Elisanne, die Sanfte - Andrea Instone - E-Book

Elisanne, die Sanfte E-Book

Andrea Instone

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Beschreibung

Können Güte und Liebe die Dunkelste Welt retten? Auf Avalon mehren sich die Zeichen, dass die geheimnisvolle Elisanne nicht auf diese Insel gehört. Das trifft sich mit dem Wunsch der jungen Frau, in ihre Heimat zurückzukehren. Sie glaubt, die Einzige zu sein, die die Dunkelste Welt in einen friedlichen Ort verwandeln kann. Was sie dort erlebt und welche Wunder ihr begegnen, hat auch Auswirkung auf die Welt des Instituts für Fantastik, wo eine neue Gefahr erwächst ...

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Elisanne die Sanfte

Professor Olivero

Paris im Juni 1559

Rückkehr zur Apfelinsel

Hôtel des Tournelles

Mathilda Reichenbach

Die Sängerin der Majestäten

Reisende und ihre Ziele

Von Paris nach Lyons-la-Fôret

Der Turm des Glücks

Periwincula, Immergrünes Reich

Von Lyons-la-Fôret nach London

Der Turm der Weisheit

Eine Versammlung der Strigoi

Bei der Königin Anglias

Der Turm der Liebe

Machtverhältnisse

Der Palast der Elfen

Ein freudiges Wiedersehen

Spiegelwelten?

Die Kosmische Welle

Professor Olivero

Impressum

Elisannedie Sanfte

Oliveros Institut für FantastikNo 4

Andrea Instone

Professor Olivero

Sie finden also, ich sähe schlecht aus? Müde, erschöpft und kränklich gar? Nun, das nehme ich Ihnen nicht übel. Im Gegenteil. Ihre Einschätzung ist nah an galanter Schmeichelei, denn in Wirklichkeit fühle ich mich unendlich viel elender, als Sie es vermuten. Dass Sie es nicht sehen, liegt allein an Melisande. Ihre Liebe ist mein größtes Glück.

Obwohl: Das ist nicht gerecht all den anderen gegenüber. Deren Freundschaft und Treue, ihr Einsatz und ihr unerschütterlicher Mut sind mir ebenso wertvoll. So betrachtet gibt es vieles, für das ich dankbar bin. Es ist der Zustand meiner Welt, an dem ich leide. Und an meinen nicht verstummenden Zweifeln, mich als der Falsche für diesen Posten zu erweisen. Da ich aber an niemandem sonst zweifele, da ich meinen Agentinnen, meinen Freunden und Weggenossinnen Großartiges zutraue auch ohne meine Führung, fällt es womöglich nicht zu sehr ins Gewicht, wie geeignet ich sein mag.

Andererseits, wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist da etwas Neues in mir erwachsen, dessen ich mich fast schäme, so fremd ist es mir. Ganz tief in mir, da wispert eine Stimme, ich sei der Einzige, der in dieser Zeit und mit dieser Schar an magisch begabten Angestellten einen Erfolg erringen kann. Ist das nicht entsetzlich überheblich? Peinlich? Unverschämt?

Aber diese philosophischen Selbstbetrachtungen interessieren Sie nicht, das kann ich verstehen. Ich als Person bin nicht wichtig in diesen Zeiten. Zeiten, die so anders sind als alles, was ich mir vor wenigen Monaten noch hätte vorstellen können. Wo also stehen wir an diesem 10. Mai 1899? Wo fange ich an?

In Norwegen herrscht noch immer der ausgerufene Notstand; die Menschen waren gezwungen, sämtliche kleineren Ortschaften zu verlassen und sich in den größeren Städten zu verschanzen, wo sie von Militäreinheiten beschützt werden. Mein Freund Sören, der Institutsleiter Scandinavias, hat es immerhin geschafft, durch König Oskar II. von Schweden und Norwegen zum Obersten Berater des Heeres ernannt zu werden. Somit hat er Einfluss auf das Geschehen, das – handelten die Militärs so, wie sie es gewohnt sind – leicht in eine Katastrophe münden könnte. Anstatt auf die Jagd nach Trollmännern zu gehen, besteht dank Sören die Aufgabe der Armee in wachsamer Verteidigung. Die Soldaten halten die Stellung vor den Toren der Städte, organisieren den Nachschub an Lebensmitteln und dürfen nur dann schießen, wenn sie angegriffen werden.

Was bislang noch nicht vorgekommen ist. Sören und ich, ja, wir alle lesen daraus, dass die Trollas etwas planen, dass sie auf einen Befehl warten. Sie verstehen? Die Trollmänner sind tumbe, ungeschlachte Riesen, deren größtes Vergnügen darin besteht, zu saufen, was sie finden, und zu zerstören, was auf ihrem Weg liegt. Und doch greift diese berauschte Bande nicht an. Überall lagern Gruppen an Trollmännern in Sichtweite der überfüllten Städte, johlen und grölen und halten sich doch zurück. Von den Trollas ist nach wie vor keine zu sehen. Wenn sie erscheinen, dann wird es kritisch, denn sie sind um ein Vielfaches größer und gieriger als ihre Männer. Und sie sind es, die sich Sabenius angeschlossen haben.

Was sein Plan sein mag? Wir kennen keine Details, wissen nur, er will das absolute Chaos und die Herrschaft des Bösen. Wir hoffen, seiner habhaft zu werden, bevor er den Trollas Befehle gibt. Noch hält er still. Was uns Zeit verschafft: Schweden, Dänemark und Finnland machen sich – ebenfalls unter Führung Sörens und Drusilius, des Höchsten der finnischen Waldschrate – daran, ihre Bewohner nach dem norwegischen Vorbild in Zentren zu versammeln und diese gegen Angriffe zu sichern. Die Schrate bauen dort in Windeseile Aquädukte, die von den Magischen Quellen zu jenen Städten führen. Dort wiederum befinden sich Abgesandte der isländischen Elfen, die mithilfe der neu einfließenden Magie Schutzschilde errichten, ganz so, wie sie es auch auf Island getan haben; diese Insel ist vollkommen eingehüllt in flirrende Magie und kann von niemandem betreten oder verlassen werden, der nicht in Begleitung einer Elfe ist. Es ist also nur Norwegen, das akut bedroht ist. Was schlimm genug ist, selbstverständlich, verstehen Sie mich nicht falsch. Wäre es jedoch ganz Scandinavia, hätten die Trollas das Signal zum Angriff bereits erhalten, dann sähe es doch um ein Vielfaches schlimmer aus. So konnten in drei anderen Ländern notwendige Maßnahmen ergriffen werden und Sören Axel Borjeson ist genau der Mann, die Lage zu verbessern. Er hat sich sehr gut erholt von Sabenius' Angriff und trägt mittlerweile ein von unserem Sean befülltes Schutzamulett, das augenblicklich warnt, kommt jemand in böser Absicht auf ihn zu.

Ah ja, sehen Sie, das ist doch eine ausgesprochen gute Nachricht, die hätte ich fast vergessen: Sean O’Malleys Hauszauberkräfte haben sich bis zum Maximum potenziert dank des amplificator magicae. Sie erinnern sich bestimmt. Nun, wir – die Vorstände der anderen Institute - haben sämtliche Archive weltweit nach zaubertätigen Amuletten, Broschen, Armbändern und ähnlichem durchforscht und sie von Sean mit dieser Kraft aufladen lassen. Der arme Junge liegt völlig ausgelaugt in seinem Bett und wird von Auguste Dumarchelier aufs Beste bekocht, damit er rasch wieder zu Kräften kommt. Der Inventorin des Chinesischen Reichs wiederum gelang das Kunststück, diese Artefakte verdoppeln zu können. Eine Verdreifachung wäre möglich gewesen, allerdings unter deutlichem Verlust der magischen Potenz; aber auch mit einer Verdopplung haben wir nun genügende dieser schützenden Schmuckstücke hergestellt, um sämtliche Agenten und Agentinnen ausstatten zu können, die nicht von magischer Natur sind.

Die Kommunikation der Institute untereinander, die jahrhundertelang unmöglich war – sie läuft recht gut. Stehen sowohl an Start- wie auch Zielort die Ewigen bereit, so können wir nun über die Hauptquellen von Kontinent zu Kontinent reisen. Was wir allerdings nicht tun. Nicht nur, dass viele von uns zu viel in ihrem eigenen Bereich zu tun haben, nein, nicht alle Vorstände haben den Ernst der Lage begriffen. Wir reden zwar mit allen, aber dennoch sind es zur Zeit nur die Bereiche Westliches Europa, Russia, Scandinavia, Ägyptisches und Chinesisches Reich, die sich austauschen und helfen. Die anderen halten unsere Berichte für übertrieben und können nicht glauben, die Ordnenden Mächte seien verschwunden; mittlerweile gibt es Ewige, die von einem erneuten Kontakt zu berichten wissen.

Was nicht sein kann. Doña Clara, die unfreiwillige Urmutter sämtlicher Strigoi, hatte sich hinauf begeben in die Sphären der Ordnenden Mächte, doch die Hallen waren leer und von schwarzem Schleim bedeckt. Sie hat sich bereit erklärt, diese Reise ein zweites Mal zu unternehmen, doch ist sie überzeugt, es habe sich keine Änderung eingestellt. Unsere Ewigen allerdings – Fräulein Fortunati und Herr Custodis – wissen mit Sicherheit zu sagen, dass die Ewigen der anderen Bereiche keinesfalls lügen. Was wiederum die Frage aufwirft: Von wem werden sie kontaktiert, wenn nicht von den Ordnenden Mächten? Und weshalb sie? Das aber ist eine Frage, die uns im Augenblick am wenigsten beschäftigt; wie ich sagte, wir haben genug zu tun. Obwohl die Antwort auf diese Frage wichtig sein mag und das besonders im Hinblick auf den Bereich Mittleres Amerika: Dort hat man eine Magische Quelle entdeckt, die ebenfalls Verbindung zur Dunkelsten Welt hat. Man hat Agenten ausgesandt, um nach Wesen dieser Welt zu suchen. Davon aber hören wir nichts mehr, sondern vernehmen stattdessen ungewohnte Töne aus dem amerikanischen Institut. Von dort aus nämlich beschuldigt uns dessen Leiter – ein Mr. William Egbert Wallington – der Panikmache und der Lüge. Weshalb wir das tun sollten, was er sich von diesen unkollegialen Angriffen verspricht und ob am Ende er ebenso von einem Dämon übernommen worden ist, wie es Sabenius mit Sören getan hatte, das sollten wir ebenfalls herausfinden.

Aber es fehlt uns an Zeit und Personal. Odila O’Malley, meine Zeitenspringerin, ist heute Morgen bereits aufgebrochen. Sie erinnern sich der Keller der Zeit? Jenes Labyrinth, dessen Gänge und Treppen zu wichtigen Ereignissen in unserer Welt und vermutlich zu jenen der Anderen Welt führt. Sollte diese Vermutung zu treffen, so stehen wir vor einem moralischen Dilemma.

Aber der Reihe nach: Sabenius hatte diese Keller zwar entdeckt, konnte sie jedoch nicht selbst betreten. Wie er von ihnen erfahren hat, das wissen wir nicht. Er hatte Insabeau von Isselheim dort hinein geschickt und sie unsere Vergangenheit verändern lassen. Die Folgen waren beispielsweise Hexenverbrennungen in unermesslicher Zahl, die Französische Revolution (in der Behebung beider Ereignisse war Odila bereits erfolgreich!) und natürlich die Hinrichtung Maria Stuarts mit all den Folgen, die es mit sich bringt, wenn ein Staat sich zu einer solchen Schandtat hinreißen lässt. Und eben jene Hinrichtung muss von Odila unbedingt verhindert werden. Ein blutiges Beispiel, einmal gegeben, zieht immer Nachahmer mit sich. Eine Hemmschwelle, die sich absenkt, lädt ein zu immer grausigeren Taten. Odilas Aufgabe ist schwieriger jetzt als zuvor, denn der ideale Zeitpunkt für ihr Eingreifen waren jene Tage, die Maria und Elisabeth gemeinsam auf Schloss Windsor verbrachten. Die Zeit also, zu der Odila durch eigene Kraft nicht noch einmal gelangen kann.

Nach dem Kästchen des Meister Melchior fragen Sie? Ja, damit hatte Odila wahrhaftig ein zweites Mal Maximilien de Robespierre aufsuchen können, hatte ihn und Insabeau noch einmal aufeinandertreffen lassen, aber es hat dies so viel Magie benötigt, dass der Apparat nun nutzlos ist. Und auch von seinem Trank, der es ihr gestattete, Insabeau mitzunehmen, ist kein Tropfen mehr übrig. Natürlich haben wir Meister Melchiors Rezepturen, aber er hat Ingredienzen verwendet, die damals schon sehr selten waren und heute kaum noch zu bekommen sind. Unser Herr Inventoris wird versuchen, sie zu ersetzen oder künstlich herzustellen.

Aber lassen Sie mich zurückkehren zu dem Dilemma, das die Keller der Zeit für uns darstellen: Bislang nahmen wir an, wir wären der Anderen Welt allein durch das fenestra mundi verbunden. Eine einseitige Verbindung, die uns stets zum Vorteil gereichte, sehen wir von den Kosmischen Wellen ab, die über uns hinwegrollen, wenn dorteine Katastrophe hereinbricht. Ansonsten aber lernen wir, welche Fehler in der Zukunft von uns zu vermeiden sind. Dass wir nun aber auch über diese geheimnisvollen Keller miteinander verbunden sind, das ist beunruhigend. Wäre es also möglich, dass auch diese so viel brutalere Welt einen Weg zu uns finden kann, wie es der Dunkelsten Welt über die Magischen Quellen gelang?

Aber selbst, wenn das nicht der Fall ist, so befinden wir uns in einer Zwickmühle: Nun, da wir von diesen Zugängen wissen, ist es da nicht unsere Pflicht, auch die Andere Welt in eine bessere zu verwandeln? Doch wäre unsere Magie überhaupt in der Lage, dort etwas auszurichten? Oder brächten wir uns damit selbst in noch größere Gefahr?

Das andere Problem ist: Trotzdem eine meiner Vorgängerinnen, Magdalena Brodka, dringlich darum bat, hat Odila vorgeschlagen, die Keller der Zeit nicht dauerhaft zu verschließen, weil sie, so sie denn irgendwann erkundet und katalogisiert sein werden, die Verbesserung unserer Vergangenheit auch für Nicht-Zeitenspringerinnen ermöglicht. Wir wollen darüber noch einmal sprechen, wenn sie zurück ist aus dem Frankreich des Jahres 1559.

Dort ist sie nun und versucht erneut, die Geschichte zu ändern. Und ich muss sagen, es fällt mir schwer, unsere Jüngste so sich selbst überlassen zu müssen. Sie ist gereift während ihrer ersten Mission, das unbedingt, aber dennoch wäre es mir lieb, hätten wir schon all die Erfindungen parat, die unser Herr Inventoris in Aussicht gestellt hat. Apparaturen, die ein gemeinsames Reisen in die Vergangenheit ermöglichen oder die Melisandes Feuerkraft für alle verfügbar machen. Er arbeitet Tag und Nacht und Odilas Hinweis auf das Blut, das die gemeinsam Reisenden vermischen sollten, wie es Insabeau getan hat, scheint sich als richtig zu erweisen. Aber noch ist die Erfindung nicht ausgereift.

Wie bitte? Ja, da haben Sie recht. Selbst wenn ich Odila eine Begleitung an die Seite hätte geben können, so könnte ich doch weder Swanhild noch Melisande von ihren Aufgaben abziehen. Aber ihr Bruder hätte mit ihr reisen können oder Eveline Calibrini. Wobei Eveline und ihr Mann Gianbattista nach Neapel gereist sind. Dort leben die Baldicini, jene andere bedeutende Familie an Gestaltwandlern, die sich uns sofort angeschlossen haben im Kampf gegen Gabriella Calibrini und Sabenius.

Was mit diesen beiden ist, wollen Sie wissen? Noch befinden sie sich in Schottland bei Angus MacDougall, noch ist die Calibrini damit beschäftigt, sich feiern zu lassen. Der alte Angus streicht liebedienerisch um sie herum, nennt sie bereitwillig Hoheit und buckelt, als habe er sein Leben lang auf eine Herrscherin gewartet, die ihm Befehle erteilt. Und sie behandelt ihn wie ihr geliebtes Schoßhündchen, streichelt ihm über den Kopf und verspricht ihm höchste Ehren und tägliche Beute. Das nun wissen wir, weil Lionel MacDougall unser Verbündeter ist und uns fortlaufend unterrichtet. Genauer gesagt unterrichtet er Karel, der wiederum alles an Swanhild weiterleitet, die ihrerseits aus eigener Kraft erfühlt, was die Calibrini sagt und tut und gelegentlich durch ihre Verbindung zu Doña Clara sogar all das deutlich sieht. Lionel liefert dazu alles, was im Hintergrund geschieht, was Angus wirklich sagt und denkt. Es ist dieses vampirische Netzwerk durchaus interessant zu beobachten: Swanhild sitzt beispielsweise mit uns am Frühstückstisch, isst wohl auch und trinkt, aber ist dabei kaum anwesend, da vor ihrem inneren Auge sich all diese Informationen zu einem klaren Bild vereinen. Von dem sie uns, dessen bin ich mir sicher, kaum die Hälfte zeigt. Sie trennt, so sagt sie, zwischen ihrer Aufgabe der Menschheit gegenüber und ihrer eigenen Bestimmung, zur Königin der Strigoi werden zu müssen.

Sie ist nach wie vor gelassen, wenn auch ein kalter Ärger in ihr tobt. Es ist ihr diese Angelegenheit zuwider, es ist ihr die Calibrini zuwider und die Handlungen der MacDougalls erst recht. Und ich denke, es fällt ihr schwer, abzuwarten; zu gerne würde sie auf der Stelle nach Schottland aufbrechen und für Ordnung sorgen, aber alleine gegen diese unheilige Allianz vorzugehen, wäre dumm und leichtsinnig. Beides trifft nicht auf Swanhild Serban-Jørgensen zu. Solange auf Angus' Festung nur geschwafelt und von einer blutigen Zukunft geträumt wird, besteht kein Grund für ein solch waghalsiges Unternehmen. Die Calibrini wird nicht ewig dortbleiben, sie wird bald weiterziehen und andere Clans aufsuchen, um sich deren Unterstützung zu sichern. Nehmen wir an.

Sie fragen nach Karel? Karel befindet sich zur Zeit bei Michal Tomáš Balan-Mérémière auf dem Stammsitz des französischen Teils seiner Familie, einem Schlösschen an der Loire. Dort übt er mit ihm die Etikette des Wiener Hofs ein, hilft bei der Auswahl der für einen Prinzgemahl passenden Kleidung und paukt mit ihm Geschichte und Politik des Habsburger Reiches. All das, damit er für Erzherzogin Elisabeth Marie nicht nur die Liebe ihres Lebens ist, sondern dazu ein verständiger Berater, wenn sie dereinst zur Kaiserin gekrönt werden wird. Nur das Beste vermeldet Karel; Michal ist verliebt bis sonst hinaus in die Thronfolgerin, er tanzt anmutig und beweist während der Schulstunden einen hervorragenden Sinn für Diplomatie und Intrige.

Erzsi wiederum befindet sich seit heute Mittag in unserer unmittelbaren Nachbarschaft; sie ist der Einladung der Bonner Kurfürstin Augusta Amalie gefolgt, die ihr zeigt, wie sie die täglichen Regierungsgeschäfte erledigt – es unterscheidet sich unsere Kurfürstin in ihrer Sorge um das Volk doch beträchtlich von der Art und Weise, wie es die Habsburger in der Hofburg zu handhaben pflegen.

Dieses Arrangement hat den Vorteil, dass Melisande endlich einmal nicht in Wien zu sein hat. Zwar ist sie den Tag über im Schloss und begleitet die beiden Damen bei all ihren Erledigungen, sorgt auch unauffällig für eine glückliche Hand und beste Laune, doch abends ist sie im Institut, wo sie sich von den Anstrengungen des Tages erholt.

Welche Anstrengungen ich meine? Ob ein Sören und eine Odila nicht ein härteres Los haben? Nun, wenn es um die reine Gefahr geht, dann mag das wohl stimmen, doch von Erzsis Glück hängen Wohl und Wehe meines Bereichs ab. Diese Vereinigung zwischen einer künftigen Monarchin und einem Strigoi aus einem mächtigen Geschlecht ist historisch. Eine märchenhafte Hochzeit, eine glückliche Braut und ein bewunderter Bräutigam dürften viel beitragen zur Stabilität Europas und zum Misserfolg der Calibrini. Nun ist aber unsere Erzherzogin gerade einmal sechzehn Jahre alt und von durchaus sturem Charakter; auch neigt sie zu einer gewissen Ungeduld – Sie können sich wohl denken, dass Melisande ihre gesamte Kraft in dieses Projekt steckt, gegen das einige Seiten opponieren.

Was mit mir ist? Weshalb ich so müde bin und was ich Melisandes Heilkraft zu verdanken habe? Nun, ich war in der Dunkelsten Welt. Dottore Vanitella hat den Zugang auf der Pariser Seine-Insel derart gestaltet, dass ich hindurch konnte. Sie erinnern sich, ich wollte den Namen von Sabenius' Mutter herausfinden. Man gewänne Macht über eine Nachtmahrin, so hatte der Inkubus der Calibrini gesagt, wenn man sie bei ihrem Namen nennen könne.

Doch noch kann ich keinen Erfolg vermelden. Ich kam nicht sehr weit, denn ich geriet mitten hinein in einen Aufstand. Nach wie vor leisten einige der Dämonen Widerstand gegen ihre Absetzung und leider befindet sich der Pariser Ausgang in einem Ort, in denen sich ausgerechnet Banshees und Nosferati gemeinsam verschanzten. Ich hatte enormes Glück, dass ich ihnen entkommen konnte. Wirklich enormes Glück. Ich kletterte aus dem Brunnen und marschierte los in die Richtung, die Swanhild mir genannt hatte. Bald schon kam ich an ein Dorf, das mir einen ruhigen und einladenden Eindruck machte. Ich muss gestehen, ich hätte mich nicht mehr irren können. Kaum hatte ich einen Fuß hinein gesetzt, als ein unmenschlicher Schrei mich zu Boden streckte – ich glaubte, mir müsse der Schädel zerbersten. Dann griffen die Klauen eines halbverwesten Nosferati nach mir und ich sah mein letztes Stündchen schon gekommen, als dieser mich fallenließ und davonjagte unter dem lauten Kampfgeschrei einer Hundertschaft der Rebellen. Man hielt mich für einen Bewohner der Dunkelsten Welt, man freute sich, mich gerettet zu haben, drückte mir einen Langbogen in die Hand und erwartete, dass ich mittat bei der Jagd. Was ich tat. Sie erinnern sich, die Zeit dort vergeht anders. Zwei Tage unserer Zeit, zehn Tage dort war ich gezwungen, im Kampf mitzumischen. Mehr als eine Wunde trug ich davon, unter anderem ein geplatztes Trommelfell, mehrere Bisswunden und – als wir in ein Rudel Orks gerieten – heftige Prellungen, Kratzer überall und eine gebrochene Rippe. Aber ich habe es nicht nur überstanden, ich habe mich wacker geschlagen, was ich mir niemals zugetraut hätte. Das Örtchen jedenfalls ist von seinen Unterdrückern befreit und ich schleppte mich heim, verletzt zwar und ohne den gewünschten Namen, doch um eine wichtige Erfahrung reicher.

Ja. So also steht es, das ist die momentane Lage. Wir sind der Ordnenden Mächte verlustig und müssen herausfinden, wo sie sind. Scandinavia wird belagert, eine Fürstenhochzeit soll Frieden bringen, Swanhild hat eine Gegnerin niederzuringen und eine Krone zu erkämpfen und Odila muss Maria Stuart dazu bringen, sich mit Elisabeth auszusöhnen. Und das sind nur die Aufgaben, von denen wir wissen. Da lauert mehr auf uns in den Schatten ...

Paris im Juni 1559

Schon bei der leichtesten Brise hob sich die Spitze des hohen Kragens und schlug ihr ins Gesicht. Odila O’Malley zupfte unentwegt daran, ärgerte sich, dass sie zu wenig Stärke verwendet hatte und nun von einer solchen Lappalie in ihren Überlegungen gestört wurde. Aber wie hätte sie die Zeit finden können, ihre Garderobe angemessen vorzubereiten, da sie doch in weniger als zwei Tagen alles hatte lernen müssen, was es über die Ereignisse und Personen am französischen Hofe zu wissen gab? Und einen Plan hatte sie ebenfalls ausarbeiten müssen, der sie dazu befähigte, Zutritt zu diesem erlauchten Kreis zu erhalten. Zu einem Kreis, in dem sie womöglich auch auf ihre geliebte Seton traf. Eine jüngere Seton allerdings, die keine Odila kannte und sich ihrer Neigung zu Frauen womöglich noch nicht bewusst war.

Schneller schritt Odila aus, hob die Röcke an, um noch rascher voranzukommen. Und mahnte sich, ihre Sehnsucht nach Seton sei bedeutungslos, deshalb sei sie nicht hier! Keinen weiteren Gedanken sollte sie daran verschwenden, so wenig wie an diesen störenden Kragen.

»Heilige Brigid!« Erschrocken sprang sie zur Seite, als eine Kutsche dicht an ihr vorbeirauschte und ein alter Mann sie ihrer Unachtsamkeit wegen anpöbelte. Wirklich, sie musste besser aufpassen, sonst würde sie Seton nicht einmal aus der Ferne sehen. Mit mehr Aufmerksamkeit setzte sie ihren Weg fort und noch einmal ging sie die Legende durch, die sie sich zurechtgelegt hatte.

Als Odile du Bon Sens-Malien würde sie sich ausgeben, hatte auch die nötigen Papiere, um diese Herkunft zu beweisen. Und hoffentlich das passende Auftreten für eine junge und wenig vermögende Landadlige, die zum ersten Mal Paris besucht, um – diese Geschichte bewährte sich leider über alle Orte und Zeiten hinweg! – einen Gemahl zu finden. Ihr dunkelrotes Kleid und das schwarze Käppchen mit der Pfauenfeder hatte sie nach diesem vorgeblichen Wunsche gewählt; so wenig es ihrem Charakter auch entsprach, so sehr war ihr doch daran gelegen, sich aufzuputzen, um ihre Geschichte glaubwürdig erscheinen zu lassen. Und in der Tat drehten sich nun einige der Herren um, die nahe der Porte Saint-Antoine lungerten, riefen ihr Komplimente und Grußworte zu, erfragten, wo man die reizende Demoiselle antreffen könne.

Solche Galanterien waren Odila fremd und wenig lieb, wusste sie doch nicht, wie damit umzugehen war. Hocherhobenen Kopfes strebte sie an der Gruppe vorbei, kam jedoch nicht allzu weit. Einer der Jünglinge, kaum älter als sie selbst, warf sich ihr entgegen, verbeugte sich übertrieben tief und bot sich als der beste Führer an, den sie finden könne. »Seien es die breiten Straßen Lutetias bei Tage oder aber ihre engen Gassen bei Nacht, verlasst Euch auf mich, entzückendste Demoiselle, ich werde gehen, wohin Ihr es befehlt.«

»Dann seid doch so gut, werter Herr, Euch zu Euren Freunden zu gesellen und mich ungestört meiner Wege ziehen zu lassen.«

»Aber nein, das meint Ihr nicht ernst! Eine holde Dame wie Ihr will es nicht wagen, Ihren Fuß ungeleitet in diese große Stadt zu setzen. Was denkt denn Ihr, welch ungehobelte Burschen Euch belästigen werden ohne meinen Schutz? Schlimmer noch, Euch werden die Herren des Hofes entdecken, und das glaubt mir, mein schönes Kind, deren Verführungskünsten habt Ihr nichts entgegenzusetzen. Nein, bitte, nehmt meinen Arm und verlasst Euch auf mich.«

»Wer sagt mir, dass Ihr nicht einer von ihnen seid?«

Der Jüngling lachte und wies auf seine zwar ausgesprochen modische, jedoch nahezu schmucklose Kleidung. »Sehe ich aus wie ein Guise? Oder sonst ein Herzog?«»Nein, das tut Ihr nicht. Ich hielt Euch vielmehr für einen der ungehobelten Burschen.«

Gelächter ertönte; die Freunde des fremden Herrn amüsierten sich prächtig über dessen Misserfolg. Der nahm es mit Humor und lobte Odila für ihre Schlagfertigkeit. Ein Kompliment, das sie nicht verwunderte, hatte sie doch die Macht ihrer Stimme eingesetzt, um vor jeglichem Ungemach geschützt zu sein – eine Gruppe fremder und übermütiger Herren hatte immer schon etwas Bedrohliches für sie gehabt. So aber, wie der Jüngling ihr zuzwinkerte und ein zweites Mal anbot, sie zu begleiten, da gewann sie den Eindruck, er meine es wahrhaftig gut mit ihr. Genauer besah sie ihn. Ein freundliches Gesicht hatte er, nicht unbedingt schön zu nennen, doch anziehend. Schwarzes Haar fiel ihm in die Stirn, die braunen Augen strahlten vor Lebensfreude und sein Mund schien nur zu bereit, aller Welt ein Scherzwort zu gönnen. Recht schmal war der Fremde gebaut und kaum größer als Odila. Das gab den Ausschlag. Sie lächelte. »Wie wollt Ihr mich vor den üblen Burschen schützen, wenn diese groß und breit sind?«

»Nichts leichter als das, liebwerte Demoiselle. Ich singe Ihnen was, das sollte helfen.«

»So seid Ihr Sänger und gewinnt ihre Herzen mit dem Liebreiz Eurer Kunst?«

Er lachte. »Weit entfernt, weit entfernt. Nach zwei Takten meiner Darbietung suchen selbst Riesen mit blutenden Ohren das Weite. Ihr seht, ich bin der beste Schutz, den eine junge Dame in einer fremden Stadt haben kann.«

»Weshalb denkt Ihr, ich sei hier fremd?«

»Das denke ich nicht nur, das sehe ich. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, ich kenne jeden Winkel und jede Ecke. Und ich weiß, welche Fräulein hier wachsen, wie sie auftreten und reden. Nun enttäuscht mich nicht und sagt mir, woher Ihr kommt.«

»Odile du Bon Sens-Malien aus einem winzigen Örtchen nahe der Stadt Toulouse.«

»Ein Name wie für Euch gemacht.« Noch einmal verbeugte Nicolas sich.

»Und Euer Name? Wie heißt Ihr?«

»Gnädige Demoiselle, Ihr sehet vor Euch den hochedlen, doch entsetzlich armen Nicolas de Chartour. Wohin also zieht es Euch?«

Odila dachte nach. Dieses Paris sah gänzlich anders aus als das Paris gute zweihundert Jahre später und nur ungern wollte sie lange darin umherirren. »Unbedingt wünsche ich, Madame de Poitiers zu sprechen.«

Nicolas nickte bedächtig. »Die schöne Diane also. Ihr möchtet aber nicht den König erdolchen oder sonst etwas in dieser Art unternehmen?«

»Im Gegenteil, Monsieur de Chartour, ich gedenke, den König zu retten.«

»Retten wollt Ihr ihn? Vor was denn nur? Seht Euch um und sagt mir, welch Unglück ihm drohen soll in der prächtigsten Stadt der Welt, da doch all seine Bewohner in der besten Stimmung sind.«

Mittlerweile hatten sie das Tor passiert und wandelten auf der Rue de Saint-Antoine, einer Straße von beachtlicher Breite, in der sich allerlei Volk jeden Standes versammelt hatte. In der Tat war die Stimmung ausgelassen: Es war ein herrlicher Sommertag und es standen Feierlichkeiten zu Ehren der Königstochter Elisabeth an. Diese würde bald den spanischen Thronfolger heiraten und damit die schon lange währenden Streitigkeiten mit dem Nachbarland beenden; immerzu ja hatte man beiderseits der Grenze befürchtet, es könne zu mehr als den Scharmützeln kommen, bei denen man sich Beleidigungen zurief und zu schießen drohte. Diese ständigen Reibereien wurden befeuert durch die Religionsstreitigkeiten in Frankreich: Da waren die Protestanten verschiedener Couleur, die weder einander grün waren noch mit den beiden katholischen Glaubensgemeinschaften sich verstanden. Dazu kamen die Vestalinnen, die über gut hundert Jahre keinen einzigen Tempel in Frankreich unterhalten hatten, aber jetzt dank ihrer prominenten Fürsprecherin Diane de Poitiers mitten in Paris das Ewige Feuer bewachten. Das nun störte vor allem die Anhänger des schottischen John Knox, die am liebsten alles Weibsvolk ins Haus verbannt sähen. Allzu viele Getreue hatte der heuchlerische Prediger in Paris zwar nicht, doch dafür trat seine kleine Schar besonders laut und unverschämt auf. Kein Wunder, lebte hier doch die von Knox gehasste Königin der Schotten. Man ließ es sich angelegen sein, garstige Parolen zu skandieren, wo Maria Stuart zugegen war. Meist wurde das widerliche Geschrei von den Umstehenden erstickt, mehr als einmal bezogen die Maulhelden Prügel, aber doch sorgten auch sie für die vergiftete Atmosphäre, die in etwa drei Jahren für die hundert Toten des Religionskampfs sorgen würde.

Wobei Odila auch das verhindern zu gedachte, da sie nun einmal vor Ort war. Ja, wenn ihr gelänge, was sie sich vorgenommen hatte, so mochte es wohl geschehen, die Lage ändere sich nicht allein für Maria Stuart zum Besseren. Immerhin hatte sie eine Woche Zeit, Diane de Poitiers, die Maitresse des Königs, für sich zu gewinnen und auch den Herrscher zu überzeugen, keinesfalls an der Tjoste teilzunehmen.

»Halt, halt, schöne Demoiselle, wohin wollt Ihr denn? Ich dachte, Ihr wolltet Madame de Poitiers Eure Aufwartung machen?«

Odila blieb stehen; kaum fünf Minuten war sie ja mit Nicolas unterwegs gewesen. Sie hatte sich auf einen längeren Marsch gefasst gemacht und blickte um sich, erstaunt und etwas verunsichert. Noch immer standen sie auf der Rue Saint-Antoine und kein Gebäude sah sie, in dem sie die Geliebte Heinrichs II. vermuten würde. Immerhin war die Duchesse de Valentinois et d’Étampes für ihren erlesenen und teuren Geschmack bekannt. Doch hier befanden sich keine Renaissance-Paläste, hier standen im Schatten der Bastille hohe und schmale Fachwerkhäuser zur Linken und halbhohe Mauern mit Türmchen und Törchen zur Rechten.

Auf eines dieser Törchen ging Nicolas zu. »Habt Ihr Sorge, ich wolle Euch in ein dunkles Verlies verbringen? Nun kommt doch, wenn Ihr zu Madame de Poitiers wollt.«

Odila trat näher. Und wunderte sich erneut: Hinter diesen Mauern lagen Stallungen, Gärten, Höfe und lang gestreckte Gebäude großen Ausmaßes. Auch diese waren zwar von mittelalterlicher Bauweise, jedoch deutlich prächtiger als die umliegenden Häuser. Hier würde es eine Herzogin wohl aushalten können.

Nicolas ging weiter voran, ein zweites Tor durchschritten sie. »Das also ist das Hôtel des Tournelles, verehrte Demoiselle, hier lebt und liebt die schöne Diane, wenn sie in Paris ist. Ganz so wie es zuvor andere schöne Damen taten, die mit anderen Königen liiert waren.«

»Und ein jeder kann so einfach hier eintreten?«

»Ah, eine kluge Frage, werte Demoiselle.« Einen Schlüssel hielt der Jüngling hoch. »Vielleicht hätte ich anfügen sollen, dass ich die Ehre habe, in den Diensten der Duchesse d’Étampes zu stehen. Wenn Ihr, Mademoiselle du Bon Sens-Malien, also diese Dame zu sprechen wünscht, so hättet Ihr kaum einen geeigneteren Begleiter finden können als mich. Das seht Ihr wohl ein?«

»Dann danke ich dem Schicksal von Herzen für Eure Hilfe.«

»Dankt dem Schicksal, wie Ihr mögt, aber habt auch ein nettes Wort für mich übrig.«

»Auch Euch danke ich, Monsieur de Chartour. Wollt Ihr denn auch darin helfen, mich mit der Herzogin bekannt zu machen?«

Nicolas nickte, wandte sich dem größten der Gebäude zu, vor dem mehrere Arbeiter eine aus Holz errichtete Loge mit Bannern und Teppichen versahen. Mit Blumen gefüllte Körbe standen bereit, bunte Bänder lagen daneben.

»Sind das schon die Vorbereitungen für die Feiern?«, fragte Odila. Sie wunderte sich sehr über die fast erblühten Blumen; diese würden doch kaum eine Woche lang ihre Schönheit behalten.

»Schon? Ich würde sagen, es sind die Dienstboten der Herzogin etwas hinterher. Die Umrandung ist noch nicht errichtet und längst sollten schon die Sessel auf der Tribüne stehen. Sie dürfte wenig erfreut sein, wenn sie vom Stand der Arbeiten erfährt.«

»Sagt, welcher Tag ist heute?«

»Eine eigenartige Frage, liebwerte Demoiselle. Donnerstag ist es. Der letzte Donnerstag des Monats.«

»Oh. Nun, ich ... Es war eine lange Reise aus dem Süden hierher, ich muss unterwegs wohl einen Tag verloren haben.« Odila lachte, wenn ihr auch nicht im Geringsten danach zumute war. Sie hatte geplant, am Mittwoch, dem 22. Juni 1559, anzukommen, eine gute Woche vor dem Turnier. Was war denn nur schiefgegangen? Hatte sie sich nicht genügend konzentriert? Und - wichtiger noch - wie sollte sie in weniger als vierundzwanzig Stunden eine der mächtigsten und klügsten Frauen dieses Landes zu ihrer Freundin machen und sogar Einfluss auf den König nehmen? Sie seufzte, räusperte sich, kämpfte gegen die aufsteigende Hoffnungslosigkeit an.

»Ist Euch unwohl? Ihr seid bleich.« Nicolas legte seine Hand um Odilas Taille und schob sie ins Haus hinein. Aus der Halle, von der aus zwei Treppen zu beiden Seiten aufstiegen, führte er sie in einen schmalen Gang, brachte sie in ein kleines, ganz und gar mit Holz getäfeltes Zimmer. »Zur Zeit hält sich nicht allein die Herzogin im Hôtel des Tournelles auf, sondern auch die königliche Familie. Und verzeiht, wenn ich so deutlich werde, aber da will es mir doch einen eigentümlichen Zufall scheinen, wenn ausgerechnet nun eine junge Dame die Bekanntschaft der Herzogin sucht. Wollt Ihr also bitte die Güte haben, mir zu sagen, was genau Euch hierher geführt hat?«

Nun erst kam es Odila so recht zu Bewusstsein, dass sie sich alleine mit einem Fremden in diesem Räumchen befand. Niemand wusste, wo sie war, niemand würde helfen, wenn Chartour ihr etwas antun wollte. Seltsam verändert kam er ihr vor, irgendwie kühler, älter, sogar weniger schmächtig. Das war nicht gut. Mit zwei Schritten war sie an der Tür, wollte hinaus, doch schon sprang er vor, zog sie zurück und drückte sie auf einen Lehnstuhl, hielt ihre Hände fest umklammert. »Werte Dame, seid vernünftig, das rate ich Euch.«

Ganz Ähnliches riet Melisande Meyerbrinck ihrem Schützling, der Erzherzogin Elisabeth Marie, als diese am Mittwochvormittag zum wiederholten Male aufsprang, an das Fenster eilte und darum bettelte, endlich hinaus zu dürfen, um die entzückende Stadt am schönen Rhein zu erkunden. »Bitte, bitte, liebste Melisande, sei doch nicht so garstig mit mir! Diese Strenge, diese Kälte, die stehen dir nicht zu Gesicht. Eine Stunde nur, eine winzige, kurze Stunde nur, die musst du mir gestatten. Bitte!«

»Erzsi, die Kurfürstin erwartet dich in wenigen Minuten. Schon deshalb kannst du nicht hinaus. Und dazu weiß niemand, du bist hier, und das soll auch so bleiben. Nun also bitte, konzentriere dich: Welchen Prozentsatz gibt Augusta Amalie als den niedrigsten an, mit dem eine Verbesserung der -«

»Ich weiß das alles und das wiederum weißt du genau. Seit Wochen lerne ich, dass mir der Kopf raucht, und dabei soll ich doch in wenigen Tagen schon die schönste und glücklichste Braut darstellen, die die Welt je gesehen hat. Aber sage mir, süße, beste Melisande, wie das gehen soll, wenn ich vom ständigen in der Stube hocken dunkle Augenringe und einen fahlen Teint bekomme? Wenn ich an nichts anderes denken darf als an Armenhilfe, Krankenspeisung und diplomatische Geheimakten? Und wann, so frage ich dich, soll ich jemals etwas vom Volke erfahren, wenn ich es nicht einmal von nahem sehen darf?«

»Erzsi, ich -«

»Schau, allerbeste Melisande, hier kennt mich niemand auf den ersten Blick, den Bonnern bin ich ja fremd. Wenn ich erst einmal wieder in Wien und verheiratet bin, wenn ich in allen Zeitungen drin war mit meinem Konterfei, dann ist es doch aus mit den heimlichen Studien am Volk, gell? Ich bitt' dich also recht schön, lass mich hinaus!«

»Erzsi -«

»Kommst halt mit, wenn du mir allein nicht traust. Bestimmt hat’s auch hier in Bonn ein gemütliches Kaffeehaus, in das wir uns setzen können, meinst nicht? Und es muss ja nicht jetzt auf der Stell' sein, essen wir halt noch mit der Augusta Amalie und meinethalben soll’s mich auch abfragen, aber dann, dann gehen wir raus, süße, feine Melisande. Versprochen? Sag ja, oh, bitte, bitte, sag schon endlich ja, bevor ich vergeh'!«

Wirklich, so dachte Melisande, dieses Flöhehüten, von dem alle Welt immer spricht, das muss wohl ein Kinderspiel sein gegen das hier. Erzsi war doch ansonsten eine ausgesprochen vernünftige Person, aber seit sie in Michal verliebt ist, ist sie ein ebenso alberner Backfisch, wie es all die anderen Mädchen in dem Alter auch sind. Man konnte nur hoffen, sie würde wieder zur Ruhe gekommen sein, wenn sie erst einmal einige Monate verheiratet war. Wenn bis dahin nur nichts geschieht, das eine kluge Thronfolgerin erfordert anstatt dieser zappelnden Person, die an nichts als Liebe und Vergnügen dachte. Und sehnte sie sich nicht nach Michal, so klagte sie über Langweile oder Fronarbeit.

»Bitte!« Wie ein Kleinkind an das Schürzenband der Mutter hängte die Erzherzogin sich an Melisandes Arm. »Sag ja, dann will ich auch fleißig sein.«

»Nun, ein kurzer Ausflug schadet vielleicht nicht.«

»Vielleicht kannst du mir zeigen, wie du wohnst?«

»Das ganz sicher nicht. Es reicht aus, dass du vom Institut weißt.«

»Ich finde es etwas verletzend, dass du mir nicht traust, da ich doch alles tue, was du mir rätst.«

»Versuche es gar nicht erst, mich überzeugst du nicht.« Melisande lachte, strich aber vorsichtshalber leicht über Erzsis Hand, erfüllte die junge Frau mit Zufriedenheit, auf dass nicht doch ein leiser Zweifel sich in ihr festsetzen möge. »Wir gehen in einer Stunde, ziehe dir etwas Schlichtes an. Ich hole dich ab.«

»Bleibe doch bitte, ansonsten wird die Kurfürstin mich über Suppe und Dessert examinieren.«

»Das wirst du brav über dich ergehen lassen. In einer Stunde bin ich zurück.«

Auguste Dumarchelier, der Herr über das leibliche Wohl, brachte eben seine neueste Kreation zu Tisch, als Melisande in das sonnige Speisezimmer trat. Sie schnupperte. »Das duftet herrlich. Ich habe einen Hunger, es ist kaum zu beschreiben.«

Swanhild schnaubte. »Wunder und Zeichen. Wann hast du einmal keinen Appetit?«

»Ach, Appetit habe ich immer, Hunger aber doch selten.« Frohgemut nahm die Fee sich ein Brötchen und bestrich es liebevoll mit gesalzener Butter, platzierte Tomaten- und Käsescheiben darauf, nahm sich auch von der cremigen Erbsensuppe und den knackigen Möhren. »Auguste, sagen Sie, was duftet denn so wunderbar? Was ist in der Kasserole?«

»Ein Kartoffelgratin mit Blutbeerenjus und Blutblütenkäse. Frau Serban, wenn Sie bitte als Erste kosten? Ich bin mir unsicher, ob die Konzentration des ProVamSana ausreicht, um die Speise für Sie verträglich zu machen.« Mit der ihm eigenen Galanterie reichte er der Vampira den Teller, den er für sie befüllt hatte. »Ich bin, das muss ich sagen, ausgesprochen stolz auf Konsistenz und Farbe des Jus.«

Swanhild probierte, nahm einen zweiten Bissen, einen dritten. Nickte. »Hervorragend.«

»Und der Geschmack?«

»Eine unnötige Frage, Dumarchelier. Alles aus Ihrer Küche schmeckt.«

Der Franzose verbeugte sich, lächelte geschmeichelt. Lud nun auch Melisande eine Portion auf. »Und was sagen Sie?«

»Ich schließe mich Swanhilds Meinung unbedingt an. Es ist himmlisch. Absolut köstlich.« Schon hob sie ihren Teller und bat um eine zweite Portion. »Es reicht doch wohl für alle, ja? Ich muss mich stärken, Erzsi besteht auf einem Spaziergang durch die Stadt und -«

»Und du hast ihr das gestattet?« Anastasius schüttelte den Kopf. »Wir hatten vereinbart, sie solle sich nicht zeigen. Was ist, wenn Sabenius in der Nähe ist und uns beobachtet? Wenn er -«

»Sabenius ist in Schottland.«

»Nein. Er ist heute Morgen aufgebrochen.« Kühl blickte Swanhild in die Runde. »Die Calibrini ist ebenfalls im Aufbruch begriffen. Ich kann noch nicht sehen, wohin sie will.«

Stille antwortete ihrer Eröffnung. Sabenius fernab zu wissen, hatte die Gefahr, in der sie schwebten, vergessen lassen. Fräulein Fortunati setzte die Teetasse ab, dass es klirrte. Anastasius erhob sich, machte einige Schritte vom Tisch fort, sah in den Garten hinaus. Herr Custodis zwirbelte die Enden seines eleganten Schnurrbarts. Auguste Dumarchelier schenkte einen Mokka ein, den er an Melisande weiterreichte. Die wiederum lächelte die Vampira an. »Du wirst also jeden Augenblick aufbrechen?«

»Ja.«

Vom Fenster her fragte Anastasius ohne sich umzudrehen, weshalb Swanhild ihm nicht früher Mitteilung von diesem doch sehr wichtigen Umstand gemacht habe.

»Sie waren beschäftigt.«

»Ich bin immer irgendwie beschäftigt, aber deshalb hält man mir doch keine Informationen vor.«

»Deshalb nicht, nein.« In aller Ruhe nahm Swanhild eine zweite Portion des Gratins.

»Was soll das denn heißen?«

»Ruhig, Olivero, nicht aufregen. Es sind Nebensächlichkeiten, mit denen Sie als Direktor nicht belästigt werden müssen.«

»Ich möchte bitte selbst entscheiden, was eine Nebensächlichkeit -«

»Olivero, bitte. Waren Sie in Ihrem Labor und haben Sie Karels Blut erforscht?«

»Nun, ja. Aber -«

»Und haben Sie ein erstes Ergebnis?«

Anastasius nahm Platz; er wusste wohl, dass er abgelenkt werden sollte, aber wenn es um seine wissenschaftliche Arbeit ging, dann konnte er nicht widerstehen. »Ich habe Karels Probe, die ich während der kurzen Zeitspanne seines erneuten Menschseins nahm, mit derjenigen verglichen, die er mir danach zur Verfügung stellte, und mit jener Zusammensetzung des vampirischen Blutes, die allgemein bekannt ist. Und in der Tat gibt es erstaunliche Unterschiede. Da wären zunächst einmal die rein optischen Diskrepanzen und auch das Verhalten unter Zufuhr von Sauerstoff ist abweichend. Viel interessanter ist jedoch, wie Spurenelemente und Blutkörperchen -«

»Wird sich aus Ihren Erkenntnissen ein Mittel entwickeln lassen, dass bösartigen Vampiren die Kraft entzieht?«

»Oh, also nicht gleich heute oder morgen. Überhaupt ist mein Ziel die Heilung von -«

»Olivero, sprechen Sie nicht von Heilung, sprechen Sie von Strafe. Kein Strigoi möchte zum Menschen werden.«

»Strafe? Das ist doch ein wenig herablassend der Menschheit gegenüber, finden Sie nicht? Immerhin sind doch auch Sie aus dieser Bevölkerungsgruppe hervorgegangen und -«

»Olivero, ich habe keine Zeit für philosophische Plaudereien. Monsieur Dumarchelier, ich danke für das Mahl.« Damit erhob die Vampira sich, nickte in die Runde und verließ das Zimmer.

Odila blieb äußerlich gelassen; auf keinen Fall sollte Nicolas merken, welche Angst sie ausstand. Sie wehrte sich nicht gegen den Druck seiner Hände, sah ihm weiterhin ins Gesicht, setzte eine erstaunte Miene auf. »Glaubt Ihr in allem Ernste, ich trüge eine Waffe bei mir, um unseren guten König Heinrich zu meucheln? Glaubt Ihr, ich wäre so dumm, mich in ein rotes Gewand zu hüllen, auf dass mich ein jeder sieht und bemerkt und sich meiner erinnert?«

Nicolas de Chartour beugte sich noch näher über sie. »Es könnte dies ein besonders kluger Schachzug sein, um Heinrich auf Euch aufmerksam zu machen. Er hat ein Auge für die Zarten und Schlanken, er erfreut sich an modischem Mut. Wenn Ihr erst einmal in seiner Nähe seid, so wird er gewiss mit Euch sprechen wollen. Und Diane wird ihm dies gerne ermöglichen; ihr ist sehr an seinem Vergnügen gelegen.«

»Das wäre gewiss ein guter Plan, wenn ich ihn denn töten wollte und nichts dagegen hätte, auch mein Leben für diese Tat zu opfern.«

»Und das wollt Ihr nicht?«

»Sagte ich Euch nicht bereits, ich sei gekommen, ihn zu retten?«

»Wovor? Von welcher Gefahr wisst Ihr?«

Odila seufzte. Obwohl sie sanft sprach und all ihr Talent einsetzte, ließ Nicolas nicht locker, sondern schien im Gegenteil in seinem Misstrauen noch zu wachsen. Kurz schloss sie die Augen, nahm sich zusammen. Sie würde ihm die Wahrheit sagen. Oder doch einen großen Teil davon. »Euch sagen die Namen Cosimo Ruggieri und Michel de Nostredame etwas?«

Jetzt endlich ließ Nicolas ihre Handgelenke los, ging vor ihr in die Hocke. »Selbstverständlich. Wollt Ihr mir nun einreden, Ihr wäret ebenfalls eine Seherin? Weshalb würdet Ihr dann Madame de Poitiers aufsuchen und nicht die Königin?«

»Weil ich keine Seherin sein muss, um zu wissen, wer Einfluss bei Hofe hat und wer nicht.«

»Also?«

»Die Herren Astrologen haben der Königin vorhergesagt, es sei ein schreckliches Unglück zu erwarten, bestiege Heinrich das Pferd bei der morgigen Tjoste. Katharina hat Heinrich mehrfach gebeten, auf diese Warnung zu hören. Aber er lehnte es ab.«

»Wenn Ihr denkt, Ihr macht Euch mit dieser Geschichte weniger verdächtig, dann irrt Ihr Euch sehr. Eine Jungfer aus Toulouse spaziert hierher und weiß die intimsten Geheimnisse des Hofes?«

»Das wiederum weiß ich, weil ich eine Seherin bin.«

»Seid Ihr das? Und doch sitzt Ihr hier und müsst Euch von mir verhören lassen. Das saht Ihr nicht voraus?«

»Kommt es Euch nicht in den Sinn, dass Ihr derjenige sein müsst, der den König rettet?«

»Sagt nur. All das habt Ihr gesehen und mit Absicht herbeigeführt? Tragt Ihr am Ende gar dieses rote Kleid, um meine Aufmerksamkeit zu erringen? Denn natürlich wusstet Ihr, wo Ihr mich findet und was mir gefällt.«

Unter Umständen, so dachte Odila, hatte sie sich in eine Falle hineingeredet. »Ihr seid albern, Monsieur de Chartour. So deutlich sind Visionen nicht. Ich suche nach einem Ehemann und gedachte, das mit der Rettung des Königs zu verbinden.«

In schallendes Gelächter brach er aus, ja, so sehr lachte er, dass sein Kopf auf ihren Schoß niedersank. Es schüttelte ihn, er bekam sich kaum noch wieder ein. Odila klopfte ihm endlich auf die Schulter. »Sagt, mit welchem Recht eigentlich setzt Ihr mich hier fest und stellt mir diese Fragen? Wer seid Ihr schon, Euch dermaßen zu verhalten?«

»Nun, meine reizende Demoiselle, es wird Euch freuen, meine Antwort zu hören. Denn wahrhaftig bin ich abgestellt, auf König Heinrich zu achten.«

»Ach? Und das tut Ihr von dieser dunklen Kammer aus? Ihr müsst über enorme Zauberkräfte verfügen.«

»Immerhin kenne ich doch einige Personen, die solche Kräfte besitzen. Und Ihr würdet Euch wundern, wenn Ihr wüsstet, auf welch magischen Wegen ich zu reisen pflege.«

»Ihr kennt also Zauberer und zweifelt dennoch meine Worte an? Zweifelt Ihr auch die Worte der Hofastrologen an?«

»Nennt mich respektlos, doch die Herren Ruggieri und Nostredame machen viel Aufhebens von ihren Talenten, die mir gar so groß nicht erscheinen wollen. Tut Ihr das auch? Verpackt Ihr Eure vagen Botschaften in mysteriöse Verse, die erst dann verständlich werden, wenn ein Ereignis eingetroffen ist?«

»Ihr haltet die Herren für Schwindler?«

»Ja. Ich weiß, es gibt magische Wesen in unserer Welt, aber die Astrologen der Königin gehören nicht dazu.« Nicolas musterte Odila. »Wie steht es mit Euch?«

»Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich halte ebenfalls nicht allzu viel von den Herren. Aber in diesem Fall gebe ich ihnen recht. Heinrich darf nicht an dem Turnier teilnehmen.«

»So sehr es mich erfreut, uns beide einer Meinung zu sehen, so zielte meine Frage doch vielmehr auf Euch und Euer Talent ab. Ihr behauptet also weiterhin, eine Seherin zu sein, die auf der Suche nach einem Gemahl ist und nebenbei den König zu erretten gedenkt?«

»Wir drehen uns im Kreise, Monsieur. Und noch immer weiß ich nicht, wie Ihr auf Heinrich zu achten habt. Ihr amüsiertet Euch gar prächtig mit Euren Kumpanen und nun haltet Ihr mich, die Ihr doch nur zufällig kennengelernt habt, hier fest, während sonst etwas Eurem Dienstherrn geschehen könnte.«

»Ihr seid mir zutiefst verdächtig. Was ich sehr bedaure, denn ich finde Euch reizend.«

»Ach?«

»Ja, wirklich, das tue ich. Ich schwanke, ob ich Euch den Wachen übergeben oder Euch meine Hand zur Ehe anbieten soll.«

»Auf beides würde ich gerne verzichten, wenn Ihr gestattet.«

»Ah, Ihr weist mich zurück, ohne auch nur darüber nachgedacht zu haben. Das schmerzt. Bedenkt, es mag sein, Ihr erhaltet kein besseres Angebot.«

»Ich werde es verkraften. Darf ich nun endlich hier heraus? Ich bin müde, ich habe Durst und Hunger.«

»Erzählt mir also, was Heinrich geschehen soll.«

»Welchen Zweck sollte das haben? Wenn wir es nicht verhindern, so werdet Ihr wohl wissen, ich habe nicht gelogen, doch der Preis für dieses Wissen wird hoch sein. Höher als Ihr es Euch denkt. Oder aber wir verhindern seinen Tod, dann werdet Ihr niemals wissen, ob meine Vision hätte wahr werden können.«

»Wie Ihr es bereits sagtet: Wir drehen uns im Kreise. Lasset mich mit gutem Beispiel vorangehen. Ich bin Nicolas de Chartour und seit einem halben Jahr verdinge ich mich als Kammermusiker bei der Herzogin. Aber ich bin weit mehr als das, denn ich habe ein wachsames Auge auf Heinrich und seine Familie und das im Auftrage einer Macht, die über all diesem hier steht und die doch kaum einer kennt. Und nachdem ich so offen zu Euch war, tut mir die Ehre und erklärt Euch gleichermaßen.«

Es kam Odila eine Idee. »Sagt, Monsieur, sprecht Ihr andere Sprachen?«

»Wie? Nun, ja.«

»Deutsch beispielsweise? Oder Englisch? Gälisch? Spanisch? Versteht Ihr die Schotten ebenso wie die Römer oder Griechen? Kommt Ihr herum in der Welt?« All diese Fragen stellte Odila in eben jenen Sprachen, die sie aufzählte, und genau beobachtete sie sein Gesicht und erkannte, er verstand sie mühelos, wenn er auch noch nicht zu begreifen schien, worauf sie anspielte. »Wenn ich einer Dame namens Fortunati von Euch berichtete oder einen Herrn namens Custodis nach Euch fragte, was würden sie mir antworten?«

Nicolas' Verblüffung war groß; seine Kinnlade klappte herunter, seine Stirn runzelte sich. »Ihr werdet mir nachgerade unheimlich. Seid Ihr eine Fee der Apfelinsel oder stammt Ihr aus einem anderen Bereich, dass Ihr all das wisst?«

»Aber nein, ich bin keine Fee. Doch ich arbeite mit einer solchen zusammen. Und mit einer Vampira. Und ich selbst bin eine Zeitenspringerin.«

»Aber woher wisst Ihr vom Institut?«

»Nun, weil ich eine seiner Angestellten bin natürlich.«

»Magisch begabte Wesen arbeiten nur sehr selten für uns.«

»Oh, ich kenne die Historie des Instituts mittlerweile recht gut. Wir drei bilden die erste vollständig magische Kompanie. Und in den wenigen Wochen unserer Tätigkeit haben wir bereits andere Übersinnliche hinzugewonnen. Eine Metamorpha -«

»Metamorphen sind Wesen, denen nicht zu trauen ist!«

»Ach, das gilt nur für die Isselheims, nicht für die Baldicini. Und nicht für Eveline. Sie ist wohl eine Isselheim, aber ohne sie stünden wir weniger gut da. Im Nachhinein ist sogar Insabeau eine Hilfe gewesen, aber es ist gut, dass sie nun Madame de Robespierre ist. Oder doch irgendwann sein wird, betrachten wir es von Eurer Perspektive aus.«

Nicolas nickte, wenn er auch aussah, als ginge das, was Odila ihm mitteilte, über seinen Verstand. »Ihr wollt behaupten, Ihr kämet aus der Zukunft?«

»Wäre ich sonst eine Zeitenspringerin? In die Zukunft kann ich nicht, sie muss erst stattfinden, was sie dann doch wieder zur Vergangenheit macht.«

»Ja, ja ...«

»Ihr glaubt mir doch? Das erklärt ja auch, weshalb ich von Heinrichs Tod weiß.«

»Natürlich ...«

»Was wartet Ihr also noch? Wir haben kaum Zeit, ich muss ja die Herzogin auf meine Seite bekommen und dem König die alberne Tjoste ausreden!«

»Das wollt Ihr an einem einzigen Tag schaffen?«

»Für einen Agenten des Instituts seid Ihr nicht sonderlich aufmerksam; ich teilte Euch doch vorhin schon mit, ich müsse auf meiner Reise wohl Zeit verloren haben.«

»Von Toulouse nach Paris -«

»Nicolas, seid nicht dumm. Ich reise doch nicht auf diese Weise und schon gar nicht von Toulouse aus. Denkt mit und schaut mich nicht an, als wäre ich eine Kuh mit zwei Köpfen. Wir haben zu tun!« An der Hand nahm sie ihn und zog ihn zur Tür. »Aber sagt mir, weshalb Ihr eigentlich hier seid und das schon so lange. Was erwartet Ihr?«

»Habt Ihr denn in den Aufzeichnungen nicht von mir gelesen?«

»Ich hatte nur Zeit, mich mit der offiziellen Geschichtsschreibung zu befassen, nicht auch noch mit den Chroniken des Herrn Custodis. Und so weiß ich nur von Heinrichs Unfall, nicht aber von irgendeiner Tat, die hätte verhindert werden sollen.«

»So ist es mir wohl gelungen, das Attentat zu verhindern.«

»Nun, das mag man so sehen, aber es ist vielmehr Heinrichs Tod, der dem Attentäter zuvorkam. Weshalb war ein solcher auf den König angesetzt?«

»Das Frankreich der Anderen Welt badete in Blut. Obwohl es dort nur Hugenotten und Katholiken gab, reichte das doch aus, um einen entsetzlichen Bürgerkrieg anzufachen, dem Tausende zum Opfer fielen. Und nun, da die Vestalinnen zurück sind, befürchten wir, das könnte all jene Glaubensfanatiker anspornen, die in ihnen eine noch größere Bedrohung sehen.«

»Weil es Frauen sind, die dem Tempel vorstehen?«

»Das womöglich auch, aber vor allem sind es die Weissagungen der vestalischen Priesterinnen, die im Gegensatz zu jenen der königlichen Astrologen zutreffen. Und da sie die streng katholische Diane zu einem Glaubenswechsel gebracht haben, wächst ihr Einfluss stetig, was weder dem Kardinal de Lorraine noch den hugenottischen Predigern gefällt.«

»Weshalb aber habt Ihr dann Heinrich zu beschützen? Warum ist er als Katholik zur Zielscheibe geworden?«

»Weil er nach wie vor alles tut, um die schöne Diane zufriedenzustellen. Immer neue Steuern erhebt er, immer öfter enteignet er Hugenotten und Juden, um ihr noch mehr Land zu übereignen. Und nun fürchten selbst die hochstehendsten Katholiken, es könne ihnen ebenso ergehen.«

»Und dafür würde ein guter Katholik den Mord an seinem König planen?«

»Da gäbe es viele, denen wir das zutrauen; es sind eine Unmenge Verschwörer zugange. Erst vor zwei Wochen habe ich ein solches Komplott verhindert. Und denkt einmal weiter: Wenn der König in dieser momentanen Lage einem Attentat zum Opfer fiele, was geschähe dann? Ein jeder würde die Ursache dafür beim Gegner suchen und allzu schnell erlebten wir einen ähnlichen Bürgerkrieg wie die Andere Welt, nur früher und womöglich schlimmer.«

Odila hörte sich Nicolas' Erklärungen aufmerksam an. Und nahm noch einmal Platz, bat auch ihn, sich niederzulassen. Das hier war nichts, was sie zwischen Tür und Angel besprechen wollte. »Ihr glaubt, die Gefahr eines Attentats ist wahrhaftig so groß? Davon stand nichts in den Geschichtsbüchern.«

»Das glaube ich nicht nur, das weiß ich. Nicht ohne Grund hat mich der Doktor für eine so lange Zeit hierher gesandt.«

»Der Doktor?«

»Doktor Laurentius, der Leiter unseres Instituts.«

»Selbstverständlich, ja. Und was glaubt Ihr, wann diese Gefahr gebannt sein wird?«

»Nicht bevor entweder Heinrich seine allzu intolerante Politik den Hugenotten und Juden gegenüber ändert und weniger Geld für die Herzogin verschwendet oder aber er eines natürlichen Todes stirbt.«

»Ich verstehe. Wenn Heinrich also morgen durch einen Unfall verletzt werden wird und nach zehn Tagen entsetzlicher Qualen stirbt, dann wäre die Gefahr des Bürgerkriegs gebannt?«

»So weit wollte ich nicht gehen, das liegt dann in den Händen seines Sohnes. Franz allerdings ist ein noch sehr junger Mann, schwach und kränklich dazu und nicht allzu intelligent.«

»Ja, das ist er wohl. Und ich muss Euch sagen, er wird sich nicht weniger engstirnig in Fragen der Religion zeigen. Es ist seine Mutter, die ihn mäßigt, und wenn er länger lebte, so würde sie womöglich einen größeren Erfolg in ihren Friedensbemühungen erzielt haben.«

»Er stirbt jung?«

»Ja. Nächstes Jahr im Dezember.«

»Und Ihr wisst von keinem Bürgerkrieg?«

»In drei Jahren kommt es zu Streitigkeiten zwischen Hugenotten und Römisch-Katholischen, bei der an die hundert Männer sterben.«

»Ich bin geneigt, das als vernachlässigbar anzusehen, wenn ich bedenke, um wie vieles höher die Opferzahl der Anderen Welt ist. Und in drei Jahren? Bis dahin werden meine Kollegen und ich womöglich Mittel gefunden haben, auch das zu verhindern. So sehr es mich schmerzt, so gut wäre es für meine Aufgabe, wenn Heinrich sein Schicksal erleidet. Ihr seid sicher, es wird dieser Unfall auch von allen als ein Unglück betrachtet und nicht etwa als Mord?«

»Darin kann ich Euch beruhigen. Jedoch für meine Aufgabe sieht es weniger gut aus. Mein Plan nämlich beruht darauf, Heinrich am Leben zu halten, und somit seine Schwiegertochter nicht zur französischen Königin werden zu lassen.«

»Maria Stuart? Was spricht gegen sie als Königin?«

»Die Bedeutung, die sie dann hat, auch nach dem Tode ihres Mannes. Seht, sie ist Diane de Poitiers freundschaftlich zugetan, nicht wahr?«

»Nun, ja, sie ist wie die Königskinder in ihrer Nähe aufgewachsen und die Herzogin war es auch, die für die Erziehung gesorgt hat. Sämtliche Lehrpläne, das Personal, all das hat Diane entschieden. Sie hat sich auch um die Königin stets mit Sorge gekümmert und ihr während der Schwangerschaften beigestanden, sie sogar bei Krankheiten gepflegt.«

»Was Katharina nicht davon abhält, weder Diane noch Maria Stuart zu mögen. Sie wird in wenigen Tagen die Herzogin fortschicken und wenn dann auch noch ihr Sohn gestorben sein wird, dann will sie Maria Stuart nicht mehr am Hofe haben. Sie hat Sorge, sie könne als ehemalige Königin weiterhin zu viel Einfluss ausüben und mit ihrer Schönheit, ihrem Geist und ihrem Temperament alle anderen überstrahlen. Maria wird einige Heiratsanträge erhalten. Aber Katharina möchte sie nicht in Spanien wissen, wo ihre Tochter Elisabeth herrscht. Und sie will sie nicht in Deutschland haben, auch das ist ihr zu prekär für Frankreichs Sicherheit. Aber am wenigsten will sie sie irgendwo hier im Lande haben.«

»Das wundert mich nicht. Maria Stuart ist ein schönes Mädchen und auch eines, dem die Herzen zufliegen, doch ihrer Schwiegermutter begegnet sie selten freundlich; sie hält sie für unwichtig und findet sie zu wenig vornehm.«

»Nun, wenn sie aber nicht hierbleiben kann, so wird sie nach Schottland gehen und das wird in einer Katastrophe enden, die viele andere nach sich zieht.« In allen Details schilderte Odila dem Kollegen, was sich abgespielt hatte, als sie die Feindschaft zwischen Elisabeth und Maria zu beenden versucht hatte. »Und so dachte ich mir, wenn Heinrich länger lebte und Maria nicht Königin Frankreichs würde, dann würde sie vielleicht von Katharina geduldet werden – irgendwo an der Loire könnte sie bequem und glücklich leben. Das ist, wonach sie sich bis zu ihrem Ende immer gesehnt hatte; sie ist ja nicht freiwillig in ihr Land zurückgekehrt. Sie ist doch recht eigentlich eine Französin, die in Schottland am falschen Platze ist. Und wenn ich sie dann noch dazu bekommen könnte, ihren Anspruch auf den englischen Thron fallen zu lassen, dann hätte ich die Vergangenheit in dem Maße verbessert, wie es von mir erwartet wird.«

»Euer Plan klingt wohl recht gut, aber mir will scheinen, er ist doch in seinem Ausgang ungewiss. Sicher, Maria hätte keine politische Macht in Händen gehabt, aber ihre Onkel de Guise eben doch. Und die werden so wenig wie König Heinrich zulassen, dass sie ihren Anspruch auf die englische Krone aufgibt. Nein, wirklich sehe ich nicht, wie dieses Handeln Euch und mir den gewünschten Erfolg garantiert.« Nicolas seufzte. »Versteht mich nicht falsch, ich wünsche Heinrich keinen grausamen Tod, aber wenn er so weiter macht, dann gehört der schönen Diane bald ganz Frankreich. Und so sehr ich die Dame auch schätze, es ist nicht richtig, dass sie sich dermaßen auf Kosten anderer bereichert.«

»Aber was kann ich tun, um Maria Stuarts Hinrichtung zu verhindern? Ich muss es zumindest schaffen, die Vergangenheit in ihre alte Form zurückzubringen!«

Nicolas de Chartour zog die Stirn kraus, schnalzte mit der Zunge, schüttelte den Kopf. Odila lachte. »Mir will scheinen, das Denken bereitet Euch Schmerz, Monsieur.«

»Mir will so rasch keine Lösung einfallen. Aber Euer Plan, Euch bei Diane beliebt zu machen, um Einfluss zu gewinnen, ist gut. Wenn Ihr singen könntet oder zumindest in der Lage wäret, ein Tambourin zu schlagen, so -«

»Aber ja, Ihr seid ihr Kammermusiker! Ich singe mit Euch, das ist hervorragend, das ist das Beste, was mir geschehen konnte. Nicolas, ich bin sehr froh, dass Euch mein rotes Kleid so gut gefiel.«

»Ah, es war weniger das Kleid als der Inhalt, werte Demoiselle. Das Rot zeigte mir nur, wo ich zu suchen hatte, um Liebreiz und Anmut zu erblicken.« Er betrachtete sie von Kopf bis Fuß mit sichtlichem Wohlgefallen. Dann stöhnte er auf. »Jedoch gibt es eine Schwierigkeit: Die Herzogin ist über alle Maßen kritisch, geht es um Musik und Gesang. Sagt es mir besser gleich, wenn Ihr keinen Ton halten könnt und unfähig seid, einen Rhythmus zu schlagen. Ich kann nicht riskieren, von ihr vor die Tür gesetzt zu werden!«

Eine Spur zu selbstgefällig lächelte Odila vielleicht, als sie aufstand und mit leichtem Schritt der Tür zustrebte. »Mein lieber Nicolas, seid unbesorgt. Das Einzige, was ich nun benötige, ist eine Idee, in welche Richtung ich wen leiten will. Und die Gelegenheit, nicht nur vor Diane, sondern auch vor der königlichen Familie aufzutreten.«

Rückkehr zur Apfelinsel

»Wirklich«, flüsterte Melisande der Erzherzogin zu, »wir müssen jetzt gehen. Auf der Stelle.«

Doch Erzsi blieb sitzen, ohne der Fee Beachtung zu schenken. Viel zu sehr war sie eingenommen von all den Menschen, die sie umstanden und ihr Nettigkeiten sagten. Welche Sechzehnjährige würde es nicht genießen, als ›himmlischer Engel‹ bezeichnet zu werden, als ›Inbegriff der Eleganz‹, als ›schönste Blüte der Monarchie‹? Und war dies nicht die beste Gelegenheit, die von der Kurfürstin als nötig propagierte Volksnähe zu üben? Was konnte gefährlich daran sein, der runzligen alten Frau die Hand zu reichen, dem wonnigen Säugling über die Wange zu streichen oder dem jungen Herrn für seine wohlmeinenden Komplimente zu danken? Und war es nicht die beste Werbung für Frieden und Miteinander, wenn die österreichische Thronfolgerin sich ohne falschen Stolz in ein Bonner Kaffeehaus setzte und aß und trank, was auch alle anderen aßen und tranken? Und es war ja nicht so, als sei sie eingetreten in der Erwartung, bevorzugt behandelt zu werden! Ganz wie Melisande es verlangt hatte, trug sie ein schlichtes Kleid – in Braun und Beige war es gehalten und keine Spitze, keine Rüsche zierte es – und einen hässlichen Kapotthut hatte sie in die Stirn gezogen. Dass man sie dennoch erkannt hatte, dazu konnte sie nichts. Sie hatte sich nicht hingestellt und auf Wienerisch die Umsitzenden aufgefordert, zu raten, wer sie sei; sie hatte sich brav in die hinterste Ecke des Lokals begeben, mit dem Rücken zur Gesellschaft, den Kopf gesenkt. Sie konnte wahrlich nichts zu diesem Treiben, hatte es nicht gewünscht und nicht erwartet, aber nun war es doch ihre kaiserliche Pflicht, das Beste daraus zu machen und all die Fragen zu beantworten, die man ihr – durchaus ehrerbietig – stellte. Alle waren so liebenswürdig und der Tonfall der Einheimischen so drollig und singend, wie sollte sie da widerstehen?

Ja, sie liebe Michal über alle Maßen, und ja, Bonn sei wunderschön und unbedingt wolle sie auf ihrer Hochzeitsreise wieder herkommen, ja, es schmecke ganz hervorragend in diesem Hause, und ja, ihr Haar sei von Natur aus so hell, ja, sie sei noch sehr jung, doch auch fleißig, und ja, die Großmutter sei noch immer so schön, wie man sie von den Bildern her kenne, ja, auch der Papa sei sehr glücklich mit seiner Gattin, und ja, sie werde sich wie keine andere für Frieden und Glück der Menschheit einsetzen und besondere Freundschaft mit der Bonner Kurfürstin auf immerdar pflegen, ja, diese sei charmant und klug und vieles lerne sie von ihr, und nein, niemals werde sie diesen Augenblick vergessen, da ihr die guten Bonnerinnen und Bonner so herzlich begegnet seien.