BattleTech - Eine clevere kleine Geschichte - Michael A. Stackpole - E-Book

BattleTech - Eine clevere kleine Geschichte E-Book

Michael A. Stackpole

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Beschreibung

EINE BRISANTE MISCHUNG AUS POLITIK UND GEFAHR … Morgan und Patrick Kell, die Gründer der Kell Hounds-Söldnereinheit, sind auf dem Höhenflug. Zuerst hatten sie einen Verbrecherkönig gestürzt, der über den Söldnerstern Galatea geherrscht hat, dann haben sie diese Welt gleich noch einmal vor einem religiösen Eiferer gerettet, der versucht hat, die Regierung solange auszuhungern, bis sie sich seiner neuen Theokratie unterwirft. Ganz nebenbei haben sie dann auch noch ein Spitzenteam aus Mechpiloten, Techs und Bodentruppen um sich versammelt, die aus den Kell Hounds eine der führenden Söldnertruppen in der Inneren Sphäre machen werden. Als die Hounds nun von der Archon angeheuert werden, um ein Militärmanöver mit Prinz Ian Davions Streitkräften abzusichern, das als Machtdemonstration gemeinsamer Stärke des Lyranischen Commonwealth und der Vereinigten Sonnen gedacht ist, glaubt Morgan, dass er sich jetzt ein bisschen entspannen kann und zugleich die Gelegenheit bekommt, den schillernden Anführer der Vereinigten Sonnen kennenzulernen. Doch als dann eine schlagkräftige Gruppe von Raidern auf Zavijava landet, sieht er sich mit zwei Bedrohungen auf einmal konfrontiert – die Invasoren müssen daran gehindert werden, den Planeten zu verwüsten, und dabei gilt es zugleich auch noch Prinz Davion zu beschützen. Das wahre Problem ist jedoch, dass Morgan vor einer riskanten Wahl steht, noch bevor die Kämpfe beendet sind … wobei es möglicherweise um die Machtbalance in gleich zwei der Großen Häuser geht …

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Seitenzahl: 252

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Titel

Michael A. Stackpole

Eine clevere kleine Geschichte

Aufstieg der Kell Hounds III

Impressum

Yellow King Productions

Titelbild: Catalyst Game LabsRedaktion: Mario WeißÜbersetzer: Hartwig Nieder-GasselLektorat & Korrektorat: Mario Weiß, Michael Sellmeier, Christopher Denis, Thomas DoblingerLayout: Michael Mingers

©2026 The Topps Company, Inc. All rights reserved. Classic BattleTech, BattleTech, BattleMech and ’Mech are registered trademarks and/or trademarks of The Topps Company Inc. in the United States and/or other countries. Catalyst Game Labs and the Catalyst Game Labs logo are trademarks of InMediaRes Productions, LLC.

Deutsche Ausgabe Yellow King Productions, Neuöd - Gewerbepark 12a, D-92278 Illschwang unter Lizenz von INMEDIARES PRODUCTIONS, LLC., also doing business as CATALYST GAME LABS.

Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags erfolgen.

Produkt-Nr.: YKBT003E-Book-ISBN: 978-3-98732-097-2

1

DIE NAGELRING

DISTRIKT DONEGAL, THARKAD

LYRANISCHES COMMONWEALTH

15. NOVEMBER 3010

Morgan Kell stand auf der Außenmauer der Nagelring und schaute hinaus auf die Berge. Der Wind trieb Schnee in zerrissenen Fahnen vor sich her, entblößte auf diese Weise schwarzen Fels. Freiliegendes Gestein glitzerte mit scharfen, wie glasiert wirkenden Kanten, als ob es zu Speerspitzen geschlagen worden wäre, dann wurde es erneut von einer weiteren Decke aus Weiß verborgen.

Er lächelte. War das alles wirklich schon sechs Jahre her? »Meine Kumpel und ich haben uns immer genau hier getroffen, um uns die Berge anzuschauen, Veronica. Wir haben uns dann geschworen, bis ganz nach oben zu klettern, egal bei welchen Wetterbedingungen. Und der Umstand, dass jedes Jahr ein Dutzend Leute bei genau so einem Vorhaben ums Leben kam, hat uns dabei kein bisschen gestört.«

Während er sprach, blies der Wind seinen dampfenden Atem fort und biss ihm in die Wangen. »Ist es nicht wunderschön?«

»Mmmmpf.«

Er wandte sich um und lächelte noch breiter, trotz der Taubheit in seinem Gesicht. Veronica Matova bibberte an seiner Seite. Die pelzbesetzte Kapuze war fest zusammengeschnürt und ein Schal umwickelte das Gesicht, so dass nur noch ihre blauen Augen frei blieben. Der Daunenparka mummelte sie dick ein, konnte aber trotzdem nicht das Zittern verbergen, das ihren schlanken Körper schüttelte. Ihre Hände steckten in einem Pelzmuff und der Gips um ihren linken Fuß wurde von einem gepolsterten Stiefel verborgen.

»Das tut mir leid, Liebste. Du kommst ja von Galatea, dir muss ganz kalt sein.«

Ihre Augen bewegten sich auf und nieder.

Morgan lachte und führte sie mit einem um ihre Schultern geschlungenen Arm zum nächstgelegenen Turm. Er stieg vor ihr die eiserne Treppe hinunter und musste sich eingestehen, dass die Eiseskälte des Geländers in der Tat auch durch seine Handschuhe drang.

Im Erdgeschoss des Turms angelangt geleitete er sie in das Hauptgebäude und schlug ihre Kapuze zurück. Sie schüttelte einmal ihren Kopf, befreite so eine Kaskade aus goldenem Haar, sagte aber noch immer nichts.

Er zog den blauen Schal nach unten. »Deine Zunge wird ja wohl kaum eingefroren sein.« Sein Lächeln kehrte zurück. »Aber falls doch, na ja … ich hätte da schon eine Idee, wie man sie wieder auftauen könnte.«

Veronica zog sich den Schal wieder hoch bis über die Nase. »Wenn sie eingefroren wäre, Morgan Kell, hättest ganz allein du die Schuld daran. Und es würde mir ganz bestimmt nicht einfallen, dich dann auch noch mit einem Kuss dafür zu belohnen.«

»Belohnen? Ich möchte doch keine Belohnung.« Morgan schüttelte voller Ernst den Kopf. »Ich hatte lediglich an den medizinischen Nutzen eines Kusses gedacht …«

»Netter Versuch, Soldat. Schau, wenn ich in Zukunft sage ‚Nein, ich möchte wirklich nicht nach draußen‘, dann nimm mich bitte beim Wort, okay?« Sie zog die Hände aus dem Muff, streifte übergroße Fäustlinge ab und brachte auf diese Weise ihre behandschuhten Hände zum Vorschein. »Ich habe – zähl ruhig mit – vier Schichten übereinander gezogen, und mir ist immer noch kalt.«

»Ich würde diese Schichten nur zu gerne einmal nachzählen, eine nach der anderen …«

Veronica rollte mit den Augen. »Du bist so dermaßen leicht zu erregen …«

»Und dafür liebst du mich?«

»Tue ich das?«

»Tust du das nicht?«

»Sollte ich denn? ‚Komm doch mit mir, Veronica, schau dir das Commonwealth an und erfriere.‘«

Morgan umschlang sie mit seinen Armen und zog sie fest an sich. »Ich habe dir aber glaub’ ich ganz andere Reize versprochen.«

»Das ist jetzt nicht die Zeit für Haarspaltereien, Morgan.«

»Ach ja, stimmt, es geht ja ganz allein um dich.«

»Exakt.« Ihre Augen leuchteten voller Wärme und ein Finger zog den Schal bis zum Kinn herunter. »Mir ist kalt, und ich kann auch nichts dagegen machen, solange ich mich nicht – na ja, du weißt schon – mit Kartoffelpuffern mäste und so eine Wuchtbrumme werde wie – «

Morgan drückte ihr einen Finger auf die Lippen. »Ähem, wir sollten nicht schlecht über unsere Gastgeber reden.«

Nachdem sie in dem System angekommen waren und sich Holovisionsübertragungen angesehen hatten, war Veronica aufgefallen, dass der Inbegriff femininer Schönheit, den die Sendungen vermittelten, eher auf der stämmigen Seite zu finden war. Als Morgan ursprünglich an die Nagelring gekommen war, hatte dies ein bisschen Gewöhnung erfordert, doch die weiblichen Kadetten an der staatlichen Militärakademie des Lyranischen Commonwealth erwiesen sich als athletisch. Andere Frauen hingegen waren eher mollig und kurvenreich, was – so jedenfalls wurde es in populären Geschichten und Liedern vermittelt – dazu beitrug, die langen Winternächte sehr viel wärmer zu gestalten.

»Natürlich hast du recht. Es ist kalt hier. Ich habe das nur nicht so gemerkt, weil …«

»Weil du ein Mann bist und so etwas nicht mal unter Androhung von Folter zugeben würdest?«

Er hob eine Augenbraue. »Mal ganz abgesehen davon habe ich eine lange Zeit hier an der Schule verbracht. Wir haben beim Wachdienst auf diesen Mauern patrouilliert. Wir haben in diesen Bergen Übungen abgehalten. Ich hatte ja schon die Leute erwähnt, die dort oben verschwunden sind – wir haben dabei geholfen, sie zu finden.«

»Das versteh ich ja.« Sie drückte seinen Arm. »Ich kann auch verstehen, dass die Menschen den Schnee mögen. Sie lieben das Skifahren und den Langlauf. Mir gefällt aber eher die Idee, skigelaufen zu sein und danach mit einem heißen Grog vor dem Kaminfeuer zu sitzen.«

Er schüttelte den Kopf.

»Und damit wir uns nicht falsch verstehen, Morgan, ich liebe dich dafür, dass du mir die Nagelring zeigen willst. Der Umstand, dass sie ein so bedeutender Bestandteil deines Lebens gewesen ist, macht sie auch für mich wichtig.« Sie lächelte sanft und schaute den langen Korridor hinunter, der von Portraits und Gedenktafeln geschmückt wurde, mit Zimmern, die nach Schlachten, berühmten Mechs und legendären Kriegern benannt worden waren. »Ich kann die Geschichte hier spüren, und du weißt, dass ich sie auch zu würdigen weiß. Selbst auf Galatea ist die Nagelring ein Begriff, der Bewunderung genießt. Wenn man auf einen Kampf wettet, fühlt man sich gleich viel zuversichtlicher, wenn der Pilot ein Absolvent der Nagelring ist. Wenn eine Söldnerkompanie rekrutiert, sind die N-Graduierten immer als erste weg, und wenn diese Kompanie von einem N-Graduierten geführt wird, geht man davon aus, dass man sie auch wiedersieht. Graduierten wie dir und deinem Bruder.«

Morgan ergriff sie beim Ellbogen und führte sie in einen der Flure. Nach zwanzig Metern öffnete sich ein Durchgang in der Wand zu einem großen Atrium. Acht Meter unter ihnen glühte die Lobby der Steiner-Halle im Licht der untergehenden Sonne.

Er geleitete sie eine Treppenflucht hinunter zu einer großen Trophäenvitrine. »Schau mal hier.«

»Der Jahrgang von 04, Jahrgangsbester.« Sie gab ihm ein Küsschen auf die Wange, was beträchtlich zu ihrer Erwärmung beitrug.

»Und dort, meine kumulierte Kadettenbenotung, 905,3. Sieh dir auch die anderen aus der Zeit davor an. Keiner von denen hat jemals eine so hohe KKB erzielt.

Sie musterte die Namen. »Und danach auch nicht mehr.«

»Yeah, aber guck mal bei 09.«

»Patrick Kell, 905,291« Veronica lüpfte eine Augenbraue. »Ganz schön ebenbürtig, die Gebrüder Kell.«

Morgan schüttelte den Kopf. »Wenn man sich die Einzelbenotungen ansieht, die zu diesem Wert geführt haben, kann man sehen, dass Patrick mich eigentlich schon nach allen Regeln der Kunst in die Tasche gesteckt hatte.«

»Aber wie …?«

»Er hat in seinem letzten Jahr ein Wahlfach belegt. Musik. Klassische Gitarre. Hat dabei eine 1,8 erzielt. Damit ist er auf 905,291 abgesunken.«

Veronicas Augen verengten sich. »Er hat das mit Absicht gemacht.«

»Er spielt Gitarre, seit er vier ist. Mit zehn hat er einen planetenweiten Wettbewerb auf Arc-Royal gewonnen. Seine Fähigkeiten als Musiker wurden als vorteilhaft verbucht, als es um seine Aufnahme an der Nagelring ging.« Patrick nahm ihre Hand in die seine und drückte sie. »Ich weiß, dass du Brüder und Schwestern gehabt hast, aber ich hatte nur meinen Bruder. Mir war klar, dass er mich bewundert hat, während wir aufwuchsen, aber er war immer noch mein kleiner Bruder. Dementsprechend konnte man das vielleicht auch erwarten, aber als ich von dem hier gehört habe, na ja … ich meine, ich bin schon stolz darauf, was ich hier geleistet habe, aber …«

Veronica lächelte ihn an. »Du hast großes Glück, dass dein Bruder dich so sehr liebt. Und er hat Glück, weil du ihn so sehr liebst. Sch-sch-sch, jetzt bitte kein Macho-Gehabe. Ich war dabei, als du erfahren hast, dass er bei diesem Majii-Überfall verletzt wurde. Ich werde niemals diesen Ausdruck von totalem Entsetzen in deinem Gesicht vergessen.«

Morgan küsste den Finger, den sie ihm vor die Lippen gehalten hatte. »Weißt du, genau denselben Gesichtsausdruck hatte ich, als ich von deiner Verletzung gehört habe.«

»Ich danke dir.« Sie drückte seine Hand. »Und was wolltest du mir sonst noch zeigen, mein Lieber?«

»Wir könnten einen Blick in mein Zimmer werfen.«

»Oh, ich würde mal schätzen, der Spruch hat während deiner Zeit hier das Herz von so manchem Mädel höher schlagen lassen.«

Morgan lachte. »Das wäre der schnellste Weg zu einem Rausschmiss gewesen. Das soll nicht heißen, dass einige es nicht probiert hätten, aber der Ehrendkodex hat so etwas nicht honoriert.«

»Ihr durftet keinen Spaß haben?«

»Doch, das durften wir, aber nur bestimmte Arten von Spaß.« Sie schlenderten von der Lobby aus zu einer Rampe, die hinab in ein Netzwerk von Tunneln führte, die kreuz und quer über den Campus verliefen. »Jeder hier arbeitet darauf hin, ein Offizier zu werden, und jawohl – bitte keine blöden Sprüche jetzt – auch ein Gentleman. Im Grunde genommen dreht es sich immer um Vertrauen. Um ein guter Offizier zu sein, muss man Befehle befolgen können, und andere müssen darauf vertrauen dürfen, dass man zu seinem Wort steht. Keine Armee der Welt kann funktionieren, wenn jeder Kommandeur sein eigenes Ding macht. Und wenn mir jemand sagt, dass seine Einheit meine Flanke decken wird, muss ich mich darauf verlassen können, dass er das auch tatsächlich tut. Wenn Kadetten nicht in der Lage sind, diese Art von Vertrauen aufzubauen, wenn sie sich lieber dafür entscheiden, nur des eigenen Vorteils wegen alle anderen mal kurz zu überflügeln, dann kann man ihnen auch nicht vertrauen, wenn die Strahlen zischen und Granaten fliegen.«

»Das kann ich nachvollziehen. Dieser Ehrenkodex, der hindert dich also am Lügen?«

»Oh ja, kein Witz.«

Sie hielt an und zog an seiner Hand. »Nun denn, Kadett Kell, beantworten Sie mir eine Frage. Und zwar ehrlich.«

»Ja?«

»Möchten Sie mich küssen?«

Morgan lächelte. »Ich denke, du kennst die Antwort auf diese Frage ganz genau.«

Um alles in der Welt wollte er sie küssen. Er kannte sie erst seit knapp einem Monat und hatte noch ganz andere Dinge von ihr gewollt als Küsse, aber auf Galatea waren Küsse gut genug gewesen. Während des Fluges nach Tharkad, der aus mehreren Sprüngen in kurzer Abfolge bestand, hatte Veronica entdecken müssen, dass sie Sprünge durch den Hyperraum nicht sonderlich gut verkraften konnte. Obwohl sie während der Herreise sehr viel Zeit miteinander verbracht hatten, musste die Leidenschaft zugunsten der Praktikabilität in den Hintergrund treten.

Das Merkwürdige war nur, dass er darüber eigentlich ganz froh war, auch wenn ein Teil von ihm diese Situation überaus frustrierend fand. Morgan hatte sich während seiner Zeit an der Nagelring und auch danach durchaus den fleischlichen Genüssen hingegeben. Seine längste Beziehung hielt sechs Monate an und war aufgrund von Umständen zu einem Ende gekommen, die er nicht hatte beeinflussen können. Er war sich nicht sicher, ob das nun Liebe gewesen war oder nicht. Er ging mal davon aus, jedenfalls hoffte er es, aber all das kam ihm inzwischen wie ein Traum vor, so dass er sich nicht sicher sein konnte, dass es tatsächlich Liebe gewesen war, oder ob er sich das nur gewünscht hatte.

Mit Veronica war es ganz anders. Die gegenseitige Anziehungskraft hatte vom ersten Augenblick ihres Aufeinandertreffens an bestanden. Er konnte sie nicht verbergen und ihr ging es genauso. Allerdings hatte Veronica dagegen angekämpft, und die Probleme auf Galatea hatte sie just in dem Moment voneinander ferngehalten, als sie ihre Beziehung eigentlich hätten ausleben wollen.

Vorzeitig ausleben. Diese Beurteilung überraschte Morgan selbst, doch sie war ebenso bedeutsam wie zutreffend. Veronica hätte ihn durchaus ranlassen können, aber er wollte viel mehr. Obwohl sie auch wunderschön war – allerdings verhüllte der Parka ihre körperlichen Vorzüge komplett – waren es doch auch ihr Wesen, ihr Geist, die ihn zu ihr hinzogen. Er glaubte nicht, dass er sie einfach nur retten wollte, vielmehr wollte er sie genau kennenlernen.

Sie hob eine Hand und legte sie ihm ins Genick. »Dann solltest du mich jetzt wohl besser küssen.«

Morgan widerstand noch für die Länge eines Herzschlages, dann ließ er es zu, dass sie ihn zu sich herabzog. Er ließ seine Arme um ihre Flanken gleiten und drückte sie mit dem Rücken an die Wand, hinderte sie mit seiner Brust und seinen Hüften am Entkommen, dann küsste er sie wild und ungestüm. Seine Zunge stieß vor, sie öffnete ihre Lippen, und der Kuss wurde intimer.

Sie schlang beide Arme um seinen Nacken und ihr Becken presste gegen das seine.

Morgan löste sich, keuchend.

Ihre Augen glühten, während sie sich den Mund an einem Handschuhrücken abwischte. »Hast du das hier gelernt?«

»Das war meine Komma-drei.«

Sie lächelte und gab ihm noch einen schnellen Kuss, indem sie sich rasch vorbeugte. »Ich bin froh, dass du so intensiv gebüffelt hast. Und was zeigst du mir als nächstes?«

»Ja.« Morgan nahm sie erneut bei der Hand. Sie fanden ihren Weg durch das Labyrinth und kamen im Kellergeschoss der Kadettenunterkünfte heraus. Nachdem sie die Treppe bis zum dritten Stock emporgestiegen waren, wandten sie sich nach rechts und gelangten so zu Zimmer 317.

Veronica hob eine perfekte Augenbraue. »Ziemlich rustikal.«

Morgan lachte. Der Raum war nicht weiter der Rede wert. Als schlichtes Geviert mit zwei Einbauschränken, einem Tisch und zwei einfachen Betten kam es der Luxussuite eines Hotels in etwa so nahe wie eine Topfpflanze einem ganzen Wald. Die Matratzen waren aufgerollt worden und enthüllten auf diese Weise Sprungfederrahmen, deren bloßer Anblick schon ausreichte, um Morgan Rückenschmerzen zu bescheren.

»Es mag nicht ganz das Nova Royale sein, aber hier drinnen haben wir auch nichts anderes gemacht als zu lernen und zu schlafen. Zu viel von dem einen, zu wenig von dem anderen. Und wie du anhand der Ausstattung sehen kannst, wäre es auch nicht gerade aufregend gewesen, ein Mädchen hier hereinzuschmuggeln.«

»Ich weiß nicht recht. Tisch, Bett, Boden, Wand, Schrank … ich weiß, dass du über Vorstellungskraft verfügst, Morgan.« Sie warf einen Blick zur Tür. »Ihr hättet einfach nur hereinschlüpfen müssen, die Tür zu machen, und …«

»Und darauf gewartet, dass die Holovidreporter hier einfallen.« Morgan schüttelte den Kopf. »Mein Bruder und ich mögen ja nur Cousins des verstorbenen Gatten der Archon gewesen sein, aber Allessandro hätte jegliches Fehlverhalten von uns sofort dazu benutzt, um Katrina an den Pranger zu stellen. Zu unserem Glück ist ihre Tochter Melissa ein wahrhaft hübsches Kind. Immer, wenn es Ärger gibt, erhält irgendein Reporter die Gelegenheit, die Kleine in Aktion zu holografieren, und schon kommt die ganze Pressekampagne aus dem Tritt.«

»Die Archon ist eine kluge Frau.« Veronica nickte. »Ich weiß noch, dass ich Angst hatte, dass sie getötet worden sein könnte, damals in 05, als sie von der Bildfläche verschwunden ist.«

»Yeah, das ging uns allen so.« Morgan umfasste mit einem Wink den gesamten Raum. »Also da wären wir, Liebste. Hier drin habe ich mein gesamtes letztes Jahr an der Nagelring verbracht. Ein einziges Mal hat mein Zimmergenosse ein Mädchen hier hereingeschmuggelt. Ich selbst bin dann in der Bibliothek geblieben.«

»Als Mitverschwörer oder um einem Desaster aus dem Weg zu gehen?«

»Letzteres. Chauncy Wittenberg und ich waren keine Freunde und sind nur deshalb auf einem Zimmer gelandet, weil ihn kein anderer als Mitbewohner haben wollte.«

»Wie ist es dann dazu gekommen, dass du den Kürzeren gezogen hast?«

Morgan zuckte die Schultern. »Er hatte großes Potential. Ein Naturtalent mit einem Mech, aber eine Katastrophe mit anderen Menschen. Frischlinge werden in ihrem ersten Jahr hier ziemlich schikaniert, aber Chauncy tat sich dabei als wahrer Schrecken hervor. Aus einer ganzen Reihe von Gründen, schätze ich mal. Ich bin ja kein Seelendoktor, aber ich stelle mir vor, dass er extrem unsicher war und sich dann immer diejenigen herausgepickt hat, die Schwächen zeigten, die er auch bei sich selbst wahrnahm.«

Sie lächelte. »Du weiß aber schon, dass ‚Handlungen, die vorgenommen werden, um ausgeprägte Unsicherheiten zu kompensieren und zu überspielen‘ möglicherweise die am häufigsten gestellte Diagnose ist, dies gibt.«

»Yeah, stimmt wohl. Aber ich hatte gedacht, dass man ihn ändern könnte.«

»Und?«

Morgan schüttelte den Kopf. »Ich habe mich um ihn bemüht. Ich habe versucht, ihn dazu zu bewegen, damit aufzuhören. Ich habe versucht, ihn dazu zu bringen, sich selbst mehr zu wertschätzen, aber er hat den Sprung nicht gewagt. Er war zufrieden mit sich – oder zumindest hat es ihm eher in den Kram gepasst, ein Arsch zu bleiben, als sich zu ändern. Aber er wusste auch, dass er in einer Sackgasse gelandet war. Der Druck wurde dann zu viel für ihn, besonders, nachdem er immer schlechtere Noten bezüglich seiner Führungsqualitäten erhielt.«

Er deutete nach oben auf eine zugespachtelte Stelle in der Nähe des Lampenanschlusses. »Zwei Wochen, nachdem er das Mädchen hier gehabt hatte, erzählte er mir, dass sie wiederkommen würde. Ist sie aber nicht. Er hat dann einen Ösenhaken in die Decke geschraubt und sich aufgehängt. Dabei wäre er möglichweise auch gestorben, wenn ich nicht aufgetaucht wäre, um ihm zu sagen, wie viel Mist er bauen würde.«

Veronica umarmte ihn innig.

»Ich habe ihn heruntergeschnitten und wiederbelebt. Die Sanis haben ihn dann mitgenommen, aber er hat mich dabei angefunkelt. Hat mich dafür gehasst.«

»Ach Morgan, das tut mir so leid.« Sie küsste sein Ohr. »Was ist aus ihm geworden?«

»Keine Ahnung. Er hat nicht mit uns zusammen graduiert. Ehrenhafte Entlassung aus dem Militär – das alles ist dann vertuscht worden, schließlich ist es ja ein Ding der Unmöglichkeit, dass die Leute hier versuchen, sich das Leben zu nehmen.«

Veronica lehnte sich zurück und nahm sein Gesicht in beide Hände. »Ganz egal, wo er jetzt sein mag, es ist allemal besser als unter der Erde zu liegen.«

»Da hast du ganz sicher recht.« Morgan verpasste ihr einen schnellen Kuss. »Aber das ist alles schon so lange her, und ehrlich gesagt habe ich nie wieder an Chauncy gedacht, nachdem ich hier weg war.«

»Und du solltest auch jetzt nicht an ihn denken.« Sie lächelte und ergriff seine Hand. »Und wenn du die Besichtigungstour zu Ende bringen kannst, ohne dass ich vorher an Unterkühlung sterbe, glaube ich, dass wir ein paar neue Erinnerungen erzeugen können, die die alten überdecken werden.«

2

DIE TRIADE

DISTRIKT DONEGAL, THARKAD

LYRANISCHES COMMONWEALTH

15. NOVEMBER 3010

Nach Luft schnappend ließ sich Patrick Kell auf den Rücken fallen. Schweiß brannte ihm in den Augen und seine Beine drohten sich in dem Laken zu verfangen. »Herr im Himmel.«

Tisha Hamilton drehte sich auf die Seite und legte ihm einen Arm über die Brust. »Geht mir genauso.«

Patrick küsste sie auf die Stirn. »Du bist unglaublich.«

»Du bist aber auch nicht ohne.« Sie knabberte an seiner Schulter. »Was macht dein Bein?«

»Dem geht’s gut. Nicht mal ein Zwicken.« Er schaute hinauf an die Decke und fuhr zusammen. Er hatte die Malerei dort oben schon einmal gesehen, die ganzen kleinen Engel und Rehkitze – klassische Elemente aus den Fabeln von Terra – aber bis zu diesem Augenblick hatte er dem Ort, an dem er sich hier befand, keine Bedeutung beigemessen. »Herr im Himmel.«

Tishas Augen verengten sich. »Das hat jetzt aber anders geklungen.«

»Es ist mir gerade erst klar geworden. Wir sind im Palast der Archon.«

»Hm-hm.« Sie nickte. »Als wir an den Wachen vorbeigekommen sind, habe ich mir schon sowas gedacht, Patrick. Hast du Angst, dass wir zu laut gewesen sind und vielleicht das Baby aufgeweckt haben?«

»Melissa? Nein.« Patrick griff hinter Tisha nach unten und zog die Decke hoch. »Ich habe nur nicht daran gedacht, weißt du …«

»Hör mal, ich bin mir ziemlich sicher, dass hier auch schon vorher Leute miteinander geschlafen haben. Melissa ist der beste Beweis dafür.«

»Darum geht es nicht.«

Sie regte sich, stützte sich auf die Ellenbogen. »Patrick Kell, du bist ja eingeschüchtert!«

»Bin ich gar nicht.«

»Doch, das bist du« Sie musste lachen. Dabei löste sich ihr schwarzes Haar und fiel ihr ins Gesicht. »Du verbringst deine Zeit im Cockpit einer zehn Meter großen Kampfmaschine, bekommst es dann aber mit der Angst zu tun, wenn du Zuhause bei deiner Kusine untergebracht bist. Ich mein‘, du verhältst dich, als ob hier gleich jemand hereingestürmt kommen würde, uns hier vorfindet, und uns dann echt in Schwierigkeiten bringen könnte.«

»Empfindest du das nicht so?«

Blaue Augen funkelten hinter dem Vorhang aus Haaren. »Na ja … okay, doch. Es ist aber nicht so, dass diese Aussicht der Sache nicht auch eine gewisse Würze verleihen würde.« Sie zupfte an der Bettdecke. »Es ist immer schön zu sehen, wenn meine Steuern für was Richtiges ausgegeben werden.«

Patrick stemmte sich hoch, um sich an das gepolsterte Kopfende zu lehnen. Passend zu dem Deckengemälde war die Suite mit reichverziertem Mobiliar ausgestattet worden, einschließlich jeder Menge Blattgold und Steiner-Blau. Scheinbar gab es hier nirgendwo auch nur eine gerade Kante. Wenn die Dekoration nicht so lebensfroh ausgefallen wäre, hätte allein schon die Wucht der Gegenstände erdrückend wirken können.

»Ich kenne, das heißt, ich habe die Archon als meine Kusine gekannt – durch Einheirat, nicht Blutsverwandtschaft – aber Morgan ist viel vertrauter mit ihr als ich. Er und Arthur standen sich nahe, während ich immer nur der kleine Bruder gewesen bin. Das war jetzt nicht unbedingt was Schlechtes, aber manchmal überkommt es mich doch. Die Archon! Also, viel höher geht‘s nun wirklich nicht. Und dann hat uns das Lyranische Commonwealth auch noch für unseren ersten Auftrag als Söldnereinheit angeheuert! Na ja, ein paar Leute denken jetzt bestimmt, dass es nur wegen unserer Verbindung zu Katrina dazu kam, aber trotzdem ist das für mich eine ganz große Sache.«

»Daran besteht kein Zweifel. Es ist aber auch so, dass die Würfel dafür auf Galatea gefallen sind.« Tisha strich sich das Haar aus dem Gesicht. »Sie musste eure Dienste honorieren.«

Patrick nickte. »Da hast du wohl recht, Schatz. Ich denke, ein Teil von mir hat das auch so erwartet, aber ein noch größerer Teil ist schlicht überwältigt.«

Tisha wickelte sich langsam mit einer Decke ein. »Na, wie soll ich mich denn dann erst fühlen? Ich bin eine Schrauberin von einem Ödnisplaneten, die Tharkad nicht mal am Sternenhimmel finden könnte. Und jetzt bin ich hier, in einem Palast, und liege mit dem attraktivsten Söldner der Inneren Sphäre im Bett. Also, wenn mir jemand noch vor einem Monat erzählt hätte, dass ich mal hier landen würde …«

»Da wären wir dann schon zu zweit.« Patrick küsste sie erneut, direkt auf den Mund, und er ließ sich Zeit dabei. »Danke, dass du mit uns gekommen bist.«

Tisha lehnte sich zurück und blickte ihm direkt in die braunen Augen. »Nur zu Ihrem Verständnis, Colonel Kell. Vor einem Monat habe ich einen Mann kennengelernt, der meine Leidenschaften teilt, der mir das Leben gerettet hat, und der sein Leben meinen Fähigkeiten anvertraut. Das wärst dann wohl du. Und falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, du bedeutest mir eine Menge. Ich habe nicht die Absicht, auch nur eine Gelegenheit zu verpassen, möglichst viel Zeit mit dir zu verbringen. Fernbeziehungen – besonders wenn diese Ferne in Lichtjahren gemessen wird – funktionieren einfach nicht für mich.«

Er wollte sich schon zu ihr herüber beugen, um sie noch einmal zu küssen, doch sie hielt ihn mit einer Hand auf seiner Brust davon ab. »Als du verwundet worden bist und ich zum ersten Mal davon hörte, ist mir fast das Herz stehengeblieben. Ich wollte sofort zu dir, und ich wollte auch sofort weg von dir. Aber wenn du jemanden hast, der dir etwas bedeutet, heißt das zugleich auch, verletzlich zu sein, und das nehme ich in Kauf. Es ist ein Risiko, das ich bereit bin einzugehen, weil es das wert ist, solange du nur Teil meines Lebens bist.«

Sie hob eine Augenbraue an. »Jetzt darfst du mich küssen.«

Er lachte, dann folgte er ihrem Vorschlag.

Sie ermutigte ihn dazu, weiterzumachen.

Was er dann auch tat.

***

Irgendwie gelang es Patrick, nicht zu erröten, als er zusammen mit Tisha in der Warteschlange vor dem Staatsbankett auf Morgan und Veronica traf. »Hattet ihr einen schönen Tag?«

Morgan lächelte, überließ die Antwort jedoch Veronica. »Die Nagelring ist ein faszinierender Ort der Geschichte, sowohl für das Commonwealth als auch für die Kells. Ich habe mindestens so viele Auszeichnungen mit Ihrem Namen darauf gesehen wie solche mit dem Ihres Bruders.«

»Dann müssen Ihnen wohl ein paar entgangen sein.« Patrick lächelte und drückte Tishas Hand. Beide Kell-Brüder trugen Ausgehuniform, die sie als Nagelring-Absolventen kenntlich machten. Von dunklem Blau, abgesetzt mit Grau, bestanden die einzigen Hinweise darauf, dass sie eine Söldnertruppe befehligten, aus ihren Rangabzeichen und silbernen Kragenspiegeln, die das Hundskopf-Emblem der Einheit zeigten.

Tisha hatte sich für ein schlichtes, ärmelloses Kleid in Schwarz entschieden, das vorne hochgeschlossen war, aber eine tief ausgeschnittene Rückenlinie aufwies. Dazu Platinohrringe, die zu einer Halskette passten, an der ein Oval hing, das ebenfalls mit dem Emblem der Kell Hounds verziert war. Sie sah einfach hinreißend darin aus, doch ihre Hände verrieten Nervosität. Sie hatte noch nie ein solch elegantes Kleid getragen und hätte sich auch niemals getraut, etwas dermaßen Gewagtes anzuziehen, wenn Veronica es ihr nicht vorgeschlagen hätte.

Dem Vorschlag war nun folgegeleistet worden, aber nicht etwa, weil die beiden Frauen sich so rasch miteinander angefreundet hätten. Veronica jagte Tisha Angst ein – zum Henker, sie jagte sogar mir Angst ein – aber Tisha gehörte nicht zu den Menschen, die aus lauter Furcht einen Rückzieher machten. Sie hatte den Vorschlag eher als Herausforderung betrachtet und nahm auch Veronicas darauffolgenden Rat an, das Kleid noch umzuändern, während sie in das System einflogen.

Obwohl ihr dann doch noch letzte Bedenken gekommen waren, hatte sie es am Ende angezogen und nur geseufzt: »Ich falle sowieso niemandem auf.«

Dieser Kommentar traf nicht ganz zu, da Patrick nur Augen für sie hatte. Trotzdem musste er zugeben, dass Veronica die Augen von so ziemlich allen anderen hier vor Ort auf sich zog. Hochgewachsen und hübsch, wie sie nun einmal war, hatte sie sich für ein helles Kleid in Steiner-blau entschieden, mit einem Rückenausschnitt, der bis unter die Taille reichte und einem Dekolletee, das bis zum Nabel ging. Ihre Haare waren hochgesteckt und wurden von zwei Platinnadeln fixiert, die jeweils mit einem Saphir besetzt waren. Saphirohrringe und ein großer Saphirring komplettierten das Arrangement und verwandelten sie so in ein Sinnbild kühler Schönheit.

Dabei schadete es auch nicht, dass sie am Arm seines Bruders sogar noch attraktiver wirkte. Einige Männer – die meisten Männer sogar – erweckten einen merkwürdig unbehaglichen Eindruck, wenn sie sich in Begleitung einer schönen Frau befanden. In unbeobachteten Momenten schwankte ihr Gesichtsausdruck dann zwischen diebischer Freude darüber, dass er sie hatte und andere nicht, und dem kleinlauten Eingeständnis, dass sie so weit oberhalb seiner eigenen Liga spielte, dass man befürchten musste, dass sie bei der ersten sich bietenden Gelegenheit Reißaus nehmen würde. Diese Angst davor, verletzt zu werden, unterminierte dann regelmäßig das Außenbild, das sie eigentlich transportieren wollten, und erhöhte auf diese Weise zugleich auch die Chancen, tatsächlich von ihr verlassen zu werden.

Morgan zeigte nichts von alldem. Sein Lächeln war so breit wie eh und je, und auch wenn einige es als herausfordernd interpretieren mochten, mussten sie ihm doch auch zugestehen, dass es von Herzen kam. Veronica war kein Eigentum. Sie war kein Preis, den man gewinnen oder verlieren konnte, sondern eine Vertraute und Gefährtin. Indem er sie auf diese Weise annahm, blieb er bar jeder Furcht und strahlte ausschließlich Selbstvertrauen aus.

Die gleiche Art von Selbstvertrauen, die ihm auch im Kampf zu statten kommt.

Als Paar, hochgewachsen, gutaussehend, und in sich ruhend, erregten Morgan und Veronica einiges an Aufmerksamkeit.

Veronica lächelte auf Patricks Bemerkung hin. »Wenn mir tatsächlich Auszeichnungen entgangen sein sollten, so liegt das nur daran, dass Ihr Bruder sie mir vorenthalten hat. Aber eigentlich hat er versucht, mir einfach alles zu zeigen.«

Morgan zwinkerte ihm zu. »Ich habe lediglich versucht, sie ständig in Bewegung zu halten, damit sie nicht so friert.«

Patrick hob eine Augenbraue. »Wenn Ihnen kalt ist, warum tragen Sie dann …«

»… dieses Kleid?« Sie lachte kehlig. »Kälte auszuhalten ist gar nichts im Vergleich zu einem ganzen Abend in High Heels. Wie Tisha Ihnen gerne bestätigen wird, sind solche Schuhe niemals bequem.«

Tisha nickte. »Wird es denn gehen? Wegen Ihres Knöchels.«

Morgan verzog das Gesicht. »Schmerzmittelinjektion, Tapeverband, außerdem wird sie sich die ganze Zeit über ordentlich auf mich stützen, und danach wieder ab in den Gips.«

Veronica küsste ihn auf die Wange, während sie weiter langsam in Richtung des großen Ballsaals vorankamen. »Er hat mir sogar angedroht, mich zu unserem Zimmer zurückzutragen.«

»Und nicht tanzen.« Morgan bedachte sie mit einem todernsten Blick, den sie rasch und kühl zurückgab.

»Das ist echt schade.« Tisha hob Patricks Hand an und küsste sie auf den Rücken. »Ich wollte Ihnen eigentlich Patricks Dienste anbieten. Er ist recht leichtfüßig auf meinen Zehen.«

»Hey!« Patrick hatte bereits die ersten Klänge eines Streichquartetts wahrgenommen. »Ich glaube, unsere Art von Musik wird hier sowieso nicht gespielt.«

»Ich bin da ziemlich vielseitig, Patrick Kell.« Tisha lächelte neckisch. »Nach dem Dinner probieren wir dann mal aus, wie viele Schritte du beherrscht.«