BattleTech Legenden 07 - Coupé - Michael A. Stackpole - E-Book

BattleTech Legenden 07 - Coupé E-Book

Michael A. Stackpole

5,0

Beschreibung

Nachdem sich das Haus Steiner, Herrscher des Lyranischen Commonwealth, mit dem Haus Davion, Herrscher der Vereinigten Sonnen, durch Ehe verbunden hat, ist Bewegung in die politische Landschaft der sogenannten Nachfolgestaaten des einstigen menschlichen Imperiums gekommen. Truppen werden zusammengezogen, Planeten überfallen, Grenzen willkürlich neu gezogen. Jeder versucht in der allgemeinen Irritation einen Vorteil zu ergattern. Während das Haus Liao sich mit Intrigen und schlau eingefädelten Einzelaktionen Stücke des Kuchens einverleiben will, setzt Haus Kurita auf generalstabsmäßig durchgeführte Aktionen, um mit ihren BattleMech-Eliteeinheiten eine Welt des Commonwealth um die andere zu erobern. ComStar hingegen, das sein Nachrichtenmonopol eifersüchtig hütet und die überkommene Technik mit einem Brimborium aus Mystik und Ritualen umgibt, hält sich wie üblich bedeckt und scheint um Neutralität bemüht. In Wirklichkeit nutzt es die Lage, um mit einer verdeckten Aktion das New Avalon Institut der Wissenschaften auszuschalten, das durch seine Studien vergessener Technologie die Monopolstellung von ComStar erschüttern könnte.

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Seitenzahl: 597

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Titel

Michael A. Stackpole

Coupé

Dritter Roman der Warrior-Trilogie

Impressum

Yellow King ProductionsLegenden-Band 7

Titelbild: Catalyst Game LabsRedaktion: Mario WeißÜbersetzer: Reinhold H. MaiKorrektorat: Peter DachgruberLayout: Michael Mingers

©2026 The Topps Company, Inc. All rights reserved. Classic BattleTech, BattleTech, BattleMech and ’Mech are registered trademarks and/or trademarks of The Topps Company Inc. in the United States and/or other countries. Catalyst Game Labs and the Catalyst Game Labs logo are trademarks of InMediaRes Productions, LLC.

Deutsche Ausgabe Yellow King Productions, Neuöd - Gewerbepark 12a, D-92278 Illschwang unter Lizenz von INMEDIARES PRODUCTIONS, LLC., also doing business as CATALYST GAME LABS.

Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags erfolgen.

Produkt-Nr.: YKBTL07E-Book-ISBN: 978-3-96331-533-6

WIDMUNG

Dieses Buch ist all denen gewidmet, die mir, auf welche Art auch immer, über die Jahre geholfen und mich unterstützt haben. Genauer gesagt, den Menschen, die mir die Mittel, das Motiv und die Gelegenheit zum Schreiben dieses Buches und dieser Serie lieferten.

Es sind:

Mittel: Michael C. Pearo, Thomas Spinner, James Pacy, Susan Jackson, Marshall True und Michael Stanton.

Motiv: Hugh B. Cave, Liz Danforth, Gladys Maclntyre, John Ruhlman und Thomas Helmer.

Gelegenheit: L. ROSS Babcock III, Jordan Weisman, Donna Ippolito und Rick Loomis.

Sie alle sind in Bezug auf diese Arbeit als nicht beschuldigte Mitverschwörer zu betrachten, für deren Hilfe ich sehr dankbar bin.

Der Autor möchte Liz Danforth für ihren einsichtigen Kommentar zum ersten Entwurf danken und Ross Babcock und Donna Ippolito für ihr Lektorat, durch das dieser Roman erst lesbar wurde. Das Restaurant in Kapitel 44 gibt es wirklich - allerdings nicht auf Sian, sondern in Phoenix, Arizona und die beschriebenen Gerichte stellen zwei Drittel einer perfekten Mahlzeit dar. (Zu einer perfekten Mahlzeit gehören noch sauerscharfe Suppe, Mu Shu-Schweinefleisch mit Pflaumensoße und Huhn nach Art des Hauses.) Ein Abend in diesem Restaurant kann selbst einen Schriftsteller vergessen lassen, dass er seinen Abgabetermin längst überschritten hat.

KARTE DER NACHFOLGERSTAATEN 3022

PROLOG

Sitz des Ersten Bereichs ComStars

Hilton Head Island

Nordamerika, Terra

27. Februar 3029

»Ihr seid alle Narren, blinde Narren!« stieß Myndo Waterly hervor. »Hanse Davion wird euch im eigenen Saft braten, wenn ihr noch lange hier herumsitzt und vor euch hinbrütet. Ich verlange, dass wir handeln! Ich verlange ein sofortiges Interdikt!«

Ihr Ausbruch zersplitterte das Eis der unerträglichen Spannung in dem eichenholzgetäfelten Beratungsraum des Ersten Bereichs, aber Primus Julian Tiepolos Miene zeigte keine Bewegung. »Präzentorin Dieron«, ermahnte er sie mit ruhiger Stimme, »du wirst auf derartig kindische Gefühlsdarstellungen verzichten. Du schuldest deinen Mitpräzentoren eine Entschuldigung, denn sie sind weder blind noch Narren. Unsere heutigen Entscheidungen werden wir auf Grund intelligenter, offener Diskussion treffen, und nicht als reflexartige Reaktion auf das Geplärre eines einzelnen, der Himmel drohe uns auf den Kopf zu fallen.«

Myndo starrte in das an einen Geier erinnernde Gesicht ihres Vorgesetzten. Du bist müde, alter Mann, und du zerrst ComStar mit in dein Grab. Das werde ich nicht zulassen. Sie riss ihren Blick von ihm los und neigte ergeben den Kopf. »Ich entschuldige mich, aber Ihr könnt nicht von mir erwarten, leidenschaftslos mit anzusehen, wie Jerome Blakes Lebenstraum verdorrt.«

Sie blickte sich um, fasste jeden einzelnen der Präzentoren mit ihren roten Roben ins Auge. »Wie ihr alle habe ich lange und hart daran gearbeitet, unsere Mission zu erfüllen. ComStar ist die Rettung der Menschheit, und die Worte Blakes sind der Führer auf dem Weg zur Rettung. Hanse Davions Krieg gegen die Konföderation Capella zerstört unsere Arbeit, aber ihr unternehmt nichts, ihn aufzuhalten. Wie ist das zu rechtfertigen?«

Ulthan Everson, der große, blonde Präzentor Tharkad, der Myndo in dem schwach beleuchteten Raum gegenüberstand, war es, der die Herausforderung in ihren Worten annahm. »Deine Vision der Zukunft teilen wir nicht, Präzentorin Dieron. Du hast schon so häufig ›Wolf‹ geschrien, dass deine Warnungen keine Wirkung mehr haben. Du deutest auf Schatten und gaukelst uns reelle Bedrohungen vor. Hanse Davions Krieg widerspricht den Worten Blakes keineswegs. Er erfüllt sie.«

Myndo warf ihr goldenes Haar nach hinten. »Blake spricht von Kriegen, die zur Zersplitterung der Nachfolgerstaaten führen. Danach, und nicht vorher, werde ComStar sich erheben, und die Menschheit zum wahren Höhepunkt ihrer Entwicklung führen. Hanse Davions Krieg hat die Hälfte der Konföderation Capella vereinnahmt. Er zersplittert nicht. Er einigt!«

»Pavel Ridzik hat aus der Kommunalität Tikonov eine eigene Nation gebildet«, erwiderte ein zierlicher, schwarzhaariger Mann. »Das ist nicht Vereinigung, sondern Balkanisierung, Myndo.«

»Ha!« Myndo starrte ihn an. »Du wirst diesen Marionettenstaat doch nicht etwa ernst nehmen? Bitte halt uns nicht mit so etwas unnötig auf, Präzentor Sian. Hanse Davion gestattet Ridzik den Anschein der Unabhängigkeit, aber wir wissen alle, dass der Prinz seinen engen Vertrauten Ardan Sortek als Wachhund Ridziks abgestellt hat.« Sie lächelte grausam. »Du hättest allerdings recht, wenn du Maximilian Liao als Beispiel eines Herrschers anführtest, der für die Zersplitterung arbeitet. Nur beschränkt er sich darauf, sein eigenes Reich in bequeme Häppchen zu zerschlagen, an denen Hanse Davion sich satt fressen kann.«

Huthrin Vandel lachte. »Vielleicht hofft er, dass sie dem Prinzen im Halse steckenbleiben.«

Der Primus wies ihn stumm zurecht. »Myndo hat recht. Liaos Anstrengungen, Davions Ansturm aufzuhalten, waren ineffektiv. Wir dürfen nicht vergessen, dass Hanse Davion sich seinen Spitznamen der ›Fuchs‹ sehr wohl verdient hat. Niemand unter uns hat vorausgesehen, dass er sich die Gefolgschaft der Northwind Highlanders mit deren Heimatwelt Northwind erkaufen würde. Die Highlanders kehrten auf die Welt ihrer Vorfahren zurück und stoppten damit den Kurita-Angriff auf den terranischen Korridor. Das war ein hervorragender Schachzug des Prinzen.«

Die Intervention des Primus zu ihren Gunsten brachte Myndo einen Augenblick aus dem Konzept. Sieht er die Bedrohung jetzt endlich auch, oder will er nur seine Autorität unterstreichen? Sie studierte Tiepolos Gesicht, aber die dunklen Augen und der emotionslose Gesichtsausdruck des alten Mannes ließen keinerlei Rückschlüsse auf seine Gedanken zu.

Myndo wandte sich wieder den anderen Präzentoren zu. »Wenn ich mich recht erinnere, Präzentor Sian, hast du bei unserer letzten Debatte über dieses Thema vorgebracht, Liaos Gegenschlag im Januar werde Davions Nachschubbasen vernichten und den Truppenvormarsch an der Tikonov-Front aufhalten. Aber Liaos Einheiten flogen geradewegs in einen großangelegten Hinterhalt Davions. Die Offensivkapazität der Capellaner ist damit praktisch gleich Null, und ihre Verteidigungsanstrengungen kann man nur noch als blutleer bezeichnen.«

Präzentor Sian schüttelte den Kopf. »Erlaube mir, darauf hinzuweisen, dass sich Hanse Davions Truppen seit dem Überfall nicht bewegt haben, Präzentorin Dieron. Wir erwarten seine nächste Angriffswelle frühestens im Mai. Du wirst dich auch erinnern, dass nicht alle Liao-Angriffe zurückgeschlagen wurden. Die Vierten Tau Ceti-Ranger haben Axton überfallen und konnten nach erfolgtem Angriff auch wieder entkommen. Dieser Schlag hinter seine Linien hat dem Prinzen sicherlich die Süße des Sieges vergällt.«

Vandel fuhr sich mit den Fingern durch das schwarze Haar. »Als Präzentor von New Avalon kann ich bestätigen, dass der Hof über diesen unerwarteten Angriff gar nicht erfreut war. Die Vierten Tau Ceti-Ranger konnten einen NAIW-Ausbildungskader überwältigen.«

Der Primus blickte zu Präzentor Sian. »Hat dein Stab auf der Liao-Zentralwelt inzwischen die Bedeutung der Botschaft ermitteln können, die von den Rangern vor ihrem Abflug von Axton nach Sian geschickt wurde? ›Go Fish‹ ist eine, wenn auch ökonomische, so doch ausgesprochen seltsame Mitteilung für eine militärische Operation.«

Auch Myndo konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

Vilius Tejh wartete, bis das allgemeine Kichern verstummt war, bevor er die Frage des Primus beantwortete. »Die Botschaft war an Justin Xiang gerichtet. Aus dem wenigen, was wir bisher zusammentragen konnten, ergibt sich die Vermutung, dass Xiang nach einem Labor des New Avalon-Institut der Wissenschaften fahndet, von dem er glaubt, es könne den Schlüssel zu einer neuen BattleMechgeneration liefern ...«

Präzentor New Avalen unterbrach. »Dabei dürfte es sich um den Laborkomplex auf Bethel handeln. Eine sehr kleine Anlage, aber mit ausgesucht guten Köpfen besetzt.«

Myndo schaute zum Primus. »Unsere ROM-Agenten haben ihn nicht infiltriert?«

Der Primus gab keine Antwort. Statt dessen gab er Präzentor Sian ein fast unmerkliches Zeichen weiterzusprechen.

»Xiang hat mit Hilfe der Vierten Tau Ceti Ranger einen Schlag gegen Bethel vorbereitet. Die Botschaft von Axton war unserer Ansicht nach die Mitteilung, dass die Anlage dort nicht gefunden wurde. Der Überfall auf Bethel soll unter Xiangs persönlicher Führung erfolgen.«

Ulthan Everson sah sich zum Präzentor New Avalon um. »Auf welche Verteidigungsmaßnahmen wird Xiangs Unternehmen stoßen?«

Vandel zuckte die Achseln. »Davion hält seine Truppen ständig in Bewegung. Wenn der Angriff vor Ende April stattfindet, treffen die Capellaner auf eine Kompanie der Davion Light Guards. Falls Xiang mit seiner üblichen Findigkeit aufwartet, werden seine Leute mit Sicherheit den Sieg davontragen.«

Myndo schüttelte den Kopf. »Ich fasse es nicht. Ich fasse es nicht, wie hier über eine völlig unbedeutende Einzelheit dieses Krieges langatmig salbadert wird. Das Lyranische Commonwealth hat seine Grenze zum Draconis-Kombinat verschoben, und Wolfs Dragoner halten ganz allein die Draconier vom Gebiet der Vereinigten Sonnen fern. Haus Marik befindet sich noch immer im Krieg mit den von Davion unterstützten Separatistenbewegungen im Innern seines Staatsgebietes, und Hanse Davion verleibt sich die Konföderation Capella ein. Was kann dieser eine Vorstoß Justin Xiangs da ausrichten? Er ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein!«

Der Primus lächelte kalt. »Präzentorin Dieron, fühlst du dich wohl? Wie oft hast du uns vorgebetet, Hanse Davion sei die Inkarnation des Bösen, weil er versucht, die im Laufe der letzten drei Jahrhunderte verlorengegangenen wissenschaftlichen Erkenntnisse wiederzuentdecken? Ich hätte angenommen, du würdest diesen Schlag gegen eine NAIW-Anlage begrüßen?«

»Ich. würde Xiangs Anstrengungen begrüßen, wenn sie sich gegen das NAIW direkt richteten«, gab Myndo wütend zurück. Versuch nicht, mich mit meinen eigenen Worten zu erdrosseln!

»Außerdem lenkt uns diese ganze Diskussion nur von meiner ursprünglichen Forderung ab. Ich verlange, dass wir Haus Davion sofort unter ein Interdikt stellen! Wenn wir seine gesamte Kommunikation stilllegen, behindern wir nicht nur ihre militärischen Vorstöße, wir treffen auch die Vereinigten Sonnen selbst. Das Volk der Vereinigten Sonnen wird darunter zu leiden haben, wenn wir keinen Nachrichtenverkehr zwischen ihren Planeten zulassen. Daraus werden Unzufriedenheit, Furcht und Unruhen erwachsen. Der Prinz wird den Boden unter den Füßen verlieren. Nur so können wir ihn aufhalten.«

Präzentor Tharkad schüttelte den Kopf. »Meine liebe Myndo, du hast bereits im letzten Jahr ein Interdikt verlangt. Wir haben uns alle auf eine bestimmte Toleranzschwelle geeinigt. Wir werden erst dann ein Interdikt aussprechen, wenn Daviontruppen Sarna angreifen.«

Myndo schäumte vor Wut. »Muss ich dich daran erinnern, Ulthan, dass diese Übereinkunft vor Davions Hinterhalt getroffen wurde, und bevor der einzige Rivale des Prinzen, Herzog Michael Hasek-Davion, sich so hilfsbereit selbst aus dem Rennen warf? Die heutige Situation ist weitaus ernster als damals.«

»Aber Davion ist um keinen Deut stärker«, erklärte Präzentor Sian hitzig. »Würden wir jetzt intervenieren, hieße das, uns parteiisch zu zeigen. Hanse Davion könnte seine Truppen gegen uns wenden.«

Myndo Waterly richtete sich zu voller Größe auf. »Du hörst dich an, als hättest du Angst vor ihm. Wir wissen beide, dass ComStar hier mehr BattleMechs versteckt hält, als irgendein Nachfolgerstaat aufbieten kann - und unsere Maschinen sind in besserer Verfassung als alles, was Haus Davion ins Feld führt. Wir haben vom Fuchs nichts zu fürchten.«

In den Augen des Primus schien ein Feuer zu lodern.

»Du hast unrecht, Präzentorin Dieron. Unsere Unparteilichkeit macht uns zum Vertrauten und Verbündeten aller Nachfolgerstaaten. Sie ist der Grund, aus dem heraus sie uns die Übermittlung ihrer Nachrichten gestatten. Durch diese Nachrichten erfahren wir von ihren Stärken und Schwächen. Wir erlangen Wissen, und damit erlangen wir Macht.«

Myndo begegnete Tiepolos Blicken ohne Zögern. »Was nützt uns Macht, die wir nicht einsetzen?«

Die Miene des Primus zeigte keine Regung. »Wir haben nicht behauptet, wir würden unsere Macht nicht einsetzen. Wir werden sie jedoch nicht auf eine derart grobe Manier zum Tragen bringen. Ich werde nicht den Befehl zum Einsatz unserer Mechs geben, denn damit würden wir unserem Image schaden. Ich werde jedoch die Produktion eines Holovids genehmigen, das Davion-Truppen bei der Vernichtung einer unserer Nachrichtenstationen zeigt. Mit diesem Bildmaterial als Beweis besitzen wir eine stichhaltige Entschuldigung für die Einstellung unserer Dienste in den Vereinigten Sonnen.«

Pränzentor Tharkad zog die Brauen zusammen. »Wird dieses Interdikt ein Abschneiden der Informationen enthalten, die von Davion-Agenten innerhalb der Konföderation Capella stammen?«

Der Primus nickte. »Im Rahmen unserer Bemühungen, Davions Vormarsch aufzuhalten, habe ich bereits Anweisung gegeben, die Meldungen in Davion-Sprache über Truppenstärken und Aufmarschgebiete zu verzögern.«

Myndo schien verwundert. »Warum verraten wir die Spione nicht einfach an die Maskirovka? Ich bin sicher, Maximilian Liao wäre dankbar für jeden feindlichen Agenten, den wir an seine Geheimpolizei ausliefern.«

Präzentor Sian ergriff das Wort. »Ich würde nicht da zu raten. Maximilian steht unter starkem Druck. Er könnte uns danken, aber er könnte uns auch vorwerfen, mit Haus Davion zu kollaborieren, weil wir die Spione nicht früh genug verraten haben, um den Angriff Davions zu stoppen.«

Der Primus stimmte ihm zu. »Ich habe keine Bedenken, Berichte zu verzögern, die für Krieger den Tod bedeuten, aber ich werde keine Spione verraten. Damit würden wir die Gans umbringen, die uns goldene Eier legt. Wir werden ihre Berichte weiter annehmen und so tun, als würden wir sie weiterleiten, aber die Informationen werden hierher zur Analyse kommen.«

Präzentor New Avalon räusperte sich. »Wenn Davions Spione ausgeliefert würden, bin ich sicher, dass Quintus Allard neue Agenten rekrutieren und ihre Identität - zumindest kurzfristig - vor uns geheimhalten könnte. Wir sollten das kleinere Übel wählen ...«

Myndo brütete stumm vor sich hin. Ihr seid nichts als ein Haufen Waschweiber. Ihr rennt hinter dem Hühnchen her, das ihr zum Abendessen verspeisen wollt, und hofft, dass es von selbst tot umfällt. Ihr wartet und plant und schmiedet eure Ränke, dabei braucht es nichts weiter als eine scharfe Axt. Sie beobachtete den Primus. Wenn ich erst an deinem Platz bin, wird ComStar zu einer Macht werden, die größer ist als alles, was du dir vorstellen kannst. Die Worte Blakes werden endlich als die eine Wahrheit Anerkennung erlangen.

»Wenn du es nicht darauf anlegst, beschämt zu werden, Präzentorin Dieron, dann empfehle ich dir, keine Abstimmung über deinen Antrag zu fordern. Mir scheint, wir sind gewillt, unsere alte Übereinkunft aufrechtzuerhalten.« Das Gesicht des Primus trug eine falsche Jovialität zur Schau.

»Nun gut. Ich bin bereit, darauf zu warten, dass Haus Davion Sarna angreift - aber auch nicht länger.« Jetzt muss ich nur noch genug Spionageberichte manipulieren, um Sarna als einladendes Ziel erscheinen zu lassen. Plötzlich trat das Bild Hanse Davions vor ihr inneres Auge. Vielleicht brauche ich auch gar nicht groß tätig zu werden, wenn der Fuchs die Planung in der Hand hat ...

ERSTES BUCH

Wahrheit

Die reine und einfache Wahrheit ist selten rein und niemals einfach.

Oscar Wilde

1

New Avalon

Mark Crucis

Vereinigte Sonnen

3. März 3029

Hanse Davion kniff die eisblauen Augen im grellen Licht der Scheinwerfer zusammen, als der Applaus der Reporter durch den kleinen Hörsaal donnerte. Der Prinz der Vereinigten Sonnen machte in seiner purpurnen Ausgehuniform einen imposanten, ja königlichen Eindruck, und er wartete lächelnd darauf, dass sich der Beifall legte. Als nach einer Weile noch kein Anzeichen davon zu bemerken war, hob er die Arme, um die enthusiastische Menge zu beruhigen.

»Bitte, meine Herrschaften, wir wollen zumindest den Anschein einer objektiven Presse wahren ...« Er stimmte in das Gelächter ein, das seine Bemerkung auslöste, dann nahm sein Gesicht einen Ausdruck gefasster Würde an. »Ich habe ein Statement zu verlesen, meine Damen und Herren. Im Anschluss daran stehe ich Ihnen für Fragen zur Verfügung.«

Hanses Linke strich über sein kurzgeschorenes rotes Haar. »Kaum jemand wird mir widersprechen, wenn ich behaupte, dass der Krieg das älteste Handwerk der Menschheit ist - und ihre älteste Besessenheit. Kriege haben in den sieben Jahrtausenden der aufgezeichneten Geschichte deren Verlauf bestimmt, und die Kunst der Kriegsführung entstammt ohne jeden Zweifel einer noch weit älteren Quelle.«

Hanse machte eine Pause und nahm einen Schluck aus dem neben dem Podium bereitgestellten Wasserglas. »In der Geschichte der Kriegsführung werden oft die Heldentaten glorifiziert, die zum Sieg in der Schlacht führen, oder auch die mutigen Anstrengungen derer, die gegen eine unvermeidliche Niederlage ankämpften. Historiker stellen freimütige Spekulationen über die Befehle dieses oder jenes Generals an, aber der menschliche Faktor spielt in ihren Berechnungen nur selten eine Rolle. Die Barbarei des Krieges lässt sich zur bloßen Statistik reduzieren, aber für die Menschen ist der Schmerz beim Verlust eines Sohnes, eines Vaters oder eines Bruders keine mathematische Abstraktion.

Auch Kriege, die in Übereinstimmung mit der Ares-Konvention geführt werden - Kriege, bei denen die Auswirkungen auf die zivile Bevölkerung auf ein Mindestmaß reduziert werden -, kommen dennoch nicht ohne schmerzhafte Verluste aus. Aber nur selten hat ein Todesfall Auswirkungen auf eine ganze Nation. Heute habe ich die traurige Pflicht, Sie, mein Volk, von einem solchen Todesfall zu unterrichten.«

Hanse sah, wie die Reporter einander fragend anblickten. Nein, eure Quellen haben euch nichts davon zukommen lassen. Diese Nachricht erfahrt ihr nur aus meinem Mund. Seine Unterlippe zuckte, und er senkte die Stimme.

»Heute erhielten wir die Bestätigung des Todes Herzog Michael Hasek-Davions.« Der Prinz machte eine Pause, und die schockierten Reaktionen der Reporter hallten durch den Raum. Als er wieder das Wort ergriff, wurde es schlagartig still unter seiner Zuhörerschaft.

»Sein Tod - genauer gesagt, der brutale Mord an ihm - war das Werk Maximilian Liaos. Ich übernehme die volle Verantwortung für Michaels Tod. Er starb, weil er ein politisches Ziel verfolgte. Weil er mir helfen wollte.

Es ist kein Geheimnis, dass Herzog Michael und ich in der Vergangenheit gewisse Meinungsverschiedenheiten hatten, aber sie waren keineswegs so düster und bösartig, wie sie von Ihnen in den Medien dargestellt wurden. Zwischen dem Verhältnis erbitterter Rivalen und dem, welches Herzog Michael und mich verband, besteht ein gewaltiger Unterschied. Sie sahen ihn als meinen Feind. Ich sah ihn als loyale Opposition.«

Hanse seufzte. »Sein Verlust reißt eine tiefe Lücke, und sein Tod wird nicht ungesühnt bleiben.«

Die Miene des Prinzen veränderte sich nicht, aber seine Stimme nahm wieder ihren normalen Klang an. »Liaos Meuchelmörder erhielten von ihrem wahnsinnigen Herren auch den Befehl, einen weiteren Menschen umzubringen. In einem Zug, der wahrhaft nur als psychotisch und paranoid bezeichnet werden kann, befahl Liao den Mord an Oberst Pavel Ridzik. Die Maskirovka bewies ihre übliche Effizienz und schaffte es nicht, den Oberst zu töten. Sie ermordete und verstümmelte jedoch Hunderte Unschuldiger, als ihre Attentäter einen ganzen Häuserblock in die Luft jagten, um einen Mann zu erwischen.«

Hanse ließ die Andeutung eines Lächelns um seine Mundwinkel spielen. »Getrieben von der Sorge um sein Volk, die Menschen Tikonovs, wandte Oberst Ridzik sich an uns. Nach einer Reihe von Verhandlungen sind wir überein gekommen, die Freie Republik Tikonov anzuerkennen und alle feindseligen Handlungen innerhalb ihres Staatsgebietes einzustellen. Zugleich wurde ein gegenseitiger Schutz- und Beistandspakt geschlossen. Wieder einmal haben die Völker der Nachfolgerstaaten einen Beweis dafür erhalten, dass wir politische Freiheit und das Recht des Einzelnen, sein Schicksal frei zu bestimmen, unterstützen.«

Der Prinz ließ den Blick über die versammelten Journalisten schweifen. »Ohne Zweifel werden Sie mich jetzt fragen, warum wir dann im Krieg mit der Konföderation Capella stehen. Warum lassen wir die Capellaner nicht in Frieden leben? Darauf antworte ich Ihnen mit einer Gegenfrage: Kann irgend jemand wirklich frei sein, wenn ein derart skrupelloser Staatsführer so nahe lauert? Für Liao stellt es kein Problem dar, einen ganzen Häuserblock zu zerstören, nur um einen Mann umzubringen. Können Konzepte wie persönliche Freiheit und Selbstbestimmung für einen solchen Geist überhaupt eine Bedeutung haben? Die Antwort darauf lautet ganz einfach nein. Wir werden tun, was getan werden muss, um Liaos Wahnsinn ein Ende zu bereiten.«

Der Prinz legte seinen Text beiseite und stützte sich auf das Podium. Als die Reporter hochschossen, um ihre Fragen zu stellen, deutete der Prinz auf einen schlanken Mann in der Mitte des Pulks.

Die anderen Reporter ließen sich stumm wieder auf ihre Plätze nieder, während der Mann sich vorstellte. »Joe Adams vom Information Network. Hoheit, wie wurde Herzog Michael getötet und wie erreichte Euch die Nachricht von seinem Tod?«

Hanse legte die Faust an den Mund und hustete kurz, bevor er antwortete. »Wir haben nichts, was einem Autopsiebefund auch nur annähernd gleichkäme, Mr. Adams. Aber erste Berichte deuten darauf hin, dass der Tod durch einen Kopfschuss eintrat. Eine vorherige Misshandlung des Herzogs lässt sich nicht ausschließen. Was die Frage angeht, wie wir von seinem Tod erfuhren, so erhielten wir von ComStar ein Kommunique über die zum Transfer seiner Leiche aus den Händen Liaos nach Spica notwendigen Arrangements.«

Wieder erhoben sich die Reporter, aber der Prinz suchte eine dunkelhaarige Frau im vorderen Drittel aus. »Miss Watkins.«

Die Reporterin blickte auf den LCD-Schirm ihres Compblocks, dann lächelte sie zum Prinzen auf. »Ihr habt erklärt, dass Ihr die Verantwortung für den Tod Herzog Michael Hasek-Davions übernehmt. Könntet Ihr das näher erklären?«

Hanse zögerte einen Moment, dann atmete er heftig aus. »Michael war über einen Liao-Angriff auf die Mark Capella besorgt und nahm deswegen eine Reise nach Sian auf sich. Er wollte eine Übereinkunft mit Maximilian Liao aushandeln, aber offensichtlich entwickelten sich die Dinge nicht so wie erwartet. Der Grund dafür, dass ich die Verantwortung für seinen Tod übernehme, liegt darin, dass ich mich Michaels Sorgen betreff der Mark Capella nicht in ausreichendem Maße angenommen habe. Es geschah, weil ich mich voll auf den Krieg konzentrierte, aber das schmälert meine Schuld nicht.«

Ein dunkelblonder Reporter schaffte es, durch das Lärmen seiner Kollegen die nächste Frage zu stellen. »Alf Cordes, New Avalon Broadcasting. Wie könnt Ihr Oberst Ridzik als Garant der Freiheit in Eure Arme schließen, obwohl er den Kopf hinter dem Truth-Massaker war, bei dem dreitausend Männer, Frauen und Kinder von Mechkriegern abgeschlachtet wurden? Wir wissen, dass Oberst Ridzik ein ehrgeiziger Offizier ist, der aller Wahrscheinlichkeit nach den Tod Tormax Liaos auf dem Gewissen hat, und damit Maximilians Nachfolge auf dem capellanischen Thron sicherstellte. Habt Ihr keine Angst, diesen Mann in Eure Nähe zu lassen?«

»Mr. Cordes, ich bin mit Oberst Ridziks Vergangenheit wohlvertraut. Ich könnte Ihnen einen Haufen Erklärungen anbieten, aber das will ich uns beiden ersparen. Durch Oberst Ridziks Unterstützung können wir unsere Garnisonstruppen reduzieren und so die Ausfälle an und hinter der Front verringern.« Hanse verzog den Mund. »Und was eine etwaige Angst vor Oberst Ridzik angeht - ich habe seine Fähigkeiten als militärischer Führer und Politiker immer respektiert. Ich habe keine Angst vor ihm. Ich bin vorsichtig. Ich kann Ihnen versichern, dass zwischen diesen beiden Verhaltensweisen ein großer Unterschied besteht.«

Für die nächste Frage deutete der Prinz auf einen Reporter in einem Rollstuhl, und auf sein Gesicht trat ein ehrliches Lächeln. »Ja, Brandon. Bitte.«

Der Reporter erwiderte das Lächeln. »Danke, Colonel. Verzeihung ...«

Hanse winkte ab. »Machen Sie sich keine Sorgen, Brandon. Ich bin froh, dass sich noch jemand an meine Tage beim Militär erinnert.«

Brandon Corey wartete, bis das Gelächter seiner Kollegen verstummt war, bevor er seine Frage formulierte. »Hoheit, in Erinnerung an Ihre Zeit als Kommandeur der Davion Heavy Guards, hätten Sie sich träumen lassen, dass ein Angriff von den Ausmaßen Ihrer capellanischen Invasion einen derartigen Erfolg haben könnte?«

»Brandon, Ihre Fragen gestatten wie immer keine einfachen Antworten. Ich muss zugeben, dass ich mir als Kommandeur der Davion Heavy Guards nie einen militärischen Schlag dieser Größenordnung auch nur vorgestellt hätte. Der Grund dafür liegt darin, dass die Militärakademien aller Nachfolgerstaaten predigen, eine strategische Offensive sei unmöglich.«

Der Prinz hob die Hand, um Fragen abzuwehren, und setzte seine Erklärung fort. »In den sechs Jahrhunderten, seit zum ersten Mal ein BattleMech über das Schlachtfeld marschierte, hat sich die Kriegsführung verändert. Wenn wir einen BattleMech betrachten, sehen wir eine zehn Meter hohe Kombination von Panzerung und Waffen. Zu häufig sehen wir einen Mech als die Verbindung eines Reiters mit seinem Ross, und wir stellen uns Schlachten vor, die zwischen einzelnen Piloten stattfinden, nicht zwischen Zügen und Divisionen namenloser Soldaten.

Während einer beiläufigen Unterhaltung mit Colonel Ardan Sortek jedoch wurde mir klar, dass wir bei diesem Bild des BattleMechs eine wichtige Tatsache übersehen haben.« Er hob die linke Hand und schloss langsam die Finger zur Faust. »Für Napoleon ... für Patton ... für Rommel hätte ein BattleMech die Schlagkraft einer Kompanie oder Division repräsentiert. Diese Generäle waren auf Kommunikationsmittel angewiesen, die im Vergleich zu unseren Möglichkeiten in den Kinderschuhen steckten, aber ungeachtet dessen haben sie mit Leichtigkeit Kompanien und Divisionen befehligt. Sie kontrollierten Armeen, die aus Hunderttausenden einzelner Krieger bestanden, nur um die Feuerkraft einer unsere MechKompanien aufbieten zu können. Wenn das damals möglich war, fragte ich mich, warum nicht auch heute?«

Corey lehnte sich in seinem Rollstuhl vor. »Und da habt Ihr Euch entschlossen, die Konföderation Capella zu erobern?«

Hanse schüttelte den Kopf. »Da habe ich entschieden, dass wir die Operation Galahad-Manöver der Jahre 3026 und ‚27 organisieren würden, um meine Ideen auf die Probe zu stellen. Erst als diese Manöver bewiesen hatten, dass wir auch große Truppenverbände effektiv bewegen konnten, machten wir uns daran, der Liao-Bedrohung zu begegnen.«

Hinter Corey sprang ein Mann auf, und der Prinz erteilte ihm das Wort. »Ron Kilgore, Nebula Nachrichten. Allmählich sickern Berichte über Liao-Angriffe auf eine Anzahl unserer Grenzwelten von der Front zu uns durch. Könnt Ihr dazu Stellung nehmen?«

Der Prinz richtete sich steif auf. »Sie wissen sehr gut, Mr. Kilgore, dass die militärische Sicherheit es mir unmöglich macht, Stationierung und Kampfstärke unserer Truppen mit Ihnen zu besprechen, aber nichtsdestoweniger verdient Ihre Frage eine Antwort. Ja, Liao-Einheiten haben einige unserer Welten in den Marken Draconis und Capella angegriffen. Das Ziel dieser Aktionen war es, Vorräte, die zur Vorbereitung unserer nächsten Angriffswelle auf diesen Planeten lagerten, zu erobern oder zu vernichten. Liaos Geheimdienst, die Maskirovka, hatte gewisse Daten so interpretiert, dass ein vernichtender Angriff möglich war. Diese Informationen wurden ihr jedoch von unserem Ministerium für Geheime Untersuchungen und Operationen zugespielt. In Geheimdienstkreisen nennt man so etwas einen Köder.«

Die Reporter brachen in Gelächter aus. »Ich kann Ihnen versichern, dass die Liao-Einheiten zwar gelandet sind, aber nicht mehr gestartet.«

Hanse nickte einem anderen Reporter zu. »Mr. St. James.«

»Danke, Euer Hoheit. Im letzten September habt Ihr in Eurer letzten Pressekonferenz zur Invasion erklärt: ›Sie wird so lange dauern wie nötig.‹ Haben Sie heute eine klarere Vorstellung darüber, wie lange das sein wird?«

Hanse Davion schüttelte resigniert den Kopf. »Ich habe einmal geglaubt, wir könnten Liao in die Knie zwingen, indem wir ihm die Industriewelten der Kommunalität Tikanov rauben, aber er scheint nicht zu erkennen, dass er die Möglichkeit einer effektiven Kriegsführung verloren hat. Tatsächlich deuten der missglückte Anschlag auf Pavel Ridzik und die Ermordung Herzog Michael Hasek-Davions darauf hin, dass wir bei unseren Einschätzungen der geistigen Stabilität Liaos weit von der Wirklichkeit entfernt waren. Inzwischen erscheint Liao nicht mehr als geschickter Menschenführer, sondern eher wie ein tollwütiges Tier, das eingeschläfert werden muss.«

Hanse runzelte die Stirn. »Bitte glauben Sie mir, dass dieser Krieg auch für mich eine Belastung ist, ebenso wie für jeden meiner Untertanen.« Sein Blick schien durch die Wände des Hörsaals in die Ferne zu schweifen. »Dieser Krieg hält mich fern von meiner jungen Frau. Dieser Krieg hat mich meinen Schwager Michael gekostet. Und jeder Tag, an dem ich Männer und Frauen in den Tod schicken muss, schmerzt mich zutiefst.«

Eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren stand auf. »Hoheit, wir haben Gerüchte gehört, nach denen Justin Xiang, ein Mann, den Ihr vor zwei Jahren verbannt habt, heute als Maximilian Liaos Berater für Geheimdienstangelegenheiten mit Bezug auf die Vereinigten Sonnen fungiert. Xiang ist der Sohn Eures Ministers für Geheime Untersuchungen und Operationen, Quintus Allard. Stimmt es, dass Ihr diese Invasion als Präventivschlag eingeleitet habt, um zu verhindern, dass Liao Geheimnisse ausnutzt, die Xiang bekannt sind? Und wenn diese Geheimnisse die Vereinigten Sonnen geschädigt haben, werdet Ihr seinen Vater entlassen?«

Der Prinz räusperte sich, aber der Ausdruck der Verachtung auf seinen Zügen blieb. »Danach zu urteilen, wie die capellanischen Truppen in unseren Hinterhalt stolperten, kann Justin Xiang für Maximilian Liao keine große Hilfe darstellen. Möglicherweise hätte Xiang früher einmal das Zeug zu einem fähigen Kompaniechef gehabt. Als Geheimdienstberater Maximilian Liaos könnte man ihn sogar als Helfer der Vereinigten Sonnen betrachten. Was Quintus Allard angeht, so war er es, der die Operation Hinterhalt geplant und ihre erfolgreiche Durchführung geleitet hat. Ich habe vollstes Vertrauen in ihn, und er wird an meiner Seite bleiben, bis er selbst sich entschließt, seine Dienste für mich aufzugeben.«

Ein grauhaariger älterer Herr erhob sich, um die nächste Frage zu stellen. »Verlassen wir für einen Augenblick die Liao-Front, Hoheit. Wir haben Gerüchte gehört, nach denen eine Liao-Einheit, die Northwind Highlanders, auf dem Planeten Northwind gelandet ist und zwei Kurita-Regimenter in die Flucht schlug. Könnt Ihr dazu Stellung nehmen und uns mitteilen, ob Pläne bestehen, den Planeten von den Liao-Truppen zu befreien.«

»Wieder kann ich aus Gründen der militärischen Sicherheit diese Frage nur teilweise beantworten. Bitte geben Sie sich damit zufrieden, dass die Ankunft der Northwind Highlanders auf dem Planeten, den ihre Vorfahren vor Jahrhunderten verließen, weder unerwartet noch unerwünscht war.«

Damit hob Hanse Davion die Hände. »Keine weiteren Fragen. Auf mich wartet noch viel Arbeit. Aber wir werden diese Veranstaltung wiederholen ... bald. Ich respektiere Ihr Recht, die Wahrheit zu erfahren, und ich werde sie mit Ihnen teilen, so oft es mir möglich ist.« Prinz Hanse Davion ignorierte die fragenden Zurufe aus dem Saal, drehte sich um und zog sich durch die Tür ins Innere seines Palastes zurück.

2

New Avalon

Mark Crucis

Vereinigte Sonnen

3. März 3029

Als die SAS-Wachen die Türen des Hörsaals hinter ihm schlossen, blickte der Prinz auf und sah, dass sein weißhaariger Minister für Geheime Untersuchungen und Operationen auf ihn wartete. »Morgen, Quintus.« Am düsteren Ausdruck auf dem Gesicht seines Gegenübers erkannte der Prinz, dass etwas nicht stimmte. »Was ist los?«

»Ich weiß jetzt, warum wir Morgan Hasek-Davion heute morgen nicht gefunden haben. Im Laufe der Nacht ist eine Holodisk von der ComStar-Station hier in New Avalon City eingetroffen. Als Empfänger war ›M. Hasek-Davion‹ eingetragen. Sie wurde Morgan etwa drei Stunden vor Sonnenaufgang zugestellt.«

Hanse fühlte, wie eine eisige Klaue sich in seine Eingeweide grub. Lieber Gott, nein! Morgan sollte diese Disk nicht sehen, zumindest nicht, bevor Quintus und ich sie abgecheckt hatten. Der Prinz schluckte. »Wo ist er?«

Quintus deutete den Gang hinunter. »Er ist bei Melissa. Kym Sorenson ist auch dort - Ihre Frau hat sie gerufen. Morgan fühlt sich verraten, Hoheit, und er ist ausgesprochen wütend.«

Hanse nickte, dann hastete er mit langen Schritten den Korridor hinab. Als Quintus ihn einholte, fragte er: »Weiß Morgan von Kym? Weiß er, dass seine Geliebte eine deiner Agentinnen ist und ihn für uns überwacht?«

»Er hat keinen Schimmer«, erwiderte Quintus. »Dafür ist Kym zu gut. Aber wenn er das jemals herausfände, würde es ihn am Boden zerstören.«

Der Prinz nickte. »Wir beide sind die einzigen, die es wissen. Ich habe nicht einmal Melissa davon erzählt.«

Die beiden Wachen an der Tür zu Hanses persönlichen Gemächern nahmen Haltung an. Der Prinz nickte ihnen flüchtig zu, dann öffnete er die Tür und ging hinein. Quintus folgte ihm und zog die mit Blattgold verzierte Tür sicher ins Schloss.

Melissa Steiner-Davion empfing ihren Gatten an der Tür. Ihr blondes Haar bildete einen glänzenden Rahmen um ihr hübsches Gesicht. Die Nervosität in ihrer Begrüßung nahm Hanse nicht wahr, aber das Zittern ihrer feuchten Hand sagte ihm genug. In ihren Augen steht die Furcht. Morgan muss große Schmerzen spüren, aber es sind Schmerzen, die ich nicht lindern kann.

Melissa hauchte einen Kuss auf seine Wange. »Er ist wütend, Hanse. Sei vorsichtig. Er schlägt blindwütig um sich, aber du kannst ihm helfen.«

Hanse nickte. Er ging durch den kurzen Vorflur ins Wohnzimmer. Morgan Hasek-Davion saß auf der Couch und starrte auf den Holovid-Monitor. Der sonst groß und edel wirkende Mechkrieger war in die Kissen des cremefarbenen Sofas gesunken. Sein langes, unbändiges, rotblondes Haar verbarg das kantige Gesicht.

Rechts neben ihm saß Lady Kym Sorenson und strich ihm über das Haar. Angst und Sorge ließen ihr sonst so hübsches Gesicht müde wirken. Die Art, in der das blonde Haar aus dem Gesicht gestrichen war, und ihre lässige Kleidung machten dem Prinzen klar, dass sie sofort herbeigeeilt war, als sie den Anruf erhielt. Ich frage mich, ob hinter ihrer schnellen Reaktion mehr steckt als nur Pflichtbewusstsein.

Morgans Kopf fuhr herum, und seine grünen Augen funkelten wütend. »Du! Du hast es gewusst, oder nicht? Du hast es gewusst und hast mir nichts davon gesagt!«

Hanse blickte auf den Monitor. Er zeigte einen Reporter, der die Pressekonferenz zusammenfasste. Dann schaute er zu Morgan zurück und schüttelte den Kopf. »Ich habe dich zu erreichen versucht, um es dir zu sagen, bevor die Presse es hört. Ich wollte nicht, dass du es so erfährst, aber ich musste eine Erklärung abgeben, weil die Maskirovka bereits Informationen an die Medien in der Mark Capella durchsickern ließ. Wo warst du?«

Morgan knurrte wie ein wütender Hund. »Ich war aus ... spazieren!«

Hanse kniff die Augen zusammen. Ohne Zweifel wieder mal ein nächtlicher Streifzug durch den Prinzenpark. »Du hast niemand im Palast mitgeteilt, wo du warst. Du bist mein Erbe ... dazu bist du verpflichtet.«

Morgans Stimme senkte sich zu einem frostigen Flüstern. »Ich hatte andere Sachen im Kopf. Ich hatte das hier gesehen!« Er deutete mit der Fernbedienung auf den Holovid-Monitor und betätigte eine Taste. Der Reporter löste sich wie unter einem Hagel unsichtbarer Messer auf.

Der Monitor zeigte eine Szene an Bord eines Landungsschiffes. An den goldenen Insignien auf den inneren Schottwänden konnte der Prinz die Maschine ohne Schwierigkeiten als ComStar-Eigentum erkennen. Als die Kamera zurückfuhr, wurden mehrere Personen sichtbar. In der Mitte des Beiboothangars stand ein ComStar-Akoluth in der gelben Robe seines Ranges. Zu seiner Rechten standen sieben Männer in der Uniform der Fünften Syrtis-Füsiliere Michael Hasek-Davions. Ein achter Mann in dunkelblauer Zivilkleidung wartete zusammen mit ihnen am Ende des roten Teppichs.

Im Hintergrund öffnete sich die Luke einer pfeilförmigen silbernen Raumfähre, auf deren Seite das Symbol der Konföderation Capella prangte - eine Faust mit erhobenem Schwert vor einem grünen Dreieck. Langsam fuhr eine Stufenrampe aus und senkte sich knapp vor dem roten Teppich auf das Raumschiffsdeck. Die Kamera zoomte zu einer Nahaufnahme, als der erste Liao-Repräsentant die Stufen betrat.

Quintus Allard, der dem Prinzen soeben in den Raum gefolgt war, versteifte sich, als die Kamera das Gesicht des Mannes einfing. »Justin.«

Hanse Davion warf Kym Sorenson einen schnellen Blick zu, aber sie ließ sich mit keiner Regung anmerken, dass sie den schwarzgekleideten Capellaner erkannt oder irgendein Interesse an ihm hatte. Wirklich, Quintus, du hast eine gute Wahl getroffen. Obwohl ihre Mission, Justin auf Solaris VII zu beobachten, mit ihrer Entdeckung und gebrochenem Unterkiefer endete, erweckt sie den Anschein, ihn nie gesehen zu haben. Nerven aus Stahl und Eiswasser statt Blut. Wie schaffst du es nur, so viele Menschen zu finden, die sich für derartig schwierige Aufgaben eignen?

Justin Xiang erreichte den Fuß der Rampe und trat zur Seite. Sein in konservativ capellanischem Stil gehaltener schwarzer Anzug besaß weder Aufschläge noch irgendwelchen Schmuck, abgesehen von den flachen schwarzen Knöpfen, die sich in einer Leiste über seine Brust hinabzogen. Justins Hose hatte rasiermesserscharfe Bügelfalten und fiel über die Oberkante seiner Stiefel. Der capellanische Agent trug einen schwarzen Handschuh an der linken Hand und einen weißen Briefumschlag in der rechten.

Er sah die Stufen hinauf, und die Kamera folgte seinem Blick. Die beiden ersten Sargträger kamen die Rampe herunter. Bis auf die Farbe glichen ihre Anzüge dem Justins völlig. Das tiefdunkle Braun des Mahagonisarges kontrastierte scharf mit den weißen Uniformen der Sargträger, war jedoch nur wenig dunkler als deren Haut. Die Kamera zeigte ihre Gesichter, aber die halb geschlossenen Mandelaugen und ausdruckslosen Mienen lieferten keinerlei Information.

Die beiden vordersten Träger hatten Mühe, den Sarg gerade zu halten. Mit streng militärischer Präzision trug die capellanische Ehrengarde die sterblichen Überreste Herzog Michael Hasek-Davions herab auf das Deck des Landungsschiffes, wo sie darauf wartete, dass Justin ihnen über den roten Teppich vorausging.

Justin schritt mit gleichmäßiger Geschwindigkeit aus, bis er den ComStar-Akoluthen erreicht hatte. Der Repräsentant der Vereinigten Sonnen verließ die Füsiliere und marschierte steifbeinig an seinen Platz gegenüber Justin Xiang.

Xiang verneigte sich vor dem Akoluthen. »Der Friede Blakes sei mit Ihnen.« Dann verbeugte er sich vor seinem Gegenüber aus den Vereinigten Sonnen, aber diesmal lag nichts von dem Respekt in der Geste, den er dem Akoluthen erwiesen hatte. »Hallo, Botschafter Robertson.«

Der stämmige Beauftragte des Prinzen nickte Xiang knapp zu. »Wie nett vom Kanzler, uns mit seinem Schoßhund zu ehren.«

Xiang zuckte zusammen, verkniff sich aber eine Erwiderung. »Die Ares-Konvention verlangt die Repatriierung aller Spione, lebend wie tot. In der Konföderation Capella wird Verrat nicht geduldet. Das, was einmal Herzog Michael Hasek-Davion war, gehört Ihnen. Tun Sie damit, was Ihnen beliebt.« Einen Moment lang zögerte Xiang, und seine Stimme klang etwas sanfter. »Der Kanzler hätte es vorgezogen, den Leichnam von Aasfressern verspeisen zu lassen, aber ich habe ihn überredet, den Herzog an Sie auszuliefern «

Die strenge Miene Robertsons löste sich etwas. Er senkte bestätigend den Kopf. »Danke, Bürger Xiang. Es freut mich, feststellen zu können, dass Sie einige unserer Gebräuche auch weiter ehren, wie ein zivilisierter Mensch.«

Xiangs dunkle Mandelaugen funkelten. »Es gibt vieles, was ich an den Vereinigten Sonnen respektiere, Lord Victor. Aber Sie sollten nicht auf den Gedanken kommen, dieser Respekt könnte meinen Durst nach Rache für die Erniedrigung und Verbannung durch den Prinzen und meinen Vater in irgendeiner Weise schmälern.«

Xiang zog den Handschuh von der Linken und ließ ihn auf den Teppich fallen. Die Kamera brachte seine Hand ins Bild. Das Licht der grellen Holoscheinwerfer ließ die Metallsäume glitzern. »Ich habe den Vereinigten Sonnen nicht nur ein Stück von mir gegeben, sondern Herz und Seele obendrein, und im Gegenzug habe ich nichts dafür erhalten. Ihr Prinz hat sich gegen mich gewandt, und ich bin gerne bereit, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.«

Xiang drückte Robertson den Umschlag in die Hand. »Dies sind sämtliche zur Übergabe des Leichnams erforderlichen Dokumente. Wir haben sogar das Original des Todesurteils beigefügt. Ich bin sicher, der Prinz wird es einrahmen lassen.«

Robertson nahm die Dokumente entgegen, und Justin wandte sich um. Beide Männer winkten ihre Soldaten vor. Genau in der Mitte des Teppichs, dem ComStar-Akoluthen direkt gegenüber, nahmen die Fünften Syrtis-Füsiliere den Leichnam ihres ermordeten Herrn in stummer Würde entgegen. Nur ihre gespannten Mienen und blitzenden Augen kündeten von ihrem Hass auf die Capellaner.

Morgan schaltete die Aufzeichnung ab. »Du hast mir vor ein paar Tagen erzählt, du hättest von einer Verwundung meines Vaters erfahren, könntest mir aber keine Einzelheiten mitteilen. Dann erhalte ich das durch einen Boten. Ich bin fast verrückt geworden, als ich es gesehen habe! Und als ich herkomme, um herauszufinden, wie viel du davon weißt, höre ich von deiner Pressekonferenz!«

Morgan sprang auf die Füße und trat seinem Onkel entgegen. »Mein Gott, Hanse, warum hast du nicht gewartet? Warum hast du nicht zuerst mit mir gesprochen?«

Morgan zeigte mit dem Finger auf den Monitor. »Du hast den Reportern erzählt, du nähmst die Verantwortung für den Tod meines Vaters auf dich. Du hättest ihn aufhalten müssen. Du hättest nicht gestatten dürfen, dass er nach Sian fliegt.«

Hanse richtete sich zu voller Größe auf. »Ihm gestatten zu fliegen? Ich habe nichts dergleichen getan. Dein Vater ist aus eigenem Entschluss aufgebrochen, und Liao hat ihn aus gutem Grund getötet.«

Morgan zögerte. »Aber du hast gesagt ...«

»Wen interessiert, was ich gesagt habe. Das waren Reporter. Sie haben keine Ahnung davon, was wirklich in der Welt vorgeht. Sie können die Wahrheit hinter den Aufmachern ausschnüffeln, die wir ihnen liefern, aber sie haben keine Ahnung. Das, was sie für den Boden halten, ist nur das Dach der nächsttieferen Schicht!«

Hanse blickte Morgan und Lady Kym an. »Was ich euch jetzt sage, darf kein anderer erfahren.« Er deutete auf die Couch. »Setz dich, Morgan.« Sein Neffe schüttelte den Kopf und faltete die Hände hinter dem Rücken. Hanses Stimme wurde leiser. »Bitte setz dich.«

Morgan nahm Platz, während Hanse zum Holovid-Monitor ging und das Gerät ausschaltete. »Der Umschlag mit den Papieren enthielt genug Informationen, um Quintus die Möglichkeit zu geben, auch die letzten Einzelteile des Puzzles zusammenzufügen. Wir wussten aus den verschiedensten Hinweisen, dass Informationen über unsere Streitkräfte an die Maskirovka ging. Wegen der Geschwindigkeit, mit der diese Informationen die gegnerische Seite erreichten, war uns gleichzeitig klar, dass die Informationen von jemand kommen mussten, der deinem Vater sehr nahe stand. Wir wussten, wie lange die Informationen brauchten, um Liao zu erreichen. Weil Alexi Malenkow, Justin Xiangs Adjutant, für Quintus Allard arbeitet.«

Hanse hob die Arme, um die Frage abzuwehren, die sich auf Morgans Lippen formte. »Wir waren der Ansicht, der Maulwurf sei Count Anton Vitios, der gute Freund deines Vaters.«

Morgan schüttelte den Kopf. »Völlig unmöglich. Vitios‘ Familie ist beim Liao-Angriff auf Verlo umgekommen. Sein Hass auf alles capellanische ist schon pathologisch.« Morgan sah zu Quintus Allard hinüber. »Das haben wir alle vorgeführt bekommen, als er deinen Sohn wegen Verrats anklagte.«

Quintus nickte. »Wir glaubten mit einigen unserer Psychologen, dass Vitios den Verstand verlor, weil er der Meinung war, weder der Prinz noch dein Vater würden Liao ausreichend zusetzen. Dadurch, dass er Liao mit Informationen fütterte, konnte er Schwachstellen produzieren, die Liao zu für ihn katastrophalen Vorstößen verleiten sollten. Wir haben entdeckt, dass die an Liao weitergeleiteten Informationen über die Truppenstärke der Einheiten deines Vaters durch die Bank zu niedrig angesetzt waren.«

Der Prinz nickte. »Wir haben dieses Leck benutzt, um unseren Hinterhalt für die Liao-Angriffe im Januar vorzubereiten. Die Operation wurde für Liao zu einer totalen Katastrophe. Erst nachdem die Angriffe fertig vorbereitet und Liaos Truppen bereits auf dem Weg waren, sandten wir deinem Vater die Informationen über unsere Aktion. Anstatt Vitios zu verhaften, floh er nach Sian.«

Mit offenem Mund starrte Morgan Hanse Davion an, dann schüttelte er langsam, fast zwanghaft, den Kopf. »Nein, das kann nicht stimmen. Mein Vater würde so etwas nie tun.« Morgan zitterte. »Du behauptest, mein Vater habe die Vereinigten Sonnen verraten.«

Hanse sah auf Morgan hinab und ein Eisenband schien sich um seine Brust zu legen. Ich weiß, es schmerzt, das zu erfahren. Sei froh, dass wir dir nicht die volle Wahrheit sagen. »Es war kein Verrat, Morgan, auch wenn es diesen Anschein hat. Michael hatte einen Waffenstillstand mit Liao ausgehandelt. Nein, er hatte keine Genehmigung von mir für derartige Verhandlungen, aber die Mark Capella ist halbautonom, und dein Vater hat getan, was er zum Schutz seines Volkes für nötig hielt. Seine Handlungsweise ärgert mich, aber ich kann sie verstehen.«

Morgan rieb sich die Stirn. »Also ist mein Vater nach Sian geflogen, um Maximilian Liao zu überzeugen, dass er ihre Übereinkunft nicht verletzt hatte ...«

»Und Liao, der zu diesem Zeitpunkt gerade vom völligen Fehlschlag seiner Überfälle erfahren hatte, gab deinem Vater die Schuld. Liao ließ völlig außer acht, dass er seine Truppen ohnehin nicht mehr hätte zurückrufen können. Da die capellanischen Einheiten durch unbewohnte Sonnensysteme flogen, hätte das ComStar-Netz ihnen keine Warnung vor unseren Fallen zustellen können.«

Hanse ging vor Morgan in die Hocke und sah ihm in die Augen. »Dein Vater hat die Lage gefährlich falsch eingeschätzt, und die Herrschaft über die Mark Capella ist an deine Mutter gefallen. Das militärische Oberkommando wird Marshall Vivian Chou übernehmen. Ich habe eine Kommandostrecke reserviert, die dich nach New Syrtis bringt.«

Morgan sah ihn an. »Bei der Menge an Sprungschiffen, die du für den Krieg benötigst, kann die Kommandostrecke nach New Syrtis nicht vollständig sein.«

»Ist sie auch nicht. Der Flug nach New Syrtis wird einen Monat dauern, weil jedes Schiff zwei Sprünge durchführen muss. Dadurch kommen vier Wochen Aufladezeit für die Kearny-Fuchida-Triebwerke zusammen.«

Morgan seufzte schwer. »Ich käme zu spät für die Beerdigung.« Er stand auf. »Onkel, gib mir die Fünften Syrtis-Füsiliere, und lass mich den Tod meines Vaters rächen.«

Morgans Bitte bohrte sich wie ein Dolch in Hanses Herz. Verdammt, Morgan, ich kann deiner Bitte nicht entsprechen. Die Fünften Syrtis sind gespickt mit Männern, die Michaels Tod rächen würden, indem sie mich angreifen. Ich kann dir kein Natterngezücht wie die anvertrauen. Mit dir als Kommandant könnte es ihnen gelingen, in der Mark Capella eine Revolte anzuzetteln. Dein Vater könnte sie noch aus dem Grab benutzen und im Tod erreichen, was er im Leben nie geschafft hat.

Hanse schüttelte den Kopf. »Wir haben das doch schon oft genug besprochen. Bis Melissa mir ein Kind schenkt, bist du mein Erbe. Ich werde Liao keine Chance bieten, die Hoffnung Haus Davions und Haus Haseks mit einem Schlag zu vernichten. Ich weiß, dass du dich angekettet fühlst, aber deine Pflicht liegt hier, gesund und sicher, bereit für den Tag zu sein, an dem ich dich brauche.«

»Nein, Hanse, diesmal ist es anders.« Morgan ballte die Fäuste. »Bis jetzt wollte ich gegen Liao kämpfen, um den Ruhm Haus Davions zu mehren. Das war meine Motivation und mein Ziel, aber der Mord an meinem Vater hat die Lage geändert. Jetzt muss ich seinen Tod rächen.«

Hanse kniff die Augen zusammen. »Wenn ich ablehne, wirst du dann auf eigene Faust losschlagen, eigene Abkommen treffen, einen Privatkrieg führen?«

Morgan setzte zur Antwort an. Dann verstummte er, als Hanses Falle sich vor ihm auftat. Seine Fäuste sanken herab. »Nein, Prinz Hanse Davion, so ähnlich bin ich meinem Vater nicht. Ich diene Euch, in welcher Funktion Ihr es verlangt.« Er neigte den Kopf. »Und nun, mein Lord, gestattet mir, mich zurückzuziehen, um meinen Vater zu betrauern.«

Hanse gab stumm sein Einverständnis und ließ Morgan Hasek-Davion widerstrebend den Raum verlassen. Trauere um ihn, Morgan, aber lerne auch aus seinem Tod. Deine Loyalität muss den Vereinigten Sonnen gehören. Wenn du schwach wirst, wenn diejenigen, die deinen Vater unterstützten, dich verführen können, wirst du sein Schicksal teilen.

3

Sian

Kommunalität Sian

Konföderation Capella

20. März 3029

Justin Xiang schob eine neue Batterie in den Magna-Laserkarabiner. Dann sah er um die Ecke. Sein Kopf zuckte zurück, als von den beiden schattenhaften Gestalten ein Stück den Korridor hinab ein rubinroter Lichtstrahl in seine Richtung zuckte. Er ging, so gut es sein Exoskelett gestattete, in die Hocke und hechtete in den Gang. Dann rollte er ab und richtete sich auf ein Knie auf. Sein Finger krümmte sich um den Abzug.

Heiße Bahnen aus scharlachrotem Laserfeuer harkten den Korridor ab. Ein Strahl traf einen Wachtposten hoch am Brustkorb und spritzte wie ein Meteor von der Schmelzpanzerweste des Postens ab. Der Mann erstarrte, dann fiel er nach hinten. Sein Partner fing drei Treffer ein, die sich von der rechten Hüfte bis zur linken Schulter zogen. Der Aufprall wirbelte ihn herum, dann fiel er steif zu Boden.

Justin hastete den Gang hinab und ging neben den beiden in die Knie. Er stieß ihre Waffen beiseite, drehte sich um und winkte die Männer weiter, die hinter ihm hockten und warteten. Zwei von ihnen rannten an ihm vorbei und gingen zu beiden Seiten der Außentür in Position. Nicht schlecht. Bis jetzt haben wir nur drei von zwölf Mann verloren. 25 Prozent Verlust kann ich akzeptieren - oder auch mehr. Diese Mission ist zu wichtig.

Die sechs übrigen Teammitglieder erreichten Justins Position. Die Nachhut hielt die Waffen in den Korridor gerichtet, um etwaige Verfolger aufzuhalten. Die drei anderen - innerhalb des Sturmtrupps als ›Maultiere‹ bezeichnet - suchten so gut es ging Deckung. Die Proben in den Säcken an ihren Gürteln waren reichlich sperrig, aber es gelang ihnen trotzdem, kein allzugroßes Ziel zu bieten.

Justin wandte sich den beiden Männern am Eingang der Anlage zu. Er nickte und schickte sie durch die Tür. Einer drehte sich, blieb stehen, stürzte gegen den Türrahmen: Von feindlichem Feuer getroffen. Der zweite Mann warf sich zurück ins Innere des Gebäudes, aber seine Beine ließen ihn im Stich.

»Die haben einen Locust da draußen!«

Verdammt! Unser Ablenkungsmanöver sollte alle Mechs von hier abziehen! Justin wirbelte herum. »Ling! Maximowitsch! Macht die Mechfäuste fertig! An die Tür! Ich lenk‘ ihn ab.«

Justin ließ sich von einem der Maultiere einen tragbaren Raketenwerfer reichen. Als er durch das Sichtfenster des Abschussrohrs blickte, sah er einen Teil des roten Kennstreifens, der sich um den Sprengkopf der Rakete zog. Gut. Eine Infernorakete. Die bringt den Locust nicht um, aber der Brennstoff wird alles bedecken und seine Infrarotsensoren wertlos machen. Er muss durch die Überprüfung der Wärmemuster gewusst haben, dass ich zwei Mann am Eingang hatte.

Justin reichte einem der Maultiere seinen Karabiner und deutete auf die Feuerschutzanlage an der Decke. »Wenn Sie so freundlich wären, Mr. Chung. Wir wollen den Gang etwas abkühlen.«

Ein Schuss genügte, und aus den Sprinklern entlang des ganzen Korridors schoss das Wasser. Justin ließ sich vom Wasser durchnässen, um seine IR-Silhouette zu zerstören, dann sprintete er zur Tür. Als er ins Sonnenlicht trat, warf er sich nach rechts, fort von den wartenden Mechs seines Teams und auf den Locust zu.

Narr! Du hast erwartet, dass wir unsere Mechs zu erreichen versuchen, um gegen dich anzutreten! Justin hob den Raketenwerfer wie einen Fehdehandschuh. Diesen Fehler wirst du so schnell nicht wieder begehen!

Der Pilot des Locust versuchte hastig zu wenden, aber seine ungelenk wirkende Maschine war nicht für schnelle Drehbewegungen ausgelegt. Aus dem Stummelflügel an der linken Flanke des zehn Meter hohen Mechs flogen leere Patronenhülsen, als der Pilot Justin mit Maschinengewehrfeuer verfolgte, aber der Maskirovka-Agent konnte sich immer ein Stück vor den MG-Einschlägen halten. Der Pilot schwenkte den unter dem Rumpf des Mech montierten Laser in Richtung seines heranstürmenden Gegners, während er weiter versuchte, den Locust zu wenden.

Justin ließ sich blitzschnell auf die Knie fallen. Nur drei Meter vor ihm schlug der glühendheiße Laserstrahl in den Boden. Hitzewellen brandeten über ihn hinweg, als er sich aufrichtete. Justin legte den schweren Raketenwerfer auf die rechte Schulter, richtete den Lauf mit seiner Metallhand aus und feuerte.

Innerhalb eines Herzschlages hatte die Infernorakete die fünfundzwanzig Meter bis zu ihrem Ziel überbrückt. Anstatt in die Eisenkeramikpanzerung des Locust einzuschlagen, blühte die Rakete wie eine höllische Feuerblume auf. Fühler aus dicken, sirupartigen Chemikalien strömten über den Mech, verklebten seine Außenhaut wie Honig, barsten in Flammen.

Im Eingang tauchten Ling und Maximowitsch auf. Ihre Raketen zischten durch die Flammen und explodierten auf dem Rumpf des Locust. Beide Geschosse hüllten den Mech in eine dichte schwarze Wolke, aber das auflodernde Feuer verzehrte die Farbe in Sekundenschnelle.

Justin hob die linke Faust zum Salut. Er warf den leeren Raketenwerfer beiseite, legte die rechte Hand auf sein Kehlkopfmikrophon und öffnete eine Verbindung zu seinem Partner. »Das dürfte es gewesen sein, Tsen. Wir sind draußen. Wie sind wir in der Zeit?«

Tsen Shangs volle Stimme antwortete sofort, aber ihr schien etwas von der Emotion zu fehlen, die Justin erwartet hatte. »Zwölf komma zwo drei Minuten. Sie sind anderthalb Minuten unter der letzten Zeit geblieben.«

Justin lächelte. »Und wir haben diesmal eine Person mehr mit rausgebracht. Die Mission konnte zum Erfolg gebracht werden, auch ohne Kampfgas in rauen Mengen einzusetzen. Die Operation ist ganz entschieden durchführbar.«

»Verstanden.« In Tsens Stimme lag Verärgerung.

»Der Kanzler will, dass Sie sich augenblicklich bei ihm melden. Sparen Sie sich das Umziehen. Er wird sich nicht darum kümmern.«

»Verstanden.«

Justin nahm die Hand vom Kehlkopfmikro. Seit sich sein Gegenangriff auf die Davion-Lagerhallen als eine riesige Falle herausgestellt hatte, schien Tsen Shang verändert. Dabei war er daran völlig schuldlos. Immerhin war er gezwungen gewesen, für die Planung des Angriffs Michael Hasek-Davions Berichte zu verwenden. Tsen Shang hatte nicht wissen können, dass diese Informationen von Davions Geheimdienstministerium fabriziert worden waren. Niemand hatte das ahnen können.

Justin wand sich aus seinem Tragegeschirr und ließ es klirrend zu Boden fallen. Dann bedeutete er einem der Männer, die von den Löscharbeiten an dem ferngesteuerten Locust zurückkamen, es für ihn mitzunehmen. Einen Moment lang überlegte er, ob er sich aus dem Exoskelett befreien sollte, aber dann entschied er, dass dazu keine Zeit blieb. Solange niemand mit einem abgeschwächten Laser auf ihn feuerte, bestand keine Gefahr, dass der Anzug sich versteifte, um eine Verletzung zu simulieren, und zu einem Problem wurde.

Tsen Shangs Stimmung machte Justin zu schaffen wie ein zu großer Stiefel, der seine Ferse wundscheuerte. Als er den Kanzler überzeugt hatte, Tsen weder exekutieren zu lassen noch ins Exil nach Mutig Herz zu schicken, hatte Justin eigentlich erwartet, dass Shang sich freute. Statt dessen schien er nur noch düsterer zu werden. Und Justin wusste auch warum. Hinter den Stimmungsumschwüngen seines Partners konnte nur Romano Liao stecken. Er schüttelte den Kopf. Diese Frau ist das beste Argument für nachträgliche Geburtenkontrolle.

Justin hatte Tsen Shang zwei Jahre zuvor auf der Spielwelt Solaris VII kennengelernt. Tsen, ein Maskirovka-Agent, hatte die Rolle eines wohlhabenden capellanischen Adligen gespielt, der bei den Gladiatorenkämpfen auf Solaris ein Team schwerer Mechs finanzierte. Justin, damals gerade erst aus den Vereinigten Sonnen verbannt, hatte sich gut geschlagen und das Glück der Konföderation Capella bei den Spielen gewendet. Auf Grund einiger von Justins Aktionen war Tsen Shang schnell zu dem Schluss gekommen, dass sich der Sohn des davionschen Geheimdienstministers für die Konföderation Capella als wertvoll erweisen könnte. Shang hatte Justin entführt, und Maximilian Liao persönlich hatte Justin für die Maskirovka rekrutiert.

Justin und Tsen arbeiteten eng zusammen und entwickelten einen Plan, die Maskirovka organisatorisch zu straffen und ihre Effizienz zu erhöhen. Maximilian Liao akzeptierte ihren Plan, führte ihn aus und setzte die beiden an die Spitze seines ›Krisenstabs‹. Diese Beförderung hatte Justin und Tsen nicht nur eine enorme Verantwortung aufgebürdet, sie waren auch in engen Kontakt mit der capellanischen Fürstenfamilie gekommen.

Ein Lächeln spielte um Justins Lippen, als er den Weg vom Simulationszentrum zum Frühlingspalast zurücklegte. In sehr engen Kontakt sogar. Romano warf sich auf Tsen wie ein Vampyr auf einen spicanischen Blutfisch.

Sie wollte ihn als ihren Schoß-Maskirovka-Agent, und sie hat ihn bekommen. Dass sie ihn irgendwann gegen mich aufhetzen würde, um ihre Machtbasis zu vergrößern, war mir von vornherein klar, aber dass sie es so schnell und mit solchem Nachdruck versucht, liegt wohl an meiner Beziehung zu ihrer älteren Schwester. Shang ist gefangen zwischen unserer Freundschaft und ihren Manipulationen. Unglücklicherweise scheint Romano zu gewinnen ...

Justin zwang sich, einen Augenblick stehenzubleiben. Er atmete tief durch und wartete darauf, dass der frische, saubere Frühlingsduft den letzten Gestank der Infernoladung aus seinen Lungen vertrieb. Er schaute am wuchtigen Palast vorbei auf die ferne Linie hoher Fichten. Das Dunkel des Waldes schien so einladend, dass er für einen Moment mit dem Gedanken spielte, sich dorthin zu flüchten.

Er wischte den Gedanken beiseite. Der Bruch zwischen Tsen und mir ist wahrscheinlich nicht zu vermeiden. Und seine Entdeckung, dass mein Adjutant Alexi Malenkow Romano nachspionierte, hat auch nicht gerade dazu beigetragen, sein Vertrauen zurückzugewinnen. Wahrscheinlich hat er Romano von dieser Überwachung erzählt, aber sie hat nicht versucht, mich umbringen zu lassen. Vermutlich hat ihr meine Wut über den Attentatsversuch auf meinen Vater Angst gemacht. Sie hat Tsen noch nicht soweit, dass er sich mir offen entgegenstellt, aber seine säuerliche Einstellung zu Operation Eindringling dürfte bedeuten, dass sein Widerstand nachlässt.

»Justin, warte!«

Als Justin Candace Liaos Stimme hörte, leuchtete seine Miene auf. Mit langen Schritten schloss sie die Lücke zwischen ihnen. Ihre grauen Augen blitzten schelmisch, als sie Justins rechte Hand schüttelte. Ihr langes schwarzes Haar fiel über die Schultern und rahmte ihr hübsches Gesicht.

Justin drückte ihre Hand, dann küsste er sie. »Guten Morgen.« Er blinzelte zur Sonne hinauf wie ein Seemann, der ihre Höhe abzuschätzen versucht. »Was machst du so früh schon auf den Beinen?«

Candace verzog das Gesicht zu einem gespielten Schmollen. »Du hättest mich wecken sollen. Ich hab dir doch gesagt, ich möchte den Testlauf deiner Operation beobachten.«

Justin grinste. »Als ich heute morgen aus dem Bett gestiegen bin, hast du aber ganz andere Töne angeschlagen.«

Candace hob eine Braue. »Du hast gar nicht versucht, mich zu wecken.«

Er lachte. »Und ob ich das versucht habe. Du, meine Herzogin, hast mir befohlen, es zu tun, und ich habe einen mutigen Versuch unternommen, meiner Pflicht Genüge zu tun. Heute morgen jedoch hast du deinen Befehl widerrufen.«

»Was habe ich gesagt?«

Justin legte die Arme um sie. »Entweder ›Viel Glück‹ oder ›Gib mir die Decke‹.« Er drückte die Lippen auf ihre Nasenspitze. »Ich habe daraus geschlossen, dass du keine Lust zum Aufstehen hattest.«

An ihren Augenwinkeln konnte er Candaces Anspannung ablesen. »Ich weiß es zu schätzen, Geliebter, aber du hättest mich trotzdem wecken sollen. Ich hatte einiges zu erledigen.«

Justin schüttelte den Kopf. »Beruhige dich, Candace. Ich weiß, du machst dir Sorgen darüber, was Hanse Davion im Gebiet deiner Kommunalität St. Ives plant, aber wir haben nicht den geringsten Hinweis darauf, dass er einen Schlag gegen dein Gebiet vorbereitet.«

Candace löste sich aus seinem Griff. »Das ist keineswegs ein Grund, beruhigt zu sein, Bürger Xiang. Soweit ich mich erinnere, kam auch Hanse Davions Invasion völlig überraschend.«

»Touche, Herzogin. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass wir mehr als genug Hinweise auf die Truppenbewegungen an der Grenze hatten. Unser Fehler lag in der Annahme, Davion wolle nur wieder einmal eines seiner Galahad-Manöver abhalten. Nach den Meldungen Michael Hasek-Davions mussten wir davon ausgehen. Wir glaubten, Hanse Davion würde nur mal wieder seine Muskeln spielen lassen, aber statt dessen machte er Ernst.«

Candace‘ Sorge schlug in Wut um. »Durch die wirkungslosen Versuche meines Vaters, einen Gegenschlag durchzuführen, ist die Kommunalität St. Ives von Sprungschiffen entblößt. Wir könnten keine Verstärkungen an die Front schicken, selbst wenn Davion angreift.«

Justin seufzte. »Das macht auch nichts. Wir haben keine Verstärkungen mehr. Dein Vater hat bereits den Befehl zur Mobilmachung sämtlicher Reserveeinheiten erlassen. Außerdem sollen die Bürger für den Widerstand ausgebildet werden. Damit können wir Davion vielleicht etwas bremsen, aber die Wende bringt das nicht.«

Justins Stahlhand schloss sich zur Faust wie eine im Zeitraffer welkende Blume. »Mein Schlag wird die Entscheidung bringen. Wenn wir erst einmal Bethel angegriffen und die geheime Forschungsanlage des New Avalon-Instituts der Wissenschaften geplündert haben, werden wir in der Lage sein, die Davion-Truppen zu stellen und zu besiegen.« Er begegnete ihrem eisigen Blick. »Die Sprungschiffe aus St. Ives werden zu einer Kommandostrecke aufgebaut, die meine Truppen nach Bethel befördert und so schnell wie möglich wieder zurückbringt.«

Candaces Nicken war eher steif. »Ich verstehe die Bedeutung der Kommandostrecke und auch dieses Überfalls, aber ich frage mich, ob er rechtzeitig kommt, um die Konföderation Capella zu retten.«

Justin teilte ihre Besorgnis. »Darauf habe ich auch keine Antwort, aber ich weiß, dass du dir um deine Kommunalität St. Ives keine Sorgen zu machen brauchst. Alexi hat mir einen Bericht gezeigt, demzufolge die Fünften Syrtis-Füsiliere von Kittery abgezogen wurden. Sie brannten darauf, Michael Hasek-Davions Tod zu rächen. Wenn Hanse sie von Kittery abgezogen hat, plant er, sie an anderer Stelle einzusetzen. So lange du keine Sprungschiffe in St. Ives hast, weiß Hanse, dass du ihn nicht angreifen wirst. Er wird abwarten.«

»Für das Wohl meiner Untertanen hoffe ich, dass du recht hast.«

»Ich hoffe es auch. Hanse Davion soll in die Zukunft blicken, so weit in die Zukunft, dass er nicht sieht, was ich vorhabe. Wenn Operation Eindringling erst abgeschlossen ist, werden wir seine eigene Technologie gegen ihn einsetzen. Das wird ein großer Tag.«

Candace kam einen Schritt näher und streichelte seine Brust und Schultern, bevor sie die Arme um seinen Hals legte. »Ich glaube an dich, Geliebter, und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als deinen Sieg zu teilen, aber bitte sei vorsichtig. Es gibt Personen am Hof, die dich als Ziel ihrer Angriffe sehen werden. Pavel Ridzik war einst der vertraute Berater meines Vaters, ganz ähnlich deiner Position heute. Lass deinen Durst nach Rache nicht den Blick für jene trüben, die dich liebend gerne aus dem Weg geräumt sähen.«

Justin sah ihr tief in die funkelnden Augen, als er die Arme um sie legte. »Ich werde mich vorsehen.«

Candace lächelte ihn an. »Ich kann dich von manchen Dingen abschirmen, und deine Stellung in der Maskirovka bietet dir ebenfalls Schutz. Aber wir wissen beide, wer dein größter Gegner ist, und auch, dass sie nur allzu leicht das Ohr meines Vaters gewinnt.« Sie hauchte einen Kuss. »Solange wir zusammenhalten, Justin Xiang, kann sie keinen von uns treffen.«

Aha, so läuft der Hase. Candace und Romano sehen beide die Schwäche ihres Vaters, aber gleichzeitig ist beiden klar, dass nur er die andere als Rivalin um die Macht ausschalten kann. Ein gefährlicher Platz, an den dich deine Pflicht da gestellt hat, Justin. Mach das Beste daraus! In dieser Arena wartet auf den zweiten Sieger der Sarg.

Er drückte Candace an sich. »Zusammen sind wir unschlagbar.«

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Sian

Kommunalität Sian

Konföderation Capella

20. März 3029