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Zwei Königinnen, die die Welt ins Unglück stürzen könnte. Odila O’Malley, Zeitenspringerin mit Auszeichnung, reist ins Jahr 1561, um den Streit zwischen Elisabeth von Anglia und Maria Stuart, Königin der Schotten, zu beenden. Mit ihrem Talent sollte das leicht gelingen. Doch es kommt anders, denn ein unerkannter Gegner spielt seine Karten aus und bald steht die Welt am Abgrund, während Odila die Hände gebunden sind. Falls ihr nicht etwas einfällt ...
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Odila die Zeitige
Professor Olivero
1. Mai 1899
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Wiener Liebeshändel, ägyptische Legenden und das Werden dieser Welt
Ankunft in London und ein Besuch in Kristianstad
Hoch zu Ross in fremder Zeit
Schwerwiegende Entscheidungen
Ein schöner Morgen verspricht vieles
Freude und Entsetzen
Zwei Königinnen stehen sich gegenüber
Neue Bundesgenossen überall
Odilas Odyssee
Von Trollen und Elfen
Roma Ewige Stadt, ewige Liebe
Kampfgefährten
Orte, Zeiten, Formen
Heldinnen und Helden
Wie steht es mit der Welt?
Professor Olivero
Impressum
Odiladie Zeitige
Oliveros Institut für FantastikNo 3
Andrea Instone
Professor Olivero
Nun, das ging schnell mit unserem Wiedersehen; gerade einmal vier Tage ist es her, seit wir einander zuletzt gegenüber standen. Wie es Sören geht, möchten Sie wissen, ob wir Sabenius gefasst haben und Gabriella Calibrini? In dieser kurzen Zeit?
Ich muss sagen, Sie haben eine hohe Meinung von meinen Mitarbeiterinnen und mir. Eine zu hohe leider. Wo fange ich an? Sie können sich denken, es waren unschöne Tage, in denen wir das Geschehen von allen Seiten betrachteten und uns stritten über das beste Vorgehen.
Oh bitte, schauen Sie nicht so entsetzt, es waren keine ernsthaften Streitigkeiten; es ist nur so, dass wir von unterschiedlichem Temperament sind. Wo ich dazu neige, entweder überstürzt zu handeln oder stundenlang in meinem Zimmer über das Wenn und Aber zu brüten, da begibt sich Swanhild kühlen Geistes auf den Weg und –
Nun, sagen wir so: Sie macht nicht gerne viele Worte und neigt zu endgültigen Lösungen. Woran ich mich gewöhnen muss, das hat sie unmissverständlich klargemacht; deswegen ist sie bei uns.
Melisande wiederum nimmt sich gerne eine Minute des ruhigen Nachdenkens, um hernach lächelnd auf den Verursacher ihrer Sorgen zuzugehen und mit Charme wie Zauber das Beste in ihm zum Vorschein zu bringen. Wo das nicht ausreicht, so ist sie durchaus willens, Feuer, Wasser und Nebel zu beschwören – sie hat das eindrucksvoll während einiger Übungen im Garten bewiesen. Selbst Swanhild zeigte sich beeindruckt, als sie eine Feuerwand so hoch wie unser Haus aufflammen ließ. Das allerdings ist ein Zauber, der sie viel Kraft kostet und dazu nicht unbemerkt bleibt; wahrhaftig gewahrten wir, wie einige der Flaneure am Rhein zu uns hinübersahen, obwohl die Allgemeinheit das Institut ansonsten nicht wahrzunehmen in der Lage ist.
Herr Inventoris bastelt bereits an einem Gerät, das Melisandes Feuer für uns alle trag- und nutzbar machen soll. Dessen Fertigstellung stellt er uns für den Jahreswechsel in Aussicht, was doch wohl bedeutet, er wird zumindest so lange noch bei uns bleiben. Ich glaube, es ist unser Sean, der ihn den Pensionseintritt verschieben lässt – er hat große Freude an der Begabung des Jungen. Die beiden reden sogar beim Abendessen über nichts anderes als ihre absolut wahnwitzigen Ideen. Und wahnwitzig sind sie zumeist.
Wo war ich? Wie weit wir sind, genau. Nicht allzu weit, ich sagte es bereits. Im Moment scheinen unsere Aufgaben sich täglich zu vermehren und wir wissen uns kaum zu einigen, wie wir am besten vorgehen sollen.
Wie bitte?
Ah, gewiss, natürlich. Ich bin der Direktor des Instituts, das ist korrekt. Aber Sie wissen, ich lege Wert auf die Meinung meiner Mitarbeiterinnen und es liegt mir fern, mich als Regent aufzuspielen. Wie dumm wäre das auch? Allein unsere Vampira hat mir Jahrhunderte der Erfahrung voraus und sowohl Melisande wie auch Odila verfügen über magisches Talent, das mehr zählt als mein Titel.
Andererseits allerdings ... Ich habe mich durchaus entwickelt während des vergangenen Monats; es fällt mir zunehmend leichter, unsere Gesprächsrunden zu leiten und die Magie des Instituts zu kontrollieren. Das kommt mir gerade nun sehr zupass, da wir nach wie vor zu zehnt unter diesem Dach wohnen; ja, die meiste Zeit über sind wir zu elft, wann immer es Evelines Pflichten als Vestalin zulassen. Eben jetzt in diesem Augenblick wacht sie - wenige Meter von uns entfernt - im Tempel am ewigen Feuer.
Erstaunlich, wie unterschiedlich Schwestern sein können. Eveline von Isselheim ist so sanft und liebenswert wie ihre Schwester Insabeau wild und boshaft. Wobei: Das lässt Eveline nicht gelten. Sie verurteilt das Handeln ihrer Schwester aufs Schärfste, dennoch möchte sie Insabeau retten, die seit ihrem Zusammentreffen mit Sabenius zu oft, zu lange, zu intensiv sich in andere Menschen verwandelt und so einem schnellen und schmerzhaften Tod entgegeneilt, ohne es selbst zu bemerken. Ein Schicksal, vor dem Eveline sie bewahrt sehen will.
Falscher Ehrgeiz, missverstandene Freiheit und verliebter Gehorsam hätten die Schwester zu Sabenius' williger Gefährtin gemacht. Und die schlechte Behandlung, die sie von Kindheit an erfahren habe. Sehr eindrücklich hat Eveline uns berichtet, wie es sich anfühlt, als Metamorpha groß zu werden – gebunden von den Ordnenden Mächten, das Talent zur Umwandlung qualvoll unterdrückt, beständig leidend an dem innewohnenden Drang, sich auszuprobieren, vergehend fast an dem Zwang, dies nicht tun zu können. Dazu das Wissen, immerzu beobachtet zu werden, denn wahrhaftig existieren geheime Wächter, die in der Nähe der Metamorphen-Familien leben und sich sogar darum bemühen, ihre Anwesenheit spürbar zu machen.
Als Eveline das erzählte, wandte Melisande sich erbost an Fräulein Fortunati und Herrn Custodis als die Vertreter der Ordnenden Mächte. Eine geheime Ordnungsmacht also gäbe es, die nicht dem Institut unterstünde? Von der wir nicht einmal wussten? Und wo blieben bei derlei Machenschaften all die hehren Ansprüche, die die Ordnenden Mächte an sich selbst stellten? Einmischen wollten die sich doch nicht? Das aber sähe sehr nach Einmischung der übelsten Sorte aus und eine solche Gängelei hätte auch aus der mildtätigsten Fee eine arglistige Zauberin gemacht!
Doch unsere Ewigen waren so entsetzt wie wir. Natürlich hatten sie gewusst, dass die Metamorphen gebunden wurden, und dafür gab es Gründe – sehr, sehr gute Gründe! Dass damit aber ein spürbares Leid für die Gestaltenwandler einhergehe, das hatten sie nie zuvor erfahren. Wie sollten sie auch? Noch nie war eine Metamorpha in diesem Institut gewesen und da die Ewigen weder das Stammhaus noch die Dependancen verlassen können, waren sie darauf angewiesen, den Versicherungen der Ordnenden Mächte zu glauben.
Dass Herr Custodis und Fräulein Fortunati das nicht in dem Maße tun, wie es von ihnen erwartet wird, das dürften Sie bereits bemerkt haben, doch das Ausmaß ihrer Kritik hat uns alle überrascht. Sie sind loyal, das unbedingt, denn die Ordnenden Mächte waren es ja, die die Institute gründeten und mit ihrer überlegenen Geisteskraft die passenden Direktorinnen und Agenten finden. Sie halten den Kontakt mit den Feen von Avalon und den Clans der Strigoi. Und nur dank ihres Tuns ist unsere Welt ein wesentlich hellerer, gerechterer und friedlicherer Ort, vergleichen wir uns mit der Anderen Welt.
Allerdings schweigen sie nun und besonders Fräulein Fortunati ist erzürnt ob ihrer Weigerung, uns mit Rat und Tat beizustehen. Gute Güte, da existiert also eine Dunkelste Welt, die bereits Versuche unternommen hat, uns anzugreifen. Und was hören wir? Nichts. Absolut nichts!
Zumindest drei unserer Magischen Quellen sind mit der Düsternis verbunden; Verbindungen, die wir gekappt haben. Doch wie steht es in den anderen Magischen Bereichen? Existieren solche Eingänge nicht auch dort? Davon müssen wir – den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit nach – ausgehen. Auch in der Geschichte der Neuen Welt kam es zu Hexenerscheinungen und unerklärlichem Spuk und es sollte mich wundern, hinge das nicht auch mit Verbindungen zwischen Brunnen und Quellen zusammen.
Aber überprüfen die anderen Institute diese Möglichkeit?
Nein, sie tun es nicht, denn sie wissen nichts von der Dunkelsten Welt.
Und weshalb wissen sie es nicht?
Weil die Ordnenden Mächte keine Konferenz einberufen, sondern schweigen, schweigen, schweigen!
Warum?
Wir wissen es nicht. Wir wissen es nicht! Unsere Ewigen tun ihr Bestes, sie zu einer Antwort zu bewegen, doch auch ihnen wird keine Auskunft zuteil. Hieß es anfangs noch, man werde sich melden, so kommt nun gar nichts mehr.
Gut, ganz allein stehen wir nicht: Natürlich weiß Sören von all dem, kann aber nichts tun in seinem momentanen Zustand. Und die Selinowa von der Moskauer Zentrale für Edelmut weiß ebenfalls Bescheid; mit ihr kommuniziere ich – unerlaubt und hoffentlich unerkannt von den Ordnenden Mächten – über unsere Traumbüros; ich bin in jeder Sekunde dort oben, die ich erübrigen kann. Wir schreiben uns Briefe oder treffen uns sogar persönlich, was allerdings selten über wenige Minuten hinausgeht, denn die Direktorin Russias hat sich einen strengen Zeitplan auferlegt. Eine beeindruckende Person ist sie.
Den Großteil meiner Zeit aber verbringe ich mit Sören, das versteht sich von selbst. Er braucht meine Unterstützung: Seelisch und intellektuell; aufmunternd, tröstend und zuversichtlich braucht er mich, denn es geht ihm oftmals ausgesprochen schlecht. An seiner Lage hat sich nichts geändert: Er kann sein Traumhaus nicht verlassen, kann seinen Körper nicht mehr spüren und – schlimmer noch – erlebt gelegentliche Aussetzer seines Denkapparates. Was befürchten lässt, Sabenius schickt sich an, Sören in ein schwaches Bündel hilfloser Gedanken zu verwandeln. Je schwächer Sörens geistiger Widerstand ist, desto leichter lässt sich sein Körper kontrollieren.
Nun, ich muss sagen, Sören geht mit der Situation hervorragend um, von gelegentlichen Momenten der tiefen Verzweiflung einmal abgesehen. Er hat sich eine anständige Bibliothek hinaufgedacht, dazu die besten Speisen und Getränke, täglich kleidet er sich in feine Hosen und elegante Jacketts, er treibt Sport, löst Kreuzworträtsel, zeichnet auch und lernt ganze Passagen der besten Romane der Weltliteratur auswendig, wenn er nicht alte Aufzeichnungen und Fachwerke zur dämonischen Natur studiert. Er lässt sich nicht gehen und strengt sich an, diese Zwangspause zu seinem Vorteil zu nutzen.
Bin ich bei ihm, so lassen wir uns das Essen munden, plaudern ein wenig über harmlose Begebenheiten der Schulzeit, lernen uns besser kennen. So können wir nun schon mit einiger Gewissheit behaupten, dass Sabenius Sören am Leben erhalten muss, solange er seinen Körper benutzen will; ein Inkubus kann keinen toten Menschen verwenden.
Anders sieht das bei Nachtmahrinnen aus: Sie brauchen nicht den leibhaftigen Körper, sondern nur dessen Informationen. Nach allem, was wir wissen, müssen Nachtmahrinnen ihr Opfer eingehend untersuchen und beobachten, bis sie in der Lage sind, dessen Form und Verhalten zu kopieren. Sörens Mitarbeiter, der Geisterseher Kersten, wurde höchstwahrscheinlich von Sabenius' Mutter, einer Nachtmahrin der Dunkelsten Welt, ermordet. Seitdem tritt sie in seiner Form auf und das sehr überzeugend. Einzig verräterisch ist die Tatsache, dass sie nur begrenzt in der Lage ist, Dinge anzufassen und zu bewegen; sie muss beständig darauf achten, keinen Menschen zu berühren. Und Sören erinnert sich, dass das Wesen, das er für den Geisterseher hielt, stets auf Abstand bedacht war – eine Erkältung hatte der falsche Kersten vorgeschützt. Was so simpel wie raffiniert ist. Sabenius und seine Mutter kennen die Menschen unserer Welt schon allzu gut.
Nun. Wie weiter? Morgen werden Swanhild und Melisande aufbrechen. Melisande wird – schon wieder! – nach Wien reisen. Ich muss sagen, ich bin wenig begeistert davon, wie die gesamte Kaiserfamilie sich angewöhnt hat, sie wegen jeder Kleinigkeit um Rat zu fragen. Sie erinnern sich, wir waren davon überzeugt, die Gefahr eines Krieges aus der Welt geschafft zu haben: Franz Ferdinand heiratet bald seine Sophie und hat jeglichen Ansprüchen auf den Thron entsagt, womit er nicht in Sarajewo als Kronprinz erschossen werden wird. Erzsi – also die Erzherzogin Elisabeth Marie – ist als Thronfolgerin eingesetzt und gewinnt die Herzen aller; sogar in den serbischen Gazetten wird sie bejubelt. Da möchte man doch meinen, es sei alles in bester Ordnung und Melisande könnte sich anderen Aufgaben zuwenden: Insbesondere das Kranken- und Schulwesen bedarf der weiteren Verbesserung.
Aber nein, Herr Custodis hat bei seinen Beobachtungen der Anderen Welt festgestellt, dass es in der Tat so aussieht, als ob nicht erst 1915, sondern bereits 1914 dieser Krieg ausbricht, den er 1885 beobachtete. Sie erinnern sich auch daran? Alle zwanzig Jahre zeigt uns das fenestra mundi Ereignisse in der Anderen Welt, die dreißig Jahre vorausliegen.
Zur Zeit bemühen sich einige der Diplomaten Ihrer Welt um Frieden, aber werden diese gehört? Nein, ihre hellsichtigen Mahnungen gehen unter im Geschrei der anderen, die da von Verteidigung, Vaterland und Vergeltung reden. Und wenn dieser Krieg früher beginnt, so müssen auch wir hier mit Folgen rechnen; die Kosmische Welle wird uns womöglich schneller erreichen als berechnet.
Und in diesem Lichte erscheinen die Vorgänge in Wien nach wie vor kritisch: Zum einen scharwenzeln sämtliche Prinzen Europas um Erzsi herum und machen die junge Dame nervöser, als sie sein sollte. Was die Kaiserin mit Besorgnis erfüllt, weshalb sie bald alle Stunde ein Telegramm an Melisande schickt; vielleicht war es blauäugig von uns, eine so junge Frau sich selbst zu überlassen, wenn sie auch die besten Absichten hatte, sich mit einer Heirat Zeit zu lassen.
Aber gute Güte, ich muss ja nur an mich selbst vor wenigen Monaten denken, wie ich mich da bei der geringsten Ahnung einer möglichen Zuneigung seitens einer Dame mich in selbige verliebt glaubte. Keine der Damen hatte Interesse an mir, während Erzsi - jünger, hübscher und noch unerfahrener als ich - belagert wird von Herren, die sie mit Billetts, Präsenten und Komplimenten bombardieren. Wo darin die Gefahr liegt?
Nun, entweder verliebt sie sich in einen nicht standesgemäßen Herrn und wird von der Thronfolge wieder ausgeschlossen, was dann Franz Ferdinand zurückbrächte. Oder aber sie verliebt sich in einen, der es nicht gut mit ihr meint, und was hätte die Welt mit einer unglücklichen und gedemütigten Kaiserin gewonnen?
Nein, es ist für den Frieden meiner Welt unerlässlich, Erzsi glücklich zu machen, damit sich all ihre guten Ideen von einer besseren Gesellschaft ungestört ausbilden können. Dazu braucht sie den passenden Mann oder aber sie erlangt Festigkeit in ihrem Entschluss, mit Bedacht erst dann zu wählen, wenn sie auf dem Thron etabliert ist. Das aber ist nur das eine Problem, das wir mit Österreich-Ungarn haben. Swanhild hat darauf hingewiesen, dass wir den serbischen Aufrührern mit der Zerschlagung ihres Netzwerks am Kaiserhof zwar eine beträchtliche Schlappe zugefügt haben, wir aber nun eine Gabriella Calibrini zur Gegnerin haben, die mit großer Wahrscheinlichkeit Karels Pläne weiter ausführen will: Die Angst vor Vampiren soll geschürt werden, um diese zu einem Aufstand zu bewegen und unter ihrer Führung sich zu vereinen. Nicht länger sollen die Clans im Schatten stehen; sie sollen die Welt beherrschen mit Gabriella als ihrer Königin.
Was das mit Wien zu tun hat? Ganz einfach. Einmal abgesehen von den Gefahren, die entfesselte Vampire für die Menschheit darstellen, würde ein solcher Aufruhr wiederum den Serben in die Hände spielen: Vor allem in und um Siebenbürgen hatte Karel seine Saat gesät, denn dort lebte Swanhild, an der er sich zu rächen gedachte. Und dort hausen Ungarn, Rumänen und Serben und werden sich nicht einig. Außer in ihrem Hass auf die Habsburger Vorherrschaft. Mengen sich nun noch die dort ansässigen Vampire ein, so hätten wir womöglich in wenigen Jahren dieselbe aufgeheizte Atmosphäre wie in der Anderen Welt. Ein Pulverfass exakt dort, wo es bei Ihnen explodierte.
Wie wir es also drehen und wenden: Melisande muss nach Wien, Erzsi stärken und ihr den geeigneten Gefährten verschaffen. Ich an ihrer Stelle wäre entnervt, sie jedoch lächelt nur, wenn ich davon spreche, küsst mich und behauptet, ich sei nur missmutig, da wir uns trennen müssten. Womit sie nicht unrecht hat; das missfällt mir selbstverständlich. Meiner Beteuerung, ich sei Direktor genug, um ihre Abwesenheit professionell zu betrachten, scheint sie kaum zu glauben, wenn ich ihr Kichern richtig deute.
Swanhild nun bricht ebenfalls auf, nur kann ich Ihnen nicht sagen, wohin sie geht. Nicht, weil ich ein Geheimnis daraus machen möchte, nein, ich weiß es nicht. Sie verrät es nicht, hält es für klüger, auf eigene Faust zu handeln. Ich kann nicht umhin, ihr zuzustimmen – es ist nun einmal eine sehr persönliche Angelegenheit für unsere Vampira geworden. Denn es ist die Prophezeiung ihrer Muhme Gudrun, die die Calibrini für sich nutzen will: Sie will die Krone, die Swanhild gehört. Und wir sind uns einig, dass, wenn es schon eine Königin der Vampire geben muss, Swanhild diejenige ist, die uns alle in Ruhe wird schlafen lassen können.
Aber nicht allein um der Krone willen folgt sie der Calibrini. Der menschliche Teil Swanhilds hat beträchtlich an Stärke gewonnen und so konnte es nicht ausbleiben, dass sie um Karel trauert. Aufrichtig trauert. Aus ihren Andeutungen lesen wir heraus, sie erinnert sich nun weniger an den Mann, der Verrat begangen hat in mehr als einer Hinsicht, sondern an jenen Strigoi, dem ihre Liebe zuteilwurde mehr als jedem anderen. Während der letzten Tage und Nächte hat sie viel Zeit in ihrem Zimmer verbracht, hat Bücher gewälzt und Botschaften an all ihre Freunde und ehemaligen Schülerinnen gesandt. Und saß Herr Custodis nicht vor dem fenestra mundi, so besetzte Swanhild den Beobachtungsposten und forschte nach den Spuren der Calibrini in unserer Welt – es beeindruckt mich übrigens tief, mit welcher Leichtigkeit sie das fenestra mundi zu benutzen versteht. Vorhin erst ertönte ein Jubelschrei vom Dachboden und eine grimmig erfreute Swanhild trat vor mich, erklärte, sie wisse nun, was sie zu tun habe und wo ihre Suche beginnen müsse; die junge Strigoi werde ihr nicht lange entkommen können.
Sie wundern sich, wie ich das so hinnehme? Ob ich mich nicht ängstige, wenn eine jede allein aufbricht? Und das nach den bisherigen Erfahrungen?
Nun, unser Herr Inventoris war nicht untätig, im Gegenteil hat er – so sagt er selbst – seine Arbeit der letzten Jahrzehnte in den vergangenen vier Wochen weit übertroffen. Er schiebt das auf die Gegenwart all der magisch begabten Personen im Institut, nicht zuletzt auf Odilas Bruder Sean, dessen Hauszauber bald stündlich mächtiger wird. Wozu nun wiederum Herr Inventoris beigetragen hat.
Für Sean nämlich hat er einen Magieverstärker gebaut, der – nun, lassen Sie mich nicht in die Details gehen. Kurz gesagt: Wann immer Sean einen Zauber ausspricht, wird dieser vom amplificator magicae reflektiert und zugleich in Energie umgewandelt, die im Verstärker selbst gespeichert wird und die Reflexion des nächsten Zaubers noch weiter erhöht. Stellen Sie sich eine Kerze vor in einem dunklen Raum: Sie erhellt nur einen kleinen Teil, wirkt nur in einem begrenzten Radius. Bauen Sie nun einen Spiegel hinter ihr auf, so wird der Raum heller. Und dieser Spiegel ...
Ah, nun, ich gebe zu, hier hinkt der Vergleich, aber ich denke, Sie haben das Prinzip verstanden. Denken Sie sich weiterhin, dass der Spiegel nicht nur immer mehr Kerzen zeigt, sondern dass er dafür sorgt, wie die eine kleine Kerze größer wird und heller brennt. Es ist, so könnte man sagen, eine Art perpetuum mobile der Magie, das er entwickelt hat. Mit einer Einschränkung allerdings: Sean wird irgendwann sein magisches Fassungsvermögen erreicht haben; ab dann dient der amplificator magicae als Bewahrer seiner Kräfte. Das absolut Unglaublichste ist allerdings: Er sieht aus wie ein Siegelring und kann so von Sean unauffällig bei sich getragen werden. So viel Macht in einem so winzigen Gegenstand!
Das aber sei nichts weiter als Spielerei, so sagt Herr Inventoris, nützlich erst, wenn Sean seine Ausbildung abgeschlossen haben und mit uns auf Reisen gehen wird. Für unsere aktuellen Missionen bedeutender sind seine anderen Erfindungen. Aus Swanhilds Rufpulver hat er eine Kommunikationsmaschine gebaut, das telepathia praesens, das in Form eines Armbands oder einer Taschenuhr getragen wird und die von jedem Ort aus sich nicht allein mit dem Telepathschreiber verbindet, sondern auch mit jedem anderen telepathia praesens. Sicher, Swanhild und Melisande können ohne jedes Hilfsmittel miteinander kommunizieren, befinden sie sich in derselben Stadt. Das Wunderbare an Inventoris' Erfindung aber ist, dass wir nun auch untereinander sofort Kontakt haben, ohne über Fräulein Fortunatis Büro gehen zu müssen. Und das von jedem Ort aus, selbst, wenn dieser Ort nicht von dieser Welt sein sollte. Und besser noch: Das Gerät erspürt mit allerlei magischen Sensoren, wenn es dem Träger oder der Trägerin körperlich schlecht geht, und sendet sodann ein Warnsignal an uns alle aus. Sie verstehen, weshalb ich meine Agentinnen mit einer gewissen Zuversicht auf ihre Missionen ziehen lasse?
Damit aber nicht genug, steht Herr Inventoris kurz vor der Fertigstellung einer weiteren Vorrichtung, die Odila befähigen wird, auf gefährliche Zeitreisen zumindest einen von uns mitnehmen zu können. Das ist ein solch enormer Durchbruch in der Erforschung der Zeitspringerei! Bislang funktioniert der tempusiter duo nur auf kurzen Reisen und nur Sean kann seine Schwester begleiten. Aber er sei auf einem guten Weg, sagt Herr Inventoris, eine Sache von Wochen sei dies.
Nun also: Odila O’Malley, unsere Zeitenspringerin. Nachdem sie ihre Prüfungen mit Auszeichnung bestanden hat, wird sie übermorgen auf ihre erste Mission gehen. Womit sie die Einzige ist, die das uns vorgegebene Programm der Ordnenden Mächte in Angriff nimmt.
Ihre erste Reise wird sie zurückführen in das Jahr 1561, als Maria Stuart - eben verwitwet - in Anglia anlegt, um bei ihrer Cousine Elisabeth einige Wochen zu verbringen, bevor sie nach Schottland, in ihr eigenes Reich, weiterreist. Ich weiß, in Ihrer Welt sind beide Königinnen sich nie begegnet, aber die Situation war eine andere bei uns. Eine vollkommen andere. Dennoch gab es Spannungen zwischen ihnen, die sich ungut auf die britische Insel und Europa auswirkten.
Die neunzehnjährige Maria und die siebenundzwanzigjährige Elisabeth waren sich nur in einem Punkte ähnlich: Beide waren sie temperamentvolle Rotschöpfe. Was die Differenzen zwischen ihnen leider verstärkte. Die Folge war ein zwei Jahrhunderte währendes Zerwürfnis nicht nur zwischen Schottland und Anglia, sondern ebenso führte es zu Streitigkeiten mit den Nachbarn Irland und Frankreich, worunter ganz Europa zu leiden hatte. Zuvor waren gemeinsame Erfindungen auf den Weg gebracht worden, englische und französische Dichter hatten sich gemeinsam daran begeben, die Geschichte des Westlichen Europa zu verfassen, es blühten der Handel und die Liebe nicht minder – und all das kam wegen einiger hitzköpfig dahergesagten Lächerlichkeiten zum Stillstand. Eine Mauer zwischen Anglia und Schottland wurde errichtet, Familien auseinandergerissen, europäische Handelspartner vor die Wahl gestellt, mit welchem der beiden Länder man sich gutstellen möge – ja, wir gehen davon aus, unsere Welt wäre glücklicher gewesen in jenen Jahrzehnten, hätten die beiden Damen sich besser verstanden.
Und das also wird nun Odilas Feuerprobe werden: Maria und Elisabeth in Freundschaft zu vereinen. Darauf hat sie sich mit einigen Ausflügen in die Zeit, mit ausgedehnter Lektüre und dem Hören zeitgenössischer Musik vorbereitet, hat sich geübt in Tanz und Konversation, hat gelernt, wie sie sich zu kleiden und frisieren hat, und auch mit dem Degen weiß sie umzugehen. Vorhin erst hat sie uns eine Vorstellung gegeben: Im Hofkleid kam sie hinunter ins Consilium, knickste anmutig und sang uns ein Lied, während sie die Laute schlug. Und wahrhaftig saßen wir alle wie verzaubert und wären bereit gewesen, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, eine solch friedliche und beseligende Stimmung vermochte sie heraufzubeschwören. Eine Stimmung, die sich dennoch vollkommen von der Atmosphäre unterscheidet, die entsteht, wenn Melisande ihren Feenzauber wirkt.
Wie kann ich es beschreiben? Melisande verbreitet Glück (oder nimmt es auch einmal für eine Weile, wenn es ihr sinnvoll erscheint) und kann dabei nicht verhindern, dass man sie als den Mittelpunkt dieses Gefühls erkennt. Ätherisches Gold, so möchte man die Luft um sie herum beschreiben. Alles ist Liebe, Warmherzigkeit, Selbstvertrauen.
So ist es bei Odila nicht. Vielmehr entdeckt man in sich die Bereitschaft oder gar den unbedingten Willen, sich als vernünftiger Mensch zu erweisen und tiefgründige Gespräche über das Gute zu führen. Dabei tritt unsere Zeitenspringerin in den Hintergrund; sie selbst wird unauffällig und alles, was geschieht, schreibt man sich selbst zu. Und sucht weiterhin ihren Rat. Odilas Stimme ist es, die dies tut. Ihre Stimme und ihr klares, ruhiges Gesicht, ihre natürliche Höflichkeit, der Respekt, den sie ausstrahlt und den sie gibt. Sie ist die Ratgeberin der Wichtigen und Mächtigen, das verstanden wir alle so recht, als sie vor uns saß, ganz Hofdame des alten Anglia. Wir sehen ihrer Mission mit Zuversicht entgegen.
Und denken Sie einmal weiter: Wenn Herr Inventoris den tempusiter duo fertiggestellt haben wird, wie Melisande und Odila gemeinsam auch den hartherzigsten Tyrannen zum Einlenken bewegen werden! Gute Güte, wir werden das Leben der vergangenen Menschheit zum Besseren wenden und damit eine Jahrtausendaufgabe vollenden!
Bitte? Was meinen Sie damit, ob das nicht auch negative Auswirkungen auf uns haben kann, wenn wir die Vergangenheit ändern? Kommt Ihnen diese Frage nicht albern vor? Glauben Sie denn wahrhaftig, der Zeitenlauf ist so gleichmäßig, so unaufhörlich nach vorne gerichtet, dass er sich von solchen Verbesserungen aus der Bahn werfen lässt? Welch eine seltsame Theorie fürwahr.
Aber bitte, lassen Sie mich das erklären: Nehmen wir also die Familie Donovan, die in einem Örtchen namens Berwick-Upon-Tweed lebte. Die Töchter und Söhne hatten nach Norden und nach Süden geheiratet und dann auf einmal beginnt – mitten durch das lauschige Örtchen - der Bau dieser Mauer, die alle voneinander trennt. Das ist ein Schicksal, das wir ihnen ersparen wollen. Die Folge: Diese Familie wird glücklicher sein und sicherlich einige Fehler nicht begehen, die sie wegen dieser Trennung begangen hat. Diese Auswirkungen aber verlaufen sich in der Lebenszeit dieser Menschen. Die Generation danach wird deshalb weder um Mitglieder anwachsen noch diese verlieren.
Sicher, es gab bedeutende Auswirkungen, als eine meine Vorgängerinnen den Ausbruch der Pest in einem norditalienischen Dorf verhinderte – ein Künstler, der zuvor an dieser heimtückischen Krankheit gestorben war, schuf Meisterwerke, an denen sich die Maler der folgenden Generationen orientierten. Er beeinflusste die Kunst meiner Welt maßgeblich und sorgte mit seinem Tun für einen weiteren Unterschied zwischen uns.
Kein Grund für Sie, einen Triumph zu wittern für Ihre Theorie: Die Maler, die sich solchermaßen inspiriert fühlten, hatten zuvor nie das Bedürfnis verspürt, zu Pinsel und Leinwand zu greifen. Und jene, die den Spuren anderen Maler gefolgt waren, taten dies auch nun. Sie sehen: Nichts ging uns verloren, aber wir gewannen etwas hinzu. Etwas, was aber doch auf nur einen kleinen Kreis der Menschheit beschränkt blieb. Noch nie hat eine Verbesserung der Vergangenheit dazu geführt, dass ein Zeitreisender in seine Welt zurückkehrt und sie nicht mehr wiedererkennt.
Wie wir das wissen können, da das Institut nie zuvor eine Zeitenspringerin in seinen Reihen hatte? Nun, das ist wohl richtig, dennoch hat es gelegentliche Rückreisen gegeben, ausgelöst durch eine Kombination von Kosmischer Welle, übersprudelnder Magie und der Dringlichkeit, eine Katastrophe der Vergangenheit ändern zu müssen. Dann offenbarten sich Zeitenspringer, die für diese Mission zur Hilfe eilten. Sie sehen, ich weiß, wovon ich spreche, wenn wir auch nun mit Odila ein neues Kapitel aufschlagen in der Historie des Instituts für Fantastik.
Was ich selbst zu tun gedenke in den nächsten Tagen? Das liegt auf der Hand: Ich kümmere mich um Sören und wir werden - verteufelt noch einmal! – Sabenius aus seinem Körper vertreiben! Und ich will eine Möglichkeit finden, mit meinen Kollegen und Kolleginnen in Kontakt zu treten. Wir, die Zwölf, müssen auch ohne die Hilfe der Ordnenden Mächte tätig werden, wenn wir nicht eines schönen Morgens aufwachen und uns unter der Fuchtel der Dämonen wiederfinden wollen.
1. Mai 1899
Professor Dr. Archibald Anastasius Olivero kam langsam zu sich. Der Schwindel wurde mit jeder Trance heftiger und benommen stützte er sich auf seine Ellbogen, öffnete die Augen blinzelnd. Munter schien die Sonne in sein Schlafzimmer; die duftigen Vorhänge flatterten in der warmen Brise, die vom Rhein aufzog. Eine Taube ließ sich auf der Fensterbank nieder, gurrte zutraulich und tapste einige Male hin und her. Sie wartete auf ihr Futter, das Anastasius täglich bereitstellte. Sie flatterte mit den Flügeln, legte den Kopf schief und gurrte noch einmal. Lauter, dringlicher. Irgendwie besorgt klang ihr Ruf und als der junge Mann sich noch immer nicht erhob, da hüpfte sie über den Fensterrahmen, zögerte nur kurz und flog dann quer durch den Raum zu seinem Bett. Dort landete sie ohne Scheu auf seinem Bauch und spazierte hoch bis zur Brust, wo sie innehielt und ihm sinnend in die Augen blickte.
Anastasius räusperte sich. »Bertha Antonia, ich befürchte, du bist keine wohlerzogene junge Dame.«
Die Taube legte den Kopf auf die andere Seite.
»Verwöhnt bist du zudem. Meine Schuld, natürlich. Gib mir nur eine Minute noch, ich bitte dich.« Erschöpft sank er zurück in die Kissen. »Mir ist nur sehr, sehr übel.«
Interessiert trippelte die Taube näher heran an sein Gesicht. Sie betrachtete ihn genau und stupste nun seine Nase sanft mit ihrem Schnabel an. Leise gurrte sie und als sie keine Antwort erhielt, flog sie hinaus aus dem Zimmer. Eine Etage höher flog sie und hinein in den Raum darüber, dessen Fenster ebenso weit geöffnet standen wie alle anderen Fenster des Instituts; es war ein ungewöhnlich heißer 1. Mai.
Melisande badete in den Heiligen Wassern von Avalon, die sich sprudelnd in ihr Schlafzimmer ergossen. Ein Schlafzimmer, das begrünt war vom weichen Gras der Insel und unendlich vielen Blumen und Kräutern; auch eine zarte Birke wuchs in der Ecke. Balsamisch-frisch duftete es und sogar einige Tiere – Marienkäfer, Libellen, ein Igel und ein Hase – kamen gelegentlich zu Besuch und brachten Grüße der Feen mit sich. Es war dies ein Raum, der Melisande täglich Kraft schenkte und in dem sie wohl am glücklichsten war fern von Avalon. Sah man einmal von den Orten ab, in denen sie mit Anastasius gemeinsam stille Stunden verbrachte. Von denen es wenige nur gegeben hatte bislang.
Melisande blickte auf, als die Taube sich auf der Birke niederließ und zu plappern begann. Auf und zu ging der Schnabel und hektisch nickte sie mit dem Köpfchen zur Tür.
»Bertha Antonia, was ist dir? Du beschwerst dich nicht etwa bei mir, weil du deine Körner nicht erhalten hast? Treibst du es nicht etwas zu weit?« Amüsiert lächelte die Fee der Taube zu, doch als diese aufgeregt mit den Flügeln schlug, entstieg sie dem kühlen Bach und hüllte sich in ein Laken. »Ist etwas mit Anastasius?«
Schon eilte sie die Stufen hinunter, schon riss sie die Tür zum Zimmer ihres Geliebten auf. Da lag er, kalkweiß, mit nassen Haaren und mühsam atmend. Mit zwei Schritten war sie an seinem Bett, griff nach seiner Hand. »Anastasius! Hörst du mich? Antworte, gib mir ein Zeichen. Anastasius!«
Doch seine Hand lag schlaff in ihrer, seine Augen öffneten sich nicht. Feenglück übertrug Melisande an den Freund und die heilende Magie, die in ihr wohnte. Doch beides wollte nicht in ihn hineinfließen, so sehr sie sich auch bemühte. Sie sprang auf, rannte hinaus in den Flur. Sie musste nicht rufen, denn jetzt hatte das Haus reagiert, hatten die Ewigen erspürt, wie der Direktor nicht mehr in Trance war, sondern woanders hinglitt, wie er das Bewusstsein verlor. Herr Custodis war als Erster an seiner Seite und entschlossen verpasste er Anastasius zwei Ohrfeigen, was – wie er erklärte – vielleicht nicht vornehmste, aber mitunter wirksamste Methode sei, einen Traumschwebenden aus dem Nichts herauszuholen.
»Aus dem Nichts? Welches Nichts denn nur?«
Fräulein Fortunati nahm die Fee beiseite. »Beruhigen Sie sich, es besteht kein Grund zur Sorge. Kommen Sie, Sie brauchen Ihr Frühstück.«
»Aber -«
Unnachgiebig war der Griff der Bibliothekarin und Melisande blieb nichts weiter übrig, als ihr nach unten in das Esszimmer zu folgen, in dem Odila und Swanhild miteinander plauderten über die Mode des siebzehnten Jahrhunderts, die der Vampira immer besonders gut gefallen hatte. »Denke dir einen schwarzen Spitzenkragen, so gestärkt, dass er aufrecht stehend bis an den Scheitel reicht. Dazu das dunkelrote Samtkleid mit den geschlitzten Ärmeln, aus denen das reinweiße Leinen hervorblitzt – wahrhaftig war die Wirkung auf den Herzog eine beachtliche. Er fiel augenblicklich vor mir auf die Knie und winselte um Gnade.«
Fräulein Fortunati schob Melisande auf ihren Sitz und wandte sich zu Swanhild, lauschte ihr mit erstaunter Miene. »Mir will scheinen, die Mode entlockt Ihnen mehr Worte als selbst das tragischste Ereignis es jemals vermochte.«
Sehr fein lächelte Swanhild. »Je tragischer ein Ereignis, desto banaler, was gesagt wird. Ich ziehe die Stille dem Geschwafel vor.«
»Frau Serban war so gütig, meine Kenntnisse zu vertiefen. «
»Ich tue das gerne für dich, Odila. Melisande, was ist dir? Du wirkst verstört.«
»Oh ja, das ist sie, ist sie es nicht?« Odila erhob sich und legte der Fee den Arm um die Schulter. »Du zitterst ja, liebste Freundin. Natürlich, du hast noch nichts gegessen. Monsieur Dumarchelier hat uns ein Frühstück bereitet, wie es üppiger nicht sein könnte, und ich glaube, dabei hat er vor allem an dich gedacht. Soll ich dir von den Waffeln auflegen? Ein Brötchen mit Käse dazu? Deinen Obstsalat? Melisande?«
»Anastasius ist in einem Nichts. Ich ...«
Fräulein Fortunati seufzte. »Ich sagte doch, Sie sollen sich nicht sorgen. Sicher, Sie können nicht nachvollziehen, was mit ihm geschehen ist. Für Sie ist die Trance so selbstverständlich wie das Atmen.«
Gegen ihren Willen kicherte Odila. »Ha, für Melisande ist es wohl mehr das Essen und Trinken, das ihr ebenso selbstverständlich ist. Atmen sehe ich sie recht selten verglichen mit dem, was sie in sich hineinschaufelt.«
Böse sah Melisande zur Zeitenspringerin hin. Nicht, weil sie den Spott nicht vertragen konnte, sondern weil ihr jeglicher Humor abhandengekommen war, da sie Angst um Anastasius hatte.
»Beruhigen Sie sich, Melisande. Herr Custodis wird unseren Herrn und Meister schon wieder auf die Beine stellen. Wie oft habe ich Anastasius gewarnt, er müsse sich mehr Ruhephasen gönnen? Ich tat es, wann immer ich ihn auch nur für eine Sekunde zu Gesicht bekam. Und wir wissen, es war in der Tat selten mehr als eine Sekunde, die er bei uns verbrachte.«
»Aber Sören -«
»Das weiß ich und sein Bemühen ehrt ihn, aber wem ist damit gedient, wenn er sich verausgabt bis zur Erschöpfung? Das Nichts ist ein Zustand, in dem der Mensch weder bei Bewusstsein noch in Trance ist, er ist nicht tot, nicht ohnmächtig, nicht lebendig, nicht krank noch gesund. Das Nichts zieht denjenigen zu sich, der in einem magischen Umfeld seine Körperlichkeit vernachlässigt. Wie oft hat Anastasius mit uns gemeinsam gespeist? Sehen wir einmal von den Unmengen an Keksen, Lakritzen und Gummidrops ab, die er während unserer Besprechungen verzehrt hat, so hat er doch jede wichtige Mahlzeit bei Sören zu sich genommen. Geistige Nahrung im wahrsten Sinne des Wortes, die ihn zwar sättigte, aber seinen Körper niemals berührte.«
»Aber es heißt doch, diese Nahrung sei -«
»Gleichzustellen mit dem, was er leibhaftig zu sich nimmt. Sicherlich, das stimmt. Für eine gewisse Zeit zumindest. Aber es bedarf doch der Balance und glauben Sie mir, Süßigkeiten sind da nicht ausgleichend genug. Dazu ist er mitunter acht bis zehn Stunden ohne Unterlass in Trance; ja, er schläft zumeist dort oben. Sein Körper hat sich nach all der Vernachlässigung willig dem Nichts überlassen.«
Da mehr als ein kurzer Kuss am Sonntagmorgen nicht für Melisande übrig gewesen war, nickte sie; ja, sie begreife die Ursache sehr wohl, aber dieses Nichts, das mache ihr Angst.
»Verständlich, aber Sie werden sehen, einen Tag lang strenge Absence von den Traumwelten, ein wenig Schlaf und anständiges Essen sollten ihn vollständig wieder herstellen. Denken Sie es sich so: Sein Körper rächt sich am Verstand, der so ignorant den Bedürfnissen des ganzen Mannes gegenüber war. Nun sind beide abgeschaltet und -«
»Abgeschaltet?« Odila wie Melisande sprangen auf.
Swanhild nahm sich ein Brötchen, bestrich es liebevoll mit einer Blutbeerenkonfitüre und biss voller Genuss hinein. »Bitte, Olivero wird früh genug wieder eingeschaltet sein.«
»Aber er war so weiß und nassgeschwitzt, das ist doch kein Nichts, das ist doch – das ist doch bedrohlich! Und ich konnte ihn nicht erreichen, konnte nichts für ihn tun!«
Das nun ließ Swanhild die Stirn runzeln. Sie warf Fräulein Fortunati einen fragenden Blick zu.
»Nun, ich gebe zu, das ist ungewöhnlich, aber er hat es wahrhaftig zu weit getrieben. Herr Custodis kennt sich mit diesem Phänomen bestens aus, er wird gewiss -«
Die Tür sprang auf, der Archivar stürmte herein, riss das Kännchen mit dem Mokka von der Anrichte, griff auch nach einem Riegel Schokolade und einer Laugenbrezel und rief seiner Kollegin zu, sie solle bei Dumarchelier eine Zitrone oder etwas Essig besorgen. Schon verschwand Fräulein Fortunati durch die Seitentür im Reich des Herrn über das leibliche Wohl und zwei Sekunden später hörten die drei Damen sie bereits über die Stufen huschen. Melisande wäre den Ewigen wohl nachgeeilt, hätte Swanhild sie nicht am Arm gehalten. Konnte man dem Griff der Bibliothekarin schon kaum entweichen, wenn diese ihre Kräfte einsetzte, so musste man gar nicht erst an einen solchen Fluchtversuch denken, befand man sich in den Händen der Vampira.
In aller Ruhe verspeiste Swanhild ihr Brötchen, drückte Melisande auf den Stuhl und unterhielt sich weiter mit Odila, die sich endlich wieder setzte und nervös an ihrem Kragen nestelte. »Swanhild, bist du sicher, dem Herrn Professor geht es gut?«
»Es geht ihm weder gut noch schlecht. Melisande, wann brichst du auf?«
»Gar nicht, solange Anastasius -«
»Sei nicht albern. Du kannst nichts tun. In Wien wirst du benötigt.«
»Um was zu tun? Einer Sechzehnjährigen einen Mann zu suchen? Wer bitte ist so dämlich, sich so jung fortzugeben? Sie muss nur zu ihrer Großmama schauen, um zu wissen, welch eine dumme Idee das ist! Hier bin ich besser aufgehoben. Es kann doch sein, Anastasius kommt zu sich und ist krank. Wer weiß, welche Scheußlichkeiten er in diesem Nichts erlebt!«
Swanhild stöhnte auf. »Es heißt das Nichts, weil es dort nichts gibt.«
»Kennst du es, warst du einmal da?«
Spöttisch schnaubte die Vampira. »Sehe ich aus wie eine, die nicht hauszuhalten weiß mit seinen Kräften?«
»Ach du, du bist anders. Und -«
»Melisande, sage nichts Dummes.«
»Lass mich bitte los, dein Griff schmerzt.«
»Du bleibst artig sitzen und isst, was Odila dir aufgeladen hat?«
»Ich -«
»Ja oder nein?«
»Ja doch!«
Swanhild ließ los, lehnte sich zurück. Sie musterte die wütende Fee, die hastig eine Waffel verschlang, sich verschluckte, von der heißen Schokolade trank, sich endlich bemeisterte und – ihrem morgendlichen Heißhunger folgend – auch Obst und Brötchen und Käse und Brezel und Butterhörnchen aß und mit jedem Bissen ruhiger und zuversichtlicher wurde. Wie sehr ihr der Schreck zugesetzt hatte und wie wohl ihr Speis und Trank taten, zeigten ihre langen Locken, deren dunkles, sattes Rot langsam wieder zurückkehrte.
Zwei Stockwerke über ihnen flößte Herr Custodis einem noch immer bleichen, doch sichtlich im Jetzt sich befindlichen Anastasius den Saft einer Zitrone ein, was dieser mit einem lauten ›Igitt‹ quittierte.
Reizender Mann, der der Archivar nun einmal war, hatte er mit dem Laugengebäck begonnen und beendete den heilenden Zyklus nun mit dem Riegel Schokolade. Salzig, bitter, sauer und süß - schon war der Direktor fast der Alte. Fast, denn jeglichem Aktionismus des jungen Mannes musste ein Riegel vorgeschoben werden, was Herr Custodis seiner Kollegin überließ – strenger als sie vermochte niemand mit den Institutsvorständen umzuspringen, wann immer es nottat.
Und es tat not, denn Anastasius war kaum wieder bei sich, als er schon die Beine aus dem Bett zu schwingen gedachte, um sich um die Abreise seiner Mitarbeiterinnen zu kümmern. Gering war seine Aussicht, an Fräulein Fortunati vorbeizukommen. Mit nur einem Finger, den sie auf seine Stirn tippte, beförderte sie ihn zurück ins Bett und machte ihm klar, wie nun der Augenblick gekommen sei, auf sie zu hören. Ausgelaugt sei er, unverantwortlich handele er und wenn er dieses Warnzeichen nicht als ein solches erkenne, so bleibe ihr nichts weiter übrig, als ihn mit magischen Fesseln am Davonschlüpfen zu hindern.
Doch er muckte einmal noch auf: »Meine hochverehrte Sekretärin, beste Bibliothekarin auf Erden, verzeihen Sie mir, wenn ich darauf entgegne, ich bin der Leiter dieses Instituts und es ist mir überlassen, wie ich es führe. Ich habe Aufgaben und diese erledige ich nach bestem Wissen und Gewissen und von daher muss ich Sie energisch -«
»Energisch werden Sie auf gar keinen Fall, Anastasius. Wie denn auch? Sie haben die Energie eines toten Hamsters und -«
Mokant schmunzelnd mischte Herr Custodis sich ein. Längst hatte er auf dem roten Lesesessel Platz genommen, die Beine von sich gestreckt, die Hände vor der Brust gefaltet. »Meine werte Kollegin übertreibt.«
»Da!« Vom Archivar fühlte Anastasius sich verstanden; es war eben doch so, dass Männer einander besser begriffen. Eine kleine Schwäche von wenigen Momenten hinderte keinen Mann daran, seine Pflicht zu erledigen!
Herr Custodis hob die Hand. »Die Energie eines toten Hamsters würde Sie dazu befähigen, ein gemeinsames Frühstück zu überstehen. Davon kann nicht die Rede sein. Ich werde Ihnen nun ein Bad mit einer Mischung aus Schwefel, den Heiligen Wassern von Avalon und einem Messbecher Magie aus unserer Quelle bereiten. Sodann werden Sie vierundzwanzig Stunden schlafen und hernach sehen wir weiter.«
»Wie bitte? Custodis, zum Teufel noch einmal, ich kann nicht einen ganzen Tag lang krank spielen, ich habe -«
Von Fräulein Fortunati kam etwas, das nach Gewittergrollen klang. »Wirklich, wenn er noch einmal von seinen Pflichten spricht, werde ich ihm eines mit dem Schürhaken überziehen. Erkläre mir, was die Menschen mit dieser Anwandlung haben, plötzlich ihre Pflicht tun zu müssen, nachdem sie ihr zuvor ausdauernd aus dem Weg gegangen sind?« Fräulein Fortunati schüttelte seufzend den Kopf, drückte Anastasius zum siebten Mal hinunter in die Kissen und erklärte ihm eindringlich, seine Pflicht bestünde darin, die Ordnenden Mächte nicht eben nun mit der Suche nach einem geeigneten Nachfolger zu belasten. »Wirklich, da sind Sie auf dem besten Wege, ein ganz ausgezeichneter Direktor zu werden, und dann wollen Sie nach nur einem Monat das Zeitliche segnen? Nennen Sie das etwa Ihre Pflicht tun? Ich nenne es rücksichtslos. Unverantwortlich. Kindisch. Respektlos. Albern.«
»Dumm nicht zu vergessen«, fügte Herr Custodis an, »und widerlich überheblich. Lassen Sie mich Ihnen eines sagen: Es zeugt von wahrer Freundschaft, was Sie bislang für Herrn Borjeson getan haben. Aber weder vermag ich zu glauben, er erwartet diesen übertriebenen Einsatz, noch denke ich, dieser Einsatz ist sonderlich erfolgversprechend. Wohlgemerkt, ich halte Sie für einen ausgezeichneten Direktor. Aber anzunehmen, Ihre beständige Anwesenheit in Herrn Borjesons Traumhaus trüge zu dessen Errettung bei, ist doch etwas ...«
»Überheblich, vermessen, selbstherrlich«, ergänzte Fräulein Fortunati kühl.
»Ich muss sagen, Ihr Ton mir gegenüber ist wenig charmant. Sören ist verzweifelt und ohne mich hätte er sich längst aufgegeben.«
»Oh, bitte, wir stellen nicht infrage, dass Sie Gutes an ihm geleistet haben; höchstwahrscheinlich haben Sie ihn vor dem Tod gerettet. Niemand stört sich daran, wenn Sie täglich ein oder sogar zwei Mal nach dem Rechten sehen. Aber Sie vergessen sich selbst darüber und uns alle gleich mit.«
»Dazu möchte ich zu bedenken geben« – Herr Custodis beugte sich nach vorne - »dass Sabenius den Körper Herrn Borjesons nur nutzen kann, so lange dieser lebt. Weshalb ein Inkubus der Dunkelsten Welt der Leiter eines Magischen Bereiches unserer Welt ist ...«
»Gute Güte, Custodis, Sie wünschen Sören doch nicht etwa den Tod?« Anastasius versuchte nicht mehr, sich zu erheben; jede Bewegung strengte ihn an. Sein Blick jedoch sprach Bände.
»Anastasius! Selbstverständlich nicht. Was ich vielmehr sagen möchte: Es wäre uns lieb, bezögen Sie Fräulein Fortunati und mich in Ihre Handlungen ein. Allein, dass Sie so entsetzt sind von meiner Feststellung, zeigt mir, dass Ihrer beider Grübeln dort oben keine wesentlichen Ergebnisse gebracht hat, wenn dieser Gedanke Ihnen nicht ein einziges Mal kam.«
»Zum Glück! Sören wäre in einer Anwandlung von Heldenmut fähig, aus dem Haus zu stürzen und sich in Nichts aufzulösen! Ja, und was, wenn es ihm einfällt, während ich nicht bei ihm bin? Ich kann ihn nicht allein lassen!«
Die Ewigen sahen einander an; diese Möglichkeit erschien ihnen real und sie war nicht in ihrem Sinne. »Nun gut«, sprach die Sekretärin, »bislang ist er nicht auf diese Idee gekommen ...«
»Aber nun soll er alleine dort oben hocken und niemand muntert ihn auf! Es ist doch nur eine Frage von -«
»Seien Sie einen Augenblick still, ich bitte Sie.« Herr Custodis stand auf, trat ans Fenster. »Ein herrlicher Tag. Ein Tag, an dem niemand an Freitod aus edlen Motiven heraus denkt, nicht wahr? Hmmm ...«
»Ein guter Gedanke, mein Bester.« Fräulein Fortunati stellte sich neben ihn, lehnte sich hinaus, lachte. »Ja, ich denke, wir müssen es riskieren. Aber können wir uns auf sein Wort verlassen?«
»Wessen Wort meinst du, meine Liebe? Borjesons oder Anastasius' Gebrabbel?«
»Einer wie der andere ist recht eigentlich zu romantisch, zu jungenhaft, zu sehr von der eigenen Bedeutung überzeugt, aber dennoch –«
»Ähm, hallo??« Anastasius hob den Kopf. »Ich kann Sie hören und ich finde nicht, dass Ihre schlechte Meinung meiner Genesung zuträglich ist.«
Fräulein Fortunati drehte sich schwungvoll um, strahlte ihn an. »Ohren hat er wie ein Luchs. Und hübsch ist er außerdem.«
»Oh. Danke. Was -«
Schon war Herr Custodis an seiner Seite und blickte ihn streng an. »Wollen Sie uns versprechen, keine Dummheiten zu begehen und zu tun, was wir Ihnen sagen? Ich möchte Ihnen keine Angst machen, aber Ihr Zustand ist kritisch und wenn Sie sich zu weit erschöpfen, so könnten Sie durchaus für eine lange Zeit im Nichts bleiben.«
Dieses Nichts hatte Anastasius nicht gefallen; dorthin wollte er nicht zurück. »War es doch so ernst? Sie haben Melisande aus dem Zimmer geschickt und -«
»Anastasius«, rief Fräulein Fortunati ihn zur Ordnung. »Konzentrieren Sie sich. Sie haben vollkommen recht, wenn Sie befürchten, Herr Borjeson könne eine bodenlose Dummheit begehen; seine Lage ist wahrlich keine angenehme. Sie müssen einmal noch hinauf, so rasch Sie können, und ihm klarmachen, was sein Opfer bedeuten würde: Scandinavia bräuchte einen neuen Institutsvorstand, der nicht ohne Weiteres zu finden sein wird. Der Bereich ist so weit schon infiltriert, dass womöglich jemand berufen würde, der mit Sabenius gemeinsame Sache macht – was wissen wir, welche neuen Verbündeten er gefunden haben mag? Oder Sabenius wird mit dem nächsten Direktor dasselbe machen wie mit Borjeson. Auf alle Fälle wird er den nächsten Körper übernehmen – los werden wir ihn mit Borjesons Tod keinesfalls. Das müssen Sie Ihrem Freund vor Augen führen. Er soll sich bereit halten, für seine geistige Fitness sorgen und darum kämpfen, seinen Körper zumindest in kleinen Teilen kontrollieren zu können. Wir werden eine Lösung finden.«
»Und«, warf Custodis ein, »sagen Sie ihm, er soll den Schnee auf eine Weile verbannen; den Frühling soll er sich herbeidenken und einen Innenhof – den wird er betreten können, ohne zu vergehen. In der Sonne soll er sitzen, den Vögeln lauschen, die Füße meinethalben in einem Brunnen baden.«
»Ich könnte -«
»Nein. Sie kommen augenblicklich zurück, steigen in das Heilbad und legen sich schlafen! Glauben Sie mir, ich werde Sie bis in die Hölle verfolgen, wenn Sie sich nicht an diese Anweisung halten!« So sehr blitzten die Augen der Sekretärin, dass Anastasius eiligst versicherte, den Ernst der Lage verstanden zu haben. »Aber Melisande und Swanhild muss ich verabschieden.«
Herr Custodis wollte Einwände erheben, doch Fräulein Fortunati fuhr ihm über den Mund. »Glaube mir, das muss er. Zumindest Melisande wird keinen Schritt aus der Tür setzen, wenn er sie nicht losschickt. Anastasius, Sie sagen ihr nicht, wie schwach Sie wirklich sind. Eine Fee, die mit einem Herzen voller Sorge auf eine Mission zieht, wird kein Glück verteilen.«
Auch das versprach Anastasius. Es kostete ihn ein wenig Mühe, sich in Trance zu versetzen, doch bald schon stolperte er über die schneeverwehten Hügel in Sörens Traumland. Es war eine knappe Unterhaltung, dringlich und deutlich, und Minuten später lief ein erleichterter Anastasius durch hüfthohe Blumen und Gräser.
Die Kopfschmerzen beim Erwachen waren höllisch. Noch einmal durchlief er das Prozedere der vier Geschmacksrichtungen, glitt dann in das prickelnde Bad, das ihm förmlich die Sinne nahm, und fiel glücklich in sein Bett.
Swanhild sah nur kurz zu ihm hinein und mahnte ihn, den Ewigen Folge zu leisten; sie werde sich melden, wenn es etwas Wichtiges mitzuteilen gebe. Melisande setzte sich dicht neben ihn. »Soll ich dich wirklich zurücklassen?«
»Liebste, es ist wichtig. Wärest du froh, wenn Erzsi einen dahergelaufenen Trottel heiratet und unsere Welt ins Unglück stürzt, während du hier bei mir Wache sitzt? Das wärest du nicht. Und dann? Dann würdest du mich einen nichtsnutzigen Klotz am Bein nennen.«
»Wie albern du bist.« Die Fee seufzte, küsste ihn auf beide Wangen und erhob sich. »Aber leider sprichst du die Wahrheit. Ruhe dich nur gut aus, ja? Ich möchte dich gesund und munter, wenn ich zurückkehre!«
Swanhild stieg als Erste in die Magische Quelle hinab. In Cádiz angekommen, drückte sie Fräulein Fortunati noch einmal die Hand, wies auf ihr als Armband getarntes telepathia praesens, lächelte. »Ich befürchte, ich sorge für manche Warnung.«
»Sie rechnen damit, dass die Calibrini sie in Kämpfe verwickeln wird?«
»Nein.«
»Nicht?«
»Ich werde die Calibrini stellen und sie wird sich wehren.«
»Sie wissen, wo sie ist?«
»Nein, aber ich werde sie finden.«
»Und dann?«
»Fräulein Fortunati, ich denke, Melisande wartet bereits auf Sie.« Damit nickte Swanhild, drehte sich grußlos um und verließ den Keller, verließ auch die Dependance, ohne sich in dem ungemein eleganten Haus umzusehen. Auf die Calle de Calderón de la Barca trat sie, ein schmales Gässchen recht eigentlich, das schnurgerade zwischen den dicht aneinandergedrängten, drei- und vierstöckigen Häusern lief, kaum mehr als hundert Meter lang. Für die südländische Schönheit der Architektur hatte die Vampira kaum einen Blick; wie selbstverständlich registrierte sie die nur wenige Zentimeter tiefen Balkone, die kunstvollen schmiedeeisernen Gitter vor den hohen und schmalen Fenstern, die Farbe der Gebäude, die von strahlendem Weiß bis hin zu einem warmen Sandton selbst im Schatten noch hell leuchteten.
Es ging der Vampira nur darum, sich schnellstens zurechtzufinden in der fremden Stadt am Meer. Dass Gabriella Calibrini nicht anwesend war, das spürte sie sofort, aber nicht ihretwegen war sie hier; die kleine Strigoi würde sie ab morgen jagen und wenn die nicht vollends verblödet war, so musste sie sich denken, dass ihre Tat nicht ungerächt bliebe. Andererseits: Fünf Tage war es nun her, dass sie Karel getötet hatte; fünf Tage, in denen niemand sie verfolgt hatte. Es war gut möglich, sie fühlte sich nun schon sicher.
Swanhild blieb stehen, blickte auf das Mittelmeer, das die Stadt umgab. Wie lange es doch her war, dass sie unbeschwerte Tage unter der südlichen Sonne verbracht hatte. Mit Rasputin in Venedig mochte das gewesen sein. Vierhundert Jahre waren seitdem vergangen. Der Gedanke an den russischen Geliebten versetzte ihr einen Stich, irgendwo in der Herzgegend. Nicht um seinetwillen allerdings, eine so große Bedeutung hatte er in ihrem Leben nicht gespielt. Nein, sie dachte dabei an Karel, der ihr vor Kurzem erst seine Eifersucht gestanden hatte; unerträglich sei es für ihn gewesen, sie mit seinem einstmals besten Freund zu sehen. Karel, der starb, als er anbot, seinen Plan aufzugeben um ihretwillen, auf die vage Hoffnung hin, sie würde ihm eines Tages verzeihen und ihn einmal noch in Betracht ziehen. Was ihr nun so unmöglich nicht mehr erschien. Bald tausend Jahre lang war er für sie nichts weiter als der Verräter, der treulose Mann gewesen und nichts als Hass hatte sie für ihn empfunden. Aber diese drei Begegnungen in den vergangenen zehn Tagen, die Wiederbelebung ihrer Menschlichkeit, vielleicht auch die lange Einsamkeit, die sie sich mit gar zu oberflächlichen Begegnungen vertrieben hatte – nun, die hatten etwas verändert.
Die Trauer um ihn und die Erinnerung an die gute Zeit, als er sie zur Strigoi machte, Fähigkeiten für sie opferte und bewunderte, wie sie stärker und stärker wurde, hatten Swanhild einen Entschluss fassen lassen, von dem vorerst niemand wissen sollte.Sie lächelte und für einen kurzen Augenblick sah sie sich mit den Augen einer jungen Frau um, die sich über die Schönheit ihrer Umgebung freut. Cádiz gefiel ihr, unbedingt. Diese Mischung aus strenger Straßenführung und tosendem Meer, die schwarz-weißen Bodenfliesen in Parks und auf Plätzen, die hellen Häuser und die häufige Verwendung von rotem Zierrat, die Eleganz der spanischen Bauten, die einträchtig neben römischen Thermen und maurischen Tempeln standen, sogar die strahlende Sonne am blauen Himmel – ja, eine Reise hierher würde sich lohnen. Sie sollte Melisande davon erzählen; sie und Anastasius würden schöne Stunden hier verleben. Dann straffte sie die Schultern und eilte weiter voran.
Melisande war so begierig nicht, Bonn zu verlassen, und wartete daher geduldig auf die Rückkehr Fräulein Fortunatis. Wie stets glaubte die Fee, sie eines Tages beim Gehen und Kommen beobachten zu können, doch auch dieses Mal erschien die Sekretärin in dem winzigen Moment, da sie blinzelte. Lächelnd und ruhig stand sie vor ihr, als wäre sie niemals woanders gewesen. Einen Bogen Papier hielt sie in der Hand. »Entschuldigen Sie die Verspätung, der Telepathschreiber rief mich. Aber diese Verzögerung ist ganz zu Ihrem Nutzen: Nicht von Schäßburg aus müssen Sie reisen, sondern in Abbazia besteigen Sie die Eisenbahn. Ein malerischer Ort, unmittelbar am Meer gelegen.«
»Oh. Ich habe die Kaiserin davon reden hören, Sie und Rudolf waren dort bereits einige Male zur Kur. Es sei so mondän wie modern, meinte sie. Aber wie -«
»Wie ich Sie dorthin schicken kann? Nun, im Palast der Gelehrten ist man ausgesprochen schnell tätig geworden: Man hat nicht nur Ingenieure nach Paris und Stein am Rhein gesandt, um die Zugänge zur Dunkelsten Welt zu überwachen, man hat außerdem jene Quellen im Habsburger Reich einer erneuten Prüfung unterzogen, die bislang als zu schwach galten. Es scheint, als habe die Magische Quelle in Stein an Kraft verloren, was jener Quelle in Kroatien zugutekommt.« Sie reichte Melisande die Hand, half ihr über die Brüstung. »Nun also: Abbazia. Die neue Dependance ist noch im Aufbau begriffen und Florenz bittet uns, alles anzuschauen und falls nötig, Änderungen vornehmen zu lassen.«
Keine dreißig Sekunden später spazierten die beiden Damen durch die Villa. ›Baufällig‹ kam ihnen in den Sinn, ›vernachlässigt‹, ›traurig‹ und ›sehr luftig‹. Letzteres hatte seine Erklärung in der Tatsache, dass das einstmals herrschaftliche Haus nicht ein einziges Fenster besaß. Einzig das Kellergewölbe erstrahlte bereits im gewohnten Glanz der anderen Dependancen – Schwimmbad, Gymnastikraum und ein feiner Weinkeller sprachen von baldigem Komfort auch in den anderen Stockwerken.
Ein rundlicher Herr mit runder Brille trat sogleich auf sie zu, verbeugte sich und sprach in einem rasanten Italienisch von all den Schwierigkeiten, die seine Kollegen und er hier zu bewältigen hätten. Nicht nur müssten die notwendigen Reparaturen in höchster Eile durchgeführt werden, es müssten zudem die komplizierten Schutzzauber aktiviert werden, die die Einwohner der Stadt das seit Jahrhunderten an prominenter Stelle stehende Gebäude vergessen und übersehen ließen.
Die Damen hörten seinen Klagen zu, lächelten. Der rundliche Herr reagierte nun auf die Präsenz der Fee, rutschte näher zu ihr heran, umkreiste sie einmal links herum, dann rechts herum, zupfte mit einer Pinzette ein Haar von ihrer Schulter – »Ich darf doch, Signorina?« – und schnupperte gar an ihr. »Sie also sind eine Fee der Insel Avalon. Ich bin begeistert. Absolut begeistert. Unbedingt müssen Sie bald einmal nach Florenz kommen – wir haben Fragen, Signorina, so viele Fragen, die von unbedingter Wichtigkeit für unsere Forschung sind.«
Fräulein Fortunati schob ihn mit Nachdruck fort von Melisande. »Dottore Vanitella, ich verstehe Ihr Interesse, aber Sie werden warten müssen, bis die Lage sich beruhigt hat, dann werden wir Sie nach Bonn einladen, wo Sie Fräulein Meyerbrinck befragen dürfen, wie es Ihnen beliebt.«
»Selbstverständlich, Fräulein Fortunati. Wenn wir uns dann vielleicht dem Umbau zuwenden? Bis dieses Gebäude die Magie zur Wandlung wird nutzen können, werden sicherlich einige Monde vergehen. Von daher wäre es leichter für uns, den früheren Zustand wiederherzustellen, als ein Haus zu errichten, das flexibler in seiner Ausstattung ist. Sie entscheiden.«
»Ich sehe darin keine Schwierigkeit, Dottore. Es ist, so nehme ich an, späte Renaissance? Ein Stil, den Professor Olivero liebt. Einzig die Küche und Fräulein Meyerbrincks Schlafzimmer müssen von Beginn an den Standards entsprechen.«
»Dann werde ich die magischen Leitungen entsprechend legen. Aber erwarten Sie nicht zu viel, diese Quelle ist wohl stark genug geworden, um für uns nutzbar zu sein, aber zu viele Bewohner zur selben Zeit und es kann sein, Sie werden entdeckt.«
Fräulein Fortunati sah zu Melisande, die sich entfernt hatte und auf das unter ihnen liegende Panorama blickte. Es war leicht zu sehen, was sie beschäftigte. Die Sekretärin verbiss sich ein Lachen. »Ich denke, mehr als zwei Personen werden hier nicht so bald erscheinen.«
In der Tat hatte die Fee beim Anblick des glitzernden Meeres, der sanften grünen Hügel und der eleganten Promenade überlegt, wie reizend es wäre, diese Aussicht mit Anastasius zu bewundern. Frühmorgens, wenn die Sonne aufging, müsste es himmlisch sein. Sie seufzte wohlig, erschrak, wie vernehmlich der Seufzer durch die leeren Räume hallte, und fragte hüstelnd, wo der Bahnhof sei und wann ihr Zug führe.
»Sehen Sie, das muss ich noch herausfinden«, rief die Bibliothekarin, die nur selten bei einem Versäumnis zu ertappen war. »Dottore, rufen Sie mich, wenn Sie Hilfe brauchen. Melisande, ich schlage vor, Sie suchen ein Restaurant auf und ich melde mich mit der Abfahrtszeit.«
»Aber nein, ich kann mich durchaus selbst -«
»Es ist bereits Mittag, meine Liebe, gönnen Sie sich eine Pause, bevor es weitergeht. Sie wissen, in Wien werden Sie kaum einen Augenblick der Ruhe haben.« Es war Fräulein Fortunati vor allem daran gelegen, auch den letzten Rest Sorge um Anastasius' Gesundheit aus der Fee zu vertreiben. Essen war die beste Medizin.
Dottore Vanitella hüpfte herbei, bot seinen Arm. »Signorina, gestatten Sie mir, Sie auszuführen, ich bitte darum. Ich werde Sie nicht mit Fragen belästigen, versprochen!«
»Nicht?«
Er zwinkerte ihr zu. »Sollten Sie jedoch Freude daran haben, mir von der Heiligen Insel zu sprechen oder gar von Morgaine, so werde ich nicht schreiend davonlaufen.«
»Sie wissen ein nettes Gasthaus?«
Grinsend klopfte er seinen Bauch. »Damit kenne ich mich aus.«
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Fast ein wenig verloren fühlte Odila sich, als sie durch den üppig blühenden Garten schlenderte. Zum ersten Mal in vielen Jahren befand sie sich allein und ohne Aufgabe. Swanhild und Melisande hatten das Institut vor bald vier Stunden schon verlassen. Sean und Herr Inventoris hatten sich im Werkraum eingeschlossen, aus dem seitdem Jubelrufe, enttäuschtes Schnauben und bunt gefärbte Dampfwölkchen drangen. Fräulein Fortunati war äußerst beschäftigt, da der Telepathschreiber noch lernte, wann er auf die telepathia praesens der Abwesenden reagieren durfte und wann es nichts weiter als eine seismologische Erschütterung war, die ein Signal aussandte. Professor Olivero lag krank im Tiefschlaf. Herr Custodis beobachtete das fenestra mundi. Und Monsieur Dumarchelier verbat sich jede Störung, da er mit Gianbattista Calibrini neue Rezepte für die menschlich-vampirische Gourmetküche testete.
Ein wahrhaft elegischer Seufzer war es, den Odila von sich gab. Wie hatte sie während der schrecklichen Jahre unter der Knute der Hexe Sinead von einem solchen Tag geträumt. Einem Tag mit Sonnenschein und Müßiggang, voller Stille und ohne Eile. Und nun? Nun wusste sie nichts damit anzufangen. Alle hatten ihr gesagt, sie solle die Ruhepause ohne schlechtes Gewissen genießen, solle ihre Kräfte sammeln, sich entspannen, damit sie am nächsten Tage voller Elan ihre Mission antreten könne. Und das war ja auch vernünftig, das hatte sie ja auch tun wollen.
Aber Himmel nein, was war ein solch ruhiger Tag anstrengend! Sie hatte ausgiebig gefrühstückt, war schwimmen und im Dampfbad, hatte sich liebevoll gepflegt und einen Roman ausgelesen, sie war in die Stadt spaziert, hatte dort zu Mittag gegessen und sich einen neuen Hut gekauft. Und dann waren gerade einmal drei Stunden um gewesen. Wie viel schneller und auch glücklicher die Zeit doch verlief, wenn man etwas Sinnvolles tat. Das Schwimmen beispielsweise genoss sie doch immer sehr, aber heute? Es musste wohl daran liegen, dass sie eine angenehme Tätigkeit an die andere reihte – das ermüdete geradezu.
Odila hievte sich auf die Mauer und verspeiste einen Apfel, blickte über die Rheinpromenade. Wie eilig es die meisten Menschen hatten. Wahrscheinlich sehnten sie sich nach der Ruhe und Gelassenheit, die sie selbst heute gar nicht zu schätzen wusste. Wieder seufzte sie, sprang zurück in den Garten, pflückte einen Strauß und arrangierte ihn gekonnt in einer passenden Vase, stellte ihn auf den Esstisch.
Und schrak zusammen, als Custodis eintrat und sie ansprach: »Meine liebe Miss O'Malley, mopsen Sie sich so sehr?«
»Wenn das heißt, ich langweile mich, dann muss ich gestehen, das tue ich. Ich bin wohl die undankbarste Person auf Erden, bin ich das nicht?«
»Aber nein. Sie sind jung und strebsam. Wenn Sie erst einmal ein wenig älter sind und ein gutes Dutzend Abenteuer erlebt haben, dann werden Sie einen solchen Tag zu genießen wissen. Nun, wie wäre es mit einer Partie Schach?«
»Zu gerne. Soll ich uns einen Tee bereiten?«
»Ich habe Auguste bereits gebeten, uns im Consilium etwas bereitzustellen.«
»Oh. Wie wussten Sie -«
»Ihre Langeweile poltert förmlich durchs Haus.«
Sie machten es sich bequem, kosteten von den duftigen Gebäckstücken und der neuen Teekreation des Herrn über das leibliche Wohl, der sie mit Argusaugen beobachtete und auf fachmännische Kritik wartete. Die – wie könnte es auch anders sein – begeistert ausfiel. Zufrieden zog Dumarchelier sich zurück und rief Gianbattista schon vom Flur aus zu, sie hätten einen weiteren Erfolg auf dem Feld der Kulinarik errungen.
Herr Custodis baute das Schachbrett auf. »Wie wäre es mit einer Variation?«
»Eine so gute Spielerin bin ich leider nicht.«
