strenge. Du weißt genau, wie gut mir das gefällt.«
»Sacre bleu, ich bin streng gegen dich, weil mir dein Verhalten nicht gefällt und nicht etwa, um dich zu amüsieren.«
»Ma chère Jeanne, ich bitte dich. Du tust gerade so, als wäre unsere Luise leichtfertig oder schließe sich einer obskuren Truppe an, die durch die Lande zieht und auf Jahrmärkten auftritt.« Johan streckte die Hand über den Tisch und strich der nun weniger verärgert dreinschauenden Gemahlin über den Unterarm. »Da hatte ich mehr Sorge um dich, mein Schatz. Unser guter Max Franz ist doch ein guter Fürst und nicht ein solcher Hallodri wie Clemens August. Um des Himmels Willen, was hat der dir schöne Augen gemacht. Und dann dieser Chevalier de Seingalt - was war ich eifersüchtig!«
Madam Dietz lächelte nun endlich. Neckisch kraulte sie den Gatten unterm Kinn. »Aber nein. Eifersüchtig? Was hätte Casanova schon in mir gesehen? Eine Mutter von zwei Kindern, das Dritte unterwegs … Nein, nein, der Chevalier hatte seine Augen überall, nicht bei mir.«
Das wusste Johan besser; der Kurfürst hatte nicht ohne Grund bei Jeanne darum bitten lassen, an diesem Karnevalstag noch einmal auf die Bühne zurückzukehren. Eindruck hatte der machen wollen mit seinem feinen Theaterensemble. Und Casanova hatte mehr als einmal auf die hübsche Jeanne geblickt, der die Schwangerschaft besondere Rosigkeit und Frische geschenkt hatte. Nach allem, was man von dem Mann gehört hatte, hatte der sich bei seinen Eroberungen von kaum etwas abschrecken lassen.
»Was denkst du, Johan?«
Er grinste, verriet aber nicht, wie er damals dem Chevalier auf die Pelle gerückt war und ihm in klaren, bönnschen Worten versprochen hatte, was geschehen würde, starre er Madam Dietz weiterhin an. Da hatte der sich dann doch lieber für die kölnische Ratsherrengattin interessiert.
Johan Anton Dietz war ein gemütlich wirkender Mann mit schlauen Augen, der in seinem sechsundfünfzigsten Lebensjahr endlich den Freuden des Gaumens Gerechtigkeit widerfahren ließ und sich darauf vorbereitete, bald zum ersten Mal Großvater zu werden. In wenigen Wochen würde es so weit sein und die liebste seiner drei Schwiegertöchter würde ihm ein Enkelkind schenken. Ob Bub oder Mädchen war ihm herzlich gleich; bis die Illuminaten vor vier Jahren verboten worden waren, war er einer der ihren gewesen, was bedeutete, er machte keinen Unterschied zwischen den Ständen, Konfessionen oder Geschlechtern. Oder vielmehr machte er nur geringe Unterschiede; er war nicht so vermessen, sich gänzlich freizusprechen von Vorurteilen und Vorlieben.
Wenn es ihm also um die Fortführung seiner Geschäfte ginge, so hätte er diese auch seiner Tochter überlassen, wenn die nur ernsthaftes Interesse daran gehabt hätte. Was nicht der Fall gewesen war. Dafür kümmerten sich Wolfgang, Christoph und Carl mit Umsicht und Geschick um Druckerei, Buch- und Musikalienhandel, dass Johan sich immer weiter ins Private zurückziehen konnte, ohne Sorge ums Geld haben zu müssen. Fleißige junge Männer waren das, aufrecht, klug, verlässlich.
Und entsetzlich langweilig. Obwohl doch die Arbeit mit Musik und Literatur beflügeln sollte, waren sie alle drei wenig talentiert in den feinen Künsten. Oh, sie waren durchaus charmant, solange ein Gespräch nicht in die Tiefe ging. Wenn die Kundschaft auch gelegentlich einmal angemerkt hatte, es verstünden die Söhne von Dietz père et fils nicht allzu viel von Komposition oder Satzbau, so war dieselbe Kundschaft doch zufrieden, denn die Söhne zeigten sich entgegenkommend, war es mit dem Geld einmal knapp. Die gaben gerne Kredit und Rabatt und schlugen dafür einem anderen einen Stüber auf, wenn der das nötige Geld in der Tasche hatte.
Sie hatten - welch ein Glück - das gute Aussehen ihrer Frau Mutter geerbt und nicht die Knollennase des Vaters und seiner Vorfahren. Gerader Wuchs und ein klarer Teint machten vieles aus dieser Tage und so galten die Dietz-Söhne als prächtige Burschen, denen die jungen Demoisellen der Stadt gerne nachsahen. Ja, die drei waren schon gut gelungen, da gab es nichts zu meckern. Aber sie dachten gar zu sehr in Zahlen, sahen überall die Chance zu Geschäften und empfanden das Zwischenmenschliche allzu oft nur als Zweck für weitere und bessere Geschäfte. Daher hatten sie sich die Töchter anderer vermögender Kaufleute und Handwerker zur Frau gewählt, um die Möglichkeiten, Geld zu verdienen, noch zu vergrößern. So hatte Wolfgang seine Hand nun auch im Stoffhandel des Schwiegervaters, Christoph kümmerte sich um den Vertrieb von Möbeln und Carl war sich nicht zu schade, Gemüse zu verkaufen. Nicht persönlich natürlich, er war - ganz wie seine Brüder - ein Kavalier, der allzu niedrige und körperliche Arbeit an seine Angestellten weitergab. Dass die drei jungen Dietz' überhaupt noch in den vom Vater gegründeten Geschäften standen, war nur ihrem Sinn für Tradition und Herkunft zuzuschreiben. Darauf legten sie Wert, da waren sie ganz bönnisch und auch ein wenig engstirnig. Sie gehörten zu jenen, die die Stadtgrenzen auch als Wirtschaftsgrenzen ansahen und nicht dulden wollten, Waren aus Köln oder dem Bergischen in Bonn verkaufen zu lassen.
Da war der Vater längst weiter, der dachte in anderen Dimensionen. So war er (gemeinsam mit vielen seiner ehemaligen Illuminatenbrüder) Mitbegründer der Lese-Gesellschaft (allgemein nur die Lese genannt), in die ein jeder unabhängig seines Standes Eintritt hatte. Sofern er das nötige Geld für den Mitgliedsbeitrag hatte, was der guten Sache dann doch ein wenig entgegenstand. Weshalb Johan einem jeden, der ihn darum bat, die Summe zur Verfügung stellte, so er denn glaubte, im Bittsteller ein nützliches Mitglied des Vereins zu finden. Natürlich hatte er auch Wolfgang, Christoph und Carl eingeladen, der Gesellschaft beizutreten, aber die hatten abgelehnt. Keine Zeit hätten sie und sowieso läsen sie lieber daheim, als ins Rathaus zu marschieren, um in Gemeinschaft Zeitungen und Bücher nach Wissenswertem durchzusehen. Der dahinterstehende Gedanke von geistigem Austausch und gelebten Idealen blieb ihnen verschlossen.
Ja. So war es mit den Söhnen, die Johan herzlich liebte. Doch mehr noch liebte er seine einzige Tochter, die ganz das Ebenbild der Mutter war, dabei aber zugleich lebhafter wie auch besonnener, als es Jeanne jemals war. Eine seltsame Mischung war das Kind, war es immer gewesen. Bereits als kleines Mädchen hatte sie die Neigung gezeigt, später den früheren Beruf der Mutter ergreifen zu wollen: Sie hatte kaum gehen können, da tanzte sie schon. Sie sprach noch nicht, da sang sie Melodien nach, die von wo auch immer erklangen. Und sie hatte mit drei Jahren ein Repertoire an Gesichtsausdrücken, wie sie manch erwachsene Frau niemals haben würde. Ob sie den Eltern etwas abschmeicheln wollte oder ihr Gemüse nicht essen mochte, ob sie gestehen musste, eine Vase zerbrochen zu haben, oder bemerkte, es ging einem Bruder oder den Eltern nicht gut - immer machte sie die passende Miene, zeigte sich mitfühlend, frech oder sogar berechnend, ganz, wie es der Situation angepasst war.
Dazu hatte die Tochter Humor und konnte sich über Kleinigkeiten ebenso sehr freuen wie über ein prächtiges Geschenk oder ein besonderes Ereignis. Sie war nie nur einstudiert höflich, sondern empfand auch die Notwendigkeit, anderen so entgegenzutreten, wie sie selbst behandelt werden wollte. Und wann immer sie in einem der Geschäfte war, so war die Kundschaft doppelt spendabel, denn stand Luise bei den Notenblättern und strich über das feine Pergament, dann leuchteten ihre Augen so sehr, sie schwärmte so überzeugend von der Qualität, dass der Käufer schon meinte, seine Komposition wäre zur Hälfte getan, wenn er nur den halben Stüber mehr bezahlen wollte. Blätterte das Kind in einem neuen Werk von Lessing oder einer fein gebundenen Ausgabe des Voltaire'schen Candide, so konnte Vater Dietz sicher sein, es würde das jeweilige Buch gekauft werden. Spielte die kleine Luise in der Druckerei, dann schlug Meister Hans - Johans Setzer von Anbeginn an und einer seiner engsten Freunde - gerne einmal einen Groschen auf das zu erstellende Angebot auf und erhielt doch den Zuschlag.
Luises Gegenwart war also fast immer ein Garant für gute Stimmung. Dessen war sie sich als Kind nicht bewusst und als sie heranwuchs, war sie so sehr daran gewöhnt, von Freundlichkeit und Wohlwollen umgeben zu sein, dass sie erst spät auf die Idee kam, es ergehe nicht jedem Menschen so wie ihr. Sie las viel und da ihre Eltern nichts davon hielten, ihr irgendein Werk vorzuenthalten, lernte sie aus Romanen mehr über das wahre Leben als aus ihrem eigenen Alltag. Durch die Mutter, die aus Avignon stammte, des Französischen mächtig, erhielt sie ungehinderten Zugang auch zu Romanen, die noch niemand übersetzt hatte - und die andere Eltern für zu gewagt für ein junges Mädchen hielten. So las Luise die Liaisons dangereuses von Choderlos de Laclos, Les amours du chevalier de Faublas von Jean-Baptiste Louvet oder La vie de Marianne von Marivaux. Weil die Brüder von ihrem Hauslehrer in Englisch unterrichtet wurden und Luise währenddessen in scheinbarem Desinteresse in der Ecke mit ihren Puppen gespielt hatte, war sie auch in der Lage, die Romane von Henry Fielding zu lesen. Dazu gesellten sich all die Werke der Damen und Herren, die in deutscher Sprache schrieben und allesamt in Vaters Druckerei gesetzt wurden für den Bönnschen Buchmarkt. Es verstand sich daher von selbst, dass Luise zu gerne in die Lese-Gesellschaft eingetreten wäre, doch da hatte der Großteil der Gründer noch Vorbehalte. Frauen in einer solch geistig anspruchsvollen Gemeinschaft? Das entsprach der Vorstellung von holder Weiblichkeit so gar nicht.
Es zeigte sich bald eine Vorliebe für Theaterstücke in der Dietzschen Tochter, was eigentlich niemanden hätte wundern dürfen, hatte doch ihre Mutter einst als Jeanne Martine Coubant auf manchen Bühnen Erfolge gefeiert, bis sie der Zufall nach Bonn brachte, wo sie vor dreiunddreißig Jahren nun schon vor dem Kurfürsten Clemens August auftreten durfte. Trotzdem sie zuvor in Paris gelebt hatte (eher mühsam und wenig prunkvoll zwar, aber doch immerhin in der Hauptstadt des einflussreichsten Landes), war sie beeindruckt von der Hofführung in der kleinen Stadt am Rhein. Hier waren die Wege kurz, der Einwohner gab es wenige und die, die es gab, neigten zu einer gewissen Bescheidenheit in jeder Hinsicht. Das Schloss allerdings und die Gartenanlagen waren allerliebst und der Kurfürst, obwohl in Jahren fortgeschritten, war ein solch lebhafter Mann mit einer Liebe fürs Theater und das französische Flair, dass Mademoiselle Coubant zu gerne blieb. Zwar gab es noch keine rechte Bühne und allzu viele Aufführungen ebenfalls nicht, aber das hinderte schließlich niemanden, das Leben bei Hofe zu genießen.
Jeanne wäre nur zu bereit gewesen, sich mit einem gut situierten und eleganten Höfling einzulassen, auch ohne dessen Gattin zu werden; aus ihrem Heimatland war sie es ja gewohnt, wie wenig eine Schauspielerin galt und was man ihr an Unmoral und Leichtlebigkeit unterstellte. Das war in den deutschen Landen dann doch etwas anders; es gab sogar Schauspielerinnen, die als Theaterdirektorin tätig waren und sich für die Werke junger Autoren einsetzten. Bald gewann Jeanne so viel an beruflichem Selbstbewusstsein, dass sie laut fragte, wie man denn, wenn doch die Schreiber der beliebten Stücke so viel galten, auf diejenigen herabblicken könne, die deren Worten Leben einhauchten und eine Welt auf der Bühne entstehen ließen? In Jeanne erwachte ein Gefühl für den eigenen Wert. In Bonn galt sie als Schönheit, als Botschafterin des französischen Geschmacks, man umschwärmte sie und die Wahl unter den sie verehrenden Herren fiel ihr schwer.
Bis sie Johan begegnete. Er rannte mitten in sie hinein, weil er die Augen nicht auf die Straße, sondern in den Himmel gerichtet hatte. Die Zugvögel kehrten zurück und er konnte sich nicht sattsehen an dem Spektakel hoch oben an den Wolken. Gleich darauf konnte er sich ebenso wenig von Jeannes Antlitz losreißen.
Was für Jeanne erstaunlich war, blickten die meisten ihrer Verehrer doch nicht in ihre Augen, sondern etwas tiefer. Johans aufrichtige Bewunderung war eine angenehme Abwechslung und gerne ließ sie sich von ihm nach Hause begleiten. Das waren zwar nur wenige Schritte, aber die reichten aus, um zu erfahren, was er im Leben alles vorhatte. Es würde Zeit für einen anständigen Buchhandel in der Stadt, so meinte er, und dazu gehöre unbedingt eine eigene Druckerei, um rasch all das auflegen zu können, was das Publikum lesen wolle. Und müsse. So viele neue Ideen wären in die Welt gekommen, so vieles, was der Menschheit voran helfen würde, das müsse gelesen werden, um eine goldene Zukunft zu gestalten. Seine Pläne schilderte er mit solch einem ansteckenden Eifer, dass Jeanne noch am nächsten Tag an den jungen Mann mit der lustigen Nase denken musste und darüber ganz vergaß, über die albernen Witzchen ihres aktuellen Verehrers zu lachen. Der sich daher bald zurückzog, beleidigt und gekränkt.
Wie der Zufall es wollte, begegnete sie Johan Dietz am Abend erneut. Sie zumindest hielt es für Zufall und glaubte das sogar noch vier Jahre später, bis Johan anlässlich der Geburt des zweiten Sohnes gestand, er habe den gesamten Tag nur damit verbracht, nach ihr Ausschau zu halten, um ihr noch einmal unversehens in die Arme laufen zu können. Dass sie Schauspielerin war, was seinen Eltern kaum gefallen konnte, störte Johan nicht. Er fand es aufregend und wollte alles erfahren, was damit zusammenhing. Völlig offen konnte sie mit ihm sprechen, ihm sogar von Affären berichten und den trüben Stunden, die sie durchlebt hatte, wenn mal wieder kein Engagement in Sicht und der letzte Sou ausgegeben war. Ihm vertraute sie an, wie grau und grausam Paris sich zeigte, war man arm. Johan verstand das alles, er urteilte nicht über sie. Zwei Wochen später bereits bat er um ihre Hand und ab da waren alle Träume von einem Aufstieg zur Gräfin oder doch Mätresse eines Herzogs vergessen.
Aus Mademoiselle Coubant wurde Madam Dietz. Sie strengte sich an, die Sprache ihres Gemahls zu lernen, stand mit großer Begeisterung im Buchladen und begegnete den Schwiegereltern so freundlich, dass diese nach nur fünfzehn Jahren doch bereit waren, sie ihre Tochter zu nennen. Hintereinander weg kamen Wolfgang, Christoph und Carl zur Welt und dann fand der Kindersegen ein Ende, was Jeanne erleichterte; die Schwangerschaften kamen sie hart an und nur schwerlich erholte sie sich von den Geburten. Als sich dann sieben Jahre nach Carl Luise ankündigte, freute sie sich aber doch. Von Anfang an sagte sie, sie wäre gewiss, dieses Mal eine Tochter zu erhalten, und wurde darin nicht enttäuscht. Die Schwangerschaft verlief sehr gut, die Geburt war erstaunlich leicht und es brauchte nicht einmal einen Tag, da fühlte Jeanne sich schon so wohl wie zuvor. Luise war ein braves Kind, das wenig schrie, brav trank und von jeglicher schwerer Krankheit verschont blieb. Ein Sonntagskind war sie und die Mutter sagte ihr ein wunderbares Leben voraus.
Und nun wollte dieses Kind, das geliebte Töchterlein, auf das sie so stolz war, zur Bühne. Mit einer Leidenschaft drängte es Luise in diesen Beruf, die Jeanne wahrhaftig Angst machte. Sie war begabt, das war sie unbedingt, und das machte die Mutter stolz. Mon dieu, sie hatte eine klingend helle Stimme, die leicht die höchsten Töne jeder Oper erreichte, und ihr Französisch war so makellos wie ihr Deutsch, was doch wichtig war am Theater. Dazu war sie hübsch und biegsam, aber nicht so schön, dass sie nichts weiter als junge Liebhaberinnen hätte spielen können. Luise hatte keine Furcht davor, eine hässliche Maske überzuziehen oder Grimassen zu schneiden; es kam ihr nie darauf an, nur zu gefallen; vielleicht auch, weil sie gefiel, wo immer sie war, da blieb nicht viel zu wünschen übrig. Nein, die Tochter wollte alles spielen, sogar Männerrollen hätte sie gerne übernommen, wenn sie nur zeigen durfte, was sie konnte.
Aber musste sie das unbedingt zum Beruf machen? Sie waren doch als Familie angesehen, sie verfügten über ein ordentliches Vermögen und ein großes Haus am Vierecksplatz, ganz nah zum Belderbuscher Hof und den Häusern ausländischer Gesandter, man hatte Beziehungen und galt etwas im Rat der Stadt - da hätte die Tochter ganz andere Chancen, ein bequemes Leben zu führen. Bald jeden Tag lungerte ja ein Jüngling auf der Straße und versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Darunter waren nicht wenige Herren von Adel. So einen sollte sie erhören und dann nach Lust und Belieben im eigenen Heim Schauspiele aufführen oder sich im Bürgerverein engagieren; die machten ihre Sache auf der städtischen Bühne nicht schlecht. Einen Salon könnte sie führen, wie es Helene von Breuning tat. Aber nein, das kam für das störrische Kind nicht infrage. Zur Bühne musste sie!
Und ihre Freundinnen redeten ihr noch zu, für die war das ein großer Spaß. Als ob Eleonore von Breuning oder Amalie von Mastiaux oder auch nur die Kochsche Barbara eine solche Karriere ernsthaft für sich selbst in Betracht gezogen hätten! Mon Dieu, Frau von Breuning wäre bei all ihrer Leutseligkeit steif hintenübergefallen, hätte ihr Lorchen einen solchen Wunsch geäußert. Als neulich der Louis gemeint hatte, Lorchen hätte Talent am Klavier, da hatte die Mutter gleich eingeworfen, solange es für den Salon reiche, wäre es gut, mehr müsse nicht sein. Da hatte aber Amalie, die ja ebenfalls vom Louis unterrichtet wurde, ihr Veto eingelegt und auf die Musikabende mit ihrem Herrn Papa und den Brüdern verwiesen, die doch den Aufführungen bekannter Kammerorchestranten nicht sonderlich nachstünden. Was unbescheiden klang, war jedoch die Wahrheit - die Abende im Mastiauxschen Haus waren immer ein Genuss und dankbar durfte man sein, so weit mit diesen feinen Menschen bekannt zu sein, um anwesend sein zu dürfen.
Dass Luise nun also ans neu zu eröffnende Bonner Nationaltheater ging, war Jeannes Ansicht nach nicht allein Talent und Ehrgeiz der Tochter zuzuschreiben, sondern ebenso deren Freundeskreis, der sich immerzu am heimischen Kamin oder aber im Zehrgarten traf. Insbesondere Louis machte Jeanne verantwortlich. Der hatte den Anstoß gegeben, als Luise vor einem guten Jahr bei Breunings anwesend war, während er Lorchen Stunde gab. Ein Singspiel hatten sie eingeübt und Luise hatte den Sopran gesungen. So gut gesungen, dass der junge Beethoven den Unterricht unterbrach und Mozart spielte. Und meinte, wenn es wahr würde, dass der Kurfürst das Theater wiederbelebe, dann wäre Luise dort bestimmt gern gesehen. Der hatte ihr den Floh ins Ohr gesetzt.
Oder nein. Jeanne machte sich nichts vor. Der Floh kam von ihr, den hatte sie ihr mitgegeben. Louis aber hatte das Kind daran erinnert und von da an hatte Luise geübt, geübt, geübt, um dann, als beschlossen und verkündet war, es solle das Nationaltheater einen neuen Anfang machen, sich heimlich und ohne den Eltern davon zu sprechen, aufmachte, sich den Herren Reicha und Steiger als Schauspielerin anzubieten. Musikdirektor Reicha ließ sie vorsingen, Theaterregisseur Steiger vorsprechen. Beide kamen zum selben Ergebnis und so stellten sie Luise bei nächster Gelegenheit dem Kurfürsten Max Franz persönlich vor. Der nämlich hatte die Aufgabe des Intendanten übernommen und schoss ordentlich Geld aus seiner Privatschatulle zu. Für das Sprechtheater interessierte er sich weniger, auch die Oper war für ihn kaum mehr als nette Unterhaltung; ihm ging es mehr um das Instrumentale. Dennoch hörte er Luise an, fand sie talentiert und weil er von ihrem sittlichen Betragen wusste, sie ja auch kannte und schätzte, gab er seinen Segen zu ihrer Aufnahme in die Truppe.
Und heute würde es so weit sein: Das Theater öffnete mit einem großen Festakt und übermorgen schon würde das Kind auf der Bühne stehen. Die Rolle des Blondchens in ›Die Entführung aus dem Serail‹ von Mozart würde es singen. Sie würde großartig sein, daran zweifelte Jeanne nicht. Und dennoch blieb da dieses Unwohlsein ob der Wahl der Tochter. Schauspielerin und Sängerin - das waren noch immer Berufe, auf die man hinabsah, saß man nicht eben im Theater und lauschte voller Wohlgefallen. Luise würde sich daran gewöhnen müssen, als leichtfertiges Frauenzimmer betrachtet und von der Kirche mit Hass und Misstrauen behandelt zu werden. Wie sollte eine Mutter das freuen?
Wenn sie aber hörte, wie die Stimme Luises durchs Haus drang, wenn sie sah, mit welcher Lust und Freude die Tochter spielte und deklamierte, dann wäre es hartherzig gewesen, ihr das zu versagen. Das, was sie brauchte, waren Anerkennung und Applaus, und das konnte, wenn man ehrlich war, ein häusliches Publikum niemals ausreichend bieten.
Luise Dietz nun verstand die Mutter recht gut, deren Sorgen waren ihr nicht fremd. Wem konnte schon daran gelegen sein, als loses Weib betrachtet zu werden, das nicht gut genug für die Ehe oder ein Grab auf dem Friedhof war? Dann aber wiederum war sie gerade einmal neunzehn Jahre alt und jeder Gedanke an Heirat oder Tod erschien ihr weit fort. Zumal es genug Beispiele gab, die zeigten, wie wenig Bedeutung die Theorie in der Praxis hatte: Maman hatte schließlich Papa geheiratet und es damit sehr gut getroffen und die vorherige Prinzipalin des Nationaltheaters, die so jung verstorbene Gattin des Herrn Großmann, lag doch auf dem Bonner Friedhof, obwohl sie nicht nur Schauspielerin, sondern auch noch Protestantin gewesen war. Die Zeiten änderten sich, man schritt doch voran in jeder Hinsicht und es würde nicht mehr lange dauern, bis auch eine Schauspielerin und Sängerin als eine Frau wie jede andere galt. Das glaubte Luise fest. Meist zumindest. Nämlich dann, wenn sie über diese Dinge nachdachte, was so oft nicht geschah.
Wie auch? Woher hätte sie die Zeit dafür nehmen sollen, da sie doch immerzu zu tun hatte. Sie übte ständig. Oder half im Laden aus. Oder traf sich mit ihren Freundinnen. Eine muntere Gemeinschaft waren sie, bunt gemischt, ganz wie es auch dem Papa gefiel. Es machte keinen Unterschied, dass Lorchen und Amalie von adliger Herkunft waren und Babette die Tochter einer Wirtin. Im Gegenteil durfte man recht stolz sein, zu Babettes Kreis zu gehören, denn im Lokal ihrer Mutter, dem allseits beliebten Zehrgarten der Witwe Koch, traf sich, wer Bedeutung hatte in Bonn. Da waren die Professoren der Hohen Schule ebenso zu finden wie die Herren von der Hofkapelle oder die Mitglieder der Lese. Hier setzten sich Reisende an den Tisch genauso wie Handwerker, Schriftsteller und Komponisten. Allerlei gelehrtes Zeug wurde gesprochen und ordentlich getrunken wurde auch. Hatte man genug Bier und Wein intus, so wurde noch mehr gesprochen, wenn auch weniger gelehrt. Gelacht, gesungen und musiziert wurde dort und manches Mal so wild, dass die Nachtwache für Ruhe sorgen musste.
Herrlich war es und neulich erst hatte Ludwig mit Hofkapellmeister Neefe zusammen spontan ein Stück gespielt, das ihnen einfach so in die Finger floss. Und dann hatten alle gesungen und sie, Luise, hatte sich auf einen Tisch geschwungen und das Solo vorgetragen. Da hatte sogar Ludwig herzlich gelacht und seine schlechte Laune mal vergessen. Ein guter Freund war der, aber doch ein seltsamer Kerl. Was ja kein Wunder war; er trauerte noch immer um die Mutter und die toten Geschwisterchen und hatte ja dazu noch unter dem Vater zu leiden, der streng und tobend war, war er nüchtern, und weinerlich tobte, war er trunken. Was zunehmend öfter vorkam. Wirklich, der gefährdete mit diesem Tun seine Stellung bei Hofe. Ein Tenor, dessen Stimme nicht mehr klar tönte und der nicht zuverlässig zu Proben oder Auftritten erschien - da fragte man sich, wie lange Max Franz das noch mitmachen würde. Nein, die Beethovens hatten es nicht leicht und da konnte man Ludwig schon verstehen. Es lastete ja die Sorge um die jüngeren Brüder, den versoffenen Vater und das Renommee der Familie alleine auf ihm.
Da war es ein Glück, dass er so gute Freunde hatte, zu denen sich auch Luise gerne zählte. Es machte sie stolz, dass der Papa immer wieder einmal etwas Geld in Ludwigs Rocktaschen schob, wenn der bei ihnen zu Besuch war. Ganz listig ging der Vater vor, immer fand er einen Grund, weshalb Ludwig seinen Rock ablegen musste. Anfangs war der zurückgekehrt und hatte das Geld auf den Tisch gelegt, hatte gesagt, er habe nichts bei sich gehabt, da müsse jemand versehentlich seinen Manteau mit dem eines anderen verwechselt haben. Mittlerweile nickte er nur noch dankbar, wenn er ging, wissend, er würde eine Unterstützung vorfinden, ohne dafür in Demut zerfließen zu müssen. Das lag Ludwig nämlich nicht - Demut und devote Dankbarkeit. Wirklich herzlich zeigte er sich nur Lorchens Mama gegenüber, die er wie eine zweite Mutter betrachtete.
Und da lag er so falsch nicht, denn Helene von Breuning tat alles in ihrer Macht Stehende, um ihm ein Heim zu bieten, in dem er Ruhe und Muße fand. Wenn er Lorchen Unterricht gab, sorgte sie stets dafür, dass danach ein anständiges Essen auf dem Tisch stand, das serviert wurde mit geistreicher Konversation. Sie lieh ihm Bücher, kaufte Notenpapier für ihn - natürlich bei Dietz père et fils - und verschaffte ihm Bekanntschaften, wenn sie zu ihren Soiréen einlud. Dort durfte er spielen, musste es aber nicht. Was eine Wohltat für ihn war, der immer befürchtete, schlecht behandelt zu werden. Keinesfalls wollte er die Handpuppe einer eitlen Gönnerin sein, die ihm befahl, wann und was er zu spielen hatte.
Das fühlte Luise dem Freund nach, wenn sie selbst auch nur zu bereit war, in jedem Stück aufzutreten, das der Kurfürst mit seiner Anwesenheit zu beehren wünschte. Wirklich gab sie sich gerne dem Traum hin, den Landesvater vom Theater zu überzeugen. Max Franz war nun sicherlich kein schöner Mann, aber ihn zeichnete etwas aus, das andere Fürsten vermissen ließen: Er war aufrichtig bescheiden und sah sich als den ersten Diener seines Volkes. Das sagte wohl so mancher Herrscher von sich, doch niemand ging darin so weit wie der Wiener, der alle Tage im braunen Rock durch die Straßen spazierte, ohne Angst vor Überfällen oder Betteleien zu haben. Er war so schlicht gekleidet, dass er nur selten erkannt wurde, und mehr als ein Bonner oder eine Bonnerin wusste von einer Begegnung mit ihm zu erzählen, die stets und immer dazu führte, dass man ihn noch höher schätzte als zuvor. Ob er ein stolperndes Kind vorm Sturz bewahrte oder einer alten Frau das schwere Holz heimtrug: Er zeigte sich ausnahmslos hilfsbereit und freundlich. Von Hofbeamten wusste man wohl, dass er durchaus einmal böse werden konnte; er neigte, trotzdem er eher schlaff und langsam wirkte, zu plötzlicher Wut. Da er damit aber umzugehen wusste und für seinen Ärger zumeist einen triftigen Grund hatte, sorgte auch das nur dafür, dass man ihn noch mehr als einen der ihren wahrnahm. Dass ausgerechnet der Sohn der großen Kaiserin von Österreich ein so zurückhaltender Charakter war, erstaunte manche. Wer jedoch die Geschichten kannte, die er von seiner Kindheit mit den kaiserlichen Geschwistern in der Hofburg erzählte, konnte sich leicht ausmalen, wie diese Erziehung nur zwei Effekte haben konnte: Entweder man blieb ein Leben lang bescheiden und fleißig, wie die Mutter es vorgelebt hatte. Oder aber man freute sich der neuen Freiheit, war man fern von ihr, und genoss, was das Leben bereithielt. So hörte man es von seiner Schwester, der Königin von Frankreich, die angeblich das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster warf, obwohl ihr Volk bittere Not litt, weil die Steuerlast zu sehr drückte und zudem die Ernten in Frankreich seit Jahren schlecht ausfielen. Beides Umstände, die den Bonnern zurzeit völlig fremd waren, lebten sie doch in einer der fruchtbarsten Gegenden und waren bestens versorgt, nicht zuletzt dank der umsichtigen und ernsthaften Führung durch Max Franz, der als aufgeklärter Fürst auch das Wohl der Ärmsten nie außer Acht ließ und sich um Gerechtigkeit in allen Belangen bemühte.
Mit ihm hatte es die kurkölnische Residenz wider Erwarten sehr gut getroffen und da Luise - wie ihre Freundinnen und die meisten ihrer Mitbürger - große Stücke auf den Maximilian Franz hielt, wünschte sie, ihm frohe Stunden zu bereiten. Was, so hatte Lorchen gesagt, als Luise neulich erst über dieses Ansinnen sprach, gar nicht anständig klang. Da hatten sie gelacht und sich darüber amüsiert, wie unvorstellbar es wäre, hätte Max Franz eine Mätresse. Jeder andere Fürst mochte sich einen ganzen Stall halten, für ihren Fürsten aber war das undenkbar. Der hatte mehr als eine überzeugende Brandrede gehalten und sich in der Gazette de Bonn mit Artikeln dazu geäußert, wie ehrabschneidend und verwerflich ein solches Verhalten sei, gerade im Hinblick auf die Unruhen im Nachbarland, wo es seit dem letzten Sommer immer heftiger brodelte. Unzufrieden war man dort mit den Rechten, die der Adel für sich in Anspruch nahm, und von daher täte ein jeder guter deutscher Fürst wohl daran, das eigene Tun einer gründlichen Prüfung zu unterziehen und es auf Moral und Sparsamkeit hin auszurichten. Damit hatte Max Franz bei seinen Bonnern viel Anklang gefunden, bei anderen deutschen Herrschern eher weniger. Die betrachteten ihn als Sonderling und streuten Gerüchte, er sei nicht sonderlich gescheit.
Seine Bescheidenheit und Sparsamkeit gingen zum Glück nicht so weit, als dass er auf Hofkapelle und Theater hätte verzichten mögen. Für ihn gehörte die Kunst unbedingt zu den Dingen, die der Mensch brauchte, um glücklich zu leben und neue Gedanken zuzulassen. Schon unter den Wittelsbachern hatte man beispielsweise Lessing im Theater gegeben und Stücke aufgeführt, die sich kritisch mit dem Adel auseinandersetzten und gebildetes Bürgertum als Gegenbeispiel zeigte. Den Zugang zu solch Seele und Geist formenden Aufführungen wollte Max Franz unbedingt ermöglichen; durch Amüsement und Entspannung fanden die Ideen der Aufklärung doch eher in die Schädel der Menschen, die allzu sehr am Alten festhalten wollten, als wenn man sie von oben belehren und zwingen wollte, anders zu leben. Eine Änderung musste kommen, sie war unausweichlich, das sah Max Franz deutlich und stimmte damit mit seinem ältesten Bruder Joseph, dem Kaiser Österreichs, überein. Gar zu korrupt und egoistisch hatten sich die Mächtigen entwickelt, darüber sprach der Kurfürst oft. Er befürchtete, es könne Schlimmes, Blutiges geschehen, wenn die Regierenden nicht von sich aus auf das Volk zugingen und sich darauf besännen, was ihre eigentliche Aufgabe war.
Mit dieser Einstellung war Luise groß geworden. Die Frage nach Gleichheit und Gerechtigkeit war eine, die immer und immer wieder im Hause Dietz diskutiert wurde. Mit Lorchen und Amalie sprach Luise über diese Dinge nur gelegentlich, doch längst nicht so tiefgehend wie mit Babette. Oder was man so tiefgehend nennen wollte, wenn man nach einigen Minuten der ernsthaften Diskussion über Voltaire und Rousseau oder Amerika, Frankreich und England das Kichern begann und davon sprach, sie wollten die Gesellschaft verbessern, indem sie hohe Herren heirateten und diese mit Liebe und Sanftmut zu einer besseren Politik bewegten.
Und dann gingen sie die Liste derer durch, die infrage kämen, bis sie doch lieber über diejenigen redeten, die ihnen gefielen oder die vergeblich versuchten, ihr Interesse zu wecken.
»Mag wohl sein, dass wir einst so modern werden, dass ein Graf eine Wirtshaustochter wird heiraten können, ohne dass ihm deshalb die Welt versperrt wird«, meinte Babette.
»Wer immer dich nimmt, wär schön dumm, wenn er für die Welt auf dich verzichtete«, antwortete Luise freundlich. Sie war der Freundin sehr zugetan und hielt viel auf deren Schönheit und Witz. Gegen sie kam sie sich doch oft wie ein Lämmchen vor, das so gar nichts von der Welt weiß.
»Du wieder. Als ob du weniger wärest als ich. Im Gegenteil würde ich dir dein Talent neiden, hätte ich dich nicht so gern. Du wirst bald auf der Bühne stehen und vor dir liegt das Publikum zu deinen Füßen. Oh, bestimmt wirst du berühmt werden und nach Wien gehen oder nach Paris und überall wird man ins Theater strömen, nur um dich einmal singen zu hören.«
»Lieber wäre es mir, sie kämen um meiner Schauspielkunst wegen. Verstehe mich nicht falsch, ich singe gerne und bin so schlecht nicht -«
»Dummkopf, du. Du bist so gut wie eine jede andere Sopranistin.«
»Das bin ich nicht. Die Willmann und die Keilholz sind um Längen besser. Doch selbst, wenn ich so gut wäre wie sie, meine Liebe gehört doch dem Theater. Der Komödie vor allem. Die Minna möcht ich spielen, immerzu, sie hat gar zu nette Sätze aufzusagen, ist neckisch und ernst und ganz allerliebst.«
»Dann spielst du nicht, dann bist du ganz du selbst, möcht ich sagen. Neckisch, ernst und ganz allerliebst. Findet der Ludwig auch.«
»Ach, der Louis. Der ist doch immerzu verliebt in eine von uns. Ich denke aber, Lorchen gefällt ihm besser.«
»Noch höher könnt er sich kaum aufstrecken. Da mag die Breuning ihn noch so sehr mögen und der Stephan ein noch so guter Freund sein, aber dass ein kleiner Bratschist das Lorchen heiratet, ist doch nicht drin. Eher werd ich die Frau vom …« Babette hatte ein drolliges Gesicht gezogen und war wohl im Geiste all ihre Verehrer durchgegangen.
»Kannst dich nicht entscheiden, ja? Einer der Kammerherren? Oder hast du dein Herz an den kleinen Fähnrich verloren?«
»An Sigismund? Sicher nicht. Ich kann es nicht leiden, wenn mich einer immerzu verfolgt, als könnte er ohne mich nicht leben.«
»Nun dann also?«
»Ach, ich weiß es nicht. Es ist doch viel zu spaßig, die Wahl zu haben. Hat man sie erst einmal getroffen, was erwartet uns dann? Ständige Schwangerschaften und am Ende noch ein früher Tod und das alles für was? Um sich Madam Soundso nennen zu dürfen und dem werten Herrn Gemahl die Pantoffeln nachzutragen. Da ist ein Leben ohne den einen Mann doch netter.«
»Meinst du? Wenn ich meine Eltern so anschaue, so scheint mir doch vieles für die Ehe zu sprechen.«
»Ihr seid ja auch sagenhaft glücklich. Euch ist kein Geschwisterchen gestorben und du hast beide Eltern noch, aber frag mal Amalie, ob sie gerne ohne Mutter großgeworden ist. Und meine Mutter und die Breuning müssen die Erwartung erfüllen, als Witwen ewig zu trauern und sich älter zu machen, als sie sind.«
»Was man gerade von deiner Mutter so wenig behaupten kann wie von Lorchens Mama. Ich glaube sogar, sie leben nun freier denn als Ehefrauen.«
»Was genau das ist, was ich sagen will.«
»Dennoch. Ich denke nicht, dass ich auf eine Familie verzichten mag. Wenn mich denn einer nimmt und ich einen finde, der mir gefällt.«
»Wie sollt der sein, der dir gefällt?«
»Ehrlich halt. Gut und anständig. Gebildet natürlich und musikalisch.«
»Weiter nichts?«
»Ich hätt schon nichts dagegen, säh er nett aus und hätte ein freundliches Gesicht. Und volles Haar. Und starke Schultern. Reiten sollt er wohl können, das macht sich doch gut bei einem Mann. Und das Klavier muss er spielen können, sonst kann ich ihm seine Musikalität nicht abnehmen. Und auf gar keinen Fall darf er grell bunt geblümte Westen tragen.«
»Hmm. Sollte nicht allzu schwer sein, solch einen zu finden, da du so gar keine Ansprüche stellst.«
»Ach ja, es ist nicht leicht. Die Anständigen sind nicht hübsch, die Musikalischen haben nicht genug Geld und die Reiter lesen keine Bücher. Es ist ein Kreuz.«
Babette kicherte. »Das Kloster wäre eine Möglichkeit.«
»Dann doch lieber die Bühne.«
Und das mit der Bühne war nun also endlich so weit. Am Samstag, dem 10. Januar, gab Demoisell Dietz ihr Debüt am Bonner Nationaltheater, so vermeldete das Bönnische Intelligenz-Blatt am folgenden Montag. Gar angenehm frisch habe ihr Sopran geklungen und die Figur des Blondchen passe hervorragend zu Gestalt und Auftritt der Tochter von Johan Dietz, die alle Voraussetzungen habe, jede Rolle auszufüllen. Ein wenig möge sie noch an der Stärke ihrer Stimme arbeiten; man habe sie in den letzten Reihen des Theatersaals weniger hören können als Madam Bekenkam, die die Konstanze voller Inbrunst sang. Mit der Kritik durfte Luise höchst zufrieden sein, wenn auch kein Wort darin an das herankam, was sie an diesem Abend gefühlt hatte.
Viel zu früh am Morgen war sie erwacht, noch bevor Else - Kammermädchen, Zofe, Haushälterin und vor allem gute Seele - dazu gekommen war, den Kamin anzuheizen. Bitterkalt war es gewesen, das Wasser in ihrem Waschkrug war eingefroren und die Fensterscheiben so dicht mit Eisblumen versehen, dass Luise trotz der Dunkelheit hätte glauben mögen, es müsse draußen taghell sein, als das Öllicht aufbrannte. Eine dichte, weiße Fläche voller verschlungener Muster war das Fenster gewesen und irgendwie kam es Luise so vor, als zeige sich darauf die Landkarte ihres Lebens. Mit dem Zeigefinger war sie die Linien entlanggefahren, dann hatte sie sich verlacht und eine abergläubische Gans genannt. Da hatte sie erst gemerkt, wie kalt ihr war, und schnell hatte sie das Feuer entfacht, ohne auf Else zu warten. Die hatte an einem solchen Wintertag eh genug zu tun; da hieß es für alle, mitanzupacken. Von fern hörte sie, wie Georg - Stallknecht, Gärtner und Kutscher in einem - im Hof Holz hackte. Bestimmt war auch Papa schon aufgestanden und kümmerte sich darum, Speiseraum und Stube einzuheizen.
Dann vernahm sie Schritte auf der Treppe; Maman, die vermutlich zu Margarete in die Küche huschte, um das Frühstück vorzubereiten. Wenn erst Wasser und Milch aufgetaut werden mussten, bevor man sich daran machen konnte, Omelette zuzubereiten, Brot aufzubacken und Schokolade zu kochen, dann brauchte die Köchin jede helfende Hand. Und es hatte auch etwas Gutes, wenn man einen eisigen Tag gleich mit harter Arbeit beginnen musste: Es wurde einem wunderbar warm. Luise hüllte sich in den dicken Hausmantel, nachdem sie in die Strickstrümpfe geschlüpft und sie sorgsam mit Bändern über dem Knie festgebunden hatte. Schnell noch die Haube aufgesetzt und ein Tuch um den Hals gewickelt, dann war sie bereit, ihren Teil zu leisten.
Wovon an diesem Samstag niemand etwas wissen wollte. Alle Welt schickte sie fort; sie solle sich am Kamin in der Stube wärmen, ihren Text lesen und die Koloraturen üben oder sich sonst wie auf ihren großen Abend vorbereiten. Es kam Luise bald so vor, als fürchte man, sie könne versagen. Dieser Gedanke war ihr bislang nicht gekommen, jetzt aber drohte er, sich festzusetzen. Was, wenn sie ihren Einsatz verpasste? Die Töne nicht traf? Wenn sie stolperte? So unglücklich gar, dass sie den nackten Hintern zeigte? Na, Himmel, da konnte sie nur hoffen, dass Max Franz sie nicht hinauswarf! Aber den würde ihre Rückseite vermutlich weniger kümmern als ihre Stimme. Einige Male war der Kurfürst bei den Proben erschienen, ja mehr noch, er hatte sogar das Klavier gespielt, als der Korrepetitor zu gierig von seinem Kaffee getrunken hatte und so sehr hustete, dass an ein Weiterspielen nicht zu denken war. Luise war noch immer beeindruckt vom musikalischen Können ihres Landesherrn. Auch die Geige spielte er wohl. Oder war es die Bratsche? Was es auch war, er hätte sein Geld ebenso gut als Musiker verdienen können oder sogar als Sänger, denn auch seine Stimme beherrschte er zur Vollendung. Ob er so vielleicht glücklicher geworden wäre denn als geistlicher Kurfürst?
Aber dann wieder war er auch aus der Nähe betrachtet ein so aufrichtig bescheidener Mensch, dass Luise ihn sich gar nicht anders denken könnte denn als Kleriker, dessen Sinn darauf ging, alle Welt zufrieden zu machen. Nicht zuletzt durch Musik, die ihm so sehr am Herzen lag. Leider, musste man sagen, dachte Luise, die mittlerweile nah am knisternden Kaminfeuer hockte und sich sorgte, am Abend zu versagen. Max Franz war kritisch und wenn ihm ihr Vortrag nicht gefiele, so würde sie zum Gespött der Stadt werden.
Da kam es zupass, dass Else in den Raum trat und auch gleich erfasste, was der Tochter des Hauses aufs Gemüt drückte. Ohne großes Getue setzte sie sich neben die junge Frau und zog sie in die Arme. »Wat is los, Mäuseschwänzchen? Haste Muffensausen?«
»Und wie. Verrat mir mal, wie ich auf die Idee kam, mich auf eine Bühne stellen zu wollen. Denkst du, ich kann noch absagen?«
Else lachte. »Das tät die Madam Brand wohl freuen. Die möcht deine Rolle nur zu gern nehmen. Wenn ich die schon sehe, wenn die übern Markt spaziert, die Nase ganz hoch, dass es ihr mal reinregnen könnt. Hält sich für jung und schön und so begabt, dabei kann die dir nicht das Wasser reichen.«
»So schlecht ist sie nicht. Und ihr Mann ist ebenfalls ein sehr ordentlicher Sänger und kein übler Komödiant. Zusammen sind sie lustig.«
»Kommt heut ja nicht auf lustig an. Nä, Mäuseschwänzchen, da gehste brav hin und zeigst dem Kurfürsten, was du kannst.«
»Den hättest du nicht erwähnen müssen, vor seinem Urteil fürchte ich mich am meisten.«
»Der hat dich doch schon gehört. Wenn ihm das nicht gefallen hätt, hätt er dem Reicha gesagt, er soll dich rausschmeißen.«
»Auch wieder wahr.« Luise drückte Else einen Kuss auf die Wange. »Schön ist das, dass du bei uns bist.«
»Könnt ja gar nicht weg von euch Bande. Spätestens, als die Jeanne dich auf die Welt gebracht hat, da wollt ich nirgends anders mehr sein.«
»Papa und Maman würden dich eh nie gehen lassen und wenn du es auch wolltest. Dich nicht und deinen Georg auch nicht.«
»Und Margarete noch viel weniger. Wir haben es schon nett zusammen, Mäuseschwänzchen.«
Luise nickte. Sie war froh, dass die Eltern es mit der alten Tradition hielten, die Dienstboten als Familie zu betrachten. Waren sie unter sich, so saßen Else, Margarete und Georg ganz selbstverständlich zu jeder Mahlzeit mit am Tisch. Dann ging es spaßig zu, man lachte und erzählte, da gab es keine der Schranken, die Luise bei den Breunings oder im Hause Mastiaux kennengelernt hatte. Nur wenn Gäste kamen, dann knickste Else und sagte ›Madam‹ und ›gnädiger Herr‹ und ›Fräulein‹. Dann trug sie auch das feine Kleid und die brave Haube, dann senkte sie den Blick und benahm sich ganz so, wie man das in feinen Kreisen von einer Dienstmagd erwartete. Na, zumindest, wenn feine Gäste kamen. Waren es Papas Freunde aus der Illuminatenzeit oder Mamans weniger vornehme Freundinnen, dann ging es zu wie immer. Dann konnte es schon einmal passieren, dass man in Mamans Zimmer kam und dort Else zwischen den drei Freundinnen fand - ebenso weinselig und ausgelassen wie die anderen.
Sicher, es hatte jeder und jede Pflichten und natürlich stellte sich Maman nicht im Seidenkleid in die Küche und knetete Teig; das hätte sich Margarete auch verbeten. Wer in ihr Reich eintrat, war zum niedrigen Helfer degradiert, der aufs Wort zu springen hatte. Auch Else duldete keine Einmischung in ihre Arbeit, das wäre noch schöner, wenn ihr wer vorschreiben wollte, wann der Boden geschrubbt oder das Silber poliert werden sollte. Sie mischte sich schließlich auch nicht ein, wenn es darum ging, welcher Schriftsteller als Nächstes im Hause Dietz eine Lesung gab oder welcher Musikant sich am Klavier produzieren durfte. Nein, nein, so wie es war, ging es gut im Haushalt am Vierecksplatz, da sollte man nicht dran rütteln.
Rütteln musste sie nur Luise, die in ernste Selbstzweifel zu rutschen drohte. Ein wenig Schütteln, ein herzhaftes Frühstück und dann ein heißes Bad - das würde ihr guttun.
»Ein Bad! Else, ich bitte dich, der Aufwand -«
»Die Jeanne wird mir schon recht geben und der Johan erst recht. Du musst doch Ehre für uns einlegen, da gönnen wir uns auch was Feines.«
»Ehre einlegen. Das macht es nicht leichter für mich.«
»Mäuseschwänzchen, lass es dir von deiner Mutter sagen: Die Angst vor der Bühne, die gehört dazu. Was hat mir die Janne früher nicht alles von der Schauspielerei erzählt. Glaub mir, der ging es oft noch schlechter als dir vor einem Auftritt. Da musste durch.«
Beim Frühstück fragte Luise die Mutter aus nach deren Erfahrungen und so verging die Zeit mit Plaudern, Essen und Baden rasch genug. Ehe sie es sich versah, war es vier Uhr nachmittags und sie musste hinüber zum Theater, sich dort umkleiden und einsingen und beten, es würde alles gut gehen.
Das Einsingen fand bereits auf der Bühne statt und es half Luise doch sehr, als sie Ludwig in der seitlichen Loge sah, wo das Orchester spielte. Er würde heute Abend die Viola spielen und war das Auftreten so gewohnt, dass es für ihn keinen Unterschied mehr machte, ob er daheim übte oder aber vor Publikum musizierte. Sie huschte zu ihm hinüber und verlangte, er solle ihr Glück wünschen.
Da war sie aber an den Falschen geraten, denn der war wie üblich ein wenig muffig und nicht bereit, sinnlose Konversation zu betreiben.
»Sinnlos ist das nicht, Louis. Ich brauche dringend etwas Zuspruch, sonst falle ich gleich um und mache keinen Mucks mehr.«
»Glück brauchste nicht, Luise. Du brauchst Können.«
Verunsichert sah sie ihn an und fragte sich nicht zum ersten Mal, weshalb sie diesen seltsamen Burschen überhaupt ihren Freund nannte. Stämmig war er, gedrungen und klein, kleiner sogar als Luise, die nun wirklich nicht behaupten konnte, eine hoch gewachsene Schönheit zu sein. Neben ihm nahm sie sich aus wie ein Wesen aus einer anderen Welt; gegen seine dunkle Haut und das schwarze, nicht zu bändigende Haar leuchtete sie in Weiß und Rot. Auch in Miene und Gestik unterschieden sich beide sehr: Louis schien immerzu über etwas zu brüten, seine Stirn schien stets gerunzelt, wogegen Luise selbst im Zorn noch wirkte, als wolle sie gleich wieder lächeln. An ihr war alles lebendig, fröhlich - weshalb es keine kleine Aufgabe war, eine tragische Heldin zu spielen; da hatte sie dann trotz Talent zu kämpfen, um zu überzeugen. An Louis war alles grimmig, wütend und irgendwie melancholisch. Sicher, die lastende Sorge um die Familie und die viele Arbeit sowohl in der Hofkapelle wie auch am Theater, das waren schon Gründe genug, um grimmig umherzuschauen. Aber sollte er sich nicht darum bemühen, Schönheit zu finden und zu sehen? Ein Anfang wäre schon gemacht, wenn er sich etwas umgänglicher zeigen wollte.
Gerade jetzt, da sie Zuspruch brauchte. Sie schluckte. »Soll ich der Brand den Vortritt lassen? Sag es nur frei heraus, ich bitte dich.«
Nun war es an Ludwig, sie anzustarren. »Der Brand willste Platz machen? Die soll Mozarts Blondchen singen? Biste von allen juten Jeistern verlassen?«
»Eine andere hat die Rolle nicht drauf.«
Er schüttelte den Kopf und zog die Brauen noch enger zusammen. Wie ein Waldschrat sah er aus. Ein unzufriedener, übellauniger Waldschrat. »Du wirst wohl nicht alles verjessen haben?«
»Nein, aber da es mir am Können ermangelt …«
»Wer behauptet so was?«
»Nun, du doch.«
»Sicher nit.«
»Sicher doch. Du sagtest, ich bräuchte kein Glück, sondern Können.«
»Manchmal frag ich mich, ob nit doch was dran ist, wenn man sagt, es wären die Weiber allesamt zu beschränkt, um klar zu denken. Bei dir hapert es zumindest am Hören.«
»Bei dir hapert es unbedingt an Charme und Liebenswürdigkeit.«
»Für die zahlt mir keiner auch nur einen Kreuzer.«
»Nun also, willst du mir Glück wünschen oder nicht?«
»Wie ich sagte, dessen bedarfste nit.«
»Also bedarf ich des Talents? Louis, bitte, mache mich nicht noch unruhiger, als ich es schon bin.«
»Keine singt und spielt wie du, Luise. Zufrieden?«
»Nein. Nein gar nicht. Was soll denn das heißen? Keine singt so schlecht wie ich?«
Sichtlich stieg Ärger in ihm auf; er verplemperte seine Zeit nicht gerne mit unnützem Gerede und hasste es, wenn man ihn nicht verstand. Er richtete sich steif auf und bemühte sich ums Hochdeutsche. »Soll ich Demoisell Dietz die Cour schneiden? Süßholz raspeln? Braucht es hohle Komplimente, obwohl du doch besser als andere wissen musst, wie es um dein Talent bestellt ist?«
»Himmel noch, Louis, was meinst du wohl, wie viele Menschen sich talentiert auf allen denkbaren Gebieten glauben und dabei nicht einmal das Können eines Säuglings besitzen? Wie kann ich wissen, ob ich zu ihnen gehöre oder doch zu jenen, die wahres Talent besitzen?«
Ludwig schnaubte. »Ich weiß das sehr gut, ich musst nit erst hören, man könnt einen zweiten Mozart aus mir machen. Wenn dich was treibt, wenn es in deiner Seele brennt und lodert und du Tag wie Nacht an nichts anderes denkst als an die Musik oder was immer es ist, was dich beherrscht, dann wirste wohl erkennen, ob dein Können hinreicht oder nit. Wer Genie ist, sollt es wohl früher begreifen als sein Umfeld.«
Wie immer, wenn Ludwig leidenschaftlich sprach, wenn er polterte und grollte und mit Leichtigkeit Dinge wie diese sagte, dann fühlte sich Luise recht unbedeutend neben ihm. Denn da war ja wirklich etwas an ihm und in ihm, das weit über Talent hinausging. Dann merkte man, es steckte in dem Jüngling nicht allein der Pianist und Bratschist, der alles auf Anhieb vom Blatt zu spielen wusste. Dann war er nicht allein der Musiker, der einer jeden Melodie, ohne darüber nachzudenken, eine Variation verpasste. Auch, dass er sich ans Klavier setzen konnte und frei zu spielen vermochte, was ihm in den Sinn kam, und es doch eine Harmonie ergab, einen Sinn, das zählte kaum. Nein, in solchen Moment war spürbar, dass man wahrhaftig vor einem Genie stand, in dessen Kopf sich ein Universum abspielte, zu dem er allein Zugang hatte und von dem er der Welt irgendwann einmal mehr zeigen würde.
Luise lächelte, nahm seine Hand und drückte sie zärtlich. »Nun, mein Bester, ich weiß, ein Genie bin ich nicht. Aber ich glaube und hoffe, eine anständige Sängerin und Schauspielerin abzugeben. Eine, die noch vieles zu lernen hat. Wie man dich zu verstehen hat, um ein Beispiel zu nennen.«
Eine Sekunde brauchte es wohl, dann lächelte auch Ludwig. Ein neuer Mensch war er, wenn das geschah. Was so übellaunig und duster an ihm erschien, war nun jung und wild und zutiefst bönnsch. Da kam das Erbe der Römer durch und auch die Lust am Lustigsein. Übermütig küsste er Luises Hand. »Du kennst mich doch so lange schon, da kann ich dir kein Rätsel mehr sein.«
Luise seufzte, dachte an die Gespräche mit den Freundinnen, denen Louis nicht weniger rätselhaft erschien als ihr. Na, Lorchen war da die Ausnahme, die schien stets zu wissen, was er meinte und fühlte. »Sieh, du bist mir manchmal eben doch ein Rätsel. Da sagst du, du magst nicht endlos palavern, aber anstatt mir Glück zu wünschen, geraten wir in eine Streiterei und ich bin noch nervöser als zuvor.«
»Kein Grund vorhanden. Du wirst ein Blondchen jeben, wie sie Mozart jefallen würd. Einzig was lauter dürftest du noch werden, kraftvoller. Du hältst dich noch gar zu sehr zurück, lässt dich zu wenig jehen.«
»Steiger fand, ich gebe mich sehr natürlich.«
»An deiner Darbietung ist nichts auszusetzen, du bewegst dich anmutig und dein Mienenspiel passt ausjezeichnet. Ich mein, du musst dich mehr noch der Musik hinjeben, mehr wagen im Gesang. Mozart schreitet doch immer weiter voran in dem, was er seinen Sopranistinnen zutraut. Wenn du mithalten willst, dann musste dich hineinstürzen, körperlich wie seelisch.«
»Ich denke, das tue ich bereits.«
»Dat tuste nit. Aber ich will es nit kleinreden. Im Augenblick stürzt du dich hinein ins Unbekannte, du wagst den Schritt hinaus aus deiner häuslichen Gemütlichkeit. Dat ist schon beachtlich und braucht all deine Kraft. Wenn du daran gewohnt bist, wirste als Sängerin wachsen.«
»Ich glaube, ich will lieber als Schauspielerin reüssieren, das liegt mir mehr.«
Oh, da stieg wieder die Wut in Ludwig auf. »Wenn du mit einer Stimme wie der deinigen beschenkt bist, dann haste die verdammte Pflicht, daraus was zu machen und dich der Musik zu weihen.«
»Ich bin ebenso mit Talent für das Schauspiel bedacht, da werde ich wohl frei wählen dürfen.«
»Dann zweifelste also doch nit an deinem Können und hast mich völlig umsonst um Hilfe jebeten?«
»Oh, du bist doch ein unerträglicher -«
»Unerträglich ist, dass du den leichten Weg wählen willst. Das Schauspiel in allen Ehren, doch muss eine Sängerin nicht ebenso schauspielern? Unter erschwerten Bedingungen dazu? Und du bist zu feige oder zu faul, um das anzustreben?«
Luise blitzte den Freund an, wandte sich um und ließ ihn stehen. Manches Mal konnten einem alle Beethovens der Welt gestohlen bleiben. Was war der doch für ein launisches Bürschchen! Keine Ahnung von den Menschen hatte der und von Frauen noch viel weniger. Sollte er doch zunächst einmal eine Oper schreiben, bevor er große Töne spuckte!
Später, als sich der Vorhang hob und die Oper begann, als sie dann auch endlich vors Publikum zu treten hatte und das Blondchen gab, angetan in Haremshosen, das Haar offen, die Schultern unbedeckt, fühlte sie nichts als Glück darüber, dass sie hier sein durfte; da waren alle Zweifel vergessen. Der Kurfürst nickte ihr zu, als sie ihre erste Arie beendet hatte, huldvoll und anerkennend. Das Publikum, zusammengesetzt aus Höflingen und Bürgerschaft, applaudierte wie wild und sogar ein Da Capo-Ruf wurde laut, der viel Gelächter einbrachte, war es doch Papa, der sich in seiner Begeisterung hatte hinreißen lassen und deshalb nun nach jeder Arie von wem auch immer dargebracht, den Ruf wiederholte - er war ja so sehr für Gerechtigkeit, dass er es auch hier nicht daran fehlen lassen durfte.
