BattleTech - Nehmt Abschied, Brüder … - Michael A. Stackpole - E-Book

BattleTech - Nehmt Abschied, Brüder … E-Book

Michael A. Stackpole

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Beschreibung

EIN WETTLAUF GEGEN DIE ZEIT … Kurz nachdem er Prinz Ian Davion von den Vereinigten Sonnen gerettet hat, kehrt Morgan Kell heim und muss feststellen, dass seine Geliebte, Veronica Matova, spurlos verschwunden ist. In dem verzweifelten Bemühen, sie zu finden, betraut Morgan die Hounds mit der Aufgabe, ihr nachzuspüren – und deckt dabei eine Verschwörung auf, die das Ziel hat, den Ruf der Kell Hounds zu ruinieren. Dabei dient Veronica als Druckmittel. Während Morgan einen Wettlauf mit der Zeit eingeht, um ihren Aufenthaltsort zu ermitteln, lässt sich Patrick auf ein gewagtes Katz-und-Maus-Spiel mit dem unbekannten Gegner ein, wobei er alle Register zieht, um denjenigen, die es auf die Kell Hounds abgesehen haben, immer einen Schritt voraus zu sein. Doch diese verdeckt operierenden Feinde wissen offenbar nicht, mit wem sie sich angelegt haben … und keine Macht der Inneren Sphäre wird ihnen noch helfen können, wenn sie von Morgan Kell gefunden werden …

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Titel

Michael A. Stackpole

Nehmt Abschied, Brüder ...

Aufstieg der Kell Hounds IV

Impressum

Yellow King Productions

Titelbild: Catalyst Game LabsRedaktion: Mario WeißÜbersetzer: Hartwig Nieder-Gassel Korrektorat und Lektorat: Christopher Denis, Carolina Möbis und Mario WeißLayout: Michael Mingers

©2026 The Topps Company, Inc. All rights reserved. Classic BattleTech, BattleTech, BattleMech and ’Mech are registered trademarks and/or trademarks of The Topps Company Inc. in the United States and/or other countries. Catalyst Game Labs and the Catalyst Game Labs logo are trademarks of InMediaRes Productions, LLC.

Deutsche Ausgabe Yellow King Productions, Neuöd - Gewerbepark 12a, D-92278 Illschwang unter Lizenz von INMEDIARES PRODUCTIONS, LLC., also doing business as CATALYST GAME LABS.

Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags erfolgen.

Produkt-Nr.: YKBT004E-Book-ISBN: 978-3-98901-999-7

1

HOTEL TIROLER HAUS, RAVENSBURG

FLUSSBEZIRK-MITTE

ZAVIJAVA

LYRANISCHES COMMONWEALTH

24. DEZEMBER 3010

»Veronica?« Morgan Kell, der im Vorraum der Archon-Suite stand, konnte keine Spur von seiner Gefährtin entdecken. Allerdings dampfte auf einem Tisch zu seiner Linken das Abendessen auf den Tellern und Bläschen perlten im Champagner. Zu seiner Rechten lag eine große Schachtel, die in steifes, grün-rotes Geschenkpapier eingepackt war und von einem breiten roten Band samt Schleife geschmückt wurde.

Er hielt still und horchte nach dem Geräusch fließenden Wassers aus dem Bad oder anderen Lebenszeichen, konnte jedoch nichts hören. Er ging die drei Stufen in den Hauptwohnraum hinab und setzte eine Tüte ab, die Geschenke für Veronica enthielt. Er war noch nie in dieser Suite gewesen, doch hinter der halb geschlossenen Tür zur Linken befand sich offensichtlich das Schlafzimmer. Er ging dorthin und warf einen Blick hinein, dachte sich, dass sie sich vielleicht ein bisschen hingelegt haben könnte und dann eingeschlafen war.

Aber auch dort, keine Spur. Das zentrale Bad erwies sich ebenfalls als leer, nachdem er dort das Licht eingeschaltet hatte. Das Bett war unbenutzt. Allerdings war die Schiebetür zur Dachterrasse merkwürdigerweise nicht abgeschlossen, und die Stange der Einbruchsicherung lehnte an der Wand.

Morgan griff sich in den Rücken und zog dort eine kompakte Nadlerpistole aus dem Holster. Er betätigte den Schlitten, schabte auf diese Weise eine Ladung Nadeln aus ballistischem Polymer in die Abschusskammer, dann entsicherte er. Er zog sich den linken Ärmel seiner Jacke über die Hand und schob die Terrassentür auf, hoffte dabei, keine Fingerabdrücke zu verwischen. Kalte Nachtluft empfing ihn, als er hinaus in die Dunkelheit trat.

Nichts.

Panik stieg in ihm auf, doch er rang sie nieder. Es konnte eine Million Gründe dafür geben, warum Veronica die Suite verlassen hatte. Vielleicht war sie mit dem Aufzug eine Etage tiefer gefahren, um sich Eis aus einem Automaten zu besorgen. Dabei hätten sie sich im Lift verpassen können, als er hochkam, während sie nach unten fuhr. Und obwohl er wusste, dass etwas dermaßen Simples die logischste aller Erklärungen darstellte, sagte ihm sein Bauchgefühl, dass dem nicht so war.

Er kehrte in die Räumlichkeiten zurück und hielt dabei weiterhin seine Waffe bereit. Das Dinner dampfte zwar noch, war aber nicht mehr kochend heiß. Die Champagnerflöten waren nicht beschlagen. Das Eis in dem Sektkübel war schon ein wenig geschmolzen und die Kerzen waren ein Stück heruntergebrannt. Er blies sie aus, in dem Wissen, dass er sich später identische Kerzen besorgen und sie anzünden konnte, um die Zeit zu messen, die verstreichen würde, bis sie zu diesem Punkt heruntergebrannt waren. Auf diese Weise würde er feststellen können, wie lange es zwischen dem und seinem Eintreffen in der Suite gedauert hatte.

Er ging hinüber zum Kommunikator dieses Zimmers und rief unten in der Küche an. »Hier ist Colonel Kell, aus der Archon-Suite. Wann haben Sie das Abendessen gebracht?«

»Entspricht alles Ihren Wünschen?«

»Doch, ja.«

»Haben wir etwas vergessen? Wir können es Ihnen sofort bringen.«

»Würden Sie uns dann tatsächlich zwei weitere Kerzen hochschicken? Die gleichen, die wir schon hier haben? Und bitte, von derselben Bedienung. Ich möchte nur sicherstellen, dass wir unserem Dank auch adäquaten Ausdruck verliehen haben.«

»Sehr wohl, Colonel, kommt sofort.«

Morgan warf einen Blick auf sein Chronometer. 19:45 Uhr. Seine linke Hand ballte sich zur Faust. Ein paar der Knöchel knackten und er zwang sich, sie wieder zu öffnen. Vielleicht ist ja gar nichts passiert …

Nachdem geklopft worden war, öffnete er die Tür. Eine zierliche Frau in weißer Bluse über einem schwarzen Rock lächelte. Sie hielt ihm die Kerzen hin. »Wie Sie gewünscht haben, Colonel.«

»Bitte kommen Sie herein, nur für einen Moment.« Morgan lächelte und ließ die Waffe außer Sicht wieder im Holster verschwinden. »Dürfte ich mir einmal die Quittung für das Abendessen ansehen?«

Die Frau blinzelte, dann zog sie einen Noteputer hinter ihrem Rücken hervor. »Selbstverständlich. Hier ist sie schon. Ich habe um 19:25 Uhr serviert. Sie drehte den Bildschirm so, dass er ihn richtig herum betrachten konnte.«

»Und haben Sie die Kerzen selbst angezündet?«

»Nein, mein Herr. Ich habe das Essen unter den Gloschen gelassen und Frau Kell hat gesagt, dass sie die Kerzen selbst entzünden würde.«

Morgan nickte, wobei er zur Kenntnis nahm, dass Veronica Matova die Zahlungsbestätigung mit ,V. Kell’ unterzeichnet, und auch ein ordentliches Trinkgeld gegeben hatte: 317 Kronen – was der Hälfte des Preises für die gesamte Mahlzeit entsprach. Das bescherte ihm einen kurzen Moment der Genugtuung, weil entweder die Vereinigten Sonnen oder aber das Lyranische Commonwealth dafür aufkommen würden.

»Allerdings habe ich den Champagner geöffnet und eingegossen.«

»Gut, ich danke Ihnen. Könnten Sie eine weitere Zahlungsbestätigung öffnen, damit auch ich mich erkenntlich zeigen kann?«

Die Frau lächelte, tat, wie ihr geheißen, und Morgan verdoppelte das Trinkgeld, das Veronica gegeben hatte. »Das ist äußerst großzügig, von Ihnen, mein Herr.«

»Ich bedanke mich für den exzellenten Service.«

»Gerne geschehen, mein Herr. Frohe Weihnachten.«

»Danke, für Sie auch.«

Er schloss die Tür hinter ihr, zog seinen Kommunikator hervor und tätigte einen Anruf. Es läutete zweimal, dann wurde abgehoben. »Quintus, es gab einen Zwischenfall.«

»Was ist passiert, Colonel?«

»Veronica ist verschwunden.«

»Verschwunden, aha … Entschuldigung, wann wurde sie denn zum letzten Mal gesehen?«

»Vor einer halben Stunde.« Morgan sah sich in dem Raum um.

»Quintus, sie hat eine Bestellung mit V. Kell unterzeichnet, und als das Essen geliefert wurde, hat sie dreihundertsiebzehn Kronen Trinkgeld gegeben.«

»Ihre Zimmernummer an der Nagelring während Ihres letzten Jahres dort.«

»Yeah.«

»Also war ihr bewusst, dass sie unter Beobachtung stand.«

»Ohne Zweifel. Keine Spur von ihr in ihren Räumlichkeiten, keinerlei Anzeichen für einen Kampf, nichts außerhalb der Reihe.«

»Okay, gut. Fassen Sie nichts an, ich werde meine Verbindungsleute anweisen, sofort ein Team herüberzuschicken. Wir werden sie schon finden, Morgan.«

»Danke, Quintus.«

***

Ein Forensik-Team der Kriminalpolizei des Flussbezirks-Mitte traf kurz nach acht ein und untersuchte den gesamten Raum von oben nach unten. Sie saugten buchstäblich jede Augenwimper und jedes Haar ein, das sie finden konnten. Zudem konfiszierten sie Veronicas Haarbürste, um DNS-Proben zu erhalten. Sie nahmen Fingerabdrücke von Fensterscheiben und Türklinken ab, zusätzlich auch noch von den Gloschen, die das Abendessen abdeckten. Auch die Kerzen steckten sie ein – sowohl die alten als auch die neuen – und notierten Morgans Zeitablauf, um genau das Experiment durchführen zu können, das Morgan auch selbst in den Sinn gekommen war.

Quintus Allard traf ein, kurz nachdem der Trupp mit seiner Arbeit begonnen hatte. Kleiner als Morgan, mit brünettem Haar und einem sehr ernsten Gesichtsausdruck, zog er den MechKrieger aus dem Raum und in den Flur. »Überlassen Sie ihnen das Feld. Sie werden sicher schon bald mit Ergebnissen aufwarten können. Sie, und ich, und unser Freund haben jetzt andere Dinge zu tun.«

»Hat er die Welt nicht schon verlassen?«

»Hat mit seinem Schiff kehrtgemacht. Er wird in zwei Stunden wieder landen.« Der Geheimdienstoffizier der Vereinigten Sonnen rief den Aufzug. Zusammen mit Morgan fuhr er hinab zur Lobby, dann gingen sie zum Empfangstresen.

Die Dame, die Morgan seine Schlüsselkarte ausgehändigt hatte, schaute mit einem Lächeln auf. »Colonel Kell, ist alles in Ordnung?«

Quintus zog eine Legitimation aus der Innentasche seines Jacketts hervor. »Quintus Allard, im Auftrag der Commonwealth-Kriminalverfolgungsbehörde. Ich muss mit dem Leiter Ihrer Sicherheitsabteilung sprechen.«

Der Frau wich das Blut aus dem Gesicht. »Ja, mein Herr, sofort.« Sie drehte sich um und verschwand durch eine Tür hinter ihr im Büro.

Morgan sah seinen Begleiter an. »Commonwealth-Kriminalverfolgungsbehörde? Gibt’s so was überhaupt?«

Quintus schüttelte den Kopf. »Die meisten Leute hier haben keine Ahnung von Politik jenseits ihres Arbeitsplatzes, oder Institutionen außerhalb ihres Bezirks – geschweige denn ihres Planeten. Man fingiert einfach ein paar Papiere, die glaubwürdig aussehen, und schon glauben sie einem alles.«

Eine stämmige Frau mit blonden Haaren, die von einem strengen Dutt gebändigt wurden, kam aus dem Büro. »Arlene Puscht. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Gebe Gott, dass Sie das können.« Morgan seufzte hörbar. »Meine Gefährtin ist aus der Archon-Suite verschwunden. Gegen ihren Willen. Wir hoffen, mit Ihrer Hilfe herausfinden zu können, wo genau sie sich jetzt aufhält.«

***

Morgan und Quintus standen zusammen mit Arlene Puscht in dem abgedunkelten Sicherheitsbüro des Hotels und starrten in das Wiedergabesystem eines Holotisches. Es zeigte einen Mann mittlerer Größe mit breitkrempigem Hut und einem Trenchcoat, der auf der Penthouse-Etage den Aufzug verließ. Er klopfte an die Tür und sprach durch den schmalen Spalt hindurch mit Veronica. Dann zeigte er eine Art Ausweis vor, sie öffnete ihm endgültig die Tür.

Morgan warf der Sicherheitschefin des Hotels einen Blick zu. »Keine dieser Aufnahmen zeigt das Gesicht des Mannes. Sollten wir nicht in der Lage sein, die holografischen Daten aufzuspleißen, um es auf diese Weise neu zu erfassen?«

Die Frau ließ ihren Kopf hängen. »Colonel, wir setzen diese Kameras ausschließlich für Sicherheitsbelange ein, um nach Problemen Ausschau zu halten, und nicht, um unsere Gäste auszuspionieren. Unsere Kundschaft legt Wert –«

»Nein, schon gut.« Morgan schüttelte den Kopf. »Ihre Gäste sind zum Teil Geschäftskunden und die Aufnahmen zeigen eventuell, mit wem sie sich hier getroffen haben, wodurch eine Fusion vereitelt werden könnte.« Oder eine Scheidung herbeigeführt.

Quintus strich mit seinem Finger über eine Leiste auf dem Tisch und spulte die Darstellung auf diese Weise um fünf Sekunden zurück. »Es hätte ohnehin keine Rolle gespielt, Morgan, sofern sie hier nicht Ultra-High-End-Multispektralkameras eingesetzt hätten. Kannst du den Flimmereffekt erkennen, wo man einen Blick auf sein Ohrläppchen erhaschen kann?«

»Yeah.«

»Er hat sein Gesicht und die bloße Haut mit einer Creme behandelt, die Mikropartikel enthält und so die Laserenergie absorbiert, streut, und reflektiert, die von den üblicherweise in Hotels eingesetzten Holokamerasystemen verwendet wird. Auch wenn wir einen guten Schnappschuss erwischt hätten, würde sein Gesicht wie eine glühende Maske aus Wellpappe aussehen. Sie ist speziell für die Abwehr von Erkennungssoftware ausgelegt und die Berechnung einer klaren Aufnahme würde Tage in Anspruch nehmen. Selbst mit Multispektraldaten.«

Morgan kratzte sich im Nacken. »Das hört sich nach Spionagehandwerk an. Wer würde an so ein Zeug rankommen?«

»Ich würde nichts lieber tun als jetzt zu sagen, dass es strengen Zugangsbeschränkungen unterliegt, aber in Wirklichkeit wurde es von Collegestudenten entwickelt, die sich nicht bei illegalen Partys erwischen lassen wollten, und inzwischen verfügt jede Widerstandsbewegung in der Inneren Sphäre säckeweise über das Zeug. Normalerweise sieht es allerdings eher wie grob aufgespachtelt aus; da Veronica die Tür aufgemacht hat, muss es also ziemlich hoch entwickelt gewesen sein, ansonsten hätte der Kerl wie ein Clown ausgesehen.«

Der MechKrieger runzelte die Stirn. »Sie bittet ihn also herein, ahnt aber, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Dann wird das Essen geliefert und sie ist gezwungen, ganz cool zu bleiben. Der Typ droht damit, sie und die Bedienung umzubringen. Aus diesem Grund unterzeichnet sie die Quittung als meine Ehefrau und gibt dreihundertsiebzehn Kronen Trinkgeld, um uns wissen zu lassen, dass es ein Problem gab. Die Kellnerin geht. Veronica hat noch Gelegenheit, die Gloschen vom Essen zu nehmen und die Kerzen anzuzünden. Warum hat er ihr so viel Zeit gelassen?«

»Warten auf den Abtransport, würde ich mal annehmen.« Quintus warf der Sicherheitschefin einen Blick zu. »Wie sieht es mit Außenkameras aus, zur Verkehrsüberwachung?«

»Ansichten von allen vier Seiten.«

»Mit Blick auf Bodenhöhe, richtig? Nicht von oben her?«

Die Frau schüttelte den Kopf.

Morgan machte die Augen zu, erinnerte sich an die unverschlossene Tür zur Dachterrasse. »Ein Flugwagen erscheint und nimmt sie direkt vom Dach aus mit.«

Arlene keuchte. »Das ist nicht … das wäre illegal. Die Ordnungshüter hätten sie aufgehalten.«

Quintus schnaubte. »Was glauben Sie wohl, wie viele Leute die am Heiligen Abend anhalten, die mit einem Flugwagen über den Dächern unterwegs sind, um ihre Kinder davon zu überzeugen, dass der Weihnachtsmann zu ihnen kommt? Wenn einer Ihrer Gäste so etwas vorhätte, würden Sie ihn dann ernsthaft davon abhalten?«

»Aber Quintus, die Beamten hätten dann doch zumindest die Transponderdaten der Schweber, die solche Flüge unternommen haben, richtig?«

»Sicher, aber wenn ich diese Operation geleitet hätte, würden wir den Fang machen und danach spurlos verschwinden. Das Fahrzeug stehen lassen und ein weiteres nehmen. An der nächsten roten Ampel würden wir in ein anderes überwechseln und mit dem neuen Wagen dann überall herumkurven, bevor wir auch den stehenlassen, und so weiter und so fort. Das können die dann die ganze Nacht machen, und wenn es nicht gerade aufgezeichnete Holos von den Orten gibt, wo sie einen Austausch vornehmen, können wir uns nicht mal sicher sein, dass es sich bei der weitergereichten Person tatsächlich um Veronica handelt.«

Eine kalte Hand schloss sich um Morgans Herz und drückte fest zu. Er schwang seinen Sessel zu sich herum und nahm Platz. »Warum, Quintus? Warum haben die sie entführt?«

»Lösegeld. Um Ihnen eins auszuwischen. Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie sich ein paar Feinde gemacht.«

Bis zu diesem Moment hatte Morgan stets an die Wahrheit in dem Spruch ‚Man kann einen Mann an der Art seiner Feinde ermessen‘ geglaubt. Er hatte eine ganze Menge davon, und ein paar waren überaus mächtig. Allein in den letzten beiden Monaten hatte er die Karriere von General Volmer ruiniert, des Militärgouverneurs von Galatea, und Haskell Blizzard, den Unterweltboss derselben Welt, hatte er finanziell ruiniert. Dann hatte er zusammen mit seinem Bruder einen Aufstand des Oberhaupts der Kirche Jesus Majificent niedergeschlagen. Obwohl die Kirche inzwischen eine gemäßigtere Führung hatte, war schon vom Vorgänger der sogenannte Orden Petri gegründet worden – eine Sekte aus fanatischen Gläubigen, die mit Terroranschlägen gegen Feinde ihrer Kirche vorgingen. Auf Zavijava hatte er schließlich eine führende Rolle bei der Abwehr von Raidern gespielt, die den Planeten ausplündern wollten, wodurch er sich bei dieser Truppe und auch in der Liga Freier Welten keine Freunde gemacht hatte.

Und noch früher hatte er Katrina Steiner dabei geholfen, den Meuchelmördern ihres Vorgängers zu entkommen, die vom ehemaligen Archon Alessandro Steiner auf sie angesetzt worden waren. Sie war dann triumphal zurückgekehrt und hatte ihn entthront, doch wie die meisten Steiners hatte auch Alessandro keinen Sinn für Vergebung und vergaß niemals eine Kränkung. Und er mochte Zugriff auf gegenwärtige oder ehemalige Loki-Agenten haben, die eine Kidnapping-Aktion wie diese hier mit links erledigen konnten.

Morgan starrte hinab auf seine leeren Hände und wollte unbedingt etwas tun – irgendetwas. »Soll ich eine Liste anfertigen? Ich meine, was mache ich hier, Quintus? Die ganze Ausbildung, die ich durchgemacht habe, dass ich mich auf der Nagelring gut geschlagen habe, das alles, und nichts davon kann mir jetzt weiterhelfen. Was soll ich denn nur machen?«

»Überlassen Sie die Nachforschungen uns, den Leuten, die über die entsprechende Ausbildung verfügen. Wir werden sie finden, und wir werden die Leute finden, die sie entführt haben.« Quintus nickte feierlich. »Und das ist dann der Zeitpunkt, an dem wir die Sache in die Hände von MechKriegern legen, damit Sie genau das tun können, wofür Sie ausgebildet worden sind.«

»Okay, einverstanden.« Morgan hob den Kopf. »Aber keine Mechs. Wir spüren diese Leute auf, aber dann sind meine bloßen Hände alles, was ich noch brauche.«

2

UNBEKANNTER ORT, RAVENSBURG

FLUSSBEZIRK-MITTE

ZAVIJAVA

LYRANISCHES COMMONWEALTH

25. DEZEMBER 3010

Noch bevor sie vollends wach wurde, war Veronica Matova klar, dass irgendetwas nicht stimmte. Ihre rechte Schulter und die Hüfte schmerzten, weil sie auf der Seite geschlafen hatte, was sie sonst nie tat. Der Boden hatte Kälte ausgestrahlt, und sie hatte schon seit vielen Jahren nicht mehr auf nacktem Beton gelegen. Die Finger ihrer linken Hand fuhren über den kalten Untergrund und sie konnte schmierigen Dreck auf der Haut spüren.

Und dann ist da noch dieser stechende Schmerz in meinem Genick.

Normalerweise wurde sie rasch munter, selbst an den kuscheligen und trägen Morgenden, wenn sie neben ihrem Liebsten aufwachte. Sie brauchte nur einen Moment, um sich zu orientieren, dann würde sie sich auf die Seite drehen und etwas näher heranrücken, um seine Schulter oder seinen Nacken zu küssen. Normalerweise bemerkte er das nicht einmal. Bei anderen Gelegenheiten gab er ein Grunzen von sich, oder begann fast zu schnurren. Und in ganz besonderen Momenten würde er sich ihr zuwenden, sodass sie sich gegenüberlagen, um dann Küsse, Zärtlichkeiten, und Körperwärme auszutauschen.

Die Benommenheit erinnerte sie zusammen mit dem trockenen Mund an ihre letzten wachen Augenblicke. Sie hatte schon den ganzen Tag über das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden. So schön, wie sie nun einmal war, hatte sie sich daran gewöhnt, an den meisten Orten, an denen sie auftauchte, ganz natürlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Auf einem Außenposten wie Zavijava musste ihr Aussehen so exotisch wie außergewöhnlich anmuten, und deshalb rechnete sie auch damit, wahrgenommen zu werden.

Doch zuletzt war es anders gewesen. Die Aufmerksamkeit, die sie erregt hatte, war irgendwie lauernder Natur gewesen. So sehr sie sich auch darum bemühte, hatte sie denjenigen, der sie verfolgte, nicht entdecken können. Um wen auch immer es sich dabei handeln mochte, er verfügte über Fähigkeiten, oder beschäftigte ein fähiges Team, das sich abwechselte, sodass sie niemanden bemerkte. Zum ersten Mal war sie auf diese Beschattung aufmerksam geworden, als sie gerade in der Fußgängerzone von Ravensburg unterwegs war, unmittelbar nachdem sie das Geschenk für Morgan gekauft hatte. Wenn sie recht darüber nachdachte, konnte sie jedoch nicht einmal sicher sein, dass sie nicht bereits vorher am Werk gewesen waren.

Trotzdem konnte sie beim besten Willen nicht eindeutig beweisen, dass man ihr nachstellte – und sie kannte immerhin sämtliche Tricks, um etwaige Verfolger zu entdecken, oder was man tun musste, um selbst nicht gefunden zu werden. Tatsächlich hatte sie diese Fähigkeit schon oft in verschiedenen Variationen eingesetzt, um Schnappschüsse von Freunden und Kunden zu machen – bei ersteren nur so zum Spaß, bei letzteren zwecks späterer Verwendung, falls die Umstände dies erforderlich machen sollten. Obwohl sie keine greifbaren Beweise hatte, vertraute sie ihrem Gefühl doch so weit, dass sie sich nach ihrer Rückkehr ins Tiroler Haus sowohl gegenüber dem Empfang wie auch dem Küchenpersonal als Frau Kell ausgegeben hatte, als sie das Dinner beim Essensservice orderte.

Und während sie dann auf das Abendessen wartete, hatte es an der Tür geklopft. Ein ziemlich unscheinbarer Mann hatte ihr einen Ausweis des Lyranischen Nachrichtencorps vorgezeigt. Er hatte ihr erzählt, dass glaubwürdige Informationen über einen Anschlag auf ihr Leben vorlägen und er sich hier umschauen und die Suite sichern müsste. Folglich hatte sie ihn hereingelassen, woraufhin er sofort eine Nadlerpistole gezogen und sie ins Schlafzimmer dirigiert hatte.

Dann hatte der Zimmerservice an die Tür geklopft. Der Mann zog sich ins Schlafzimmer zurück. »Mach irgendwelche Dummheiten, und du wirst dabei zusehen können, wie ich zuerst die Bedienung töte, bevor ich dich umbringe.«

Veronica hatte ganz die Kaltblütige gespielt, die Quittung dann aber erneut mit ‚V. Kell’ gezeichnet. Außerdem hatte sie ein Trinkgeld in Höhe von 317 Kronen gegeben, eine Zahl, die für Morgan von Bedeutung war. Sie wusste einfach, dass er diese Hinweise erkennen würde. Nachdem die Kellnerin verschwunden war, tauchte der Mann wieder aus dem Schlafzimmer auf und entfernte die Gloschen von den Mahlzeiten, um sie sich anzusehen. Er machte sich über die Auswahl lustig, dann zündete er die Kerzen an, um »die richtige Stimmung zu verbreiten«, und befahl ihr, durch das Schlafzimmer hindurch hinaus auf die Dachterrasse zu gehen. Dort wartete bereits ein Flugwagen auf sie, und nachdem sie erst einmal eingestiegen war …

Sie langte mit der Hand empor und griff sich ins Genick. Sie hatten ihr irgendetwas injiziert, das sie ausgeschaltet hatte. Aber für wie lange?

Ganz in ihrer Nähe klickte ein Schloss. Veronica widerstand dem Bedürfnis, sich aufzusetzen. Stattdessen öffnete sie ihre Augen einen winzigen Spalt und blieb schlaff auf dem Boden liegen. Sie fand sich in einem düsteren und schmuddeligen Raum wieder, mit unverkleideten Deckenbalken über sich, sowie offenliegenden Kabeln und Rohren. Ein Maschendrahtgitter teilte ihre Ecke von dem ab, was sie als Keller identifizierte. Schwere Ketten und ein Zahlenschloss sicherten eine Brettertür mit Holzrahmen.

Ein dünner Mann kam eine grob gezimmerte Treppe heruntergestapft. Er trug nichtssagende Kleidung und verdreckte Gartenhandschuhe. Viel wichtiger jedoch war, dass er eine Sturmhaube aufhatte, die seine Identität verhüllte.

Erleichterung durchströmte Veronica. Wenn sie nicht in der Lage war, ihre Kidnapper zu erkennen, erhöhten sich somit ihre Chancen, dass sie gegen ein Lösegeld wieder freikommen würde. Ein Opfer, das seine Entführer hingegen identifizieren konnte, stellte eine Bedrohung dar und fand nur allzu oft den Tod.

Der Mann hielt vor dem Käfig an und trat ein paar Mal gegen das Drahtgitter. »Aufwachen.«

Veronica ächzte und rollte sich auf den Rücken. »Wo bin ich?«

»Darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen.« Der Mann winkte mit einer Papiertüte, auf deren Seite ein grelles Restaurantlogo prangte. »Ich hab’ was zu essen mitgebracht.«

Das ist nicht der Mann, der mich gekidnappt hat. »Ich brauche Wasser.«

»Hab’ ich auch dabei.« Er griff hinter sich und zog eine kleine Plastikflasche aus seiner Gesäßtasche. »Rutschen Sie einfach ein Stück zurück und ich stell’ Ihnen alles da rein.«

Veronica glitt nach hinten, wobei sie gegen einen leeren Plastikeimer stieß. Sie stützte sich auf einen Ellenbogen und rieb sich mit der freien Hand ihren Nacken. »Der Mann, der mich entführt hat, was hat er mir da gespritzt?«

Ihr Wärter fummelte an dem Schloss herum. »Welchen Unterschied macht das schon?«

»Einen Großen.« Sie setzte sich auf und bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick. »Ich bin schwanger.«

»Ach so, ähm …« Die Kette baumelte für einen Moment herunter und er hakte das geöffnete Schloss in den Maschendraht ein. »Davon hab‘ ich keine Ahnung. Ich bin nur hier, um Ihnen was zu essen zu bringen und so.« Er öffnete die Tür gerade weit genug, um die Flasche mit dem Wasser zu ihr herüberzurollen, dann warf er noch die Tüte hinein.

Sie landete mit einem Plopp und kippte um.

Ein einzelnes Pommesstäbchen fiel heraus.

»Das kann ich nicht essen.«

Der Mann zeigte mit einem Finger auf sie. »Entweder Sie essen das hier, oder Sie bekommen gar nichts.«

»Aber –«

»Gute Frau, ich bin nur hier, um dafür zu sorgen, dass Sie nicht verhungern oder abhauen. Und ich bin genauso ungern hier wie Sie.« Er schüttelte den Kopf. »Sie haben da ein paar echt üble Leute vergrätzt. Wenn ich mich nich‘ um Sie kümmere, werden die sich um mich kümmern, und um meine Familie, alles klar?«

»Aber vielleicht doch einen Salat oder so?« Veronica streichelte sich über den Bauch. »Für das Baby?«

Der Mann starrte sie an, dann schlang er die Kette dreimal durch das Gitter, bevor er das Schloss erneut zuschnappen ließ. »Machen Sie einfach keinen Ärger, dann wird schon alles gut werden. Zwingen Sie mich nich‘, Ihnen weh zu tun.«

»Nein, mein Herr, ich danke Ihnen, mein Herr.« Veronica presste sich die Flasche gegen den Hals. »Bitte mehr Wasser, wenn das möglich ist, ich bin sehr durstig.«

Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, dann nickte er. »Schön brav sein, dann schau‘ ich mal.«

»Gott segne Sie. Mögen die Engel über Sie wachen.« Veronica lächelte. Möge der Teufel in den Tiefen der Hölle über dich wachen. Denn wenn ich hier erst mal rausgekommen bin, ist das genau der Ort, an dem du landen wirst.

HOTEL TIROLER HAUS, RAVENSBURG

Morgan saß im Wohnzimmer der Suite, der Champagner schal, das Essen eiskalt, das gesamte Eis geschmolzen und das Kondenswasser schon lange verdunstet. Das Forensik-Team war schon vor einer ganzen Weile verschwunden – er hatte keine Ahnung, wann genau, und konnte auch nicht die Energie aufbringen, auf seinem Chronometer nachzuschauen. Er hatte sich bei ihnen bedankt, als sie gegangen waren, und danach auf ihren Bericht gewartet, aber dann hatte er sich hingesetzt und einen Fehler begangen.

Er hatte das Geschenk geöffnet, das Veronica für ihn besorgt hatte.

Die große Schachtel enthielt eine ganze Reihe von Dingen, und das meiste davon brachte ihn zum Lächeln. Infolge eines Gesprächs, bei dem er bekannt hatte, dass die meisten Männer keine Ahnung von Unterwäsche hatten, weil ihre Mütter oder Ehefrauen sie ihnen normalerweise besorgten, oder weil der Militärdienst ihnen die Kleidung zur Verfügung stellte, hatte sie Slips in einer ganzen Anzahl von Farben für ihn ausgesucht, und außerdem noch die dazu passenden Socken. Zudem hatte sie auch ein sehr dickes Badetuch für ihn erstanden, nachdem sie sich sein Klagen darüber hatte anhören müssen, dass nur sehr wenige Hotels und schon gar kein Feldposten gute Handtücher bereithalten würden. Einzeln für sich betrachtet machten diese Geschenke vielleicht nicht viel her, aber sie bewiesen, dass sie ihm zugehört und sich daran erinnert hatte.

Und dann stieß er, eingeschlagen in das Badetuch, auf ein flaches Kästchen. Es enthielt einen zweiteiligen Silberrahmen mit einem Scharnier in der Mitte. Er öffnete ihn und fand darin zwei holografische Fotos. Auf der linken Seite eine Standaufnahme von ihm selbst mit Patrick; er in seiner Montur der Tenth Skye Rangers, sein Bruder in der Nagelring-Uniform. Definitiv von seinem Abschluss. Sie beide lachten, mit leuchtenden Augen und breitem Grinsen in den Gesichtern.

Gegenüber war ein Bild, das er noch nie gesehen hatte, aber Morgan erkannte wieder, wo es aufgenommen worden war. Auf Galatea war Patrick bei einem illegalen Mechkampf gegen Titan Volmer angetreten. Er hatte gewonnen und durch diesen Sieg hatten sie die Macht von Haskell Blizzard gebrochen. Durch diese gelungene Tat waren sie ihrem Traum, ein Söldnerregiment aufzustellen, einen gewaltigen Schritt nähergekommen. Die Aufnahme zeigte die beiden Brüder, wie sie gemeinsam unglaublich glücklich waren.

Morgan hatte nicht bemerkt, dass Veronica das Bild aufgenommen hatte. Sie hatte es ihm auch nicht gezeigt. Es war ihr gelungen, sie beide zusammen aufzunehmen: ihre Liebe füreinander, die so strahlend zum Vorschein gekommen war, als sie sich für den Moment unbeobachtet gefühlt hatten. Genauso wie bei dem Bild von der Nagelring. Wie sie an das gelangt war, konnte er sich nicht vorstellen, aber auf jeden Fall hatte sie bei dem das gleiche wahrgenommen wie bei ihrer eigenen Aufnahme.

Er konnte ihr gar nicht genug für diese Bilder danken. Und jetzt konnte ich das nicht einmal mehr versuchen. Er fühlte sich von innen ausgehöhlt, wobei das Messer, das man dafür benutzt hatte, rostig und stumpf gewesen war.

Das Türschloss klickte und noch bevor er den Kopf zu drehen vermochte, schritt ein Mann mit langem Gesicht und langer Nase zur Tür herein. »Wir werden sie finden, Morgan.«

»Ian.« Morgan stand auf und bot dem Ersten Prinzen der Vereinigten Sonnen seine Hand an. »Ihr hättet doch nicht zurückkommen müssen. Sicherlich habt Ihr wichtigere Dinge zu tun.«

»Nein, mein Freund, das habe ich nicht. Es kann nicht schaden, wenn Hanse noch ein wenig länger den Laden schmeißt, und ich betrachte Veronica genauso sehr als einen Freund wie Sie.« Ian schüttelte Morgan die Hand und klopfte ihm auf die Schulter. »Zum Teil hege ich ja die Befürchtung, dass einer meiner Feinde sie entführt hat, nachdem man uns alle miteinander gesehen hat.«

Quintus Allard kam in die Suite, gefolgt von einer durchtrainiert wirkenden Frau mit hellbraunen Haaren und dunklen Augen. »Das hier ist Agentin Sonya Hallestrom. Sie ist mein Gegenpart des Lyranischen Nachrichtencorps hier in Ravensburg und gewährt mir und Seiner Hoheit freundlicherweise Zugang zu den Besprechungen.«

»Sehr gut, vielen Dank.«

Die vier setzten sich und die Frau zog einen Noteputer zurate. »Die vorläufigen DNS-Untersuchungen sind negativ ausgefallen, bis auf die Servicekraft, Frau Matova und eine weitere Person, die ein Haar an dem Vorhang hinterlassen hat, wo es hinaus auf die Terrasse geht. Es mag sein, dass wir dort nach Sonnenaufgang noch mehr finden können, doch bei dem Wind mache ich mir da wenig Hoffnungen.«

Morgan nickte. »Irgendein Treffer bei der Probe dieser weiteren Person?«

Agentin Hallestrom runzelte die Stirn. »Die lokale Datenbank mit Kriminellen hat nichts ergeben, aber es gab eine Übereinstimmung mit Proben, die an anderen Orten im Commonwealth und den Vereinigten Sonnen sichergesellt werden konnten. Es handelt sich dabei um eine Person, die im Zusammenhang mit etlichen Todesfällen steht, die auf den ersten Blick wie Unfälle wirkten, dann aber eine politische Bedeutung aufwiesen, was uns zu der Überzeugung gebracht hat, dass sie das wohl eher nicht waren. Nun ja, angesichts der Tätigkeit von Frau Matova als Sexarbeiterin, könnte es vielleicht sein, dass sie jemanden erpresst, der nun einen Handlanger angeheuert hat, um sie auszuschalten?«

»Nein, das glaube ich nicht.« Morgan runzelte die Stirn. »Zumindest kann ich mir das nicht vorstellen.«

Ian gab ein Schnauben von sich. »Das ist sehr unwahrscheinlich, weil wir inkognito hier waren, und auch nur kurze Zeit. Da müsste sie schon jemand erkannt haben, dann müsste auch dieser Handlanger bereits vor Ort gewesen sein, und zudem willens, den Job zu übernehmen. Das wäre schon eine recht merkwürdige Verkettung von Zufällen, oder?«

»Stimmt, Eure Hoheit, obwohl eine Liste Eurer Feinde als Ergänzung zu Colonel Kells Liste schon sehr hilfreich sein könnte.«

Morgan lehnte sich zurück. Könnte ich das Ganze allein auf mich bezogen haben, obwohl es eigentlich um Veronica ging? Er verwarf die Idee, dass sie im Erpressungsgeschäft tätig war, musste jedoch in Betracht ziehen, dass ein ehemaliger Kunde sich Sorgen um bestimmte Informationen machen könnte, an die sie irgendwie gelangt sein mochte. Als sie von Galatea verschwunden ist, könnte da vielleicht jemand in Panik geraten sein und dann seine Leute ausgeschickt haben, um nach ihr Ausschau zu halten?

Er sah auf. »Ich wüsste nicht, dass sie irgendwelche Feinde gehabt hat. Sie hat mir aber auch nichts über ihre geschäftlichen Angelegenheiten erzählt.«

Hallestrom nickte. »Ich werde das LNC auf Galatea kontaktieren. Die werden eine entsprechende Liste haben. Ich muss Sie das jetzt fragen, Colonel. Könnte es nicht auch sein, dass sie einfach fortgegangen ist? Menschen in ihrer Lebenslage scheuen oft vor emotionalen Bindungen zurück. Kann es sein, dass die Verbindung zu Ihnen ihr am Ende einfach zu viel geworden ist?«

»Ich will das nicht ausschließen. Aber könnte das nicht irgendwie auf jeden zutreffen?« Morgan legte seine Hand auf den geschlossenen Doppelrahmen. »Wenn sie wirklich so gedacht hätte, würde sie sich aber nicht als meine Frau ausgegeben haben. Sie hätte auch keine dreihundertsiebzehn Kronen Trinkgeld gegeben. Falls sie tatsächlich von mir wegwollte, hätte sie keine Spuren hinterlassen, die es mir ermöglichen würden, ihr zu folgen, richtig?«

Ian beugte sich zu der LNC-Agentin hinü