Ausgeliefert - Jane Breslin - E-Book

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Jane Breslin

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Beschreibung

… Im Spiegel beobachtet sie seine Hand, die in tastenden Bewegungen über ihren schwarzen Slip gleitet. Wie gebannt starrt sie auf seine Finger, spürt, wie sich der Druck auf dem zarten Stoff verstärkt und drängender wird. Vor Erregung zieht sie scharf die Luft ein, als sie seine Erektion bemerkt. Sie hält den Atem an – sein Finger hakt sich hinter ihren Slip und zieht ihn nun zur Seite. Sanft und zärtlich liebkosen seine Fingerspitzen ihre Schamlippen, ertasten ihre Perle und stimulieren sie mit langsamen kreisenden Bewegungen. Den Kopf vor Lust zurückgeworfen und die Augen geschlossen, entweicht ein lautes kehliges Stöhnen ihrem geöffneten Mund. Ein kurzer Ruck, und das hauchdünne Spitzengewebe ihres schwarzen Slips ist zerrissen. Erschauernd spürt sie seinen heißen Atem zwischen ihren weit geöffneten Schenkeln …

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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Die Handlung und die handelnden Personen sowie Institutionen sind frei erfunden.Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen ist zufällig.

Prolog

Wie in Trance blickte er auf den Film, den er sich vor zehn Minuten eingelegt hatte. Unbewegt starrte er auf die verrenkten Glieder – ein wirres Durcheinander von Armen und Beinen, Lustschreie und Stöhnen, die ihn heute kalt ließen.

»Ja, ja, gib’s mir, tiefer, ja, ah, härter!«

Wie oft hatte ihn das schon erregt. Jedes Mal hatte er bei diesem Film sofort einen Steifen bekommen, schon nach Sekunden abgespritzt …

Doch heute blieb sein Penis schlaff und hing wie eine dicke Schlange auf dem Oberschenkel. Er spulte den Film weiter vor … die gefesselte Frau wurde von den zwei tätowierten Kerlen gleichzeitig vergewaltigt. An dieser Stelle war er bisher immer gekommen. Die klobige Hand hielt seinen Schwanz eng umschlossen, doch nichts rührte sich.

Sein Blick wanderte zum Fenster. Vor sich sah er die letzte Frau, die er sich genommen und ausgelöscht hatte. Kurz hatte er daran gedacht, es bei dieser einmal umgekehrt zu machen. Jetzt konnte er sich nicht daran erinnern, warum er diese reizvolle Idee nicht umgesetzt hatte – erst abstechen, dann in den noch warmen Körper eindringen.

Aber als die blonde Frau wehrlos und schlaff unter ihm

gelegen hatte und er seinen Schwanz in sie hineinrammte, waren alle Pläne vergessen.

Auf dem Bildschirm in der hinteren Ecke seines kleinen Zimmers quälten sich noch immer die Pornodarsteller, doch er sah nur die Bilder seines letzten Opfers vor sich.

Die prallen weißen Schenkel, den runden Bauch, die riesigen Brüste, die geile dunkle Öffnung zwischen ihren Beinen … der Stich in die Brust! Sie hatte kaum gezuckt. Dunkelrot sickerte das Blut aus der Wunde. Wie gerne hätte er über ihr abgespritzt, ihren Lebenssaft mit seiner Wichse vermischt. Aber er war ja nicht blöd, Spuren wollte er nicht hinterlassen!

Die Schlange auf seinem Oberschenkel erwachte jetzt endlich zum Leben. Er kam! Wie ein Vulkan brach es aus ihm heraus und die Bilder der Frau in seinem Kopf schossen wie in einem Kaleidoskop in tausend Farben und Formen durch sein Hirn.

Er wischte seine Hand an dem herunterhängenden Zipfel der Tischdecke ab und schaltete den DVD-Player aus.

In der Küche holte er sich ein Bier aus dem Kühlschrank, ließ sich wieder schwer in den Sessel fallen und leerte die Flasche in einem Zug.

Eine Zeit lang saß er so da, bewegungslos. Etwas Neues, tief in seinem Innern begann, in ihm zu brennen. Er kannte das Gefühl, diese Vorfreude auf eine Frau, die er sich aussuchen und bestrafen würde – weil sie es nicht anders verdiente.

Kapitel 1

»Reich mir bitte mal die Butter rüber.«

»Was?«

»Gib mir bitte die Butter und hör doch auf zu lesen, wenn wir frühstücken!«

Richard schreckte von der Zeitung auf und schob sich die dunkle Hornbrille hoch.

»Wart doch mal, das wird dich auch interessieren. Sie haben schon wieder eine Frauenleiche gefunden. Diesmal direkt an der Elbe, im Gestrüpp gleich hinter dem Blauen Wunder.

»Du meine Güte, schon wieder? Das ist doch schon die dritte, oder?«, fragte seine Frau Carla.

»Ja, ich glaube schon, Moment, ich lese noch mal genau durch. Also, hier steht:

Sexbestie hat wieder zugeschlagen

Grausiger Fund am Elbufer in Striesen. Eine Frauenleiche, verschnürt in einem blauen Plastiksack, wurde gestern Morgen um 9:00 Uhr von einem Angler unmittelbar an der Elbe nur wenige Meter vom Blauen Wunder entdeckt. Nach Polizeiangaben lassen sowohl die Art der tödlichen Stichverletzung als auch die Vergewaltigungsspuren den Schluss zu, dass es sich um einen Serienkiller handelt, der auch in den vergangenen Monaten schon zweimal zugeschlagen hat. Das jüngste Opfer ist Maria K. (45) aus Alttolkewitz. Sie hinterlässt zwei Kinder …

Richard griff nach der Teetasse und nahm schlürfend einen Schluck. Carlas Blick fiel auf seinen Adamsapfel. Der hüpfte auf und ab. Ein dumpfes Gluckern drang aus seiner Kehle.

»Ich verstehe nicht, wieso die Polizei nicht weiterkommt.« Carla unterstrich ihre Feststellung mit einer heftigen Geste der rechten Hand. »Heutzutage gibt es doch so viele Möglichkeiten. Der muss doch bestimmt irgendwelche Spuren hinterlassen haben und ich denke, mit der Gentechnik und so weiter müssen sie doch irgendetwas herausfinden können.«

Bevor Richard antworten konnte, fuhr sie nachdenklich fort.

»Die Kinder … denk doch nur mal an die Kinder der armen Frauen! Plötzlich ist die Mutter weg und dann noch auf so eine furchtbare Art und Weise. Ob die das überhaupt verarbeiten und irgendwann normal weiterleben können …?«

Nachdenklich biss sie von ihrem Brötchen ab.

»Wahrscheinlich haben die Kinder einen derartigen Schock bekommen, dass sie ihn niemals überwinden können. Oder?«

Gedankenverloren wischte sie sich die Marmelade weg, die sich in ihrem Mundwinkel gesammelt hatte.

»Soll ich weiterlesen?«, Richard blickte von der Zeitung auf.

»Ja. Steht da auch noch etwas über die anderen Frauen?«

Carla konzentrierte sich wieder ganz auf ihren Mann, der die Brille erneut zurechtrückte und einen Moment versuchte, die Zeile wiederzufinden, bei der er mit dem Lesen aufgehört hatte.

Das erste Opfer war die arbeitslose Ines H. (51) aus der Südvorstadt. Sie wurde vor sieben Monaten im Keller eines Abbruchhauses in der Rosenthalstraße von einem Obdachlosen gefunden, nackt und in einem blauen Plastiksack verschnürt. Am 28. Juni entdeckte der Mitarbeiter eines Supermarktes an der Pfotenhauer Straße in einem Abfallcontainer im Hinterhof die nächste Leiche. Magdalena R. (39) aus Tolkewitz lag völlig unbekleidet in einem blauen Müllsack zwischen Gemüseabfällen.

Nach dem zweiten Leichenfund wurde eine 25-köpfige ›SOKO Müllsack‹ eingerichtet. Ihr Leiter, Hauptkommissar Erwin Pötzsch, musste gestern gegenüber der Sächsischen Zeitung einräumen, dass es bisher noch keine verwertbaren Spuren gibt. Allen Hinweisen – und mögen sie auch noch so unbedeutend erscheinen – werde intensiv nachgegangen.

Richard löste seinen Blick von dem Tagesblatt und sah zu seiner Frau auf. Die Brille war wieder tiefer auf die Nase gerutscht. Er schenkte sich eine weitere Tasse Tee ein.

»Lass mich mal gucken«, Carla griff nach der Zeitung.

Es gelang ihm gerade noch, den Sportteil festzuhalten, um sich gleich in den Bericht über das letzte Dynamo-Auswärtsspiel zu vertiefen.

Carla starrte auf die Fotos, auf denen die Fundorte der Leichen und die Bilder der toten Frauen zu sehen waren.

Sie las den gesamten Artikel noch einmal durch und legte ihn dann beiseite. Ihr Kaffee, im Gegensatz zu Richard hasste sie Tee, war mittlerweile lauwarm geworden. Ein bohrender Kopfschmerz, der sich vom Nacken bis zur Stirn hinzog, quälte sie. Um die Verspannungen im Nacken zu lösen, drehte sie den Kopf von der einen auf die andere Seite. Dann stand sie auf, ging in die Küche und machte sich einen frischen Cappuccino mit der neuen italienischen Espressomaschine – Richards Geburtstagsgeschenk.

»Der Täter kommt bestimmt aus Dresden. Hoffentlich erwischen sie das Schwein bald, der hört nicht auf!«, rief sie ihrem Mann aus der Küche zu und schüttelte mit Nachdruck ihren Kopf.

Richard blickte geistesabwesend von seinem Sportteil hoch und brummte. »Hm, wahrscheinlich. Also wahrscheinlich nicht, meine ich. Übrigens, überleg doch mal, was du für das Wochenende brauchst. Ich fahre gleich zum Einkaufen. Kommen eigentlich die Kinder morgen zum Essen?«

»Ich weiß nicht genau. Zumindest Helene hat schon zugesagt. Was mit Lisai ist, kann ich nicht sagen. Sie wollte noch Bescheid geben.«

»Du kannst ja etwas machen, wobei es auf eine Person mehr oder weniger nicht ankommt, oder?«

Sie seufzte. Ihre Töchter waren beide erklärte Vegetarier und ihr Mann ausgesprochener Liebhaber deftiger Speisen, deren Hauptbestandteil ein saftiges Stück Fleisch zu sein hatte.

Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie ihre Töchter angeekelt den Mund verziehen würden, sobald sie Fleisch auch nur erblickten.

Sie ging mit ihrem Cappuccino ins Esszimmer zurück und blickte in das fragende Gesicht ihres Mannes.

»Ich hab überhaupt keine Lust, mir zu überlegen, was ich zu essen machen soll. Am besten für jeden ein unterschiedliches Gericht. Für den einen Fisch, für den anderen Gemüse, der Nächste will ein halbes Schwein …!« Sie knallte die Tasse auf den Tisch und rührte sie heftig um.

Richard setzte eine beschwichtigende Miene auf und entgegnete: »Mach dir mal um Helene und Lisai keine Sorgen, ich werde schon etwas Passendes für unsere beiden Laubfrösche finden.«

Er holte sich einen Kuli und einen der alten Briefumschläge, die er immer als Einkaufszettel benutzte. Sie war unzufrieden. Schön wäre es, wenn alle mal das Gleiche essen würden – wäre doch irgendwie gemütlicher, dachte sie im Stillen. So ganz Unrecht haben die beiden ja nicht, aber man kann’s auch übertreiben, fuhr sie in Gedanken fort.

Trotzdem nahm sich Carla vor, künftig beim Einkauf von Fleisch doch ein bisschen mehr aufs Bio-Siegel zu achten. Das könnte auch Richard nicht schaden.

Carla diktierte Richard die für den Sonntagsbraten benötigten Zutaten.

»Und was für die Kinder …«, sie kratzte sich am Kinn und überlegte, »vielleicht ein Auflauf, Gemüse mit Schafskäse? Können wir doch als Beilage zu unserem Braten essen, oder? Genau so machen wir’s, gute Idee!«

Ihre Laune besserte sich schlagartig und mit rollendem R fügte sie hinzu, »und zwei Flaschen Vino Rosso.«

Kapitel 2

Klatschende Geräusche und grunzendes Stöhnen drangen aus der Küche. Genau rechtzeitig war er zum Abendessen erschienen. Nicht eine Minute zu spät. Er wusste, was ihn erwartete, wenn er nicht pünktlich war. Sein Vater würde ihn windelweich prügeln und in den Keller sperren. Dort müsste er barfuß auf dem kalten Betonboden ausharren, bis ihn seine Mutter erlösen und wieder mit nach oben nehmen würde. Er hatte panische Angst vor Dunkelheit. Dann würde er wieder pinkeln müssen. Er konnte gar nichts dagegen tun, es kam von ganz alleine. Vater würde ihn wieder zwingen, die Pisse aufzulecken, und dabei höhnisch lachen.

Vorsichtig öffnete er einen Spaltbreit die Küchentür. Mutter stand über den Küchenherd gebeugt. Der Kittel, hochgeschoben, hing wie ein dicker Wulst um ihre Taille. Dahinter Vater, die Hose heruntergelassen, die derben roten Pranken fest in ihre fleischigen Hüften gekrallt. Brutal stieß er den Unterleib vor und zurück. Er schwitzte. Das dicke, rot angelaufene Gesicht zu einer Fratze verzerrt.

»So hast du es gerne, was, auf die harte Tour. Das brauchst du, nicht? Jeden Tag musst du von einem harten Schwanz gefickt werden, du Schlampe, du geile Sau. Los sag, dass ich dich richtig durchficken soll, bettle darum, du Miststück.«

Er stieß hart zu und seine Mutter stöhnte auf.

»So, du willst es mir nicht sagen? Zierst dich ein bisschen, was? Dabei bist du doch so geil wie die letzte Nutte hier. Sag es, oder ich ficke dich, bis es dich zerreißt!«

»Ja, ich will, dass du mich fickst«, flüsterte sie gehorsam.

»Du sollst richtig betteln, hast du verstanden, bettle deinen Herrn an, Schlampe!«

»Ich möchte, dass du mich richtig durchfickst, auf die harte Tour«, antwortete sie im Stakkato, unterbrochen durch die harten Stöße, die ihr den Atem zu rauben schienen. Sie ließ den Kopf zwischen die Arme sinken, die Augen hatte sie geschlossen.

»So ist es gut. Nun weißt du endlich, wer dein Herr ist und wer hier den größten und härtesten Schwanz hat.«

Jetzt quetschte er die gewaltigen Brüste seiner Mutter mit der einen Hand, mit der anderen zog er ihr den Kopf an den Haaren zurück.

Immer schneller stieß er zu. Plötzlich bemerkte er seinen Sohn, der mit angstgeweiteten Augen in der Tür stand.

»Komm her, kleiner Wichser. Sofort!«

Er unterbrach seine Bewegung. Sein großer roter Schwanz presste sich fest an den Hintern der Mutter.

»Fängst ja früh an, du geiler Hurenbock, kommst ganz nach deiner Mutter. Komm näher und guck zu, wie ich es deiner Mutter besorge!«

Zitternd vor Angst gehorchte er.

»Jetzt pass schön auf, wie man’s macht. Die braucht das, deswegen hat sie mich genommen, die alte Schlampe. Ganz hart wollen sie’s alle«, sagte er und stieß wieder heftig zu. Mutter schrie auf.

Schwer keuchend drang er immer brutaler in sie ein und beobachtete dabei unablässig seinen Sohn. Plötzlich stöhnte er laut auf, presste die fetten Arschbacken zusammen und zog mit lautem Grunzen den Schwanz aus Mutter wieder heraus. Er griff nach der Hose, schloss den Reißverschluss und streifte die speckigen Hosenträger wieder über die Schultern. Mit der klobigen Hand wischte er sich den Schweiß von der Stirn und ging auf seinen Sohn zu.

»Hast du alles gesehen?«

Er verabreichte ihm eine gewaltige Ohrfeige, so dass dieser gegen die Wand geschleudert wurde.

»Du bist zu spät nach Hause gekommen!«

Und an Mutter gerichtet sagte er: »Gibt’s heute auch noch mal was zu essen? Du hast doch deinen Spaß gehabt. Muss ich denn hier alles alleine machen!«

Er lachte dröhnend auf und ließ dabei einen lauten Furz. Dann stapfte er aus dem Zimmer und drohte: »Noch fünf Minuten, dann steht das Essen auf dem Tisch. Ist das klar?«

Mutter blickte an ihm vorbei, trocknete das Gesicht mit einem fleckigen Geschirrhandtuch ab. Sie stellte eine riesige Pfanne mit Bratkartoffeln und Frikadellen auf die Herdplatte. Eilig holte sie eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und stellte sie auf den Tisch. Dabei sagte sie kein Wort, das Gesicht blieb verschlossen.

Plötzlich hörte der Junge Schritte hinter sich, sein Herz begann, laut zu klopfen. Vater kam zurück.

»Setzt dich hin«, sagte sie und schob den Sohn hastig auf seinen Platz. Wortlos und kerzengerade setzte er sich hin.

Jetzt stand der Vater mitten im Raum und blickte sich unheilvoll um. Als er die dampfende Pfanne und den gedeckten Tisch sah, grunzte er und ließ sich auf seinem Stuhl nieder. Laut schmatzend vertilgte er sein Mahl, trank in großen Schlucken gierig aus der Flasche und rülpste laut. Dann stand er auf, ging ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein. Ächzend ließ er sich in seinen abgewetzten Sessel fallen. Wenig später war er eingeschlafen, schnarchte laut.

Wortlos räumte seine Mutter die Küche auf und machte den Abwasch. Er ging in sein Zimmer, das unter dem Dach war und warf sich auf das Bett. Jetzt konnte er die Tränen nicht länger zurückhalten. Er weinte, bis er nicht mehr konnte. Das Letzte, bevor der Schlaf ihn endlich erlöste, war das Bild von seinem Vater, der in seine Mutter stieß, immer und immer wieder …

Mitten in der Nacht erwachte er. Durch das kleine Mansardenfenster sah er den klaren Himmel, das schwarze Blau der Nacht und das silberne Funkeln der Sterne.

Ein Stern möchte ich sein, dachte er, klar und hell, im weiten Universum zusammen mit den anderen Sternen. Fast unbewusst schlug er die Bettdecke zurück, lag unbeweglich und wartete, bis die Kühle des Zimmers sich auf seinen Körper legte. So lange wie möglich wollte er dem Drang widerstehen, die wärmende Decke wieder über sich zu legen. Erst als er anfing, vor Kälte zu zittern, zog er sie hoch und genoss die weiche wohlige Wärme, die langsam seinen ausgekühlten Körper durchzog. Als sie ihn ganz durchströmt hatte, drehte er sich auf die Seite und schlief wieder ein.

Kapitel 3

Erwin Pötzsch saß an seinem Schreibtisch und sehnte sich nach einer Zigarette. Missmutig sah er aus dem Fenster, von dem die Spitze der Frauenkirche zu erkennen war. Der Arzt und seine Frau hatten ihn immer wieder bedrängt, mit dem Rauchen aufzuhören. Schließlich hatte er nachgegeben, litt seitdem permanent unter schlechter Laune und hatte bereits fünf Pfund zugenommen. Neben seiner Tastatur stand seither immer eine Schale mit sauren Bonbons. Nun griff er wieder mal hinein. Die Säure zog ihm die Schleimhäute zusammen, stimmte ihn aber dennoch ein wenig versöhnlicher.

»Auch eins?«, bot er seinem Assistenten an, der ihm gegenüber saß.

Schaller blätterte in der Akte ›SOKO Müllsack‹.

»Also, dass der sich so alte Schachteln greift … Ich hätte mir da etwas Jüngeres, Knackiges ausgesucht.«

Das kann ich mir bei dir gut vorstellen, dachte Pötzsch, als er ihm das Zitronenbonbon entgegenhielt.

Schaller hob abwehrend die Hand.

»Nichts für mich …«

»Schaller, haben Sie schon mit der Gerichtsmedizin gesprochen? Wissen die schon was?«

»Nein Chef, mache ich sofort. Aber sind die überhaupt da, heute ist doch Samstag?«

»Mann, was denken Sie denn, bei so einem Fall? Die Presse sitzt uns im Nacken und wir haben praktisch so gut wie gar nichts. Außerdem ist der Pathologe, Dr. Schneider, der Letzte, der sich so eine dicke Sache entgehen lassen würde.«

Mittlerweile war die ›SOKO Müllsack‹ nahezu komplett im Konferenzraum versammelt, denn auch Pötzsch hatte seine Mannschaft ins Präsidium beordert – mit einem Ton, der jeden Widerstand im Keim ersticken ließ.

»Also, Sie kümmern sich bitte darum, Schaller«, wandte sich Pötzsch an seinen Assistenten, als es an der Tür klopfte.

Bevor er ›Ja‹ rufen konnte, kam Trixi Haubner hereingestürmt. Neunundzwanzig Jahre, schlanke sportliche Figur und ein goldbrauner Pferdeschwanz, der von einer Seite auf die andere wippte.

»Guten Morgen, Chef«, strahlte sie ihn an. Ihre goldbraunen Augen sprühten vor Lebensfreude.

Eine Spur versöhnlicher, fragte Pötzsch, »Trixi, haben Sie vielleicht ein paar brauchbare Informationen?«

»Klar, Chef. Ich war schon heute Morgen ganz früh in der Gerichtsmedizin. Die haben wieder die gleichen schwarzen Samtfusseln an der Leiche gefunden. Auch diesmal eindeutig Vergewaltigung, aber kein Sperma in der Vagina. Also alles exakt wie in den beiden anderen Fällen.«

»War ja eigentlich klar, aber damit haben wir die hundertprozentige Gewissheit, dass es immer der gleiche Täter ist. Das werden wir dann wohl an die Presse geben müssen.«

Erst jetzt schien Trixi ihren Kollegen Schaller zu bemerken.

»Na, wieder unterwegs gewesen? Siehst ja ganz schön mies aus heute Morgen. Paar Mädels glücklich gemacht …?«

Schaller wollte gerade etwas erwidern, aber Trixi Haubner lachte ihn schon aus.

»Los, komm schon, wir müssen die Konferenz vorbereiten. Sei nicht so lahmarschig!«

Schaller erhob sich geschlagen. Während er Trixi Haubner folgte, betrachtete er eingehend ihren kleinen, knackigen Hintern, der von einer eng sitzenden, vermutlich teuren Jeans perfekt modelliert wurde.

Pötzsch grinste süffisant, geschieht dir recht, dachte er und zog die noch dünne Akte ›SOKO Müllsack‹ zu sich herüber. Also, wieder die schwarzen Fusseln, die stammten vielleicht von einer Decke, aber das Labor hatte bisher keine bestimmte Zuordnung vornehmen können, außer, dass es sich um Baumwollsamt handelt.

Er stand auf und blickte aus dem Fenster auf die Straße. Eine Touristengruppe auf dem Weg zur Frauenkirche, vermutlich Japaner, wegen der unvermeidlichen Kameras, dachte Pötzsch. Dann fiel sein Blick auf eine Gruppe schwarz gekleideter Jugendlicher. In lange dunkle, mit eisernen Schnallen verzierte Mäntel gehüllt, weißes Make-up im grellen Kontrast zu den schwarz gefärbten Haaren. Ihre Mienen waren ernst und sie trugen allesamt die gleiche asymmetrische Frisur, auf der einen Seite kahl rasiert, auf der anderen eine lange Haarsträhne, die das Gesicht fast bis zur Hälfte verdeckte. Gothic-Grufties, die Bezeichnung fiel ihm ein. Schwarz, dachte er, schwarze Baumwollfusseln … Kommt unser Mann aus dieser Ecke? Hatte es nicht kürzlich eine Ermittlung wegen Grabschändung und vergossenem Tierblut gegeben? Vielleicht rituelle Opfertötungen? Ich muss unbedingt Böhmig fragen, der diesen Fall bearbeitet hatte. Da fiel ihm ein, dass heute ja Samstag und Böhmig trotz der anberaumten Sitzung nicht im Haus war. Noch etwas anderes fiel ihm ein. Für heute Abend hatte seine Frau Gäste eingeladen, das Ehepaar Schwarz. Er konnte sie auf den Tod nicht ausstehen. Laute, polternde Menschen, die selbstzufrieden den ganzen Abend über ihre beruflichen Erfolge und ihre großartigen Kinder reden würden. Nebenbei waren sie noch Experten für alle weltpolitischen Probleme. Freunde seiner Frau Henriette. Er hatte aber gute Miene zum bösen Spiel gemacht, als sie ihm deren Besuch für heute angekündigt hatte. Das eine oder andere Glas Wein mehr würde ihm helfen, diesen Abend zu überstehen.

Noch eine Weile grübelte er über der Akte, nahm sich aber vor, heute Abend keinen Ton über den Fall zu verlieren. Das würde die Schwarzens mächtig ärgern, freute er sich.

Dann war es Zeit für das Mittagessen. Er wollte nur eine Kleinigkeit zu sich nehmen, denn erstens mochte er das Kantinenessen nicht besonders und zweitens würde seine Frau, eine ausgezeichnete Köchin, ein wunderbar opulentes Mahl für den heutigen Abend vorbereitet haben. Daher beschloss er, überhaupt nicht in die Kantine zu gehen, sondern die Mittagspause für einen kleinen Spaziergang zu nutzen. Er griff nach seinem Jackett, zog sich seine Schiebermütze, ein Geschenk von Henriette, bis tief in die Stirn und verließ das Präsidium. Auf der Straße empfing ihn das geschäftige Treiben der Masse, die ihn sogleich aufsog. Er ging durch die Salzgasse in Richtung Neumarkt, blieb kurz stehen, als er die Frauenkirche in ihrer ganzen Pracht und Schönheit vor sich sah.

›Auferstanden aus Ruinen‹, durchfuhr es ihn, als sich das Bild von der zerstörten Kirche vor sein inneres Auge schob. Lange hatte sie so dagelegen, wie ein verwundetes Tier. Die schwarzen Steine verstreut, so wie sie auf den Boden gefallen waren. Überwuchert von Grasbüscheln und Unkraut.

Er musste schmunzeln wegen der Ironie der Geschichte. Ob die vielen Touristen, die sich von der Schönheit der Kirche und des Neumarktes verzaubern ließen, wussten, dass ›Auferstanden aus Ruinen‹ Teil der ehemaligen DDR-Hymne war?

Nun thronte sie dort in ihrer ganzen Pracht und Schönheit und wie immer war er ergriffen. Hauptkommissar Pötzsch war kein gläubiger Mensch, aber er brachte Verständnis für diejenigen auf, die an dieser Stätte Zuflucht und Trost fanden. Er wandte sich nach rechts. Vorbei am Coselpalais, in dem sich jetzt das Grand Café befand und dessen Fassade ihm wegen der fehlenden Patina ein wenig zu perfekt erschien. Weiter in Richtung Kunstakademie, die ihre verwitterte Fassade beibehalten hatte. Sein Blick wanderte empor zur Zitronenpresse, dem gläsernen Dach der Akademie. Unter dem Vordach des Cafés zur Frauenkirche waren wie immer Scharen von Gästen aus allen Ländern, die den warmen, sonnigen Septembertag genossen. Unter ihnen natürlich auch Westdeutsche. »Da sieht man mal, wo unser Geld geblieben ist«, hörte er eine aufgetakelte Endfünfzigerin mit typischem Ruhrpottdialekt. Ein Anflug von Neid schwang unterschwellig, aber unüberhörbar mit.

Deren Probleme möchte ich haben, dachte Pötzsch grimmig, als er sich nun durch die Münzgasse zwängte. Vorbei an den Ständen mit Cocktails, Bier und Würstchen. Auch hier saßen die Menschen unter den Vordächern der Restaurants, aßen und tranken, während sie die vorbeischlendernden Passanten beobachteten. Am Ende der Münzgasse erklomm er nach einer kurzen Überlegung den rechten Seitenaufgang der Treppe, die auf die Brühlsche Terrasse hinaufführte. Wieder machte er sein Spiel daraus, ob er den linken oder rechten Aufgang nehmen sollte, ärgerte sich allerdings wie jedes Mal über diese leicht abergläubische Angewohnheit. Als er oben angelangt war, atmete er auf, stellte sich für einen Moment an das eiserne Gitter und ließ seinen Blick schweifen. Heute war die Sicht gut, und er genoss die beeindruckende Aussicht auf den historischen Stadtkern links von ihm bis zu den malerischen Elbhängen auf der rechten Seite. Er schaute nach unten. Am Terrassenufer sah er die Ausflugsschiffe der Weißen Flotte. Eine lange Schlange mit wartenden Passagieren zog sich am Ufer entlang. Er schaute auf die Uhr und sah, dass es Zeit war zu gehen. Zehn Minuten blieben ihm noch. Er hätte den kürzeren Weg zum Präsidium nach rechts einschlagen können, hastete stattdessen über die Brühlsche Terrasse und ging schnell die breite Treppe am Ständehaus herunter. An der Hofkirche ließ er seine Augen hoch zu den Heiligenfiguren wandern, die wie immer von Krähen umkreist wurden. Fast fühlte er sich in eine surreale, filmische Szenerie versetzt. Pötzsch liebte diesen Anblick und hielt für einen Moment inne. Dann bog er nach links in die Augustusstraße ein, ohne den Fürstenzug oder die Händler, die hier Ansichtskarten, Stadtpläne und Halbedelsteine verkauften, weiter zu beachten. Eine russische Studentencombo an der Ecke zum Neumarkt spielte melancholische Lieder.

Kapitel 4

Richard ging einkaufen und Carla versuchte, den Riesenstapel mit unerledigten Arbeiten auf ihrem Schreibtisch abzubauen. Seufzend gab sie am späten Vormittag auf und ließ sich unten im Wohnzimmer auf das schwarze Ledersofa fallen. Sie schaltete den Fernseher ein und zappte von Programm zu Programm, bis sie schließlich einnickte. Als Richard wenig später wiederkam, schreckte sie auf, so tief hatte sie geschlafen. Er, beladen mit Einkaufstüten, war sichtlich blass um die Nase. Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten und er rieb sich unablässig seine Stirn.

»Ist dir nicht gut?«, fragte sie besorgt.

»Ich glaube, ich werde krank. Ich hab mir bestimmt im Krankenhaus was eingefangen. Sind schon eine Reihe von Schwestern krank. Peschel und Dr. Kretschmar ebenfalls.« Erschöpft ließ er sich in den Sessel neben dem Sofa fallen.

»Ich habe keine Ahnung, wie wir nächste Woche unseren Dienstplan einhalten sollen. Verdammte Scheiße. Auch meine beiden Assistenzärzte liegen auf der Nase. Nicht die leiseste Idee, wo ich jetzt Ersatz herkriegen soll. Na ja, bei den momentanen Einsparungen können wir den Patienten auch gleich sagen, dass sie sich selber operieren können. Vorher kriegen sie natürlich noch ein Handbuch zu lesen ›Der kleine Arzt. Ein Selbststudium für den ambitionierten Laien‹.«

Sie aßen eine Kleinigkeit zusammen. Carla packte ihre Tasche für das Fitnessstudio. Richard hatte sich aufs Sofa gelegt, die Decke bis zum Kinn hochgezogen.

»Mir geht’s wirklich beschissen, ich kann auf keinen Fall mitkommen. Ach so, vielleicht sagst du den Kindern für morgen Abend ab. Lass uns das aufs nächstes Wochenende verschieben. Guck doch noch mal in die Tüten, was geht, kannst du ja einfrieren. Viel Spaß im Studio und pass gut auf dich auf.«

Der Spiegel im Fitnessstudio erstreckte sich über die ganze Breite der zehn Meter langen Wand. Als Carla nach den Hanteln griff, die in einem blitzenden Chromgestell in Reih und Glied direkt vor dem Spiegel lagen, fiel ihr Blick auf die Hüften. Etwas zu rund, die Oberschenkel zu kräftig, befand sie kritisch. Taille und Busen okay, eigentlich sogar ganz gut. Aber der Hals zu kräftig, vielleicht ein bisschen zu kurz. Dafür glichen die geraden Schultern die Hüften aus, insgesamt durchaus attraktiv! Der Blick wanderte hoch zu ihrem Gesicht. Die Falten hielten sich noch in Grenzen, obwohl zwei tiefe Linien von der Nase bis hin zu dem schön geschwungenen Mund nicht zu übersehen waren. Die Mundwinkel, von jeher nach unten geneigt, hatten sich in letzter Zeit noch tiefer in ihr Gesicht geprägt. Spuren, die nicht zuletzt mit den Sorgen um Helene zusammenhingen. Schnell wischte sie die Gedanken an ihre älteste Tochter beiseite. Gäbe sie erst einmal dem drängenden Bohren der sich ewig wiederholenden Fragen nach, fände sie keine Ruhe mehr. Ein Laufrad, das sich immer schneller drehen würde. Sie kannte dieses Gefühl, dann stellte sich immer Herzrasen ein, und eine innere Unruhe drohte, sie fast aufzufressen.

Plötzlich stieg ihr ein leichter, aber unangenehmer Schweiß­geruch in die Nase, der ihre Gedanken unterbrach. Sie wandte das Gesicht nach rechts. Neben ihr hatte sich ein junger Mann aufgebaut, der intensiv das Muskelspiel seiner Oberarme im Spiegel betrachtete. Schnell drehte sie den Kopf wieder geradeaus, wobei sich ihre Blicke kurz kreuzten.

Schneller als sonst absolvierte sie eine Übung, von der Trainer Robby behauptet hatte, sie würde den erschlafften Trizeps stärken, ein Problem, so hatte er salbungsvoll hinzugefügt, das viele Frauen ab einem gewissen Alter hätten. Ein gehöriger Muskelkater war der einzige Effekt, der sich bisher bei ihr gezeigt hatte.

Robby tickt auch nicht ganz sauber, dachte Carla und legte die Hanteln heftiger als beabsichtigt wieder ins Gestell. Aus den Augenwinkeln nahm sie den schwitzenden, leicht amüsiert wirkenden Muskelprotz neben sich war. Er hatte wohl ihre Übungen mit den lächerlich winzigen Hanteln beobachtet. Im Gegensatz zu ihr bewegte der seine Unterarme locker auf und ab. In jeder Hand ein mindestens 50 Kilo schweres Gewicht. Äußerst zufrieden und stolz beobachtete er sich dabei im Spiegel. Das Spiel seiner Muskeln, die wie kleine Buckel unter der sonnengebräunten Haut lagen und ein Eigenleben zu führen schienen, gefiel ihm sichtlich.

Lässig strich Carla sich eine Strähne ihres blonden Haares aus der Stirn und ging betont langsam zwischen Spiegel und Muskelprotz zu dem kleinen Tischchen in der Ecke, auf dem sie ihre Wasserflasche abgestellt hatte. Sein selbstverliebter Gesichtsausdruck verschwand abrupt, als sie ihm im Vorbeigehen für einen kurzen Moment die Sicht auf seinen herrlichen Körper nahm. Mit einem lauten Zischen entwich die Kohlensäure aus ihrer Wasserflasche. Irritiert sah er sie an. Betont gleichgültig ließ sie ihren Blick an seinem Körper hinabgleiten und blieb für einen kurzen Moment, aber gerade lange genug, an seinem Schritt hängen. Wie unbeabsichtigt zog sie die Brauen zusammen, als hätte sie dort etwas Störendes oder gar Widerliches entdeckt. Der Muskelmann folgte verunsichert ihrem Blick, musterte sich dann kurz im Spiegel, konnte aber nichts entdecken.

Sie grinste unmerklich und ging direkt vor seiner Nase den gleichen Weg zurück. Sein selbstzufriedener Ausdruck war verschwunden. Jetzt zeigte sich Ärger auf dem Gesicht des Kraftpakets. Volltreffer, dachte sie zufrieden. Die Wasserflasche unter den Arm geklemmt, ging sie in den Umkleideraum.

Nachdem sie geduscht, die Haare geföhnt und sich geschminkt hatte, fuhr sie mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage. Es standen nur wenige Autos in den Parkbuchten, so dass sie sich auf ihren Stammplatz hatte stellen können. Sie zog den Schlüssel aus der Manteltasche und öffnete den Kofferraum mit der Fernbedienung.

»Entschuldigen Sie bitte.«

Sie erschrak, drehte sich um. Hinter ihr stand ein Mann, wie aus dem Nichts aufgetaucht. Blitzschnell fuhr etwas Weißes in ihr Gesicht. Bevor sie reagieren konnte, presste er ihr das Knäuel Papiertaschentücher fest auf Mund und Nase. Sie schlug um sich, schnappte verzweifelt nach Luft. Ihr wurde schwarz vor Augen. Der letzte Gedanke war, das ist ja wie in einem schlechten Krimi, dann verlor sie das Bewusstsein.

Nur langsam gelang es Carla, die Augen zu öffnen, aber es fiel ihr unendlich schwer. Eine zentnerschwere Last schien auf ihnen zu liegen. Die Augen brannten, es kam ihr vor, als würden kleine Sandkörner unter den Lidern hin und her scheuern. Sie wollte sich die Augen reiben, um klarer sehen zu können, da bemerkte sie, dass sie den Arm nicht bewegen konnte, denn ihre Hände waren vor dem Körper gefesselt. Auch die Füße konnte sie nicht bewegen. Graubraunes Paketband hielt die Gelenke wie einen Schraubstock umklammert. Mit aller Macht versuchte sie, die Augen offen zu halten, um herauszufinden, wo sie überhaupt war.

Es war dunkel, oder vielmehr schummrig, da nur ein Wandstrahler gegenüber ein schwaches rötliches Licht spendete. Die Wände und der Boden waren schwarz und saugten das ohnehin spärliche Licht geradezu auf. Sie lag auf einer Art Couch, ihr Kopf auf einem Kissen, das muffig roch. Der Stoff war hart und raschelte bei der kleinsten Bewegung. Unterhalb des Strahlers entdeckte sie ein Regal, auf dem nichts außer einer kleinen hässlichen Vase stand. Darunter ein abgenutzter Schreibtisch, auf dessen schäbiger Oberfläche eine Wasserflasche und eine Packung Tempos lagen. Hatte sie sich bis dahin nur auf die fremde Umgebung konzentriert, erschrak sie jetzt beim Anblick der Papiertaschentücher. Die Erinnerung kam zurück. Jetzt wusste sie, was es war, was der Mann ihr auf die Nase gepresst hatte – die weißen Taschentücher. Entsetzt wurde ihr bewusst, dass sie offensichtlich gekidnappt worden war und sich wehrlos in fremder Gewalt befand. Sie spürte erneut den Druck ihrer Lider, doch sie widerstand der Versuchung, die Augen zu schließen und wieder ins Nichts zu gleiten. Mit aller Anstrengung hob sie den Kopf und drehte ihn nach links. An der gegenüberliegenden Wand sah sie eine Tür, die mit dickem Polstermaterial verkleidet war. Schalldicht, schoss es ihr durch den Kopf, und die Angst kroch hoch bis in die Haarspitzen.

Carla fing an zu frösteln. Hilflos ließ sie den Kopf auf das Kissen fallen. Sie spürte ein Kribbeln in den Fingerspitzen, als sie versuchte, sich aus den Fesseln zu befreien. Vergeblich! So sehr sie auch zerrte und zog, die Fesseln gaben keinen Millimeter nach. Die Minuten verstrichen und plötzlich spürte sie einen heftigen Druck in ihrer Blase. Lange würde sie das nicht mehr aushalten können, wusste sie. Schrecklich, wenn sie sich hier in die Hose machen müsste.

Konzentriere dich, ermahnte sie sich, denk nach, was du machen kannst. Vielleicht ist die Tür gar nicht abgeschlossen. Bloß, wie komm ich bis dahin? Sie versuchte, die Beine zu heben, es gelang ihr aber nur eine Handbreit.

Wieso bin ich so wahnsinnig schlapp? Bestimmt hat mir jemand irgendeine Droge verpasst, schoss es Carla durch den Kopf.

Unter Aufbringung aller Kräfte versuchte sie es noch einmal. Diesmal mit mehr Erfolg, die Beine kamen ein paar Zentimeter höher. Schweißperlen bildeten sich auf Stirn und Oberlippe, ihr Herz raste. Noch einen kurzen Moment ruhte sie sich aus. Als sie wieder Kraft geschöpft hatte, unternahm Carla einen erneuten Anlauf. Diesmal gelang es ihr, die Beine auf den Boden zu setzen. Erschöpft hielt sie einen Moment inne und schätzte die Entfernung bis zur Tür ab. Sie könnte hüpfen und versuchen, trotz der gefesselten Hände die Klinke herunterzudrücken.

Scheiße, die hat ja gar keine Klinke, sondern nur einen Drehknauf!

Sie starrte auf ihre wie zum Gebet gefalteten, gefesselten Hände.

Wie soll ich damit die Tür aufkriegen? Egal, ich versuch’s.

Sie holte tief Luft und hüpfte auf die Tür zu. Mit den Fingerspitzen probierte sie, den Knauf herumzudrehen. Umsonst, die Kraft reichte einfach nicht. In ihrer Verzweiflung versuchte sie, die Finger zu krümmen, aber das Klebeband war fest wie eine Eisenzwinge gewickelt. Eher würde sie sich die Knöchel brechen, als dass diese Fessel auch nur einen Millimeter nachgegeben hätte.

Panik stieg in ihr auf. Sie fing an zu schreien und hämmerte gegen die Tür. Aber das Polster dämpfte jegliches Geräusch. Zu hören war nur ein dumpfes leises Klatschen. Tränen schossen ihr in die Augen. Resigniert ließ sie sich auf die Knie sinken. Ein Fehler, sie kam nicht wieder hoch! Die Kälte des Bodens kroch in ihre Oberschenkel und erneut machte sich die Blase bemerkbar, dieses Mal konnte sie den Druck kaum noch ertragen. Vielleicht gelang es ihr ja, den Knopf der Jeans zu öffnen und den Reißverschluss herunterzuziehen. Dann könnte sie in eine Ecke pinkeln. Aber so sehr sie sich auch mühte, die verdammten Jeans wollten einfach nicht aufgehen. Ergeben schloss Carla die Augen und fühlte, wie es warm die Beine herunterlief. Zwei dunkle Flecken auf den Innenseiten ihrer Hose breiteten sich langsam aus und wurden immer größer. Trotz der Scham fühlte sie sich endlos erleichtert.

Bloß nicht auf dem kalten Boden sitzen bleiben, dachte sie, sonst bekommst du eine Blasenentzündung. Die damit verbundenen Schmerzen kannte sie aus eigener Erfahrung zur Genüge. Doch alle Versuche, wieder auf die Beine zu kommen, scheiterten. Völlig entkräftet rollte sie sich nun auf dem Boden zusammen wie ein Fötus im Mutterleib – gleich neben der Tür, ihrem einzigen Weg in die Freiheit.

Von Zeit zu Zeit drang ein Schluchzen aus ihrer Kehle. Irgendwann übermannte sie die Erschöpfung. Clara schlief ein.

Mit einem leisen Schrei fuhr sie hoch, als sie unsanft an der Schulter gepackt wurde. Carla öffnete die Augen und blickte in ein dickliches, gerötetes Gesicht. Die wässrigen hellen Augen wirkten unnatürlich groß hinter der goldgefassten Brille. Ein Mann hob sie scheinbar mühelos hoch und setzte sie wortlos auf das Sofa. Ihre Hose war unangenehm kalt und nass, und der Geruch von Urin stieg ihr in die Nase. Vor Kälte fing sie an zu zittern. Sie versuchte, die aufsteigende Übelkeit herunterzuwürgen.

Der Mann betrachtete sie schweigend und setzte sich auf den alten Drehstuhl, der vor dem Schreibtisch stand. Mechanisch drehte er sich immer wieder von rechts nach links, ohne sie aus den Augen zu lassen. Der Blick glitt an ihrem Körper auf und ab, bis er an dem dunklen Fleck zwischen ihren Beinen haften blieb. Sein Mund verzog sich zu einem hämischen Grinsen.

»Hast dir wohl in die Hose gepisst, was? Hast Angst, he? Oder«, er beugte sich vor und starrte auf den Fleck, »bist du so geil, dass du ganz nass bist, weil du dich schon auf mich freust?«

Er leckte sich die Lippen.

Oh Gott, wer ist das! Vielleicht das widerliche Schwein, aus der Zeitung?

»Bitte tun Sie mir nichts. Ich … ich mache alles, was sie wollen. Lassen sie mich dann einfach nur gehen.«

Ihre eigene Stimme kam Carla fremd vor, so unnatürlich hoch.

»Das würde dir so passen. Du würdest doch sofort zu den Bullen rennen und mich beschreiben. Hältst du mich für total bescheuert?«

Denk nach, denk nach, halte ihn hin.

»Ich bin krank, schwer krank, ich habe … Aids. Sie wollen sich doch nicht anstecken, oder?«

Sie merkte selbst, wie lächerlich unglaubwürdig das klang.

Er lachte dröhnend und äffte sie mit hoher Stimme nach.

»Ich bin krank, gaaanz schwer krank, ich habe Aids, oder was anderes Schlimmes.«

Nun stand er von seinem Stuhl auf, kam drohend auf sie zu.

»Interessiert mich nicht, ob du Tripper, Syphilis, Aids oder sonst was hast. Du wirst mich nicht anstecken, du Schlampe!«

Vor Angst konnte sie kaum atmen.

Er legte seine Hand auf seinen Schritt und bewegte sie genüsslich auf und ab.

»Der hier wird dir zeigen, wo’s langgeht, kapiert?«

Dann beugte er sich zu ihr runter und schnüffelte.

»Du stinkst nach Pisse, das ist ja widerlich. Ich bring dir neue Sachen.«

Er richtete sich wieder auf, ging zur Tür und drehte sich noch einmal kurz zu ihr um.

»Nicht weglaufen, ja?«

Er lachte dröhnend und verschwand.

Kapitel 5

Richard erwachte mit hämmernden Kopfschmerzen, der Hals fühlte sich an, als ob er mit Sandpapier geschmirgelt worden wäre. Auch wenn er nicht schlucken musste, brannte seine Kehle wie Feuer. Er griff nach der Wasserflasche, die auf dem Boden neben dem Sofa stand. Gierig trank er in großen Schlucken und musste prompt husten. Ermattet sank er auf das Kissen zurück. Wie spät ist es eigentlich, fragte er sich, als er die Augen wieder öffnete und bemerkte, dass es draußen schon fast dunkel war. Er griff nach der Armbanduhr, die er auf den Couchtisch gelegt hatte und stellte fest, dass es schon neun Uhr durch war. Komisch, dachte er, ist Carla noch nicht zurück? Er rappelte sich auf und schlüpfte in seine schwarzen Lederhausschuhe. Mühsam schleppte er sich ins Badezimmer. Sein Blick in den Spiegel zeigte ihm, wie grauenvoll er aussah. Am Waschbecken klatschte er sich eiskaltes Wasser ins Gesicht, riss den Mund weit auf und begann, die Entzündung in seinem Hals zu begutachten. Viel konnte er aber nicht sehen, das Licht war einfach zu schwach. Dass Carla sich bei so einem spärlichen Licht überhaupt schminken konnte, war ihm ein Rätsel.

Ja, wo war sie eigentlich?