Befreiung und Wanderleben - Fanny Lewald - E-Book

Befreiung und Wanderleben E-Book

Fanny Lewald

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Beschreibung

Eine Frau um die Dreißig, unverheiratet, aus jüdischem Elternhaus – im Deutschland des 19. Jahrhunderts bedeutete das gesellschaftliche Unsichtbarkeit, bestenfalls mitleidiges Schweigen. Fanny Lewald wählt einen anderen Weg. Im dritten Band ihrer Autobiografie schildert sie mit scharfer Beobachtungsgabe und unbestechlicher Offenheit, wie aus der diffamierten "alten Jungfer" eine Schriftstellerin von Rang wird. Sie feiert erste Erfolge mit ihren Romanen, wächst ins literarische Milieu Berlins hinein und festigt ihren Ruf als Autorin. Dabei schließt sie Bekanntschaft mit Fanny Mendelssohn, Karl August Varnhagen von Ense, Therese von Bacheracht und anderen bedeutenden Persönlichkeiten der preußischen Gesellschaft. Doch Befreiung und Wanderleben ist mehr als eine Erfolgsgeschichte. Es ist das Zeugnis einer Frau, die sich nicht damit begnügt, einen Platz am Rand der Gesellschaft einzunehmen – sondern die beobachtet, reist, denkt und schreibt. Mit wachem Blick begegnet Lewald den Salons Berlins, den Debatten ihrer Zeit und den Widersprüchen einer Gesellschaft, die Frauen Bildung verweigert und Juden Bürgerrechte vorenthält. Ihre Begegnungen mit den alternden Salonièren der Aufklärungsepoche – jenen Frauen, die einst durch Geist und Bildung die Schranken des Kastengeistes durchbrochen hatten – werden zum Spiegel ihres eigenen Aufbruchs. Fanny Lewald schreibt so, wie sie lebt: ohne Sentimentalität, mit Haltung und Humor. Ihr Bericht ist literarisches Dokument und emanzipatorisches Manifest in einem – und heute so lesenswert wie eh.

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Seitenzahl: 456

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Befreiung und Wanderleben

 

FANNY LEWALD

 

 

 

 

 

 

 

 

Befreiung und Wanderleben, Fanny Lewald

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

 

ISBN: 9783988683267

 

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

 

Dieses Werk bzw. Inhalt und Zusammenstellung steht unter einer Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz. Die Details der Lizenz und zu der Weiterverwertung dieses Werks finden Sie unter http://creativecommons.org/licenses/

by/3.0/de/. Der Inhalt und die Zusammenstellung oder Teile davon wurden der TextGrid-Datenbank entnommen, wo der Inhalt und die Zusammenstellung oder Teile davon ebenfalls unter voriger Lizenz verfügbar sind. Eine bereits bestehende Allgemeinfreiheit der Texte bleibt von der Lizensierung unberührt.

 

 

INHALT:

1. Kapitel 1

2. Kapitel 13

3. Kapitel 19

4. Kapitel 27

5. Kapitel 37

6. Kapitel 51

7. Kapitel 69

8. Kapitel 79

9. Kapitel 97

10. Kapitel 110

11. Kapitel 114

12. Kapitel 122

13. Kapitel 131

14. Kapitel 138

15. Kapitel 152

16. Kapitel 160

17. Kapitel 173

18. Kapitel 178

19. Kapitel 187

20. Kapitel 194

21. Kapitel 203

22. Kapitel 211

23. Kapitel 217

24. Kapitel 224

25. Kapitel 228

 

1. Kapitel

 

Es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, und es giebt kaum irgend einen feierlichen Akt, der nicht sein komisches Zwischenspiel in sich erzeugte.

So war denn auch der frohen Erhebung jener ersten Stunde, in welcher ich über meine Zukunft entschied, gleich an demselben Tage eine sehr komische Niedergeschlagenheit und ein lächerlicher Vorgang gefolgt.

Mein Vater schickte mir, wahrscheinlich um mir ein Vergnügen zu machen, durch seinen Lehrling den Betrag meines ersten Honorars in harten Thalerstücken herauf, aber statt mich daran zu erfreuen, war es mir äußerst widerwärtig, das Geld zu nehmen. Auferzogen in einer Umgebung, in der alle Frauen es gewohnt waren, von ihren Männern oder Vätern versorgt und unterhalten zu werden, und sich vornehmer zu dünken, je reichlicher dieses geschah, kam ich, die doch seit Jahren gar kein höheres Verlangen als das nach Selbstständigkeit gehabt hatte, mir plötzlich wie herabgesetzt, wie aus meiner angestammten Kaste ausgestoßen vor, als ich mit diesen acht Thalern die Gewißheit vor mir hatte, daß ich von diesem Tage an beginnen werde, für Geld zu arbeiten, um mir mein  Brod einmal selber zu erwerben. Ich war ziemlich nahe daran, der Abwechslung wegen, in Thränen der Rührung darüber auszubrechen, daß ich nun endlich meinen Willen hatte. Das währte jedoch nicht lange, und die Ueberlegung, was ich mit diesem Gelde kaufen solle, nahm dann zunächst meinen Sinn in Anspruch.

Daß es nicht für mich zu verwenden sei, stand fest. Mein ältester Bruder hatte uns dafür das Beispiel gegeben, als er mit dem ersten Gelde, welches er als Auskultator oder Referendar verdient, den Eltern ein Paar silberne Serviettenbänder angeschafft, auf welchen das Datum und die Worte: »Die ersten Sporteln« eingegraben waren. Meinem Vater Etwas zu kaufen, war beinahe unmöglich, denn er hatte außer den Kleidern, die er trug, und außer einfacher Kost, durchaus keine persönliche Bedürfnisse. Er rauchte nicht, ein Schlafrock und ähnliche Bequemlichkeiten waren ihm damals, in seinem dreiundfünfzigsten Jahre, noch völlig fremd, da er von früh bis spät gleichmäßig angezogen blieb, was denn das Gute mit sich brachte, daß auch uns Allen jene üble Gewohnheit der Mittelstände, »sich in Negligé zu werfen«, ebenfalls fremd geblieben ist. Schmuck zu tragen, wäre ihm lächerlich erschienen, und bis wir sämmtlichen Kinder ihm einige Jahre vor seinem Tode einmal eine goldene Uhr und Kette zum Geburtstage schenkten, war seine alte silberne Uhr, da er den Trauring verloren hatte, das Einzige, was er über das Unentbehrliche hinaus besaß.

Ich hatte also nur die Möglichkeit, wie der Bruder es gethan, ein Stück in die Wirthschaft anzuschaffen; und   da unserer hübschen und reichlichen Silbereinrichtung zufällig ein Paar Messer zu Butter und Käse fehlten, von deren Kauf die Mutter oft als von einer gewissen Nothwendigkeit gesprochen hatte, so beschloß ich, ihr diese zum Geschenk zu machen.

Die Mutter wohnte noch in der Sommerwohnung, die sie schon über ein Jahr inne hatte. Der Tag, es war der vierte Juli, war außerordentlich heiß, trotzdem lief ich gleich am Vormittage, weil die Lust zu schenken mir keine Ruhe ließ, zu den verschiedenen Goldschmieden umher, und erlangte es denn auch, daß Herr Krickhahn, bei dem ich das mir Zusagende gefunden, mir die Chiffre meiner Mutter und das Datum des Tages bis um vier Uhr Nachmittags zu graviren versprach. Die Worte: »vom ersten Verdienste« darauf setzen zu lassen, mußte ich mir versagen, da kein Fremder dies wissen sollte, aber ich konnte die vierte Stunde kaum erwarten, und als mein Vater zum Kaffee kam, hatte ich ihm das gekaufte Silber mit großer Freude auf den Tisch gelegt.

Er nahm es mit der heitern Wärme auf, mit welcher ich es dargeboten hatte. Er scherzte darüber, daß seine Kinder ihm bald einen »Staatstresor« anschaffen wür den, wenn es so fortginge, und es verstand sich nun von selbst, daß ich mich gleich aufmachen sollte, der Mutter den Brief von August Lewald, mit all seinen guten Nachrichten und die beiden silbernen Messer als den ersten Ertrag meiner Arbeit auf die Hufen hinaus zu bringen.

Als ich nun eben auf den Wolm hinaustrat, um von Hause fortzugehen, kam eine Wursthändlerin, welche uns allwöchentlich mit den für den Thee nöthigen Würsten   versah. Es befand sich unter diesen eine Art frischer Leberwürste, welche meine Mutter besonders gern aß, und die im Sommer immer nur an dem Tage genießbar waren, an welchem man sie fabrizirte. Ich kaufte also von meinem Gelde, um mir nebenher noch einen Spaß zu machen, die größte dieser noch ganz warmen Würste, wickelte sie gut ein, und ging nun meines Weges.

Kaum aber war ich eine Strecke von Hause entfernt, und hatte die Krämerbrücke erreicht, so mußte ich warten, weil sie aufgezogen war. Während ich nun unter den andern Leuten dastand, kam ein kleiner Hund an mich heran, und es dauerte nicht lange, so folgte ihm ein großer. Ich hatte in jener Zeit, weil ich als kleines Kind einmal von einem Hunde gebissen worden war, den man für toll gehalten hatte, noch eine so unvernünftige Furcht vor Hunden, daß Geschichten über diese meine Angst zu den Lieblingsanekdoten der Familie gehörten, und auch jetzt befiel mich ein wahrer Schreck bei der Bemerkung, daß es die warme, stark nach Majoran duftende Wurst sei, welche mir die Hunde an die Seite lockte. Ich versuchte die Thiere mit den Falten meines Kleides, mit meinem Sonnenschirm, mit ergrimmten Blicken und mit dem barschen Zuruf: fort! von mir zu verscheuchen, es blieb Alles vergebens. Der Wurstgeruch wirkte mächtiger auf sie, als die so oft gepriesene Gewalt des menschlichen Blickes, und schon stand ich – da die erworbenen acht Thaler siebzehn Groschen mich sehr leicht in Bezug auf Geldausgaben denken ließen – auf dem Punkte, die Wurst, welche zehn Groschen gekostet hatte, dem ersten besten Armen zu geben, der mir in den Weg   kommen würde, als ich mir einen Akt der Selbstüberwindung aufzuerlegen beschloß, um meiner Mutter den kleinen Leckerbissen nicht zu entziehen.

So rasch ich konnte, schritt ich also, um nur je eher je lieber der Qual entledigt zu werden, die Steindammer Brücke in die Höhe, den langen im Sonnenbrande glühenden Steindamm entlang, im Voraus immer berechnend, und die Seite vermeidend, an welcher ein Schlächter wohnte, und von woher mir also wahrscheinlich ein Hund entgegenkommen konnte. Aber das half mir gar Nichts. Es schien mir in meiner Seelenangst, als ob an dem Tage alle Hunde der Stadt sich ein Rendezvous auf meinem Wege gegeben hätten. Hier wedelte ein Wachtelhündchen um mich herum, da stieg ein dicker Mops, denn es gab damals noch Möpse, wirkliche dicke Möpse mit schwarzen Nasen und glotzenden Augen, neben mir einher, dort sprang ein Köter über den Weg und folgte mir schnuppernd, daß ich, immer mehr in Furcht gejagt, immer schneller zuging, meine Wurst festhaltend, wie ein Fähnrich seine Fahne im ersten Kugelregen, bis ich denn, auf's Aeußerste erhitzt, mit dem Bewußtsein, aus Liebe etwas mir sehr Schweres gethan zu haben, und mit der Hoffnung, große Freude zu erregen und herzlich empfangen und bedankt zu werden, in der Sommerwohnung meiner Mutter landete.

Die Mutter und die Schwestern saßen unter den Pappeln vor dem Hause und vesperten. Meine Mutter hatte während ihrer Mittagsruhe nicht gut geschlafen, sie war ermattet aufgewacht und dadurch mißgestimmt. Ich packte, als ich das gewahrte, zuerst die Wurst aus, um   die Ueberraschungen zu steigern, erzählte lachend, wie es mir damit gegangen, und meine Mutter fragte, ob ich nicht irgend einen andern Gegenstand mitgebracht hätte, dessen sie in ihrer kleinen Haushaltung bedurfte, und den sie durch die Wirthstochter, welche in die Stadt gegangen, bei uns hatte bestellen lassen. Ich verneinte das, denn das junge Mädchen war noch gar nicht bei uns gewesen, als ich mich von Hause entfernt. Der Mutter war das unangenehm, und um dies gut zu machen, holte ich denn nun wirklich freudestrahlend meine beiden Messer hervor, denen, wie ich wähnte, denn in solchen Augenblicken wird Jeder wieder zum Kinde, gar nicht zu widerstehen war.

Leider hatte ich jedoch die Macht der Krankheit über den Sinn des Menschen nicht in Betracht gezogen. »Was ist das?« fragte meine Mutter gleichgültig. Ich sagte, das sei mein erster Verdienst. August Lewald ermuntere mich auf das Entschiedenste zu literarischer Arbeit, der Vater sei damit einverstanden; kurz ich brachte so schnell als möglich all meine Freuden an den Tag, und schloß damit, diese Messer als die Nachfolger der Serviettenbänder anzukündigen, wobei ich hervorhob, daß die Mutter sie ja schon lange zu besitzen gewünscht hätte. Sie mußte das aber offenbar in dem Augenblicke ganz vergessen haben, denn sie, die in guten und gesunden Tagen sich über eine Reihe Stecknadeln, die man ihr schenkte, wirklich freuen konnte, legte die Gabe, die ich so glücklich gewesen war, ihr bieten zu können, ohne dieselbe auch nur recht anzusehen, mit den Worten auf die Seite, daß das eine höchst unnütze Ausgabe sei, und daß ich mein Geld lieber hätte verwahren sollen.

  Zurückgewiesen und getadelt zu werden, wo man sich offenen Herzens liebevoll genaht, ist sehr empfindlich, und war es mir in diesem Augenblicke und grade von meiner Mutter um so mehr. Es schnürte mir den Hals zu, all meine Freude war mit einem Schlage vorüber, ich dachte: Du hast nun einmal kein Glück! – und es war sehr gut für mich, daß meine Schwestern erriethen, wie mir zu Muthe war, und mich mit ihrer Freude und ihrem Antheil für die mangelnde Theilnahme meiner Mutter zu entschädigen suchten.

Ich war ganz kleinlaut geworden, ganz zusammengedrückt, als mein Vater am Abende hinauskam. Seine Anwesenheit machte die Mutter ihre schweren Leiden und ihren Unmuth stets vergessen, und da sie sah, wie gut gelaunt er forderte, daß man, um mir ein Vergnügen zu machen, die Messer gleich einweihen solle, so fing nun auch die Mutter sich zu freuen an, die Geschwister waren beisammen und sehr munter, wir gingen in der Stube zu Tisch und befanden uns über irgend einen drolligen Vorgang in lautem Lachen, als Rath Crelinger unerwartet in das Zimmer trat, von unserm Lachen angesteckt, sich ebenfalls dazu hingerissen fühlte, und unsere Lachlust dadurch, daß er lachte, ohne zu wissen worüber, bis zu dem Grade steigerte, daß es den ganzen Abend zu gar keiner vernünftigen Erklärung kam, und wir danach sehr heiter, in bester Laune, und Alle sehr zufrieden mit einander in die Stadt zurückkehrten.

Als ich nun zu Hause vor dem Schlafengehen mein Mährchen zum ersten Male gedruckt vor Augen hatte, und es zu lesen begann, kam es mir verändert vor. Es  gefiel mir mehr und weniger als im Manuscripte. Es las sich besser, es klang vornehmer, nun es sich so glatt anhören ließ, aber es schien mir an Wärme und Leichtigkeit verloren zu haben. Ich wunderte mich, wo ich die guten Einfälle hergenommen – während ich in Briefen oft ernstere und durchdachtere Dinge geschrieben hatte, ohne mir irgend eine besondere Rechenschaft darüber zu geben oder gar mir ein Bewußtsein daraus zu machen – und wunderte mich ebenso, wo ich den Muth gefunden, diese Spielereien den Menschen zum Lesen anzubieten. Ich machte, ohne es zu wissen, die Erfahrung von der abtrennenden Wirkung, welche der Druck einer Arbeit auf das Verhältniß des Schreibers zu derselben ausübt, und es dämmerte mir dabei die erste Ahnung davon auf, daß man an jede Kunst bis zu einem gewissen Grade die Anforderungen machen muß, welche man an die Plastik stellt, mag diese einen erhabenen oder einen Gegenstand aus dem alltäglichen Leben zu ihrem Stoffe gewählt haben. Allem Bleibenden, allem Demjenigen, das in seiner gegenwärtigen Gestalt nicht mehr zu ändern ist, muß die strenge Festigkeit und Abgeschlossenheit des Monumentalen innewohnen, wenn es wohlthuend und zugleich überzeugend und zwingend auf uns wirken soll. Das sogenannte Natürliche, Unwillkürliche leidet darunter nicht. Es gewinnt im Gegentheil dadurch; denn in der Kunst wirkt nur Dasjenige als wahrhaft schöne Natürlichkeit, das durch die Kunst geläutert und, alles Zufälligen entkleidet, in verklärter Naturschönheit und Naturwahrheit vor uns hingestellt wird. Man hat daher vollkommen recht, von der plastischen Darstellung in Sprache und  Schrift zu sprechen, und die Parallele wird dadurch nur vervollständigt, daß der Stoff eine verschiedene Behandlungsweise erfordert, je nach dem Material, in welchem er zur Erscheinung gebracht werden soll. Die Schrift, der Druck und das gesprochene Wort haben ihre modifizirende Wirkung, aber es möchte nicht leicht sein, die Gesetze und Regeln dieser Verschiedenheit einem Menschen klar zu machen, der die angeborne Empfindung für dieselbe nicht in sich ausgebildet hat.

Je weniger mein kleines Mährchen mir genug that, um so mehr drängte es mich, etwas Besseres zu machen, und mir selbst in einer größern Arbeit die Ueberzeugung zu schaffen, daß ich leisten könne, was der Freund mir zu leisten zutraute. Um einen Stoff war ich nicht verlegen, und Muße hatte ich auch, denn es war schon seit mehreren Wochen abgeredet worden, daß ich mit dem Beginne des August zu meiner Mutter auf die Hufen hinausziehen, und meine älteste Schwester mich in der Stadt im Haushalte, den ich nun ein volles Jahr lang allein verwaltet hatte, ablösen sollte. Die Eltern hatten das meiner Gesundheit wegen so angeordnet, die schon seit lange nicht gut war. Ich sollte also frische Luft und Bewegung haben, und nun man mir Zeit für meine Arbeit gönnen wollte, wurde die Uebersiedelung nur um so schneller in's Werk gesetzt.

Im Ganzen machte der Entschluß, den ich für meine Zukunft gefaßt, auf die Meinen im ersten Momente einen lebhaftern Eindruck als ich erwartet hatte. Ich kam ihnen dadurch einige Tage lang fremd und verändert vor. Indeß das glich sich schnell wieder aus, Jeder sah sich das   gedruckte Mährchen an, Jeder fragte mich, was ich denn nun weiter machen würde, und damit war es abgethan, bis auf eine Menge freundlicher und wohlgemeinter Neckereien, und eine Folge von nicht endenden Projekten, in denen ich und die Schwestern uns gelegentlich um die Wette ergingen, und die alle darauf hinausliefen, daß ich mir einen Namen erwerben und daß es mir in der Welt sehr gut ergehen würde.

Sobald ich mich bei meiner Mutter eingerichtet hatte, machte ich mich an die Arbeit. Mir hatte oftmals vorgeschwebt, welches meine Lage geworden wäre, wenn man mich zu jener sogenannten Vernunftheirath überredet, und ich nachher den Geliebten wiedergesehen haben würde, und ich hatte mich dann oftmals mit der Frage beschäftigt, ob mein Pflichtgefühl stark genug gewesen sein würde, über meine Leidenschaft den Sieg davon zu tragen. Ich hatte mir eine Menge von Situationen erdacht, hatte das Für und das Wider nach allen Seiten hin erwogen, hatte mir bald einen verzweiflungsvollen Untergang, oft auch eine edle und sehr erhabene Entsagung ausgemalt, und da mein ganzer Sinn nach allen Richtungen darauf gestellt war, mich an das Nächste zu halten, so suchte ich auch jetzt nicht nach besondern Ereignissen, griff auch nicht in ferne Zeiten, oder vornehme Regionen hinüber, wie Anfänger das gern und meist zu ihrem Nachtheil thun: sondern ich hielt mich einfach an das, was ich genau kannte, an Menschen, an Charaktere, und an Verhältnisse, bei denen ich mich über keine Unwahrheit oder Unwahrscheinlichkeit mit jenem besänftigenden und beschönigenden »es könnte wohl so sein«, oder »es wird wohl   so sein« zu beruhigen vermochte, und so entstand denn der kleine Roman »Clementine«, den ich eben jetzt, nach langen Jahren, zum ersten Male wieder angesehen habe.

Denjenigen, welche ihn gelesen haben und sich seiner noch etwa erinnern sollten, brauche ich nun nicht mehr erst zu sagen, daß die Vorgänge und Figuren des Romans erfunden sind, und daß Nichts der Wirklichkeit entnommen ist, als der Gang meiner Gedan ken und die äußere Gestalt des Helden, in welcher ich mir das Bild Heinrich Simon's, wie er mit siebenundzwanzig Jahren ausgesehen, festzuhalten bemüht gewesen bin. Aber schwerer als dieses Unternehmen, mir die liebe Gestalt im Worte darzustellen, möchte es sein, die Erregung und das leidenschaftliche Glück zu schildern, womit das Arbeiten an dem kleinen Romane mich erfüllte.

Von Kindheit auf an eine regelmäßige Zeiteintheilung gewöhnt, hatte ich es mir gleich zum Gesetz gemacht, auch meine neue Thätigkeit dahin zu regeln, daß ich am Morgen, wenn ich fertig angezogen war, mich an die Arbeit setzte. Die Erkerstube, welche ich in der Sommerwohnung inne hatte, war dann noch nicht aufgeräumt, ich ging also mit meinem Schreibwesen in die Laube des kleinen bäuerlichen Gartens, und da saß ich nun die ganzen Morgen still für mich allein und schrieb und schrieb, mit einer so reinen und großen Freude, daß ich noch heute gern daran gedenke.

Die Sonne schien so warm durch die grünen Blätter, die Ranken des Geisblatt wiegten sich so leise auf und nieder, hier und da flog ein Vogel aus dem Grün empor, daß sein Schatten über mein Papier hinweg huschte, während   die Sonnenfunken – nicht eben zum Nutzen meiner Augen – darauf flimmerten und tanzten. Es war so mährchenhaft still und schön. Schöner aber noch und mährchenhafter dünkte mir die Welt der unsichtbaren Gestalten, die mich umgab. Diese Männer und Frauen, von deren Dasein Niemand wußte, die Niemand kannte als ich allein, die mir sammt und sonders sympathisch waren mit ihren Eigenschaften und Mängeln, die ich nur zu rufen brauchte, damit sie auf meinen Wink erschienen, die mir ihre Leiden und Freuden vertrauten, denen ich half und rieth, denen ich wehrte und gebot, die mein eigen und doch nicht ich selber waren, die ich übersah, und die ich doch als Ideale über mich stellte – ich war ganz erstaunt über ihr Dasein, und hatte sie doch sammt und sonders erschaffen. Dieser Freude an den Gestalten gesellte sich nun noch die Wonne hinzu, durch ihre Vermittlung einmal Alles sagen zu können, was mir seit so vielen Jahren auf dem Herzen gelegen hatte, und es sagen zu können, ohne daß man mich zurecht wies, ohne daß man mir widersprach, ohne daß ich mich zu mäßigen und Rücksicht zu nehmen und ohne daß ich es zu meiner Vertheidigung zu sagen brauchte. Es ist ein solches Glück, seine innerste Ueberzeugung aussprechen, seinen Glauben bekennen zu dürfen! Wäre das nicht der Fall, die Zahl der Märtyrer auf allen geistigen Gebieten würde lange nicht so groß geworden sein!

Mir klopfte das Herz vor Entzücken, wenn ich niederschrieb, was ich über die Liebe, über die Ehe dachte. Es war mir wie das Niederlegen eines Glaubensbekenntnisses. »Ich hasse die Ehe nicht«, ließ ich einmal die Heldin des   Buches, Clementine, in einem Briefe an ihre Tante schreiben, »ich hasse die Ehe nicht, im Gegentheil! Ich halte sie so hoch, daß ich sie und zugleich mich zu erniedrigen fürchte, wenn ich dies heilige Band knüpfte, ohne daß mein Gefühl Theil daran hätte. Was kann es Beglückenderes geben, als mit einem geliebten Manne sein Leben zu verbringen? Für ihn zu sorgen, seine Freuden und Leiden zu theilen; zu wissen: Alles, was mein Herz bewegt, Alles, was mich berührt, theilt und fühlt mein bester Freund mit mir? Beide leben dann ein doppeltes Leben. O! ich habe mir das oft himmlisch schön gedacht, ich habe es heiß gewünscht, und ich halte heute noch die Ehe für den einzigen Weg, der den Menschen zu der größten Vollkommenheit führt, die seiner Individualität möglich ist. Darum aber kann ich den Gedanken an eine gleichgültige Ehe nicht ertragen, weil sie für mich eine unglückliche wäre; und ich habe es nie begreifen können, wie in der Ehe irgend Etwas die Menschen an einander kettet, als ihr Herz. Die Ehe ist in ihrer Reinheit die keuscheste, heiligste Verbindung, die gedacht werden kann. Rein, wie ein Engel des Lichts, geht das Weib aus den Armen ihres geliebten Gatten hervor, und wenn man mir, nach dem katholischen Ritus, die Madonna die reine Mutter Gottes nannte, hat für mich ein rührend tiefer Sinn darin gelegen, ein ganz anderer Gedanke, als die Kirche ihn will. Ja! die Ehe ist rein! und aus der Umarmung liebender Gatten kann ein göttlicher Mensch, ein Retter der Welt entstehen. – Aber was hat man aus der Ehe gemacht? – Ein Ding, bei dessen Nennung wohlerzogene Mädchen die Augen   niederschlagen, über das Männer witzeln und Frauen sich heimlich lächelnd ansehen. Die Ehen, die ich täglich vor meinen Augen schließen sehe, sind schlimmer als Prostitution. Erschrick nicht vor dem Worte, da Du mich zu der That überreden möchtest. Ist es denn nicht gleich, ob ein leichtfertiges, sittlich verwahrlostes Mädchen sich für eitlen Putz dem Manne hingiebt, oder ob Eltern ihr Kind für so und so viel Tausende opfern? Der Kaufpreis ändert die Sache nicht; und ich gestehe Dir, ich würde das Weib, das augenblickliche Leidenschaft und heißer Sinnentaumel hinreißen, groß finden, gegen diejenige, die, das Bild eines geliebten Mannes im Herzen, sich dem Ungeliebten ergiebt für den Preis seines Ranges und seines Namens.«

Es war mir, als hätte ich eine That gethan, einen Freiheitskampf bestanden, einen mir nicht mehr zu entreißenden Sieg erfochten, wenn ich solche Worte vor mir auf dem Papiere hatte, wenn ich mir dachte, daß mein Vater sie lesen, sie als meine Ueberzeugung vor der Oeffentlichkeit ausgesprochen lesen würde. Ich dachte Tag und Nacht nur an meine Arbeit, meine ganze Seele war davon entflammt, ich vergaß die Zeit, es raubte mir den Schlaf.

Mitunter, wenn ich in meiner Laube saß, bis der Mittag heraufkam und die heiße Augustsonne mir auf den Scheitel brannte, kam die Mutter zu mir, mir mein Frühstücksbutterbrod zu bringen. Sie sah dann mein flammendes Gesicht, sie scherzte gutmüthig darüber, daß die Wangen mir so glühten, und nannte mich neckend: ihren armen Poeten! Aber sie ließ mich ruhig gewähren,   und schwer krank, wie sie es damals schon selber war, hatte sie Mitleid mit mir, denn auch mir ging es übel, und die ungewöhnliche Aufregung, in welche mein Arbeiten mich versetzte, verschlimmerte das Nervenleiden, das mich plagte.

Fast in jeder Nacht, und oftmals auch am Tage, wurde ich von einem Herzkrampf befallen, der mir den Athem nahm, mir den Angstschweiß auf die Stirne trieb, und mich auf das Aeußerste ermattet zurückließ, wenn er vorüber war. Gefährlich sollte diese Beschwerde nicht sein, ich hatte sie schon nach der Trennung von Leopold hie und da gefühlt, jetzt aber war es bei weitem schlimmer. Ich magerte ab, und denke noch mit Grausen an die Angst jener Tage und Nächte. Unser Arzt, der treffliche Doktor Kosch, verordnete mancherlei, indeß da ich es ihm auf ausdrücklichen Befehl meines Vaters verheimlichte, daß ich schrieb und daß diese Thätigkeit mich so gewaltig anspannte, so machten wir es ihm unmöglich, sich meine wachsende Ueberreizung richtig zu erklären, und als er mich eines Tages in einem heftigen Weinkrampf antraf, erklärte er mir sehr energisch, wie seine Kunst solcher Art von Nervenleiden gegenüber völlig machtlos sei, wie mir gar Nichts zu meiner Herstellung übrig bleibe, als mich gewaltsam zusammen zu nehmen, und jene Selbsterziehung zu beginnen, die in Selbstbeherrschung bestehe, und ohne welche ich für mein ganzes Leben verloren sein würde. »Wenn Sie sich Weinkrämpfe passiren lassen,« sagte der wackere Mann, »so weiß ich keinen Rath. Sie haben nicht nöthig, sich damit interessant zu machen, und wohin das Nachgeben gegen Nervenleiden führt, haben Sie zu   sehen Gelegenheit gehabt. Leidend sind Sie, aber Sie leiden nicht schwerer, sondern weniger, wenn Sie den Anfall ruhig aushalten, ohne zu weinen. Und haben Sie Zutrauen zu mir, so werfen Sie auch all' die Paliativmittel fort, die ich ihnen bisher gegeben habe. Auf die Länge nützen Sie Ihnen gar Nichts. Je entschiedener Sie sich aber sagen, daß Ihnen Nichts hilft, als ruhig zu bleiben, um so wahrscheinlicher ist's, daß Sie das Leiden allmählich wieder los werden. Es sind genug nervenschwache Frauenzimmer auf der Welt, und es ist wirklich nicht nöthig, daß Sie deren Zahl noch vermehren helfen. Nehmen Sie sich zusammen!«

Sein etwas scharfer und kalter Ton machte mir den Ausspruch sehr hart klingen, indeß so böse ich auf ihn war, fühlte ich doch, daß er Recht hatte, und habe es ihm in meinem Innern später viele tausendmal gedankt, daß er es nicht scheute, mir weh zu thun und mich zu verletzen, um mich zur Besinnung zu bringen, und daß er genug Glauben an meine Vernunft und an meinen guten Willen hatte, um mir das »hilf Dir selbst, und Gott wird Dir helfen!« auch auf diesem Gebiete in das Gedächtniß zu rufen.

In allen solchen Fällen kam mir neben meiner Vernunft immer auch der Stolz zu Hülfe, der sich nicht beklagen und bemitleiden lassen mag, und auch in diesem Punkte begeht man bei der Erziehung der Frauen ein Unrecht, wenn man sie von Jugend auf in dem Wahne erzieht, daß sie nicht blos das schwächere, sondern überhaupt das schwache Geschlecht sind, daß sie weniger ertragen können, daß sie eher ihren Leiden nachgeben dürfen,   als der Mann. Schäme Dich! sagt man zum Knaben, wenn er sich über einen Schmerz beklagt, Du bist ja ein Junge! Dem Mädchen ruft man das selten zu. Man tröstet es, man beklagt es leichter, und macht so dem Geschlechte, das, seiner Naturbestimmtheit nach, vielfach zum Ertragen von Unbequemlichkeiten, von Leiden und Schmerzen gezwungen ist, statt es mit geistiger Kraft gegen dieselben auszurüsten, mit einer systematischen Verzärtelung die Weichlichkeit zu einer ihm zustehenden oder gar angebornen und also berechtigten Eigenschaft. Man kajolirt die Empfindlichkeit der Mädchen und wundert sich nachher über das nervenschwache und hysterische Geschlecht. Aber auch die Aerzte sind zum Theile mit daran Schuld; denn in den tausend und aber tausend Fällen, in welchen sie nicht mit ihren Medikamenten und Säften helfen können, sondern erziehend und berathend helfen müßten, fehlt ihnen das, was kein Professor lehren und kein Staatsexamen ergründen und bescheinigen kann: der Muth der Ehrlichkeit und der feste, männliche Charakter. Es steckt in gar vielen Aerzten noch ein gutes Stück der Priesterkaste, aus der sie hervorgegangen sind. Das Geheimthun ist ihnen lieber als die Wahrheit, ihr Nimbus ihnen mehr werth als das Wohl des Kranken. Und die einzige Eigenschaft, welche sie aus ihrer Priesterkaste hinübernehmen müßten, die Eigenschaft treue und verständnißvolle Seelsorger zu sein, geht den Einen ab, und wird Denen, die sie vielleicht besitzen, durch die falsche Zurückhaltung der Kranken auszuüben unmöglich gemacht – eben wie es unserm Arzte in meinem Falle geschah.

  Ich trug denn nun, nach des Doktors Ermahnung, mein Herzklopfen und meine Beklemmung mit wachsender Geduld, und schrieb daneben an meinem Romane mit einem Eifer fort, daß ich das Bändchen im Verlaufe eines Monats zusammen hatte. Und nun bewiesen sich mir die gründliche Schulbildung und die juristische Distinktionskraft meines Bruders, dem ich meine Arbeit zur Durchsicht übergab, von großem Nutzen. Streng und gewissenhaft, wie er ein Aktenstück untersucht haben würde, prüfte er jeden Satz, machte er mich auf jede Unklarheit im Ausdruck, auf jede Unregelmäßigkeit im Satzbau aufmerksam. Das war mir nicht immer angenehm. Es kam mir oftmals vor, als zerre er an meinen eigenen Gliedern, wenn er mir die Sätze, in denen ich meine erhabensten Gedanken und meine allerfeinsten Empfindungen niedergelegt zu haben glaubte, so auseinandernahm und logisch analysirte. Ich mußte dabei unwillkürlich an Hoffmann's automatische Figur denken, welcher, dem Liebenden gegenüber, die schönen Augen aus dem Kopfe genommen werden; aber zweckmäßig war diese Schulung Nichts destoweniger. Wenn ich bei allem Sachlichen, sofern ich selbst es nicht auf das Genaueste in seinen Einzelnheiten kannte, darauf hingewiesen wurde, mir bei Fachleuten auch über das anscheinend Geringfügigste genaue Auskunft zu holen, so gehörte das eben auch zu jenem »Arbeiten mit dem Schurzfell«, ohne welches man in keiner Kunst und in keiner Wissenschaft über das Dilettantische hinaus zu etwas Ordentlichem kommen kann, und welches doch grade manche   Schriftsteller und vor allem so viele Schriftstellerinnen als etwas Unwesentliches zu betrachten lieben.

Der Glaube, daß man durch Inspiration etwa auch die Regeln der deutschen Grammatik und Einsicht in die Technik der verschiedenen Gewerbthätigkeiten empfange, daß man durch seine idealen Empfindungen den deutschen Satzbau und die Culturzustände der Vergangenheit oder die Sitten und Gebräuche der vornehmen Welt und des Auslandes kennen lerne, hat mir später oft recht viel zu schaffen gemacht, wenn meine jungen Colleginnen mir die meistens etwas unbequeme Ehre erzeigten, mein Urtheil über ihre Leistungen, d.h. meine Bewunderung für dieselben zu verlangen. Sagte ich einer Dame: »Sie haben gewiß Talent, aber Sie müssen Grammatik lernen, denn Sie brauchen die Conjunktive und selbst die Präpositionen falsch!« so sprach die junge Muse mir natürlich alles tiefe Gefühl und alle »poetische« Empfindung ab. Stellte ich einer Andern vor, daß eine vergossene Tasse Kaffee nicht in »Kaskaden vom Tische herunterrieseln« könne, so sah ich es ihr an, für wie pedantisch sie mich hielt. Bedeutete ich einer Dritten, daß man so und so viel Fuß weit nicht springen, daß man unter diesen und jenen Verhältnissen also ganz unmöglich eine Flucht bewerkstelligen könne, so erhielt ich die zurechtweisende Belehrung, daß der Dichter sich so viel Freiheit wohl nehmen dürfe, und daß dies eben die poetische Licenz sei. Fragte ich eine Vierte, was sie sich denn bei dem und jenem Satze eigentlich gedacht habe? so blickte sie mich verwundert an, und begriff nicht, daß ich mir bei jedem Satze »Etwas denken wolle«, und daß ich nicht im Stande war, aus  dem konfusen Gewirr ihrer Worte, ihre hinduselnden Empfindungen nachzufühlen. Kurz, wo ich lehren sollte, wurde ich in der Regel indirekt darüber belehrt, daß es mir an Einsicht in das Wesen der Dichtkunst gebreche, welches auf Inspiration beruhe, und daß mir das Verständniß für jene Art der Poesie abgehe, welche dem weiblichen Gemüthe angeboren sei, und es so unwiderstehlich zum Dichten antreibe, daß man, auch ohne etwas Rechtes gelernt zu haben, ihrem Drange unbedenklich folgen müsse.

Es war dann ganz umsonst, wenn ich ihnen auseinandersetzte, wie ich gegen ihr Dichten gar Nichts einzuwenden hätte, sofern sie es, wie das Beten, in ihrem stillen Kämmerlein betreiben wollten, und mich nur dagegen wehrte, daß sie, um ihren Namen auf einem Titelblatte prunken zu sehen, Thorheiten drucken ließen, gegen welche sich der Spott der Männer mit Fug und Recht erheben müsse. Vergebens machte ich sie darauf aufmerksam, daß der Dichter sich neben dem idealen Verhältniß zu seinen Lesern auch in einem ganz realen Verhältniß zu ihnen und zu seinem Buchhändler befinde, und daß der Schriftsteller, welcher hingeschluderte Arbeiten, Arbeiten, an die er nicht sein ganzes Können und Vermögen und seinen gewissenhaft ehrlichen Fleiß gewendet habe, um Nichts besser, ja in meinen Augen schlimmer sei, als der Krämer oder der Bäcker, der für gutes Geld schlechte Waare verkaufe. Ich wurde dann gewöhnlich mit einem vornehmen oder mitleidigen Lächeln abgelohnt, und sie verließen mich, zu meiner großen Erleichterung, mit der sie beglückenden Ueberzeugung, daß sie mich überschätzt   und viel zu gut von mir gedacht hätten, da ich nach meinen eigenen Geständnissen jener Art von Inspiration entbehrte, welche von der Arbeit und Solidität des künstlerischen Studiums befreit.

Keinem Maler, keinem Bildhauer, keinem Schauspieler, keinem Architekten oder Musiker fällt es ein, daß er seine Kunst vor dem Publikum ausüben könne, ohne ihre Regeln, ihre Technik, ihre Gesetze studirt, ohne sie durch eine gewisse Praxis erlernt zu haben; nur mit der Dichtkunst, mit dem Schreiben für die Oeffentlichkeit solle es nach der Meinung vieler Frauen und auch vieler Männer anders sein, und wird es anders gehalten. Nun: es geht dann auch eben wie es kann, und sie sind »Narren auf ihre eigne Hand!«

Da mir nun beim Beginne meiner schriftstellerischen Thätigkeit ernster und guter Rath zur Seite stand, und mir auch alles Unfehlbarkeitsbewußtsein, aller Glaube an die zwingende Inspiration abging, denn ich hatte meiner Lust zum Dichten stets mißtraut, und mir nie ein Dichtertalent zugestanden, ehe man es mir zuerkannte, so sah allerdings mein schönes Clementinen-Manuscript trübselig genug aus, als ich es mit meinem Bruder durchgenommen hatte; und wollte ich meinem Vetter Lewald das Lesen desselben nicht beschwerlich machen, so blieb mir Nichts übrig, als es von Anfang bis zu Ende noch einmal abzuschreiben, und in dieser Reinschrift legte ich es denn auch meinem Vater vor, der es mit sich in die Stadt nahm, um es »Abends im Bette« zu lesen.

Ich war sehr gespannt und eigentlich besorgt, meines Vaters Urtheil zu vernehmen, und da er sich nicht zu   übereilen pflegte, mußte ich es erwarten, bis ich etwa acht Tage später einmal in die Stadt kam, und in das Comptoir ging, um dem Vater einen Auftrag von der Mutter auszurichten. Er war beschäftigt, hatte einen Starosten und ein paar polnische Juden bei sich, hörte also meine Commission nur eben an, und versprach, am Abende, wenn es nicht zu spät werde, hinauszukommen. Als ich mich danach entfernen wollte, rief er mich mit einem: »Hör' einmal, Fanny!« zurück, und sagte mir leise: »wenn Du Deine Schreiberei mitnehmen willst, so liegt die oben in meinem Sekretair. Es liest sich ganz gut, es ist ganz hübsch!«

Wer war glücklicher als ich. Ich hatte allerdings auf mehr Lob gerechnet, dagegen aber Einwendungen gegen die Tendenz meiner Arbeit, Ausstellung gegen einzelne darin geäußerte Ansichten, selbst gegen Wendungen im Ausdruck erwartet; indeß um den Preis, dieser Letztern ledig zu sein, leistete ich auf das Erstere gern Verzicht. Ich muß es dabei meinem Vater dankend und anerkennend nachrühmen, daß er mir das Wort, welches er mir bei dem Beginn meiner literarischen Laufbahn gegeben, fest und treu gehalten, und mir für all mein Schaffen und Thun völlig freie Hand gelassen hat, selbst als seine Ansichten und die meinen sich später nicht überall im Einklang befanden. Von dem Augenblicke an, da er mir das Recht zusprach, meinen Beruf selbstständig zu erfüllen und meinen Weg zu gehen, hat er mir volle Freiheit für denselben gelassen, und mich neben sich als eine Kraft, als gleichberechtigte Persönlichkeit anerkannt, die er zu schätzen und zu respektiren hatte, wenn sie auch sein Kind   war. Das war aber bei einem Manne, von meines Vaters Charakter und Weise, das Höchste, was er seinem Kinde gewähren konnte. Ich habe ihm das nie vergessen; und eine gleiche Achtung vor meiner persönlichen Freiheit hat mir zu meinem Glücke später auch der freie und große Sinn meines Gatten zugestanden, so daß mir in beiden Fällen das Gehorchen und Fügen, wo es durch die Einsicht geboten war, zu einer leichten Aufgabe und Liebespflicht geworden ist.

 

2. Kapitel

 

Das Jahr vierzig und das Jahr einundvierzig, dessen Herbst inzwischen herangekommen war, hatten in Königsberg ein ganz neues Leben hervorgebracht. Gleich dem Goethe'schen Zauberlehrling hatte Friedrich Wilhelm der Vierte mit seiner Huldigungsrede Kräfte zur Thätigkeit aufgerufen, die, lange vorhanden, nur des Augenblicks gewartet hatten, sich zu bethätigen, die der König nicht zu bannen vermochte, die ihm über den Kopf wuchsen, und sich gegen ihn zu wenden begannen, als er es versuchte, sie auf's Neue in Fesseln zu schlagen und zu unterdrücken.

Der Gemeingeist unserer Vaterstadt und der ganzen Provinz war immer ein freisinniger und kräftiger gewesen, und der Einfluß und die Richtung ihres Ober-Präsidenten, des Herrn von Schön, hatte in den letzten Dezennien diesen Sinn genährt. Rechnet man die Verirrungen der Ebelianer ab, so war man in weltlichen wie in geistigen Dingen sehr rationell. Vom deutschen Bunde ausgeschlossen, die russische Despotie zur Nachbarin, hielt man um so fester an dem specifischen Preußenthume und an dem Königshause fest, und grade weil nach der allgemeinen Ansicht der König selbst das Signal   zur freien Aussprache der Meinungen, zum Heraustreten in die Oeffentlichkeit gegeben hatte, konnte und wollte man sich lange nicht davon überzeugen, daß es damit wieder ein Ende haben solle. Ruhige und consequente Menschen haben der Inconsequenz gegenüber einen schweren Stand, weil sie den Gedankensprüngen und Einfällen derselben nicht zu folgen und nicht an dieselben zu glauben vermögen.

Einer der consequentesten Köpfe unserer Zeit, ein scharfer Denker, ein durchaus ernsthafter, damals aber noch junger Mann, war es denn auch, der es in Königsberg über sich genommen hatte, die allgemeine Meinung zum Ausdruck zu bringen, die allmählig heranzubilden und zu erzeugen er seit einer Reihe von Jahren mitgewirkt. Doktor Johann Jacoby war fünfunddreißig Jahre alt, als er die »Vier Fragen, beantwortet von einem Ostpreußen« publicirte, und sich dadurch zum Mittelpunkte aller Derjenigen machte, welche sich der Bevormundung entwachsen, und reif genug fühlten, selbst berathend und bestimmend an der Verwaltung und Leitung ihrer bürgerlichen und vaterländischen Angelegenheiten Theil zu nehmen.

Schon früher war er als Publicist aufgetreten, aber seine literarische Thätigkeit war nie eine fortgesetzte gewesen. Sie war ihm nicht Sache des Erwerbes, denn er war Arzt und hatte für seine Praxis seine Zeit nöthig; sie war ihm auch nicht eigentlich Sache des Genusses, denn er hatte nie, wie man es nennt, zu seinem Vergnügen geschrieben und er produzirte schwer. Nur wo es einen Mangel aufzudecken, ein Unrecht abzuwehren,   einen Irrthum aufzuklären galt, war er mit kurzen polemischen Broschüren, deren knappe Zusammengefaßtheit, deren klarer Ernst an Lessing erinnerten, für Recht und Wahrheit eingetreten, und hatte, wie am Krankenbette dem Einzelnen, bei den allgemeinen Uebelständen der Gesammtheit seines Volkes und Landes helfend zu dienen gestrebt.

Seine Angriffe gegen die Unentbehrlichkeit der medizinisch-chirurgischen Pepinière zu Berlin, seine an den damaligen Ober-Regierungsrath Streckfuß gerichtete Streitschrift für die Emancipation der Juden, seine Anmahnungen die studirende Jugend auf den Schulen nicht durch todten Schulzwang und durch Vernachlässigung der körperlichen Ausbildung zu ruiniren, hatten die Art seiner Kritik und seiner Polemik dargethan, aber auf dem eigentlich politischen Felde hatte er sich noch nicht bethätigt, und die ruhige und würdevolle Einfachheit, mit welcher er in seinen »Vier Fragen« es der preußischen Ständeversammlung auseinandersetzte, daß es jetzt für sie an der Zeit sei, die im Jahre fünfzehn verheißene Verfassung und Volksvertretung, welche sie »bisher als Gunst erbeten, nunmehr als erwiesenes Recht in Anspruch zu nehmen,« gewann ihm die größte Achtung und Verehrung in der Stadt, in der Provinz, im Vaterlande, und weit über dessen Grenzen hinaus.

Ohne wesentlich aus seinen gewohnten Lebensverhältnissen, aus seiner Zurückgezogenheit herauszutreten, war er bald die leitende Seele dessen, was in Königsberg geschah, und wie sich aus dem abgeschlossenen Maschinensaale einer großen Fabrik die Bewegung bis in die entferntesten   Theile derselben verbreitet, und Verrichtungen leistet, welche man kaum noch mit der Maschine und ihrer Triebkraft in Verbindung glaubt, so regte der Geist Johann Jacoby's nach allen Seiten und auf allen Gebieten den Trieb zum Fortschritt und den Drang zur Arbeit an demselben an.

Er stand aber mit diesen Bestrebungen glücklicher Weise nicht allein da. Es hatte sich in jener Zeit in Königsberg ein Kreis von Männern zusammen gefunden, die mehr oder weniger jung, Alle noch unabgebraucht waren, und jenen Idealismus besaßen, der wirksam ist, auch wenn er von der Verhältnisse Ungunst gehemmt, hinter seinem Ziele zurückbleiben muß. Ludwig Crelinger, der Oberlehrer Witt, Professor Carl Rosenkranz, Doktor Rupp, der Prediger Detroit, Ludwig Walesrode, Professor Ludwig Moser, Doctor Reinhold Jachmann, Doktor Kosch, der Polizei-Präsident Abegg, der Kaufmann und Vorsteher der Stadtverordneten-Versammlung, Herr Heinrich, bildeten, ohne einen regelmäßigen Vereinigungspunkt zu haben, damals noch eine feste Gemeinschaft, einig in ihren Meinungen, einig in ihren Zwecken und einig auch über die Mittel zu einer friedlichen Agitation. Da diese Männer verschiedenen Berufskreisen und zum Theile auch verschiedenen Gesellschaftskreisen angehörten, trugen sie bewußt oder unwillkürlich ihre Ansichten in die Familien über, und es gab bald kaum noch ein Haus, von der Wohnung, welche der Minister von Schön im königlichen Schlosse bewohnte, bis hinab in die Werkstatt des Handwerkers, in welcher man nicht mit Achtsamkeit den öffentlichen Ereignissen und den   Maßregeln der Regierung gefolgt wäre, in welcher man nicht entschlossen gewesen wäre, nicht länger müßig zuzusehen und abzuwarten, sondern sich so weit zu unterrichten und zu bilden, als nöthig sei, um das, was man bisher als eine Gunst erbeten, als ein Recht fordern zu können.

Es sind immer einzelne Personen und bestimmte Stichworte, welche die Träger und die Symbole für die geistigen Bestrebungen bilden. Solche Stichworte waren im Jahre vierzig und in den ihm folgenden Jahren bei uns in Königsberg die Schlußworte der vier Fragen, und als ihr Gegensatz die Phrase, mit welcher der Minister, Herr von Rochow, die Elbinger Bürger an ihren »geringen Unterthanenverstand« gemahnt hatte, als sie sich mit einer Petition an die Regierung gewendet hatten. Wie im Jahre achtundvierzig kleine Burschen in den Straßen von Paris Barrikaden spielten und mit energischem Tone das Girondisten-Lied sangen, so konnte man bei uns in Königsberg, wie schon erwähnt, im Jahre einundvierzig achtjährige Buben bei ihren Zänkereien auf den »beschränkten Unterthanenverstand« ihrer Kameraden schimpfen und sie betheuern hören, daß sie »keine Gunst erbitten wollten, wo sie ihr Recht zu fordern hätten.« So aber müssen die Schlagwörter einer Partei und einer Zeit in das Volk übergehen und zu feststehenden Redensarten werden, wenn die Begriffe, welche jene Worte in sich tragen, ein Gemeingut und ein Hebel für die Thatkraft werden sollen. Die auf Papier verhandelte Theorie, die in Büchern niedergelegten Gedanken thun's lange nicht allein, das lebendige Wort, der sinnliche Eindruck   sind das eigentlich Fortzeugende, und eine Sache, die noch kein Symbol, kein Schlagwort, keinen in der Masse des Volkes, bei Alt und Jung, bei Groß und Klein bekannten Führer für sich gewonnen hat, eine solche Sache hat noch nicht die rechte Kraft in der Gegenwart und noch wenig Aussicht für die Zukunft. Es ist immer ein Glück für eine Partei, wenn sie erst einen Namen an ihrer Spitze hat, der Begeisterung in den Massen hervorruft, wenn dieser Verein ein Zeichen, ein Symbol, ein Schlag-und Stichwort hat, das im Herzen und im Munde des Volkes lebt; denn: »am Zeichen hält der Geist die Welt!« und was des Zeichens entbehrt, das existirt für den Moment nur in abstrakto, und ist für die Masse noch gar nicht vorhanden.

Bei uns in Königsberg kannte und schätzte das Volk seine Führer. Jeder kannte den Doktor Jacoby, den mittelgroßen etwas gebückt gehenden Mann, mit seinem schon früh kahl gewordenen Kopf, mit der gebognen, weit vorspringenden Nase, mit den starken Lippen, und den großen, leuchtenden, hellblauen Augen, die förmlich Flammen sprühen konnten, wenn er mit Nachdruck sprach, und die so mild aussahen, wenn er am Krankenbette saß oder mit freier, heitrer Freundlichkeit sich in der Gesellschaft bewegte. Jeder kannte den schönen Polizeipräsidenten Abegg mit seinem blond gelockten Haar und jenem feinen und doch kräftigen Antlitz, in welchem Wohlwollen und Menschlichkeit aus jeder Miene sprachen. Der große, schlanke Doktor Rupp, blaß, mit schwarzem Lockenhaar und dunkeln, ernsten Augen; Doktor Witt, krausköpfig, untersetzt, mit frischen, rothen Wangen, fröhlich,   rührig und straff in seinen Bewegungen wie ein Student; der kleine, schnelle, stets satyrisch lächelnde Professor Moser; der maßvolle und in Gegenwart von Fremden doppelt vornehme Rath Crelinger, sie waren Figuren, die sich nur zu zeigen brauchten, um Theilnahme zu erregen, und es währte auch nicht lange, so hatten sich unter der Aegide dieser Männer die ersten politischen Bürgerversammlungen gebildet, so war die »Bürgerressource« zu einem Orte geworden, in welchem die Angelegenheiten des Landes in Vorträgen erörtert und besprochen würden.

Nebenher hatte Ludwig Walesrode, der ohne einen amtlichen Beruf, als Literat in Königsberg lebte, im Winter eine Reihe von Vorlesungen vor Männern und Frauen gehalten, welche, anscheinend nur auf die Unterhaltung des Publikums angelegt, eine Menge von Sarkasmen, wie gut gezielte Schüsse gegen die obwaltenden Uebelstände und deren Vertreter und Aufrechterhalter gerichtet hatten; und wo alle diese verschiedenen Strahlen des neuen Lichtes nicht eindringen konnten, da hatten die Halle'schen Jahrbücher, welche bei uns in Königsberg berg seit ihrem ersten Erscheinen, von Männern und Frauen, mit großer Theilnahme aufgenommen und von manchen mit wahrer Erhebung gelesen wurden, Klarheit und Tag geschaffen.

Die Bedeutung dieser Zeitschrift, das Verdienst der Männer, welche sich an ihr betheiligten, ist nicht hoch genug anzuschlagen. Man muß zurückdenken an die Zeit, in welcher sie erschienen, an die Epoche, welche dieser Zeit vorausgegangen ist, man muß Diejenigen fragen,   Männer sowohl als Frauen, welche sich damals in dem Alter von achtzehn bis dreißig Jahren befunden haben, um der Wirkung gerecht zu werden, welche die Jahrbücher geübt. Ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß die ganze tüchtige Jugend jener Zeit sich an den Jahrbüchern zum Denken gewöhnt, sich daran geschult, sich an ihnen erzogen hat; und ich spreche das nicht nach meinem eigenen Gefühle aus, sondern ich berichte damit, was Männer und Frauen aus den verschiedensten deutschen Gauen mir viele Jahre später von sich selber berichtet haben.

Jung, schlagfertig, immer zum Angriff und zur Abwehr bereit, standen die Halle'schen Jahrbücher beständig auf der Wacht. Jedem Vorgange im politischen Leben, jeder irgend bedeutenden Erscheinung auf dem Felde der Literatur folgte ihr scharfes Auge, folgte ihre schärfere Kritik, folgte der Axtschlag ihrer unerbittlichen und rücksichtslosen Wehrhaftigkeit. Sie bildeten keine Clique, sie waren eine Gewalt, welche kein Unterhandeln kannte. Sie befaßten sich nicht mit beschönigenden Redensarten, sie nannten die Dinge bei ihrem rechten Namen. Ohne Gottesfurcht und ohne Menschenfurcht hatten sie es gar kein Hehl, daß sie nicht in die Welt gekommen waren, um den Frieden zu bringen. Sie brachten den Krieg in ihrer Kritik der reinen Vernunft, und sie schrieben dabei ein so gutes ehrliches Deutsch, daß man seine ehrliche Freude daran haben konnte. Ihre Leser durch zerstreuende Unterhaltung zu amüsiren, fiel ihnen gar nicht ein. Sie hielten sich zu gut dazu und dachten auch von ihren Lesern zu gut, um nicht auf etwas Besseres für sie auszugehen, als auf das bloße elende Amüsement.  Sie befaßten sich mit Neuigkeiten, mit Erzählungen, mit Novellen und Romanen nur, insofern diese Dinge anderwärts vorhanden waren, und sie es für Pflicht erachteten, es den Leuten klar zu machen, was gut oder böse daran sei. Sie hatten mit der Romantik keinen andern Zusammenhang, als den des Kampfes auf Tod und Leben, den sie gegen den verwirrenden Reiz derselben führten; und Bilder in ihr gutes Journal eindrucken zu lassen – heute ein Bild von Goethe, morgen eines vom ersten Mandarinen des himmlischen Reiches zu bringen, heute die Juno Ludovisi und morgen die Crinoline der Kaiserin Eugenie abzubilden, das fiel ihnen in ihrem ernsten Glauben an ihr Volk und an dessen ernstes Interesse und sittlichen Gehalt, vollends gar nicht ein. Man muß aber ein Publikum auch gründlich verachten, um es für Nichts empfänglich zu glauben, als für das Amüsement durch den größtmöglichen Wechsel und die größtmögliche Oberflächigkeit; und wer die illustrirten Amüsements-Journale und die Familien-Journale in England oder Frankreich zuerst erfand, der war sicherlich kein Menschenfreund und dachte nicht groß von der Zukunft der Menschheit und von der Aufgabe der Literatur.

Fest und ernst, selbst wo sie spotteten, gingen die Jahrbücher auf ihren Gegenstand und auf ihr Ziel los. Man erwartete jedes Heft mit Ungeduld, weil man sicher war, Aufklärung über Fragen und Gedanken zu erhalten, mit welchen man sich trug, und man legte das Journal nicht aus der Hand, ohne sich wesentlich unterrichtet, ohne sich in seinen Anschauungen erhoben und einen neuen Blick auf Bereiche des Denkens gewonnen   zu haben, der früher noch nicht eröffnet gewesen war. Wie ein Corps von Pionnieren gingen die Mitarbeiter der Jahrbücher der großen Schaar ihrer strebsamen Zeit- und Altersgenossen voran, das Gestrüpp des Vorurtheils niederhauend, Pfade bahnend für den Gedanken, Brücken schlagend aus der Vergangenheit in die Zukunft, und aufräumend und abbrechend zur Rechten und zur Linken, was dem freien Fortschritt irgendwo im Wege stand. Aber bei dieser zerstörenden Tendenz waren die Jahrbücher ein Werk, für das man sich, was der bloßen zerstörenden Kritik gegenüber sonst nicht möglich ist, aus vollem Herzen begeistern konnte, weil man den Geist der Humanität und des Idealismus, aus welchem die Kritik hervorging, immerdar durchfühlen und empfinden konnte. Sie zerstörten nur, um Raum für Neues und Besseres zu schaffen, und es lag in ihrer Art der Dialektik ein Etwas, das mich zum Beispiel fortwährend zum Dichten und Gestalten anreizte, und mich antrieb, mich heimlich und ungekannt ihrem Paniere anzuschließen, und so weit es in meiner Fähigkeit und in meiner Macht lag, mit ihnen gemeinsam für die Wahrheit und Freiheit auf allen Gebieten des menschlichen Daseins zu arbeiten und zu wirken. War es mir nicht vergönnt, wie die Männer in meiner Nähe und wie die Mitarbeiter der Jahrbücher, im offenen und entscheidenden Kampfe mitzufechten, so wollte ich ihnen wenigstens unter der Schutzwehr der Dichtung, so gut ich es vermochte, die Kugeln zutragen helfen. Von meinem ersten kleinen Roman an, bis hin zu diesen gegenwärtigen Geständnissen über mich selbst, habe ich es als meine höchste Aufgabe betrachtet, in meinen   Arbeiten dichtend den Zwecken und Ueberzeugungen zu dienen, welche mir Ideal und Religion sind, seit ich zu denken gelernt habe. Das heißt der Tendenz, so weit sie Sache des menschlichen Interesses und nicht der abstrakten Parteinahme ist. Denn nur die Erstere ist wesentlich die Aufgabe des Dichters; und ich bin mir bewußt, in meinen Arbeiten, eben so wie ich meine Ueberzeugung vertrat, auch die mir entgegenstehenden Ansichten und Ueberzeugungen, so weit ich sie nachzudenken vermochte, mit der Anerkennung ausgestattet zu haben, welche die poetische Unparteilichkeit dem Dichter zur Gewissenssache macht.

Es hat mir daher auch keinen Kummer verursacht, wenn man mir damit einen Vorwurf zu machen geglaubt, daß meine Absichten und Ueberzeugungen in meinen Dichtungen deutlich durchzufühlen seien. Denn abgesehen davon, daß es mir für einen Men schen von ernsten Ueberzeugungen unmöglich scheint, diese nicht auch in seinen schöpferischen Arbeiten als seine sittliche Grundlage zu vertreten, habe ich oftmals erfahren, wie ich hier Klarheit und dort Duldung in manche Seele getragen, der Beide auf dem Wege der eigenen Erfahrung oder der kalten Doktrin nicht zugänglich gewesen wären, und hätte ich den Glauben nicht gehabt, mit der offenen Darlegung meines innersten Erfahrens und Erleidens denselben sittlich-poetischen Zwecken zu dienen, denen mein Leben nun seit zwanzig Jahren gewidmet gewesen ist, so würde ganz gewiß kein Blatt dieses Werkes in die Oeffentlichkeit gekommen, und wahrscheinlich keine Zeile desselben geschrieben worden sein.

 

 

 

3. Kapitel

 

Ein altes französisches Sprichwort sagt: die Tage folgen einander, ohne sich zu gleichen! Neben der begeisterten Erregung, in welche mein erstes Schaffen und Arbeiten mich versetzte, fanden sich denn auch grade wieder Sorgen und Kummer genug ein, um mich fortwährend an die Bedingungen des äußern Lebens und an die Familie zu erinnern. Ein Theil dieser Sorgen kam uns durch meinen jüngsten Bruder.

Während der Zeit, welche er sich seines Examens halber in Wilna aufzuhalten genöthigt wurde, hatte er sich überzeugen müssen, daß dort und in den andern größern Städten Polens kein Mangel an Aerzten vorhanden und daß man keineswegs geneigt sei, ausländischen Aerzten die Niederlassung in denselben zu erleichtern. Wollte Moritz also nicht die Zeit daran wenden, welche mitten in einer starken Konkurrenz zur Gewinnung einer ihn ausreichend ernährenden Praxis nöthig gewesen wäre, und wollte er während dieser Zeit nicht dem Vater mit seinen Bedürfnissen zur Last fallen, so blieb ihm Nichts übrig, als sich in einem kleinen Orte festzusetzen, wozu er sich denn auch, freilich mit innerem, wenn auch verborgenem Widerstreben, entschließen mußte, da mein Vater   ihm die Erlaubniß versagte, als Arzt zur russischen Armee zu gehen, wozu der Bruder Neigung hatte.

Nach vielem Hin und Her, nach langem Berathen und Erwägen ging er nach Brest, einer Stadt von etwa zehntausend Einwohnern in russisch Lithauen ab, und war nun in einer Weise auf sich selber angewiesen, welche für ihn die allerungeeignetste war. Ohne alle geistige Anregung, ohne eine ausreichende Beschäftigung, sah er den ersten Winter herankommen. Eine kluge polnische Jüdin, in deren Haus er wohnte, und ein alter katholischer Geistlicher, den er behandelt hatte, machten den einzigen ihm zusagenden Umgang aus, und welch ein Umgang war das für ihn! »Die geistige Einöde, in der ich lebe,« schrieb er mir im November vierzig, »ist wirklich tödtend, und ich warte mit Ungeduld auf meine Bücher, die noch immer nicht angelangt sind. Der Winter wird langweilig werden, wenn ich nicht viel zu thun bekommen sollte. Ich nehme in den Gesellschaften mit Consequenz keine Karte in die Hand, und doch ist das hier die einzige Abendunterhaltung. Selbst Damen, wenn sie nicht Whist spielen, legen doch mindestens Patience; es ist mitunter sachte zum Verzagen. Du meinst, ich könnte wohl, durch die Noth getrieben, Lust für das Theoretische in der Medicin bekommen; darin irrst Du insofern, als ich die immer gehabt habe; sorge Dich nur nicht um mich, so bald werde ich kein bloßer Routinier, und vielleicht sichert mich grade mein Alleinstehen am Ersten davor!«

Zu seinem Glücke fand sich indeß sehr schnell eine Praxis für ihn, und das Ungeregelte des polnischen  Lebens, ich möchte sagen, das Ueberkultivirte und das Unkultivirte in demselben, das Phantastische und Zügellose begannen ihn zu reizen und zu unterhalten. Eine verlarvte vornehme Dame zu entbinden, deren Kind ihm anvertraut wurde, die Conflikte mit durchzuleben, welche in manchen Fällen aus der Leibeigenschaft hervorgingen, die Sitten der polnischen Juden, des polnischen Adels, der Geistlichkeit zu beobachten, das waren Ereignisse und Gegenstände, die ihn in Anspruch nahmen, und gab es dazwischen einmal Nachtreisen durch weite einsame Schneefelder in der offenen Kibitka, Jagden und ähnlich anspannende und aufregende Vorgänge, so war er munter, freute sich seiner gelungenen Kuren, hatte noch mehr Befriedigung an dem menschlichen Vertrauen, das ihm von Seiten der Armen und Gedrückten entgegengebracht wurde, und bald hoffte er, sich für ein paar Jahre in Brest erträglich einleben, und Dank seiner sich bedeutend ausbreitenden Praxis so viel erübrigen zu können, um sein Fortkommen dann aus eigenen Mitteln auf neuen Bahnen zu suchen.

Indeß schon im ersten Winter überfiel ihn ein Nervenfieber, das ihn eine geraume Zeit gefesselt hielt. Er hatte im ersten Beginne desselben empfunden, daß er schwer erkranke, und noch die Kraft gehabt, seine Papiere und Briefschaften zu verbrennen, und einen kleinen Brief an die Eltern zu schreiben, in welchem er, eine Reise vorschützend, sie über ein mögliches Ausbleiben von Briefen im Voraus zu beruhigen versuchte. Dann hatte er sich hingelegt, und war lange ohne Bewußtsein der treuen   aufopfernden Pflege jener polnischen Jüdin und des alten Geistlichen anheim gefallen.

Als dann durch ihn selber die Kunde von seiner Krankheit mit der Kunde von seiner Genesung zu uns gelangte, war die Wirkung, welche sie auf meinen Vater machte, eine auffallend tiefe gewesen. Er hatte eine lebhafte Sehnsucht nach dem Sohne bekommen, und diese hatte sich bei dem sonst so gefaßten Manne zu einem Grade gesteigert, daß er sich einmal ganz plötzlich entschloß, ihn zu besuchen, und zu sehen, wie es ihm ergehe, wie er lebe, und was in Brest etwa für seine Zukunft zu erwarten sei.

Mein Bruder war im höchsten Grade von dem Wiedersehen erfreut, aber der Vater kehrte ohne sonderliche Hoffnungen zurück. Er konnte es, seiner eigenen Theorie entgegen, nicht über sich gewinnen, es sich und den Andern einzugestehen, daß man für Moritz etwas durchaus Unzweckmäßiges beschlossen, und daß man, wenn das Vernünftige geschehen solle, ihn zurückrufen müsse, um ihn auf's Neue beginnen zu lassen, oder daß er vorwärts gehen und sich nach dem Kriegsschauplatz wenden müsse, um geistig und materiell einen wirklichen Vortheil von seiner Entfernung aus dem Vaterlande zu haben.

Dieser innere Zwiespalt lastete in ganz ungewohnter Weise auf dem Vater, und es machte uns stutzig und besorgt, daß er nicht die gewohnte Kraft in sich fand, sich aus demselben zu befreien. Er verlor seine heitre Sicherheit, wir glaubten auch zu bemerken, daß seine äußere Frische nicht ganz dieselbe blieb. Eine leichte Entzündung des einen Auges fing an ihn zu belästigen, bald   darauf bekam er plötzlich einen Ausschlag auf der Stirne. Sich, wie er besorgte, durch denselben entstellt zu sehen, war ihm sehr zuwider; und da er, der bisher nicht gewußt hatte, »was Kopfschmerz sei« und wo »der Mensch sein Herz oder seinen Magen habe«, sich nebenher von mancherlei kleinen Unbequemlichkeiten belästigt fühlte, so wurde er zu einer Entziehungs-Kur genöthigt, die ihn zwar von den gegenwärtigen Uebeln befreite, ihn aber dergestalt angriff, daß es uns Alle im höchsten Grade beunruhigte. Zwar erholte er sich im Aeußern wieder bis zu einem gewissen Grade, aber die Energie seiner Natur war plötzlich nicht mehr ganz die alte. Er war leichter gerührt als sonst, er hatte nicht mehr die völlige Gleichheit der Stimmungen, nicht mehr die ungemeine Selbstbeherrschung, welche ihm bis dahin eigen gewesen war. Man konnte es ihm jetzt anmerken, wenn er Sorgen hatte, man durfte ihn darum fragen, er trat gleichsam aus seiner Unantastbarkeit, aus seiner Unnahbarkeit näher an uns Kinder heran, aber es vermochte sich Niemand darüber zu freuen. Jeder von uns sagte sich: wenn er auch nur um eines Zolles Breite nachgiebt oder weicht, so ist er müde! – Und der Gedanke, daß auch er müde werden könne, schnitt uns in das Herz.

Einer um den Andern wendete sich heimlich an den Arzt; indeß dieser nannte unsere Besorgniß grundlos, und da man sich in alle Zustände hineinlebt, so gewöhnten auch wir uns daran, daß der Vater nicht mehr so unumschränkt gebot als früher, daß er sich nicht mehr so gleichmäßig geistesfrei zeigte, als bisher. Wir trösteten uns damit, daß das Erstere durch unser Aelterwerden   natürlich sei, daß die wachsende Gefahr für meine Mutter ihn bekümmre, und allerdings hatte der Zustand derselben sich in einer Weise verschlimmert, die uns ihren Verlust voraussehen ließ.

Sie hatte im Herbste von einundvierzig bereits anderthalb Jahre vor dem Thore gewohnt, und nun der Winter wieder vor der Thüre stand, machte sich das Bedürfniß ihrer Rückkehr in die Stadt für alle Theile fühlbar. Wir fürchteten für des Vaters Auge den täglichen Weg in jeder Witterung, bei jedem Winde; wir sorgten uns, wie es mit der Mutter werden solle, da in der kleinen vorstädtischen Wohnung die ausreichende Pflege bei fortschreitender Krankheit nicht zu finden war, und es wurde also festgestellt, daß sie ihren bisherigen Aufenthalt verlassen und in unserm Hause für sie die Einrichtungen in einer sie zufriedenstellenden Weise gemacht werden sollten.

Damit dies möglich war, mußte unser treuer Hausgenosse, Rath Crelinger, sich von uns trennen. Seine Einnahmen und seine ganzen Verhältnisse hatten sich so glänzend geändert, daß die Wohnung in unserm Hause, und ihre bescheidene Einrichtung, denselben schon lange nicht mehr entsprachen. Aber Gewohnheit und Neigung für uns hatten ihn bisher in unserer Nähe festgehalten, und es war mit lebhaftem Bedauern von beiden Seiten, daß man auf das Allen liebgewordene Beisammensein verzichtete.

Rath Crelinger nahm eine größere Wohnung nicht fern von uns, und die Zimmer im ersten Stock, welche er bei uns zur Miethe gehabt hatte, wurden für die Bedürfnisse   meiner Mutter eingerichtet, welche sie im Herbste mit einer meiner Schwestern bezog. Das hatte den Vortheil, daß die Mutter bei uns war, daß wir sie täglich und stündlich sehen konnten, und daß sie in dem besondern Stockwerk doch zugleich die Ruhe und Absonderung genoß, die ihr erwünscht und nöthig waren. Wir Schwestern, von denen jetzt schon viere den Haushalt besorgten, wechselten in dieser Arbeit ab, so daß Jede nur drei Monate im Jahre damit beschäftigt war, und unsere Mutter, welche in dem Herbste ihr Zimmer nicht mehr verließ, hatte also die andern Töchter nach ihrer Wahl bei sich zur Pflege und zur Gesellschaft.