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Eine Vampira, die Probleme gerne dauerhaft löst ... Europa 1899. Professor Olivero reist nach Siebenbürgen, um die dritte seiner Agentinnen abzuholen: Swanhild. Viel Zeit zum Kennenlernen bleiben der Vampira und dem Leiter des Instituts für Fantastik nicht, denn noch immer ist ihre Welt in Gefahr. Swanhild sucht in Wien nach Spuren und trifft dabei auf einen alten Bekannten. Ist er Freund oder Feind? Eine Frage, die sie sich bei anderen Begegnungen nicht unbedingt stellt ... Ob bei einem Ball in der Wiener Hofburg, einer Reise durch Italien oder in geistigen Sphären: Die Agentinnen des Instituts sind allen Gefahren gewachsen. Nur wie lange noch?
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Swanhild die Blutige
Professor Olivero
20. April 1899
Bonn - Siebenbürgen – Wien
Swanhild Serban-Jørgensen
Kunst, Kaffee und Kaiserkinder
Drei unterschiedliche Aufgaben
Eine Nacht der Erkenntnis
Zeitenwandel
Karampara
Hoffnung sollt ihr haben
Von Quelle zu Quelle
Fee, Vampira, Königin
Eine Atempause
Professor Olivero
Impressum
Swanhilddie Blutige
Oliveros Institut für FantastikNo 2
Andrea Instone
Professor Olivero
Ich wusste, wir sehen uns wieder. So eigenartig es auch ist, wie wir über unsere Welten hinweg miteinander in Kontakt stehen, es geschieht. Und ich muss sagen, es tut mir wohl, einmal mit jemandem wie Ihnen sprechen zu können. Es ist beinahe wie ein Selbstgespräch, nur komme ich mir kein bisschen lächerlich vor, wenn ich von meinen Sorgen und Befürchtungen spreche; ja, Ihre Gegenwart scheint mir Klarheit zu verschaffen. Verstehen Sie? Während ich Ihnen erzähle, was mich beschäftigt, komme ich auf neue Ideen, wie meine Probleme zu lösen sein könnten.
Sie erinnern sich der langen Liste, die die Ordnenden Mächte mir als Arbeitsanweisung sandten? Oder vielmehr eine Zusammenfassung der Punkte, die ich während meines ersten Jahres als Institutsleiter besonders im Auge haben sollte:
Verbesserung der Gesundheitsvorsorge insbesondere in den ländlichen Gebieten, ebenso Verbesserung der Schulbildung und Sprachkenntnisse.
Bekämpfung des organisierten Verbrechens, Ausmerzung der unverbesserlichen Kriminellen.
Rettung der acht verbrannten Hexen und Beilegung des Streits zwischen Elisabeth I. und Mary Stuart.
Alles sehr wichtige Aufgaben, ohne jede Frage. Aber wesentlich dringlicher ist doch die Verhinderung eines Weltkrieges, wie er nun bei Ihnen tobt. Das wird nicht leicht werden, denn wenn meine Welt auch wesentlich friedlicher, gerechter und – ja, das muss ich leider sagen – vernünftiger ist als die Ihre, so sehe ich deutlich, dass wir gefährdeter sind denn je, Ihre Fehler zu wiederholen.
Sie nicken, natürlich, Sie verstehen mich, wir hatten ja bereits ausführlich über die Unterschiede gesprochen; ich will Sie keinesfalls mit den immer selben Details langweilen. Verzeihen Sie mir meine Geschwätzigkeit.
Nun also, zu den oben genannten Aufträgen kommt unbedingt die Vermeidung dieses Krieges. Dazu werden wir uns dem Thronfolger Franz Ferdinand widmen müssen: Entweder muss er ein besserer Mensch werden oder aber wir müssen dafür sorgen, dass er zurücktritt und Platz macht für den Sohn des Kaisers.
Gut, der Plan hat seine Schwächen, denn zum einen hat Rudolf vor Jahren bereits abgedankt und zum anderen ist Franz Ferdinand ein Mann, der mir und fast allen Menschen, die ihn kennen, zutiefst unsympathisch ist; das zu ändern, dürfte außerhalb unserer Macht liegen. Hinderlich ist außerdem, dass ausgerechnet nun die Magische Quelle in Österreich kontaminiert ist und wir nicht rasch reagieren können, wenn es nottut.
Womit wir schon bei den Rätseln sind, die wir lösen müssen: Die Metamorpha Insabeau von Isselheim, die Dunkelste Welt, Sébastien Antoine Bellefort und Sören Axel Borjeson, der Mord am russischen Institutsleiter Testow durch seinen Agenten Kasparow und das Herannahen der Kosmischen Welle – all dies sind die Dinge, die unsere Aufmerksamkeit erfordern. Unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und all unsere Anstrengung!
Hexen, Drachen, ungesicherte Zugänge zu einer fremden – uns vollkommen unbekannten! – Welt, Mord, die Schwäche der Zwölf, das Zaudern der Ordnenden Mächte und die Entdeckung, dass diese die Gestaltwandler im Grunde wie das Urböse an sich behandeln: Ich gestehe, wenn ich des Nachts nicht schlafen kann – und das kam oft vor in den letzten zwölf Tagen! – dann schaue ich mit Besorgnis auf die vor uns liegenden Aufgaben.
Wie sagt Fräulein Fortunati: Noch kaum ein Leiter vor mir stand zu Beginn seiner Amtszeit so sehr in der Pflicht! Und ich kann Ihnen nicht verhehlen, für wie wenig geeignet ich mich in diesen düsteren Stunden halte, all das zu bewältigen. Ich frage mich in einem fort, weshalb ich erwählt wurde. Ich bin doch noch recht unerfahren in allen Angelegenheiten der großen Welt, hatte außerdem allzu romantische Vorstellungen von meiner Zukunft und – nun ja, ich war auch leicht zu beeindrucken von jedem weiblichen Wesen, das meinen Weg kreuzte.
Ja, sagen Sie nichts, lachen Sie über mich, nennen Sie mich einen Narren und Schlimmeres; geschenkt. Ich hatte Sehnsucht nach etwas, das ich von meinen Eltern nicht bekam. Aber das hat sich geändert. Ich habe mich verliebt und das mit jedem Zoll meines Körpers, mit dem Verstand, der Seele und dem Herzen. Ich schwärme überschwänglich, ich verehre ehrfürchtig, ich huldige andächtig, ich erbebe leidenschaftlich, ich liebe in tiefem Ernst und mit größter Freude, ich …
Ja, lachen Sie mich aus, nennen Sie mich kindisch und irre, Sie haben ja recht. Da behaupte ich, ich sei kein romantischer Narr mehr und dann rede ich daher wie … wie ein verliebter Poet, ein alter Mann und ein dummer Schuljunge! Aber Sie irren sich doch, denn dies ist keine Spielerei, da sind keine Einbildung und kein Herbeireden. Ich habe die Frau meines Lebens gefunden. Ohne jeden Zweifel.
Melisande natürlich. Sie ist die Antwort auf all mein Sehnen und Suchen und glauben Sie mir, Sie macht einen besseren und klügeren Mann aus mir! Lachen Sie nur weiterhin, ich bin ja Ihrer Meinung, denn da hat die arme Frau viel zu tun. Aber ihre Wärme, ihr Temperament, ihr Witz, ihre Talente, ihr -
Oh, ich schweige schon, ich kann mir denken, wie lästig ein verliebter Mann fallen muss. Doch glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage: Nun endlich weiß ich, was Liebe ist.
Wenn Sie wüssten, wie ich sie vermisse: Melisande Meyerbrinck, Fee von Avalon, Angestellte des Instituts für Fantastik und – vor allem anderen – die Frau, die mich küsst. Gelegentlich. Meine Liebe zu ihr ist ideal, perfekt, unübertroffen, wunderbar, herrlich – wie sie selbst eben auch. Wie sie geht und wie sie spricht, wie sie ihre Meinung sagt, sich nicht scheut, mit mir zu streiten, wie sie -
Wo sie ist? Nun, sie ist vor fünf Tagen in Wien eingetroffen und hofft darauf, bald auf Franz Ferdinand, Rudolf oder den Kaiser einwirken zu können, doch bis jetzt sieht sie nur die Kaiserin von morgens bis abends, die nicht genug von Melisande bekommen kann. Wie ich das verstehe! Mit ihr den Tag verbringen zu können, über nichts anderes plaudern zu müssen als über die Schönheit der Natur, die Kraft der Farben und die Liebe.
Oh, ja, ich komme schon wieder ins Schwärmen, verzeihen Sie. Wir haben wirklich Wichtigeres zu erledigen, natürlich. Aber bald ist Beltane und ich … also Melisande … also wir beide … nun …
Wie auch immer. Ich bin nervös und aufgeregt und weiß doch, nichts wird mich mehr stärken für all das Düstere, das vor uns liegen mag, als ihre Liebe. Und jetzt kein Wort mehr davon, versprochen. Denn zuvor ist es an der Zeit, endlich auch unsere dritte Dame nach Bonn zu holen: Swanhild, die Vampira.
Nach Transsylvanien muss ich reisen. Oder, wie Fräulein Fortunati es lieber nennt, nach Siebenbürgen. Transsylvanien klingt ihr gar zu sehr nach Horror- und Schauerroman und das sei doch ein schlechter Beginn, wollten wir unsere neue Mitarbeiterin mit derlei Klischees begrüßen. Also Siebenbürgen. Im schönen Schäßburg befindet sich unsere ungarische Dependance und von dort aus reise ich nach Schloss Bran, wo Swanhild sich aufhält.
Swanhild Serban-Jørgensen – die Namen nordischer und rumänischer Abstammung. Ich bin höchst gespannt, sie kennenzulernen. Eine echte Vampira, denken Sie sich nur. Sicherlich, ich als Professor der Paranormalen Anatomie bin selbstverständlich bestens vertraut mit der Natur dieser Wesen; ihnen gehörte meine besondere Aufmerksamkeit während meiner Schulzeit in Genf. Aber niemals hatte sich ein Vampir bereitgefunden, uns mit seinem Besuch zu beehren. Sie müssen wissen, die meisten Mitglieder dieser Gattung bevorzugen es, untereinander in ihren Clans zu leben. Andere wiederum geben sich nach außen unauffällig, wohnen unter uns in den Städten und das meist aus Liebe zu einem Menschen. Sicherlich hat diese Separierung dazu geführt, dass wir allerlei falsche und mitunter furchtsame Vorstellungen von dieser Spezies haben.
Sie nicken wieder und ich weiß, was Sie denken. Ihnen fällt allerlei ein zu dem Thema des Vampirismus, nicht wahr? Fledermäuse und Wölfe gewiss, in die Vampire sich verwandeln; fließende Gewässer, die sie nicht überqueren können; das Schlafen in einem Sarg, der gefüllt ist mit heimischer Erde. Kruzifixe, Holzpflöcke, Knoblauch und natürlich das Interesse an Ihrer Halsschlagader kommen Ihnen in den Sinn, unstillbare Gier nach Blut, das Fehlen jeglichen Mitleids und die geradezu hypnotische Anziehungskraft, die von Vampiren beiderlei Geschlechts ausgeht.
Nun, an all dem ist sowohl viel Wahres wie auch viel Unsinniges. Seine Talente hängen vom Alter des Vampirs ab, von seinem Clan, seiner Erziehung und dem Charakter. Es gibt Blutsauger, die kaum schöner und klüger sind als ein gemeiner Hausfloh, und andere, die in jedem Aspekt den besten aller Menschen übertreffen sowohl was das Äußere und den Verstand wie auch das Gefühlsleben anbelangt.
Und Swanhild Serban-Jørgensen muss eine Vampira besonderer Güte sein, da sie bereit ist, sich in den Dienst der Menschheit zu stellen. Morgen werde ich mich auf den Weg zu ihr machen. Das hatte sie sich ausgebeten: Nicht vor dem 20. April dürfe ich erscheinen.
Dem konnte ich nicht zuwiderhandeln, wenn es mir auch schwerfiel, so viel Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen. Sicherlich, ich habe an meinen medizinischen Forschungen gearbeitet, habe die Andere Welt – also Ihre – durch das fenestra mundi beobachtet, habe mich gemeinsam mit Miss O’Malley und Herrn Inventoris auch nach Isselburg begeben und mit der Familie Isselheim über deren Tochter Insabeau gesprochen; ich war also aktiv und habe wertvolle Hinweise gesammelt, aber doch waren mir die Hände gebunden. Die Ewigen hatten strikte Anweisung der Ordnenden Mächte, mich nicht noch einmal ohne Schutz hinauszulassen in die Welt, die ich doch schützen soll. Gerne wäre ich mit Melisande nach Wien gereist, hätte noch einmal versuchen wollen, die Magische Quelle in Stein an der Donau zu betreten und einen weiteren Blick in die Dunkelste Welt zu werfen.
Ja, nun schütteln Sie den Kopf und halten mich für einen Trottel, der sich überschätzt. Sie haben recht, schon wieder. Ich weiß es ja. Aber zehn Tage, in denen ein Mörder nicht gefasst wurde, wir die Gestaltwandlerin nicht finden konnten und noch immer nicht wissen, ob Bellefort und Borjeson ein und derselbe sind – das zehrt an meinen Nerven. Denn wie soll ich mit Borjeson umgehen, der sich mir als Freund angeboten hat? Ach, es ist kompliziert, nicht wahr? Und da ist es kein Wunder, wenn ich denke, ein anderer wäre an meinem Platz vielleicht besser aufgehoben …
20. April 1899
Beschwingten Schrittes betrat Professor Dr. Archibald Anastasius Olivero das Speisezimmer. Wie jeden Morgen schien dieser Raum ihm einen herrlichen Tag zu versprechen. Während der knapp drei Wochen, die er nun im Institut wohnte, strahlte die Sonne stets durch die hohen Fenster und brachte das zarte Gelb der Wände zum Leuchten, gleichgültig, ob es stürmte, regnete oder gar schneien mochte. Doch erst heute kam ihm das so recht zu Bewusstsein. Magie natürlich steckte dahinter. Und sein eigener Wunsch, es möge stets sonnig sein in seinem Leben und dem seiner Freunde. Selbst in diesem unbewussten Ansinnen gestaltete sich das Haus also nach ihm um. Nach wie vor verging kaum eine Stunde, in der Anastasius nicht eine weitere Eigenheit seines neuen Heims feststellte.
Fräulein Fortunati saß bereits zu Tisch und Auguste Dumarchelier, der Herr über das leibliche Wohl, hantierte mit einigen Schüsseln am Buffet. Er verbeugte sich, als er Anastasius‘ Morgengruß vernahm. »Ah, Bonjour, mein Lieber. Haben Sie gut geschlafen, befinden Sie sich wohl? Ich habe Ihnen bereits einen Korb gepackt mit einem delikaten Kuchen und einigen knusprigen Pasteten. Die Hälfte davon für Sie, die andere Hälfte für unsere neue Mitarbeiterin. Sie können sie leicht unterscheiden; ich habe die Speisen der Dame mit einem roten Band umwickelt. Rot wie Blut, n’est-ce pas?«
Monsieur Dumarchelier hatte Tag um Tag in seiner Küche experimentiert, wie sich die Früchte und Samen von Blutblumen, Blutbeeren und Blutbuchen zu einem schmackhaften Gericht vereinen ließen, das die Zustimmung der Vampira finden würde. Insgesamt war er durchaus zufrieden mit dem Erreichten. Sein Ziel war es, Kombinationen von menschlicher und vampirischer Nahrung zu erschaffen, die beiden Parteien gleichermaßen munden und ihm die Arbeitszeit in der Küche ein wenig verkürzten, sobald die Vampira eingezogen sein würde. Er wies auf den geflochtenen Behälter an Anastasius‘ Platz. »Vergessen Sie ihn nicht. Die Reise von Schäßburg nach Bran wird Sie gewiss einen halben Tag kosten, wenn nicht mehr.«
Anastasius blickte in den Korb und schnupperte. »Riecht verführerisch. Ist das meine Speise oder die von Fräulein Serban?«
»Beides selbstverständlich.«
Fräulein Fortunati hatte in der Zwischenzeit den Tee eingeschenkt, wie Anastasius ihn am liebsten trank, und schob ihm die Tasse zu. »Hat Sean den Schutzzauber übertragen? Ist es geglückt?«
»Ja, so weit wir es überprüfen konnten, ist meine Pelerine nun gefahrenabweisend. Nur der Regen kommt durch.«
»Ich wage zu bezweifeln, dass die Kraft des Jungen schon so weit reicht, jegliche Gefahr abzuwenden. Aber wenn Sie für das Böse unsichtbar bleiben, so bin ich zufrieden. Lieber wäre es mir allerdings, wenn Sean mit Ihnen hätte kommen können. Was muss er sich auch erkälten, wenn Melisande unterwegs ist. Es missfällt mir, Sie ohne jegliche Begleitung ziehen zu lassen.«
»Sean ist kaum vierzehn Jahre alt.«
»Da sieht man, wie ich selbst ihn für bedachter halte als Sie.«
»Fräulein Fortunati, so kenne ich Sie gar nicht. Dermaßen pessimistisch an diesem wunderbaren Tag?«
»Wunderbar also?« Fräulein Fortunati erhob sich und öffnete das Fenster zur Rheinseite hin.
Ein eisiger Wind fuhr in das Zimmer, zerrte an den Vorhängen, wirbelte eine Serviette durch die Luft und sprühte dazu noch eine Fontäne Regenwasser über das Rührei, von dem Anastasius sich eben eine riesige Portion aufgeladen hatte.
Die Bibliothekarin zuckte mit den Schultern, setzte sich wieder und blinzelte einigermaßen kokett. »Was kann ich sagen? Ich habe meine Stimmung dem Wetter angepasst.«
»Haben Sie wahrhaftig Angst um mich?«
»Seien Sie nicht albern, Anastasius. Natürlich sorge ich mich und ich möchte Sie nicht verlieren. Angst hingegen ist doch eine gar zu menschliche Regung, als dass ich sie in all ihren Facetten würde nachfühlen können. Aber unsere Unternehmungen scheinen unter einem schlechten Stern zu stehen.«
»Sie erstaunen mich. Sie glauben an die Gestirne?«
»Es lässt sich so manches aus dem Lauf der Sterne erlesen, dessen seien Sie versichert. Fragen Sie Custodis, er kann es Ihnen besser erklären, es ist ja sein Steckenpferd.«
»Natürlich, ja. Die Teleskope oben im Speicher. Für die Andere Welt braucht er sie nicht.«
»Nun, wie auch immer. Fühlen Sie sich wohl, haben Sie genügend Schlaf gehabt?«
»Wie heute ein jeder um meinen Schlaf bekümmert ist!«
»Sie haben alles gepackt? Ihr magisches Buch? Eine Waffe?«
»Sie sorgen sich wie eine Mutter um mich, ich bin gerührt.«
»Mütterlich also? Vor drei Wochen noch glaubten Sie, Sie könnten sich in mich verlieben und nun nennen Sie mich bald Mama.« Fräulein Fortunati lehnte sich zurück, war wieder ganz sie selbst: gelassen, heiter, ein wenig spöttisch. Und wie die Ewige so da saß, scheinbar keinen Tag älter als Anfang zwanzig, das volle Haar locker aufgetürmt, gekleidet in eine gestreifte Bluse und einen roten Rock, der sich über das Parkett ergoss, da wirkte sie nun wirklich nicht wie eine Frau, zu der irgendein Mann – sei er fünfzehn oder fünfzig – würde Mama sagen wollen.
»Ziehen Sie mich nur auf, ich habe es bestimmt verdient. Mein lieber Auguste, Ihr Rührei ist ein Traum und diese Brötchen! Sollte ich nicht wiederkehren, so seien Sie versichert, ich starb glücklich und satt.« Mit Genuss nahm Anastasius einen weiteren Bissen zu sich.
»Anastasius! Bitte, reden Sie keinen Unsinn.« Herr Custodis war in das Zimmer getreten, elegant wie stets. »Und damit meine ich nicht, dass Augustes Speisen nicht immer ein Traum seien. Aber dieses Gerede von Tod und Unglück am frühen Morgen, das muss nicht sein. Siebenbürgen, ich bitte Sie! Eine herrliche Gegend, liebliche Hügel, ausgedehnte Wälder und pittoreske Dörfer – wie können Sie da an eine Reise ohne Wiederkehr denken?«
Anastasius betrachtete den Archivar mit einem Blick, in dem sich Mitgefühl und Bedauern vermischten. Wie Custodis von anderen Orten sprach, fast, als wäre er dort gewesen. Gewiss wäre er ein großer Reisender geworden, hätte das Schicksal es nicht anders gewollt. »Haben Sie sich mit der Region befasst? Über das fenestra mundi?«
»Nun ja, sicherlich über unseren Ausblick, wie sonst? Ich kenne unsere Welt so gut, als hätte ich sie auf meinen eigenen Füßen durchwandert.« Custodis lächelte und strich über seinen schmalen Schnauzbart. »Nur kein Mitleid, Anastasius. Glauben Sie mir, es ist unendlich viel bequemer, eine verschneite Landschaft von meinem Sessel aus zu betrachten, als sie wirklich durchqueren zu müssen.«
»Aber Sie kennen nur die Orte der Anderen Welt. Unsere Welt hingegen …«
Custodis seufzte, wandte sich an Fräulein Fortunati: »Das haben wir ihm also noch nicht gesagt, ja? Wir werden nachlässig.«
»Du vielleicht, mein Lieber. Das fenestra mundi war immer schon deine Aufgabe.«
Anmutig-männlich wie stets hob Custodis die Arme in gespieltem Bedauern. »Korrekt. Also, mein lieber Anastasius, ich weiß sehr gut, wie unsere Städte und Straßen, unsere Wälder und Wiesen, unsere Berge und Buchten, unsere -«
Energisch klatschte die Bibliothekarin in die Hände. »Custodis, bitte! Anastasius muss heute noch abreisen.«
Der Professor unterbrach beider Geplänkel mit der Frage, ob das fenestra mundi denn auch diese Welt zeigen könne. Dann müsse es doch ein Leichtes sein, den Mörder Testows ausfindig zu machen.
»Er muss uns für Idioten halten, wirklich.« In aller Ruhe führte Custodis seine Mokkatasse an die Lippen, nahm einen Schluck und stellte die Tasse aufreizend ruhig wieder ab. »Natürlich wäre es fabelhaft, wenn es denn so funktionieren wollte. Will es aber nicht. Wir sehen alles außer den Lebewesen. Kein Hase, kein Werwolf, kein Mensch zeigt sich in diesen Bildern. Seit Jahrhunderten arbeiten die Inventoren daran, sie sichtbar zu machen. Bislang ohne Erfolg, wenn man von einigen Bienenschwärmen absehen will.«
»Hat man jemals daran gedacht, sich deswegen an die Herrin vom See zu wenden? Morgaine ist in der Lage, so über die Welt zu blicken.«
»Das ist eine Gabe, die sich nicht transferieren lässt, zumal die Feen dabei weniger sehen als erfühlen, wer sich wo befindet. Wir sind dazu zu unsensibel. Und glauben Sie mir, Avalon hat kein allzu großes Interesse daran, uns zu helfen. Dass sie uns Melisande überlassen, ist mehr, als wir erwarten durften.«
»Ja, natürlich. Nun, also Siebenbürgen. Ich werde Ihnen hoffentlich morgen Abend berichten, ob es so schön ist, wie Sie es mir beschreiben.«
»Daran habe ich keinen Zweifel.« Einen weiteren Schluck des bitteren Mokkas nahm Custodis zu sich. »Wann brechen Sie auf?«
»Sobald Miss O’Malley und Sean erscheinen. Ich wäre gerne noch vor der Dämmerung in Bran.« Nun nahm Anastasius ein Brioche und bestrich es dick mit Erdbeermarmelade. »Hat Melisande sich schon gemeldet?«
»Ach ja, natürlich.« Fräulein Fortunati zog ein Zettelchen aus der Rocktasche. »Franz Ferdinand hat sich für morgen angekündigt; er will wohl erneut versuchen, dem Kaiser die Erlaubnis zu seiner Heirat zu entlocken. Dann meldete sie sich eine halbe Stunde später noch einmal: Rudolf soll heute bei seiner Mutter zum Tee erscheinen.«
»So früh am Morgen und schon ist sie so fleißig.«
Fräulein Fortunati seufzte; es klang etwas gereizt. »Sie müssen uns nun nicht alle guten Eigenschaften unserer Freundin aufzählen. Melisande ist großartig und dabei wollen wir es für den Augenblick belassen.«
Anastasius hüstelte. »Ich spreche wohl zu oft von meiner Bewunderung für sie, verzeihen Sie. Ich bin gespannt, bei wem sie mehr erreichen wird: Bei Rudolf oder beim Kaiser. Wäre es überhaupt möglich, dass Rudolf nun doch die Thronfolge antritt? Ist eine solche Abdankung nicht eine endgültige Angelegenheit?«
»Wir werden sehen. Es mag sein, weder Rudolf noch Franz Ferdinand sind geeignet. Ich habe Melisande versichert, sie habe freie Hand. Das ist in Ihrem Sinne?«
»Unbedingt, unbedingt.« In Gedanken an die geliebte Frau sah Anastasius aus dem Fenster – geschlossen zeigte es noch immer strahlenden Sonnenschein, obwohl der Regen laut gegen die Scheiben trommelte – und kämpfte mannhaft an gegen den Drang, ihr Loblied zu singen.
»Guten Morgen, Professor.« Miss Odila O’Malley nahm neben ihm Platz. Mit jedem Tag, den sie fort vom verhexten Pub ihres Vaters war, strahlte sie mehr Ruhe und Zufriedenheit aus und ihre wunderbare Stimme tönte täglich sanfter und schmeichelnder.
Trotz ihrer Jugend und ihrem eher unauffälligen Äußeren erschien es Anastasius längst selbstverständlich, dass sie als Zeitenspringerin ihre Pflichten mit Bravour würde erfüllen können, wenn es so weit wäre. Noch war ihre Ausbildung nicht zur Gänze abgeschlossen, doch lange würde es nicht mehr dauern, bis sie ihren ersten Einsatz erhielt. »Guten Morgen, Miss O’Malley. Kommt Sean nicht herunter? Geht es ihm so schlecht?«
»Er fiebert. Als er gestern Abend auf sein Zimmer ging, war er erschöpft. Aber es geht ihm nicht allzu schlecht, Professor. Ich darf ihm doch etwas zu essen hochbringen?«
Davon jedoch wollte der Herr über das leibliche Wohlbefinden nichts wissen; er werde den jungen Mann höchstpersönlich wieder auf die Beine bringen. »Bleiben Sie sitzen, Mademoiselle Odila, ich kümmere mich.«
Odila dankte Dumarchelier und Anastasius überlegte, wie sehr sich die junge Frau doch in der kurzen Zeit gemacht habe. Was er ihr, wie bald jeden Tag, sagte.
Und sie täglich erfreut anhörte. »Wenn Sie mich nicht geholt hätten, dann -«
»Kein Wort weiter. Es gebührt ja Ihnen der Dank. Sind Sie heute bei der Kurfürstin?«
»Nein, ich werde zu den Vestalinnen hinübergehen und nachsehen, ob Eveline von Isselheim endlich zurück ist.«
»Ah ja, natürlich, ausgezeichnet. Nun, Sie passen gut auf sich auf, das versprechen Sie mir?«
»Das tue ich. Und Sie versprechen dasselbe?«
»Unbedingt. Dank Seans Hilfe kann ja nichts schiefgehen.« Anastasius stand auf, nahm den Proviantkorb an sich und bat Fräulein Fortunati, ihn zur Magischen Quelle zu begleiten.
Wie jedes Mal, wenn er in den Brunnen hinabkletterte, mahnte ihn die Sekretärin, er solle die Augen schließen. Und wie immer kniff er sie nur zur Hälfte zusammen, denn viel zu sehr faszinierten ihn die farbigen Wogen, die glucksend um ihn herum schwappten. Und noch immer glaubte er, er müsse es bemerken, wann er während des Hinabrutschens Bonn verlassen und die andere Dependance erreicht habe. Was – wie stets – nicht gelang.
Fräulein Fortunati rief ihn hinauf, half ihm über die Brüstung. Und schimpfte: »Sie reagieren zu stark auf die Magie der Quelle! Schauen Sie nicht hinein, Sie bezahlen es doch nur mit Kopfschmerzen und Schwindel! Da, keinen Schritt können Sie ohne meine Hilfe tun. Sie legen sich hin, bevor Sie aufbrechen.«
»Ich fühle mich fantastisch, kein Grund zur Zeitverschwendung«, behauptete Anastasius. Und lief gegen den Türrahmen, prallte zurück, warf sich nach vorne, verfehlte die erste Stufe der Kellertreppe und klammerte sich an das Geländer, japsend und wackelig. »Nun, vielleicht setze ich mich ein Weilchen ins Consilium und trinke einen Tee, das schadet sicher nicht.«
»Nein, das schadet gewiss nicht. Kommen Sie, haken Sie sich ein.«
Sie bot ihm ihren Arm, den er dankbar ergriff. Nicht einen Millimeter schwankte sie, egal, wie schwer er sich auf sie stützte. Wohlbehalten brachte sie ihn die Treppe hinauf und half ihm auf die Chaiselongue im Besprechungszimmer, zündete den Kamin mit einem Fingerschnipp an und servierte ihm auch einen starken Tee voller Zucker, der ihn wieder auf die Beine bringen sollte.
Während Anastasius trank und sich erholte, sortierte sie einige Papiere auf dem Schreibtisch und kontrollierte den Telepathschreiber. »Ah, Melisande noch einmal. Sie trifft gleich auf den Kaiser. Es tut sich also etwas, sehr gut.«
»Er wird sie entzückend finden.«
»Alle Welt findet Melisande entzückend.« Fräulein Fortunati öffnete den riesigen Tageskalender und trug einige Zeilen ein; sie war sehr gewissenhaft, was die Aufzeichnungen anbelangte.
»Was ich gerne wissen möchte, Fräulein Fortunati: All unsere Akten, Briefe und Kalender hier oder auch in meinem Traumbüro – sind es die Originale oder sind es Duplikate?«
Sie sah nicht auf, schrieb weiter. »Eine Frage, die ich mir seit Jahrhunderten stelle.«
»Sie wissen es nicht?«
»Nein. Aber solange ich meine Arbeit an jeder Dependance erledigen kann und alles überall griffbereit habe, bin ich zufrieden. Es lohnt nicht, allzu viel Überlegung in dieses Rätsel zu stecken.«
»Haben Sie nie versucht, beispielsweise ein Heft mitzunehmen, um zu sehen, ob es dann zweifach vorhanden ist?«
»Wozu?«
»Hmm, neugierig sind Sie gar nicht?«
»Nicht allzu sehr. Ich habe Ihren Picknickkorb hergebracht und weiß sicher, er befindet sich nur hier.«
»Ja, das ist seltsam eigentlich, oder? Dass Sie manches bringen müssen und anderes schon hier ist.«
»Es ist der Unterschied zwischen Dingen, die dem persönlichen Wohl dienen, und jenen, die wichtig für unsere Arbeit sind.«
»Mich nicht verhungern zu lassen, sollte doch wohl -«
»Anastasius, reden Sie nicht, ruhen Sie sich aus.«
»Sie müssen nicht bei mir bleiben.«
»Damit Sie sich aufmachen, bevor Sie dazu in der Lage sind?«
»Aber nein.« Selbst in seinen Ohren klang das wenig überzeugend. »Es ist doch eigenartig, wie ich dieses Mal wieder so angegriffen bin, obwohl ich doch in Portlaoise ohne Verzögerung aus der Tür kam.«
»Das machte die Gewöhnung und die Dringlichkeit der Situation. Nun waren Sie einige Tage der Quelle entwöhnt.« Fräulein Fortunati schloss ihr Notizbuch mit Nachdruck. »Also, schweigen Sie jetzt und kommen Sie zu Kräften.«
Anastasius gehorchte und duselte wahrhaftig ein. Er träumte von Melisande, sah sie bei Kaiserin Elisabeth Kaffee trinken, sah Franz Ferdinand hereinpoltern und Unfrieden verbreiten, war auf einmal wieder in der Dunkelsten Welt, spürte den Hauch der Drachenschwingen über ihm und den Schnee unter seinen Füßen, hörte Sören lachen und Testows letzten Schrei. Panisch fuhr er hoch, rief nach Fräulein Fortunati, die ihm sogleich ihre kühle Hand auf die Stirn legte.
»Es war nur ein Traum, Anastasius. Geht es Ihnen besser?«
Er nickte, stand auf, schwankte nicht mehr und fühlte sich trotz des schlechten Traums erfrischt. »Dann breche ich auf, nicht wahr? Was meinen Sie? Kutsche oder Pferd? Wie sind die Straßen Siebenbürgens?«
»Es ist warm und wolkenlos, vermutlich würden Sie einen Ritt sehr genießen.«
Das tat er. Anastasius hatte sich einen Rappen herbeigedacht, ein großes und starkes Tier, das ihn rasch durch Schäßburg trug.
Eine wunderschöne Stadt, dachte er. Kaum vorstellbar, dass Menschen weltweit mit einem unheimlichen Gruseln an Siebenbürgen dachten. Da hatte Mr. Stoker mit seinem Roman etwas angerichtet: Zwei Jahre nach dem Erscheinen Draculas auf der literarischen Bühne war diese Region gleichbedeutend mit dem Hort des Schreckens. Wahrhaftig hatte Anastasius‘ Vorgänger – Doktor Caroli – vor wenigen Monaten erst eine Mission in die Wege leiten müssen, um nationalistischen Agitatoren das Handwerk zu legen. Diese hatten verlangt, sämtliche Vampire müssten registriert und strengen Kontrollen unterworfen, ja, besser gar ausgerottet werden. Auch für jedes Wesen, das seine Herkunft auf die vampirische Rasse zurückführen könne, solle das gelten. Aber diese Hetze, die im ungarischen Budapest ihren Anfang nahm, hatte Caroli erfolgreich erstickt; ausführliche Berichte davon hatte Anastasius in den vergangenen Nächten studiert.
Dieser neueste Fall von Scharfmacherei hatte ihm wieder einmal gezeigt, wie schnell eine absurde Behauptung Fuß fassen konnte, wenn die Interessen dahinter von Macht, Gier und Geld gesteuert wurden. Es waren die serbischen Ungarn, die sich mit den Rumänen um jenes Siebenbürgen stritten, das Bram Stoker so berühmt gemacht hatte. Und seinen Roman nutzten die Nationalisten, ihre Sache voranzutreiben.
Wenig subtil waren sie vorgegangen, hatten aus allen Rumänen Vampire und aus allen Vampiren Höllenwesen gemacht. Es war erschreckend, wie diese plumpe Lüge dennoch so viele Menschen überzeugte. Am Ende hatte all das nur dazu geführt, dass Siebenbürgen noch im Laufe des nächsten Jahres aus dem österreichisch-ungarischen Staatenbund entlassen und an Rumänien übereignet werden würde. Was Sinn machte, da die Bevölkerung der Gegend zum Großteil aus Rumänen bestand.
Noch besser allerdings wäre es, so fand Anastasius, man würde endlich dahin kommen, Grenzen als das zu sehen, was sie waren: Willkürlich gedachte Linien auf einer Landkarte. Im täglichen Leben sollten sie keine Rolle spielen und schon gar nicht irgendwen daran hindern, mit den Menschen zusammen zu sein, die ihm wichtig waren.
Das war ein Traum, den er zu gerne in seiner Amtszeit würde verwirklichen können: Ein Westliches Europa, das einig in seiner Vielfalt zusammenstand. Zu ärgerlich nur, dass er sich nun würde damit befassen müssen, es nicht weiter auseinanderfallen zu lassen. Wenn die Kosmische Welle herankäme, dann mussten sie gut aufgestellt sein, dann mussten Glück und Frieden in den Straßen herrschen, damit kein Chaos ausbrach. Oder Schlimmeres!
Mittlerweile hatte der schwarze Hengst seinen Reiter aus der Stadt hinausgetragen und verfiel in einen gestreckten Galopp, der Anastasius jeden Gedanken vergessen ließ. Außer demjenigen an Melisande, an die er immerzu dachte, egal, was er sagte oder tat.
Wie viel Freude ihr ein solcher Ausritt bereitet hätte! Hier war nichts zu spüren von dem elenden Aprilwetter, das Bonn fest im Griff hatte; zwanzig Minuten im Garten und man war durchnässt vom Starkregen, verbrannt von der sengenden Sonne und verstrubbelt vom stürmischen Wind. Hier aber lag schon eine Idee von Sommer in der Luft, es duftete nach Kräutern und ein wenig nach Kuhdung, es blühte und grünte so üppig, dass die Vorstellung, man müsse sich in dieser heiteren Landschaft vor blutsaugenden Grafen schützen, absurd war.
Als Anastasius jedoch eine halbe Stunde später ein Dorf passierte, das zwischen zwei Waldstücken lag, da fiel ihm doch auf, wie so manches Fenster mit Kruzifixen und Knoblauchkränzen versehen war. Einen Bauernburschen fragte er, was es damit auf sich habe. Und erhielt wahrhaftig die Antwort, die er befürchtet hatte: Wiedergänger gäbe es hier; Untote, die des Nachts ihre Gräber verließen, um den Lebenden das Blut auszusaugen.
Ob er denn jemals einen solchen Wiedergänger gesehen habe, wollte Anastasius wissen.
Der junge Mann wehrte ab, bekreuzigte sich drei Mal und erklärte, hier schütze man sich gut, hier sei niemandem etwas geschehen. Vor gut hundert Jahren, da habe wohl ein solcher Vampir ein Opfer im nächsten Dorf gefordert, aber Genaueres wusste er dazu nicht zu sagen.
Anastasius dankte und ritt weiter. Es war dieser uralte Aberglaube der Rumänen ja der Grund gewesen, weshalb Mr. Stoker seinen Roman hierher verlegt hatte; da konnte es nicht wundernehmen, wenn man vor Ort wahrhaftig auf Menschen stieß, die an diese Art der Vampire glaubten. Obwohl die Wissenschaft längst weiter war und es eine gar nicht einmal geringe Menge an gut verständlicher Fachliteratur zum Thema Vampirismus gab, nahm man weiterhin an, Vampiren sei daran gelegen, weitere Vampire zu erschaffen, um mehr und mehr ihrer Art in die Welt zu bringen. Das war kindischer Unsinn. Die Strigoi hatten Mühe genug, ausreichend Platz zwischen sich und die Menschen zu legen, als dass sie sich diesen engen Raum mit noch mehr Personen hätten teilen mögen. Auch waren die für die vegetarische – also menschenfreundliche – Ernährung benötigten Ressourcen nicht eben üppig; Blutbeeren beispielsweise wuchsen nicht überall.
Sicherlich, es gab Rituale, die einen Menschen in einen Vampir umwandeln konnten, aber derlei kam selten vor, denn die notwendige Grundlage für diese Zeremonie war Liebe. Und das war eine Gefühlsregung, die viele Vampire nur schwach zu empfinden im Stande waren. Es brauchte zuvor tiefe Freundschaft, unerschütterliches Vertrauen und den unbedingten Wunsch des Vampirs, dieses Gefühl wachsen zu lassen. Was die meisten von ihnen scheuten, denn oftmals bezahlten sie diese Emotion mit dem Verlust einer oder zweier ihrer besonderen Gaben. Der größte der Teil der Vampire war als solcher geboren und das geschah in jedem der Clans nur etwa alle hundert Jahre, wenn ein Altvorderer sein Lebensende erreicht hatte.
Über all das sann Anastasius nach, als er den dichten Wald passierte, und wieder versuchte er, sich Swanhild Serban-Jørgensen vorzustellen. Sicherlich musste sie zu den Vampiren gehören, die der menschlichen Natur nah verwandt waren, ansonsten wäre der Ruf der Ordnenden Mächte nicht an sie ergangen.
Auf Schloss Bran erwartete sie ihn, was wohl bedeutete, sie müsse die Tochter eines hochstehenden Clans sein. Mehr als das wusste Anastasius nicht über seine dritte Mitarbeiterin und im Grunde war es müßig, über sie nachzugrübeln, denn gute drei Stunden war er nun schon unterwegs und würde sie bald kennenlernen. Lieber sollte er sich umsehen, sollte sich an der Natur und den malerischen Ortschaften ergötzen, die er durchquerte.
Auf einer Lichtung zog er die Zügel an und gönnte sich und seinem Rappen eine Pause. Ein Bach plätscherte mitten durch die blühende Wiese, sein Wasser klar, frisch und köstlich für Ross und Reiter. Augustes Pastete mundete in der freien Natur bald noch besser als am Tisch und Anastasius verzehrte sie in kleinen Happen, jeden einzelnen Bissen auskostend. Danach streckte er sich aus, zog die Pelerine etwas höher über sein Gesicht, auf dass er einem Bösmeinenden unsichtbar bliebe, und schlief ein.
Allzu lange schlief er nicht. Eine Berührung weckte ihn. Oder war es ein fremdes Geräusch? Er wusste es nicht zu sagen, hatte nur den Eindruck, er sei nicht mehr allein. Still blieb er liegen, nahm den Mantel nicht beiseite, wollte erst sichergehen, er habe sich nichts eingebildet. Wäre ein Räuber auf der Suche nach einem Opfer, so war es von Vorteil, wenn dieser glaube, es sei niemand weiter hier außer dem schwarzen Pferd.
Anastasius spitzte also seine Ohren und hörte – nichts. Nichts weiter außer dem Wind in den Blättern der Bäume, das leise Schnaufen seines Pferdes und das Singen einiger Vögel. Was war es nur, das ihn geweckt hatte? Schon wollte Anastasius den Mantel von sich werfen und aufstehen, als er ein sachtes Beben spürte. Jemand bewegte sich über die Wiese, kam womöglich auf ihn zu. Was sollte er tun? Es kam ihm albern vor, hier unter seinem Umhang zu liegen und blind darauf zu warten, was der Fremde mit ihm anstellen wollte. Zwar hatte Sean die Pelerine so präpariert, dass sie seinen Träger den Blicken eines übelmeinenden Wesens entzog. Aber ob dieser Schutz wahrhaftig – wie es Herr Inventoris berechnet hatte – fünf bis sechs Stunden anhielt, das war noch nicht heraus.
Wenn er also nun den Mantel ablegte, dann mochte es sein, er zeige sich damit einem Schurken, der ihn bislang nicht hatte sehen können. Was aber, wenn Seans Schutzzauber verflogen war? Dann lag er hier und ließ sich meucheln ohne Gegenwehr. Wie er es also anstellte, er machte es falsch.
Immer näher kamen die Schritte. Leichte Schritte eigentlich, gewiss nicht die Bewegungen eines großen Mannes. Jetzt ertönte ein leises Grollen, ein Knurren und Grummeln! Der Rappe wieherte, doch es klang nicht ängstlich, eher – ja, seltsam erfreut. Was Unsinn war, absoluter Unsinn! Ein gedachtes Pferd, das sein Leben in einer Traumwelt verbrachte, hatte wohl kaum gute Freunde in Siebenbürgen, die es begeistert begrüßte! Und dennoch schwang etwas wie Gefallen in den Tönen des Rappen mit.
Anastasius fasste in seine Westentasche, zog ein Klappmesser heraus und sprang auf. Er schleuderte die Pelerine von sich, machte sich bereit für einen Kampf. Und blinzelte in die friedliche Natur. Niemand war zu sehen.
Er flog herum.
Und machte einen Satz zurück.
Das Pferd hatte seinen Kopf auf die Schulter eines riesigen Bären gelegt, der hochaufgerichtet Anastasius um Haupteslänge überragte. Ein Bär! Sein braunes Fell glänzte in der Sonne und fast hätte der Professor eine Hand ausgestreckt, um es zu streicheln, so glatt und weich lockte es.
Mit dem Rücken zu Anastasius stand der Bär und kraulte sanft das Pferd zwischen den Ohren. Immer enger drückte es sich gegen ihn, ging nun langsam in die Knie und warf sich vor ihm nieder. Der Bär bückte sich herab und tätschelte dessen Bauch.
Anastasius wusste nicht, was tun, stand nur dort und schaute auf dieses Spektakel, das ihm gegen jede Natur zu sein schien. Nun wandte der Bär sich um, sah zu ihm hinauf. Wunderschöne Augen hatte er, in denen Anastasius hätte versinken mögen. Es kostete ihn Kraft, sich von ihnen zu lösen.
Was tat man, wenn man von einem Bären angegriffen wurde? Er hatte das gelernt, es sollte ihm doch wohl einfallen, wenn er es benötigte. Großmachen und fuchteln? War es das?
Zögerlich reckte Anastasius seine Arme in die Luft, stieg auf die Zehenspitzen und wedelte mit den Händen, rief dabei ‚Huschhuschhusch‘.
Was ihm ebenso albern vorkam wie dem Bären auch. Der schaute ihn nur weiter an und hörte nicht eine Sekunde auf, den Rappen zu liebkosen. Dann endlich erhob er sich. Es war eine lächerliche Situation, wie Bär und Mensch einander gegenüber standen.
Anastasius räusperte sich. »Gut, Hunger scheinst du keinen zu haben und ich kann dir versichern, ich bin keine Bedrohung. Vielleicht gehen wir beide einfach unserer Wege?«
Der Bär brummte, blieb ruhig stehen. Er sah aus, als lächele er oder mache sich gar lustig über den Professor. Der bückte sich vorsichtig und zerrte seinen Mantel an sich, warf ihn über die Schultern, hüllte sich fest in die schützende Hülle. Der Bär beobachtete das interessiert.
»Du kannst mich offenbar noch immer sehen, das muss heißen, du willst mir nichts Böses. Oder der Zauber ist gebrochen, das könnte es natürlich auch bedeuten, aber weshalb solltest du mir Böses wollen, nicht wahr? Ich bin kein Jäger, das kann ich dir versichern. Ich esse kein Fleisch, wie es früher so viele Menschen taten, und ich habe ja nicht einmal etwas dabei, was dir schaden könnte. Ich würde niemals einem Tier ein Leid antun.« Anastasius plapperte, hoffte dennoch, dass sich seine Angst nicht allzu sehr verriet. »Schon gar nicht einem so schönen Tier wie dir, es wäre doch ein Jammer, nicht wahr? Verstehe mich nicht falsch, du könntest eine warzige Schuppenechse sein und ich würde dich noch immer respektieren. Ich würde dich dann nicht streicheln wollen und es ist mir ein Rätsel, weshalb ich das Bedürfnis habe, dich zu berühren, es muss wohl dein glänzendes Fell sein. Oh, ich rede Unsinn und viel zu viel.«
Das Geräusch, das nun vom Bären kam, klang Anastasius sehr nach Gelächter. Träumte er all das womöglich nur? Er schnalzte mit der Zunge und sofort erhob der Rappe sich, trabte auf ihn zu. Ohne weitere Plauderei griff Anastasius nach dem Sattelknauf, schwang sich hinauf und ritt los, behielt den Bären dabei fest im Blick. Doch kaum hatte er wenige Meter zurückgelegt, da löste das schöne Tier sich auf in winzige Fetzen, die in alle Richtungen stoben.
Anastasius hatte in den letzten Tagen eifrig geübt, den Telepathschreiber bewusst zu nutzen, und so gelang es ihm auf Anhieb, Fräulein Fortunati zu erreichen. Er berichtete von seinem gewiss übersinnlichen Erlebnis und bat die Sekretärin, gemeinsam mit Custodis nachzuforschen, ob dies eine Erscheinung sei, die man kenne. Was hatte es mit diesem Bären auf sich? Und weshalb hatte sich das Pferd so wohl gefühlt in dessen Nähe? Gehörten Pferde nicht zu den Tieren, die von einem Bären gerissen werden konnten?
Eine vage Antwort erhielt er, als er eine Stunde später Rast machte in einem Örtchen, das ebenso wie alle anderen mit Knoblauch und Kruzifixen an jedem Fenster aufwartete. Es gäbe viele Bären in Siebenbürgen, so teilte Fräulein Fortunati mit, aber es sei kein hinreichend bekanntes Phänomen, als dass es in der Literatur auftauche. Man werde weiter nach Quellen suchen, wenn Anastasius auch nach seiner Rückkehr noch glaube, dies sei von Bedeutung.
In dem einzigen Gasthof am Platze ließ Anastasius sich ein Wurzelbrot mit Telemea1 servieren und auch einem Nussstriezel konnte er nicht widerstehen. Dabei unterhielt er sich mit drei alten Männern über die Strigoi, wie sie die Vampire nannten. Dass es sie gab und sie eine Gefahr darstellten, daran hatten die Männer keinen Zweifel. Doch wie schon in den anderen Dörfern und Städtchen konnten sie von keinem Todesfall berichten, der diesen zweifelsfrei zugeordnet werden konnte; was immer sie auch hervorbrachten: Allen Fällen lagen natürliche Krankheiten oder bedauerliche Unfälle zugrunde, das war für Anastasius ersichtlich. Auch kannten die Männer niemanden persönlich, der zu einem Wiedergänger geworden sei. Aber hier seien sie ja auch vorsichtig, schützten sich und begruben ihre Toten mit Mühlsteinen auf der Brust und gefesselten Händen. Doch wenige Ortschaften weiter, da habe es Tote gegeben und auch diese seien zurückgekehrt, um ihre Familien zu töten!
Anastasius versuchte es: Er erzählte, bislang habe er mit wenigstens einem Dutzend Einwohnern in bald ebenso vielen Orten gesprochen, aber immer schienen diese Tragödien woanders zu geschehen. Könnte es da nicht gut sein, sie geschähen nirgendwo?
Doch die Männer lachten ihn aus, schüttelten die Köpfe und nannten ihn einen närrischen Jüngling, der das Leben nicht kenne. Dann sei er eben nicht den richtigen Leuten begegnet. Oder vielleicht habe man es nun endlich überall gelernt, den Strigoi Einhalt zu gebieten. Aber wer nachts alleine durch den Wald irre oder einen Fremden einlasse, der nach Einbruch der Dunkelheit eintreffe, der sei an seinem unseligen Tode selbst schuld.
Zu gerne hätte Anastasius das Gespräch vertieft, hätte gerne etwas unternommen, um den Aberglauben auszurotten, doch die Zeit drängte und so ermahnte er sich, Sorgen und Aufgaben habe das Institut in so genügender Anzahl, dass er nun nicht auch hier noch tätig werden könne. Dennoch zog er sein Büchlein heraus und notierte den Kampf gegen den Aberglauben als einen Punkt, der der Beachtung in den nächsten Jahren wert wäre.
Noch eine gute Stunde brauchte er, bis er in Bran anlangte. Tief in den Karpaten war er nun und immer steiler führte der Weg hinauf in die Stadt. Auch hier verweilte Anastasius auf ein Bier in einem Gasthaus. Wieder ließ er sich auf ein Gespräch ein, fragte erneut nach den Strigoi. Die Antworten waren dieselben, die er überall auf seinem Weg erhalten hatte.
Aus dem Fenster sah man den Fuß des hohen Hügels, auf dem die Burg Bran lag. Auf sie brachte er die Unterhaltung, wollte wissen, was die Leute dazu zu sagen hätten. Doch wenn Anastasius vermutet hatte, nun würde man mit vor Schreck geweiteten Augen furchtsam hinauf zeigen und vor dem Bösen warnen, das dort hause, so wurde er bitterlich enttäuscht: Da glaubte man allerortens an die Strigoi und deren üble Taten, doch niemand verdächtigte die Bewohner des Schlosses, obwohl zumindest eine von ihnen wahrhaftig ein Vampir war!
»Zum Internat wollen Sie hoch? Sie können doch noch kein Kind im passenden Alter haben?« Der Wirt wunderte sich sichtlich. »Haben Sie denn überhaupt schon eine Frau? Oder halt, nein, Sie wollen wohl als Junglehrer anfangen?«
Es war kindisch, aber dennoch fühlte sich Anastasius in seiner Ehre gekränkt und durchaus hochtrabend erklärte er, bereits Professor zu sein und mitnichten seine Brötchen in einem Internat verdienen zu wollen.
Alles im Schankraum lachte; da mache der junge Mann aber einen lustigen Witz. Professor mit seinen paar Jährchen auf dem Buckel! Und reihum versuchte man zu erraten, in welchem Fach er wohl unterrichten werde. Zunächst tippte man auf Kunst und Musik, dann jedoch kam man zu dem Schluss, er müsse ein Lehrer für Leibesertüchtigung sein, denn solche Schultern bekäme man ja nicht fürs Bildchenpinseln geschenkt.
Es war kaum weniger kindisch, dass er sich über dieses Kompliment freute. Die muskulöse Statur, die ihm die Ordnenden Mächte gegönnt hatten, war ihm noch längst nicht selbstverständlich. Grinsend gab er also zu, ja, er wolle sich als Lehrer für Kunst, Musik und Sport bewerben; ob er denn wohl Chancen habe, genommen zu werden?
Dazu allerdings konnte ihm niemand einen Rat geben. Das Lehrpersonal lasse sich nur sehr selten im Ort blicken, die Schuldirektion sei recht streng. Auch zu der Schülerschar wussten die Gäste nichts zu sagen, außer dass es sich um ältere Kinder, ja fast schon Erwachsene handele, die dort erzogen wurden. Hübsch seien die allesamt und stets sehr höflich, wenn man ihnen denn mal im Walde begegne.
Als Anastasius sich bald darauf aufmachte, den steilen Weg bergan zu reiten, brannte er vor Neugierde. Auf einer Schule also befand Swanhild sich? Was lernte sie dort? Lebte sie als höhere Tochter unter den Menschen? Oder war es eine Einrichtung für die Vampirclans? War dieses Internat vielleicht nur eine Fassade für – tja, für was?
Er trieb seinen Rappen an und der sprengte mit solchem Feuer den Pfad hinauf, dass Anastasius glaubte, eine Macht ziehe das Tier an sich. Keinerlei Müdigkeit zeigte sich in dessen wildem Galopp und nur so gerade eben schaffte es Anastasius, sich zu halten und nicht am engen Torbogen hängen zu bleiben, unter dem hindurch sie nun in den winzigen Burghof rasten. Dort blieb das Pferd stehen, tänzelte hin und her, kam nicht zur Ruhe, sondern warf den Kopf nach allen Seiten, wieherte und stieg gar auf.
Schon eilte eine junge Person die niedrige Treppe hinunter und auf das Tier zu. Sie hielt sich nicht damit auf, Anastasius zu grüßen, sondern griff nach den Zügeln und sprach besänftigend auf den Hengst ein, der wie von Zauberhand sich entspannte und bereitwillig fortführen ließ. Das Fräulein wandte sich noch einmal um und erklärte, sie werde Willerich in den Stall bringen.
»Willerich?«, rief Anastasius.
»Ihr Pferd. Es heißt Willerich. Wussten Sie das nicht?«
Eine Blöße mochte er sich nicht geben. »Ich schon, doch woher wissen Sie es?«
Sie lachte nur und war entschwunden - schneller, als er zu schauen vermochte.
Jetzt erst kam Anastasius dazu, sich umzusehen. Dicht gedrängt umstanden das Haupthaus und wenigstens drei Anbauten und fünf Türme den vieleckigen Platz. Weiß getüncht, von dunklem Fachwerk durchzogen und von roten Dächern geschmückt, war das Schloss ein besonders sehenswertes Exemplar einer durch die Jahrhunderte gewachsenen Burgfeste, ähnlich jenen, die Anastasius‘ heimatliches Rheinland verschönten, doch irgendwie fröhlicher, idealer, märchenhafter. Es war ein Ort, der den Reisenden freundlich empfing und ihm die Aussicht auf einige Tage unbeschwerten Seins bescherte.
Anastasius ging auf die Treppe zu, von der die junge Frau gekommen war, doch hatte er noch nicht seinen Fuß auf die unterste Stufe gesetzt, als eine weitere Bewohnerin ihm entgegentrat. Ebenso jung wie die andere und ebenso schön.
Es erfüllte Anastasius mit Stolz, dass er beider Schönheit zwar bemerkte und bewunderte, jedoch nicht darüber nachdachte, wie er sie beeindrucken könne. Ja, diese Zeiten waren endgültig vorbei, so stellte er zufrieden fest. Keine Frau wäre jemals wieder in der Lage, Melisande in seinen Augen zu übertreffen, und es war ein herrlich entspanntes Gefühl, sich nicht als möglicher Bräutigam präsentieren zu müssen.
Dennoch machte die junge Frau ihn nervös. Wie sie ihm so tief in die Augen sah, wie ihre Haut so samtig schimmerte und wie wiegend ihr Gang war – das war keine Person, die einen unberührt ließ. Nun war sie bei ihm angelangt und reichte ihm eine überaus zarte Hand, die gleichwohl fest zuzudrücken vermochte. »Sie sind Professor Olivero?«
»Der bin ich. Sie sind dann wohl Fräulein Serban?«
»Nein, die bin ich nicht. Ich bringe Sie zu Frau Direktor; mit ihr klären Sie alles Weitere bitte.« Sie wartete seine Zustimmung nicht ab, sondern stieg die Stufen so leichtfüßig hinauf, als schwebe sie.
Anastasius folgte. »Es muss fantastisch sein, in diesem Gebäude zu leben. Fühlen Sie sich wohl hier, Fräulein …?«
Sie nannte ihm ihren Namen nicht, sondern bejahte nur, es sei fantastisch.
Auf dem Weg durch die Burg bewunderte Anastasius von den Türen bis hin zu den Möbeln ausnahmslos alles. »Wunderschön. Diese uralten Holzböden, die reizenden Butzenfenster, die verwinkelten Räume und diese Fülle an Licht, ich kann mich kaum sattsehen. Man sollte jedes Zimmer malen und für die Ewigkeit festhalten.«
»Dieses Schloss ist für die Ewigkeit, Professor.«
Gerne hätte er sie gefragt, was sie damit meine, doch schon hatte sie ihn in einen Raum geführt, der ganz eindeutig das Büro der Schulleiterin sein musste: Ein riesiger Schreibtisch beherrschte das Zimmer, einige Karten der Geographie, der Biologie und der Chemie hingen an Ständern vor deckenhohen Bücherregalen, die gefüllt waren mit Enzyklopädien, Aktenordnern, leinengebundenen Bänden und Kästchen, aus denen Papiere quollen. Ein Globus stand in der Ecke unter einem geöffneten Fenster.
»Wenn Sie bitte warten mögen, Frau Direktor kommt gleich.«
Anastasius ging zu dem Fenster und lehnte sich hinaus, drehte den Kopf in alle Richtungen. Aus den bewaldeten Hügeln ragten hier und da Kirchtürme auf, Felder und Dörfer leuchteten wie bunte Tupfen im Grün und über allem wölbte sich der Himmel, der langsam dunkler wurde. Dieses Panorama Tag für Tag erleben zu dürfen, musste eine Gnade sein. Vor einem Jahr noch hatte er den gesamten Kontinent bereist und vieles gesehen, was ihm den Atem genommen hatte, doch dies hier erschien ihm schöner als alles, was ihm begegnet war. Was eigentlich recht eigentümlich war, denn einen ganz ähnlichen Ausblick hatte er, wenn er auf den Drachenfels stieg und über den Rhein schaute. Dennoch fühlte er sich wie verzaubert und als ihn nun eine Stimme ansprach, brauchte er einen Augenblick, um dessen gewahr zu werden.
»Olivero. Nehmen Sie Platz. Bitte.«
Das tat er. Schon, weil seine Beine danach verlangten. Die Frau, die eingetreten war, beeindruckte ihn sehr. Nicht, wie Melisande ihn beeindruckte, nein, ganz anders. Fast machte sie ihm Angst. Aber das hatten Schuldirektoren beiderlei Geschlechts wohl so an sich; ja, Anastasius erwischte sich dabei, wie er über Vergehen nachdachte, die ihn in dieses Zimmer gebracht haben mochten. Unwillig schüttelte er dieses Schulknabengefühl von sich ab, schaffte es aber nicht, die Direktorin nicht mehr anzustarren.
Sie war so groß wie er selbst und ihr Gesicht war von einer Klarheit, die ihm unbeschreiblich schien. Es war unmöglich, zu sagen, ob es streng oder lieblich sei, es war zu symmetrisch, zu glatt, zu atemberaubend, als dass das eine Rolle gespielt hätte. Zu seinem Erstaunen erinnerte diese Dame an Odila, doch wo bei der Zeitenspringerin die übergroße Harmonie – auf den ersten Blick zumindest! – zu Unscheinbarkeit führte, so erhob dieselbe Harmonie diese Frau zu etwas überirdisch Entrücktem, Unnennbarem.
Ein bodenlanger, schwarzer Umhang umhüllte sie, eine Kapuze über die Haare gezogen. Fein gezogene schwarze Augenbrauen saßen über ebenso dunklen Augen, auch hatte der Teint einen Stich ins Olivfarbene, wie Anastasius es bei den Italienerinnen oft bewundert hatte. Doch als die Fremde nun die Spange ihres Umhangs öffnete und diesen achtlos an sich hinabgleiten ließ, da japste Anastasius auf – leise und vornehm selbstverständlich. Statt der schwarzen Haare, die er erwartet hatte, flossen silberblonde Flechten über ihre Schultern. Aber damit war es nicht genug der Überraschung und Anastasius wandte sich ab, weil er nicht wusste, wohin er schauen sollte.
Sie trug eine silbergraue Bluse und darüber eine Art Uniformjacke aus schwarzer Shantungseide. Sehr streng, sehr kleidsam. Doch dazu gesellte sich kein Rock, sondern eine schwarze Lederhose. Eine eng geschnittene Lederhose! Sicher, auch Melisande hatte in Paris Hosen getragen und verlangte, das müsse die Zukunft bringen: Hosen für Frauen.
Aber doch nicht solche! Weite und bequeme Hosen, in denen Frauen würden rennen, radfahren und rudern können, da war er für zu haben, das erschien ihm richtig und gerecht. Doch diese Beinkleider, die konnten all das wohl kaum gewährleisten, oder? Und von der Frage des Anstands war gar nicht erst zu reden! Anastasius gab zu, es sah sehr gut aus, das unbedingt. Eine Amazone in einer Art Husarenuniform, so würde man die Direktorin wohl beschreiben können. Kraftvoll wirkte sie darin, elegant sogar. Aber – also das war etwas ganz anderes als die langen Röcke, die durchaus auch Figur zeigten, die bei jeder Bewegung mitschwangen, sich anschmiegten und abformten. Diese Hosen jedoch …!
Die Direktorin störte sich an Anastasius‘ Schweigen und seinem Verhalten nicht, sondern beugte sich über ihren Schreibtisch und fischte eine Kladde aus der obersten Schublade.
Der Professor hielt den Blick fest auf das Fenster gerichtet; keinesfalls wollte er die Rückseite einer Dame betrachten. Nicht länger zumindest, als er es im ersten Schreck nicht zu vermeiden wusste. Natürlich war ihm bekannt, dass weibliche Wesen Beine besaßen und … und andere Körperteile. Bislang war ihm das jedoch nur Theorie gewesen. Jetzt hatte er an der Richtigkeit dieser anatomischen Annahme keinen Zweifel mehr.
Die Schulleiterin setzte sich auf die Tischplatte, kreuzte die Beine, blätterte, strich mit einem Federkiel etwas durch und warf das Notizbuch achtlos neben sich. »Sie sind pünktlich.«
Anastasius atmete tief durch, schalt sich einen prüden und rückwärtsgewandten Narren und blickte endlich auf. Welch ein Selbstbewusstsein diese Frau ausstrahlte! Wie eine Welle überflutete es ihn.
»Ich bin keine Freundin unnötiger Worte, aber Sie sind übertrieben sparsam.«
»Oh, ich bin verwirrt und müde und überwältigt. Von der Reise, der Landschaft, von Ihnen auch, wobei ich Letzteres gar nicht sagen wollte, ich weiß nicht, was über mich kam, es muss die Müdigkeit sein und meine Verwirrung, das sagte ich ja bereits.«
»Es gefiel mir besser, als Sie sparsam waren.«
»Oh, ich plappere, ja, das tue ich, wenn ich nervös bin, verzeihen Sie. Ich möchte also Swanhild Serban-Jørgensen abholen. Sie wissen Bescheid, nicht wahr?«
»Ja.«
»Ist sie reisefertig?«
»Sie wollen heute noch aufbrechen?«
»Nun, ich wusste nicht, was mich erwartet und ob ich hier eine Nacht lang Unterkunft erhalte. Ich richte mich ganz nach Ihren Wünschen.«
»Wir haben Gastzimmer.«
»Das heißt, ich darf hierbleiben?«
»Ja.«
»Das ist gewiss auch für Fräulein Serban-Jørgensen angenehmer.«
»Ja.«
Anastasius schlug die Beine übereinander, spielte mit seiner Taschenuhr. Eine eigenartige Konversation führten sie und er hatte den Eindruck, sich eher schlecht als recht zu schlagen. »Ein Internat also ist dies? Darf ich fragen, welche Art der Ausbildung Sie hier anbieten?«
»Was vermuten Sie?«
»Nun, wenn die beiden jungen Damen, denen ich begegnete, Schülerinnen waren, so vermute ich etwas wie ein Pensionat für höhere Töchter.«
»Auch Söhne besuchen diese Schule.«
»Hervorragend! Ich dachte immer schon, es wäre gut, wenn auch junge Männer intensiv im gesellschaftlichen Umgang unterrichtet würden. Allzu oft lässt sich ein Mangel diesbezüglich feststellen.«
»Ihnen sind Manieren und soziale Hierarchien wichtig?«
»Ersteres unbedingt. Zweiteres hingegen verhindert meiner Meinung nach die Weiterentwicklung der Völker.«
»Große Worte.«
Anastasius räusperte sich. Sie machte ihn nervöser mit jeder Sekunde. Er war unsicher, wie viel die Direktorin über seine Stellung wusste oder ob das Wesen Fräulein Serbans und deren künftige Aufgabe ihr bekannt waren. »Vielleicht sollte ich Swanhild Serban-Jørgensen begrüßen?«
»Weil Ihnen gute Umgangsformen wichtig sind?«
»Weil ich sie mitnehmen werde. Sie sollte mich zumindest kennenlernen, bevor sie für mich arbeitet.«
»Nicht für Sie. Mit Ihnen.«
»Ich denke, das macht keinen großen Unterschied.«
»Einen sehr großen sogar.«
»Ich versichere Ihnen, ich pflege keinen autoritären Führungsstil. Fräulein Serban-Jørgensen wird sich wohlfühlen.«
»Wird sie das? Was erwarten Sie von ihr?«
Wieder überfiel dieses Gefühl der Unzulänglichkeit Anastasius. »Was wissen Sie von mir, Frau Direktor?«
»Professor der Paranormalen Anatomie, der Zeitlichen Physik und Doktor der Telepathie. Sie haben eine interessante Abhandlung über Vampire in Ihrem letzten Schuljahr in Genf verfasst, die deutlich weniger dumm ist als viele andere Schriften zu diesem Thema.«
»Oh. Danke sehr.«
»Dazu seit dem 1. April Leiter des Instituts für Fantastik des Magischen Bereiches Westliches Europa. Sie sind hier, um die Vampira Swanhild nach Bonn zu geleiten. Sie können offen mit mir sprechen.«
»Ich war dessen nicht sicher.«
»Ja. Sie sind auch unsicher bezüglich meiner Hosen.«
»Oh.« Peinlich berührt zupfte Anastasius an seiner Krawatte.
»Seien Sie beruhigt. Ich kann in ihnen rennen, radeln und rudern.«
»Das … Das freut mich sehr.«
War denn heutzutage jeder in der Lage, seine Gedanken zu lesen, fragte sich Anastasius. Und errötete, als die Direktorin ihm zustimmte, er sei in der Tat sehr leicht zu lesen, was für einen Doktor der Telepathie ungewöhnlich sei.
»Wir haben uns in Genf mehr theoretisch als praktisch damit beschäftigt. Ihr Internat also …?«
»Diese Schule hier ist eine Ausbildungsstätte für junge Vampire.«
»Der Gedanke kam mir.«
»Natürlich.«
»Und die Lehrpläne umfassen welche Fächer?«
»Neben dem üblichen Curriculum wie Sprachen, Geschichte, Literatur und Mathematik alles, was wir benötigen, unser Leben zu führen. Sie sollten wissen, was das umfasst.«
»Beherrschung der Gedanken anderer, fällt mir ein.«
»Wie engstirnig von Ihnen. Sie enttäuschen mich. Es geht weniger um die Beherrschung der anderen als um die Beherrschung der eigenen Fähigkeiten und um das Zügeln derselben. Ein Vampir, der sich nicht unter Kontrolle hat, ist dazu verdammt, außerhalb jeglicher Gemeinschaft zu existieren und gejagt zu werden wie ein wildes Tier. Sie möchten doch sicher sein, dass ich Ihrem zart pulsierenden Hals widerstehen kann?«
Nun war es Anastasius entschieden unwohl. Von Blutgier hatte er Vampire längst geheilt geglaubt und nun hockte er hier in einem Nest dieser Wesen. Um Fassung bemüht, sah er der Direktorin ins Gesicht. »Ich habe Pasteten dabei von einem der besten Köche weltweit. Er hat sie für Frau Serban-Jørgensen kreiert. Sie dürfen gerne davon kosten, falls Sie hungrig sind.«
Das schöne Gesicht der Leiterin zuckte. Sie lehnte sich weiter vor. Und lachte. »Ihre Angst ist niedlich.«
»Sie sind nicht beleidigt?«
»Sollte ich?«
»Nicht, wenn es Sie böse macht.«
»Böse im Sinne von bissig? Für einen Professor Ihres Fachgebiets lassen Sie sich allzu leicht veralbern.«
»Ja, ich bin davon nicht weniger enttäuscht als Sie.«
»Das wird interessant werden.« Nun klang sie wieder ernst.
»Was bitte?«
»Schauen Sie mir in die Augen, Olivero.«
»Was haben Sie vor?«
»Tun Sie es.«
Kurz dachte Anastasius daran, um wie viel angenehmer es ihm gewesen war, Melisande von Avalon zu holen, ja, selbst die Befreiung Odilas erschien ihm jetzt ein Kinderspiel gegen dieses tête-à-tête. Er blickte also in die Augen der Direktorin. Dunkle Augen, schöne Augen, warm und leuchtend irgendwie. Eine Heiterkeit lag darin, die ihn anzog. Eine Heiterkeit, die anders war als alles, was er bislang darunter verstanden hatte. Und dann erkannte er sie. »Sie sind der Bär!«
»Die Bärin.«
»Sie …? Wie …? Aber warum?«
»Ich wollte wissen, wie Sie sind. Neugierde und Ungeduld sind meine Schwächen.«
»Aber eine Bärin?«
»Es gibt viele Bären in Transsylvanien.«
»Ja, dann …«
»Sie sollten sich nun ausruhen. Und mir meine Pastete geben.«
»Sie sind Swanhild Serban?«
»Dachten Sie, die Ordnenden Mächte berufen ein Schulmädchen?«
»Nun … Wir anderen sind alle sehr jung.«
»Dann seien Sie froh, wenigstens eine Unterstützung mit Erfahrung zu haben. Wir werden um sechs Uhr in der Frühe aufbrechen. Ich lasse Sie nun auf Ihr Zimmer bringen. Dort werden Sie auch essen. Ich wünsche keine Ablenkung meiner Schülerinnen. Sie sind ein hübscher Mann und ein solcher bringt immer Unruhe mit sich.«
Anastasius nickte, ganz so, wie es die Direktorin wohl gewohnt war. Artig erhob er sich und folgte nun einem jungen Herrn, der ihm das Gästezimmer zeigte. Hoch oben in einem der Türme lag es und eine heimeligere Wohnstatt hätte er sich nicht denken können. Sauber und aufgeräumt, groß und doch gemütlich. Anastasius warf sich in das schmale Himmelbett, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und blickte durch das Butzenfenster hinaus. Er dachte nach.
Swanhild Serban-Jørgensen also verließ ihren Posten als Direktorin dieser mit Gewissheit einflussreichen Schule, um nicht für, sondern mit ihm zu arbeiten. An Selbstsicherheit, Erfahrung und Durchsetzungskraft hatte sie ihm einiges voraus, bestimmt auch in puncto Kraft, Ausdauer und magischem Talent. Zwei Fragen also stellten sich: Weshalb hatte sie zugesagt? Und wie würde die Zusammenarbeit ablaufen?
Und weil er nun schon dabei war, sich verrückt zu machen, fielen ihm weitere Fragen ein: Wie würde Frau Serban-Jørgensen sich mit Melisande verstehen? Oder wie mit Fräulein Fortunati? Und was genau hatte sie gemeint, als sie sagte, seine Abhandlung über Vampire sei nicht ‚so dumm‘ wie andere? Hatte sie damit andeuten wollen, er habe irgendwo einen Fehler gemacht?
Anastasius seufzte. Als er Odila in Dublin geholt hatte, da durfte er sich wie ein Held vorkommen. Da hatte er sich zum ersten Mal als entschlossen und mutig und auch bewundert erleben dürfen. Und zuvor die Reise mit Melisande hatte in ihm das Vergnügen an Neckereien geweckt; da hatte er erfahren, dass es erfrischend sein kann, sich mit jemandem auseinanderzusetzen, der einen anderen Blick auf die Welt hat.
Jetzt aber kam er sich mickrig vor und das war doch nun wirklich nicht, wie sich der Leiter des Instituts für Fantastik fühlen sollte, bevor er sich daran machte, Gefahren abzuwenden!
Bonn - Siebenbürgen – Wien
Nach einer mit wenig Schlaf verbrachten Nacht stand Anastasius pünktlich um sechs Uhr an seiner Zimmertür und wartete auf Frau Serban-Jørgensen. Die Bezeichnung Fräulein verbat sich ohne jede Frage, obwohl dies die Höflichkeit doch verlangt hätte. Wenn er ehrlich war, dann lag ihm die Anrede Meister beständig im Sinn. Oder vielmehr Meisterin, denn Swanhild Serban-Jørgensen legte auf die weibliche Form ebenso viel Wert wie Melisande.
Anastasius stöhnte leise bei der Vorstellung, wie diese beiden Damen sich entweder streiten oder aber in trauter Einigkeit die Sache der Frauen vorantreiben würden. Es mochte sein, es verbrachten die Herren des Instituts bald die wenigen freien Stunden zusammengepfercht in seinem Schlafzimmer, wo sie es noch wagen konnten, Mokka zu trinken, Pfeife zu rauchen und Männergespräche zu führen. Wobei er sich nach Letzterem noch nie gesehnt hatte.
Nun lehnte er am Türrahmen und lauschte in die Burg hinein. Wie still es war. Während der Nacht hatte es beständig irgendwo gewispert oder gejault, ein fortdauerndes Flügelschlagen hatte er zu hören geglaubt und eine sirrende Melodie, die ihm eine Gänsehaut verschafft hatte. Einige Male war er eingeschlafen, doch nie für längere Zeit. Ständig war er hochgeschreckt, genau wie auf der Wiese, als Frau Serban-Jørgensen in Bärengestalt erschienen war. Schlug er aber die Augen auf, so befand sich nie irgendein Wesen in seinem Zimmer. Zumindest keines, das sichtbar gewesen wäre.
Er brachte eine grässliche Nacht hinter sich und verstand nun endlich, was ‚nachtaktiv
