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Du willst ihn lieben, obwohl er für dich tabu ist. Als Mia nach knapp vier Jahren wieder auf Julian trifft, löst diese Begegnung Gefühle aus, die sie über die Jahre versuchte zu verdrängen. Mia weiß, dass sie sich von ihm fern halten muss, denn Julian ist der Ex-Freund ihrer älteren Schwester Lydia. Doch sie kann es nicht. Je mehr Zeit die beiden miteinander verbringen, desto klarer wird, dass Mia nicht gegen ihre Gefühle ankämpfen kann. Julian zieht sie magisch an und löst etwas in ihr aus, das sie so noch nie gespürt hat. Hin- und hergerissen zwischen den Gefühlen füreinander und dem schlechten Gewissen gegenüber Lydia, kommen die beiden sich näher und verlieren sich. Mia weiß, dass sie schnellstmöglich eine Entscheidung treffen muss, wenn sie ihrer Schwester nicht mehr als nötig wehtun möchte. Doch dass sie diese Entscheidung nicht allein treffen darf, das ahnt sie nicht …
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2022
Impressum neobooks
Julian
IVE BANKS
Erotischer Kurzroman
HINWEIS: Bei diesem Roman handelt es sich um eine Neuauflage, keine Neuerscheinung. Der Roman erschien 2016 unter meinem Klarnamen. Dieses Werk ist reine Fiktion. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie Schauplätzen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Alle darin beschriebenen Vorkommnisse sind frei erfunden.
2. Auflage
Copyright © Ive Banks, Mai 2020
Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren, Vervielfältigen und Weitergabe sind nur zu privaten Zwecken erlaubt. Der Weiterverkauf des eBooks ist ausdrücklich untersagt. Der Abdruck des Textes, auch nur in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.
Korrektur: KKB - Lektorat und Korrektur
Coverbild © Ive Banks
Coverfotos: © SashaKhalabuzar, www.depositphotos.com
Prolog
Mia
Ich war eine Betrügerin. Eine hinterhältige, verlogene Betrügerin!
Ich konnte mich nicht mehr im Spiegel ansehen, konnte den Menschen, die ich liebte, nicht mehr unter die Augen treten, weil ich diesen einen schrecklichen Fehler begangen hatte. Mehrfach!
Ich hatte mich von Gefühlen leiten lassen, die mir schon immer verboten gewesen waren, hatte mich in eine Welt aus Leidenschaft und Lust entführen lassen, die mir nicht gehörte. In kurzer Zeit hatte ich mir alles geschnappt, was mir nicht zustand. Rücksichtslos, unberechenbar.
Schwer atmend lehnte ich mich über das massive Steingeländer der Brücke und starrte in die Dunkelheit. Mein Herz raste und drohte mir aus der Brust zu springen. Tränen der Verzweiflung und des Hasses auf mich selbst liefen über meine Wangen und tropften hinunter in das Wasser der Elbe, die sich in der Dunkelheit vor mir verbarg.
Ich war allein, zurückgestoßen von den Menschen, die mir alles bedeuteten. Erinnerungen schossen in meinen Kopf, an eine Zeit, in der noch alles in Ordnung war. Eine Zeit, in der ich keine Probleme machte.
Ich hasste mich, weil ich schwach war. Weil ich eine Lügnerin war. Weil ich mich in einen Mann verliebte, der mir nicht gehörte.
Eins
Julian
Drei Wochen zuvor
Ich rieb mir die Stirn und las die Unterlagen vor mir immer und immer wieder durch. Langsam verließ mich meine Konzentration. Zur Hölle mit der Abrechnung. Die würde ich auch noch morgen fertigmachen können.
Gerade als ich die Unterlagen zu einem ordentlichen Stapel zusammenräumte, klopfte es an meiner Bürotür und mein älterer Bruder Niklas betrat den Raum.
»Um Gottes willen siehst du scheiße aus. Wo hast du die Nacht dieses Mal verbracht?«, fragte er mich und ich verdrehte genervt die Augen. Niklas nahm auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch Platz.
»In meinem eigenen Bett. Allein. So wie alle anderen Nächte zuvor auch.« Seit meine Ex-Freundin Lydia mich vor drei Monaten verlassen hatte, waren meine drei Brüder der festen Überzeugung, ich würde mein neu erworbenes Single-Dasein so richtig auskosten. Party jeden Abend, viel Alkohol und an jedem Finger eine Frau. Anfangs hatte ich sie in dem Glauben gelassen, doch mittlerweile nervte es mich einfach nur noch. Lydia und ich waren vier Jahre lang ein Paar gewesen. Ein eingespieltes Team, das alles miteinander geteilt hatte. Jede Freude, jeden Verlust. Wie sollte ich das innerhalb von drei lächerlichen Monaten vergessen können? Ich hatte noch nie zu den Männern gehört, die sich nach einer gescheiterten Beziehung sofort mit einer anderen Frau trösteten. So war ich nicht und so würde ich auch in Zukunft nicht werden. »Bist du nur hier, um zu erfahren, wie ich meinen Abend verbracht habe, oder wolltest du etwas Wichtiges?«
»Eigentlich bin ich hier, um zu fragen, ob du mit der Abrechnung durch bist. Aber wenn ich dich so ansehe, bezweifle ich das.«
»Ich kümmere mich morgen darum. Sonst noch was?«
»Ja, Vater lässt fragen, ob du morgen zur Eröffnung des Modehauses in Begleitung erscheinst?« Mein Bruder lehnte sich lässig zurück und wartete auf meine Antwort. Niklas und ich arbeiteten in der Marketingfirma unserer Eltern, die wir zusammen mit unseren beiden jüngeren Brüdern Fynn und Jonah irgendwann übernehmen sollten. Im Gegensatz zu Niklas und mir hatten die beiden daran allerdings noch keinen Gefallen gefunden.
»Sind wir gezwungen, dort zu erscheinen?«, fragte ich und überlegte, ob ich den morgigen Abend nicht doch lieber mit einem Glas Whiskey auf der Couch verbringen sollte.
»Keine Chance, Julian. Im Augenblick gehört das Modehaus »Cardillio« zu unseren größten Auftraggebern. Wir haben bereits Werbeverträge für das nächste Jahr unterzeichnet.« Ja, das wusste ich sehr wohl. Das Label, das sowohl hochwertige Frauen- als auch Männermode entwarf, hatte bereits seit Jahren in Italien und Frankreich große Erfolge zu verzeichnen. Letztes Jahr waren Filialen in Berlin, Köln und Hamburg entstanden. Dieses Jahr folgten die Eröffnungen in München, Frankfurt am Main, sowie hier in Dresden. Weitere Standorte waren, soviel ich wusste, ebenfalls in Planung.
»Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig«, seufzte ich und trank mein Wasserglas leer.
»Also, was soll ich Vater ausrichten? Allein oder in Begleitung?«
»Was für eine dumme Frage«, fauchte ich und zog meine Anzugjacke vom Stuhl. Ich wollte gerade aus dem Büro stürmen, da hielt Niklas mich noch einmal auf.
»Bevor ich es vergesse. Du musst unsere Anzüge und Moms Kleid noch im Modehaus abholen. Ich schaffe es leider nicht.«
Auch das noch. Als wäre dieser Tag nicht schon nervig genug, durfte ich nun auch noch den Laufburschen für meinen Bruder spielen.
Ich fuhr mit dem Fahrstuhl in das Parkhaus des Bürogebäudes, das im Zentrum von Dresden lag, und entriegelte die Türen meines weißen Audi A6. Eilig verließ ich das Parkhaus und fuhr auf direktem Weg zum Modehaus, das nur etwa zehn Minuten entfernt lag. Glücklicherweise fand ich direkt einen Parkplatz in der Nähe des Ladens und stieg aus. Ich atmete tief durch. Es war ein warmer Augusttag und die Sonne schien freundlich vom Himmel. Die Menschen eilten durch die Straßen der Einkaufspassage, um sich die besten Angebote im Sommerschlussverkauf zu sichern.
Schnell ging ich zur Haupttür des Modehauses und klopfte vorsichtig gegen die Scheibe, als ich einen Mitarbeiter durch die noch leeren Gänge eilen sah. Als er mich bemerkte, kam er sofort zu mir und öffnete die Tür.
»Entschuldigen Sie, wir haben noch nicht geöffnet«, erklärte er mir.
»Julian Wiesner. Die Firma meiner Eltern ist mit dem Marketing betraut. Ich wurde gebeten, die Anzüge und das Kleid meiner Mutter abzuholen.«
»Oh, Herr Wiesner, natürlich. Entschuldigen Sie, kommen Sie herein.« Er ließ mich ins Innere, wo es noch immer nach frischer Farbe roch. Ich sah mich um. Zwischen den Auslagen und Kleiderstangen für die Sachen, war bereits der Empfang für die morgige Eröffnung aufgebaut worden. Auf den Kleiderstangen hingen schon die ersten Kleidungsstücke, vor einigen Auslagentischen standen noch Kartons. Überall leuchteten freundliche und helle Farben, frische Blumen und stilvolle Dekorationen sorgten für kleine Farbtupfer und ein edles Ambiente.
»Herr Wiesner, wenn Sie sich bitte einen Augenblick gedulden würden. Eine Kollegin bringt Ihnen gleich die Anzüge und das Kleid Ihrer Mutter.« Ich nickte und der Mann wandte sich wieder seiner Arbeit zu.
Es dauerte nicht lange, bis ich das Klicken von High Heels hinter mir hörte. Mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen drehte ich mich um und erstarrte im gleichen Augenblick vor Schock.
»Mia?«, fragte ich fassungslos und sah die kleine Schwester meiner Ex-Freundin an. Fast vier Jahre war es her, dass ich Mia zuletzt gesehen hatte. Nach dem Abitur wollte sie gemeinsam mit ihrer besten Freundin die Welt erkunden. Also hatten sich die beiden einen Rucksack geschnappt und waren zuerst nach Paris gereist.
Aus der quirligen Neunzehnjährigen, die ich noch in Erinnerung hatte, war eine hübsche junge Frau geworden. Ihr langes, hellbraunes Haar trug sie offen und seidig glatt. Ihre braunen Augen waren weit aufgerissen und ihre vollen Lippen leicht geöffnet. Das liebliche Gesicht wirkte immer noch wie das einer Puppe. Mias Körper war längst nicht mehr so dünn und knochig. Sie hatte weibliche Rundungen, genau an den richtigen Stellen bekommen, die mich sofort schwer schlucken ließen. Ich kam nicht umhin, sie mit ihrer Schwester zu vergleichen, doch Mia war im Gegensatz zu Lydia ein ganz anderer Typ Frau. Mia war zurückhaltend und schüchtern, sie spielte nicht mit ihren Reizen. Sie war einfach das nette Mädchen von nebenan und nicht dieser zielstrebige Workaholic-Typ wie ihre Schwester.
»Julian ... hey«, sagte sie leise und wusste nicht, wie sie mit mir umgehen sollte. Es stand außer Frage, dass sie von der Trennung wusste. Sie reichte mir die Anzüge und das Kleid.
»Seit wann bist du wieder in Dresden?«, fragte ich sie und schenkte ihr ein Lächeln, das sie allerdings nicht erwiderte.
»Erst seit letztem Monat.« Sie sah unsicher zu Boden. »Hör mal, ich habe das mit der Trennung mitbekommen und ich finde es zum Kotzen, dass Lydia dich verlassen hat, nur weil sie auf so einem Selbstfindungstrip ist. Gestern hat sie aus Rom angerufen und vom Essen geschwärmt. Eat, Pray, Love sollte einigen Frauen wirklich verboten werden.« Ich musste lachen, obwohl der Situation wirklich nichts Witziges abzugewinnen war.
»Es zieht euch Dorn-Frauen nun einmal in die große, weite Welt.«
»Mit dem Unterschied, dass ich dafür nicht meine große Liebe verlassen habe«, seufzte sie und ich wurde nachdenklich. War Lydia tatsächlich meine große Liebe gewesen, beziehungsweise war ich wirklich ihre? Wäre es so gewesen, hätte sie doch nicht von heute auf morgen unsere Beziehung beendet, weil sie sich festgefahren gefühlt hatte. Ich verstand, dass sie noch etwas erleben wollte, doch hätten wir das nicht auch gemeinsam gekonnt?
»Tut mir leid, ich wollte dir damit nicht wehtun. Ich hatte nur das Gefühl, etwas sagen zu müssen«, sagte Mia schnell und sah mich entschuldigend an.
»Nein, schon in Ordnung.«
»Sie hat dich einfach nicht verdient«, fügte Mia noch leise hinzu und mir entging der seltsame Ausdruck in ihren Augen nicht. Sie wandte sich von mir ab und ich blickte ihr noch einen Moment nach. Ja, wahrscheinlich hatte Mia sogar recht.
Zwei
Mia
»Kann es sein, dass du heute irgendwie durch den Wind bist?«, fragte mich meine beste Freundin Anni, als ich mir schon zum zweiten Mal Milch in meinen Kaffee goss. Seit unserem Trip durch die Welt, waren wir ein eingespieltes Team und bemerkten sofort, wenn mit der anderen etwas nicht stimmte.
Anni war bereits letztes Jahr im September nach Dresden zurückgekehrt. Sie hatte die Zusage für ihr Studium bekommen und wollte genügend Zeit haben, sich darauf vorzubereiten. Anfangs wohnte sie wieder bei ihren Eltern. Nachdem aber feststand, dass auch ich zurückkommen würde, suchte sie uns eine Wohnung in Uninähe, die sich perfekt als WG eignete.
»Ich habe Julian gestern getroffen. Er kam ins Modehaus, um die Sachen für die Eröffnung abzuholen.«
»Julian Wiesner? Der Ex-Freund von deiner Schwester und Mister Sexy?« Anni zog die Augenbrauen wissend nach oben, bevor sie von ihrem Croissant abbiss.
»Können wir ihn bitte nicht Mister Sexy nennen?« Anni verschluckte sich fast an ihrem Kaffee, mit dem sie gerade versuchte, die Croissant-Krümel herunter zu spülen.
»Seid wann bist du so prüde? Du hast ihm diesen Namen selbst gegeben.« Ich verdrehte die Augen.
»Das ist vier Jahre her und vielleicht war ich geistig umnachtet.« Ich rührte meinen Joghurt um.
»Nein, du warst nicht geistig umnachtet, du warst in den Freund deiner Schwester verknallt. Wie alt ist er jetzt? Siebenundzwanzig … perfektes Alter. Gott, wenn er immer noch so aussieht wie früher ...« Anni seufzte verträumt.
»Anni, bitte! Er ist wegen der Trennung nicht besonders gut drauf. Und selbst wenn, ahne ich bereits, was du andeuten willst.«
»Ach, was will ich denn andeuten?« Anni lachte leise, doch ich schüttelte nur den Kopf.
»Ich werde mit dir nicht mehr über Julian sprechen, kapiert?«, sagte ich entschieden und löffelte stumm meinen Joghurt weiter.
»Nur weil du Angst hast, Herzchen.« Meine beste Freundin zwinkerte mir zu und schien dann erst zu begreifen, dass sie sich heute noch selbst davon überzeugen konnte, wie Julian nun aussah. »Hey, du hast gesagt, er hat die Sachen für die Eröffnung abgeholt? Das heißt, er ist heute Abend da?«
»Du bist eine echte Blitzmerkerin«, seufzte ich und stellte den Joghurtbecher zur Seite.
»Wenn du dich nicht ranhältst, schnappe ich ihn mir.« Anni zwinkerte mir zu und stand auf.
»Ich mache mich bestimmt nicht an den Ex-Freund meiner Schwester ran. Sie würde mich umbringen.«
»Dein Pech.« Anni küsste mich auf die Wange. »Bis heute Abend. Ich muss mir jetzt ein Outfit für die Eröffnung kaufen.« Und damit verschwand sie.
Manchmal fragte ich mich, was im Kopf meiner besten Freundin vor sich ging. Die Schwärmerei für den Ex-Freund meiner Schwester war Jahre her. Und auch, wenn Julian nach wie vor sehr gut aussah, würde ich ihm auf keinen Fall, zu nahe kommen. Ganz davon abgesehen, dass Julian ohnehin niemals Interesse an mir haben würde. Er konnte meine perfekte Schwester haben, was wollte er dann mit mir?
***
»Du siehst toll aus«, sagte ich an Anni gewandt, als sie zu mir ins Bad kam. Das blaue Cocktailkleid, das sie für die Eröffnung gekauft hatte, schmiegte sich perfekt an ihren zierlichen Körper. Außerdem betonte es ihre blonden, lockigen Haare und ihre blauen, dezent geschminkten Augen.
»Danke, du kannst dich aber auch sehen lassen.« Ich trug ein ausgefallenes Cocktailkleid mit schwarzem Rock, einem bronzefarbenen Bustier und weißen Blütenverzierungen aus Spitze, das mir das Modehaus zur Verfügung gestellt hatte. Meine Haare hatte ich elegant zur Seite geflochten, die braunen Augen hatte ich dunkel geschminkt und meine Lippen glänzten in einem hellen Nudeton.
»Danke«, erwiderte ich, als ich mir zwei zarte Blütenstecker in die Ohren steckte und kurz darauf ein dünnes Armband umlegte. Jetzt fehlte nur noch ein Hauch Parfüm und die schwarzen High Heels.
Keine fünfzehn Minuten später, machten Anni und ich uns auf den Weg. Wir wohnten in einer schönen Dreiraumwohnung in Dresden - Südvorstadt. Für Anni war es nur ein Katzensprung bis zur Technischen Universität und auch ich hatte es bis ins Stadtzentrum nicht weit.
Wir entschieden uns, mit der Straßenbahn zu fahren, auch wenn wir uns mit unseren Outfits leicht fehl am Platz fühlten. Nach kaum fünf Minuten endete die Fahrt auch schon für uns und wir gingen die letzten Meter zu Fuß. Von Weitem hörte man bereits die Musik, die aus den Außenlautsprechern vor dem Modehaus dröhnte.
»Bist du nervös?«, fragte mich Anni plötzlich und sah mich mit einem frechen Grinsen von der Seite an.
»Warum sollte ich nervös sein?« Ich legte die Stirn in leichte Falten.
»Wegen Mister Sexy, weswegen sonst.« Nun verdrehte ich die Augen. Ich hatte es beinahe den gesamten Tag erfolgreich geschafft, den Fakt zu verdrängen, dass Julian bei dieser Veranstaltung auch anwesend sein würde. Bis meine beste Freundin diesen fürchterlichen Spitznamen für ihn wieder ins Spiel brachte. Wenn ich ehrlich war, wusste ich nicht, wie ich überhaupt mit Julian umgehen sollte. Auf der einen Seite musste ich professionell bleiben, denn die Marketingfirma seiner Eltern kümmerte sich um die Werbung des Modehauses. Doch auf der anderen Seite hätte ich eigentlich Abstand zu ihm wahren müssen, schließlich war er der Ex-Freund meiner Schwester. Ich hätte mich ganz klar auf ihre Seite schlagen und ihre Entscheidung gutheißen müssen. Doch diesen Zug hatte ich schon gestern verpasst, als ich Julian sagte, sie hätte ihn nicht verdient. Dafür hätte ich mich selbst ohrfeigen können.
»Ich bin ganz bestimmt nicht nervös wegen ihm, weil ich ihm nämlich heute aus dem Weg gehen werde.«
»Natürlich«, sagte Anni ironisch.
Ich schüttelte seufzend den Kopf und wir betraten das Modehaus. Sofort bekamen wir ein Glas Sekt in die Hand gedrückt.
»Signorina Dorn.« Mein Chef, Francesco Cardillio, kam auf Anni und mich zu und gab mir prompt einen Handkuss. Es war ihm verziehen, weil er erst fünfunddreißig Jahre alt war und mit seinen dunklen Haaren, den ausdrucksstarken Augen und dem charismatischen Lächeln ganz annehmbar aussah. »Francesco Cardillio. Und Sie sind?« Er wandte sich an Anni, deren Hand er ebenfalls küsste.
»Anni Becker.«
»Sie sehen bezaubernd aus. Lassen Sie uns später miteinander sprechen, Signorina.« Nachdem er Anni mit einem weiteren Lächeln um den kleinen Finger gewickelt hatte, ging er wieder.
»Um Gottes willen, das ist dein Chef?«
»Ja, er ist der Sohn des Designers. Aus irgendeinem Grund wollte er unbedingt die Filialleitung hier in Dresden übernehmen.«
»Ist er Single?« Ich verschluckte mich beinahe an meinem Sekt. Das war doch jetzt nicht ihr Ernst?
»Ich habe keinen Schimmer.«
»Dann muss ich das wohl selbst herausfinden. Und hast du Mister Sexy schon entdeckt?« Ich atmete geräuschvoll aus.
»Anni, bitte!«, ermahnte ich sie, riskierte aber dennoch einen Blick, ob er nicht vielleicht schon anwesend war. Offenbar war er es nicht.
»Oh mein Gott!«, sagte Anni und schnappte plötzlich nach Luft. Als ich ihrem Blick folgte, wusste ich auch warum. »Verdammt, diese Familie hatte doch Sonderrechte am Genpool.«
Jennifer und Markus Wiesner traten mit ihren vier Söhnen durch die Eingangstür. Jennifer sah umwerfend aus in ihrem silbernen Kleid, das sich perfekt an ihren schlanken Körper anschmiegte. Die fünfzig Jahre und die vier Kinder sah man ihr keineswegs an. Neben ihr stand ihr Mann Markus, ein Geschäftsmann, wie er im Buche stand. Grau-meliertes Haar, ausdrucksstarke Augen und eine sportliche Figur, die ein schwarzer Anzug sehr gut kleidete. Er war ein Mann, auf den Frauen auch jetzt noch standen. Hinter den beiden tauchten die vier Brüder auf. Fynn war der Jüngste im Bunde, der mit seinen strubbeligen Haaren wahrscheinlich täglich mehrere Mädchenherzen brach. Jonah, der nach Julian geboren wurde, hatte mehr von Jennifer, als von ihrem Mann. Seine dunkelblonden Haare stachen, unter den ganzen dunklen Haarschöpfen ,heraus. Neben Jonah stand der älteste Sohn Niklas, der, wie ich wusste, so wie Julian bereits seit einigen Jahren in der Marketingfirma arbeitete. Und dann fiel mein Blick auf Julian und ein Lächeln umspielte unbemerkt meine Lippen. Er sah umwerfend aus. Man hatte ihm eine schwarze Anzughose, ein weißes Hemd und eine schwarze Weste herausgesucht. Sein dunkles Haar war nach hinten gestrichen und sah ein bisschen wirr aus. Seine eisblauen Augen stachen hervor. Plötzlich fand Julians Blick meinen, und er lächelte mir zu. Ich fühlte mich prompt ertappt, weil ich ihn angestarrt hatte, und senkte meinen Blick auf mein Sektglas.
»Verdammt, ich wusste es. Mister Sexy sieht noch besser aus, als vor vier Jahren.«
»Nenn ihn nicht so«, entfuhr es mir leicht panisch und ich trank mein Glas in einem Zug leer, als würde mir das irgendwie Mut verleihen.
