BattleTech Legenden 05 - En Garde - Michael A. Stackpole - E-Book

BattleTech Legenden 05 - En Garde E-Book

Michael A. Stackpole

4,0

Beschreibung

DER DESIGNIERTE ARCHON VON FEINDEN UMLAGERT! Melissa Steiner, Thronfolgerin des Lyranischen Commonwealth, wird entführt - gerade als ihre geheime Verlobung mit Prinz Hanse Davion der Vereinigten Sonnen die mächtigste Allianz der Inneren Sphäre zementieren soll … Zur gleichen Zeit stehen zwei Halbbrüder, Justin und Daniel Allard, auf entgegengesetzten Seiten in den endlosen Auseinandersetzungen der Inneren Sphäre. Seines Rangs, seiner Ehre, selbst seines Namens beraubt, wird Justin Xiang Allard nach Solaris VII verbannt, wo er als Gladiator in den Arenen gegen Hanse Davions Stellvertreter kämpft. Sein Bruder Daniel, Lanzenkommandeur im gefürchteten Söldnerbataillon Kell Hounds, deckt die Verschwörung gegen Melissa Steiner auf, und versucht, für ihre Sicherheit zu sorgen – und damit die Sicherheit der ganzen Inneren Sphäre. Beiden Männern stehen harte Kämpfe bevor, aber in der Inneren Sphäre, wo seit Jahrhunderten die Nachfolgefürsten ihre Intrigen spinnen, um Macht über die anderen zu gewinnen, werden Menschen, die es wagen, sich ihnen in den Weg zu stellen, selten zu Helden, sondern meistens zu Opfern. Wird die hübsche Melissa gerettet? Wird Justin Xiang seine Ehre retten? Dieses Buch enthält die Antwort: EN GARDE!

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Seitenzahl: 614

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Titel

Michael A. Stackpole

En Garde

Erster Roman der Warrior-Trilogie

Impressum

Yellow King ProductionsLegenden-Band 5

Titelbild: Catalyst Game LabsRedaktion: Mario WeißÜbersetzer: Reinhold H. MaiKorrektorat: Peter DachgruberLayout: Michael Mingers

©2026 The Topps Company, Inc. All rights reserved. Classic BattleTech, BattleTech, BattleMech and ’Mech are registered trademarks and/or trademarks of The Topps Company Inc. in the United States and/or other countries. Catalyst Game Labs and the Catalyst Game Labs logo are trademarks of InMediaRes Productions, LLC.

Deutsche Ausgabe Yellow King Productions, Neuöd - Gewerbepark 12a, D-92278 Illschwang unter Lizenz von INMEDIARES PRODUCTIONS, LLC., also doing business as CATALYST GAME LABS.

Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags erfolgen.

Produkt-Nr.: YKBTL05E-Book-ISBN: 978-3-96331-410-0

WIDMUNG

Für Liz,für einfach alles und noch mehr ...

KARTE DER NACHFOLGERSTAATEN 3022

PROLOG

Sitz des Ersten Bereichs ComStars

Hilton Head Island

Nordamerika, Terra

1. JUNI 3022

Myndo Waterly, Präzentorin von Dieron, schlich sich lautlos in die Gemächer des Primus. Ihre Bewegungen waren so geschmeidig, dass sie ohne das geringste Geräusch die Einlegearbeit im Boden erreichte: Ein goldenes Sternensymbol. Nicht einmal ihre Seidenrobe hatte geknistert. Sie atmete tief durch, blieb stehen und ließ die Kapuze der roten Kutte von ihrem blonden Haar gleiten. Sie konzentrierte sich darauf, was sie sagen wollte, aber diese halbe Sekunde genügte dem Primus, um ihre Strategie am Boden zu zerstören.

Primus Julian Tiepolo stand reglos im Raum und hatte ihr den Rücken zugewandt, aber plötzlich erschallte seine Stimme: »Der Friede Blakes sei mit dir, Präzentorin Dieron.«

Woher weiß er, dass ich hier bin?, dachte Myndo entgeistert. Der Mann ist nicht normal. »Und seine Weisheit mit Eurem Geiste, Primus.« Obwohl sie dagegen ankämpfte, wurde die Kraft ihrer Erwiderung von einem nervösen Zittern unterminiert. Sie schluckte und wartete, bis das hochgewachsene und fast krankhaft hagere Oberhaupt ComStars sich langsam zu ihr umwandte. Tiepolo hatte durch eines der hohen, ovalen Fenster hinausgeblickt, die es der Nachmittagssonne gestatteten, den Raum in ihrem Licht zu baden. Die Adlernase und der stechende Blick seiner braunen Augen hatten Myndo bislang immer an einen Falken erinnert, aber heute reagierte sie anders auf seine knochige Gestalt und den kahlen Schädel. Er ähnelt mehr einem Geier, dachte sie. Tiepolo hielt die Hände in den weiten Ärmeln seiner hellbraunen Robe verschränkt und kam langsam die flachen Stufen von den Fenstern in die Mitte seines privaten Audienzraums herab.

Er kniff die Augen leicht zusammen. »Dein Gruß ist eine Schelte, Präzentorin. Ich werde mich nicht mit dir auf ein Wortgefecht einlassen, denn du wirst dieser Spiele zu schnell müde.« Tiepolos Blick fiel auf die Wand hinter ihr, die vom Boden bis zur Decke mit einer riesigen Sternkarte bedeckt war. »Wie es dir trotz deines mangelnden Gefühls für die Möglichkeiten der Sprache gelingt, im Draconis-Kombinat Erfolge zu verbuchen, erstaunt mich doch sehr.«

Myndo Waterly hielt dem düsteren Blick des Primus wild entschlossen stand. »Mehr noch als Worte und Ehre respektiert Haus Kurita Taten und Weisheit.«

Tiepolo schürzte die Lippen. »Wieder weist du mich zurecht.« Mit der rechten Hand deutete er zum Fenster. »Da du nicht dort unten bist, um die Unterzeichnung des Bündnisses zwischen Hanse Davion und Katrina Steiner zu beobachten, nehme ich an, dass es diese Angelegenheit ist, die dich zu mir führt?«

Sie nickte knapp. »Ihr habt mir die Anweisung zukommen lassen, mich sofort nach Dieron zu begeben. Versucht Ihr, mich loszuwerden, weil ich im Hinblick auf diese Allianz nicht Eurer Meinung bin?«

»Präzentorin Dieron, du hast deine Bedenken überaus deutlich zum Ausdruck gebracht, sowohl in deinen Nachrichten an mich, als auch in den Sitzungen des Ersten Bereichs hier auf Terra, denen wir zusammen beigewohnt haben.«

Myndo richtete sich zu voller Größe auf. »Ihr sagt das, als hättet Ihr meinen Argumenten tatsächlich zugehört, sie sogar ernsthaft erwogen.«

»Wie es der Wahrheit entspricht, Präzentorin.«

»Nein, Primus. Ihr wisst sehr wohl, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Und nun schickt Ihr mich fort, weil ich nicht mit Euch übereinstimme.« Sie deutete zum Fenster. »Dort unten im Hof gestattet Ihr Hanse Davion und Katrina Steiner, ein Bündnis zu unterzeichnen, mit dem das Gleichgewicht der Kräfte in den Nachfolgerstaaten auf Dauer zerstört wird. Wenn Davions Vereinigte Sonnen und Steiners Lyranisches Commonwealth so eng verbunden sind, verliert ComStar jede Möglichkeit, die Stabilität in der Inneren Sphäre aufrechtzuerhalten. Jenes Stück Papier wird alles vernichten, worauf wir hingearbeitet haben.«

Primus Julian Tiepolo klopfte mit dem rechten Zeigefinger gegen sein schmales Kinn. »Wirklich? Du behauptest, dieser Vertrag werde das Gleichgewicht der Kräfte zwischen den fünf Großen Häusern zerstören, aber ich bezweifle es. Wolfs Dragoner werden aus den Diensten des Lyranischen Commonwealth in die deines Hauses Kurita wechseln.«

»Ha!« Myndo Waterlys Lachen hallte wie ein Gewehrschuss durch die Kuppel des holzgetäfelten Raums. »Ihr wagt es, Informationen, die ich selbst geliefert habe, als Gegenargument einzusetzen!«

Tiepolos Gesicht war keineswegs peinlich berührt. »Es stimmt, du hast tatsächlich die Informationen zu dieser Söldnereinheit geliefert. Dann musst du auch wissen, dass die Kell Hounds einen neuen Vertrag unterzeichnet haben, der sie kurzfristig wieder in die Vereinigten Sonnen führen wird, auch wenn unsere Analytiker vorhersagen, dass sie eventuell ins Commonwealth zurückkehren werden. Zunächst jedoch verliert das Lyranische Commonwealth zwei seiner fähigsten Söldnereinheiten.«

Myndo schüttelte ungestüm den Kopf. »Ihr wisst ebenso gut wie ich, dass all dies nichts mit Truppen zu tun hat ‒ seien es nun Elitesöldner oder jene neuen, halbtrainierten Einheiten, die Prinz Davion auszuheben hofft. Das Lyranische Commonwealth ist gefährlich, und nun habt Ihr ihm gestattet, sich mit dem Fortschrittlichsten der Nachfolgerstaaten zu verbinden.«

Tiepolo nickte langsam. »Ah, nun erkenne ich die Wurzel deines Unbehagens. Du bist besorgt, dass ich zum ersten Mal in den 240 Jahren, seit der selige Jerome Blake seine Mission akzeptierte, die Verbindungen zwischen den Sternen zu restaurieren, ein Ereignis zugestanden habe, welches die Durchführung dieser heiligen Mission gefährden könnte. Ist es das, was du sagen willst?«

Myndo bestätigte seine Vermutung. »Das Lyranische Commonwealth sieht uns als nichts anderes denn eine Organisation glorifizierter Botenjungen. Diese verfluchten, geldraffenden lyranischen Krämer betrachten uns einfach als ein konkurrierendes Geschäftsunternehmen auf der Jagd nach Profit. Sie verstehen nicht, wie knapp unsere Profitspanne ist, noch weniger, dass wir mehr um unsere Mission besorgt sind denn um mögliche Gewinne. Es ist nicht möglich, die spirituelle Wahrheit Menschen zu erklären, die nur mit ihren Augen sehen und Reichtümer nur im weltlichen Sinne verstehen.«

»Eine Wahrheit, die wir seit langem erkannten, Präzentorin Dieron.«

»In der Tat, Primus. Wir haben sie erkannt, und wir sind vor einigen Bereichssitzungen übereingekommen, das Lyranische Commonwealth auszugrenzen. Wir wollten ihre Sicht der Dinge isolieren, so dass sie das Denken der anderen Häuser nicht damit infizieren konnten. Aber in den nun schon sechzig Monaten der Bündnisverhandlungen zwischen Steiner und Davion scheint diese Entschließung von den Entwicklungen beiseite gefegt worden zu sein. Ihr habt eine Verbindung von Satan und Verdammnis gestattet, und die Herrschaft des Chaos wird daraus hervorgehen.«

Tiepolos dunkle Augen funkelten vor Wut. »Dein Vergleich, meine werte Präzentorin, impliziert, dass Haus Davion auf seine Weise noch schlimmer als Haus Steiner ist ...«

Myndo war nicht weniger wütend als der Primus, aber sie rang um ihre Beherrschung. »Ich habe meine Vorbehalte Haus Davion gegenüber bereits bei zahllosen Gelegenheiten erklärt, Primus. Prinz Hanse Davions Hunger nach der Technologie des alten Sternenbunds ‒ nach dem, was die ungewaschenen Massen putzig als Lostech beschreiben ‒ muss ihn in direkten Konflikt mit uns bringen. Und angesichts der kürzlichen Erfolge seines New Avalon Instituts der Wissenschaften bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass dieser Konflikt unmittelbar bevorsteht. Quintus Allard und die Spionageabwehrsektion des Davion-Ministeriums für Geheime Untersuchungen und Operationen haben es ungemein schwierig für uns gemacht, ROM-Agenten in die Nähe des Prinzen zu bringen. Ihr selbst, Primus, habt zugegeben, dass der Prinz aus der Entfernung nicht zu deuten ist.«

Primus Julian Tiepolo ließ ein Lächeln über seine schmalen, blassen Lippen spielen. »Der Fuchs ist in der Tat ein Rätsel.«

»Ihr nennt ihn ein Rätsel, aber ich sehe Hanse Davion als das Messer an ComStars Kehle! Ihr könnt nicht abstreiten, dass die geheimen Zusätze des Vertrages selbst euch überraschten.«

Der Primus nickte. »Das ist wohl wahr. Ich hatte nicht erwartet, dass Hanse Davion um die Hand Melissa Arthur Steiners bitten würde, und noch viel weniger, dass er sie erhalten könnte. Diese Hochzeit könnte zu einem wirklich beeindruckenden Ereignis werden.«

Myndo schnaufte geringschätzig. »Nicht diese Verbindung zwischen den Häusern Steiner und Davion ist es, die ich fürchte. Nein, hier paart sich die Verachtung, die das Lyranische Commonwealth für uns empfindet, mit den technischen Möglichkeiten Haus Davions. Ich bitte Euch dringend, dies zu überdenken. Der von diesem Vertrag ausgehende kulturelle und technologische Austausch könnte die Geburt eines Nachrichtensystems heraufbeschwören, das uns zum Rivalen werden kann.«

»Vielleicht, Präzentorin Dieron, vielleicht ...« Mit einer Hand, die in ihrer Dürre an ein Skelett erinnerte, wischte er ihre Bedenken beiseite. »Ich sehe die Realität der Nachfolgerstaaten ganz und gar nicht im selben Licht wie du.«

»Das weiß ich«, erwiderte Myndo Waterly ernst und gefasst. »Und ich bin bereit, aus diesem Grund vor dem Ersten Bereich zu beantragen, dass Euch das Primat entzogen wird.«

Primus Julian Tiepolo erstarrte und musterte seine Untergebene eingehend, aber sie rührte sich unter seinem strengen Blick nicht. Eisige Stille hing über dem Raum, als der Primus seine Gedanken ordnete. Schließlich brach er mit einem leisen Nicken die Spannung.

»Nun denn, Präzentorin Dieron, du zwingst mich, dir einen Teil meiner Gedanken offenzulegen. Dies geschieht zögernd, und nur, weil ich in dir eine wahre Sorge um die Pläne des seligen Blake spüre und keinen Wunsch nach persönlicher Machtentfaltung.«

Myndo nickte förmlich. »Mein einziger Wunsch ist, dass Blakes Wille geschehe.«

»In der Tat, Präzentorin Dieron, ich glaube dir.« Primus Tiepolo wies auf die enorme Sternkarte an der Zimmerwand. »Politisch«, zischte er. Auf seinen Befehl legte ein Computer eine politische Karte über das Sternenmuster. »Du hast recht, Präzentorin, wenn du die Häuser Steiner und Davion als die für ComStar gefährlichsten bezeichnest. Meine Entscheidung lief ‒ trotz der exzellenten Gegenargumente, die du und andere Präzentoren bei den Bereichssitzungen vorgebracht habt ‒ darauf hinaus, eine Annäherung der beiden Häuser zu gestatten. Ich bin davon überzeugt, dass ein festes Bündnis zwischen ihnen die Opposition der anderen Häuser gegen sie stärken wird.«

Myndo runzelte die Stirn. »Eine Opposition, die nicht sonderlich schlagkräftig ist, Primus.« Sie deutete auf einen schmalen Keil am unteren Rand der Raumkarte. »Haus Liao stellt für niemanden eine Bedrohung dar. Haus Marik, zwischen Liao und Steiner, hat sich heute noch nicht völlig vom Bürgerkrieg erholt, der es vor sechs Jahren beutelte. Und in der Zwischenzeit sorgt Davions finanzielle Unterstützung der Aufrührer dafür, dass die Mariks schwach bleiben.«

Der Primus schüttelte gelassen den Kopf, wie ein Professor, der sich genötigt sieht, einen seiner Studenten zu korrigieren. »Liaos Konföderation Capella mag nur einen relativ kleinen Raumsektor umfassen, aber sie ist dicht besiedelt. Und auch wenn Liaos Truppen zu schwach sind, die Vereinigten Sonnen anzugreifen, so sind sie doch stark genug, alle Vorstöße Davions abzuwehren. Abgesehen von den ständigen Grenzverletzungen und dem gelegentlichen Gewinn oder Verlust einer einzelnen Welt werden wir an dieser Front vor unserem Ableben keine größeren Veränderungen erleben.«

Der Primus wies auf das violett eingefärbte Gebiet, das Haus Mariks Liga Freier Welten repräsentierte. »Janos Marik hat die Herrschaft über sein Reich zurückgewonnen. Und wir sollten nicht vergessen, dass sein Sohn Thomas in unseren Diensten steht.« Tiepolo verlagerte seine Aufmerksamkeit auf das rote Gebiet der Karte, oberhalb der Vereinigten Sonnen und rechts des Lyranischen Commonwealth. »Noch bedeutender aber ist dein Draconis-Kombinat. Mit seinen gefürchteten ›Schwert des Lichts‹-Regimentern ‒ und nun auch noch Wolfs Dragonern ‒ sollte es mehr als in der Lage sein, Davion zu zügeln.«

Myndo schüttelte langsam den Kopf. »Dies ist denkbar, und wenn Davion seinen Galtor-Feldzug beginnt, werden wir den Beweis erhalten. Ich fürchte jedoch, dass keines der anderen Häuser allein gegen die geschlossene Macht der Vereinigten Sonnen und des Lyranischen Commonwealth Bestand haben könnte.«

»Dies ist wahrer als du dir bewusst bist, Präzentorin, und dies ist der Grund, warum ich dich zurück nach Dieron beordert habe. Du wirst die Gespräche zwischen Takashi Kurita, Janos Marik und Maximilian Liao koordinieren. Die anderen Häuser werden nicht alleine stehen, Myndo. Sie werden gemeinsam agieren ...« Primus Tiepolo hob die Hand, um weitere Kommentare abzuwehren. »Du solltest wissen, dass Maximilian Liao versucht, den Erfolg zu wiederholen, den er hatte, als er Anton Marik in den Bürgerkrieg gegen Janos trieb. Er spielt das Verlangen Michael Hasek-Davions aus, den Platz seines Schwagers auf dem Thron der Vereinigten Sonnen zu übernehmen, und hat Herzog Michael bereits einen Grund für die Weigerung geliefert, seine Mark Capella-Truppen in den Galtor-Feldzug zu entsenden.«

Myndo lächelte unbewusst. »Und Ihr werdet das Verlangen Frederick Steiners ausnutzen, seine Cousine Katrina abzulösen ...«

Der Primus nickte. »Die gegenwärtige politische Situation der Nachfolgerstaaten hängt von der Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts ab. Wenn einer der Nachfolgerfürsten Grund zu der Annahme hat, er sei mächtig genug, das Gebiet eines Nachbarn zu erobern, wird dies die Menschheit erneut in den Taumel des Krieges stürzen. Wir dürfen nicht vergessen, dass ComStar der Schwerpunkt dieses Systems ist. Wenn es jemals den Anschein geben sollte, dass die Union der Häuser Steiner und Davion eine Bedrohung für uns darstellt, werden wir sie beide zerquetschen und ein neues Gleichgewicht herstellen. Fürchte dich nicht.«

»Ich verstehe, Primus«, antwortete Myndo, den Kopf nachdenklich zur Seite geneigt. »Die Kräfte sind im Gleichgewicht. Die zur Kontrolle Davions und Steiners notwendigen Elemente sind an ihrem Platz. Würden die Geschicke dieser beiden Reiche nicht von derart dynamischen Figuren gelenkt, wäre die von ihnen ausgehende Bedrohung erheblich geringer. Aber wie können wir die notwendigen internen und externen Bedingungen schaffen? Was könnte diese Veränderungen in Bewegung setzen?«

Tiepolo gestattete sich ein freudloses Lächeln. »Jeder einzelne der Nachfolgerfürsten ‒ Takashi Kurita, Janos Marik, Maximilian Liao, Katrina Steiner und Hanse Davion ‒ träumt davon, einen neuen Sternenbund zu gründen und zu regieren. Sie alle haben gleichwertigen Anspruch auf diesen Thron, aber die Heirat Hanse Davions mit Melissa Steiner wird diese Balance stören. Plötzlich wird ein Haus einen größeren Anspruch auf den alten Thron des Sternenbunds vorbringen können. Bis zu dieser Eheschließung werden wir das Wissen um diesen geheimsten Zusatz der Bündnisverträge hüten, aber wir werden nicht zögern, es zum Fundament unserer eigenen Pläne zu machen ...«

ERSTES BUCH

1

Kittery

Mark Capella

Vereinigte Sonnen

27. November 3026

Das laute Klopfen an der Plaststahltür zum Büro Major Justin Allards unterbrach die Stille, die er so genossen hatte. Der schlanke, dunkelhaarige Mechkrieger atmete tief ein und ließ den Atem langsam wieder entweichen. Als er sich hinter seinem Teakholzschreibtisch aufrichtete, strich er seine Jacke glatt und versuchte sich zu sammeln.

Genau das ist es, was ich daran hasse, ein Bataillon zu kommandieren. Kaum hat man sich im Kampf ausgezeichnet und einen Orden an die Brust geheftet bekommen, schon wird man mit einem Job bestraft, bei dem man den größten Teil seiner Zeit mit Disziplin- und Versorgungsproblemen zubringen muss. Justin schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht beim Anblick der drei Aktenstapel auf seinem Schreibtisch. Für diesen ganzen Schwachsinn braucht man einen Buchhalter. Allerdings bedarf dieses Problem jetzt wahrscheinlich doch der Hand eines Mechkriegers.

»Herein!« rief er schließlich.

Ein Militärpolizist öffnete die Tür, und der Gefreite Robert Craon betrat den Raum. Der MP blieb abwartend in der Tür stehen, denn der große, massiv gebaute Craon überragte Allard um einiges. Der kleinere Offizier verengte seine mandelförmigen Augen und schüttelte kurz den Kopf. Der Posten zuckte die Achseln und schloss die Tür.

»Gefreiter Robert Craon meldet sich zur Bestrafung, Sir.« Die Stimme des jungen Mannes war laut und fest, obwohl seine Nervosität durchklang. Als sein Blick durch das Büro wanderte, schien er vor den capellanischen Reispapierbildern hinter Major Allards Schreibtisch angewidert zurückzuzucken.

Justin nickte. »Stehen Sie bequem, Gefreiter.« Er versuchte, seine Stimme möglichst neutral zu halten. Als Craon aus seiner Habtacht-Stellung in eine nachlässige Haltung verfiel, blaffte er ihn jedoch an: »Ich sagte, stehen Sie bequem, Gefreiter, nicht, lassen Sie sich gehn!«

Craon schluckte und streckte sich. »Tut mir leid, Sir.« Justin schnaufte und setzte sich. »Das bezweifle ich, Robert.« Er tippte hastig etwas in die Tastatur auf seinem Schreibtisch, und Lichtbalken spielten über sein Gesicht, als die angeforderten Informationen über den Schirm liefen. Justin schüttelte den Kopf und blickte auf. »Ich möchte, dass Sie sich ein paar Sachen klarmachen, Robert. Sachen, die niemanden außerhalb dieses Büros etwas angehen. Verstanden?«

Craon nickte ernst, und der ehrliche Ausdruck auf seinem Gesicht überraschte Justin. Vielleicht kann ich ihm doch trauen ...

Justin warf einen Blick auf den Schirm, bevor er den Informationsstrom mit einer beinahe beiläufigen Fingerbewegung anhielt. »Sie sollen wissen, dass Sie wegen Ihrer Insubordination bestraft werden und nicht aufgrund Ihrer speziellen Aktion zum Zeitpunkt des Zwischenfalls.« Er blickte zu Craon hoch und fügte hinzu: »Mir persönlich ist es egal, dass Sie mich einen ... ah ... wie haben Sie sich ausgedrückt?«

Ein abfälliges Grinsen spielte um Craons Mundwinkel, und Justin spürte, wie sein Zorn wie eine Sonnenfackel emporschoss. »Ich glaube, ich habe Sie den verblödeten Welpen einer capellanischen Hure genannt, die einem Davion-Adligen aufgezwungen wurde, um einen Krieg zu verhindern.«

Justin studierte noch einmal den Monitorschirm und nickte. »Praktisch Wort für Wort. Sie müssen geübt haben.« Seit deiner Jugend zweifellos. Wir wollen hoffen, dass dein Rassismus noch nicht deinen Verstand in Mitleidenschaft gezogen hat.

Craon strahlte triumphierend. »Ich versuche immer exakt zu sein.«

»Ich habe Sie nicht um Ihren Kommentar gebeten«, knurrte Justin. Er stand entschlossen auf. Als die beiden Männer einander in die Augen starrten, wussten sie, dass in der Schlacht zwischen ihnen körperliche Größe ohne Bedeutung war. »Es ist mir egal, dass Sie mich hassen, weil die erste Frau meines Vaters eine Capellanerin war, die er traf, während er in der Botschaft der Vereinigten Sonnen auf Sian arbeitete. Was Sie als Verwirrung ansehen, war eine Handlung meines Vaters, nicht meine. Ihre bigotte Haltung mir gegenüber ist nicht der Grund für Ihre Bestrafung.«

Justin drehte wütend den Schirm seines Computers, bis Craon ihn sehen konnte. »Der Bericht gibt an, dass Sie Lieutenant Redburns direkten Befehl, an Ihre Postenstellung zurückzukehren, missachtet haben. Der Bericht geht nicht auf die Auseinandersetzung ein, die sich daraus entwickelte, aber ich nehme an, Lieutenant Redburn hatte seine Gründe, sie nicht zu erwähnen.«

Craon schluckte wieder und senkte den Blick. Er schob sein Kinn hin und her und zuckte zusammen, als das Gelenk krachte. »Ja, Sir.«

Justins steife Haltung löste sich etwas. »Glauben Sie mir, Robert, ich verstehe Ihre Verärgerung darüber, dass ich Sergeant Philip Capet entlassen habe. Ich weiß, dass er Ihrer Trainingskompanie zugeteilt wurde, nachdem er Sie durch die gesamte Grundausbildung begleitet hatte. Und ich weiß auch, wie Sie alle zu ihm aufgeblickt haben.«

Craons Kopf schoss empor, und seine Wangen röteten sich. Er zögerte eine Sekunde lang, dann zogen sich seine blonden Brauen wütend zusammen. »Er war ein Ass, Major, und Sie haben ihn rausgeschmissen, weil er nichts von Ihrer Politik den Eingeborenen gegenüber gehalten hat. Er hat Ihnen angeboten, die Sache unter Männern auszutragen, in einem fairen Zweikampf, aber Sie haben ihm einfach seine Papiere gegeben. Verdammt noch mal! Er hat für seinen Einsatz auf Uravan das Sonnenbanner in Gold bekommen. Er hat Liao-Mechs zu Dutzenden umgenietet und seinen Jungs Zeit verschafft, sich und ihre verwundeten Kameraden aus dem Hinterhalt zu befreien. Er war ein Held, und Sie haben ihn einfach mir nichts dir nichts aus dem Corps geschmissen!«

Nachdem er seine lang aufgestaute Wut ausgelassen hatte, schien Craon nun keine weiteren Worte mehr zu finden. Seine krampfhaft geballten Fäuste hoben sich, als wolle er damit zuschlagen, aber er machte keine Bewegung auf Justin zu.

Lass ihm Zeit, sich wieder zu fangen, dachte Justin. Er ist noch zu retten. Justin wartete stumm, bis die Emotionen aus Craons Körper gewichen waren, dann sprach er langsam und gleichmäßig; seine Worte waren mit Bedacht gewählt. »Ich weiß, was Capet euch Männern bedeutet hat, und welche gemeinsamen Träume ihr hattet. Ihr wolltet die neue Einheit bilden, mit der er gedachte, den Tod der anderen Jungs in der Schlacht zu rächen. Mit euch hätte er neue Orden gewinnen können und wäre ein weiteres Mal zu einem Symbol geworden, einem Helden der Mark Capella. Mit euch als Basis hätte er wieder die Gelegenheit gehabt, zur Rechten Herzog Michael Hasek-Davions zu speisen.«

Justin nahm wieder Platz und gab eine neue Informationsanfrage ein. Der Computer suchte einen Augenblick lang im Speicher, dann füllte er den Schirm mit Daten. »Was Sie nicht wissen, Craon, ist, dass Capets Männer, die Männer, die er auf Uravan rettete, ohne ihn niemals in Gefahr gewesen wären.« Craon wollte protestieren, aber Justin hob abwehrend die Hand.

»Ja, Robert, sie gerieten in den Hinterhalt einer capellanischen Kompanie, aber sie gerieten nur deshalb in diesen Hinterhalt, weil Sergeant Capet sie in ein Gebiet führte, in dem sie absolut nichts zu suchen hatten. Capets Familie lebte in dem Dorf, das er zu retten versuchte. Leider starb sie dort auch. Seine Familie wäre möglicherweise trotzdem bei jenem Liao-Überfall ums Leben gekommen, aber wenn Capet einen klaren Kopf behalten hätte, wäre ein halbes Dutzend Mechkrieger heute noch am Leben.«

Justin atmete tief durch und zwang sich wieder, ruhig zu werden. Er blickte Craon offen an. »Alles, was ich Ihnen gerade mitgeteilt habe, ist Teil eines Geheimberichts, den ich für Hanse Davion zusammengestellt habe, als es darum ging, ob Capet sein Sonnenbanner in Gold bekommen sollte oder nicht. Er war zum Liebling eines Holodramas geworden, und das Oberkommando hoffte, dass er zusammen mit dem Orden eine vorzeitige Pensionierung annehmen würde. Als er den Ruhestand ablehnte, wurde ihm ein Trainingskader zugeteilt.« Justin senkte die Stimme und schüttelte den Kopf. »Als der Militärische Informationsdienst von seinem Plan erfuhr, ein Sprungschiff zu kapern, um an Liao Rache zu nehmen, habe ich gehandelt. Ich wollte verhindern, dass er euch bei einem derart idiotischen Unternehmen umbringt.«

Die Farbe war aus Craons Gesicht gewichen, und seine Hände waren an ihren Platz hinter dem Rücken zurückgekehrt. »Sir, ich weiß das Vertrauen zu schätzen, das Sie bewiesen haben, indem Sie diese Informationen mit mir geteilt haben. Ich bin bereit, jede Strafe anzunehmen, die Sie festlegen.«

Justin nickte ernst. »Es ist Ihnen doch klar, dass ich Sie für Ihre Handlungsweise aus dem Trainingskader ausschließen könnte?« Craon zuckte zusammen. »Ja. Ich dachte mir, dass Sie sich dessen bewusst sind.« Er starrte dem Soldaten direkt ins Gesicht. In Craons blauen Augen sah er keine Furcht, nur Wut über seine eigene Dummheit.

Du lernst auf die harte Art und Weise, dass du nicht unfehlbar bist. Gut. Das ist der erste Schritt auf dem Weg, Fehler zu vermeiden, und nur so kannst du als Mechkrieger überleben.

Justin lächelte vorsichtig. »In der Vergangenheit haben Sie gewisse Führungsqualitäten gezeigt. Ich werde Ihnen eine Gelegenheit zur Schärfung dieser Fähigkeiten geben. Bis auf weiteres werden sie bei allen Übungen Ihrer Einheit als ›Hirtenhund‹ arbeiten. Sie werden hinter Ihren Kameraden herrennen, Robert, und dafür sorgen, dass sie in Formation bleiben ‒ oder Sie sind selber dran.« Justin sah, wie ein leichtes Lächeln auf Craons Lippen erschien. »Und Sie werden den Techs dabei helfen, Ihren Mech nach allen Übungen in perfektem Zustand zu halten.«

Craon nahm Haltung an und salutierte. »Ja, Sir. Danke, Sir.«

Justin stand auf und erwiderte den Gruß. »Wegtreten.«

Craon drehte sich um und verließ das Zimmer, ließ die Tür jedoch offen. Justin lächelte hinter seiner kleiner werdenden Gestalt her, dann setzte er sich wieder, um einen Teil des Papierkriegs in Angriff zu nehmen, der seinen Schreibtisch beherrschte. Er zeichnete einen Stoß Berichte ab und warf sie in einen Ablagekorb. Je eher ganz Kittery an das Computersystem angeschlossen ist, desto leichter wird dieser Job.

Er schüttelte den Kopf. Du wirst nicht dafür bezahlt, dass du dich erholst, Justin. Wenn es darum ginge, hätte man dir nicht den Befehl über ein Ausbildungsbataillon gegeben, schon gar nicht auf einem Planeten, auf dem dein capellanisches Blut dich zu einem verhassten Feind macht. Prinz Hanse Davion hat dich hier eingesetzt, weil du ein halber Capellaner bist und die capellanischen Bewohner dieser Welt verstehen kannst. Wenn es dagegen darum geht, sich mit diesen Söhnen und Töchtern davionscher Kriegsgewinnler abzugeben ...

Justin warf einen Blick auf das Hologramm, das Hanse Davion und ihn bei der Zeremonie zeigte, in der er das Sonnenbanner in Diamant erhalten hatte. Der hochgewachsene Herrscher der Vereinigten Sonnen überragte Allard, damals noch im Rang eines Captain, ganz erheblich. Als Justin die Holographie drehte, um sie näher zu betrachten, sah er den ehrlichen Ausdruck von Dankbarkeit und Vertrauen auf Davions Gesicht.

Als er ihm den Orden überreichte, hatte Hanse Davion zu Justin gesagt: »Wieder einmal steht mein Reich in der Schuld Ihrer Familie. Ich hoffe, die Vereinigten Sonnen werden sich alle Zeit Ihres Muts und Ihrer Opferbereitschaft würdig erweisen.« Davions Vertrauen hatte Justin seine Versetzung nach Kittery zu verdanken. Der Prinz hoffte, dass Justin helfen konnte, die Beziehung mit der Bevölkerung in den eroberten Gebieten zu normalisieren. Ich wünschte nur, mehr seiner Untertanen verstünden, dass man die Mark Capella Maximilian Liao und seiner Konföderation Capella nicht zwangsläufig in den Schoß legt, wenn man mit Capellanern freundlich umgeht, dachte Justin traurig.

In diesem Moment blieb ein lächelnder Mann von mittlerer Größe und Statur im Türrahmen stehen und klopfte ganz leicht an die offene Tür. »Es wird Zeit, Major.«

Aus seinen Gedanken gerissen, stellte Justin die Holographie wieder zurück, blickte auf seine Uhr und stieß eine leise Verwünschung aus. »Komm rein, Andy! Mach die Tür zu.« Justins Augen wurden zu misstrauischen Schlitzen, als er den Papierstapel in seinen Armen sah. »Was ist das? Ich kann mich jetzt nicht mit Routinearbeiten abgeben. Es gibt nur einen einzigen Grund, warum ich heute Nachmittag mit dir raus kann: Der Stapel mit deinen Anfragen ist der höchste hier auf meinem Schreibtisch. Und das weißt du ganz genau.«

Lieutenant Redburn trat an Justins Schreibtisch und legte die Papiere auf den Monitor. Er war in Stiefeln, Shorts und eine Kühlweste gekleidet, in denen ein muskulöser, wenn auch blasser Körper steckte. Er lächelte und strich sich mit einer Hand durch das kurzgeschorene, kastanienbraune Haar. »Formulare, in dreifacher Ausfertigung, für unseren nachmittäglichen Ausflug. Ich habe für jeden Meter Boden, den wir heute überqueren werden, eine Umweltverträglichkeitserklärung ausgefüllt, und die hiesigen Behörden haben uns soeben eine ›Paradegenehmigung‹ erteilt.« Er stöhnte. »Manchmal frage ich mich, warum der Herzog von New Syrtis diese Welt nicht einfach an Liao zurückgibt. Michael Hasek-Davion hat so viele von ihnen in die Regierung hier gelassen, dass er den Planeten ebenso gut Capella abtreten könnte.«

Justin lächelte schelmisch. »Lieutenant Redburn, Sie hören sich an wie Ihre Männer, wenn sie sich darüber beschweren, ein capellanisches Halbblut zum kommandierenden Offizier zu haben.«

Redburns Wangen röteten sich vor Scham. »Sir, wenn Sie glauben, ich wollte damit andeuten ...«

Justin hob die Hand und beruhigte den jungen Offizier. »Lass gut sein, Andrew. Ich verstehe, was du sagen willst.« Justin öffnete seine Jacke und ging hinüber in die Umkleidekammer neben dem Büro. Seine Stimme drang durch die offene Tür. »Der Gedanke daran, jeden Meter unserer Marschstrecke vorher beschreiben zu müssen, bereitet mir auch kein Vergnügen, aber wir können es nicht ändern. Das hier ist Michaels Herrschaftsbereich, und sein Wort ist Gesetz.«

Redburn nickte. »Ich traue ihm und seinen Bürokraten ungefähr ebenso weit wie ich Craon werfen kann.«

Justin lachte. »Und wie weit ist das genau?«

»Was?«

Justin trat in Stiefeln, Shorts und einer offenen Kühlweste aus der Umkleidekammer. An seinem Körper war kein Gramm Fett; Muskeln und Adern zeichneten sich deutlich ab. »Dein Bericht enthielt nichts über den Zweikampf zwischen dir und Craon, von dem ich gehört habe.«

Der Lieutenant hob die Schultern. »Ein Kampf war es eigentlich auch nicht. Ich hab‘ ihm einen anständigen Schwinger aufs Kinn versetzt und mich dann auf seinen Magen konzentriert.« Unbewusst rieb sich Redburn den rechten Brustkorb. »Er hat auch ein paar Schläge gelandet, aber es hat nicht lange gedauert.« Er lächelte, wie ein Kind, das sich an den Geschmack einer stibitzten Melone erinnerte. »Kaum der Rede wert.«

Justin lachte. »Ich verlass mich auf dein Wort, Lieutenant.« Justin nickte seinem Untergebenen zu. Danke, dass du für mich eingetreten bist. Redburn erwiderte das Nicken, und Justin wusste, dass er verstanden hatte. »Ich habe Craon für unseren kleinen Ausflug als Hirtenhund eingeteilt. Wie viele Mechs nehmen wir mit?«

Redburn dachte ein paar Sekunden lang nach. »Zweiunddreißig, uns eingeschlossen. Ich habe vier Lanzen zu vier Mechs, und drei zu fünf. Wie üblich habe ich dich keiner Lanze zugeteilt. Ich nehme die Spider, und für dich habe ich die Valkyrie, die uns die Kittery-Grenzer zur Verfügung gestellt haben. Diese verdammten Berufssoldaten haben doch tatsächlich erklärt, dass sie den Mech nur zur Verfügung stellen, weil du ein echter Mechkrieger bist. Alle anderen bekommen Stinger.«

Justin nickte. Die beiden Männer verließen das Büro und wanderten schnell durch die fliesenbedeckten Korridore in den riesigen Mechhangar, der hoch über die kleinere Kommandozentrale der Basis emporragte. Von Metallträgern und einem Skelettrahmen gestützt, lag das Dach gute fünfzehn Meter über dem Stahlbetonboden. Das zum Formen und Versiegeln des Daches verwandte durchscheinende Plastikmaterial ließ genug goldenes Licht der F9-Sonne Kitterys herein, um die im Innern des Hangars untergebrachten Metallkolosse hell zu beleuchten.

Die BattleMechs funkelten im Sonnenlicht. Wie stumme Grabwächter säumten sie die Halle. Techs und Astechs in grünen Overalls schwärmten wie Insekten über die reparaturbedürftigen Einheiten, und von Motorkränen, die auf Trägern über den Kriegsmaschinen liefen, hingen Ersatzteile herab. Die Mechs waren fünfmal so groß wie die Leute, die an ihnen arbeiteten, und für die Männer und Frauen, die sie wieder in einen einwandfreien Zustand versetzen mussten, keine Objekte der Furcht, sondern der Faszination. Im Augenblick standen diese verletzten Riesen zahm und bedürftig herum und waren auf die ruhige Hand und das diagnostische Genie der Techs angewiesen, wenn sie je wieder in die Schlacht ziehen sollten.

Andere Mechs warteten fertig bestückt und einsatzbereit mit geöffneter Kanzel. Vor ihren Torsos hingen wie Scherzkrawatten lange Strickleitern herab, die es ihren Piloten gestatteten, an Bord zu klettern. Die Stinger, leichte 20-Tonnen-Mechs, die häufig zur Ausbildung von Mechkriegern eingesetzt wurden, wirkten nicht weniger tödlich als die in diesem Hangar selteneren schweren Maschinen. Der wuchtige mittelschwere Laser, der wie eine Pistole in der rechten Hand jeder Stinger ruhte, war eine schreckliche Waffe.

Als Lieutenant Redburn und Major Allard den Hangar betraten, wartete das 1. Kittery-Ausbildungsbataillon einschließlich eines hastig nachrückenden Robert Craon in strammer Haltung. Als Justin Sergeant Walter de Mesnil wohlwollend zunickte, drehte der einäugige Mechkrieger sich zu seinen Truppen um. »Rührt euch«, krächzte er.

Justin räusperte sich. »Heute Nachmittag werden Lieutenant Redburn und ich euch über einen Prüfungskurs begleiten. Bitte denkt daran, dass eure Mechs voll bewaffnet und hochgefahren sind. Wie üblich werden wir versuchen, die Schäden im Gelände auf ein Mindestmaß zu begrenzen. Zielübungen auf die Viehbestände der Einheimischen sind untersagt und werden mit sofortigem Ausschluss aus dem Ausbildungsprogramm geahndet.« Justin betonte das Wort ›Einheimische‹, damit seinen Truppen klar wurde, dass er nicht den von seinen Anwärtern bevorzugten Slangausdruck ›Eingeborene‹ benutzte. »Ich weiß, Sie glauben, ich würde die hier lebenden Menschen als Einheimische bezeichnen, weil ich ein halber Capellaner bin, aber Sie müssen lernen, dass eine Anerkennung auf Gegenseitigkeit beruhen muss. Und das ist ein wichtiger Teil unserer Mission hier auf Kittery.« Er wandte sich an Redburn. »Lieutenant.«

Redburn nickte und übernahm den Befehl. »Sergeant de Mesnil ... Corporals ... formieren Sie Ihre Lanzen und führen Sie sie ins Freie.« Er drehte sich zu drei Anwärtern um ‒ zwei Männern und einer Frau ‒ und nickte dem größten von ihnen zu. »James, setzen Sie sich hinter Sergeant de Mesnil und warten Sie auf mich.« Sein Blick huschte über die Menge und fand das Auge eines Corporals. »Hugh, Craon ist als Hirtenhund eingeteilt, also übernimmt Ihre Lanze die Rückendeckung. Wegtreten.«

Die Mechkrieger lösten sich aus der Formation und sprinteten zu ihren Mechs, während die beiden Offiziere hinüber zu ihren wartenden Maschinen schlenderten. Redburn schwang sich die Leiter hinauf, die von einer Spider hing. Im Gegensatz zur Stinger trug dieser 30 t schwere humanoide Mech keine Waffen in der Hand, aber die beiden mittelschweren Laserläufe, die aus der Mitte seines Torsos ragten, ließen keinen Zweifel an seiner Kampfkraft. Die für ihre Geschwindigkeit und ihre ›Sprungfähigkeit‹ berühmte Spider konnte hervorragend hinter den feindlichen Linien für Unruhe sorgen, und war der perfekte Mech, um eine Kompanie Anwärter zu hüten.

Justin kletterte schnell die Leiter empor in die Kanzel seiner Valkyrie. Er gurtete sich im Pilotensessel fest und drückte einen Knopf, der die Leiter einholte und langsam das polarisierte Kanzeldach senkte. Als es zuschnappte, wurde das Cockpit unter Druck gesetzt, und Justin musste den Mund weit öffnen, um den Druck auf die Ohren auszugleichen.

Er verschnürte seine Kühlweste und steckte die Stromverbindung in die Dose an der rechten Seite seines Pilotensessels. Nachdem er die selbstklebenden Sensorscheiben an Oberarmen und Schenkeln angebracht hatte, führte er die daran befestigten Feedbackkabel zum Hals. Dann legte er sich das olivgrüne Schulterpolster über und führte die Kabel in ihre Leitschienen. Schließlich hob er die Arme und zog sich den Neurohelm über den Kopf.

Justin schauderte unwillkürlich, als der Helm alle äußeren Geräusche abschnitt und ihm sein eigener Atem wie Donnergrollen in den Ohren hallte. Er bewegte den Helm, bis sich das grob dreieckige Visier in der Mitte seines Blickfelds befand und er den Druck der Neurosensoren an den korrekten Punkten auf seiner Schädeldecke spürte. Er steckte die aus seinem Mech kommenden Leitungen in die entsprechenden Anschlüsse in der Halskrause des Helms und begann zu sprechen.

»Mustervergleich. Major Justin X. Allard.«

Justin lauschte der knisternden Statik, dann lächelte er, als er die Stimme des Bordcomputers vernahm. »Stimmmusterabgleichung erfolgt. Beginnen Sie mit der Initialisierung.«

Justins Augen verengten sich. »Codeüberprüfung: Zhe jian fang tai xiao. Autorisierungscode: Alpha Xray Tango Bravo.« Der Computer verglich seine Codes mit der gewaltigen Liste von Autorisierungscodes und persönlichen Passwörtern, die in seinem Speicher ruhten. Im Gegensatz zu den meisten Mechs, die nur auf den Geheimcode reagierten, den ihr Pilot eingegeben hatte, mussten Trainingsmechs in der Lage sein, zahlreiche unterschiedliche Codesequenzen zu akzeptieren. Jeder Pilot im Trainingskader besaß einen eigenen Code, so dass jede unerlaubte Aktion ‒ etwa ein Mechdiebstahl ‒ festgestellt werden konnte, indem man den letzten Aktivierungscode des Mechs abrief.

Justins persönliches Passwort war im Chinesisch des Capella-Raums abgefasst und daher reichlich ungewöhnlich, aber es stellte sicher, dass keiner dieser Clowns seine Maschine entwenden konnte. Er lachte. Sein Code lautete »Dieses Zimmer ist zu klein«, und selbst wenn sie ihn geknackt hätten, keiner von ihnen hätte den unterschwelligen Humor dieser Wahl verstanden. Und korrekt aussprechen hätte das Passwort schon gar keiner von ihnen können. Ein plötzlicher Gedanke jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Sollte dieser Code je bekanntwerden, würde er die bigotten Vorurteile über ihn nur bestätigen. Dumm, Justin, dumm, dachte er. Am besten ändere ich ihn nach dieser Übung.

Die metallische Stimme des Computers schnitt durch seine Gedanken. »Autorisierung bestätigt. Willkommen an Bord, Major.«

Als Reaktion auf die korrekten Codebegriffe erwachte die Kontrollkonsole mit ihren Lichtern und blinkenden Knöpfen zum Leben. Die Wärmeskalen auf dem internen Systemmonitor lagen noch alle im kühlen Blaubereich. Die Datenanzeigen der Langstreckenlafette in der linken Seite seines Mechtorsos und des mittelschweren Lasers, der die rechte Hand seiner Maschine ersetzte, zeigten beide Waffensysteme als einsatzbereit aber gesichert an. Justin streichelte mit den Fingern der linken Hand über zwei Knöpfe auf dem Steuerhebel der Zielerfassung, und die Waffen wurden scharf gemacht.

Andere Datenschirme informierten ihn darüber, dass beide Sprungdüsen im Rücken seiner Valkyrie bereit waren, ihn 150 Meter weit zu schleudern. Der Nachlademechanismus seiner Raketenlafette meldete seine Bereitschaft, zwölf volle Ladungen zu jeweils zehn Raketen zu liefern, aber Justin wusste, dass die bereits in den Abschussröhren ruhenden Geschosse in dieser Zahl enthalten waren.

Justin atmete ein letztes Mal die kühle Luft, dann schloss er die Augen und bewegte die Finger. Er atmete langsam aus und nahm Funkverbindung zu Lieutenant Redburns Spider auf. »Fertig, Andy?«

»Ja, Sir.«

»Gut. Machen wir uns auf den Weg und lassen uns vorführen, was die Kids gelernt haben.«

2

Kittery

Mark Capella

Vereinigte Sonnen

27. November 3026

Justin hielt seine Valkyrie unterhalb des Bergkamms an und drehte sich um. Unter ihm stapften die Anwärter durch das Tal. Die schneeweiße Farbe der Mechs lieferte einen scharfen Kontrast zum Goldbraun der Spätsommergräser. Eine Brise fuhr hinunter in den Talkessel und bog das Gras in weiten Wogen, bis sie die breite Schneise der Zerstörung erreichte, die von den Mechs verursacht worden war.

Die Kids sind gut. Ich vermute, dass niemand mehr Prinz Davions Entscheidung anzweifeln wird, diese Ausbildungsbataillone zu gründen, wenn sie erst eine Schlacht hinter sich haben ‒ abgesehen von den Leuten an der Spitze der Militärakademien und den Bürokraten, die ihre Planeten nicht von solch ›grünen‹ Truppen geschützt sehen wollen. Justin schüttelte den Kopf. Sie geben ihr Bestes, um ihrem capellanischen Major zu zeigen, wie gut sie sind. Hervorragend!

Justin warf einen Blick auf seine Wärmeanzeigen. Die Balken lagen noch immer im blauen Bereich, hatten sich aber bereits dem Grün der nächsten Zone genähert. Die Wärme des Tages stellte kaum eine Gefahr dar, und mit der möglichen Ausnahme von Craons Stinger hatte wohl noch keiner der Mechs die grüne Grenze überschritten. »Andy?«

»Ja, Major?«

»Bring Corporal Montdidier dazu, dass er seine Lanze etwas besser auf Kurs hält. Er weicht zu weit nach Norden ab, und ich vermute, er will damit Craon ärgern.«

Redburns Lachen klang selbst über die elektronische Stimmumwandlung noch sympathisch. »Roger.«

Justin sah zu, wie Montdidiers Lanze sich wieder der Hauptmarschlinie näherte. Dann runzelte er die Stirn, als einer der Mechs stehen blieb. Justin schaltete seine Ortung ein und identifizierte den Krieger. »Gefreiter Sonnac, warum gehen Sie nicht weiter? Macht Ihr Mech Ihnen Schwierigkeiten?«

»Nein, Sir. Aber ich erhalte ziemlich seltsame MAD-Anzeigen.«

Justin betätigte den Knopf, mit dem die Ortung von den Infrarotscannern auf die Magnetischen Anomaliedetektoren umgeschaltet wurden. Eine holographische Darstellung des Geländes füllte den Schirm vor ihm und zeigte alle Mechs als leuchtende rote Pyramiden oder Kugeln. Als sein Computer die einzelnen Maschinen identifizierte, versah er das Symbol mit einer Leuchtanzeige, die es Justin gestattete, auf einen Blick den Mechtyp und seine Kennzeichnung zu erkennen. Andere Metallkonzentrationen ‒ von einer dicht unter der Oberfläche liegenden Erzader bis zu einem verlorenen Fahrrad ‒ wurden als grünes Quadrat angezeigt, bis sie identifiziert waren.

Als Justin den Kopf drehte, lieferte ihm die 360°-Anzeige auch weiterhin einen taktischen Überblick, der sämtliche großen Metallansammlungen des Gebietes darstellte. Das blaue Sechseck, das am Rande seines Blickfelds kurz auftauchte und wieder verschwand, ließ ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen. »Andy, überprüf Sonnacs Angaben. Ich hab auf der anderen Seite des Berges etwas gesehen, das ich untersuchen möchte.«

»Roger.«

Justin brachte seine Valkyrie über die Bergkuppe und drehte sich in die Richtung, in der er das blaue Sechseck gesehen hatte. Durch das holographische Schema erkannte er, dass es sich tief unten in einem bewaldeten Tal versteckte. Durch das Waldgebiet lief ein Bach, der in einen Teich beachtlicher Größe mündete. Die nahen Hügel, bedeckt mit roten, grünen und orangefarbenen Wildblüten, senkten sich sanft zu diesem Teich hinunter. Ohne den blauen Ortungsgeist wirkte die Szenerie friedlich und einladend.

Und gefährlich. Justin biss sich auf die Lippe. Diese friedlichen Wälder waren der ideale Zufluchtsort für leichte Mechs wie die Stinger, wenn sie gezwungen waren, feindlichen BattleMechs auszuweichen. Der Bach konnte überhitzten Mechs dringend benötigte Kühlung verschaffen. Das ganze Tal stellte einen erstklassigen Gefechtsplatz für leichte Mechs dar.

Redburns Stimme krachte durch den Äther. »Major Allard! Cicadas, Sir! Überall!«

Auf die Dringlichkeit in Redburns Funkspruch reagierte Justin, indem er in eine Art spezieller Gefechtsstimmung fiel, die jede Emotion aus seinen Gedanken verdrängte. »Rückzug Richtung Süden, Lieutenant.« Hauptsache, ihr kommt nicht hier entlang, fügte er in Gedanken hinzu. Hinter der scheinbaren Ruhe des Tales spürte er eine Drohung.

»Negativ, negativ«, unterbrach Robert Craon. »Ich habe in Süden, Osten und Norden MAD-Anzeigen über der Skalengrenze. Ihre Richtung ist sauber, Sir. Wir müssen nach Westen.«

Justin drehte den Kopf, um die von Craon vorgeschlagene Fluchtroute zu studieren. Sein Mund wurde staubtrocken. Das blaue Sechseck tauchte wieder auf. Diesmal versah sein Computer es mit einer Identifikation. Mein Gott! Ein Rifleman!

Justin gab seine Befehle über die Funkverbindung. »Hier ist auch kein Durchkommen. Tu, was du kannst, Andy. Der Kader gehört dir.« Damit drehte Justin seine Valkyrie und sprang in Richtung Wald. »Es ist eine Falle. Eine gottverdammte Falle! Geht nicht nach Westen!«

Lieutenant Redburn konnte Justin Allards rätselhafte Antwort auf Craons Mitteilung kaum hören, aber jetzt war es zu spät, um Fragen zu stellen. Er wusste nicht mehr, was er tun sollte. Er war am Rande der Panik. Ruhig bleiben, Andrew!, redete er sich zu. Du musst dich in den Griff kriegen. Der Major hat dir den Befehl übergeben. Er hat Vertrauen in dich gesetzt. Enttäusch ihn nicht.

Redburn sah, wie sich ringsum der Boden auftat. Capellanische Mechs ‒ Cicadas ‒ schossen wie alptraumhafte Riesenpflanzen aus einem schrecklichen Dokumentarholo mit Zeitraffereffekt empor. Noch während Craon brüllte, waren sie im Norden, Süden und Osten der Talwände erschienen. Nur der Westen, die Richtung, die Major Allard ihm verboten hatte, war sicher und frei. »Bewegung, verdammt! Bewegung! Das ist keine Übung. Rückzug nach Westen, den Hang hinauf! Sonnac, spring da weg!«

Eine armlose Cicada schob ihre hässliche Schnauze vor Sonnacs Position und feuerte mit ihren beiden mittelschweren Lasern. Die beiden Strahlen trafen sich am Kopf der Stinger. Panzerplatten schmolzen wie Wachs, dann schlugen die Strahlenbündel ins Cockpit durch. Eine Explosion erfolgte, die nichts und niemand zurückließ. Sonnacs Stinger stolperte nach hinten, dann stürzte sie leblos zu Boden.

Redburns MAD-Bild des Tales strahlte unter dem Licht grüner Pyramiden und blauer Rechtecke. Die Cicadas waren doppelt so schwer wie die Stinger, die ihnen gegenüberstanden. Sie besaßen keine Arme und waren mit zwei mittelschweren und einem leichten Laser bewaffnet, die sämtlich nach vorn gerichtet waren. Redburn fluchte, als neue Daten über den Schirm seiner Kommandokonsole liefen. Drei der Cicadas waren mit Flammern ausgerüstet. Schon schrillte das Kreischen eines seiner Kadetten durch Redburns Ohren. Eine Cicada hatte seine Maschine in Brand gesetzt. Gegen diese Übermacht blieb dem Kader nur eine Wahl: Rückzug.

Philip Nablus, der Pilot des lodernden Mechs, löste in seiner Panik die Sprungdüsen der Maschine aus und hob mit genügend Schwung ab, um die Flammen an der linken Flanke seiner Stinger zu löschen. Er landete auf den Füßen, stolperte jedoch und stürzte zu Boden. Eine Cicada drehte sich um und wollte auf ihn feuern, aber Nablus‘ Lanzenkameraden überschütteten den Rücken der Cicada mit ihrem Laserfeuer.

Es sind nur ein Dutzend, aber die Piloten müssen Veteranen sein, dachte Redburn. Trotzdem, wir sind in der Überzahl. Es muss eine Möglichkeit geben.

»Zurück! Nach oben ausweichen!«, befahl er. »Wir werden die Hänge halten.« Plötzlich kam ihm die Erleuchtung wie ein PPK-Blitz. »Sie wollen uns nach Westen treiben, also tun wir ihnen den Gefallen. Und jetzt bewegt euch! Wir wollen sehen, wie weit sie sich vorwagen. Wir werden dafür sorgen, dass sie einen angemessenen Preis bezahlen.«

Justins Valkyrie erreichte ihre Höchstgeschwindigkeit am Fuß des Hangs. Das blaue Sechseck flackerte auf, und der Computer platzierte es hinter einem dichten Pinienhain. Justin schloss ein Auge, richtete mit einer Hand das Fadenkreuz aus und lächelte. Er hatte keine Zielbestätigung, aber sein Gefühl sagte ihm, dass er richtig lag. »Fahr zur Hölle, Bastard!« knurrte er, als er auf den Auslöser drückte, und eine Raketensalve aus dem Torso seiner Valkyrie fauchte.

Der Abschuss bremste ihn von 86 km/h auf 72 km/h, aber im Augenblick war Geschwindigkeit nicht Justins Hauptsorge. Die hohen Pinien verwandelten sich unter dem Einschlag der ersten beiden Raketen in lodernde Fackeln, dann zerbarsten sie in einem Regen brennender Holzsplitter, als drei weitere Raketen sie zerfetzten. Die übrigen fünf Geschosse bohrten sich durch den Feuersturm und hämmerten auf ihr eigentliches Ziel ein, dem die Bäume nun keine Deckung mehr boten.

Die fünf Raketen detonierten wie ein explodierender Patronengurt diagonal auf dem 60 t-Körper des Rifleman. Fünf Beulen in der zernarbten Panzerung zeigten, wo die Raketen eingeschlagen waren, aber nach Justins erstem Eindruck hatte nur einer der Torsolaser seines Gegners etwas abbekommen. »Verflucht«, murmelte er.

Die Arme des halbhumanoiden Rifleman drehten sich im Schultergelenk nach oben und folgten Justins Valkyrie. Der Torso drehte sich im Hüftgelenk und hielt die gepaarten Autokanonen und schweren Laser auf ihr Ziel gerichtet. Als der Radarflügel auf dem Kopf des feindlichen Mechs sein Schwingungstempo erhöhte, trat der Rifleman aus dem brennenden Wäldchen auf die winzige Valkyrie zu. Die Autokanonen des Kolosses spuckten inmitten riesiger Flammenstöße einen Hagel von Granaten aus. Rauchende Hülsen regneten von den Ausstoßöffnungen in seinen Schultern zu Boden. Der Mech folgte der rasenden Valkyrie mit einer gezackten Spur aus Granatexplosionen.

Er ist zu nah!, dachte Justin und wartete bis zum letztmöglichen Augenblick, bevor er seine Sprungdüsen aktivierte und den Autokanonengeschossen weit voraus flog. Er war sich klar, dass er bei dieser Geschwindigkeit keine Chance hatte, auf den Füßen zu landen. Justin knallte zu Boden und rollte sich nach vorne ab. Dann erhob er sich auf ein Knie, löste eine zweite LSR-Salve aus und ließ sich vom Rückschlag der Raketen zurückwerfen. Zwei Laserstrahllanzen zerschmolzen den Boden an eben der Stelle, wo er gerade noch gehockt hatte.

Nur drei seiner hastig abgefeuerten Raketen erreichten ihr Ziel, aber diese drei machten ihrem Schützen alle Ehre. Eine detonierte in der Ausstoßöffnung einer Autokanone des Rifleman und zerschmolz den Auswurfmechanismus. Die beiden anderen schlugen in den Radarflügel ein, der wie ein Propeller über den hochgezogenen Schultern des Stahlgiganten wirbelte. Die erste Explosion brachte den Flügel zum Stillstand, nach der zweiten hing er nur noch an seinen dicken Stromkabeln.

Reicht das?, fragte Justin in Gedanken.

Wie zur Antwort drehte der Rifleman erneut den Torso. Seine beiden mittelschweren Torsolaser und die verbliebene Autokanone feuerten auf seinen Peiniger. Justin rannte weiter und konnte dem Angriff ausweichen, aber er wusste, dass er sein Ende nur hinauszögern konnte. Er konnte nur versuchen, sich so teuer wie möglich zu verkaufen.

Redburn nickte, als die Stinger sich in einer Schlachtreihe formierten, um den heranrückenden Feindmechs zu begegnen. »Auf meinen Befehl, wie ich es erklärt habe. Denkt daran, sie haben keine Sprungdüsen und können nur schwer ins hintere Schussfeld feuern. Und los!«

Auf seinen Befehl sprangen de Payens, Montbard und St. Agnan mit ihren Lanzen über die capellanischen Cicadas in deren Rücken. Während Redburn seine Lanze wendete, um sich den aus Norden anrückenden Mechs zu stellen, ließ St. Omer seine Lanze in Richtung der von Süden kommenden Capellaner vorrücken. In der Zwischenzeit glitt Montdidiers beschädigte Lanze an seine Seite. Die Lanze de Mesnils hielt das Zentrum der Formation und eröffnete das Feuer auf die den Hang heraufkletternden Cicadas.

Redburn lächelte, als er die capellanischen Krieger zögern sah. Ihr habt vielleicht gedacht, ihr hättet es hier bloß mit Anwärtern zu tun, aber diese Kadetten sind gut. Mit einem sauberen Zug haben wir den Spieß umgedreht.

Craon landete zuerst. Er hatte seine Stinger in einem flacheren Winkel gesteuert, als die anderen Mitglieder von de Payens Lanze. Die langen Beine seines Mechs federten den Aufprall der Landung mit der Eleganz und Stärke einer Katze ab. Craon wirbelte seine Stinger herum und riss den mittelschweren Laser mit einer schnellen Bewegung hoch. Der rubinrote Strahl schmolz fast die gesamte Panzerung vom Bein einer Cicada.

Der capellanische Mech flog herum, wollte der Bedrohung in seinem Rücken begegnen. Craon warf sich weit zur Seite, um dem Feuer der Cicada auszuweichen, und zwang den feindlichen Mech dadurch, auf seinem verletzten Bein zu wenden. Evita Barres marschierte mit ihrer Stinger vor und nahm das beschädigte Bein unter Beschuss. Die restliche Panzerung verdampfte unter der Berührung des Laserstrahls, dann zerrissen mit einem lauten Schnalzen die Myomerfasermuskeln. Das Bein der Cicada knickte ein, und der vogelähnliche Mech schlug kopfüber in den Dreck.

Die Cicadas am südlichen Flügel ignorierten St. Agnans Lanze, als deren Mechs über sie hinwegflogen. Alle capellanischen Maschinen stürmten vor und deckten die Vindicator mit einem Trommelfeuer aus Laserimpulsen ein. Reynold Vichiers Stinger in Montdidiers Lanze erlitt schwere Schäden an Kopf und Brust. Bill Chartres, der nicht wusste, dass Vichiers bereits von einem der Treffer getötet worden war, schnellte mit seinem Mech zwischen den seines Kameraden und die Cicadas. Rubinrote Lanzen aus kohärentem Licht zerlegten seine Maschine noch weit gnadenloser als die Vichiers. Die Stinger brach regelrecht ausgeschlachtet zusammen.

St. Omer konzentrierte das Feuer auf die beiden äußeren Cicadas, während Montdidier und die beiden übrigen Kadetten unter seinem Befehl auf die beiden Cicadas einhämmerten, die sich mehr zur Mitte hin aufhielten. Die Capellaner stürmten vor und wollten durch Montdidiers geschwächte Lanze brechen. Mit ihren Mechs rammten sie die Stinger der Verteidiger.

St. Omers Anstrengungen zeigten respektablen Erfolg. Die Cicadas, die seine Lanze attackiert hatten, wurden von dem schweren Feuer geradezu auseinandergenommen. Nachdem die Laser große Panzerbereiche weggeblasen hatten, konnten sie sich tief ins Innere der ungelenken Gehzeuge fressen und ihren Antrieb zerstören. Die Cicadas erstarrten wie unter einem abrupten Anfall von Totenstarre und krachten zu Boden.

Montdidiers Lanze wurde vom feindlichen Ansturm furchtbar getroffen, konnte aber ihre Stellung halten. Bures, dessen Stinger von einer Cicada umgeworfen worden war, stieß die Beine seiner Maschine zwischen die des capellanischen Mechs. Der nächste Schritt der Cicada zertrümmerte die Glieder der Stinger und riss sie aus dem Torso der Maschine, aber es reichte aus, die Cicada stolpern zu lassen und in die Knie zu zwingen.

Tomas Berard begegnete dem Angriff einer Cicada mit einem Gegenschlag. Vom capellanischen Mech flogen beim Zusammenprall mit der leichteren Maschine große Panzersplitter in alle Richtungen, aber trotz des mörderischen Schlages konnte Berard die linke Faust seiner Stinger gegen den Kopf der Cicada rammen und das Dach der Pilotenkanzel zersplittern. Der von dieser Attacke geschockte capellanische Pilot zog sich lange genug zurück, um Berard die Möglichkeit zum Aussteigen zu geben, bevor die Cicada seine beschädigte Stinger in Schrott verwandelte.

St. Agnans Lanze traf die beiden Cicadas voll von hinten und richtete schwere Schäden an. Das scharlachrote Laserfeuer fetzte durch den Rückenpanzer der beiden Maschinen und bohrte sich geradewegs durch ihr Innenleben. Im Falle von Berards Gegner drangen die Schüsse durch das Cockpit wieder ins Freie. Beide Cicadas stürzten zu Boden und blieben qualmend liegen.

Justins Valkyrie warf sich nach rechts, als der schwere Laser im linken Arm des Rifleman eine schwarze Furche durch die Wiese an Justins linker Seite brannte. Er kann sich nicht weiterdrehen!, dachte er. Nach etwa vierzig Grad steckt der Torso fest. Wenn ich in seinen Rücken komme, können seine Waffen mich nicht erfassen!

Justin ließ seine Valkyrie nach rechts ausbrechen und grinste, als er auf seinem Gefechtsschirm den Versuch des ungelenken Rifleman beobachtete, seiner Bewegung zu folgen. Der Versuch führte dazu, dass das Hüftgelenk des riesigen Mechs blockierte und er einen beinahe komischen Tanzschritt machen musste, um sich weiter drehen zu können. Perfekt, dachte Justin. Noch etwas weiter, und ich bin sicher. Er grinste und ließ das Fadenkreuz seiner Raketenlafette auf die Silhouette des Rifleman fallen. Und er hielt es auf seinem Ziel, trotz der schweren, hämmernden Schritte, mit denen sein Mech immer weiter vorangetragen wurde.

Moment mal. Was macht der Pilot da? Justin fühlte eine eiskalte Hand nach seinem Herz greifen, als der Rifleman den Versuch aufgab, der Valkyrie zu folgen. Einen Augenblick stand die große Maschine stocksteif, dann drehte sich ihr Torso wieder in die andere Richtung. Zur gleichen Zeit hoben sich die Arme des capellanischen Mechs zum Himmel und senkten sich wieder herab, um sich auf das hintere Schussfeld einzupegeln.

»Nein!« Justin riss die Valkyrie verzweifelt herum und versuchte die Sprungdüsen auszulösen. Aber seine gehetzten Steuerversuche ließen die Valkyrie nur stolpern, und er musste seine ganze Geschicklichkeit aufbieten, um den Mech wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Nein! Nicht so! Justin feuerte den mittelschweren Laser der Valkyrie auf den Rifleman ab, aber es war eine sinnlose Geste. Der Rifleman schwang seine Waffen in Richtung des leichteren BattleMechs, schnitt wie mit einer Sense aus Laserfeuer dessen Beine ab und brachte Justins sinnlose Fluchtversuche zu ihrem unvermeidlichen Ende.

Nachdem die südliche Flanke des Angriffs zerschlagen war, wandten sich St. Omer, St. Agnan und Montbard mit ihren Lanzen dem capellanischen Zentrum zu. Das höllische Kreuzfeuer schnitt eine Cicada in Stücke und jagte den Rest nach Norden. Der nördliche Flügel zog sich hastig zurück, als das Ausbildungsbataillon vorstürmte. Nach einem wilden Schusswechsel mit St. Agnans Lanze erkannten die Cicada-Piloten, dass der Kampf verloren war, und entschlossen sich, ihre Mechs zu retten.

De Mesnils rauhe Stimme krächzte über die Funkverbindung. »Sie ziehen sich zurück, Lieutenant.«

Redburn blickte auf den MAD-Schirm und kam zum selben Schluss. »Lasst sie laufen, Kadetten! Selbst wenn wir es wollten, könnten wir sie nicht einholen.« Er sah zu, wie die feindlichen BattleMechs die Flucht ergriffen und schüttelte den Kopf, als der Bordcomputer ihre Laufgeschwindigkeit mit über 120 km/h anzeigte. Verdammt, sind die schnell, dachte er. Er zitterte, als sein Körper das Adrenalin in seinem Blutkreislauf verbrannte.

Redburn warf einen Schalter auf der Befehlskonsole um, der ihn auf der Befehlsfrequenz mit allen Sergeants und Corporals seiner Truppe verband. »Bericht.«

»De Mesnil hier. Alle Piloten am Leben, aber Bisot und Montvalle haben Schäden an den Beinen. St. John hat seinen M-Laser verloren.«

»St. Omer hier, Lieutenant. William Chartres ist tot und seine Stinger verloren. Ansonsten leichte Schäden. Alle anderen sind ruhig geblieben.«

Redburn nickte und blickte hinüber zur qualmenden, zerschossenen Ruine von Chartres‘ Mech. Eine verdammte Schande. »Gut. St. Agnan?«

»Hier, Sir.« St. Agnans Stimme kam in abgehackten Worten. »Ich bin der Einzige, den es hier erwischt hat, Sir. Mein Cockpit ist aufgerissen, und ich vermute, ich hab ein paar gebrochene Rippen. Torroges hat einen Armaktivator verloren, aber der hatte schon länger seine Mucken.«

»Wirf das Dach ab, Archie, damit Gil Erail rein kann, um nach dir zu sehen.« Redburn wandte seine Aufmerksamkeit Montdidiers Lanze zu. »Payen, Bericht!«

Payen Montdidier brauchte einen Moment, um sich in den Griff zu bekommen. Trotzdem überschlug sich seine Stimme fast. »Sonnac und Vichiers sind tot. Sir. Bures‘ Mech hat keine Beine mehr, und Berards Mech ist verloren. Er konnte jedoch aussteigen und sich in Sicherheit bringen.«

Montbard und de Payens‘ Lanzen waren praktisch intakt, aber de Payens meldete, dass Craon wissen wollte, warum so etwas nie passierte, wenn jemand anders Hirtenhund spielte.

»Sagen Sie ihm, das festigt den Charakter«, erwiderte Redburn. »Major Allard, wie sieht es bei Ihnen aus?«

Er erhielt keine Antwort, bis de Mesnils Stimme die Stille durchbrach. »Ich habe ihn nicht zurückkommen sehen, Lieutenant.«

»De Mesnil, bringen Sie diesen Mob unter Kontrolle! De Payens, Montbard, formieren Sie Ihre Lanzen und kommen Sie mit!« In der Hoffnung, die Angst in seiner Magengrube werde keine Nahrung finden, trottete Redburn in seiner Spider über die Bergkuppe. Nein, lieber Gott! Nicht der Major! Der von den brennenden Bäumen aufsteigende Rauch ließ eisige Panik in ihm aufsteigen. Warum muss das aussehen wie ein Scheiterhaufen?

Justin Allards zerschlagener Mech lag auf dem Rücken. Schweres Laserfeuer hatte seine Beine abgeschnitten und in eine Metallpfütze verwandelt. Der automatische Lademechanismus der Raketenlafette hämmerte laut und metallisch, als er geduldig versuchte, die vom Feuer geschwärzten Trümmer der Abschussröhren aus dem längst verbrauchten Munitionsvorrat neu zu versorgen. Der Laser am rechten Arm war glatt abgeschmolzen, und der linke Arm des Mechs war von Autokanonenschüssen an der Schulter abgerissen worden.

Andrew Redburn und Robert Craon kletterten über den Torso des Mechs, ohne sich um die heißen Panzerplatten und die funkensprühenden Kabel der freigelegten Elektrik zu kümmern. Sie hasteten zum zertrümmerten Kopf des Mechs empor und blieben kurz davor stehen. Plötzlich hatten sie Angst vor dem, was sie hinter den ausgezackten Löchern im Kanzeldach finden würden.

Redburn wusste, dass es schlimm sein musste. Wütend und frustriert trat er einen Teil des von Sprüngen wie Spinnweben durchzogenen Plastglases ein. Er horchte angestrengt, ob er einen Hinweis vernehmen würde, was das dunkle Cockpit für ihn bereithielt, und ließ sich in die Valkyrie hinunter. Als Craon zögerte, winkte er den Kadetten ungeduldig zu sich. Der Kadett beugte sich über den Pilotensessel und stieß einen erstickten Schrei aus.

Redburn, der zwei Finger auf Justins blutige Kehle gelegt hatte, blickte hoch. »Er lebt noch, Craon, und wenn wir schnell Hilfe holen, wird er auch am Leben bleiben.«

Aus Craons Gesicht verschwand alle Farbe. Er weigerte sich, Redburns Blick zu erwidern. »Meinen Sie denn, wir sollten, Sir?«

Redburns Kopf schoss herum, als hätte er einen Schlag ins Gesicht erhalten. »Wollen Sie damit zum Ausdruck bringen, ›Nur ein toter Capellaner ist ein guter Capellaner‹?«

Craons Kinnlade fiel herunter, und in seinen blauen Augen stand der Schrecken. »Mein Gott, nein, Sir.«

Redburns Brauen schoben sich zornig zusammen. »Wovon, zum Teufel, quasseln Sie dann? Natürlich retten wir ihn!«

»Aber Sir«, bettelte Craon und deutete hinunter auf den Major. »Sein Arm.«

Redburn beugte sich über das Gewirr von Drähten und Konsolenteilen, das die linke Seite Justin Allards seinem Blick verborgen hatte. Er schluckte schwer und ließ sich in einem Krachen splitternder Scherben zurückrollen. »Allmächtiger«, flüsterte er, ohne sich überhaupt klarzuwerden, dass er es sagte. Craon hatte wahrscheinlich recht. Der Tod wäre Allard gnädiger gewesen.

Craon nickte wie ein Robot und konnte den Blick nicht abwenden. »Sein Arm, vom Ellbogen abwärts, Sir. Er ist weg, einfach weg ...«

3

Pacifica (Chara III)

Isle of Skye

Lyranisches Commonwealth

15. Januar 3027

»Mir gefällt das nicht, Hauptmann.« Eddie Bakers Stimme übertönte die von dem Unwetter erzeugte Statik. Hauptmann Daniel Allard von der Söldnereinheit der Kell Hounds drehte den Kopf seiner Valkyrie weit genug, um Bakers plumpen Jenner aus dem Fluss watscheln zu sehen. »Das Gewitter holt uns schnell ein. Ich bin nicht darauf versessen, in diesem wandelnden Blitzableiter hier draußen rumzulaufen.«

Oberleutnant Austin Brand, dessen humanoider Commando Bakers Jenner aus dem Fluss folgte, lachte. »Wenn du einen Mech mit Armen hättest, Baker, könntest du die Blitze aus dem Himmel schlagen, so wie wir.«

Baker, ein ehemaliger Tech, der den erbeuteten Mech als Belohnung für Jahre treuer Dienste zugesprochen bekommen hatte, grunzte ablehnend. »Bis eure Aktivatoren den Geist aufgeben.«

»Beherrscht euch, Kinder!« mahnte Dan, und lächelte. Nimm‘s leicht, Dan. Ihre Zankerei ist nur ein Zeichen der Anspannung, und das weißt du auch. Diese Scoutlanze funktioniert besser als jede andere, die du kennst. »Wir wollen zumindest so tun, als bestünde hier so etwas wie eine militärische Ordnung, okay?«

»Roger, Dan.«

Daniel Allard wandte den Kopf seiner Valkyrie wieder nach vorn und marschierte weiter auf die Wasp zu, die am Bergkamm auf sie wartete. »Wie sieht das Unwetter von da oben aus, Meg?« fragte er die Pilotin der Wasp.

Feldwebel Margaret Lang wartete einen Augenblick, bevor sie antwortete. »Sieht nicht so wild aus, Hauptmann, aber die Flieger schaffen ihre Jäger nach drinnen. Auf den Satellitenbildern muss es sich ziemlich übel ausnehmen.«

Dan seufzte. »Okay. Machen wir, dass wir in Deckung kommen. Die alte Gewitterkugel macht ihrem Namen mal wieder alle Ehre. Wir kommen eh wieder zu spät zur Stabsbesprechung, Brand. Die Streife ist offiziell beendet.«

»Ich wünschte, wir könnten dasselbe von dieser Dienstperiode sagen«, erklärte Baker.

Daniel Allard lachte. Baker hat recht. Das ist eine fürchterliche Welt für einen Garnisonsauftrag. »Eddie, ich bin sicher, wenn du dein Missfallen bei Oberst Kell zum Ausdruck bringst, kann er es arrangieren, dass wir auf eine andere Welt versetzt werden.«

»Nein, nein, Dan, ist schon in Ordnung. Ich kann ohne Pacifica kaum noch leben.«

Dans Gelächter schallte durch seinen Neurohelm. »Dann bist du aber der erste Mensch in den Nachfolgerstaaten, der eine derartige Zuneigung zu diesem Planeten entwickelt hat.«

Chara III, ein großer, mondloser Planet im Steiner-Raum, war eine der widersprüchlichsten Welten der Inneren Sphäre. Ihr fruchtbarer Boden akzeptierte ohne Probleme Pflanzenhybriden, die reiche Ernte abwarfen. Ihr Wasserreichtum machte sie zu einem Naturparadies und rechtfertigte die Unterbringung eines vollen Bataillons als Garnison außerhalb des Hauptagrarzentrums Starpad. Der Entdecker dieser Welt war an einem ruhigen Tag gelandet und hatte den Planeten Pacifica getauft. Allerdings genügte bereits ein kurzer Aufenthalt auf der Oberfläche Pacificas, bis selbst dem unvoreingenommensten Beobachter ernste Zweifel an der Friedfertigkeit kamen, die dieser Name andeutete.