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»Mama, sage ich, wir müssen anfangen, miteinander zu reden.« Von außen sieht es aus wie eine ganz gewöhnliche Kindheit in einem kleinen belgischen Dorf in den Neunzigerjahren. Doch Lizes Mutter ist alkoholkrank und ihr Vater unberechenbar, Lizes Aufwachsen geprägt von Ängsten und emotionalem Missbrauch. Über ihre Probleme kann sie mit niemandem sprechen. Was ungesagt bleibt, schreibt sich in ihren Körper ein. Als ihre Mutter unheilbar an Krebs erkrankt, sucht die Tochter endlich das Gespräch. Warum ist es so schwer, mit der eigenen Familie offen zu sprechen? Lize Spit erzählt in »Autobiografie meines Körpers« vom Aufwachsen in einem unsicheren Zuhause, vom Verhältnis zum eigenen Körper und von dem mutigen Versuch, eine toxische Familiendynamik aufzubrechen. Besonderes Buch mit besonderer Ausstattung: Entlang der Buchstaben des Titels auf dem Schutzumschlag sind winzige Pünktchen ausgestanzt. Sie geben den Blick auf ein Bild aus Lize Spits Kindheit preis, mit dem der Bucheinband bedruckt ist. Die metaphorische Bedeutung der kleinen Ausstanzungen erschließt sich beim Lesen des Buches.
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Seitenzahl: 444
Veröffentlichungsjahr: 2025
Lize Spit
»Mama, sage ich, wir müssen anfangen, miteinander zu reden.«
Von außen sieht es aus wie eine ganz gewöhnliche Kindheit in den Neunzigerjahren in einem kleinen belgischen Dorf. Doch Lizes Mutter ist alkoholkrank und ihr Vater unberechenbar, Lizes Aufwachsen geprägt von Ängsten und emotionalem Missbrauch. Über ihre Probleme kann sie mit niemandem sprechen. Was ungesagt bleibt, schreibt sich in ihren Körper ein. Als ihre Mutter unheilbar an Krebs erkrankt, sucht die Tochter endlich das Gespräch.
Warum ist es so schwer, mit der eigenen Familie offen zu sprechen? Lize Spit erzählt in »Autobiografie meines Körpers« vom Aufwachsen in einem unsicheren Zuhause, vom Verhältnis zum eigenen Körper und von dem mutigen Versuch, eine toxische Familiendynamik aufzubrechen.
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Lize Spit wurde 1988 geboren und lebt in Brüssel. Ihr Debüt »Und es schmilzt« stand ein Jahr lang auf Platz 1 der belgischen Bestsellerliste, gewann zahlreiche Literaturpreise und wurde in 15 Sprachen übersetzt. Auch ihr zweiter Roman, »Ich bin nicht da«, war ein großer Erfolg. Mit »Der ehrliche Finder« hat sie ein ganzes Land aufgewühlt. »Autobiografie meines Körpers« ist ihr vierter Roman.
Helga van Beuningen ist die Übersetzerin von Margriet de Moor, A.F.Th. van der Heijden, Marcel Möring, Cees Nooteboom u.a. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Martinus-Nijhoff-Preis, dem Helmut-M.-Braem-Preis und dem Else-Otten-Preis. 2021 wurde ihr der Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW verliehen.
Zum Schutze ihrer Privatsphäre wurden die Namen einiger Menschen, die in diesem Buch vorkommen, geändert.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Autobiografie van mijn lichaam« bei Das Mag Uitgeverij B.V., Amsterdam.
Copyright © Lize Spit 2024
Dieses Buch wurde mit freundlicher Unterstützung von Flanders Literature herausgegeben (flandersliterature.be)
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2025 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Schiller Design, Frankfurt
ISBN 978-3-10-491863-1
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[Körper]
Dezember
1999
Januar
Es ist 2005, [...]
Februar
Was ich mich [...]
März
April
Das Jucken begann, [...]
Mai
Juni
Ich bin acht, [...]
Juli
August
Papa sitzt auf [...]
September
Oktober
Ich bin einundzwanzig [...]
November
Dezember
2000
Februar
Ich bin fünf, [...]
April
Ich bin zehn, [...]
Mai
An dem Gewicht, [...]
Juli
2001
Du wirst hinterher [...]
August
mond mond mond [...]
September
Oktober
Das Geheimnis wird [...]
November
Dezember
Trinkst du Alkohol?, [...]
Januar (1)
Januar (2)
Du wirst zu [...]
Dank
!!!Körper!!!
Erst fünf Monate nach deiner Mail notiere ich dieses Wort zum ersten Mal, genau so, hastig hingekritzelt mitten in der Nacht, flankiert von zweimal drei Ausrufezeichen, wie die Leuchtrakete eines Schiffers in Seenot, ein Hilferuf, der sich mit aller Macht Bahn brechen muss.
Die Mail geht ein, als wir uns in Ostende am Seedeich die Zeit vertreiben, eine gekühlte Flasche Schampus in der Hand. Rob und ich sind um fünf Uhr nachmittags mit Leni verabredet, sie verkauft ihr Apartment im vierzehnten Stock des Europazentrums, wir wollen den Kaufvorvertrag unterschreiben. Wir sind zu früh dran, und um die Zeit herumzubringen, bleiben wir vor dem Schaufenster eines Modelleisenbahnladens stehen. Auf einem Glasregal sind Miniaturfiguren in ganzen Sets aufgebaut, jeder kleine Mensch verkörpert eine bestimmte Situation. Kärtchen mit Erläuterungen versuchen, diese in möglichst wenigen Worten zu beschreiben.
Set Nr. 15565 zum Beispiel besteht aus fünf Figuren: einem Wildpinkler, einem Bettler, »einem Exhibitionisten, der stolz auf seinen dicken Wanst ist«, einer Dame mit Lupe, die Sherlock-Holmes-Neigungen hat, und einem Handtaschendieb, »der von einer beherzten Dame einen Schirm auf den Kopf bekommt«.
Es ist Mitte Dezember, über uns hängen Möwen unbeweglich in der Luft, ihre eleganten weißen Leiber leuchten in der untergehenden Wintersonne. Der Wind macht die ganze Arbeit, die Vögel brauchen sich nur treiben zu lassen.
In meiner Manteltasche vibriert das Handy. »Habt ihr Mamas Mail schon gelesen?«, schreibt Siska in der WhatsApp-Gruppe »Bruder&Schwestern«.
Uh, anscheinend gibt’s wieder eine Mail, sage ich zu Rob, der mir die Flasche abnimmt.
Immer wenn meine Eltern sich melden: Da ist etwas in mir, das herausklappt wie ein Boxball auf der Kirmes aus dem Automaten, nachdem eine Münze eingeworfen wurde, bereit, verdroschen zu werden.
Ich klicke auf Eingang, und tatsächlich: eine ungelesene Mail, mit dem Betreff »Mitteilung«. Sofort wird mir übel.
Die letzte Mail meiner Mutter ging vor einem Monat ein, irgendwann Mitte November. Auch sie kam plötzlich und ohne einen richtigen Betreff. »Hallo ihr alle, in der Anlage ein Geständnis, Grüße, Agnes.« Darunter ein angehängtes Word-Dokument mit dem Titel »Mitteilung«, in dem meine Mutter beichtete, schon seit einigen Monaten ein Verhältnis mit Walter zu haben, sie hätte lieber gewartet, um es uns zu erzählen, bis sie uns mal zusammen sähe (was pro Jahr nur wenige Male geschieht), aber Fred (sie nennt unseren Vater immer beim Vornamen) habe verlangt, dass sie uns möglichst rasch informieren müsse. Sie sei Fred gegenüber in dieser Sache von Anfang an ehrlich gewesen, es hätte noch nicht allzu viel Streit deswegen gegeben. Sie werde auf ihren neuen Geliebten nicht verzichten, sondern einen Weg suchen, beide Beziehungen zu kombinieren. Vierzig Jahre Ehe, schrieb sie, wirft man auch nicht gleich weg. Sie und Fred seien in Paartherapie.
Trotz der üblichen trockenen, distanzierten Art und Weise, in der diese Mitteilung abgefasst war (»ich höre noch (oder auch nicht), was ihr dazu meint«), war es keine schockierende oder schlechte Nachricht gewesen, im Gegenteil. Ich gönnte es beiden, voneinander befreit zu werden.
Dieses Mal lautet der Betreff der Mail »Mitteilung«, und die angehängte Word-Datei heißt »Speiseröhre«.
Dieses eine Wort sagt mir schon genug. Die Übelkeit lässt sich bequem nieder, sie weiß, sie wird bleiben dürfen.
Sie habe schon eine Weile etwas in ihrer Speiseröhre gespürt, schreibt Mutter in der Mail, und eine Gastroskopie vor drei Wochen habe das Vorhandensein einer Geschwulst bestätigt. In der Zwischenzeit seien Gewebeproben entnommen und Scans gemacht worden, gestern sei sie beim behandelnden Arzt gewesen, um über die Befunde zu sprechen: Die Nachricht sei »nicht so angenehm«, die Geschwulst sei bösartig. Man habe auch drei Geschwülste an anderen Stellen festgestellt, im Magen, am Hals, in der Kehle. Es müsse noch untersucht werden, ob sie etwas damit zu tun hätten. Wenn es keine Metastasen seien, dann werde es eine lange und belastende Behandlung, aber eine Heilung sei noch möglich. Wenn eine oder mehrere Geschwülste Metastasen seien, könne man nur noch wenig tun.
Sie lasse uns dies, schreibt sie, per Mail wissen, weil es für sie eine sichere Möglichkeit sei, etwas zu übermitteln, und weil sie wolle, dass Siska, Jules, Tiny und ich es alle vier gleichzeitig und auf die gleiche Weise erführen.
Außerdem: Fred und sie würden sich scheiden lassen.
Was Schreiben ist: die weiße Blutzelle. Das schädliche Partikel bekämpfen, indem man es einkapselt, jedes merkwürdige oder nicht zu kontrollierende Gefühl in Sprache einschließen und langsam abtransportieren. Nicht mit großen, abstrakten Worten (Jahreszeiten, Gezeiten, Ablehnung, Tod, Schmerz, Schuldgefühl), da rutscht noch zu vieles durch, sondern mit konkreten Punkten, so klein und so zusammenhängend wie möglich. (Möglichst dicht beieinander! Keinen Zwischenraum zwischen den Punkten lassen!, sprach die Lehrerin, die sich über uns beugte, als wir in der Grundschule mit Nadel und Stechkissen Figuren aus Karton lösen mussten, indem wir entlang der gepunkteten Linie einstachen.)
In den Sekunden nach dieser Mail muss Folgendes geschehen: Die gepunktete Linie muss festgelegt werden. Ich bin keine Tochter, die eine Mail liest, ich bin die Schriftstellerin, die die Tochter dabei beobachtet, wie sie die Mail liest.
Welche Details ringsum muss ich abspeichern, um diesen Moment später gut beschreiben zu können?
Die Sonne, die untergeht, die ockerfarbenen Klinkersteine des Deichs, die aufleuchten, die laut flatternde Verkleidung am Fassadengerüst beim etwas weiter weg gelegenen Gebäude.
Ein Paar mit einem Hündchen, sie sind eindeutig zu etwas Schönem unterwegs.
Eine Speisekartentafel, montiert auf zwei Sprungfedern, die sich im Wind vorneigt.
Dass ich gestern in einem kleinen Laden in der Kapellestraat eine Karte mit einer daran befestigten Delfter »Glücksscherbe« aus Porzellan kaufte, noch ohne zu wissen, wem ich sie schicken würde, doch irgendwann würde in meinem Umfeld sicherlich jemand Pech haben, würde es jemanden geben, der sie gebrauchen konnte.
Die Weihnachtsbäume am Deich, gegenüber einer Kneipe, geschmückt mit daran gebundenen leeren Bierdosen.
Mein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe, mein Gesicht, meine Hand, mein Handy.
Ich mache ein Foto von Set Nr. 15565 – die Sherlock-Holmes-Dame, der Exhibitionist, ich will die kleinen Figuren exakt beschreiben können, sollte ich sie später brauchen.
Etwas ist gekippt.
Wir müssen diese Flasche loswerden, sage ich zu Rob, der noch immer mit dem Schampus in der Hand neben mir steht und den anderen Arm um mich gelegt hat.
Am liebsten wäre ich jetzt einfach zu Hause, in unserer Wohnung in Brüssel. Aber wir sind hier, in einer Dreizimmerwohnung am Deich, dem Feriendomizil eines wohlhabenden Unternehmerpaars. Sie haben einen Hund, einen sehr großen, der leere Korb im Wohnzimmer hat den Durchmesser eines Hula-Hoop-Reifens.
Hätte Mama uns eine gute Nachricht geschickt, dann hätte ich sie überall aufnehmen können, am Rand eines schlummernden Vulkans oder sogar auf der Toilette eines mittelmäßigen Cafés, aber diese Mail hätte ich doch gern zu Hause gelesen, einem Ort, in dem sich meine Maße in Jahren eingeschliffen haben, einem Ort, der geneigt ist, sich um mich zu schmiegen.
Wir sagen Leni Bescheid, dass wir umständehalber etwas später erscheinen werden, und kehren zum einzigen fußläufig erreichbaren neutralen Terrain zurück, der Dreizimmerwohnung, in der unsere geöffneten Kulturtaschen und Koffer stehen.
Etwas ist wirklich gekippt, sage ich noch einmal zu Rob, als wir im Lift aneinandergelehnt stehen.
Er fordert mich auf zu beschreiben, was ich mit »gekippt« meine, was mit »etwas«.
Etwas Bedeutsames in mir ist zerplatzt, oder nein, etwas hat sich über mich gelegt, so wie Blau sich über Gelb legen kann und dann zu Grün wird, oder nein, es ist, als wäre ich mitten auf der Straße von einer unsichtbaren Hand gepackt worden, die mich zerknüllt und dann wieder glattgestrichen und zurückgestellt hat, oder: Das Spiel ist aus, das Licht ist angeknipst, irgendwie so – nein, siehst du, das genau meine ich ja, ich kann es nicht benennen, und das ist es vielleicht, was ich mit Kippen meine, es ist mir in den letzten zehn Jahren nie passiert, dass es mich nicht erleichtert hätte, etwas zu benennen, dass die Sprache so versagt, so wenig Gegengewicht bietet.
Die Wohnung ist geräumig, aber vor allem in der Tiefe, ein Zimmer hat Meerblick, hinter einer schwarzen Scheibe mit einer tiefen Fensterbank aus Marmor, wodurch das Meer wie eingefasst von einem schweren Rahmen an der Wand hängt. Drinnen gehe ich sofort dorthin. Dieser Schock, zu dem gehört eine Ferne, ein Horizont, so dass mein Blick in die Weite schweifen, eine große Entfernung zurücklegen kann, nicht gleich an eine Wand stößt und wieder zu mir zurückkehrt.
Also Krebs, möglicherweise metastasiert.
Im Leben und in der Ehe meiner Mutter sind Dinge selten positiver ausgefallen als gedacht. Beim ersten Kuss mit meinem Vater stieß sie so hart mit ihm zusammen, dass sie ein Stück ihrer beiden Schneidezähne einbüßte – wenn ein Kuss schon solche schlimmen Folgen hat, warum sollten die Geschwülste dann alle drei gutartig sein?
Bei meinem zweiten Versuch geht Mama ans Telefon. Schon viel öfter hat sich zwischen meinem Handy und ihrem mittels Funkmasten und Netzen eine Verbindungslinie gebildet, doch noch nie so wie jetzt, diese Linie ist direkt und schnurgerade, das Universum hält eine Bahn, einen Pannenstreifen für das erste Gespräch zwischen Kindern und ihren an Krebs erkrankten Eltern frei.
Auch Mama traut sich, durch den Schock Raum einzunehmen, den sie noch nie zuvor eingenommen hat, es ist lange her, dass ich sie so nüchtern erlebt habe. Keine Umschweife, keine Scheinmanöver, sie spricht laut und schnell, verwendet nicht mehr Worte als nötig, aber zum ersten Mal auch nicht weniger.
Wie sie sich fühle (es dringe noch nicht ganz zu ihr durch), sei sie jetzt zu Hause oder bei ihrem Geliebten (zu Hause, Walter arbeite für den Rest der Woche, heute die Spätschicht), sei Papa ein bisschen lieb zu ihr (nicht wirklich) und habe sie schon länger etwas gespürt (ja, schon vor Monaten hätte sie dem Hausarzt gesagt, dass sie da etwas spüre, wie wenn das Essen nicht mehr hinunter wolle, und erst als sie das Gefühl gehabt habe zu ersticken, habe sie eine Überweisung für eine Gastroskopie bekommen, und ja, der Rest sei jetzt also bekannt), das sei dann aber doch fahrlässigvon dem Arzt (sich darüber aufzuregen würde nichts mehr ändern).
Das Gespräch über die Biopsiebefunde hat sie um eine Woche verschoben, damit sie noch ein paar Tage mit Walter wegfahren kann, sich noch mal kurz in der Hoffnungwiegen, es werde schon nicht so schlimm.
Je näher ich am Fenster stehe, umso besser sehe ich das getrocknete Salz auf der Scheibe; kleine Flecken im Bild. Die Eigentümer hatten gesagt, es könne nicht schaden, die Fenster zu Beginn unseres Aufenthalts zu putzen, dann hätten wir selbst noch was davon. Wir haben es natürlich vergessen, oder nein, wir haben es nicht vergessen, die Vorstellung,man könnte die Scheiben ja putzen, reicht uns offenbar, um uns nicht über den Schmutz zu ärgern. Ich verlagere meinen Fokus von den kleinen Salzflecken auf die dahinterliegende Tiefe. Das Meer lässt sich immer schwerer vom pechschwarzen Himmel unterscheiden, hier und da springt eine weiße Welle aus der dunklen Masse hervor, das Wasser besteht aus kleinen Mündern, die abwechselnd die Zähne blecken.
Mama, sage ich, wir müssen anfangen, miteinander zureden, ich denke, wir haben noch nie einfach ehrlich miteinander geredet. Ich möchte dich noch so viel fragen, ich habe dir viel zu lange alles Mögliche übel genommen, damit will ich jetzt aufhören.
Das ist gut, sagt sie.
Rob knipst auf Zehenspitzen, um nicht zu stören, die Lampen an.
Plötzlich passen das ganze Meer, der ganze Strand, diese kilometerlange Weite in ein Zimmer. In einen Esstisch, sechs Schalensessel, eine Buddhafigur, einen Hundekorb.
Wie lange habe ich eigentlich damit zugebracht, auf Distanz zu gehen? Ich suche schon ungefähr genauso lange Distanz zu ihr, wie meine Abhängigkeit von ihr dauerte.
Ich sage Mama nicht, wie lächerlich ich mich fühle. Was hatte ich gedacht, dass ich alle Zeit und allen Raum bekommen würde, dass ein Annäherungsversuch ganz in meinem Tempo vonstattengehen könnte?
Dass eine Tochter-Mutter-Beziehung eine Drei-Akte-Struktur hat, hatte ich das erwartet? Neunzig Minuten, Anfang – Mitte – Ende, 25 Minuten – 40 Minuten – 25 Minuten, damit hatte ich gerechnet, doch jetzt springt das grelle Saallicht bei Minute 60 an, während ich mich gerade mal bei knapp über der Mitte der Geschichte wähnte, die Hälfte des Popcorns habe ich mir noch aufgehoben.
Durch das Gespräch kann ich Mamas Weg während der letzten Wochen rekonstruieren. Wie sie sie verbrachte, ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen, in Erwartung aller Untersuchungsergebnisse. Wie sie die bangen Tage zwischen den Scans und dem Resultat hinter sich brachte.
Dass das Ergebnis negativ sein würde, habe sie bereits geahnt. Sie sei gestern am Meer gewesen, um es in sich einsinken zu lassen.
Gestern?! An welchem Meer?
Ostende, sagt sie.
Aber ich war auch hier, sage ich im Ton von: Hättest das ja sagen können. Du hättest ja anrufen können, oder? Siska war nämlich gestern auch hier.
Ah, Siska war bei dir, sagt Mama. Sie macht wieder dicht.
Ich weiß genau, warum sie dichtmacht.
Vorgestern war Siska bei Mama und Papa mit der Neuigkeit, dass sie heiraten wird, dass sie sie aber nicht zur Feier einladen wird, sie sind nur beim Frühstück und im Rathaus willkommen.
Zehn Jahre lang hat meine Schwester ihre Verlobung hinausgeschoben, weil sie nicht wusste, was sie mit Mama und Papa bei der Hochzeitsfeier machen sollte: In ihrer Gegenwart würde sie sich den ganzen Tag lang angespannt fühlen, und sie will ihren Eröffnungstanz tanzen können, ohne zu meinen, die beiden im Auge behalten zu müssen.
Mama war also am selben Strand wie wir, ihre beiden ältesten Töchter – sie allein mit diesem schweren Urteil, wir alle Pläne für das große Fest bekakelnd, von dem sie gerade ausgeschlossen worden war.
Während ich mit Mama telefonierte, hat Siska mir eine Nachricht geschickt: »Ich komme mir wirklich wie eine schlechte Tochter vor. Aber jetzt kann ich Mamas gelassene Reaktion von vorgestern besser einordnen.«
Wir klingeln am Europa-Zentrum, fahren mit dem Lift in die vierzehnte Etage zu dem Apartment, für das wir den Vertrag gleich unterschreiben werden. Es wird uns als Schreibraum dienen, um dem lärmenden Brüssel von Zeit zu Zeit zu entfliehen. Leni wartet schon seit über einer Stunde auf uns. Wir schweben durch den Liftschacht nach oben, durch die Wirbelsäule dieses Wohnturms, oder nein, wir bewegen uns durch die Speiseröhre, wir sind der Bissen, der in die falsche Richtung rutscht.
Rob hält die Schampusflasche in der Hand.
Das Apartment wird mitsamt der Einrichtung verkauft, darunter ein Auping-Bett mit automatisch verstellbarem Kopfende wie bei einem Krankenhausbett.
Weil ich als Einzige Acrobat Reader installiert habe, lesen wir den Vertrag noch einmal durch und unterschreiben ihn auf meinem Computer. Vorhin in der Wohnung habe ich bewusst nicht im Netz nach Prognosen gesucht, und ich nehme mir vor, das auch für den Rest des Abends nicht zu tun. Google wird mir exakt erzählen können, wie Mamas Verfall vor sich gehen wird. Fotos, Tabellen, Zeichnungen, Grafiken, Berichte von Schicksalsgenossen.
Schau, wie schön erleuchtet die Schiffe sind, sagt Rob.
Die Aussicht von diesem Wohnturm ist beeindruckend, man könnte fast vergessen, dass der größte Teil der dreiunddreißig Etagen noch über uns liegt. Es ist halb acht, und der Stadt ist anzusehen, dass es kalt ist, dass alles sich mehr anstrengen muss, die normale Entfernung zu überwinden – das Licht des Leuchtturms zum Beispiel, aber auch mein eigener Blick kostet mich mehr Mühe. Als ich spüre, wie die Kälte vom Fenster vor mir abstrahlt, bedauere ich es, dass ich meinen Blick so durch diese unwirtliche Luft schicke, dass ich ihn nicht warm einpacken kann.
Du wirst Abschied nehmen können, sagt Leni, du wirst in aller Ruhe darüber nachdenken können, was du ihr noch sagen willst – es hört sich fast nach einer Bedrohung an. Natürlich, es gibt Menschen, denen ein Abschied nicht vergönnt ist, bei denen ein Angehöriger auf einen Schlag weg ist, ohne Ankündigung, zum Beispiel durch einen Unfall – Leni kennt einige dieser Menschen persönlich, und so weiter und so fort, und ich weiß, was Leni versucht: Sie will vergleichen, sie will Dinge auf die Waagschale legen, um den Kummer auf meiner Seite ein wenig nach oben steigen zu lassen, aber das traue ich mich noch nicht, ich traue mich nicht, Bewegung in etwas zu bringen, was ich selbst noch nicht beschreiben kann.
Ich rufe erst Siska an, dann Tiny und dann Jules. Wir spekulieren drauflos, als müssten wir hier außer unserem Kummer auch unser ganzes Geld einsetzen. Da wir Mama kennen, sagen wir alle vier, ist es noch viel schlimmer, als wir denken.
Plötzlich fällt mir auf, dass ich den ganzen Abend im Gespräch mit Leni von »meiner Mama« gesprochen habe, nicht von »meiner Mutter«.
In den vergangenen Jahren habe ich immer Mutter gesagt, um die Distanz, die es da gab, anderen gegenüber sichtbar machen zu können; meine Mutter dies, meine Mutter das.
Dies ist das Kippen, das ich in meinem ganzen Körper spüre und das bis in meine Sprache reicht, auch wenn sich der Unterschied auf ein paar Buchstaben beschränkt, auf trotz und dank, zwei Präpositionen, die bestimmen, auf wen sich die Dankbarkeit richtet: auf sie oder eben nicht auf sie. Eine Mutter ist diejenige, trotz der man existiert, eine Mama ist diejenige, dank der man existiert.
In der Gastwohnung schlafen wir im Kinderzimmer. Es gibt ein Waschbecken in der Ecke, einen Schreibtisch, ein hohes Fenster, ein französisches Bett. Ich bin wach, hellwach, zu sehr in Panik, um schlafen zu können.
Ein paar Stunden später, als Rob, den warmen Körper an mich geschmiegt, einschläft, tut sich in der Mitte meines Kummers eine kleine Luke auf, und aus ihr kommen sie alle gekrochen, die Mamas, vorsichtig, zurückhaltend, altrosa und zerknittert und staubig und unbenutzt, sie kriechen heraus, die zusammengerollte Erinnerung unter dem Arm, in der sie auftreten und mit der sie sich schon seit Jahren im geheimen Kellerversteck verbargen, untergetaucht vor meiner Enttäuschung. Jetzt ist die Luft rein, und sie rollen die Erinnerung aus, spielen sie Stück für Stück nach: die Mama, die im Winter Kakao in den Glasschälchen mit den beiden Henkeln machte, die Mama, die die Obstschale füllte und die überreifen Kiwis und Aprikosen zur Seite legte, die Mama, die Zeitschriften auf der Suche nach Kleidern durchsuchte, die sie für uns nähen wollte, die Stunden in 3 Suisses blätterte und Listen davon machte, was sie für jeden von uns kaufen könnte, die Mama, die bei guten Zwecken immer großzügig war, die 11.11.11-Kalender kaufte und ein Patenkind bei Plan International hatte und irgendwo auch noch einen adoptierten Elefanten, die Mama, die eigens Reis kochte, um uns das trübe Kochwasser vorzusetzen, wenn wir Durchfall hatten, die Mama, die mittwochs mit uns in die Bibliothek ging oder uns in den Bastelladen im Dorf mitnahm, wenn wir genug Taschengeld für Inlineskates oder Bügelperlen oder Farbe gespart hatten, die Mama, die an der Nähmaschine saß und mit ihrem Fuß auf dem Pedal das leise Rattern hervorbrachte, ein heimeliges Rattern, das ab und an unterbrochen wurde, um einen Faden abzuschneiden, die Mama, die im Winter Fettknödel aufhängte und sich ausgelassen freute, wenn ein Vögelchen daran pickte, die Mama, die selber Brot backte, erst mit der Hand, später in einer Brotbackmaschine, und die fluchte, weil der Knethaken ein großes Loch in der Krume hinterließ, die Mama, die Salzstangen aß, nachdem wir im Bett waren, und sich nicht einmal bemühte, sie zu verstecken, wenn man mit einem Albtraum nach unten kam, die Mama, die sich jeden Winter vornahm, den Postboten für einen Teller Erbsensuppe hereinzubitten, sich aber kein einziges Mal traute, die Mama, die Wochen, bevor Gäste kamen, Kochbücher durchforstete, die Mama, die im Sommer den Rhabarber im Auge behielt und die reifen Stängel für uns abschnitt, die Mama, die Fotos ins Album klebte und einen Kommentar dazuschrieb, während ich auf dem Stuhl gegenüber saß und zuschauen durfte, solange ich den Mund hielt, die Mama, die in einer Buffetschublade unsere Neujahrsbriefe aufbewahrte und auch ein Schälchen mit Kleingeld füllte, aus dem wir uns etwas für ein Getränk in der Schule nehmen durften, und die nicht kontrollierte, ob wir tatsächlich ein Getränk davon kauften oder unser Taschengeld damit aufstockten, die Mama, die unbegreifliche Spitzen-BHs trug, die ich mir vor dem Spiegel vorhielt, die Mama, die immer große zerknüllte Taschentücher bei sich trug, um sich die Nase zu schnäuzen, die Mama, die jeden Abend ungefähr zur selben Zeit einen langen Niesanfall bekam, die Mama, die mit allen Arten von Resten noch etwas anzufangen wusste (Stoff, Schnur, Tomaten), die beim Abnehmen der getrockneten Wäsche die hölzernen Klammern vorn in ihre Küchenschürze fallen ließ, die Mama, die es herrlich fand, in der ersten Dezemberwoche Buchstabenkekse durchs Haus zu werfen, um den Eindruck zu erwecken, dass sich der Nikolaus ständig in der Nähe unseres Kaminschornsteins verborgen hielt.
Mama schläft jetzt bestimmt auch. Meistens ist das ein guter Gedanke, mit diesem Gedanken im Hinterkopf kann ich mich nachts schon seit Jahren besser konzentrieren, besser schreiben, dann brauche ich mir keine Sorgen mehr um sie zu machen, dann brauche ich mich kurzzeitig nicht deswegen schuldig zu fühlen, dass es mir in so vielerlei Hinsicht besser geht als ihr.
Jetzt aber finde ich es ein so einsames Bild, dass sie eingeschlafen ist, neben meinem Vater, mit diesem Tumor in ihr, der weiter wächst. Schläft ein Tumor jemals, oder ist es ein aufgerissenes Augenpaar, das auf einen unbewachten Moment wartet? Wächst er nachts weiter, weil der Körper sich im Schlafzustand befindet, niemand zu Hause ist, oder wächst so ein Tumor gerade tagsüber, wenn man große Anstrengungen unternimmt, die die ganze Energie auffressen, so dass nur wenig Energie übrig bleibt, um sich gegen die Widersacher im Inneren zur Wehr zu setzen?
Es ist drei Uhr nachts, und meine Gedanken sind zu so vielen, als hätte sich der Kummer entzündet, er pocht, pulsiert.
Mama sollte im kommenden Frühjahr zum ersten Mal Oma werden, denn Jules und seine Freundin, die aus einer früheren Beziehung bereits einen kleinen Sohn hat, erwarten jetzt ein gemeinsames Kind, nein Lize, sie wird im kommenden Frühjahr Oma werden, sie wird ihr Enkelkind noch kennenlernen, und was ist mit Walter, bleibt er oder wird er zusehen, dass er fortkommt, und wird sie dann demnächst geschieden und mit Liebeskummer sterben, und was ist mit ihren Schneidezähnen, den beiden Implantaten, die sie sich vor kurzem hat einsetzen lassen, ein Eingriff, den sie sich schon seit vierzig Jahren wünschte, der aber lange zu teuer war (diese ganze Zeit über hat sie sich mit einer herausnehmbaren Prothese beholfen, bis jetzt, jetzt hat sie endlich eine Reihe vollwertiger Schneidezähne, über viertausend Euro haben die Dinger gekostet); aber wenn sie nun bloß noch ein paar Wochen oder Monate hat, dann kommt man auf zig Euro pro Tag, und wenn sie demnächst von der Chemo zu krank sein wird, um zu essen, dann denkt man doch auf jeden Fall, hätte ich diese Zähne zu fünfzig Euro pro Tag nur sein lassen, so viel war Mama sich selbst nie wert, und das Gleiche gilt für ihren neuen Satz Demeyere-Induktionstöpfe, kocht jemand mit Speiseröhrenkrebs überhaupt noch oder braucht man dann eher einen guten Mixer, und wenn man dann den Preis von so einem Topfsatz ausrechnet, in dem man nur zwanzigmal kocht, hätte sie dann nicht besser jeden Tag in einem ordentlichen Restaurant essen gehen können, anstatt diese Töpfe zu kaufen, ich müsste den genauen Preis heraussuchen, und Rob neben mir, der erkennbare Geruch seines Schweißes, das Rascheln meiner Nackenhaare unter seinem Atem, er hat den Arm um mich geschlungen, wie um Himmels willen passt sein Arm um mich herum, wie um Himmels willen passe ich in diesen Körper, warum um Himmels willen liebt er diesen Körper, diesen hässlichen dröhnenden kilometergroßen Brustkorb, gleich platze ich, explodiere ich, meine Füße fliegen bis nach England, ich wühle mich unter seinem Arm hervor, das Tröstliche, das von ihm ausgeht, ist unerträglich, ich weiß genau, dass Mama jetzt keinen Arm um sich hat, sie liegt neben meinem Vater, und die beiden berühren einander, soweit ich weiß, schon seit Jahren nicht mehr, er liegt schnarchend da mit einer Schlafapnoemaske auf dem Gesicht, ich muss weg aus diesem fremden Zimmer, weg von Rob, muss mich dieser Angst allein stellen, schauen, ob ich dann aufhöre zu existieren, draußen ist das Meer, und frische Luft, eine Fläche, die wie auch immer da ist, ich muss dorthin, muss ins Meer; etwas Gefährliches tun als Gegengewicht zu der Gefahr, in der Mama sich jetzt befindet, mich selbst mit aufs Spiel setzen, aber ich will Rob nicht wecken, um ihm mitzuteilen, dass ich zum Strand gehe, denn er wird das für Unsinn halten oder sich genötigt fühlen, mitzugehen, mit seinen mageren Beinen im Schlafanzug auf den kalten Deich steigen, das will ich ihm nicht antun, aber allein gehen, ohne etwas zu sagen, und er schreckt dann hoch und kann mich nirgends finden, das kann ich ihm auch nicht antun.
Ich verlasse das Zimmer geräuschlos. Öffne das Fenster im Wohnzimmer. Es ist Flut, in der Ferne viele Schiffe, sie reihen sich alle ein, um in Seebrügge einzulaufen, rechts von ihnen sind die roten Blinklichter des Windmühlenparks im Meer, sie leuchten auf und gehen aus, leuchten auf und gehen aus.
Ich muss es wissen. Ich widerstehe dem Googeln nicht, will mir das Schlimmste nicht ausdenken müssen, meine Phantasie reicht immer weiter als die Wahrheit.
Metastasierter Speiseröhrenkrebs Lebenserwartung.
Die Suchergebnisse zu durchforsten ist schwierig, da ist Widerstand, aber ich will schnurstracks gegen diesen Widerstand angehen, will weiterklicken. In dem stockdunklen Raum voller Spinnen und Nadeln muss ich tastend auf die Suche nach einem Lichtschalter gehen.
Ich kann eigentlich nicht glauben, dass es jetzt wirklich passiert, dass sie sich nach all den Jahren doch noch trennen und für sich wohnen werden. Als würde vor deinen Augen eine Kuh von einem Blitz in zwei Teile gespalten, und beide Hälften spazieren davon, rechte und linke Seite, jeweils auf zwei Beinen, in verschiedene Richtungen.
Die Trennung bedeutet, dass ich sorgfältiger nachdenken muss. Meine Aufmerksamkeit besser verteilen, beide Hälften gleich oft streicheln, denn ein Klaps auf die linke Flanke gilt nicht mehr für das ganze Tier.
In meinen Gedanken öffnet sich eine Excel-Datei, die ich in zwei Spalten aufteile: Rufe ich meine Mutter an, mache ich ein Kreuz in ihre Spalte, dann muss ich mich hinterher auch bei meinem Vater melden, damit ich auch bei ihm ein Kreuz machen kann. Schon bald merke ich, dass es eigentlich nicht zwei Spalten sind, sondern drei, die dritte ist für den Krebs, und da mache ich fast alle Kreuze rein, während mein Vater keine Krebsspalte hat.
In der Familien-WhatsApp-Gruppe Spitjes, die ich vor ein paar Jahren eingerichtet habe (und mal mit dem Emoji eines Hühnerbeins versehen habe, weil Mama früher, wenn sie in einem Geschäft oder am Telefon nach dem Familiennamen ihrer Kinder und ihres Ehemanns gefragt wurde, mit sardonischem Vergnügen diktierte: »S-P-I-T, Spit, wie der Spieß, an dem man Hühner brät!«), wird es von der Mitteilung über die Scheidung an mäuschenstill, niemand traut sich noch, meine Mutter nach etwas zu fragen, was mein Vater nicht wissen darf, und umgekehrt, und so ergreife ich die Initiative und teile Spitjes in zwei Gruppen auf, Mama&Kids und Papa&Kids. Diesmal keine Emojis.
Nur die Bruder&Schwestern-Gruppe, die einst zusammen mit Spitjes eingerichtet wurde, behält ihre Funktion: Live-Kommentar geben zu dem, was in den Gruppen mit unseren Eltern passiert. In ihrer Anwesenheit spielen wir die Rollen, die uns als Kindern zugedacht wurde, Bruder&Schwestern ist der Verdauungskanal, da sind wir, so gut wir können, wir selbst, da findet der parallele comic relief statt, um die Selbstleugnung zu verarbeiten, die unsere Eltern von uns erzwingen.
Von zwei WhatsApp-Gruppen zu vier. Das Hühnerbein rutscht immer weiter nach unten in meiner Übersicht, verschwindet außer Sicht.
Die Scheidung meiner Eltern ist, so vage die Durchführung und eventuellen Konsequenzen auch noch sein mögen, das Klarste, was für die kommenden Monate geplant ist, jeder wird sich beim anderen löschen. Wie sehr sich der Krebs ausgebreitet hat, ob und wie man ihn wegnehmen wird, bleibt im ersten Monat unklar.
Es gilt zu warten, bis alle Scans gemacht und alle Gewebeproben entnommen sind, bis alle Informationen vorliegen, bis ein konkreter Behandlungsplan aufgestellt werden kann.
Die erste Nachricht, die uns erreicht, ist wieder, so lässt meine Mutter uns wissen, »unangenehm« (die Geschwulst im Magen ist eindeutig bösartig und steht in Verbindung mit dem Tumor in der Speiseröhre), andererseits aber fügen die Ärzte doch wieder ein wenig Hoffnung hinzu, als wäre »Unheilbarkeit« ein Begriff, über den sich noch verhandeln lässt: Wenn es bei dieser einen Metastase bleibt, sagen sie, und die beiden anderen entfernten Knoten harmlos sind, können sie vielleicht doch noch operieren.
Je schlechter die Prognosen werden, umso stärker wird Mama von der Scheidung durchdrungen.
Von Anfang an hat sie beschlossen, möglichst wenig über ihre Krankheit mit meinem Vater zu teilen. Sie sehe es schon vor sich, sagt sie; wenn er zu den Terminen bei der Onkologin mitkäme, würde er sofort mit Block und Kugelschreiber dasitzen und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Auch ich sehe vor mir, wie er die ganze Sache mit einer Gründlichkeit angehen wird, die im Grunde eine Machtdemonstration ist.
Mama will es nicht nur ohne Papa machen, nein, sie will alles ganz allein durchziehen: Auch wir Kinder dürfen sie nicht zu den Arztgesprächen begleiten, und Walter will sie auch nicht dabeihaben.
Ich versuche, mir das Sprechzimmer der Onkologin vorzustellen, die Farben, die Wanddekoration. Zwei Stühle mindestens, nehme ich an. Sie geht allein hinein, kann jedes Mal zwischen dem Stuhl links und dem Stuhl rechts der Ärztin gegenüber wählen, die sie die schlechten Nachrichten schlucken lässt, mit so oder so einem leeren Stuhl neben sich.
Mama, betone ich jede Woche, bist du dir sicher, dass du allein hingehen willst, du brauchst es nicht allein zu tun, sag mir Bescheid, und ich nehme sofort den Zug nach Mortsel.
Sie sagt nicht Bescheid, gibt nicht mal den kleinsten Mucks von sich.
Einen Tag belastet mich die Vorstellung, dass sie uns schonen möchte, mit Schuldgefühlen, am anderen macht es mich böse, weil dies die eigensinnige Art und Weise ist, wie sie mit allen Problemen in ihrem Leben umgegangen ist: keine Hilfe von anderen suchen, ohne sich zu überlegen, dass Fürsorge zuzulassen auch ein Beweis von Fürsorge für den anderen sein kann, weil man ihm so einen Teil seiner Ohnmacht nehmen kann.
Definitiver Befund Mama steht unter dem 13. Januar in meinem Kalender notiert. Der dreizehnte ist ein Donnerstag. Zwischen der Mail mit der Mitteilung und dem endgültigen Urteil liegen eineinhalb Monate.
In diesen sieben Wochen lerne ich zweierlei Art Warten voneinander zu unterscheiden. An den Tagen, an denen Ergebnisse mitgeteilt werden sollen, ist das Warten anders, von spezifischerer Art, als an den Tagen, an denen gar keine Arzttermine geplant sind. Abwarten, erwarten, beim Wechsel zwischen den beiden schleicht sich immer wieder Hoffnung ein.
Der Knoten, den sie mir aus dem Hals geschnitten haben, sagt Mama, das ist bestimmt kein Krebs, den habe ich schon seit Jahren, das ist nur eine kleine Drüse oder ein Fettklümpchen oder so.
Am dreizehnten wache auch ich voller Hoffnung auf, und es erstaunt mich, dass eine kleine Drüse so vielversprechend sein kann, aber vielleicht ist es eine kalkulierte Hoffnung, die letzte Möglichkeit, einen Blick auf eine ferne Zukunft zu erhaschen, bevor die Tür dorthin für immer geschlossen wird.
Die Tür fällt tatsächlich ins Schloss: Auch der entfernte Knoten ist eine Metastase und sogar in einem fortgeschrittenen Stadium. Es wird entschieden, nicht zu operieren und mit einer palliativen Behandlung zu beginnen, um die Zeit, die ihr noch bleibt, zu verlängern.
Donnerstags ist die Onkologin im Krankenhaus, die Donnerstage werden Mamas Chemotage werden. Es gibt vier Arten von Chemos, mit denen sie es versuchen können, die erste wird mit einer Immuntherapie kombiniert werden, in der Hoffnung, das Wachstum der Zellen zu bremsen.
Diesmal ist es ein Schlag, kein Kippen.
Weil sie bei den Konsultationen allein ist und eine Menge Informationen auf sie einströmen, muss sie uns auf fast jede praktische Frage die Antwort schuldig bleiben. Es war wirklich viel, was man auf einmal behalten soll, sagt sie.
Haben sie dir eine Idee von der Prognose gegeben?, fragen wir.
Nein, schreibt sie, hab nicht danach gefragt.
