BattleTech - Ein winziger Ort der Rebellion - Michael A. Stackpole - E-Book

BattleTech - Ein winziger Ort der Rebellion E-Book

Michael A. Stackpole

0,0

Beschreibung

GEFAHR AUS EINER UNERWARTETEN RICHTUNG … Als MechKrieger haben die Brüder Morgan und Patrick Kell erfolgreich die erste Herausforderung beim Aufbau ihrer neuen Söldnertruppe, den Kell Hounds, gemeistert, indem sie einen Verbrecherkönig vom Thron seines illegalen Imperiums auf Galatea gestoßen haben. Doch noch während sie ihren gerade erst errungenen Erfolg genießen, droht den Gebrüdern Kell und der Hauptstadt Galaport gleich zusammen mit ihnen eine neue Gefahr: Bischof Arlington Poore, ein religiöser Eiferer, der es darauf anlegt, gleich den gesamten Planeten unter das Joch seiner unbarmherzigen Theokratie zu zwingen, ist bereit, Millionen von Menschen verhungern zu lassen, um sein Ziel zu erreichen. Es dauert dann auch gar nicht lange, bis die gerade erst gegründeten Kell Hounds ihren ersten Auftrag erhalten – die möglichst rasche Niederschlagung des Aufstandes. Doch wenn ein Wahnsinniger bereits tausende von Zivilisten von seiner Sache überzeugt hat, wie sollen Morgan und Patrick Kell dann seinen fehlgeleiteten Kreuzzug beenden, ohne dabei das Blut Unschuldiger zu vergießen?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 218

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Titel

Michael A. Stackpole

Ein winziger Ort der Rebellion

Aufstieg der Kell Hounds II

Impressum

Yellow King Productions

Titelbild: Catalyst Game LabsRedaktion: Mario WeißÜbersetzer: Hartwig Nieder-GasselLektorat & Korrektorat: Mario Weiß, Michael Sellmeier, Christopher Denis, Thomas DoblingerLayout: Michael Mingers

©2026 The Topps Company, Inc. All rights reserved. Classic BattleTech, BattleTech, BattleMech and ’Mech are registered trademarks and/or trademarks of The Topps Company Inc. in the United States and/or other countries. Catalyst Game Labs and the Catalyst Game Labs logo are trademarks of InMediaRes Productions, LLC.

Deutsche Ausgabe Yellow King Productions, Neuöd - Gewerbepark 12a, D-92278 Illschwang unter Lizenz von INMEDIARES PRODUCTIONS, LLC., also doing business as CATALYST GAME LABS.

Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags erfolgen.

Produkt-Nr.: YKBT002E-Book-ISBN: 978-3-98732-096-5

1

THE POWDER KEG

GALATEA CITY, GALATEA

LYRANISCHES COMMONWEALTH

15. OKTOBER 3010

Patrick Kell verharrte vor dem Eingang des Powder Keg. »Hör mal, Morgan, ich denke wirklich, du solltest etwas subtiler an die Sache ‘rangehen.«

Sein Bruder, groß », mit schwarzen Haaren und funkelnden braunen Augen, legte beide Hände auf Patricks Schultern. »Ich hab‘ dich schon verstanden. Subtil. Geht klar. Vertrau‘ mir.«

»Aber Morgan, für dich heißt subtil normalerweise, anstelle einer 20-Millimeter-Granate bloß eine Kaliber 50-Patrone zu benutzen.«

Morgan streckte seine Hände weit von sich. »Und siehe da, ich bin nicht mal bewaffnet. Na, komm, es wird schon nicht so schlimm werden.«

Seufzend folgte Patrick seinem Bruder in die Schenke hinein. Nach zwei Schritten war er allerdings drauf und dran, wieder umzukehren. Der vorherrschende Eindruck war der von Rost, womit aber nicht eine dieser hippen Farbgestaltungen gemeint war, die von einem Innenarchitekten ausgewählt worden war. Überall lauerten gezackte Metallgrate, denen man förmlich ansah, dass sie mit Tetanus übersät sein mussten. Die Bar, womöglich eine ehemalige kleine Werkstatt, war irgendwann mal ausgebrannt – aufgrund eines Feuers oder Mechangriffs – und danach nie wieder so recht in Ordnung gebracht worden. Tatsächlich ging Patrick fest von einem Mechangriff aus, weil ein großer Teil der Innendekoration aus BattleMech-Teilen bestand, die man an die meisten freien Stellen genagelt hatte.

Die ganze Metallzacken-Anmutung erstreckte sich auch auf die Kundschaft. Das Powder Keg war ein Ort, der von MechKriegern besucht wurde, die gesehen werden wollten. Ganz klar. Wenn du hier drin eine Stunde überleben konntest, würde dich keine Bazille der Innere Sphäre mehr töten können. Die Besucher trugen die Uniformen dutzender Söldnereinheiten, von denen die Hälfte schon gar nicht mehr existierten, und die meisten stellten sogar einen Mix aus mehreren verschiedenen zur Schau. Sie machten allesamt einen hungrigen, abgemagerten und abgefeimten Eindruck – und das nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Im Gegensatz dazu sah Morgan in seiner Uniform sehr smart aus. Die Uniformjacke der Kell Hounds in schwarz mit roten Ärmeln war wirklich auffällig, was allerdings auch nicht gerade zu Patricks Beruhigung beitrug. Männer beäugten Morgan. Sie lachten über seine Rangabzeichen. Er war gerade mal vierundzwanzig Jahre alt und bereits ein Colonel.

Patrick selbst wurde rot, als sie seinen eigenen Rang als den eines Lieutenant Colonels ausmachten.

Falls Morgan die Musterung, der sie unterzogen wurden, überhaupt bemerkte, ließ er sich nichts anmerken. Er marschierte durch die Ansammlung von Tischen geradewegs nach hinten, wo ein stämmiger Mann in den Schatten rumhing. Der Kerl maß Morgan einmal von Kopf bis Fuß, dann lächelte er leichthin und fuhr sich mit einer Hand über das unrasierte Kinn.

Morgan nickte. »Mr. Garlett?«

»Ja, Jungchen?« Der Mann antwortete langsam, schwang dabei seine in Stiefeln steckenden Füße empor, um sie auf den Tisch zu legen.

Morgan zog ein Blatt Papier aus seiner Gesäßtasche. »Sie haben sich bei den Kell Hounds um eine Stelle beworben. Laut Ihrem Lebenslauf haben Sie bei der Fünfzehnten Lyranischen Garde auf Hesperus II gedient. Mit Katrina Steiner als befehlshabender Offizierin.«

Die Erwähnung des Namens der Archon veranlasste noch ein paar Leute mehr dazu, auf den Wortwechsel aufmerksam zu werden. Garlett schürzte die Lippen und nickte. »Das ist richtig, mein Sohn.«

Der ältere Kell zuckte die Schultern. »Sie sagt, dass sie ein Lügner sind.«

Garletts Augen weiteten sich vor Schreck. Er war entlarvt worden. Er hatte damit angegeben, dass er den Kell Hounds beitreten würde, seinen Mech repariert bekäme, für ein Weilchen die Heuer kassieren und sich dann aus dem Staub machen würde. Er hatte Teile seines Lebenslaufes gefälscht, nicht erwartet, dass die Kells ihn überprüfen würden und war blöderweise nie auf die Idee gekommen, dass seine Prahlerei irgendwie ihren Weg zu ihnen finden könnte.

Und jetzt hatte Morgan ihn direkt vor seinen Kumpeln als Lügner bezeichnet.

Garlett schwang die Beine vom Tisch und kam mit erhobenen Fäusten hoch. Tatsächlich spielte es dann aber keine Rolle, wie gut vorbereitet er zu sein meinte. Es war auf jeden Fall nicht gut genug.

Morgans Faust beschrieb einen Schwinger, der einfach zu schnell war, als dass man ihm hätte folgen können. Garletts Kinnlade brach hörbar. Der Mann flog zurück gegen die Wand, prallte ab und brach über dem Tisch zusammen.

Zwei gelbliche Zähne mit blutigen Wurzeln prallten an Morgans Stiefeln ab.

Er knüllte das Blatt zusammen und warf es auf Garletts zuckenden Körper. Sein Kopf hob sich. Stahl schlich sich in seine Stimme. »Jetzt hör mir mal gut zu, du Mechratte. Mein Bruder und ich heuern Krieger an, und keine dahergelaufenen Landstreicher, die sich einbilden, dass die Kell Hounds nichts weiter wären als ein bezahlter Urlaub und ein Boxenstopp. Du kannst beitreten und Teil von etwas Großem sein, oder du kannst hier herumsitzen und anderen Leuten erzählen, dass du ein Kell Hound hättest sein können.«

Die meisten Kunden schauten von Morgan zu Garlett, grunzten, und widmeten sich dann wieder ihren Getränken. Ein Mann mit einer Jacke von Hsiens Hitzköpfen, die derjenigen ähnelte, die auch Garlett trug, wand sich jedoch hinter seinem Tisch hervor. Garlett war schon recht groß gewesen, aber der Kerl hier war noch größer, mit gebrochener Nase, narbenübersäten Knöcheln und einem fehlenden halben Ohr.

»Und warum sollte ich wohl einer Einheit beitreten, deren Anführer dumm genug ist, allein hier aufzutauchen und einem Kumpel von mir eine reinzuhauen?«

»Morgan, subtil …«, flüsterte Patrick.

Der schnaubte. »Vielen Dank für das Einreichen Ihrer Bewerbung. Abgelehnt.«

Das war dann der Moment, in dem ein dritter Kerl mit einer Hitzköpfe-Jacke einen Arm um Patricks Kehle legte.

Ohne nachzudenken rammte Patrick seinen Kopf nach hinten und in das Gesicht des Mannes, dann trat er ihm mit voller Wucht auf den rechten Fuß. Sein Absatz zertrümmerte Knochen. Blut aus einer gebrochenen Nase spritzte ihm in den Nacken. Er langte empor, ergriff den Daumen des Mannes, riss ihn nach hinten und wirbelte herum, drehte den Arm mit der Bewegung. Am Ende landete Patrick hinter dem Mann, presste ihm den verdrehten Arm in den Rücken, dann griff er sich eine Handvoll fettiger Haare und ließ sich fallen, knallte den Mann mit dem Gesicht voran auf den Boden.

Während das Adrenalin in ihm pulsierte, erhob sich Patrick von seinem besinnungslosen Gegner und breitete die Arme aus. Sein Atem ging schwer und schnell. Langsam drehte er sich auf der Stelle, funkelte alle Anwesenden an. »Wer ist der nächste?«

Morgan hob eine Augenbraue. »Wie war das noch mit subtil?«

»Ich glaube nicht, dass die hier subtil verstehen, Morgan.«

Der Riese trat einen Schritt vor, doch da erschien ein roter Laserpunkt auf seiner Stirn. Er hielt inne.

Patrick drehte sich um. Ein hochaufgeschossener, schlanker, ungekämmter Mann mit müden Augen hielt mit ruhiger Hand eine Pistole. Kein Nadler, eine alte Kugelspritze. »Setz dich hin, Boris.«

»Aber du hast doch gesehen, was sie gemacht haben, Frost.«

»Garlett war schon lange fällig. Das weißt du.«

»Arsch–«

»Arsch. Deiner. Auf diesen Stuhl.«

Der Riese setzte sich hin.

Morgen drehte sich um, lächelte und trat auf den Mann zu.

Der Laserpunkt wanderte auf die Mitte seiner Brust.

Morgans Hände kamen hoch. »Ich wollte mich nur bei Ihnen bedanken.«

Der Strahl blieb reglos stehen. »Keine Ursache, Wollte nur meine Ruhe.«

Patrick lächelte mit erhobenen Händen. »Sind Sie MechKrieger? Auf der Suche nach einer Beschäftigung?«

Die Augen des Mannes schlossen sich halb. »Kein Kutscher. Schlammhüpfer.«

»Wir haben eine angeschlossene Infanteriekompanie und –»

Frost schüttelte den Kopf. »O’Cierans Kompanie.«

Morgan nickte. »Genau.«

»Hab‘ schon für ihn gearbeitet. Wir haben uns aufgrund von Differenzen in Glaubensfragen getrennt.«

Patrick runzelte die Stirn. In den letzten zwei Wochen hatte er einige Zeit mit Richard O‘Cieran verbracht und nicht den Eindruck gewonnen, dass der Mann überhaupt irgendwie religiös war. Er warf Morgan einen Blick zu.

Sein Bruder zuckte die Schultern. »Trotzdem – vielen Dank. Falls Sie Arbeit brauchen …«

»Nova Royale. Ich weiß.« Frost halfterte seine Pistole und griff nach einem Noteputer. Der Widerschein des Bildschirms erleuchtete ein hageres, faltiges Gesicht über einem braunen, grau durchschossenen Bart.

Morgan wandte sich ab und nickte in Richtung der Tür. Patrick ging voraus. Er sagte kein Wort, bevor sie die Gasse verlassen hatten und wieder auf der Hauptstraße angelangt waren.

»Das hätten wir auch klüger anstellen können.«

Morgan saugte an seinem Handknöchel. »Ist doch gut gelaufen. Botschaft überbracht. Was macht dein Kopf?«

Patrick griff hinter sich. Er konnte eine Beule ertasten, aber keine offene Wunde. »Eis und Medis, dann wird’s schon gehen.«

»Colonel Kell.«

Die Brüder blieben stehen. Ein Junge kam die Straße entlang auf sie zu gelaufen. Er trug eine alte Jacke der Leichten Eridani-Reiterei, die ihm allerdings zwei Nummern zu groß war. Er konnte nicht älter als sechzehn sein. Sein weißes Hemd und die dunkle Hose sahen sauber aus und waren sogar offenbar kürzlich gebügelt worden. Seine klaren blauen Augen glänzten und das blonde Haar war kurzgeschnitten.

»Ich war da drinnen. Im Powder Keg.«

Morgan runzelte die Stirn. »Ich kann mich nicht an dich erinnern …«

Der Junge lächelte gewinnend. »Hinten, beim Abwasch. Ich darf das für sie machen. Heiße Jimmy Stanton. Ich möchte bei Ihnen mitmachen.«

Morgan blinzelte. »Ich glaube wirklich nicht …«

»Nein, bitte, hören Sie mir zu, ja?« Jimmy schluckte schwer. »Mein Dad, der war MechKrieger. Marcellus Stanton. Vielleicht haben Sie ja schon von ihm gehört? Na ja, gut, also nicht, aber wissen Sie, er war hier und musste seinen Mech reparieren lassen. Und Mr. Blizzard hat ihm Geld geliehen. Und mein Dad hat für ihn gekämpft, um es zurückzuzahlen.«

Patrick nickte langsam. Haskell Blizzard war bis vor kurzem hier auf Galatea eine Unterweltgröße gewesen. Er hatte den Schwarzmarkt so manipuliert, dass es für Söldner ein Ding der Unmöglichkeit geworden war, ihre Mechs instandzusetzen, hatte ihnen Geld geliehen, damit sie es trotzdem probieren konnten, und eine Reihe von Arenen betrieben, wo die Krieger einen Teil ihrer Schulden abarbeiten konnten. Patrick hatte solch ein Arena-Duell gegen Thomas Volmer gewonnen, und Blizzard war dann durch die Auszahlung der Wetten, die auf diesen Kampf abgeschlossen worden waren, finanziell ruiniert worden.

»Aber mein Dad, wissen Sie, der ist gestorben. Und wir haben eine Benachrichtigung erhalten, in der stand, dass der Mech zum Begleichen seiner Schulden verkauft werden würde, wenn wir ihn nicht auslösen. Also kam ich aus dem Osten von Peterstown hierher. Der Mech ist seit hundertfünfzig Jahren im Besitz der Familie. Und jetzt ist er schon fast abbezahlt, und ich möchte ein Söldner sein, genau wie mein Dad, aber keiner will mir eine Chance geben.«

Morgan verschränkte die Arme vor dem Oberkörper. »Jimmy, dabei geht es aber nicht zu wie in den Holovids.«

»Das weiß ich doch. Aber ich habe Verantwortung. Meine Mom. Meine Brüder und Schwestern. Herrje, Liza ist nicht mal ein Jahr alt. Mein Dad hat sie nie zu Gesicht bekommen, nur als Holo.« Der Junge hielt ihnen eine Speicherkarte hin. »Ich habe schon für Blizzard gekämpft. Ich habe mich gut gehalten. Und ich bin für den Mech zugelassen. Es ist ein Centurion.«

Patrick trat zu ihm hin und nahm die Speicherkarte entgegen.

»Patrick, nicht.«

»Er möchte doch nur eine Chance, Morgan.« Patrick musterte den Jugendlichen. »Ich werde mir das anschauen, Jimmy. Keine Versprechungen. Ich will dir wirklich keine Hoffnungen machen, okay? Aber ich schaue es mir an.«

»Dankeschön. Gott segne Sie.« Das Gesicht des Jungen hellte sich auf. »Sie werden schon sehen. Ich bin in Ordnung. Vielen Dank. Ich werde Sie mit in meine Gebete aufnehmen.«

Er wollte sich schon abwenden, doch dann ging er in Habachtstellung und salutierte zackig. Die Kells erwiderten den Gruß, dann drehte Jimmy sich um und lief davon, wobei er mit einem lauten »Juhuuu!« noch wartete, bis er wieder in der Gasse verschwunden war.

»Patrick …«

»Ich weiß schon, Morgan.« Patrick steckte die Speicherkarte in die Innentasche seiner Jacke. »Ich weiß, dass wir ihn nicht an die Waffen ranlassen dürfen. Allein schon die Vorstellung ist unmoralisch und widerwärtig, aber wir müssen einfach etwas tun, weil sonst jemand anderes ihn ranlassen wird. Wenn der Junge auch nur ein bisschen was taugt, können wir vielleicht ein oder zwei Gefallen einfordern und ihm eine Anmeldung bei der Nagelring verschaffen. Das würde ihn aus Schwierigkeiten heraushalten und ihm eine Ausbildung bieten, die ihn am Leben bleiben lässt.«

Morgan schlang seinem Bruder einen Arm um die Schultern. »Okay, das sieht nach einem Plan aus, aber einem, an den du dich auch halten musst. Wir werden ihn nicht als Truppenmaskottchen bei uns behalten, auch nicht für kurze Zeit. Was wir hier vorhaben, heißt zwar, dass wir auch ungeschliffene Diamanten aufnehmen, aber auf keinen Fall ein Kind, ein total unerfahrenes Kind, in einem Umfeld dieser Art.«

»Ähm, Morgan, rein technisch gesehen wäre ich dann auch ein solches ‚total unerfahrenes Kind.‘«

»Ja klar; eines, das an der Nagelring als Klassenbester abschloss und das schon einen Mech steuern konnte, bevor es Fahrradfahren lernte.«

Patrick lachte. Tatsächlich hatte er beim Fahrradfahren mehr Narben davongetragen als von irgendetwas, das mit Mechs zu tun hatte. »Schon gut, ich hab’s verstanden. Wie sieht es denn nun aus – glaubst du, dass wir irgendwelche von den Typen aus dem Powder Keg bekommen werden?«

Morgan schaute zurück, dann zuckte er mit den Schultern. »Besser wäre das. Nachdem Blizzards Organisation auseinandergefallen ist, haben wir uns die besten Techs des Planeten geschnappt. In den Augen einer Menge Leute sollte uns das gut dastehen lassen. Viele Piloten haben Geld gewonnen, weil sie auf dich gesetzt haben, aber die Bezahlung von Mech-Reparaturen ist damit nicht einfacher geworden, weil dem ganzen Geld nur eine Handvoll Teile gegenüberstehen. Mit unserem Zugriff auf eine Fabrik hätten wir dann auch noch die Teile, die sie brauchen.«

»Schon, aber sind wir wirklich auf die angewiesen?«

»Das ist die große Frage.« Morgan seufzte. »Es ist ein Balanceakt. Wir wollen die Erfahrung, aber dann auch nicht wieder so viel davon, dass jemand unflexibel geworden ist. Wir wollen unabhängiges Denken, aber wir wollen auch Leute, die Befehle annehmen und befolgen. Wir wünschen uns eine Elitetruppe. Auch wenn die da ein ungebärdiger Haufen sind, könnte es doch sein, dass sie zu der Handvoll gehören, die genau das mitbringen, was wir brauchen.«

Patrick ging um einen bewusstlosen Piloten herum, der in einer Pfütze seines eigenen Erbrochenen vor sich hin schnarchte. »Was hältst du von diesem Frost-Typen?«

»Weiß nicht. Hatte echt alte Augen.«

»Nicht gerade gesellschaftsfähig.«

»Zumindest war er nicht schießwütig.« Morgan kratzte sich am Hinterkopf. »Weißt du, das ist genau diese merkwürdige Sache bei Kriegern und dem, was wir aus ihnen machen. Nimm zum Beispiel einen Jungen wie Jimmy. Für ihn gehört das zur Tradition. Ganz sicher spielen da auch irgendwelche romantischen Anwandlungen eine Rolle. Es ist gut möglich, dass er ehrenvoll dienen wird, wenn er ein bisschen Ausbildung erhält, und dass er diese Tradition dann an seine eigenen Kinder weitergibt. Aber genau diese Ausbildung ist der Knackpunkt. Dort bereiten wir uns auf das Schlimmste vor und brechen das letzte Tabu. Wir versetzen junge Leute in eine Situation, in der wir ihnen beibringen, dass es in Ordnung ist, Mitmenschen umzubringen.

»Aber das müssen wir doch auch, Morgan.«

»Ich weiß. Ich habe selbst getötet. Du hast getötet. Es hat uns in einem Maße verändert, das wir uns nicht einmal vorstellen können. Alle Ausbildung der Welt kann dich nicht darauf vorbereiten. Sie hat keinen Einfluss auf deine Reaktion darauf.«

Patrick runzelte die Stirn. »Aber wäre es nicht so, dass der persönliche Hintergrund darüber bestimmt, wie man reagiert?«

»Sicher, alles spricht dafür, dass es am Ende darauf hinausläuft. Du und ich, wir können auf eine solide Grundlage aufbauen. Gute Erziehung, religiöse Lehren, wir können auf eine feste Struktur zurückgreifen, wenn es um das Verständnis dafür geht, was wir getan haben und welche Folgen das hat. Hört sich erst mal so an, als ob für Jimmy das Gleiche gilt. Aber weißt du, da gibt es eine Reaktion, auf die dich keine Grundlage vorbereiten kann.«

»Und die wäre?«

Morgans Gesichtsausdruck spannte sich an. »Wenn du herausfindest, dass es dir gefällt.«

Patrick nickte langsam. Es gab Momente, in denen es nahezu jedem Krieger passierte. Sie nannten es den Blutrausch. Man geriet in einen Kampf und plötzlich wollte man nur noch töten. Man wurde zum Jäger, gnadenlos, unbesiegbar, und nur noch darauf aus, Dinge zu zerstören. Wenn man Glück hatte, fand die Schlacht ihr Ende, bevor einem die Munition ausging oder man selbst getötet wurde. Dann kam man wieder runter und nach dem Kampf fing man an, sie Sache wieder rational zu betrachten. Man war dort draußen gewesen, um seine Freunde zu beschützen. Man dachte an diejenigen, die man rächte wollte.

Diese Art von Versachlichung sorgte dafür, dass man nachts schlafen konnte.

Doch einige Krieger kamen nie mehr runter. Sie wurden für immer zu Jägern, vermochten niemals abzuschalten. Sie mochten das Töten. Es dürstete sie danach. Manchmal fragte sich Patrick, ob es diese Art von Blutrausch gewesen war, die als Ursprung für Legenden über Vampire und andere Kreaturen hergehalten hatte, die nur durch Blut überleben konnten.

»Ich bin froh, dass mir das nicht passiert ist.« Patrick sah zu seinem Bruder hinüber. »Wie steht es mit dir? Ich meine, du hast nie wirklich von der Zeit gesprochen, in der du mit Katrina und Arthur unterwegs gewesen bist.«

Ein Lächeln erhellte Morgans Gesicht. »Mach dir um mich keine Sorgen, Patrick. Bei mir ist alles gut. Ich war auch noch nie an diesem Punkt, aber die Frage bleibt. Was soll man machen, wenn man in die Zukunft sieht und dort nichts als Blut ist?«

»Aber genau so wird unsere Zukunft wohl aussehen, oder?«

»Nicht, wenn wir unseren Job gut machen. Wir suchen uns die richtigen Leute, die richtige Ausrüstung, die richtigen Schlachtfelder, und schon sind wir in der Lage, jemanden zu besiegen, ohne einen einzigen Schuss abgefeuert haben zu müssen.« Er nickte. »Wenn ein Krieg zu kostspielig wird, werden die Menschen damit aufhören, einen anzuzetteln.«

»Ich stimme dir zu.« Patrick versetzte seinem Bruder einen Klaps auf den Rücken. »Also holen wir uns die besten Rekruten, leiten das Ende aller Kriege ein und setzen uns unbesiegt zur Ruhe.«

»Amen, Bruder, Amen.«

2

VILLA DES GOUVERNEURS

GALATEA CITY, GALATEA

LYRANISCHES COMMONWEALTH

16. OKTOBER 3010

Morgan Kell hatte nie Gefallen daran gefunden, die Uniform der Galatea-Garnison zu tragen, doch weil er nun einmal als deren zeitweiliger Kommandeur fungierte, blieb ihm in dieser Hinsicht kaum eine Wahl. Die Übernahme der Befehlsgewalt über die Garnison war ein entscheidender Schritt zur Absetzung von General Volmer gewesen, dem vorherigen Befehlshaber. Das wiederum hatte zum Sturz von Haskell Blizzard beigetragen, ohne den die Kells keinerlei Erfolg bei der Rekrutierung von Söldnern für ihre Einheit gehabt hätten. Die Ankunft des neuen Gouverneurs hatte nun Anlass für einen Empfang gegeben, den man zu seinen Ehren veranstaltete. Der Umstand, dass dieser Mann einen Offizier mitgebracht hatte, der Morgan ersetzen sollte, bedeutete, dass Morgan zurück in die Farben der Kell Hounds wechseln durfte.

Die Villa des Gouverneurs, die in einem ausgesprochen mediterranen Stil gehalten war, sodass sie an vielen Orten Stuckarbeiten und Fliesen aufwies, an anderen Marmor, Mosaike und Springbrunnen, traf auf einer trockenen Welt wie Galatea genau den richtigen Ton. Sie stellte einen willkommenen Kontrast zu der Altmetall-Anmutung an vielen anderen Stellen von Galatea City dar – Überbleibsel von gescheiterten Industrieansiedlungen oder auch als Reaktion auf die Eleganz neuerer Gebäude wie dieser Villa. Morgan musste zugeben, dass er den Gouverneur um seinen Wohnsitz beneidete, selbst wenn das Nova Royale ähnlich opulent war.

Eigentlich nicht Neid, sondern eher schon Missgunst. Als General Volmer zum Abtreten gezwungen wurde, hatte sich Baron Lawrence Bonham bereits auf dem Weg befunden, um die Herrschaft über diese Welt anzutreten. Bonham hatte diesen Titel als Speichellecker von Alessandro Steiner bekommen, dem ehemaligen Archon, der in der Isle of Skye noch über einigen Einfluss verfügte. Alessandro war ein Despot gewesen, der durch Katrina Steiner abgelöst worden war. Morgan, Arthur Luvon und Katrina hatten sogar für einige Zeit aus dem Lyranischen Commonwealth fliehen müssen, um Alessandros Meuchelmördern zu entgehen. Dementsprechend hegte Morgan auch nur wenig Sympathie für ihn oder seine Gefolgsleute.

Trotzdem zwang er sich dazu, nicht ungehalten zu reagieren, als der Gouverneur mit zwei Gläsern Wein in den Händen an ihn herantrat. Der Mann bewegte sich leichtfüßig – mit dem Gang von jemandem, der in seinem ganzen Leben noch nie körperlich gearbeitet hatte oder von Schmerzen geplagt worden war. Bemitleidenswert hager und sogar noch hochgewachsener als Morgan selbst trug Bonham sein schütter werdendes brünettes Haar über den Schädel gekämmt, aber auch wieder nicht so penibel, dass man auf extreme Eitelkeit hätte schließen können. Die braunen Augen des Mannes wirkten jedenfalls offen und lebhaft, was Morgen ein bisschen besänftigte.

Morgans Ablösung folgte ihm hinterher. Die blonden Haare von Oberst Sarah Thorndyke wiesen ein paar graue Strähnen auf, ansonsten wirkte sie alterslos. Morgan wusste nur wenig über sie. Auf dem Empfang strahlte sie allerdings einen so unbehaglichen Eindruck aus, dass er sich dafür entschied, sie zu mögen. Volmer hätte sich hier ganz zu Hause gefühlt, was auf kampferfahrene Krieger nur selten zutraf.

Bonham hielt Morgan ein Glas hin. »Er ist nicht vergiftet, Oberst Thorndyke kann Ihnen das bestätigen.«

»Nicht?« Morgan nahm das Glas an. »Wenn Sie nicht mal in der Lage sind, ein Glas Wein zu vergiften, weiß ich nicht, warum Alessandro sie jemals für einen Posten wie diesen hätte auswählen sollen.«

Bonham lachte auf. »Sie tun mir unrecht, Sir. Ich hatte gehofft, dass Sie und ich gleich auf dem richtigen Fuß beginnen könnten, Colonel. Ich bin mir der Historie wohlbewusst – zumindest des Teils, der allgemein bekannt ist und auch so manchem von dem, auf den das nicht zutrifft. Eine Entschuldigung würde wohl auf taube Ohren stoßen, und so werde ich mich einer enthalten. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass ich nicht dazu tendiere, dieselben Fehler wie andere zu begehen.«

Morgan schnupperte an dem Wein, trank jedoch nicht davon. »Das könnte man nun so oder so verstehen, Baron.«

»Wohl wahr, aber ich möchte eindeutig sein. Ich bin nicht davon überzeugt, dass Meuchelmord ein geeignetes Mittel der Politik ist. Ich finde es bedauernswert, wie häufig und bedenkenlos er zum Einsatz gebracht wurde.« Der Baron nippte an seinem Wein. »Ich möchte eine Wiederannäherung mit Ihnen anstreben. Ich habe so einiges über Sie und Ihren Bruder gelesen. Wenn man davon ausgehen darf, dass die Berichte über Ihre Motive und Ziele der Wahrheit entsprechen, komme ich zu der Überzeugung, dass wir in mancherlei Hinsicht Verbündete sind.«

Morgen hob eine Augenbraue »Ach wirklich?«

»Aber Absolut. Sie betrachten Kriege als nicht gewinnbringend. Das trifft auch auf mich zu. Eine wohl austarierte Ökonomie, in der die Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigt und überschüssige Güter als Handelswaren ausgeführt werden können, ist die beste Methode, einen Ort prosperieren zu lassen. Tatsächlich haben Sie mir schon geholfen. Indem Sie Blizzards Macht gebrochen und seine Reichtümer umverteilt haben, ist der Weg für eine wirtschaftliche Revitalisierung der Welt geebnet. Falls ich mich durchsetzen kann, werden wir zwar noch immer der Söldnerstern sein, aber Söldner werden dann nur noch eine Nebenrolle spielen.«

Oberst Thorndyke nickte. »Und zudem eine, die rationell betrieben wird, zum Wohle aller.«

Morgan lächelte schwach. »Eine starke Wirtschaft wird Alessandro zugutekommen, indem sie seine zukünftigen Pläne finanziert – Pläne, die zweifellos auf Söldner angewiesen sind, da habe ich keinen Zweifel.«

Bonham schmunzelte, dann senkte er den Blick. »Das mag schon sein, aber das ist nicht meine Hauptsorge. Darf ich Ihnen eine Frage stellen?«

»Es ist Ihre Party.«

»Zu gütig.« Die Augen des Gouverneurs wurden ein wenig schmal. »Sammeln Sie irgendetwas?«

»Narben.«

»Selbstverständlich. Ich sammle Münzen. Vorzugsweise solche von den Grenzwelten. Und wissen Sie warum?«

Morgan schüttelte den Kopf, dann probierte er etwas von dem Wein.

Bonham griff in seine Tasche, dann übergab er Morgan eine Silbermünze. Sie war mit einem Profil der Archon Elizabeth Steiner überprägt worden, doch der Rand zeigte noch eine Rändelung in Kanji. Auf die Rückseite war die gepanzerte Faust gestanzt worden, doch das ursprüngliche Abbild eines Samurais mit gezogenem Schwert war noch immer zu erkennen.

»Sie ist um die hundertfünfzig Jahre alt und stammt von Lyons. Nachdem wir dem Draconis-Kombinat die Welt abgenommen hatten, haben wir ihr Hartgeld mit unseren Prägen umgestempelt. Die Münze besitzt denselben Wert wie vor der Eroberung, nur eben mit einem anderen Motiv darauf.«

Morgan gab das Geldstück an Oberst Thorndyke weiter. »Nicht gerade selten, diese Münzen.«

»Korrekt, und damit komme ich zum Punkt«, sprach der Gouverneur weiter. »Alessandro, Katrina, Takashi Kurita, Janos Marik – für die Leute spielt es keine Rolle, wessen Konterfei ihre Münzen ziert. Das Einzige, das zählt, ist, dass die Münzen weiterhin ihren Wert behalten. Die Menschen müssen ein Auskommen haben, Essen auf dem Tisch, und eine gute Ökonomie stellt das sicher. Ich möchte das sicherstellen.«

Bonham schaute sich im Raum um. »Als die Siedler erstmals nach Galatea kamen, wollten sie nichts weiter als das Land bebauen. Sie lehnten Technologie im Großen und Ganzen ab und kämpften darum, die Dinge in Gang zu bringen. Und das schafften sie auch. Diese ursprüngliche Bevölkerung hat sich samt und sonders im Westen zusammengefunden, der einzigen wirklich fruchtbaren Zone auf dieser Welt.«

»Ich habe gehört, dass sie von den Ortsansässigen Majistan genannt wird.« Oberst Thorndyke gab die Münze an Bonham zurück.

»Drolliger Name.« Der Gouverneur fuhr mit dem Daumen über den Rand des Geldstücks. »Wie dem auch sei, die Farmer halten uns mit ihren Nahrungsmittellieferungen am Leben, aber es braucht schon Technologie, um die Mengen an Nahrung zu transportieren, die wir hier benötigen. Können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn die einmal ausbleiben sollte?«