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Eine Parallelwelt voller Magie, Glück und Frieden. Bonn, 1899. Professor Archibald Anastasius Olivero ist der neue Leiter des Instituts für Fantastik, das die Welt vor Gefahren aller Art schützt. Drei Agentinnen mit besonderen Talenten stehen ihm zur Seite. Eine von ihnen ist Melisande, Fee der Insel Avalon. Ihre Aufgabe ist die Mehrung des Glücks; sie schenkt Frieden, Zuversicht und Inspiration. Mächtige Gaben sind das und so rechnet sie nicht damit, gegen einen gefährlichen Gegner kämpfen zu müssen und in Lebensgefahr zu geraten ... Humor, Spannung und Historie aufs Schönste vereint: Das Institut für Fantastik verzaubert mit wunderbaren Bewohnern, mächtigen Gegner und prominenten Persönlichkeiten.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Professor Olivero
Das Institut für Fantastik
Das Kollegium
Die Andere Welt
Melisande
Die erste Aufgabe
Zwei Fahrten und (k)ein Abschied
Pariser Geschichten
Getrennt
Fassadenklettereien
Durch die Nacht
An der schönen blauen Donau
Zum Tee bei der Kaiserin
Eine Lichtung im Schnee
Nächtliche Konferenzen
Das Ende ist noch fern
Impressum
Melisandedie Fee
Oliveros Institut für Fantastik
No 1
Andrea Instone
Professor Olivero
Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Archibald Anastasius Olivero, meines Zeichens Professor der Paranormalen Anatomie und der Zeitlichen Physik und Doktor der Telepathie. Ich leite das Institut für Fantastik hier in unserem lauschigen Bonn am Rhein.
Aber schon muss ich mich verbessern. Das Institut befindet sich nicht in unserem, sondern in meinem Bonn, das sich von dem Ihrigen beträchtlich unterscheidet. Sie sind verwundert? Das verstehe ich. Meine Stadt ist ein Ort, der dank der Hilfe des Instituts von den Katastrophen verschont blieb, die über Ihr Bonn hereingebrochen sind im Laufe der Jahrhunderte.
Lassen Sie es mich so simpel erklären, wie ich es einem Schulkinde erläutern würde: Ihre Welt ist für mich semi-real. Also nur als Theorie existent. Ein abstraktes Gedankenspiel, das sich manifestiert hat, um meine Welt vor Gefahren zu warnen. Man könnte sagen, wir sind Parallelwelten. Ja, das trifft es wohl am besten, wenn es auch weit von der Realität entfernt ist. Sicherlich haben Sie bereits phantasmagorische Geschichten gelesen, die mit der Idee des Scheins und Seins spielen?
Ich sehe, es ist komplizierter als gedacht, diesen schlichten Sachverhalt anschaulich zu erklären. Natürlich möchten Sie nicht wahrhaben, dass Sie in meinen Augen kaum mehr als eine Schimäre sind. Ich versuche es noch einmal: Meine Sphäre ist die Erde. Sie sieht - geographisch betrachtet - genauso aus wie diejenige, die Sie kennen. Hier jedoch existieren Gebäude und Monumente, die in Ihrer Welt längst von Menschenhand zerstört worden sind. Weil – nun, weil ...
Ach, lassen Sie mich einige Beispiele nennen, aus denen Sie leicht ablesen können, weshalb es hier anders aussieht:
Während Ihre Urahnen unter den Hunnen zu leiden hatten, aßen meine friedlich mit diesem reisenden Handelsvolk an einem Tisch. Attila, den Sie als brutalen Kriegskönig ohne Gnade kennen, ist uns als ein äußerst liebenswürdiger Mann in Erinnerung, der zwar seinen Vorteil im Geschäft suchte und wenig sittenstreng war, aber seinem Volk und den mit ihm Verbündeten wirtschaftliche Sicherheit verschaffte, was nach dem Ende des Römischen Reiches mehr als willkommen war.
In Ihren Geschichtsbüchern lesen Sie von den sechs Frauen des achten Heinrichs von Anglia, in den meinigen waren es nur drei und keine von ihnen kam gewaltsam ums Leben. Unglücklich allerdings waren auch diese Damen – er war nun einmal ein ausgesprochener Grobian und übertriebener Genussmensch.
Ihr Dreißigjähriger Krieg dauerte bei uns nur zwei Jahre und das war schon grausam genug – eine unserer düstersten Zeiten, das muss man sagen. Die Zahl der Hexen, die bei uns verbrannt wurden, beläuft sich trotz aller Bemühungen auf sechs Frauen und zwei Männer. Die bedauernswerten Opfer sind uns noch heute namentlich bekannt und werden in ewiger Sühne als Märtyrerinnen verehrt; bis heute mahnen sie uns, derlei dürfe nie wieder geschehen.
Auch uns brachte die Französische Revolution Freiheit, Einigkeit und Schwesterlichkeit, doch rollten keine Köpfe deswegen. Maximilien de Robespierre blieb dank unserer Ärzte von den Pocken verschont, behielt sein hübsches Gesicht und setzte sich nach der Heirat mit einer charmanten Dame weiterhin für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Damit machte er sich einen solch guten Namen, dass König Louis XVI. ihn in den Kronrat berief und all seinen Änderungsvorschlägen zustimmte. Die Revolution bestand somit in der Schaffung eines vom Volke gewählten Parlaments und der Ernennung begabter Minister, die sich auf ihrem Gebiet als Experten bewiesen hatten. Damit folgte das Königreich Frankreich dem Beispiel Anglias und verbesserte das System nachhaltig. Dank dieser Entwicklung verbrachte unsere Marie Antoinette den Lebensabend in ihren Gärten, umgeben von einigen Enkelkindern. Davon hat die Königin Ihrer Welt nicht einmal träumen dürfen.
So kommt es, dass mein Bonn bis heute Zeugnis ablegt von seiner zweitausendjährigen Vergangenheit. An vielen Ecken finden sich Erinnerungen an unsere römischen Freunde und die Therme ist noch heute in Betrieb. Aber auch viele der Paläste späterer Epochen, von denen Sie nur Kupferstiche zur Erinnerung haben, sind in meiner Stadt Zentren der Begegnung, der Kultur oder des Vergnügens.
Sie nicken. Die Idee einer doppelten Welt ist Ihnen durchaus vertraut. Aber weshalb ist der Lauf der Geschichte in meiner Welt so viel friedlicher? Das ist es, was Sie vor ein Rätsel stellt, habe ich recht?
Das hat zwei Gründe: Zum einen hat Ihre Welt einen bedauerlichen Vorsprung von exakt fünfzehn Jahren und zweiundachtzig Tagen. Und zum anderen fehlt Ihnen mein Institut. Nun, streng genommen ist es nicht mein Institut, ich habe es übernommen, als meine Zeit gekommen war. Oder die Zeit des Vorgängers, ganz wie Sie es auffassen wollen.
Das Institut für Fantastik hat die Aufgabe, Ihre Welt zu beobachten und unsere zu schützen. Wir sehen, wohin Sie steuern, welche Entwicklungen Sie unterschätzen und welche Katastrophen über Sie hineinbrechen. Und somit wissen wir, was uns erwartet, wenn wir einen Schritt in die falsche Richtung gehen oder eine fatale Entscheidung treffen. Natürlich können auch wir keine Naturkatastrophe verhindern oder jede menschliche Regung so umlenken, dass kein Schaden entsteht. Aber unser Pompeji liegt menschenleer unter Schutt und Asche. Und die Kriege, die dennoch ausbrechen, dämmen wir ein, so rasch es geht.
Jetzt möchten Sie wissen, wen ich mit ›wir‹ meine? Nun, die Mitarbeiter des Instituts für Fantastik. In jedem unserer zwölf magischen Gebiete befindet sich ein solches Institut unter den unterschiedlichsten Namen. Die Leiter und Leiterinnen sind Träumer, die –
Ah, täuschen Sie sich nicht: Wir sind keine romantischen Weltverbesserer mit Idealen, denen kein Mensch je gerecht werden kann. Wir sind Menschen, die in der Lage sind, über ihre Träume zu kommunizieren. Wer an ein solches Institut berufen wird, erfährt davon in diesen Träumen, die um das dreizehnte Lebensjahr herum beginnen. Zunächst erhalten wir eine Ausbildung in Genf, gemeinsam mit Inventoren und Agentinnen. Dann irgendwann werden wir eingesetzt und befragt, ob wir uns an das Institut binden wollen. Niemand hat sich dem jemals verweigert. Mit jedem Wechsel an der Institutsspitze wechselt auch das Personal – nur unsere Verantwortlichen für Büro, Archiv und Bibliothek bleiben an ihrer Stelle. Sie garantieren einen reibungslosen Übergang sowie eine kontinuierliche Arbeit im Sinne der Statuten. Das oberste Ziel ist eine perfekte Welt, in der jeder Mann und jede Frau glücklich ist. Davon sind wir weit entfernt, aber ich kann mit einem Blick auf Ihre Erde sagen: Wir haben es weit gebracht.
Sie möchten wissen, wo meine Welt liegt? Und wie es unseren Instituten gelingt, all diese Konflikte, all das menschliche Versagen zu korrigieren? Das ist eine lange Geschichte, aber selbstverständlich bin ich bereit, sie Ihnen zu erzählen.
Wer ich bin? Ich dachte, ich hätte mich vorgestellt, verzeihen Sie mir, wenn ich das nicht tat. Archibald Anastasius Olivero, Professor der -
Das sagte ich bereits? Dann verstehe ich nicht -
Oh! Oh, natürlich. Meine Fachgebiete sind Ihnen nicht bekannt. Natürlich nicht. Ich hatte vergessen, einen weiteren Unterschied zwischen unseren Welten zu erwähnen: Hier leben Mitbürger, die anders als nur rein menschlich sind. Es sind nicht sehr viele, das nicht – etwa ein Zehntel der Bevölkerung hat übernatürliche Fähigkeiten. Obwohl sie unauffällig unter uns leben, wissen wir doch, sie existieren, und so studieren manche von uns diese magischen Wesen. Ich beispielsweise bin in der Lage, einen Werwolf von seiner Mondsucht zu heilen oder einem Vampir den Genuss einer Eierspeise zu ermöglichen.
Außerdem habe ich mich mit dem Phänomen des Zeitensprungs beschäftigt und damit mit der Frage, wie viel in der Vergangenheit geändert werden darf, um die Gegenwart im Gleichgewicht zu halten oder sogar zu verbessern. Nun sind solche Zeitenspringer sehr seltene Wesen und so kommt es nicht allzu oft vor, dass sich unsere Geschichtsbücher ändern. Aber gelegentlich geschieht es und so konnte beispielsweise der siebenmonatige Krieg doch noch auf ein vierzehntägiges Scharmützel reduziert werden.
Diese beiden Fächer und die Telepathie habe ich also eingehend studiert, um mich auf meine Aufgabe als Direktor des Instituts für Fantastik vorzubereiten. Ein Posten, den ich nun seit gut einer Woche bekleide. Ich bin, so möchte ich es beschreiben, der Koordinator meiner Mitarbeiter, der geistige Tüftler im Hintergrund und der Beobachter Ihrer Welt. Der Theoretiker, wenn Sie so wollen. Zumindest sollte es so sein. Aber die Umstände sind manchmal ... nun ja, man kennt das, nicht wahr? Doch größtenteils erledigen Experten ersten Ranges die praktische Arbeit.
Sie schauen mich an, als hielten Sie mich für einen Schwindler. Und dieser Blick, mit dem Sie mich von oben bis unten bedenken. Sie glauben, ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren sei zu alldem nicht in der Lage? Da irren Sie sich gewaltig. Und noch mehr irren Sie sich, wenn Sie glauben, meine Experten seien Horden roher Kerle, die durch die Lande ziehen und unliebsame Aufwiegler und Umstürzler meucheln, bevor sie Schaden anrichten können. Gut, ja, auch das gab zu früheren Zeiten einmal, aber heute sind wir weiter. Hier, ich zeige Ihnen Fotografien meiner drei Agenten.
Ja, nur drei sind es, die erledigen, was erledigt werden muss.
Ha, na, das habe ich mir gedacht! Hübsch sind die Damen, nicht wahr? Drei junge Damen sind es, die unter meiner Ägide die Welt vor Schaden bewahren: eine Fee, eine Vampira und eine Zeitenspringerin. Ich werde glühend beneidet von meinen Kollegen um dieses Trio und wie Fräulein Fortunati, unsere Bibliothekarin, Sekretärin und gute Seele, sagt: ›Jede neue Mannschaft muss sich erst finden‹.
Uns finden – dazu ließen uns die Umstände nicht allzu viel Zeit. Ein ruhiges Kennenlernen, ein strategisches Planen unserer Taten: All das konnten wir uns nicht gönnen, denn das Böse ... Nun, dazu später mehr. Für Sie ist gewiss die Frage von Bedeutung, wo Ihre Welt sich im Vergleich zu meiner befindet, weshalb es den zeitlichen Unterschied gibt und wie es kommt, dass wir Ihre Erde beobachten können, Sie von uns jedoch nichts wissen. Ich gestehe, die Frage nach dem Wieso und Weshalb kann ich Ihnen nicht beantworten. Glauben Sie mir, Generationen an Institutsleitern haben eine Antwort auf diese Frage gesucht, doch sie entzieht sich uns stets. Wir müssen uns mit dem Fakt zufriedengeben, ohne seine Ursache zu kennen. Und unterliegen Sie nicht dem Irrglauben, alle Bewohner meines Planeten wüssten Bescheid. Nur wir – die Angestellten der Institute – wissen um Ihre Erde. Es muss ein Geheimnis bleiben. Unbedingt. In Ihrer Welt ebenso wie in meiner.
Weshalb, so fragen Sie? Sie fragen es ernsthaft? Obwohl Sie seit Jahrtausenden erleben, wie manche der Mächtigen die Völker versklaven nur um des eigenen Vorteils willen? Der gemessen an der begrenzten Lebensspanne des Einzelnen läppisch ist, darin sind wir uns wohl einig, nicht wahr? Mancher würde einen Weg suchen und ihn womöglich finden, meine Erde zu usurpieren. Die Gier kennt keine Grenzen. Das ist hier leider nicht anders als bei Ihnen, diese Illusion muss ich Ihnen nehmen; auch unter meinen Mitbürgern gäbe es viele, die von dem technischen Vorsprung Ihrer Welt finanziell zu profitieren suchten, koste es andere, was es wolle.
Wo also befindet sich meine Erde?
Auch dies eine schwierige Frage, die ich kaum beantworten kann. Noch sind sich die Astronomen, Geographen und Metaphysiker im Dienste der Institute uneins: Die einen vermuten, wir lägen in einem anderen Universum, andere hingegen sind davon überzeugt, wir befänden uns an der exakt selben Stelle wie Ihre Erde auch und lediglich das Bewusstsein sei ein anderes. Die Philosophen wiederum behaupten, es sei alles nur Einbildung oder Hellseherei oder sonst ein geistiges Phänomen. Im Grunde ist es gleichgültig, wo wir uns befinden, wo Sie sich befinden. Doch ich gestehe, es wäre mir lieb, lägen Universen zwischen uns, die sicherlich schwieriger zu überwinden wären als der hauchfeine Nebel, der zwischen zwei Traumwelten wabern mag.
Wie ähnlich unsere Planeten sich noch sind?
Vor Jahrtausenden waren sie identisch, doch mit jedem Krieg, jeder Revolution und Rebellion, jeder gesellschaftlichen Umwälzung entfernen wir uns weiter voneinander. Nehmen wir Bonn. Ich sprach von der römischen Therme, die seit bald zweitausend Jahren in Betrieb ist. Ein wunderbarer Ort übrigens, um zu entspannen und zu meditieren. Was immer in den letzten Jahrhunderten bei Ihnen anstelle des Badehauses stand und noch steht, es existiert hier nicht. Sie verstehen, wie wir uns also immer mehr unterscheiden? Und dennoch sind die Gemeinsamkeiten in anderen Dingen groß.
Ein Beispiel: Obwohl das Geburtshaus Ihres Napoleone Buanaparte bei uns nicht vorhanden ist, wurde dieser Mann doch geboren – zwei Straßen weiter in einem Haus mit ähnlich gelblicher Fassade und grünen Fensterläden. Auch bei uns machte er sich einen Namen, jedoch marschierte er nicht in Russland ein und auch vieles andere tat er nicht, wie es der Ihre tat. Und doch hatte er sich bald ganz Europa unterworfen durch die strategische Verheiratung seiner Familie, gezielte Propaganda und Gewährung neuer Freiheiten. Der Geist, der ihn einst zu Großem berufen hatte, lebte ungebrochen in ihm fort und wuchs sich nicht zu Größenwahn aus wie in Ihrer Welt. Nicht zu einem solchen Wahn zumindest. Auf Elba besaß er ein Feriendomizil und St. Helena hat er nie betreten.
Sie sehen, wie bestimmte Ereignisse - wie soll ich es formulieren? Ja, wie bestimmte Ereignisse in ihrer Möglichkeit angelegt sind. In Ihrer Welt entwickeln sie sich auf die schlimmstmögliche Weise, in meiner verhindern meine Kollegen und ich sie oder lenken Energien in nützliche Bahnen.
Nun wollen Sie noch wissen, was es mit dem Bösen auf sich hat, das ich erwähnte? Weshalb meine Damen und ich nicht den glücklichsten Start hatten? Am besten erzähle ich von Anfang an, wie es begann für Melisande, Swanhild, Odila und mich.
Der 1. April 1899 also führte mich an meine neue Stelle und es war ein ungewöhnlich heißer Tag, der mich wünschen ließ, ich trüge die wollene Weste nicht, die ich am Morgen angelegt hatte. Ich ...
Das Institut für Fantastik
Zum vierten Mal schon spazierte der junge Herr über die Kieswege des Hofgartens, obwohl er an diesem sonnigen Vormittag kein Auge hatte für die Blumenpracht der barocken Anlage. Immer wieder lief er auf den Tempel der Vestalinnen zu, wendete dort und blickte hinauf zur goldenen Figur der Regina Pacis des kurfürstlichen Schlosses. Er war rheinisch-katholischen Glaubens und hoffte, die Madonna dort oben erbarme sich seiner und erlöse ihn endlich von seiner nervösen Unruhe. Die ihm ja höchst unnötig, lächerlich gar erschien. Denn was hatte er schon zu fürchten? Nichts. Es war eine ausgemachte Sache. Niemand würde ihm die Türe weisen oder sich über ihn lustig machen. Nein, man erwartete ihn. Ihn, keinen anderen.
Er zog seine Taschenuhr aus der Weste. Viertel vor zehn. Fünfzehn Minuten noch. Viel zu früh war er aufgebrochen. Er hatte befürchtet, etwas käme ihm auf dem Weg dazwischen. Und gehofft, ein ausgiebiger Spaziergang besänftige seine Nerven. Stattdessen war er ins Schwitzen geraten. Die wollene Weste war elegant, das schon, aber doch zu warm für diesen Frühlingstag.
Seine Melone nahm er ab, fächelte sich mit ihr Luft zu, setzte sie wieder auf. Dann ging er weiter dem Schloss zu. Er beobachtete nun das Fenster unter der Madonna. Dahinter lag der Thronsaal der Kurfürstin Elisabeth Augusta Amalie und während des Tages trat sie gerne einmal auf den schmalen Balkon, winkte, lächelte, hörte sich an, was man ihr zurief. Einige Bürger hatten sich bereits versammelt, die auf die gütige Gnade ihrer Stadtmutter hofften. Sie hofften nie vergebens und nur selten wagte es jemand, unverschämte Forderungen oder unflätige Beleidigungen von sich zu geben. Man war hier in Bonn sehr zufrieden mit dem Erreichten. Jahr für Jahr wurde die Kurfürstin vom Rat der Stadt in ihrem Amt bestätigt und viele der wohltätigen Komitees forderten, sie solle auf Lebenszeit eingesetzt werden.
Doch sie erschien nicht und der junge Mann wandte sich enttäuscht ab. Hätte Augusta Amalie sich gezeigt, er hätte das zu gerne als ein gutes Zeichen genommen. Obwohl er keines brauchte, bestimmt nicht. Wieder blickte er auf die Uhr, seufzte. Wenn seine Hände doch nicht so zitterten, ihm der Schweiß nicht in gar solch reißenden Bächen über den Rücken liefe! Aber gleich hatte er es überstanden. Am besten erschiene er wohl einige Minuten früher.
Er drehte um, sah, wie zwei Vestalinnen den Tempel verließen, wie ein kleiner Junge seiner Großmutter vorweg in den Irrgarten rannte und ein Liebespaar sich unter einer der riesigen Kastanien küsste. Die Welt war ganz hervorragend aufgestellt, es herrschte Frieden, Wohlstand und Freundschaft. Es war dies gewiss die beste Zeit in der Geschichte der Menschheit, diese Aufgabe anzutreten.
Die eher schmächtigen Schultern straffte er, strich sich über den noch etwas spärlichen Schnurrbart und eilte dem Alten Zoll zu, neben dem sich rechter Hand das ehrwürdige Gebäude des Instituts für Fantastik befand.
Schon als kleiner Junge hatte er seine Eltern befragt, was in diesem Haus sein möge, doch nie hatte er eine Antwort erhalten, die ihm weiterhalf. Im Laufe der Jahre begriff er, dass seine Mitbürger das Haus wohl sahen, es aber nicht wahrnahmen, sich nicht dafür interessierten, ja, es vergaßen, sobald sie die Augen senkten. Als es vor zehn Jahren mit den Träumen losging (die allesamt ihren Anfang auf der Freitreppe des Instituts nahmen), da begriff er, es müsse wohl Magie im Spiele sein. Ab da wusste er, es steckte mehr in ihm als in manch anderem Knaben, der ihn seiner zarten Statur wegen verlachte; er war besonders. Heute würde es also beginnen – das Abenteuer seines Daseins.
Nun konnte er es kaum noch erwarten und rannte dem Institut entgegen. Einem Herrn musste er ausweichen, der empört den Kopf schüttelte, als er sich seines Weges gestört sah. Der junge Mann entschuldigte sich im Lauf, dann blieb er vor dem Gebäude stehen und betrachtete es ein letztes Mal als Außenstehender: Ein prachtvoller Renaissancebau war es, der mit dem Rücken zum Rhein stand und über den Hofgarten blickte. Das geschnitzte Portal zeigte Löwen, Drachen und holde Maiden, die die Untiere zähmten. Das Fachwerk der beiden mittleren Stockwerke bildete Blumenranken nach und erstrahlte in einem leuchtenden Rotbraun, der Putz dazwischen war von einem rosigen Weiß. Das vierte Stockwerk hingegen war von Künstlerhand reich bemalt: In bunten Farben tanzten blumenbekränzte Menschen Hand in Hand über die gesamte Breite des Hauses. Das Dach breitete sich recht flach über das Gebäude und immer erschien es dem Jüngling wie eine liebevoll schützende Hand. Er war von romantischer Natur, oft überschwänglich und leicht von schönen Worten und edlen Gedanken zu begeistern. Vor allem aber entzückte ihn dieses Palais, das trotz seiner Großartigkeit all den anderen Bürgern so unsichtbar blieb.
Bevor er die unterste Stufe betrat, strich er sein Revers glatt, prüfte den Sitz seiner Krawatte, den Glanz seiner Schuhe. Einen unvergesslichen Eindruck wollte er machen. Sieben Stufen waren es, die ihn an das Portal brachten, und verunsichert stand er davor: Sollte er den Türklopfer verwenden oder die Klingelschnur? Gab es Regeln? War es von Bedeutung?
Doch weder musste er klopfen noch klingeln: Das breite Tor öffnete sich von selbst. Lautlos schwang es nach innen auf und zeigte dem Besucher eine Eingangshalle, die er sich würdevoller und einladender zugleich nicht hätte denken können. Der Boden war in schwarzen und weißen Fliesen eingedeckt, zwischen denen winzige matt-türkise Kacheln lagen. Zu beiden Seiten befanden sich jeweils drei dunkle Türen, ebenfalls mit Schnitzereien versehen, die mythische Begebenheiten erzählten. Zwischen ihnen standen vergoldete Bänke römischen Ursprungs, bezogen mit nilgrünem Samt. Eine weiße Holztreppe führte nach oben; sie war so breit wie die Pforte und der schmale Läufer darauf schimmerte im selben matten Blaugrün wie die Bänke und das Bodenmosaik.
Der Eindruck insgesamt war von einer Harmonie, die dem jungen Mann seltsam heiß erschien. Er sah über sich und verstand, es müsse wohl der riesige Leuchter sein, dessen viele hundert Kerzen für die Wärme sorgten. Und deren Flammen ruhig und ohne jedes Zittern brannten. Schon glaubte er, es seien künstliche, womöglich elektrisch betriebene Lichter, als er bemerkte, wie der Wachs herab perlte an der einen oder anderen Kerze.
Er sprang beiseite, wolle nicht getroffen werden. Doch kein einziger Tropfen fiel zu Boden. Interessiert und voller kindlicher Neugierde nun stellte er sich auf die fünfte Stufe der Treppe und beobachtete das Schauspiel: Keine Flamme flackerte, wie sehr er auch mit seinem Hut fächern mochte. Und alle Wachströpfchen, die fielen, lösten sich in der Luft auf. Magisch, eindeutig magisch!
»Professor Olivero? Kommen Sie bitte hier hinein, wir müssen zunächst die Formalien abklären.« Eine weibliche Stimme, rau von Alter und Erschöpfung, klang durch die Eingangshalle.
Wie ertappt sprang der so Angesprochene von der Treppe, erinnerte sich seiner Würde, hüstelte und ging gemessenen Schrittes auf die uralte Dame zu, die in der ersten Tür links des Ausgangs auf ihn wartete. Sehr schlank war sie, leicht gebeugt und unglaublich runzlig. Die grauen Haare trug sie aufgetürmt in weichen Wellen, ihr schwarzes Kleid war - bis auf eine Kamee am hohen Kragen - schmucklos, wenn auch von hervorragender Qualität. Das erkannte der junge Mann sofort, wie es dem Sohn eines Stoffhändlers wohl anstand. »Verzeihen Sie mir, gnädige Frau, ich hatte Sie nicht bemerkt. Ich war über die Maßen fasziniert von den Wachslichtern und da muss ich wohl Ihre Anwesenheit übersehen haben.«
»Sie haben mich nicht übersehen, ich war nicht hier. Treten Sie ein.«
Das Zimmer war offenbar das Büro des Instituts. Zwei Fenster gingen zum Schlosspark hinaus, zwei weitere auf den hauseigenen Garten, der von einer sehr hohen Mauer umgrenzt war. Efeu, Wein, Buschwindröschen und allerlei sonstiges Grün kletterte an den Backsteinwänden empor. Blumenrabatten, gepflegter Rasen, ja eine reizende Terrasse mit schmiedeeisernen Gartenmöbeln machte der Besucher aus. »Mir fällt auf, gnädige Frau, wie hell der Garten ist, trotzdem die Mauer doch zu hoch ist, um die Sonne hineinzulassen. Darf ich fragen -«
»Die Antwort dürfte klar sein, Professor Olivero. Magie natürlich. Notwendige Magie. Wir kommen später darauf zu sprechen.« Die Greisin wies dem Jüngling einen Platz an, setzte sich selbst hinter den wuchtigen Schreibtisch aus Kirschholz. »Sie sind Professor Archibald Anastasius Olivero, seit siebzehn Tagen dreiundzwanzig Jahre alt und aus Bonn stammend. Vor zehn Jahren und siebzehn Tagen begann Ihre Unterweisung, drei Jahre später traten Sie dann in die Hohe Schule in Genf ein. Ich habe das korrekt wiedergegeben?«
»Überaus korrekt, gnädige Frau. Ich befinde mich im Nachteil Ihnen gegenüber, denn ich weiß nicht, wer Sie sind.«
Sie hob die Brauen. »Ihnen wurden unsere Namen genannt, davon bin ich überzeugt. Sie wissen, auf wen Sie hier treffen. Nun also, sehe ich aus wie ein Herr Custodis? Oder ein Monsieur Dumarchelier? Oder ein Herr Inventoris?«
»Oh. Verzeihen Sie, gnädige Frau. Ich – ich bin so überwältigt von allem hier, ich dachte nicht mit. Sie sind Frau Fortunati, selbstverständlich sind Sie das!«
»Fräulein Fortunati, bitte sehr.« Einige Sekunden lang blickte sie ihr Gegenüber an, lächelte. »Ich weiß nicht, welche Art Dame Sie erwartet haben. Ich habe immerhin die gesamte Amtszeit Ihres Vorgängers begleitet, bis seine Zeit gekommen war.«
»Selbstverständlich, selbstverständlich. Ich war mit meinen Gedanken woanders. Es schmerzt Sie gewiss, Ihren Dienstherrn verloren zu haben. Aber er hat ein gesegnetes Alter erreicht und irgendwann ist unser aller Zeit auf Erden vorüber, nicht wahr? – Oh, also nicht, dass ich meine, Sie – also – nein, bitte vergessen Sie, was ich sagte, ich bin nervös, nur nervös. Mein Beileid, gnädige Frau.« Archibald Olivero hatte sich erhoben und verbeugte sich förmlich.
»Sie scheinen eine ausgesprochen pessimistische Sicht auf die Welt im Allgemeinen und auf Ihren Posten im Besonderen zu besitzen, Professor Olivero.«
»Ich verstehe nicht, weshalb Sie das meinen, Fräulein Fortunati.«
»Wie kommen Sie darauf, Ihr Vorgänger sei verstorben?«
»Ich erhielt die Nachricht, seine Zeit sei vorüber und die meine gekommen, daher -«
»Daraus schließen Sie auf seinen Tod? Doktor Caroli hat dem Institut fünfundsechzig Jahre gedient und sich einen geruhsamen Lebensabend verdient. Er war einst ebenso jung und unerfahren wie Sie übrigens.«
»Er lebt? Das ist ja wunderbar. Das freut mich außerordentlich. Und Sie, Fräulein Fortunati, haben gewiss ebenfalls Pläne für die nächsten Jahre? Werden Sie in Bonn verbleiben?«
»Das werde ich ganz sicher, immerhin bin ich Ihre Bibliothekarin und erledige gemeinsam mit Herrn Custodis die anfallenden Tätigkeiten, die von eher bürokratischer Natur sind. Es wäre ungünstig, wohnte ich beispielsweise an der See oder im Schwarzwald, das müssen Sie zugeben.«
Archibald Olivero schluckte, spielte mit seinen Handschuhen, ließ die Melone kreisen. Das konnte doch nur ein Scherz sein! Wie sollte eine solch greise Frau ihm zur Hand gehen? Sie konnte doch kaum in der Lage sein, einen Aktenordner vom Regal zu holen, ohne sich dabei zu verausgaben. Und ihre Stimme! Sie krächzte so leise, dass schon er sie kaum zu verstehen mochte, obwohl er keinen Meter von ihr entfernt saß. Wie sollte sie Anrufe entgegennehmen? Denn ein solcher Telefonapparat stand auf dem Schreibtisch. Schon waren Oliveros Gedanken abgelenkt: Zu was diente dieser Apparat eigentlich? So weit er es wusste, gab es doch niemanden, der hier hätte anrufen können.
Er riss sich zusammen und sah wieder zu Fräulein Fortunati, die ihn weiterhin mit demselben etwas amüsierten Lächeln betrachtete. Aufmunternd nickte sie ihm zu, schien darauf zu warten, dass er sich genauer erkläre. Eine peinliche Situation, in die man ihn hier brachte. Wie sollte er einer Dame darlegen, sie sei für seine Zwecke nicht die Passende? Du meine Güte, er war jung und voller Energie, da konnte er doch nicht ständig darauf achten, seine Sekretärin nicht zu überfordern.
»Professor Olivero, Sie wirken verunsichert. Kann ich behilflich sein?«
»Oh, nein, vielen Dank, es ist alles ganz hervorragend. Ich überlege lediglich, wie ich am besten meine Aufgaben angehe. Gibt es da eine Art Protokoll, mit welchen Themen ich mich zuerst beschäftige?«
»Heute sehen Sie sich in Ruhe um, stöbern in allen Ecken umher, melden sich, wenn Sie Fragen haben. Morgen dann gehen wir eines nach dem anderen an.« Fräulein Fortunati erhob sich. »Tee oder Kaffee, Professor Olivero?«
»Oh, ein Tee wäre reizend.«
»Folgen Sie mir, ich zeige Ihnen unseren Aufenthaltsraum. Dort können Sie sich jederzeit Kleinigkeiten zubereiten. Wagen Sie es nur nie, in die große Küche zu spazieren, falls Auguste Dumarchelier Sie nicht hineinbittet. Er versteht keinen Spaß in diesen Dingen und wir möchten ungern unter seiner schlechten Laune leiden.«
»Er ist ein Koch?«
»Vielmehr ist er der Herr über unser Wohlbefinden. Lassen Sie es ihm gegenüber nicht an Respekt fehlen.«
Fräulein Fortunati öffnete die übernächste Tür und ließ Olivero passieren. Aus den Augenwinkeln musterte der die Seniorin. Während sie vor ihm entlanggegangen war, hatte er den Eindruck gehabt, sie halte sich mit jeden Schritt etwas aufrechter. Auch die Schwärze ihres Kleides schien ihm tiefviolett zu schimmern, seidiger zu glänzen. Nun stellte er fest, dass ihre runzligen Wangen in einem zarten Rosé erstrahlten. Strengte der kurze Weg sie dermaßen an? Oder stieg ihm die Atmosphäre des Hauses zu Kopf?
Der Aufenthaltsraum war entzückend: Zur Rückseite des Gebäudes gelegen öffnete sich eine französische Tür auf eine maritime Holzterrasse, die komplett mit Reling und Deckchairs ausgestattet Lust auf laue Sommerabende machte. Vor den Glastüren stand ein lang gestreckter Tisch, dessen Oberfläche blank gescheuert von gemütlichen Mahlzeiten sprach. Die darum gruppierten Stühle stammten jeder aus einer anderen Epoche, doch bequem schienen sie alle miteinander.
In der Ecke rechts der Zimmertür fand sich der Buffetschrank mit allerlei buntem Bauerngeschirr, angeschlagenen Bechern und verbeulten Kannen. Olivero nahm an, dass kaum ein Teller zum anderen passte und genau das wirkte ungemein charmant und lebensfroh auf ihn. Seine Eltern hatten auf einen perfekt gedeckten Tisch geachtet, was den jungen Archibald Anastasius stets eingeschüchtert hatte. Hier fühlte er sich, als sei er in einem Hort der Glückseligkeit angelangt, in dem es auf den schönen Schein nicht ankam.
Der Tür gegenüber standen allerlei Gerätschaften auf einer schmalen Anrichte, deren untere Fächer mit Körben, Büchern, Tischdecken, Servietten, Vasen und anderem Krimskrams gefüllt waren. Neugierig trat Olivero näher: Drei Apparate, aus Bronze gefertigt, auf Hochglanz poliert, nahmen den Großteil der Arbeitsfläche ein. Sie gaben einen leichten Summton von sich, den er nicht zuordnen konnte. In einem Apparat erkannte er einen Samowar.
»Diese Geräte arbeiten mit magischer Energie.« Fräulein Fortunati ging die Reihe ab und erklärte: »Hiermit bereiten Sie Ihren Tee. Dort oben finden Sie die unterschiedlichen Sorten, der Wasserhahn ist dort in der Ecke. Dies hier ist recht ähnlich, es dient der Zubereitung verschiedener Kaffeesorten, falls Ihnen danach sein sollte. Daneben befindet sich der Brotröster – achten Sie nur gut auf Ihre Finger, wenn Sie das Brot herausholen.«
»Wir betreiben elektrische Geräte mit der Energie der Quelle? Ist das nicht recht profan? Und nicht gar verboten?«
»Verboten? Es ist gewiss verboten, diese Energie für schändliche Zwecke zu missbrauchen, weshalb wir sie vor der Welt geheimhalten. Aber wie eine Scheibe gerösteten Brotes und eine Tasse stärkenden Tees schändlich genannt werden können, will sich mir nicht erschließen, Professor Olivero. Doch ich kann Sie beruhigen: Wir hier dürfen alles nutzen, um unser Leben so angenehm wie möglich zu machen. Glauben Sie mir, Sie werden oft genug einen hohen Preis dafür zahlen, solchermaßen auserwählt zu sein.«
Olivero hatte sich über die Apparate gebeugt, sie genauestens untersucht und befühlt. Das Summen hatte seine Ursache in einer leichten Vibration. »Ich nehme an, das ist die Energie, die sich überträgt? Außerordentlich interessant will mir das erscheinen. In meiner Doktorarbeit zur Paranormalen Anatomie mache ich mir Gedanken um die Nutzung der Quelle als Heilmittel und man hat mir versichert, man sähe meinen Untersuchungen in dieser Richtung mit Spannung entgegen. Allein dieser Samowar bringt mich auf Ideen ... Ich muss sagen, eine äußerst stimulierende Wirkung hat diese Umgebung auf meine Hirnzellen. Äußerst stimulierend, wirklich – ja, du meine Güte, Fräulein Fortunati!«
Der Professor hatte sich aufgerichtet und starrte die Bibliothekarin an. Gut und gerne dreißig Jahre mochten von ihr abgefallen sein. Durch ihr silbergraues Haar webten sich nun einige kastanienbraune Strähnen, ihre braunen Augen waren größer und nur um Mund und Augen fältelte sich die Haut. Insgesamt mochte sie wohl fünf Zentimeter größer sein und sehr aufrecht hielt sie sich. Ihr eben noch so strenges Kleid erstrahlte pflaumenblau und statt des hohen Kragens zeigte sich ein kleiner, dreieckiger Ausschnitt, der mit elfenbeinfarbener Spitze eingefasst war.
Eine Frau um die fünfzig stand vor ihm, von durchaus einnehmendem Äußeren und einer respektgebietenden Würde. Olivero wusste nichts weiter zu tun, als Fräulein Fortunati mit einem dümmlichen Ausdruck anzugaffen. Die Dame jedoch schien seine Verwirrung nicht zu bemerken und unterwies ihn in aller Ruhe in der Kunst des Teekochens. Sie zählte ihm die unterschiedlichen Sorten Tee und Kaffee auf, ließ ihn schnuppern, erklärte die Handhabung all der Knöpfe und Hebel, zeigte ihm die Speisekammer mit dem Eisschrank – auch er summte magisch – und sogar einen weiteren Apparat, der in der Lage sein solle, Geschirr selbsttätig zu säubern. Sie lachte, nickte zum Buffetschrank hinüber. »Allerdings will mir scheinen, diese Erfindung sollte unbedingt verbessert werden. Sauber wird alles, das ist unbenommen. Doch nur selten bleibt das Material unbeschädigt. Aber Herr Inventoris besteht darauf, diese Maschine zu nutzen. Es vergeht kaum eine Woche, in der er nicht versucht, sie weiter zu entwickeln.«
»Herr Inventoris wurde mir als technischer Alleskönner angepriesen ...«
»Können kann er alles. Unbedingt. Aber im Vertrauen: Er kann nicht alles gleich gut. Diese Spülanlage gehört nicht zu seinen hervorragendsten Erfindungen, befürchte ich.«
»Und Herr Inventoris ist seit wann hier?« Sehr vorsichtig fragte der junge Mann nach; er wollte nicht noch einmal etwas Falsches oder gar Beleidigendes von sich geben. Oder beweisen, wie wenig er wusste von den Abläufen im Institut.
»Er wurde von Doktor Caroli berufen vor nun dreißig Jahren. Vermutlich wird er uns noch im Laufe dieses Jahres verlassen. Es ist nicht leicht, unter den möglichen Kandidaten den passenden zu finden.«
»Oh. Gut. Ich verstehe.« Olivero verstand es nicht wirklich. Mit aller Kraft bemühte er sich, eine gleichgültige Miene zu zeigen, so, als sei er es gewohnt, eine uralte Frau sich in eine junge Schönheit verwandeln zu sehen.
Mittlerweile war aus dem Pflaumenblau ihres Kleides ein mattes Rubinrot geworden, das ihrem zarten Teint schmeichelte. Etwa dreißig Jahre mochte Fräulein Fortunati nun sein. Und nicht ein einziges Mal schien die Sekretärin zu bemerken, was sich an ihr tat. In aller Ruhe füllte sie zwei Tassen mit dem frischgebrauten Tee, hatte auch zwei Scheiben Brot geröstet, alles auf ein Tablett geladen und dieses auf den langen Tisch gesetzt. »Bringen Sie doch bitte Teller und Besteck mit. Im Eisschrank müsste gesalzene Butter stehen.«
Glockenklar klang ihre Stimme durch den Raum und Archibald Olivero grinste womöglich noch alberner, als er es während der letzten halben Stunde getan hatte.
»Hinter Ihnen, das abgetrennte Räumchen, das ist die Speisekammer. Sie erinnern sich, Professor Olivero?«
»Hmm ja, natürlich, selbstverständlich. Gesalzene Butter, sehr gerne.«
»Wäre es Ihnen lieber, ich ginge noch einige Jährchen herunter? Vielleicht bevorzugen Sie es, mit einer Frau Ihres Alters zu arbeiten?«
»Bitte? Ich? Wieso? Ich weiß nicht -«
Wieder lachte sie. »Aber mein lieber Professor Olivero, denken Sie, mir ist es wichtig, wie ich aussehe? Derlei Eitelkeiten habe ich seit einigen Jahrhunderten hinter mir gelassen. Nahezu, ich sollte nicht lügen. Ich bin recht froh mit meinem Äußeren, aber ob zwanzig oder neunzig, ich selbst spüre keinen Unterschied. Doch es ist recht spürbar gewesen, wie anders Sie das empfinden.«
Archibald Olivero schluckte. Er hätte diese wollene Weste nicht anziehen sollen, viel zu heiß war es ja für dieses alberne Ding. Mit gesenktem Kopf setzte er sich der nun jungen Frau gegenüber – die wahrhaftig aussah, als sei sie einige Tage jünger als er selbst – und strich hektisch die Butter über Brotscheiben und Finger.
Lächelnd reichte sie ihm eine karierte Serviette. »Mein lieber Professor Olivero, wie ich sagte, Sie sind noch recht jung und unerfahren. Das wird sich ändern. Nun, lassen Sie uns unsere erste gemeinsame Mahlzeit genießen. Ich bin sicher, wir werden Freunde.«
Mit etwas geröteten Wangen und einem verdächtigen Glanz in den Augen blickte er sie an und fragte, ob sie das wirklich glaube.
Über das Beben seiner Stimme, über die zarte Andeutung seiner Schwärmerei ging sie hinweg, als bemerke sie sie nicht. »Aber sicher werden wir das. Seit ewigen Zeiten bin ich allen Leiterinnen und Leitern des Instituts eine gute Freundin gewesen. Manches Mal werde ich Sie streng zurechtweisen, Sie an Ihre Aufgaben erinnern, andere Male werden ich Sie ermuntern und trösten und oft werden wir so wie nun beieinander sitzen und einen Moment der Ruhe genießen.«
Der Professor begriff, verstand auch das Ungesagte. Freunde also. Mehr als nur Kollegen, aber niemals Liebende. Ganz, wie man es ihnen in Genf beigebracht hatte: Der Liebe würden nur wenige von ihnen begegnen und nur die wenigsten würden sie vermissen.
Archibald Anastasius Olivero aber vermisste die Liebe schon seit vielen Jahren und er weigerte sich, jede Hoffnung darauf aufzugeben. Er würde die Frau kennenlernen, der er alles würde anvertrauen können und dürfen, die ihn liebte und die er glücklicher machen würde, als es irgendeine Frau zu träumen wagte. Bestimmt!
Fräulein Fortunati hatte nett mit ihm geplaudert: über seine kulinarischen Vorlieben, seine Lieblingsbücher, sein Elternhaus. Jetzt stand sie auf und lud ihn ein, sich umzuschauen, ganz in seinem eigenen Tempo. Sie sei in der Bibliothek zu finden, sollte er Unterstützung benötigen.
Bevor Olivero noch hatte fragen können, wo die Bibliothek sei, war die Sekretärin entschwunden. Ein Weilchen blieb er hocken, dann bereitete er sich ein weiteres Brot zu; er hatte heute Morgen ja keinen Bissen herunter bekommen. Während er auf das Glöckchenläuten der Brotröstmaschine wartete, legte er erst den Gehrock, dann die Weste ab, hing beide sorgfältig über die Lehne eines Stuhls. Seine Hemdsärmel krempelte er auf und die Krawatte lockerte er. So fühlte er sich wohler, fühlte auch, nun passe er besser in dieses Palais. Was, wenn er es genau bedachte, doch seltsam war – müsste man in solch einem vornehmen Hause nicht den Wunsch verspüren, im Abendanzug oder gar in Kniebundhosen und Tunika umherzustolzieren?
Aber nicht um modische Eleganz ging es, sondern um die Arbeit, die er tatkräftig angehen wollte. Immer schon studierte es sich besser mit offenem Kragen und bequemen Hosen. So legte Olivero auch die Krawatte ab und öffnete drei Knöpfe, bevor er das Geschirr in das obskure Gerät packte und den Tisch abwischte.
Dann machte sich Archibald Anastasius Olivero an die Besichtigung seines neuen Heims. Er trat hinaus in die Eingangshalle und nahm nach wenigen Schritten auf einer der römischen Bänke Platz. Sein Puls ging rasend schnell, verdächtig nass fühlte er etwas über seine Wange laufen und seine Hände zitterten. Nun also war er hier an diesem Ort seiner Sehnsucht. Er durfte sich nach Herzenslust umsehen, jede Tür, jeden Schrank, jedes Kästchen öffnen. Alles hier stand zu seiner Verfügung, kein Geheimnis blieb ihm verschlossen. Wie er sich das gewünscht hatte! Und wie gespannt er war, was er finden würde!
So gespannt, so über alle Maßen erregt waren seine Nerven, dass er hier sitzen musste, bis er wieder Herr über Sinne wie Gliedmaßen wäre. Er lachte und gluckste. Hysterisch klang es in seinen Ohren, doch er konnte nicht aufhören zu kichern. Nicht zum ersten Mal stellte er sich – oder vielmehr den Ordnenden Mächten – die Frage, weshalb er und seine Mitschüler in Genf nahezu alles über das Netzwerk der Institute, über deren Ordnung und Aufgabe, über die Magischen Quellen und deren Verbindung zu den Häusern erfahren hatten, aber nicht einmal darüber informiert worden waren, wie diese Häuser aussahen, was und wen sie enthielten. All dies würden sie erfahren, sobald sie auf ihre Posten berufen würden, so hieß es.
Selbstverständlich hatten sie wissen wollen, weshalb sie so lange auf diese begehrten Antworten warten mussten, aber nicht einmal das hatte man ihnen erklärt. Geduld, so hatte man gepredigt, Geduld und Gelassenheit seien unbedingt zu erwerben, wolle man die verantwortungsvolle Aufgabe eines Tages erfolgreich ausführen. Nach dem ersten Schuljahr hatten sie alle sich damit zufriedengegeben.
Bis auf Archibald Anastasius. Der fragte weiterhin nach. Er fragte während der Geschichtsstunden und in den Pausen, er fragte beim Kampftraining an Seilen schwingend, er fragte den Hausmeister, die Schulleiterin und sein eigenes Spiegelbild. Kurz, er ging allen dermaßen auf die Nerven, dass er statt der üblichen zehn nur sechs Jahre in Genf verbrachte. Nun lag die Kürze seines Verweilens nicht alleine in seiner Fragerei; man hätte wohl Wege und Möglichkeiten gefunden, ihm diese auszutreiben. Aber da der junge Archibald sich mit unglaublicher Energie auf die Schulbücher stürzte, wie ein Besessener rannte, kletterte und schoss und all seine Arbeiten in der Hälfte der veranschlagten Zeit erledigte, blieb dem Lehrpersonal nichts anderes übrig, als ihn mit immer mehr und noch mehr Stoff zu versorgen. Als es in der Genfer Schule nichts mehr gab, was der Jüngling nicht schon wenigstens dreimal gelesen und bearbeitet hatte, entließ man ihn mit den besten Noten der Schulgeschichte und der Versicherung, er habe sich das Anrecht auf eine Stellung als Institutsleiter verdient. Man entließ ihn aber auch mit aufseufzender Erleichterung: Der Betrieb der Lehranstalt lief deutlich flüssiger ohne die Wissbegierde des klugen Archibald.
Und Archibald Anastasius verließ die Schule nicht ungern. Sicherlich, dort war er zum ersten Mal unter seinesgleichen gewesen, dort hatte kaum jemand sich über seine Zartheit oder seine schüchterne Wohlerzogenheit amüsiert. Er war aufgeblüht, hatte sogar Kameraden gefunden und ein Gefühl von Zugehörigkeit kennengelernt. Aber etwas fehlte ihm. All das Lernen war ihm zu wenig greifbar, zu wenig praktisch. Zwar hielt er sich für einen Theoretiker, doch für einen, der diese Theorie umgesetzt sehen wollte – es zog ihn hinaus in die Welt.
Dorthin zog es ihn nicht nur der Tatkraft wegen, sondern auch, weil er insgeheim hoffte, noch vor dem Eintritt ins Institut eine Ehefrau zu finden. Das hatte es durchaus gegeben: Direktoren und Direktorinnen, die mit Gattin oder Gemahl einzogen. Selten zwar, aber es war vorgekommen. Doch in dem einen Jahr, während dem Archibald Anastasius Olivero durch sein künftiges und die angrenzenden Arbeitsgebiete reiste, hatte es keine Frau gedrängt, die Seine zu werden. Er hatte sich einige Male verliebt, schwärmte mal für himmelblaue, dann für tiefschwarze Augen. Aber schnell hatte er sich eingestehen müssen, dass sein Gefühl für all diese reizenden Damen nie tiefer ging. Er erinnerte sich kaum ihrer Namen, sobald er sie verlassen hatte – es war allein sein Wunsch nach einer Gefährtin, der ihn zu übereilten Anträgen verleitete.
Und zu überstürzten Abreisen aus Städten, die er sich gerne genauer angesehen hätte. So floh er beispielsweise aus Rom an die Ufer der Insel Rhodos, von wo aus er liebeswund nach Transsylvanien aufbrach. Auch dort verweilte er nicht allzu lang, doch trockneten seine Tränen, noch bevor er in Prag eintraf. Hier packte er seinen Koffer nach vier Tagen schon wieder ein, stieg auf der langen Fahrt nach Moskau gar auf eine klapprige Pferdekarre um, da er es sich mit einer Dame in seinem Zugabteil verscherzt hatte, und gelangte erst Wochen später in Petersburg zur Ruhe – dort lag er mit einer Influenza darnieder und lernte daher kein Fräulein kennen, das ihn zu einer Flucht hätte veranlassen können. Danach ging es über Warschau nach Wien, von dort über die Schweiz nach Dijon, Bordeaux und weiter nach Barcelona und Lissabon, wo er ein Schiff bestieg, das ihn - fort von all den Abweisungen - an die Küste Anglias brachte. Er verliebte sich nacheinander in eine Irin, eine Engländerin, eine Waliserin und eine Schottin, flüchtete über den Kanal in die Arme einer liebenswürdigen Flämin, die ihn beinahe erhört hätte, wäre er nur entschiedener aufgetreten, und kehrte heim nach Bonn, restlos erschöpft und entmutigt.
Hier wohnte er zunächst auf einige Wochen bei seinen Eltern, bevor er sich ein Zimmer bei einer Wirtin suchte. Er war eben im Begriffe gewesen, eine weitere Reise zu planen, hatte eben einen Antrag an die Ordnenden Mächte verfasst, als er in Trance verfiel und die Nachricht eben jener Obrigkeit erhielt, seine Zeit sei gekommen.
Das war vor zwei Tagen gewesen und diese achtundvierzig Stunden hatte er genutzt, sich erneut von seinen Eltern zu verabschieden, die übrigens keine Kenntnis davon hatten, was er tat oder wo er während der letzten Jahre unterrichtet wurde. Während manche Eltern der Genfer Schüler Bescheid wussten, hatte man die Oliveros für nicht geeignet gehalten, eine solche Wahrheit zu verstehen und zu verschweigen. Ein kleiner Erinnerungszauber, ein amtlicher Brief eines Hochbegabteninternats und schon waren sie es zufrieden gewesen, ihr einziges Kind in die Obhut Fremder zu übergeben. Archibald nahm ihnen nicht übel, dass sie dem Zauber nicht widerstanden. Er verübelte ihnen, dass es diesen Zauber nicht gebraucht hätte, um sie zu überzeugen. Ein kühler Abschied war es gewesen.
Und jetzt also saß er hier auf der römischen Bank und musste sich beruhigen, um sein Institut erforschen zu können. Tief atmete er ein und stand mit so viel Schwung auf, dass es ihn zwei Schritte weit voran schleuderte und er sich eben noch auf den Füßen halten konnte. Verlegen sah er um sich, ob jemand sein kindisches Verhalten mitbekommen hatte. Er strich sich über den Scheitel, hüstelte und drückte die Klinke der mittleren Tür herunter, auf der in goldenen Lettern Consilium geschrieben stand.
In der Tat lud der Raum dazu ein, sich in langen Beratungen und Debatten zu ergehen: Schwere Samtportieren schlossen allzu grelles Tageslicht aus und kostbare Läufer über dicken Teppichen dämmten jedes Geräusch. Zwei tiefe Ledersofas standen über Eck vor einem Kamin, zwischen ihnen ein niedriger Tisch mit einigen Karaffen edler Tropfen. In der linken Hälfte des Raums befand sich ein ähnlich wuchtiger Tisch wie im Gemeinschaftsraum, jedoch mahnte dieser an Arbeit. Die Stühle waren hochlehnig, geradlinig, streng – doch gut gepolstert, was Olivero grinsen ließ. Ein Schrank zog sich über die gesamte Breite der Wand. Aktenordner, Bücher, Schreibzeug, Locher, Briefmesser und ähnliche Dinge fanden sich dort. Aber vor allem ein Apparat, der ihn außerordentlich interessierte.
Schon zog er das Gerät aus dem Schrank und stellte es vor sich auf den Tisch. Aus Kupfer, Bronze und Melamin hatte der Erfinder – vermutlich Herr Inventoris – einen Aufsatz gebaut, der nun auf einer besonders fein gearbeiteten Schreibmaschine saß und mit deren Walze durch Eisendrähte verbunden war. Zu was der Aufsatz diente, war Olivero nicht ersichtlich. Er suchte in den Schubladen von Tisch und Schrank nach Papier, fand es und spannte einen Bogen ein. Dann tippte er mit den Zeigefingern seinen Namen. Nichts geschah. Er tippte den Namen des Instituts, tippte einen Satz über das herrliche Wetter. Doch nichts passierte.
Enttäuscht erhob er sich, erinnerte sich daran, er wolle keine Zeit mit Dingen vertun, die sich ihm nicht offenbarten, sondern das Haus entdecken. Doch noch im Hinausgehen warf er der Schreibmaschine einen Blick zu, als verweigere sie sich ihm aus purer Bosheit.
Über die Halle hinweg schritt er zur ersten Tür der linken Seite. Das Gefühl der Enttäuschung verflüchtigte sich, als er seinen eigenen Namen auf dieser Tür prangen sah:
Bureau
Professor Doktor Archibald Anastasius Olivero
Direktor des Instituts Für Fantastik
Sehr stolz machte ihn das, wenn auch ein kleines Stimmchen in ihm höhnte, die Tür sei doch wohl zu schmal für die vielen Buchstaben und es wirke ausgesprochen eingebildet, sich solchermaßen zu präsentieren. Ja, er würde Fräulein Fortunati mitteilen, ein einfaches A. A. Olivero reiche vollends aus. Das wäre doch wohl ein Zeichen von Souveränität. Ein wenig bedauernd blickte er auf das pompöse Schild, als es sich vor seinen Augen verwandelte in eben jenes bescheidene A. A. Olivero. Das war ja ...
Nun, so verwunderlich in einem Haus voller Magie doch wohl nicht, oder? Wieder sah der junge Mann sich um, ob er wohl jemanden mit seiner Naivität amüsierte. Doch niemand verlachte ihn, niemand beobachtete ihn. Überhaupt fiel ihm nun erst auf, wie still es hier war. Nicht nur, dass von der Stadt nichts hereindrang, obwohl doch wenige Meter weiter spielende Kinder über die Kieswege tobten, ältere Herren über Politik sich ereiferten und liebenswürdige Fräulein von ihren Galanen schwärmten – nein, auch im Institut herrschte absolute Stille: Kein Klappern von Kupferkesseln, keine Klaviermusik, keine Kakophonie des Kreischens, Klagens und Klopfens wie er es von seinem Elternhaus gewohnt war. Stille, unglaubliche, herrliche, wohltuende Stille! Archibald Olivero verharrte einen Moment lang in diesem seligen Glück, dann endlich besah er sich sein Büro. Und noch glücklicher strahlte er, ja, die Freude schien ihm wie tausend kleine Ameisen über Arme, Beine und Leib zu laufen. Wer immer diesen Raum eingerichtet hatte, meinte es sehr gut mit ihm!
Unter den vier über Eck liegenden Fenstern – die auf den Schlosspark einerseits und zum Alten Zoll andererseits zeigten – zogen sich hüfthohe Labortische und -schränke, auf denen sich jene Versuchsanlage befand, die doch eigentlich in seinem Jugendzimmer vor sich hinstauben müsste. Olivero griff nach einem Reagenzglas, einer Schale, einem Zylinderkolben – sein Name war auf allen eingraviert. Die Eltern hatten ihm dieses Geschenk einst zu Weihnachten überreicht, weil sie fanden, es mache etwas her und beeindrucke die anwesenden Freunde. Mit der übergroßen Freude ihres Sohnes hatten sie nicht gerechnet.
Wie aber kam die Anlage hierher? Dazu so strahlend frisch und sauber? Und perfekt ergänzt noch dazu. Begeistert überprüfte er jedes Teil der Laborausstattung und dankte dem Schicksal, das ihn an diesen Platz gebracht hatte. An einen Platz, wo jemand ihn offenbar gut genug kannte, um ein solches Zimmer ebenso einzurichten, wie er selbst es getan hätte, erhielte er nur die Gelegenheit dazu.
In der gegenüberliegenden Ecke standen ein Bücherregal – das selbstverständlich all seine Lehr-, Fach- und Schulbücher enthielt – und ein Schreibtisch samt einem Arbeitsstuhl auf Rollen. Einen solchen hatte er sich immer schon gewünscht und ohne Zögern warf er sich hinein, stieß sich mit Schwung ab und rollte jauchzend vom Schreibtisch bis an sein Labor heran, wo er mit ausgestreckten Händen abstoppte und dann vier oder fünf oder ein dutzend Mal im Kreis herum schwang, was ihm mehr Spaß bereitete, als es jedes Kinderkarussell jemals vermocht hatte.
Zurück rollte er an den Schreibtisch, strich voller Genuss über die glatt polierte Platte, bewunderte das Schreibnecessaire, den Löscher, das Briefmesser, erfreute sich an der Statue der ägyptischen Katzengöttin Bastet (die er allabendlich in seine meist sehr kurzen Gebete einschloss) und öffnete jede Schublade. Dort fand er genau das vor, was er in jedem Fach erwartet hatte: Umschläge und Briefbögen, Notizblöcke und Arbeitshefte, Radiergummis in allen möglichen Farben und sogar Büroklammern in einer optimierten Form, die man von der Anderen Welt übernommen hatte.
Nun untersuchte Archibald den Aufsatz des Tisches und hoffte sehr auf ein Geheimfach, wenn er auch wusste, in diesem Hause würde er nichts verstecken müssen. Und wohl auch nicht verstecken können. Fräulein Fortunati entginge kaum etwas, das hatte er gleich begriffen. Dennoch zog er die Schubladen heraus und klopfte an den Innenwänden. Und noch einmal jauchzte er, drehte sich auf seinem Stuhl und lachte, wie er es als kleiner Junge schon hätte tun sollen: Ein Fach hatte sich geöffnet, so geheim, wie er es sich nur wünschen konnte. Und was hatte er darin gefunden? Zwei Päckchen. Eines gefüllt mit holländischen Salzlakritzen, eines mit Weingummi aus Anglia - nichts naschte er lieber und sogleich schob er sich einen roten Gummidrops in den Mund. Es wunderte ihn nicht, dass er besser schmeckte als alle roten Gummidrops zuvor. Archibald Anastasius war im Himmel! Ein Lakritz gönnte er sich noch, dann verließ er sein Arbeitszimmer, das ihm schon jetzt Zuhause war.
Der Raum neben seinem gehörte Herrn Inventoris, so vermeldeten die goldenen Lettern an der zweiten Tür. Artig klopfte der Professor an und öffnete behutsam, nachdem er keine Antwort erhielt.
»Oha! Na also! Das ist ja – ja, das ist ja sensationell-großartig-elefantös!«, rief er, während er sich nicht entscheiden konnte, wohin er schauen sollte.
Ein grober Arbeitstisch stand in der Mitte der Werkstatt, die sich unglaublich ausdehnte in jede Richtung: Sicherlich fünf oder sechs Meter hoch reichte die Decke und das Fenster befand sich bestimmt gute zehn Meter entfernt von der Tür. Was absolut unmöglich war!
Archibald Olivero lief zurück in sein Büro, schätzte die Entfernung zum Fenster auf etwa fünf Meter, rannte dann zur dritten Tür, öffnete diese, schaute mit Wohlgefallen in ein hellgelb-weiß gehaltenes Speisezimmer, eilte hinaus zur Treppe, sah hinauf in den nächsten Stock, der maximal drei Meter von ihm entfernt war und dessen Boden solide zu sein schien. Wie zum Teufel konnte die Werkstatt des Erfinders bald so groß sein wie das halbe Gebäude, obwohl sie von soliden Mauern umgeben war, die keineswegs so viel Platz boten? Der Professor flitzte in das Speisezimmer zurück - das ihm wirklich außerordentlich gefiel -, öffnete dort das seitliche Fenster, lehnte sich hinaus und inspizierte die Außenwand. Doch keinen Anbau gab es, der dem Werkraum zusätzlichen Platz verschafft hätte. Ach, es war großartig, absolut großartig: Magie überall! Sinnvoll und nützlich angewandt! Oliveros Lachmuskeln schmerzten bereits, so wenig konnte er seine Freude zügeln. Und wie er nun strahlte und lächelte, so hätte er wohl das Herz mancher der jungen Damen erweichen können, die er im jugendlichen Leichtsinn um ihre Hand gebeten hatte. Es war ein Glück, dass es anders kam, denn keine von ihnen hätte hierher gepasst.
Zurück in der Werkstatt nun nahm er alles in Augenschein, konnte sich gar nicht sattsehen: Der dunkle Fliesenboden zeigte Kleckser von Farben und Leim, war überzogen von Kratzern und Rissen, schimmerte rau und glänzend zugleich von den Jahrhunderten, die wortwörtlich über ihn hinweggegangen waren. Die solide gezimmerten Schränke und Regale waren schmucklos, aber stark genug, um die Unmenge an Kisten und Kästen und Körbe zu tragen, die voll waren mit allem, was ein Erfinder brauchte. Da waren Nägel und Klammern und Seile und Bänder und Schrauben und Zahnräder und Scharniere und Federn und Zwingen. Da gab es Melamingriffe, Porzellanknäufe, Metallklinken. Es lagerten Bohlen und Bretter, Rohre und Ringe, Schiefer und -
Schnee! Wahrhaftig eisiger, knirschender Schnee! Archibald streckte seine Hände hinein, wühlte in der weißen Pracht, formte einen Schneeball, einen zweiten, einen dritten und jonglierte diese mit außerordentlichem Geschick einige Male über seinen Kopf hinweg, bevor er sie zu einem Schneemännchen auftürmte und diesen mit einem Hut aus zwei ineinandergesteckten Schrauben verzierte.
In einer weiteren Ecke standen Fässer voller Torf und Teer und Kies und Kalkstein. Aufgereiht an Schnüren hingen Glaskugeln, Magnete und Ringsteine. Die Werkbank unter dem Fenster bog sich fast unter all den Schraubenschlüsseln, Hämmern, Scheren und Bohrern. An den wenigen freien Stellen Wand hingen Entwürfe, die von abenteuerlichen Ideen Zeugnis ablegten.
Am allerbesten aber war der mechanische Kupfervogel, der unter der hohen Decke an Drähten befestigt schwebte. Auch er summte das magische Summen und bewegte leicht seine Flügel, so, als ob er das Fliegen erlerne. Als Olivero hinaufblickte, neigte der Vogel seinen Kopf und nickte dem Professor zu. Der erschrak: Steckte denn Leben in diesem Wesen? Er blickte hinter sich, dann rief er hinauf: »Guten Tag, ich bin der neue Direktor dieses Instituts. Du kannst mich wohl hören?«
»Wenn Sie das möchten.« Der Schnabel quietschte, die Stimme knarrte metallisch.
»Ich werde es mir überlegen, vielen Dank.« Wenn er das wollte? Olivero verbeugte sich, obwohl es ihm albern vorkam, sich vor einem mechanischen Gerät zu verbeugen, und verließ die Werkstatt. Es war ganz erstaunlich, was er in Genf alles nicht gelernt hatte. Da war nie die Rede von Automaten gewesen, die eigenständig handelten. Überhaupt waren technische Entwicklungen nur selten ein Unterrichtsthema gewesen. Tradition hatte man großgeschrieben und oft darauf verwiesen, wohin die ungezügelte Entwicklung aller Ideen die Andere Welt gebracht hatte.
Hinauf in die zweite Etage stieg Olivero nun. Hier gab es keine großzügige Halle, keine acht Türen. Vom obersten Absatz aus führte sowohl links wie auch rechts der Treppe ein schmaler Flur zum Aufstieg in den dritten Stock. Vor ihm erhob sich eine Milchglaswand mit einer Doppeltür, durch die es in einen Wintergarten mit Balkon ging, so breit, wie es die Treppe mit den beiden Fluren war. Exotische wie einheimische Pflanzen wuchsen hier wohlgeordnet in weißen Keramiktöpfen. Dazwischen luden bequeme, mit Kissen versehene Korbmöbel zu einer Ruhepause ein. Sogar ein winziger Brunnen sprudelte. Doch den Wintergarten betrat Olivero noch nicht; er wandte sich in den Gang linker Hand, an dessen Ende eine Tür darauf wartete, geöffnet zu werden. Archiv stand darauf.
Und welch ein Archiv war es, das sich vor ihm auftat. Es nahm fast die Hälfte der Etage ein und vom Boden bis zur Decke stand Regal neben Regal, Reihe hinter Reihe. Die Gänge dazwischen waren eng, aber dennoch erschien der Saal hell und luftig und das nicht nur wegen der acht Fenster, die ebenfalls von Regalwänden umrahmt waren. Das Licht schien aus dem Raum selbst zu kommen, obwohl keine Lichtquelle zu entdecken war. Und kein Schatten. Weder die Regale noch Olivero selbst warfen einen Schatten.
Er zählte nach. Auf einem Regalbrett standen jeweils zwanzig Ordner, sechs Bretter waren es pro Regal, zehn Regale standen jeweils Rücken an Rücken in jedem Gang. Zehn solcher Gänge waren es, formiert in einundzwanzig quadratische Einheiten. Dem Professor schwindelte es und er hoffte sehr, dass das Nachlesen all dieser Akten nicht zu seinen Aufgaben gehörte: 25.200 Ordner, die vollgestopft waren mit den Annalen des Instituts, würden ihn ein Leben lang beschäftigen. Voller Ehrfurcht wanderte er durch die Reihen, las auf den mitunter verblassten Rückenschildern Jahre und Ereignisse ab.
Auf den letzten Metern musste er seine Berechnung um etwa die Hälfte korrigieren, denn hier nun lagerten Artefakte aus den unterschiedlichsten Epochen, immer versehen mit einem Schildchen, das Herkunft, Alter und Bedeutung erklärte. Vieles stammte aus Schenkungen anderer Institute wie beispielsweise ein vergoldetes Szepter, dessen Kopf der ägyptische Horus bildete – es diente der Fluchabwehr. Daneben lag eine Art Sieb, das den Transport Heiligen Wassers ermöglichen solle und von der Insel Avalon stammte.
Es war dies nun eine Abteilung, mit der Olivero sich schwertat: Die zauberische Kraft solcher Artefakte schien ihm meist mehr Aberglaube als fundiert beweisbare Tatsache. Selbstverständlich gab es Magie und sie war mächtig. Aber wie ein lebloser Gegenstand diese Magie speichern und verwenden sollte, das wollte sein Verstand nicht fassen. Nicht, dass er dafür noch keine Beweise erhalten hatte – er glaubte nur nicht, dass all diese Gegenstände den Aufwand wert waren, mit dem sie gesucht, geraubt und bewahrt wurden. Für sinnvoller hielt er es, sich mehr dem Studium der Magie zu widmen als der Suche nach dem Heiligen Gral. Der sich am Ende übrigens als recht nutzloses Ding erwiesen hatte.
Eine zierlich gearbeitete Nadel aus Messing nahm er auf und hätte sie beinahe fallen lassen, als diese sich aufrichtete und aus dem Nichts einen goldenen Faden produzierte, der in rasender Schnelle zu einem Knäuel heranwuchs. Rasch legte er das Werkzeug beiseite, das seine Tätigkeit sogleich einstellte. Das goldene Knäuel steckte er in seine Hosentasche und hoffte, es habe keine schädliche Wirkung auf – nun, auf seinen Wunsch nach einer Familie. Er hüstelte.
Am Ende des Saales war ein zur Hälfte verglastes Kontor abgeteilt – die Heimstatt des Herrn Custodis. Aber wie schon Herr Inventoris hielt sich auch der Archivar nicht in seinen Räumen auf. Olivero kam auf den Gedanken, man habe ihm womöglich die Gelegenheit bieten wollen, sich ungestört umsehen zu können. Wieder strahlte er; das Arbeiten und Leben hier würde ihm täglich Freude und Genugtuung sein.
Mit dem nötigen Respekt vor dem Arbeitsbereich eines Kollegen betrat der Professor das Kontor. Das Mobiliar war zweckmäßig, hell und sauber. Die Schreibutensilien, ein Kalender, ein Verzeichnis und eine Vase mit Gänseblümchen standen aneinander ausgerichtet auf dem Sekretär, der Arbeitsstuhl im rechten Winkel dazu. Ordnung schien dem Archivar äußerst wichtig zu sein. Allein das Biedermeiersofa - Kirschholz, bezogen mit weinrot-creme-gestreiftem Damast – sprach von des Herrn zweiter Vorliebe, so vermutete Olivero: Drei weiche Kissen hatte der in die eine Ecke gestopft und auf der gegenüberliegenden Lehne war der edle Stoff fadenscheinig. Der Leiter des Archivs hielt hier wohl gerne ein Schläfchen, die Beine über die Lehne baumelnd. Archibald Olivero dachte an seine Mutter und wie sie ein solches Verhalten schelten würde.
Ja, dieser Herr Custodis war ihm nun schon sympathisch.
Er verließ dessen Büro durch den Wintergarten, wo er auf den Balkon trat und zum Siebengebirge schaute. Wie der Rhein so blaugrün schimmerte im hellen Sonnenschein, wie lieblich die Hügel herübergrüßten, wie heiter das Gelächter der Kinder heraufschallte von der Promenade – hach, es berührte ihn, als sei er bereits einhundertundzwölf Jahre alt und blicke zurück auf seine lang vergangene Jugend. Ähnlich sentimental hatte er am Genfer See gestanden, was seinen Schulkameraden Sören Axel Borjeson stets zu Neckereien veranlasst hatte. Neckereien – es waren schon eher Sticheleien und kleine Gemeinheiten gewesen. Sören war Oliveros Wurm im Genfer Apfel, die Schlange im Paradies. Von Anfang an hatte der sich mit Archibald verglichen, ihn ständig zu übertrumpfen gesucht, ihn herausgefordert, wollte sich mit ihm messen, obwohl er ihm doch Jahre voraus war.
Leistungen erbringen, um sich damit klüger, schneller, stärker als andere zu erweisen, das war Archibalds Ding nicht. Es hatte ihn nicht ein einziges Mal gestört, dass Sören schneller rannte, weiter warf, besser mit Degen und Säbel umgehen konnte als er. Es machte ihn auch nicht stolzer, dafür besser rechnen oder fehlerfreier schreiben zu können; Talente waren nun einmal recht unterschiedlich verteilt und sie alle waren ja aus dem einen Grund in Genf, der sie doch einen sollte: Sie brachten mit, was es brauchte, die Welt auf ihrem guten Weg zu halten.
Sören! An den wollte Olivero nun nicht denken, mit dem würde er noch früh genug zu tun haben. Bei der nächsten Traumkonferenz auf jeden Fall, in der sie beide als neue Institutsleiter vorgestellt werden würden. Er selbst für den Magischen Bereich westliches Europa, Sören für Scandinavia. Und bis dahin konnte ihm der ehemalige Kamerad gestohlen bleiben!
Archibald Olivero reckte sich, sog die gute Rheinluft ein und spazierte durch den Wintergarten in ein Kontor, das unschwer als dasjenige Fräulein Fortunatis zu erkennen war. Ein Strauß weißer Lilien stand auf einem zierlichen Sekretär, der ebenso weiß lackiert war wie alles in diesem Raum: das Parkett, die beiden verglasten Bücherschränke, die nilgrün bezogene Chaiselongue und sogar der rollbare Arbeitsstuhl. Die Vorhänge, die Kissen, die Vase, das Teegeschirr, selbst ihr Federhalter und die Aktenordner - sie alle leuchteten in verschiedenen Nuancen des matten Blaugrüntons, der schon die Eingangshalle schmückte. Ein zarter Duft von Lavendel und Zitronenmelisse sorgte für eine noch harmonischere Atmosphäre.
Er verweilte nicht lange, hatte zu sehr den Eindruck, er störe die weibliche Note. In die Bibliothek begab er sich, die ebenso groß war wie das Archiv. Doch wo dieses hell war, senkte sich hier angenehme Dämmerung über die Bücherschränke. Walnussholz hatte man für diese und das Parkett verwendet und fast vermeinte Olivero, einen Hauch von Nugat, Marzipan, Vanille und Zimt zu erschnuppern. Nahezu weihnachtlich-feierlich war es ihm zumute, als er über die knarrenden Bohlen schritt. Die Schränke liefen ringsum an den fensterlosen Wänden entlang; Schieberegale in zwei Reihen waren davor angeordnet; sie liefen in oben und unten befestigten Schienen.
