Bauern, Land - Uta Ruge - E-Book

Bauern, Land E-Book

Uta Ruge

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Beschreibung

Ein Dorf im Moor in den 50er Jahren, ein Bauernhof heute – und wie das Weltgeschehen das Leben der Menschen auf dem Land veränderte. Davon erzählt Uta Ruge am Beispiel ihres Dorfes und ihres Bruders. Seit ein paar Tagen stehe ich morgens um sechs mit allen auf, um zu sehen, zu hören und zu riechen, wie sich Landwirtschaft heute anfühlt auf dem Hof, auf dem ich aufgewachsen bin. Ich ziehe die Stallklamotten an und gehe nach draußen. Mir fällt auf, dass ich den Blick hier nicht heben muss, um den Himmel zu sehen. Ob es regnet oder bald regnen wird, wie der Wind geht, ist sofort gewusst, in Auge, Ohr und Nase eingeströmt. Uta Ruge verwebt in Bauern, Land. Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang die Erinnerung an das Leben auf dem Lande in den 50er Jahren mit der genauen Beobachtung der Veränderungen in der Landwirtschaft heute, mit der Chronik des Dorfes, den welthistorischen Zusammenhängen und der Kulturgeschichte, die das Leben der Bauern geprägt haben und prägen. Sie erzählt von harter Arbeit und Abhängigkeit, von der Besiedelung des Moors, von Entwässerung und den Zumutungen der Obrigkeit und der Bürokratie, von Armut und Auswanderung. Aber auch davon, wie man sich gegenseitig unterstützt und hilft und zusammen feiert, von dem Eifer der kleinen Kinder, die den Eltern zur Hand gehen und lernen, dass gegen Arbeit nichts hilft, außer sie zu tun.

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Seitenzahl: 634

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Ein Dorf im Moor in den 50er Jahren, ein Bauernhof heute – und wie das Weltgeschehen das Leben der Menschen auf dem Land veränderte. Davon erzählt Uta Ruge am Beispiel ihres Dorfes und ihres Bruders.

Seit ein paar Tagen stehe ich morgens um sechs mit allen auf, um zu sehen, zu hören und zu riechen, wie sich Landwirtschaft heute anfühlt auf dem Hof, auf dem ich aufgewachsen bin. Ich ziehe die Stallklamotten an und gehe nach draußen. Mir fällt auf, dass ich den Blick hier nicht heben muss, um den Himmel zu sehen. Ob es regnet oder bald regnen wird, wie der Wind geht, ist sofort gewusst, in Auge, Ohr und Nase eingeströmt. Uta Ruge verwebt in Bauern, Land. Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang die Erinnerung an das Leben auf dem Lande in den 50er Jahren mit der genauen Beobachtung der Veränderungen in der Landwirtschaft heute, mit der Chronik des Dorfes, den welthistorischen Zusammenhängen und der Kulturgeschichte, die das Leben der Bauern geprägt haben und prägen. Sie erzählt von harter Arbeit und Abhängigkeit, von der Besiedelung des Moors, von Entwässerung und den Zumutungen der Obrigkeit und der Bürokratie, von Armut und Auswanderung. Aber auch davon, wie man sich gegenseitig unterstützt und hilft und zusammen feiert, von dem Eifer der kleinen Kinder, die den Eltern zur Hand gehen und lernen, dass gegen Arbeit nichts hilft, außer sie zu tun.

Über die Autorin

Uta Ruge, auf Rügen geboren, wuchs nach der Flucht der Familie als Bauerntochter in einem norddeutschen Dorf auf, studierte Germanistik und Politik in Marburg und Berlin, arbeitete im Rotbuch Verlag und bei der TAZ in Berlin und lebte von 1985 bis 1998 als freie Rundfunkautorin und Mitarbeiterin der internationalen Zeitschrift Index-on-Censorship in London. 2003 erschien Windland – Eine deutsche Familie auf Rügen. Sie lebt in Berlin.

UTA RUGE

BAUERN,  LAND

Die Geschichtemeines Dorfes imWeltzusammenhang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

für Arnd, Irene und Jens

INHALT

1. Anfänge

  1.HEUTE    Die Stimmung auf dem Hof meines Bruders.

  2.DAMALS    Warum ein Bauer aus der Stadt einen Hofsuchte. Ankunft am Ende der Welt. Das Gesetz der Moorbauern.

  3.MITTE 18. JAHRHUNDERT    Was die Schulchronik sagt und was sie verschweigt. Wem gehört das Moor? Als Torfstecher nach Holland.

  4.DAMALS    Aus einem Stall wird eine Kirche, dann ein Tanzsaal. Wie man im Winter auf Schlittschuhen überallhin kommt.

  5.18. JAHRHUNDERT    Was Goethe über Bauern denkt und warum über die englische Landwirtschaft ein Buch geschrieben werden musste. Ein Arzt aus Celle wird Musterlandwirt.

  6.ENDE DES 18. JAHRHUNDERTS    Protokolle der Moorkonferenzen reisen per Pferdekutsche nach London. Die ersten Anbauer, Aschedüngung und Buchweizensaat.

  7.DAMALS    Als meine Mutter versuchte, ein Beet anzulegen.

  8.HEUTE    Anna und ich singen ein Lied von 1783. Schön und falsch ist das Bild vom Land. Warum Wolfsexperten sich wundern.

  9.18.–19. JAHRHUNDERT    Wie man mit Torf Fundamente baute und Häuser zum Schwimmen brachte.

10.ENDE DES 18. JAHRHUNDERTS    Goethes Eckermann als Kind. Die Dorfschule und Streit um Kirchenplätze für Moorbauern.

11.DAMALS    Kinderarbeit und Kinderträume. Was wir mit dem Körper lernten und dass Arbeit getan werden musste.

12.DAMALS    Wie unsere Eltern Moornachbarschaft kennenlernen.

ERSTES ZWISCHENSPIEL    Warum Vergil das Landleben über den grünen Klee lobte und Johann Heinrich Voß ihm glaubte. Wie die Antike den Boden unter den Füßen verlor.

2. Tiefer ins Moor und in die Geschichte

13.HEUTE    Wenn Milch- und Bodenpreise die Stimmung verderben.

14.1783    Was die Amtmänner an den neuen Anbauern im Bachenbrucher Mohr stört – ein Schriftwechsel über manche Inconvenzien und unziemliche Bedrohungen.

15.18. JAHRHUNDERT    Familie Lafrenz im Kirchenbuch. Johann Heinrich Voß drängt auf die erste Pockenimpfung im Hadelner Land.

16.HEUTE    Mein Bruder erzählt mir beim Maislegen etwas über Biotope und Bodenverbrauch. Ich fahre wieder Trecker, aber durch ein leeres Dorf.

17.1803    Vom Kriegführen. Die Hadelner sind schlechte Soldaten, weil Kost und Lebensart bei dem Militär sie in wenigen Tagen krank macht.

18.ANFANG 19. JAHRHUNDERT    Als der Code Civil ins Moor kam und Bauer Lafrenz mit Napoleon nach Russland ziehen musste.

19.HEUTE    Silofahren im Regen und nächtliche Stallarbeit. Waldemar fährt mit mir durchs abgetorfte Moor.

20.DAMALS    Was wir in der Schule lernten und was auf dem Weg dorthin.

ZWEITES ZWISCHENSPIEL    Warum Karl der Große die freien Bauern abschaffte. Über den Körper der Bauern und über ihre Feinde.

3. Entwässerung – Verbesserung

21.DAMALS    Äpfel und Pflaumen am Jauchegraben

22.ANFANG 19. JAHRHUNDERT    Napoleons Kontinentalsperre, ein indonesischer Vulkanausbruch und eine Sturmflut bremsen die Moorkolonie aus.

23.DAMALS    Gehen, holen, bringen – Wege mit Kühen.

24.19. JAHRHUNDERT    Produktivkräfte drängen auf Modernisierung: Die preußische Landreform, neuer Dünger und neue Maschinen.

25.HEUTE    Was ist heute ein Großbetrieb? Milch, Bohnen und fünfundzwanzig Schwalbennester.

26.HEUTE    Der Mais hat die Fahnen geschoben – und produziert mehr Sauerstoff als ein Laubwald.

27.HEUTE UND DAMALS    Ein Kind fliegt durch die Luft. Wie sich Gerda an den Anfang und an die Visiten erinnert.

28.19. JAHRHUNDERT    Amerika: Wo Brot ist, ist Heimat. Bismarck und die Bauernbefreiung. Neubachenbrucher ohne Pferde? Cowboys, Schlachthöfe und Türen auf Rädern.

29.HEUTE    Maisernte. Treckerballett im Oktober.

30.HEUTE UND DAMALS    Erinnerungen an Knechte, Deerns und Amerikaner. Ein Chapeau claque im Moor.

31.ENDE 19. JAHRHUNDERT UND HEUTE    Eine Zeitung »Für Wahrheit, Licht und Recht«. Der historische Kanalbau und was der Schleusenmeister erzählt.

DRITTES ZWISCHENSPIEL    Von Brueghel bis Worpswede, Romantik statt Düngung. Was Bauer Allmers in der Stadt suchte.

4. Weltmärkte und Weltkriege

32.DAMALS    Mit dem Bus zur Schule.

33.BEGINN 20. JAHRHUNDERT    Grot-Emma und die Weltmarktpreise, Großagrarier in den USA und Russland.

34.1914–1918    Von Krieg, Revolution und Weizenboom. Inflation in Deutschland.

35.HEUTE    Erinnerung an Beschädigungen. Klauenpflege heute.

36.1918    Grot-Emma, Berta und Hilda erleben die Weimarer Republik.

37.1920–1930    Kolchosen und Kulaken, der amerikanische Weizenkönig und das Bauernbild der Nazis.

38.HEUTE UND DAMALS    Grot-Emmas Enkel erzählt mir was über die Wölfe, und ein Cadillac begegnet mir im Moor gleich zweimal.

39.1933–1939    Das Führerprinzip auf dem Land, aus Moorbauern werden Erbhofbauern.

40.1939–1945    Landwirtschaft wird Kriegswirtschaft. Zwangsarbeiter und Denunzianten.

41.HEUTE    Besuch bei Luci und meine Erinnerung an alte Frauen.

42.DAMALS    Vom Torfstechen und Autofahren. Oder: Elvis auf dem Dorfe.

43.1940ER- UND 1950ER-JAHRE    Sicco Mansholt und seine Lohnerhöhung für Bauern. Bodenrecht und -unrecht.

44.DAMALS    Dorfhandel und Dorfschule, Coca-Cola, Trecker und Melkmaschinen.

45.1950ER-JAHRE    Eine Straße wird gebaut – und in Brüssel der gemeinsame Agrarmarkt organisiert.

46.DAMALS    Beregnen im Moor.

47.DAMALS    Zwangsversteigerungen und Arbeitsheldin für einen Tag.

48.1970ER-JAHRE    Mansholt ist gegen seinen eigenen Plan. Die Bauern werden weniger, die Kühe mehr.

49.HEUTE    Weltmarktpreise oder wie teuer kommt billig. Wasserfragen der einen und der anderen Art.

50.DAMALS UND HEUTE    Was ich beim Reisen sah. Unsere ersten Gräber im Moor.

VIERTES ZWISCHENSPIEL    Die Bauern von Malewitsch – keine Gesichter mehr, keine Hände. Bauernhof mit U-Bahnanschluss und die Milchpreise. Warum Krischan Flüchtling werden wollte.

5. Lob des Aufhörens und des Weitermachens

51.Drei Bauern auf dem Weg in die Zukunft.

52.Der Dürresommer 2018. Magere Felder, Reparatur eines Staus und Kühe im Luftzug.

53.Biogas und Urlaubernächte im Stroh. Dreißig Sommer zur Rettung einer Bauernhausruine, Indianerspiele und Husumer Protestschweine.

54.Nicht abgehängt, aber unter Druck. Ein bisschen Dorfstatistik und Ausgleichsflächen auf dem Land.

SCHLUSS    Über Ferkel, Menschen und wohin der Fortschritt führt.

ANMERKUNGEN

GLOSSAR

AUSGEWÄHLTE LITERATUR

PROLOG

ICH RANNTE HINTER DEN KÜHEN HER, um sie zum Melken zu holen, ich fütterte die Schweine und rupfte die Enten. Ich stapfte über den Hof und ahnte nicht, dass ich mich auf historischem Boden befand.

Denn jeder Boden ist historisch.

Auch ein Acker hat seine Geschichte.

Wo ich ging und stand, war einmal Moor urbar gemacht und Torf gestochen worden. Die Gräben, über die ich sprang, und die Kanäle, über deren Brücken ich mit dem Fahrrad fuhr, waren vor hundert oder zweihundert Jahren gegraben worden. Und die Felder, auf denen wir im Frühjahr Kartoffeln pflanzten, in der Hitze des Sommers die Rüben verzogen und im Herbst den Roggen mähten, gab es erst seit der Moorkolonisierung – seit der Zeit von Kant, Hegel und Goethe.

Erst als Kanäle und Schöpfwerke gebaut waren, Mitte des 19. und noch einmal im frühen 20. Jahrhundert, versanken die Äcker nicht mehr im Wasser der Überschwemmungen, von denen unsere Gegend – das Sietland, das ist das niedrige, ›siete‹ Land zwischen Elbe und Weser – zu fast jeder Jahreszeit heimgesucht wurde. Die Alten erzählten, wie sie dann das Heu zum Trocknen auf den Deich getragen und mit dem Kahn in die Scheunen gefahren haben.

Manchmal versuche ich mir vorzustellen, ich hätte das Dorf nie verlassen.

Ich bin 1957 als Kind von Flüchtlingen dort angekommen. Was wäre, wenn ich wie mein Bruder dort geblieben wäre. Er ist nur ein paar Jahre jünger als ich, als Sohn erbte er den Hof. Ganz selbstverständlich war es damals nicht mehr. Aber traditionell war es eben doch so. Ich erinnere mich, was mein Vater sagte, als ich empört rief, es sei nicht gerecht, wenn mir als Mädchen der Hof nicht einmal angeboten würde.

»Willst du ihn denn haben?«, fragte er.

Damit hat er mich zum Schweigen gebracht.

Ich wollte ihn nicht.

Und wollte ihn insgeheim doch.

Aber ein halbes Ja und ein halbes Nein, das wäre nicht gegangen. Ganz oder gar nicht. So übernahm mein Bruder zusammen mit seiner Frau den Hof.

1. ANFÄNGE

1. KAPITEL

HEUTE

Die Stimmung auf dem Hof meines Bruders.

»ENTWEDER, ODER«, sagt mein Bruder Waldemar. Wir stehen am Melkroboter*. Vor einigen Wochen ist der installiert worden und bedient, wie es im Fachjargon heißt, vierzig Kühe. Insgesamt kann so ein Roboter sechzig bis siebzig Kühe pro Tag melken. Im Moment läuft die Einarbeitungsphase. Noch muss man die Kühe etwas antreiben, später werden sie alleine zum Melken gehen – den ganzen Tag über und sogar nachts. Denn während ihnen der Roboter die Milch abpumpt, fressen sie das Kraftfutter, das je nach Chipkartenlesung ausgeschüttet wird. Der Transponder, ein Erkennungssender, hängt ihnen um den Hals. Jeweils vor und hinter dem Tier hält ein Gatter es auf der Stelle fest und öffnet sich erst wieder, wenn keine Milch mehr fließt und kein Futter mehr ausgeschüttet wird.

Ich staune.

»Wachsen oder weichen«, sagt Waldemar, während er mir die Neuerwerbung zeigt. »Und der Große frisst den Kleinen«, sagt er noch. »Das ist immer so gewesen. Und glaub’ man nicht, dass das bei den Biobetrieben anders ist. Dieselbe Technik, dieselben Größen.«

»Und? Gehörst du selbst inzwischen zu den Großen?«

»Nein.« Mein Bruder lacht grimmig. »Aber nicht zu den ganz Kleinen. Noch nicht.« Er betrachtet die digitale Anzeige auf der uns zugewandten Rückseite des Melkroboters. »Von den zwanzig Höfen im Dorf sind vier übrig geblieben. Alle anderen haben aufgegeben.«

Waldemar ist aus dieser Generation der Bauern im Dorf der Jüngste, das Rentenalter hat er noch nicht erreicht und er hat – anders als die meisten hier – einen Nachfolger. Sein Sohn will Bauer werden, ist es schon. Die moderne Technik, wie der Melkroboter, wird über Kredite finanziert, die man kriegt, wenn man Land besitzt.

Jetzt fallen die Zitzenbecher vom Euter ab und der Roboterarm schwenkt beiseite, um die Kuh freizulassen und das Melkgeschirr sofort zu spülen. Das vordere Gatter öffnet sich, die Kuh bewegt sich ohne Eile aus dem Melkstand hinaus, dann schließt es sich wieder. Erst wenn Zitzenbecher und Milchschläuche mit Wasserdampf gereinigt sind – es dauert nur Sekunden –, öffnet sich das hintere Gatter und lässt die nächste Kuh ein.

»Nebenan«, Waldemar zeigt zum Nachbarhof, »wird inzwischen Strom produziert, also Gas aus Biomasse. Das wird in Strom umgewandelt und ins Netz eingespeichert. Die Sauen, die sie halten, sind fast nur noch ein Anhängsel. Zwar sind sie einerseits die Grundlage des Geschäfts mit dem Strom, ebenso wie der Mais, der angebaut wird. Aber der Verkauf der Ferkel bringt weniger Geld ein als die – Entschuldigung – Scheiße, die den Strom erzeugt.«

Wir hören eine Weile schweigend dem Pumpen und Zischen, dem Brummen und Schnaufen der Maschine zu. Der Roboterarm schwenkt unter den Bauch der neuen Kuh, hebt eine Düse direkt unter das Euter, eine desinfizierende Flüssigkeit wird aufgesprüht. Erst dann kommen die frisch gespülten Zitzenbecher angefahren und saugen sich einer nach dem anderen an den Zitzen der Kuh fest. Die hat inzwischen angefangen zu fressen.

»Wie viele Melkroboter für wie viele Kühe brauchst du, um in ein paar Jahren abgeben zu können?«, frage ich. Die Hofübergabe an die nächste Generation schließt ja ein, dass der Nachfolger seinem Vorgänger ein Altenteil zahlen kann, also lebenslang Wohnung, Nahrung und ein bisschen Bargeld, so wie es mein Bruder und seine Frau Anna mit unseren Eltern gemacht haben.

Mein Bruder winkt ab. »Die Frage ist im Moment, wie viel Land wir uns leisten können, um genug Futter für das Vieh anzubauen und seine Gülle* loszuwerden. Immer mehr große Stromerzeuger kaufen und pachten Land. Und obwohl weiß Gott genug Bauern aufgeben und viel Land auf dem Markt ist, wird der Boden immer teurer.«

Mir kommt der Gedanke, dass die Übergabe an die nächste Generation womöglich nicht mehr stattfinden wird. Ich atme tief ein.

Aber Waldemar hat genug von meinen Fragen. Er steht an der Tür des Melkstands, öffnet sie und ist schon halb draußen, als er noch sagt: »So ist das nämlich. Ihr wollt ja alle Biostrom. Aber ihr habt keine Ahnung.«

Mit ›ihr‹ sind immer alle Städter gemeint – oder doch alle, die keine Landwirtschaft betreiben. Zu diesem ›ihr‹ zähle auch ich seit vielen Jahren.

Auf dem Weg ins Haus gehe ich vorbei an den neugierig ihre Köpfe durchs Futtergatter steckenden Jungrindern. Ein paar Katzen begleiten mich zur Haustür.

Die Hündin ist mit meinem Bruder gegangen.

Seit ein paar Tagen stehe ich morgens um sechs zusammen mit allen anderen auf, um zu sehen, zu hören, zu riechen, wie sich Landwirtschaft heute anfühlt auf dem Hof, auf dem ich aufgewachsen bin. Ich ziehe die Stallklamotten an und gehe nach draußen. Erst nach ein paar Tagen fällt mir auf, dass ich hier den Blick nicht heben muss, um den Himmel zu sehen. Kein Haus ist im Weg. Und ob es regnet oder bald regnen wird, wie der Wind geht, ist sofort gewusst, in Auge und Ohr und Nase eingeströmt.

Ich gehe mit ihnen in den Stall, aber ich laufe nur so mit – mal mit meiner Schwägerin Anna, die für die Kälber verantwortlich ist, mal mit meinem Bruder, der im alten Melkstand steht, mal mit ihrem Sohn Hannes, der für die Fütterung sorgt und den Roboter kontrolliert. Helfen kann ich nicht, denn kein Handgriff ist noch so, wie ich ihn kannte. Die Gebäude, die Maschinen, alles ist anders. Aber der Sonnenaufgang über den Bäumen und Weiden vor dem Hof ist derselbe. Immer schon lag das stärkste Licht am Morgen auf der Hofeinfahrt vor dem Stall. Immer schon wuselten ein paar Katzen, junge und alte, vor der Milchkammer umher, und immer schon lag in ihrer Nähe der Hund, der aufpasste, dass ihm nichts entging, vor allem kein Futter im nebenbei gefüllten Napf. Und der Stall ist immer noch ein einziger großer Organismus, Ort der Tiere, ihres Atmens, Fressens und Verdauens, ihres Wiederkäuens, ihrer Ausscheidungen und ihres Schlafs, ihrer Ruhe und manchmal ihrer Unruhe. Und der Ort von ineinandergreifenden Arbeitsabläufen.

Ich gehe da hindurch, über die Futtergänge und an den Barrieren entlang, die Tiere, fast hundert Kühe und vielleicht vierzig Jungrinder, sehen mich mit gesenkten Köpfen neugierig an.

Alles ist unter einem Dach angeordnet. Es gibt den Bereich, in dem lahmende Kühe oder diejenigen, die aus anderen Gründen nicht ganz fit sind, auf Stroh laufen und liegen dürfen, sozusagen die Krankenstube; sie können durch das den ganzen Stall durchziehende System sich öffnender und schließender Gatter zum Melkstand geführt werden und aus ihm zurück in ihren Bereich gehen. Neben ihnen stehen ebenfalls auf Stroh die Kühe, die demnächst kalben und – im Unterschied zu den ›melkenden Kühlen‹ – ›trocken stehen‹. Eine oder zwei haben vielleicht schon gekalbt, und dann liegt zwischen ihnen ein frisch geborenes Kalb, das sich auf zittrige Beine erhebt und nach dem Euter der Mutter sucht. Heute sind es sogar zwei, die sich manchmal zur falschen Kuh verirren, aber immer wieder von der Mutter gefunden werden. Mit Rührung sehe ich, dass die anderen Kühe die Kleinen freundlich beriechen und neugierig zusehen, wie das eine schon ein paar Probesprünge macht und das andere kläglich blökt. Aus dem Weg gehen sie ihnen nur, wenn sie bei ihnen zu saugen versuchen.

Der größte Bereich im Stall ist der, in dem die ›melkenden Kühe‹ sind, wiederum aufgeteilt in den Bereich, in dem die ›Roboterherde‹ ist, und in den größeren, in dem noch konventionell gemolken wird. Denn ein Roboter schafft, wie gesagt, nur sechzig bis siebzig Kühe – einen zweiten Melkroboter wird man sich erst in ein paar Jahren leisten können. Die konventionell gemolkenen Kühe werden morgens und abends in einen abtrennbaren Bereich direkt vor dem Melkstand getrieben. Hinter ihnen schließt sich wiederum ein Gatter, sodass die noch ungemolkenen getrennt bleiben von denen, die nach dem Melken zurückkehren in den Stall.

Ich gehe an Hund und Katzen vorbei zum Melkstand, klettere in die Melkergrube zu Waldemar und Anna. Rechts und links von ihnen stehen je vier Kühe auf Schulterhöhe, von Gestängen an ihrem Platz gehalten. Sie legen ihnen die Melkgeschirre an, tragen dabei Handschuhe, schützen sich und die Tiere vor Keimen. Mich nehmen sie sozusagen nur aus den Augenwinkeln wahr und ich muss sehen, dass ich ihnen nicht im Weg stehe.

Aus der Gruppe der noch ungemolkenen Kühe kommen durch Schiebetüren die nächsten herein, wenn eine Kuh fertig ist. Türen und Gestänggatter werden vom Melkstand aus von Seilen bedient, teils gehen sie automatisch. Die nächste Kuh wird durch das hier herrschende System sich öffnender und schließender Gatter auf ihren Platz geleitet, kommt an, und gleich wird ihr Euter, wie gesagt, auf Schulterhöhe der Melkenden, besprüht, gewischt, mit ein paar Handgriffen angemolken und die Zitzenbecher angelegt.

Wenn einmal nicht gleich die nächste Kuh nach dem Öffnen der Melkstandtür den Melkstand betritt, steigt mein Bruder oder seine Frau eine Metalltreppe hoch, gehen durch eine schmale Tür zu den ungemolkenen Kühen und treiben nach. Da sind die Neuen oder die Scheuen oder diejenigen, die zu oft von hierarchiehöheren Kühen abgedrängt worden sind. Schnell und dabei doch ruhig gehen sie dann zurück in die Grube und prüfen, welche der acht gleichzeitig gemolkenen Kühe jetzt so weit ist, dass ihr das Geschirr abgenommen werden kann – sehen währenddessen darauf, ob die vier zwischen Becher und Schlauch gesetzten Gläschen anzeigen, dass auch wirklich jedes Euterviertel ausgemolken ist, und prüfen aus dem Augenwinkel die digitale Anzeige der Milchmenge. Es gibt Kühe, die ihre Milch ›verhalten‹, vielleicht weil sie krank sind oder brünstig oder aus irgendeinem anderen Grund. Kühe sind empfindliche Tiere und man muss so einiges im Auge behalten, besonders bei einer großen Herde, in der es dann beim Melken ein paar Minuten Zeit gibt, um jede einzeln in Augenschein zu nehmen.

Ich registriere das Sich-nicht-mehr-bücken-Müssen, die-Milch-nicht-mehr-tragen-Müssen. Früher haben wir auf einem Melkschemel dicht an der Kuh gesessen, den Kopf in ihre Flanke gestützt, Hände am Euter oder am Milchgeschirr der Kuh, die angekettet im Stall stand – im Winter standen sie fünf oder sechs Monate am selben Fleck. Wenn die Kuh ausgemolken war und wir den Deckel mit dem Pulsator, der den rhythmisch pulsierenden Sog für das Melken produzierte, auf einen zweiten Eimer gesetzt, die nächste Kuh per Hand angemolken und ihr das Sauggeschirr angelegt hatten, griffen wir den vollen Eimer und eilten mit der Milch durch den Mistgang zur Milchkammer, hoben den Eimer hoch, schütteten die Milch durch ein Sieb in die Kanne, eilten zurück, passten auf, im Gang nicht in der Jauche auszurutschen. Und immer so weiter, bis die zehn, später zwanzig und dreißig Kühe ausgemolken waren.

Jetzt wird die Milch direkt vom Euter durch ein Rohrsystem zum Tank geführt. Es herrscht große Sorgfalt im Schutz gegen Bakterien. Am Ende des Melkvorgangs wird das Euter wieder mit einer desinfizierenden Lösung besprüht. Dann öffnet Waldemar per Seilzug das vordere Gatter des Stands, während sich schon das hintere Gatter öffnet, um die nächste einzulassen. Wie mein Bruder und seine Frau hin- und hergehen in der Grube – und ich sie möglichst nicht störe –, ihr Alles-im-Blick-Haben, ihre Handbewegungen, das ist schnell, effizient, tänzerisch elegant trotz der Störungen. Eine Kuh schlägt das Geschirr mehrmals ab, bei einer anderen Kuh hängt das Geschirr zu tief und muss abgestützt werden, genau in diesem Moment aber rutscht das stützende Holz- oder Plastikstück heraus und das Geschirr fällt zu Boden, die nervöse Kuh tritt darauf. Da bewährt sich, was alle, die mit Tieren arbeiten, gelernt haben: Abstand halten, langsame Bewegungen, eine ruhige Stimme, klare Gesten des Beruhigens oder Leitens. Es ist, als ob sich das gemächliche Tempo dieser großen Tiere auf die Menschen, die mit ihnen arbeiten, übertragen hat. Ich erkenne wieder, was ich als Kind selbst gelernt habe. Das ist geblieben.

Nach einer Weile sehe ich dann vom Futtergang aus zu, was die Tiere tun, wenn sie vom Melken kommen. Viele gehen erst einmal zur Tränke und trinken in großen Schlucken. Manch eine geht auch gleich zum Futtertisch und guckt, ob da inzwischen frisches Futter liegt, oder sie spaziert mit ihrem Transponder um den Hals zur Ausgabestelle für das Kraftfutter und probiert, ob ihr der Apparat nach sekundenschnellem Einlesen ihrer Kennziffer vielleicht Nahrung zuteilt; in diesem, dem sogenannten konventionellen Melkstand wird kein Futter beim Melken ausgegeben. Eine andere tritt vielleicht unter eine der großen Bürsten, die von der Stalldecke herabhängen, und lässt sich durch ihr Darunterhergehen den Rücken und die Flanken bürsten; die Nächste zieht es zum Mineralsalz eines Lecksteins, den sie mit kräftiger Zunge bearbeitet. Und manche sucht sich eine Freundin – alle ranggleichen Kühe sind Freundinnen –, deren Hals oder Kopf sie beleckt oder sich von ihr belecken lässt.

Ich finde es schwierig, dabei zuzusehen, ohne selbst die Hände zu rühren, während Waldemar, Anna und Sohn Hannes auf ihren Arbeitsgängen vorbeieilen – Kälber tränken, Kühe melken, Jungrinder füttern.

Waldemar hat schlechte Laune. Nach dem Melken sitzen wir am Frühstückstisch, er liest in der Zeitung. Wütend macht ihn nicht, dass sie vor dem Kaffee schon zwei Stunden gearbeitet und das Vieh besorgt haben und dass dies trotz Melkroboter schon wieder gut zwei Stunden dauert, weil viele Stärken* aus der eigenen Nachzucht, also Erstkalbende hinzugekommen sind, die Herde gewachsen ist und damit auch die Menge der zu fütternden Kälber. Das ist ja, was er gewollt hat: Wachstum. Die höhere Arbeitslast ist nur die logische Folge.

Mein Bruder nimmt das Brot aus dem Toaster, legt sich eine Scheibe auf sein Brett, wirft die andere mit zu viel Schwung auf den Brotteller in der Mitte des Tischs. Sie fällt daneben. Meine Schwägerin und ich sehen uns schweigend an. Ich nehme die Scheibe, Anna schenkt ihm Kaffee in den hingehaltenen Becher.

Wir kauen, trinken Kaffee, reichen uns dies und das.

Ich lobe die Kürbismarmelade.

Anna erzählt, dass eine ihrer Töchter ihr einen großen Topf mit schon geschnittenem Kürbis gebracht hat. Den musste sie sofort verarbeiten, und da hat sie eben Marmelade gekocht. Ich bewundere, wie sie sich immer wieder etwas Neues einfallen lässt. Auch das weiche, gelbliche Kürbisbrot war ein Erfolg.

»Na«, sage ich nach einer Weile, »wo drückt der Schuh?«

Waldemar schnaubt nur: »Frag lieber, wo er nicht drückt.« Dann liest er weiter die Zeitung. Schließlich schiebt er sie mir hin. »Lies selbst«, sagt er.

Es sollen in Niedersachsen neue Feuchtgebiete geschaffen werden, Moore renaturiert. Das Wasser soll wieder die Weideflächen erobern dürfen – zum Nutzen der Artenvielfalt von Flora und Fauna.

Die Zeitung berichtet von heftigen Diskussionen. Es werden die Argumente von Befürwortern und Gegnern wiedergegeben. Aber sie nimmt nicht Partei für die Bauern. In einer Gegend wie dieser, die derartig von der Landwirtschaft geprägt ist, wundert mich das.

Aber als ich das sage, blickt mein Bruder mich nur verärgert an.

»Was denkst du denn? Wo lebst du? Wir sind doch in den Dörfern längst eine Minderheit. Auch auf dem Land fühlen sich die meisten durch uns nur gestört – durch unsere schweren Maschinen auf den Dorfstraßen, die man nicht überholen kann, durch den Gestank der Tiere, die nun mal Mist machen, durch unsere Silagehaufen*, auf denen so hässliche alte Gummireifen liegen, durch den Mais, der hier steht statt des hübschen Roggens und der Rüben von früher …«

Er winkt ab und steht auf. Im Weggehen sagt er: »Hauptsache, eure Kühlschränke sind voll.«

Dann ist er draußen.

Am nächsten Morgen, es war mein letzter, versuchte ich noch einmal, meinen Bruder Waldemar zum Helden für meine Geschichte zu machen. Ich fragte ihn, aber er hat nur gesagt: »Das interessiert doch sowieso keinen Menschen.« Dann hat er den Kopf geschüttelt, ist aufgestanden, hat seiner Frau gesagt, auf welchem Feld er jetzt arbeiten und wann er zum Mittagessen zurück sein wird, hat im Gehen sein Handy auf Nachrichten überprüft, im Flur seine Stiefel angezogen und weg war er. Mit ihm ist auch mein Neffe Hannes aufgestanden und hinausgegangen.

Als ich noch ein Kind war, endeten Gespräche bei uns auch schon so. Dass unser Vater aufstand und zurück an die Arbeit ging, in den Stall oder aufs Feld.

Reden nützt sowieso nichts, war Teil der Botschaft. Der andere Teil war, dass die Arbeit nicht von allein fertig wird, und dass man, je eher man anfing, desto eher mit ihr fertig sein würde. Obwohl die Arbeit eigentlich nie fertig wurde. Aber darüber konnte und wollte keiner nachdenken. Das hätte ja auch nichts genützt.

Mit meiner Schwägerin räumte ich den Frühstückstisch ab. Sie fuhr mich zum Bahnhof und ich kehrte zurück in die Stadt.

* Worte, die mit einem Sternchen* gekennzeichnet sind, werden im Glossar ab S. 471 erklärt.

2. KAPITEL

DAMALS

Warum ein Bauer aus der Stadt einen Hofsuchte. Ankunft am Ende der Welt. Das Gesetz der Moorbauern.

MEIN VATER HAT EINE ERKUNDUNGSFAHRT GEMACHT, fuhr mit dem Zug vom Niederrhein nach Norden, in den 1950er-Jahren. Es ist eine Fahrt, bei der man lange vor der Ankunft denkt, man müsste gleich schon die Küste erreicht haben. Denn die Flachheit des Landes scheint immer dringlicher in etwas anderes überzugehen, das Grün der Felder sich in die Bläue des Meeres verwandeln zu wollen, der weite Himmel sich schon über ein großes Wasser zu erstrecken.

Ob er schon vorbeigefahren ist an der kleinen Bahnstation, hat er sich vielleicht gefragt. Und wenn er ein echter Reisender gewesen wäre, hätte er sich dann in dem Hafenstädtchen am Ende der Strecke einen Imbiss gesucht, frischen Fisch gegessen, aufs Meer geblickt, zu den Möwen hochgesehen und die Seeluft geatmet und dabei vielleicht ein Stück Zuhause empfunden? Denn er war einmal an der Ostsee zu Hause gewesen. Hier wäre es ohnehin nur die Nordsee gewesen und er war kein Reisender. Er war ein Bauer ohne Hof, der wieder ein Bauer mit Hof sein wollte und möglichst nahe am Meer. Er hatte die Bahnstation noch nicht verpasst. An den Zugfenstern zogen die Roggen-, Hafer- und Gerstenfelder vorüber, wurden immer mehr zu Wiesen und Weiden, auf denen Kühe, Pferde und Schafe grasten. Um die tief geduckten strohgedeckten Bauernhäuser mit ihren Ställen und Scheunen standen Erlen und Eichen, nebenan auf einer Wiese Apfel-, Birn- und Pflaumenbäume, vielleicht war auch einmal ein Kirschbaum dabei. Dazu passend große Scharen weißer Gänse, die mit ruckenden Bewegungen Gras rupften, Pferdeweiden in Sichtweite des Hauses, Schweine, die um die Ställe herum im Boden wühlten. Männer und Frauen und Kinder fuhren mit Treckern oder Pferden von den Höfen auf die Felder.

Inmitten der Felder einsame Baumgruppen, deren Kronen zu einem Schopf zusammengewachsen schienen, durch stetigen Wind ostwärts gekämmt. Vielleicht konnte mein Vater sogar vom Zug aus sehen, dass die Baumstämme auf der Wetterseite von dem dort anhaftenden Schleier aus Moosen und Flechten grün waren. Die Kopfweiden entlang der Gräben stehen seltsam still – als wären sie Menschen, die sich plötzlich in Bewegung setzen könnten.

Immer wieder tief liegende Gräben, viele schmal, einige sehr breit, grenzen sie die Höfe und Felder voneinander ab. Manchmal kann man die Höfe nur ahnen durch die an ihren Rändern wachsenden dichten Erlen oder Eichen. Die Felder liegen hier weit unterhalb des Straßenniveaus und erst recht unter dem der Bahntrasse. Sodass man als Betrachter über alles hinwegsehen, hinwegsegeln oder -schweben könnte.

Aber genau das konnte mein Vater nicht. Er musste sich, im Gegenteil, alles sehr genau ansehen und zu Hause berichten. Und eine Entscheidung treffen.

Dann war er endlich doch im Dorf angekommen, dem Dorf mit der schnurgeraden Straße, an der fast zwanzig gleich große Hofstellen lagen, in dem keine Kirche, aber eine Schule, ein Gasthaus und ein eigener Friedhof existierten. Der Makler hatte ihn vom Bahnhof abgeholt. Einer der Höfe steht zum Verkauf, der Hoferbe war im Krieg gefallen. Er ist heruntergekommen und billig zu haben, aber auch das Billige ging für meine Eltern nur mit einem staatlichen Kredit.

Immerhin gibt es eine Straße. Der Schotterweg, den sie ersetzt und der bei Regenwetter für Mensch und Vieh kaum zu begehen war, ist seit einem halben Jahr Vergangenheit. In den Gräben und Kanälen liegt manchmal noch ein flacher, breiter Kahn. Mein Vater lässt sich erklären, dass damit die Milch zur Molkerei und, wenn es schlimm kam, selbst die Bullen zum Verkauf und die Särge zum Friedhof gebracht werden mussten.

Die neue Straße ist auf eine hochgeschüttete Sandschneise gesetzt, große Betonplatten sind aneinandergelegt und mit schmalen Teerstreifen verbunden worden. Schnurgerade zieht sie sich zur Wettern hin, dem breiten Hauptgraben aus der Anfangszeit der Moorkolonisation. Dass ein Graben so heißt, bedeutet etwas. ›Wetter‹, das ist, wenn Regen die Felder und Weiden und Wege durchnässt und tagelang nicht aufhört, wenn starke Winde die Wolken von der Nordsee her in die Elbmündung und weiter ins flache Land treiben. Die Wettern sind Auffangbecken für das ständige Zuviel an Wasser.

Es ist Mai, als wir ankommen. Mein Vater ist wieder vorgefahren und empfängt uns, seine drei kleinen Kinder, Frau und Schwiegermutter. Eine lange Bahnfahrt, vorher das Packen und Einladen der wenigen Möbel aus einem dreijährigen Leben in der Stadt, einem Leben in der kleinen Mietwohnung eines Chemiehilfsarbeiters, als der mein Vater damals im Einwohnermeldeamt der niederrheinischen Stadt geführt wurde. Seinem eigenen Verständnis nach war er Bauer, einer von jenen, die den ›Arbeiter- und Bauernstaat‹ verließen und über die innerdeutsche Grenze gegangen sind, weil ein Leben als Landwirt nach der Kollektivierung, wie er fand, dort nicht mehr möglich sein würde. Rügens Schönheit würde er sein Leben lang vermissen, mehr noch den schweren Ackerboden, den er von zu Hause gewöhnt war. Auf dem hatte man Weizen und Zuckerrüben anbauen können und Kühe fast nur wie nebenbei gehalten. Es war ein großer Hof, von dem er stammte, aber noch bevor er sein Erbe antreten konnte, war die Familie 1945 enteignet worden. In der Stadt am Niederrhein wollte man ihm dann nicht einmal mehr ein Fahrrad auf Kredit verkaufen. Das verblüffte ihn mehr, als dass es ihn ärgerte. Jetzt, in diesem Dorf an der Niederelbe, kommt es für ihn und seine Frau wieder auf etwas an. Sich als Bauern zu beweisen – im Moor, ohne gutes Ackerland, auf Grünland, in der Milchwirtschaft.

Die Familienerzählung berichtet vom Einzug. Meine eigene Erinnerung bringt nur eine Schubkarre voller kleiner Katzen hervor, ein unglaublicher Anblick für das vierjährige Stadtkind, dieses Kribbelkrabbel von getigerten, schwarz-weißen Fellchen mit niedlichen Mäulchen, aus denen es allerdings erschreckend spuckt, als ich sie anfassen möchte, und aus deren Pfötchen sehr spitze Krallen fahren. Überliefert ist, dass der erste Schritt meiner Mutter in die Wohnstube des Hauses begleitet wird von einem gefährlichen Knacken des Holzfußbodens, der dann beim zweiten oder dritten Schritt tatsächlich durchgebrochen ist – und meine Mutter hat natürlich das Gleichgewicht verloren, als der eine Fuß durch den morschen Boden im Nichts verschwand.

Feuchtigkeit, marode Mauern, Moder und Schimmel beherrschten das Haus – an dem von Anfang an bis heute immer wieder herumgebaut und -gebessert worden ist.

Der Anfang war im Mai 1957.

Wenn die Sonne schien, war es schön hier im Moor. Im Frühling wurden die Tage länger. Vor allem aber hatten wir Kinder, die wir an eine Zweizimmer-Neubauwohnung in der Stadt und einen Vater im Schichtdienst gewöhnt waren, plötzlich sehr viel Platz. Nicht mehr die Wohnung zählte, das Drinnen, sondern das Draußen, der Hof, die Scheune, der Stall.

Allerdings löste sich in dem winzigen Kinderzimmer, das keinen Ofen hatte und in dem ich mit meinen beiden Geschwistern schlief, vor Feuchtigkeit bald die Tapete von den Wänden. Es machte uns ein gewisses Vergnügen, in die von der Wand abstehenden Blasen zu stechen und an den dadurch entstehenden Fetzen noch ein wenig zu ziehen. Unter den sich verengenden oder verbreiternden Spuren der reißenden Tapete kamen viele Lagen Farbe und manchmal Muster zum Vorschein, die noch mit Rollen direkt auf die Wände gemalt worden sind.

Unsere Verwandtschaft fand, dass wir hier am Ende der Welt gelandet waren. Unser Vater sagte gerne lachend zu seinen Geschwistern, wenn sie uns besuchten: »Bei uns ist die Welt nicht mit Brettern vernagelt. Wir liegen schon auf der anderen Seite der Bretterwand, auf der die Nägel umgehämmert sind.«

Einmal besuchten uns Vater und Onkel meines Vaters, beides ehemals Bauern auf Rügen. Mein Vater nahm sie an einem regnerischen Vormittag mit zu einer Feldbegehung, wollte ihnen Dorf und Hof und Felder zeigen. Die schwarzen Gummistiefel, die sie dafür brauchten, standen bei uns im Flur. Für unsere Verwandten hatten wir sie in allen möglichen Größen griffbereit, denn ohne sie waren die verloren, versanken meist schon beim ersten Schritt aus dem Auto bis zu den Knöcheln im Matsch.

Nach Stunden kamen die Männer erschöpft und nass zurück. Während mein Vater noch die Milchkannen von der Straße holte, kamen die beiden Alten gleich ins Haus. Langsam zogen sie ihre Stiefel, die großen Mäntel und Jacken aus. Schweigend gingen sie in der Küche an meiner Mutter vorbei, die das Mittagessen warm hielt. Im Esszimmer stellten sie sich mit den Rücken an den mannshohen Kachelofen und wärmten sich. Dann sagte einer von ihnen kopfschüttelnd zum anderen: »Wi möten em ihrst noch dröchleggen.« Wir müssen ihn erst noch trockenlegen – die alten Männer den jungen Mann, wie ein Wickelkind. Nur dass es hier um die Entwässerung aller Ländereien ging. Durch ihren Pfeifen- und Zigarrenrauch hindurch lachten sie leise über ihren grimmigen Scherz.

Onkel Edu ist unser Nachbar zur Linken. Ich sehe ihn an einem frühen Sommerabend mit der hölzernen Trage – de Dracht – über der Schulter, rechts und links ist je eine Milchkanne eingehängt. Er geht zum Melken, seine vier oder fünf Kühe stehen auf der Weide vor dem Hof. Er trägt eine helle, sehr ausgebeulte Manchesterhose, eine ausgebleichte, hellgraue Drillichjacke und einen Hut. Ich laufe rüber zu ihm.

Darf ich zugucken?

Vielleicht habe ich auch gar nichts gesagt und bin nur stumm und ein paar Schritte Abstand haltend mit ihm zur Weide gegangen, wie Kinder auf dem Land das damals taten. Die Kannen sind noch leer und baumeln ein bisschen, und sie würden ihm gegen die Hüften schlagen, wenn er sie nicht mit seinen großen Händen an den Haken, mit denen sie an den Ketten hängen, ein wenig festhalten würde.

Na, min Deern.

Er trägt helle Holzschuhe. Es sind die normalen, nicht die schwarz lackierten mit dem üppigen weißen Schaffell, das sich von innen nach außen über den Span zieht. Die sind für gut. Diese hier, die er alltags anhat, sind reichlich ausgetreten, die Holzsohlen dünn geworden, sie klingen hell, vor allem auf der Betonstraße, die wir überqueren, um zu seinen Kühen zu gehen. Da weiß ich noch nicht, dass er selbst als Bürgermeister viele Jahre um den Bau dieser Straße gekämpft hat.

Am Rande der Weide hängt er die Kannen aus und legt die Trage ab, leise klirren dabei die dünnen Ketten. Dann legt er ein frisches, weißes Tuch zwischen zwei feine, runde Siebe und drückt sie zusammen in den Ausfluss des bauchigen, schüsselartigen Behälters, durch das die frische Milch in die Kannen gegossen wird. Ich muss mir alles genau angucken, denn bei uns ist es anders, wir melken mit der Melkmaschine und unsere Kühe werden zum Melken in den Stall geholt. Inzwischen habe ich keine Angst mehr vor ihnen, aber als die ersten beiden eigenen Kühe im Stall gestanden hatten und nach ihrer alten Herde brüllten, hatten meine Schwester und ich laut geschrien und waren rausgerannt.

Onkel Edu setzt das Sieb auf eine Kanne, nimmt einen umgestülpten Eimer, der zusammen mit dem Sieb unter einem weißen Tuch im Gras gelegen hat, er packt sich den Melkschemel, der nur ein Bein hat – unsere haben drei Beine –, und geht mit einem freundlichen Brummen auf eine der vier oder fünf Kühe zu. Dann setzt er sich mit seinem großen Erwachsenenhintern auf den kleinen Schemel sehr nahe an die erste Kuh, legt seinen Kopf in ihre Flanke, der Hut rutscht ihm dabei ein wenig in den Nacken, und beginnt zu melken. Zuerst klingt der Milchstrahl in dem noch leeren Eimer hell auf, aber bald ist genug Milch unten im Eimer und der Klang wird immer voller und dunkler, die Milch schäumt im Eimer auf.

Ich habe mich ein paar Schritte entfernt ins Gras gesetzt und einen Halm in den Mund genommen. Das habe ich mir bei Onkel Edu abgeguckt.

Er spricht anders mit den Kühen als unsere Eltern, wie sie hier sowieso ein anderes Platt sprechen, und ich lausche, um das Wort zu hören, das er sagt. Aber nur selten murmelt er beruhigend sein »Kischi, kischi, kischi«, wenn die Kuh ein Bein hebt oder sogar einfach weggeht. Dann erhebt er sich von seinem Schemel, den er im Aufstehen geschickt greift und aufnimmt, geht der Kuh nach, setzt sich wieder zu ihr, sagt ein bisschen vorwurfsvoll: »Wi sünd noch nich fardich«, und melkt weiter.

Aber meistens ist es dann nicht mehr viel Milch, die noch kommt, die Kuh hat schon gemerkt, dass er jetzt gleich fertig ist. Am Ende erhebt er sich, nimmt Melkeimer und Schemel in der Bewegung auf und gibt ihr einen leichten Klaps.

So, nu sünd wi fardich.

Ich stehe auch auf, vielleicht weil es sich so gehört, wenn ein Erwachsener aufsteht, vielleicht will ich auch nur genauer sehen, was als Nächstes passiert. Er gießt die Milch durch das Sieb in die Kanne und sieht mich belustigt an.

Na, kannst du auch schon melken?

Ich schüttele verlegen den Kopf.

Na, denn komm mal her.

Und er zeigt es mir bei der nächsten Kuh.

Das ist eine Ruhige, sagt er, die schlägt nicht – und er hält ihr leichthin den Schwanz fest, damit sie mir den nicht um die Ohren haut.

Drücken und ziehen gleichzeitig, sagt er. Mach man. Keine Angst, es tut ihr nicht weh. Nach einer Weile, in der ich mich erfolglos abmühe, sagt er: Mehr drücken als ziehen.

Endlich kommen ein paar Tropfen – aber den breiten Milchstrahl, den er gemolken hat, kriege ich mit meiner kleinen Hand nicht hin.

Na, lot mi man weller.

Er streicht der Kuh beruhigend über den Rücken, die jetzt doch ein paar Schritte weitergegangen ist und sich irritiert nach mir umgesehen hat.

Dann melkt er weiter.

Langsam drifte ich weg, gehe zurück zu unserem Hof.

Am Ende sehe ich ihn, inzwischen wieder von unserem Haus aus, wie er langsam mit der Last der beiden vollen Milchkannen an der Trage zurück zu seinem Hof geht.

Das Wichtigste hier sind die Nachbarn. Im Moor kam es darauf an, einander beizustehen. Kein Siedler erhob sich über den anderen, fast alle waren gleich arm.

»Was für ein Glück, dass wir hier gelandet sind«, sagte unser Vater immer.

Onkel Edu hatte beim Verkauf des Hofs an unsere Eltern mitgeholfen, er war hier der Bürgermeister. Zusammen mit dem Makler war er mit unserem Vater über den Hof und die Felder gegangen und hatte ihm alles gezeigt, die Gräben und Zäune, Kanäle, Wege und Deiche. Gesagt hat er dabei sicher nicht viel, das war nicht seine Art.

»Du müsst hölpen«, hat er vielleicht gesagt. Hier duzte man sich umstandslos. Und einander zu helfen, das war nicht ein irgendwie und manchmal und vielleicht Zur-Hand-Gehen. Vielmehr war es die Verpflichtung zur gegenseitigen Nachbarschaftshilfe. Das Gesetz der Moorbauern.

3. KAPITEL

MITTE 18. JAHRHUNDERT

Was die Schulchronik sagt und was sie verschweigt. Wem gehört das Moor? Als Torfstecher nach Holland.

WIR BEFINDEN UNS UNGEFÄHR IM JAHR 1750.

»Zigeuner« lebten in einer Erdhütte am nördlichen Rande unseres späteren Dorfs, so heißt es in der »Geschichte des Dorfs«, wie sie 1899 der Dorfschullehrer Offermann in seiner Schulchronik aufschrieb. Was seine Quelle war, verrät er uns nicht. Ich nehme an, es war das Hörensagen. Wie groß diese Gruppe angeblicher Zigeuner war, aus wie vielen Familien sie bestand, wie lange sie hier lebten – so nahe der Nordsee im Nirgendwo – und woher sie kamen, solche Fragen fallen nicht in die Zuständigkeit des Dorfchronisten. Vielleicht hatten sie beschlossen, sesshaft zu werden. Oder die Erdhütte inmitten eines weitläufigen, unbesiedelten Moores war nur ein Art Rückzugsort für sie, eine halbwegs feste Bleibe, von der aus sie ihren Geschäften nachgehen konnten, dem Pferdehandel, Messerschleifen, Kesselflicken, Korbflechten, vielleicht auch dem Warzenbesprechen und Wahrsagen.

Der Dorfchronist von damals hat sich zufriedengegeben mit dem, was amtliche Quellen über sie verzeichnet haben, und vermerkt, dass sie »wegen der Räubereien und Umtriebe« schließlich »zur Anzeige gebracht und amtsseitig vertrieben« wurden.

Jedenfalls begannen Besiedelung und Urbarmachung des Moores erst nach dieser Vertreibung. Der erste dokumentierte Bewohner war ein Däne namens Peter Wolderich – und ein Däne war er vielleicht nur, weil er von jenseits der Elbe kam, aus Holstein; alles nördlich von Pinneberg und gen Osten rüber zur Insel Fehmarn war dänisch. Peter Wolderich hatte die Fischereirechte des nahe gelegenen Stinstedter Sees gepachtet. Seine Moorhütte, Stall und Scheune sind auf der ersten Generalkarte der Gegend, nämlich die »Kurhannoversche Landesaufnahme von 1768«, eingezeichnet – als erste Feuerstelle und Anfang unseres Dorfs. Erst seit 1754 war überhaupt gerichtlich festgestellt worden, dass »die wilden Moore, soweit sie noch in heiler Haut liegen, der Landesherrschaft gebühren«. Zuvor hatten Bauern aus umliegenden Dörfern die Moore im Sommer, wenn es trocken genug war, als Viehweide genutzt.

Die Landesherrschaft, die sich jetzt hier im Norden die Moore sicherte, war das Kurfürstentum Hannover. In den Jahren der Moorkolonisation standen Fürsten an der Spitze, die gleichzeitig in Personalunion als Könige das britische Königreich regierten. Als noch absolutistische, aber doch schon aufgeklärte Monarchen dehnten sie ihre Macht aus und kolonisierten neues Land – draußen in der Welt waren es Nordamerika, Afrika und Asien, im Inneren des angestammten Fürstentums die Moore, Sümpfe und Heiden.

Als man Peter Wolderich den Kauf der gesamten Moorfläche anbot, konnte der den Kaufpreis nicht aufbringen, heißt es in den Dokumenten. Daraufhin habe die Obrigkeit die Urbarmachung durch eine Dorfgründung verfügt. Zwanzig Anbauern* sollten auf ebenso vielen, auf zwölf Hektar bemessenen Hofstellen angesetzt werden.

So wurde das Dorf ab 1783 zu einem Teil der seit zwanzig Jahren betriebenen Kolonisation der Moore nordöstlich von Bremen. Wolderich war im hiesigen Bachenbrucher1* Moor der Vorläufer aller Anbauer und schließlich selbst der erste von ihnen.

Auf seiner ursprünglichen Hofstelle werden durchgängig und bis in meine Kindheit hinein seine Nachfahren wirtschaften, sein Hof wird viele Jahre die größte, weil doppelte Siedlerstelle und reichste Landwirtschaft sein. Bis es am Ende das am stärksten heruntergekommene Anwesen ist, mit einem geizigen und streitsüchtigen alten Mann und seiner Schwester als letzten Bewohnern. Für uns Kinder war es nur noch ein unheimlicher Ort, ein einsames und unbelebtes Geisterhaus am Ende des Dorfs.

Warum aber sind die Heiden und Moore des Landes im 18. Jahrhundert mit so großem staatlichem Aufwand und über viele Jahrzehnte hin überhaupt besiedelt worden?

Warum sollte die ›heile Haut‹ der Moore angetastet werden, die Soden entfernt, das Land entwässert werden, warum der Torf gestochen und genügsame Getreidesorten angebaut, Vieh und Bienen gehalten, Bäume gepflanzt und, wo es möglich war, das Land sogar zu Ackerland gemacht werden?

Schon 1745 hatte Friedrich II. in seinem »Antimachiavell« geschrieben: »Die Stärke eines Staates beruht also nicht auf der Ausdehnung seiner Landesgrenzen, nicht auf dem Besitz einer weiten Einöde oder einer ungeheuren Wüste, sondern im Reichtum seiner Einwohner und ihrer Anzahl; darum liegt es im Interesse eines Herrschers, die Bevölkerungszahl zu heben und das Land zur Blüte zu bringen.« In seinem »Politischen Testament« fügte er zwanzig Jahre später hinzu: »Der erste Grundsatz, der allgemeinste und der wahrste ist der, dass die wahre Kraft des Staates in einer hohen Volkszahl liegt.«

Der Staat wollte mehr Menschen – als Steuerzahler und Soldaten. Und tatsächlich wuchs die Bevölkerung ständig. Aber ernähren konnte sie sich häufig nicht.

Besonders traf das auf die Landbevölkerung zu, denn weder das Land noch die Ernte gehörte den Bauern. Die grundbesitzenden Herrschaften forderten Abgaben, die teils noch in Naturalien, meist aber in barem Geld zu zahlen waren. Deshalb gingen im 18. Jahrhundert, sobald es Sommer wurde, immer mehr Männer aus Nordhannover als Wanderarbeiter nach Holland. Die Hollandgänger, wie man sie nannte, arbeiteten als Torfstecher2 und Deichbauern und als Mäher in der Heu- und Getreideernte. Die Arbeiten aber, die man Fremden überlässt, sind immer und überall die schwersten und schmutzigsten. Zu Hunderten und Tausenden zogen nordhannoversche Untertanen im späten Frühjahr los und kehrten erst im September, Oktober zurück. Sie machten das jahre- und jahrzehntelang. Und sie wurden nicht alt dabei. Denn nicht nur die schwersten Arbeiten hob man für sie auf, sondern auch die primitivsten Unterkünfte und das kärglichste Essen. Am Ende aber gab es Bargeld, und davon lebten sie, die Brinksitzer, Häuslinge und Heuerlinge, die nicht-erbenden Bauernsöhne, die sich als Knechte verdingen mussten. So ernährten sie ihre Frauen und Kinder, die, während die Männer fort waren, Hand- und Spanndienste auf den Höfen der Grundherren verrichteten und bei Erntearbeiten der größeren Bauern halfen. Andere Männer arbeiteten in den Häfen, fuhren zur See, gingen in der Saison auf Walfang nach Grönland – viele kamen nicht wieder. Bald wanderten viele nach Amerika aus.

Es war jedenfalls aus diesem Reservoir einer immer kurz vor dem Verhungern stehenden Bevölkerung, aus der sich die »Anbauer im Moor« rekrutierten. In den Akten dieser Zeit votierten die Räte und Amtsmänner für immer mehr Dorfgründungen. Sie schrieben, man wolle doch die Menschen lieber im eigenen Lande halten und ihre Arbeitskraft nutzen, auf dass der heimischen Wirtschaft aufgeholfen und die neuen Dörfer ihre Abgaben an die nordhannoversche Obrigkeit zahlen würden.

Das Projekt der Binnenkolonisation nannte man zu jener Zeit gut französisch die Peuplierung, was mit Ansiedlung ganz gut übersetzt ist. Das Wort Melioration stand für die Kultivierung des Bodens. Aber warum konnte sich die wachsende Bevölkerung nicht ernähren?

Was war der Stand des landwirtschaftlichen Wissens, der Theorie und der Praxis?

* Anmerkungen ab S. 463

4. KAPITEL

DAMALS

Aus einem Stall wird eine Kirche, dann ein Tanzsaal. Wie man im Winter auf Schlittschuhen überallhin kommt.

GLEICH IN EINEM UNSERER ERSTEN JAHRE IM DORF gab es eine Hochzeit in der Nachbarschaft zu feiern. Wi möt na hochtied – hieß es. Wir müssen zur Hochzeit. Fast das ganze Dorf ›musste‹, und zwar nicht nur feiern, sondern auch bei den Vorbereitungen helfen. Und nach der Trauung einen Umschlag mit Geld überreichen, einen festgelegten Betrag, der den Brautleuten ein großes Fest ermöglichte. Hundert oder sogar zweihundert Gäste waren üblich.

Meine Eltern lernten schnell. Mein Vater fuhr jetzt mit anderen Nachbarn gemeinsam ›Grünes holen‹, das heißt mit Pferd und Wagen in die noch übrig gebliebene Wildnis eines nahe gelegenen Moores, in dem immer noch Torf gegraben wurde. Dort schlugen sie junge Bäume und Gesträuch, luden alles auf den Wagen und tranken viel Schnaps dabei. Wenn die Männer heimkamen, hatten die Frauen des Dorfs meist das Melken schon besorgt, die Kälber getränkt und vielleicht mit dem alten Bauern, wenn es auf dem Hof einen gab, das Vieh gefüttert. Dann mussten sie ihre schwer angetrunkenen Männer ins Bett bringen. Auch das war für meine Mutter neu.

Am nächsten Tag banden die Frauen die Kränze. Meine Mutter ließ sich von den freundlichen Nachbarinnen in alles einführen. Sie trafen sich in der Diele des nächsten Nachbarn, einige brachten Butterkuchen mit, einen auf großen Blechen ausgerollten Hefeteig, der mit Mandeln und Zucker bestreut oder mit einem Zuckerguss und geschroteten Mandeln glasiert war. Der war schnell ›abgebackt‹ worden, so nannten sie kurze Backzeiten. Zum Kuchen tranken sie reichlich Kaffee, beredeten alle Neuigkeiten, natürlich auf Plattdeutsch, und später wurde Likör ausgeschenkt.

Währenddessen errichteten die Männer am Eingang des Hofs ein Tor aus Balken und Latten, das bekränzt werden musste. Alleine für diese Einfahrt hatten die Frauen schon mehrere Meter Kranz aus Tannenzweigen und Papierrosen gebunden, die Eingangstür des Hauses wurde mit einem frischen Laubkranz geschmückt. Dazu kam die fast zwei Meter lange Buchsbaumumkränzung für das Brautsofa – und ein heimlicher Kranz aus Disteln und Brennnesseln für das Brautbett, den irgendwer irgendwann am nächsten Abend unter die Bettdecke schmuggeln würde.

Wir Kinder liefen zwischen allem umher, den Blumen aus Krepppapier, Schleifen und Bändern, aßen zu viel Kuchen, von dem uns abends schlecht war, und freuten uns am Gelächter der Erwachsenen, auch wenn einige, wie meine Mutter, streng blieben mit uns.

Trauung, Hochzeitsessen und Tanz fanden am nächsten Tag allesamt auf der Diele im Haus des Bräutigams statt, unseres Nachbarn zur Rechten. Es war, wie damals noch alle Häuser hier, ein niedersächsisches Hallenhaus, der Giebel im typischen Fachwerkstil gehalten, weiß gestrichene Balken teilten das Mauerwerk in Fächer auf, und das große Dielentor, de Grotdör, war im selben Grün gestrichen wie die beiden kleineren Türen rechts und links, die auf die Viehgänge führten, links standen die Pferde und rechts die Kühe. Hoch bepackte Erntewagen mit Heu oder Stroh konnten von Pferden oder auch dann den ersten Traktoren direkt auf die Diele gezogen werden oder rückwärts hineinbugsiert. In der hohen Balkendecke gab es eine Luke, durch die Heu und Stroh nach oben auf den Boden zur Winterlagerung gepackt wurden. Von der Diele aus, die auch bei uns noch aus Lehm gestampft war, fütterte man das Vieh. Rechts und links verliefen die dafür auf einen gemauerten Sockel gesetzten Krippen, hinter denen die mit Ketten befestigten Kühe und Rinder und ein bisschen abgesondert davon die Pferde standen. Aber man hatte auch Holzwände über den Krippen angebracht. Und so konnten nach dem Melken und Füttern, und wenn alle Arbeit im Stall getan war, die schweren Klappen, die an den Krippen nach unten hingen wie offene Türen in ihren Angeln, angehoben und am oberen Rand mit Holzknebeln befestigt werden. Damit war dann die Diele ein Raum für sich geworden und das Vieh aus dem Blickfeld verschwunden, auch wenn man es dahinter während des Tanzes noch rumoren hörte.

Die Diele unseres Nachbarn ist für die Hochzeitsfeier jetzt zusätzlich mit einem Holzboden ausgelegt, und am Ende des so entstandenen Saals ist der Altar aufgebaut. Davor steht der Pastor.

Zum ersten Mal sehe ich einen Mann in einem langen schwarzen Kleid. Er hat einen weißen Kragen um und macht ein ernstes Gesicht. Während alle singen, muss ich vor dem Brautpaar Blumen streuend auf ihn zugehen. Kurz vor ihm soll ich nach rechts abbiegen. Aber das habe ich vergessen, ich bleibe stehen und blicke zu ihm hoch. Meine Mutter, die seitlich in den Kulissen steht, zieht mich zu sich.

Dann kniet das Brautpaar schon vor dem Pastor nieder. Man hat dicke Kissen auf den Holzboden gelegt, damit die gute Kleidung nicht beschmutzt wird. Und damit die Braut sich leichter wieder erheben kann, ohne ihr Kleid zu verziehen oder den langen Schleier einzureißen.

Auch das Paar ist ernst – und sehr jung, beide sind keine zwanzig Jahre alt. Die älteren Frauen weinen. Das ganze Dorf ist gekommen, ungefähr achtzig oder hundert Menschen stehen in der Diele, nur die engsten Verwandten sitzen. Es gibt kaum jemanden, der mit der Braut und dem Bräutigam nicht irgendwie verwandt oder verschwägert ist, außer uns und noch ein paar anderen Flüchtlingsfamilien.

Nach der Trauung wird noch einmal gesungen. Die Bläsergruppe des Schützenvereins spielt. Die Gemeinde singt: »So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich kann allein nicht gehen, nicht einen Schritt. Wo du wirst geh’n und stehen, da nimm mich mit.« Es ist mein erstes Kirchenlied. Ich singe und weine mit, vom Ernst der Worte und der Feierlichkeit der Gesichter überwältigt.

Endlich lächelt der Pastor nun doch und die Gäste rascheln und husten und schnauben kräftig in die Taschentücher. Dann stellen sie sich paarweise zum Gratulieren an und übergeben das Kuvert mit dem Geldgeschenk. Wer mit dem Brautpaar angestoßen hat – Schnaps für die Männer, Likör für die Frauen –, hilft beim Hereinschaffen der Stühle und Bänke. Die Frauen decken die Tische mit weißen Tüchern, tragen das Geschirr auf und legen das Besteck aus. Wir Kinder laufen zwischen ihnen herum und stören und werden irgendwann auf den Hof gescheucht. Da stehen einige Männer vor dem Dielentor, ein wenig steif in den ungewohnten Anzügen, redend und rauchend. Onkel Edu ist auch dabei und legt mir, als ich schüchtern an ihnen vorbeigehe, kurz seine harte Hand auf den Kopf. Na, min Deern.

Da bin ich verlegen und auch ein bisschen stolz, denn so gehöre ich jetzt etwas mehr dazu. Auch die anderen Männer gucken zu mir runter. Es kommt mir vor, dass ich keinen von ihnen kenne. Aber vielleicht liegt das auch nur an den Sonntagsanzügen. Während ich mich langsam entferne, höre ich, wie Onkel Edu den anderen erklärt, wer ich bin. De Lütte von denn Niegen. Die Kleine vom Neuen. Die Große ist meine Schwester.

Die Alten haben sich inzwischen auf die Bänke im Saal gesetzt und viele Kinder schliddern über den glatten Boden, hüpfen, rufen, rennen wild durch den Saal. Junge Männer fahren sich mit dem Zeigefinger in die Hemdkragen und lockern ein wenig die zu stramm gebundenen dünnen Schlipse. Eine der jungen Frauen, deren hoch toupiertes Haar ich schon von Weitem bewundert habe, hält sich mit einer Hand am Oberarm eines Mannes fest und hebt erst den einen und dann den anderen Fuß, um mit dem Gesicht über die rechte und dann die linke Schulter blickend zu prüfen, ob sie mit den Pfennigabsätzen ihrer Schuhe womöglich Dreck mit in den Saal gebracht hat. Die vor der Dielentür Stehenden reden und rauchen weiter, und wenn eine der Ehefrauen vorbeikommt, zieht sie ihrem Mann die Hand aus der Hosentasche, weil dies ein Festtag ist und sich nicht gehört – jedenfalls solange der Pastor noch da ist.

Wenn alle Tische und Bänke aufgebaut und die Tische gedeckt sind, nimmt das Brautpaar, wo eben noch der Altar gestanden hat, auf dem bekränzten Sofa Platz, die Brauteltern und der Pastor sitzen bei ihnen. Dann tragen die jungen Leute des Dorfs mit musikalischer Untermalung in schnellem Schritt und Gleichmarsch die Hadelner Hochzeitssuppe auf – große Schüsseln mit Rindsbrühe und Reis, kleinere mit Rosinen, dazu große Platten mit Rindfleisch. Meine Eltern werden aus dem Augenwinkel die Nachbarn beobachtet haben. Zuerst nahm man sich also ein großes Stück Fleisch und schnitt es im Suppenteller in Stücke, dann häufte man Reis drauf, streute Rosinen drüber, und als Letztes kam aus großen Kellen die mit kleinen, würzigen Fleischbällchen reichlich bestückte Brühe hinzu. Jeder mischte sich die Anteile nach seinem Geschmack, dazu gereicht wird Bier und Schnaps.

Wenn alle gesättigt sind, räumen die jungen Leute wieder ab – und der erste Tanz, zu dem die drei oder vier angeheuerten Musikanten aufspielen, gehört ihnen, noch vor dem Ehrentanz des Brautpaars.

Alles das mussten unsere Eltern kennenlernen und sich darin einfügen. Denn alles war neu für sie: die Menschen, ihre Haltungen und Gebräuche, von der Architektur – den strohbedachten Häusern und Ställen – bis zu den Gerichten – Hochzeitssuppe, Butterkuchen, aber auch Bratkartoffeln mit Rhabarberkompott zum Mittag. Vor allem aber der Grund und Boden für alles, die Landwirtschaft, die aus dieser Moorerde folgte, die Geräte, mit denen der Boden bearbeitet wurde, die Holzschuhe für Mensch und Tier – auch Pferden wurden im Moor Holzschuhe angeschnallt, damit sie nicht so tief einsanken. Dazu kam die Sprache, das andere Plattdeutsch, das hier gesprochen wurde und das ihnen völlig unbekannte Wörter enthielt. Dass ein Escher ein Spaten bedeutete und ein Leuwagen ein Besen – wer konnte das ahnen?

Am schwierigsten aber war es, sich an das viele Wasser zu gewöhnen. Man musste die verschiedenen Namen der Gräben lernen, die als kleine Gräben Grüppen hießen, auf der Grenze zum Nachbarn waren sie Grenzgräben, und der besonders breite und tiefe Graben, der durch das ganze Dorf führte, nannte sich, wie gesagt, die Wettern, ausgesprochen »Weddern«, »de Weddern«. Dazu gab es noch Kanäle und Vorfluter. Und den Hadler Kanal, der war der größte und schon etwas weiter weg.

Die Wettern war die Grenze des Hofs zur Straße, zum Dorf. Von der Straße aus, die parallel zur Wettern lag, führten kleine Brücken zu den Höfen. Sie waren zwischen Dorf und Hof die Übergänge für Mensch und Tier. Dicke hölzerne Pfähle, in deren Angeln die beiden Flügel der Pforte hingen, standen links und rechts an der Wettern. Sie waren weiß gestrichen, und wer Vieh durchs Dorf trieb, ließ gerne eines der Kinder vorauslaufen, das die Pforten schloss, damit die Rinder oder Schweine oder Schafe nicht auf die Nachbarhöfe liefen. Sonst waren sie selten tagsüber geschlossen, und bei uns fehlte von Anfang an der linke Pfortenflügel. Der rechte hing, dadurch sinnlos geworden, noch lange an dem bald schon gänzlich seitwärts geneigten Pfahl. Nie kam unser Vater dazu, ihn zu reparieren oder abzubauen, und einen Altenteiler, einen Opa, der sich mit solchen Reparaturarbeiten hätte beschäftigen können, hatten wir nicht. Es dauerte nicht sehr lange, bis auch der Rest der Pforte verschwand. Nur der Pfahl auf der rechten Seite mit seinen rostigen Angeln stand noch ein paar Jahre lang da. Immerhin markierte er fürs Auge die Begrenzung der Überfahrt. Denn im Sommer setzte an den Rändern der Wettern ein so üppiges Pflanzenwachstum ein, dass das Gras, die Brennnesseln und Brombeerbüsche bis ins Wasser hineinhingen. Man musste lernen zu erkennen, wo vermutlich noch fester Boden war und ab wann man gleich schon durch das Gebüsch mitsamt den abbrechenden Grassoden ins Wasser rutschen würde.

Vor allem unsere Mutter müssen die vielen Gräben geängstigt haben. Kleine Kinder konnten leicht hineinfallen und vom tiefschwarzen Wasser verschlungen werden, ohne dass es einer bemerkte.

Neben der Brücke über die Wettern gab es unten am Wasser eine flache Stelle, wo offenbar durch viele Fuhren Sand eine Zugangsstelle entstanden war. Unser Vater trug oder fuhr die diversen Geräte und Wagen dort nahe heran, holte mit einem Eimer braunes, mooriges Wasser aus der Wettern und übergoss, was zu säubern war, schrubbte mit dem Besen und spülte eimerweise nach. Ich staunte jedes Mal, dass der Mist- und der Düngerstreuer, dass die Schaufeln, Spaten und Hacken nach dem Waschen mit so einem schwarzen Wasser wirklich sauberer waren und sogar glänzen konnten, und die eisernen Gitterräder, die manchmal zur Verdoppelung der Radfläche an die großen Hinterräder des Treckers geschraubt wurden, zeigten dann Spuren ihrer ursprünglichen Rotlackierung.

Bei Regenwetter war der kleine matschige Strand völlig aufgeweicht. So oder so diente er unseren Entenmüttern als Zugang, wenn sie im Frühjahr ihre frisch ausgebrüteten Küken zum Wasser führten. Und wir Kinder spielten dort gerne mit Matsch und Wasser – obwohl es an Matsch und Wasser an keiner Stelle des Hofes fehlte. Da setzten wir dann kleine Boote aus Baumrinde oder auch Löwenzahnkränze aufs Wasser, sahen sie wegschwimmen und versinken.

In den ersten Jahren existierte noch ein weiteres Spiel. In den Wettern lagen nämlich Baumstämme, die als Bauholz zum Härten gewässert wurden. Die Stämme waren entastet, besaßen aber noch ihre Rinde, auf deren mal trocken-bröckeliger, mal glitschig-nasser Oberfläche wir entlangbalancierten, barfuß, in Schuhen oder Gummistiefeln. Oft lagen mehrere Stämme so dicht nebeneinander, dass sie sich nicht rührten, wenn wir auf ihnen entlangspazierten. Manchmal aber drehte sich auch ein Stamm um seine eigene Achse und ein Kinderfuß konnte da leicht abrutschen oder das ganze Bein zwischen den Stämmen im moorigen Nass verschwinden. Wenn einer von uns dann ›einen nassen Fuß‹ bekommen hatte und auf Nachfragen, wie das passiert war, mit der Wahrheit rausrückte, stellte unsere Mutter uns aufgebracht vor Augen, dass man auf diese Weise zwischen den Stämmen abrutschen könnte und sich nicht ohne Weiteres