Belgravia (1) - Tanz in die Schlacht - Julian Fellowes - kostenlos E-Book

Belgravia (1) - Tanz in die Schlacht E-Book

Julian Fellowes

4,5
0,00 €

Beschreibung

Es beginnt 1815: Auf dem Ball der Duchess of Richmond am Vorabend der Schlacht von Waterloo zeigt sich sehr deutlich, wie verliebt die junge Sophia Trenchard, Tochter eines Geschäftsmanns, in Edmund Bellasis ist, den attraktiven Neffen der Duchess. Aber in den folgenden Wochen tragen sich schreckliche Ereignisse zu.

Julian Fellowes, der Autor von "Downton Abbey", entführt die Leser ins 19. Jahrhundert. Im Mittelpunkt steht eine unerhörte Liebesgeschichte. Fellowes lässt dabei die Zeit Charles Dickens‘ lebendig werden, zeigt, wie sich der alte englische Adel und die Händler, die mit der Errichtung des Commonwealth reich und mächtig geworden sind, arrangieren müssen. Dabei ist ganz in der Nähe des Buckingham Palastes das teuerste Viertel Londons, Belgravia, entstanden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 145

Bewertungen
4,5 (18 Bewertungen)
12
3
3
0
0



Buch

London, 1841. James Trenchard ist ein ehrgeiziger Mann, der sich mit seinem Baugewerbe einen gewissen Wohlstand erarbeitet hat. Vor 25 Jahren starb seine Tochter im Kindbett. Ihr Sohn Charles, Spross einer heimlichen Liaison mit einem Mann aus dem Hochadel, wurde in die Obhut eines Geistlichen gegeben und seine Herkunft vertuscht. Jetzt droht das Familiengeheimnis enthüllt zu werden. Einzig die beiden Großmütter Anne Trenchard und Lady Brockhurst können den Enkelsohn vor üblen Machenschaften bewahren. Trotz des unterschiedlichen gesellschaftlichen Standes müssen sie gemeinsam für den Enkel einstehen. Können sie das Geheimnis um Charles’ Herkunft lüften und alles zum Guten wenden? Und wird er die Frau heiraten können, die er liebt, obwohl sie einem anderen versprochen ist?

Autor

Julian Fellowes wurde 1949 in Ägypten geboren, wuchs in England auf und studierte in Cambridge. Er ist Schauspieler und preisgekrönter Autor von Romanen, Drehbüchern und Theaterstücken; für »Gosford Park« wurde er mit einem Oscar ausgezeichnet, die Serie »Downton Abbey« hat ihn weltweit berühmt gemacht. 2009 wurde er in den Adelsstand erhoben. Julian Alexander Kitchener-Fellowes, Baron Fellowes of West Stafford, lebt mit seiner Frau Emma im Südwesten der englischen Grafschaft Dorset.

Auf Deutsch liegen außerdem seine Romane »Snobs« und »Eine Klasse für sich vor«.

Julian Fellowes

Belgravia

Tanz in die Schlacht

Roman

Aus dem Englischen von Maria Andreas

C. Bertelsmann

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Belgravia« im Verlag Weidenfeld & Nicolson, an imprint of The Orion Publishing Group Ltd., London.
Copyright © 2016 by Julian Fellowes Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016 beim C. Bertelsmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Umschlaggestaltung: bürosüd, München, unter Verwendung eines Motivs von The Orion Publishing Group, London Satz: Uhl + Massopust, Aalen ISBN 978-3-641-20724-3V002
www.cbertelsmann.de

Tanz in die Schlacht

Die Vergangenheit – wir haben es schon oft gehört – ist ein fernes Land, dort gelten andere Regeln. Das mag zutreffen, ganz augenfällig sogar, was Sitten und Moral angeht, die Rolle der Frau, die Herrschaft der Aristokratie und Millionen Alltagsdinge. Anderes wiederum mutet uns sehr ähnlich an. Ehrgeiz, Neid, Zorn, Habgier, Güte, Selbstlosigkeit und vor allem anderen die Liebe haben Entscheidungen schon immer ebenso machtvoll mitbestimmt wie heute. Diese Geschichte handelt von Menschen, die vor zweihundert Jahren lebten, aber wonach sie sich sehnten, womit sie haderten, die Leidenschaften, die in ihren Herzen wüteten, das alles gleicht nur zu oft den Dramen, die wir in unserer Zeit, auf unsere Art durchleben …

Die Stadt wirkte nicht gerade wie kurz vor Kriegsausbruch, noch weniger wie die Hauptstadt eines Landes, das vor kaum drei Monaten einem Königreich entrissen und einem anderen einverleibt worden war. Im Juni 1815 schien Brüssel ein einziges Fest, die Menschen drängten sich vor den bunten Marktständen, und durch die breiten Avenuen rollten offene, in auffälligen Farben lackierte Kutschen, die ihre Fracht, hochnoble Damen und deren Töchter, zu dringlichen gesellschaftlichen Verpflichtungen beförderten. Niemand hätte vermutet, dass Napoleon Bonaparte auf dem Vormarsch war und jeden Augenblick am Rand der Stadt sein Lager aufschlagen konnte.

Das alles interessierte Sophia Trenchard wenig, als sie sich einen Weg durch die Menge bahnte, mit einer Entschlossenheit, die ihre achtzehn Jahre Lügen strafte. Wie jede wohlerzogene junge Frau, noch dazu, wenn sie sich im Ausland aufhielt, wurde sie von ihrer Zofe begleitet, Jane Croft, mit ihren zweiundzwanzig Jahren ihrer Herrschaft um vier Jahre voraus. Aber wenn man von einer der beiden Frauen behaupten konnte, dass sie die andere vor schmerzhaften Zusammenstößen schützte, dann von Sophia, die sichtlich bereit war, es mit allem aufzunehmen. Sie war hübsch, auf ihre blonde, blauäugige, klassisch englische Art sogar sehr hübsch, aber der überaus scharfe Schnitt ihres Mundes verriet, dass diese junge Dame keine Erlaubnis ihrer Frau Mama einholen würde, um sich in ein Abenteuer zu stürzen. »Ein bisschen Beeilung, bitte, sonst ist er schon beim Lunch, und unser Ausflug war umsonst.« Sie steckte in einer Lebensphase, die fast jeder Mensch durchmachen muss, wenn er die Kindheit hinter sich gelassen hat und in einem Gefühl scheinbarer Reife, unbehelligt von Erfahrungen, alles für möglich hält. So lange jedenfalls, bis er wirklich erwachsen wird und das Leben ihn mit Nachdruck eines Besseren belehrt.

»Ich gehe, so schnell ich kann, Miss«, murmelte Jane, und wie zum Beweis wurde sie von einem vorbeieilenden Husaren zur Seite gestoßen; der Mann blieb nicht einmal stehen, um zu sehen, ob er sie verletzt hatte. »Das ist ja wie auf dem Schlachtfeld hier.« Jane war keine Schönheit wie ihre junge Herrschaft, hatte aber ein lebhaftes, rotbackiges Gesicht mit robusten Zügen und hätte wohl besser aufs Land gepasst als in die Großstadt.

Auf ihre Art war sie sehr resolut, was ihre junge Herrschaft an ihr schätzte. »Nur keine Schwäche vortäuschen.« Sophia hatte ihr Ziel fast erreicht und bog von der Hauptstraße in einen Hof, der einst ein Viehmarkt gewesen sein mochte, nun aber von der Armee als Versorgungslager requiriert worden war. Von großen Wagen wurden Kisten und Säcke abgeladen und in die umgebenden Lagerhäuser geschafft; es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen von Offizieren aus jedem Regiment, die sich in Gruppen beratschlagten und zuweilen auch stritten. Die Ankunft einer aparten jungen Frau und ihrer Zofe blieb nicht unbemerkt; die Gespräche ebbten ab, verstummten fast. »Bitte lassen Sie sich nicht stören«, sagte Sophia und sah sich ruhig um. »Ich bin auf dem Weg zu meinem Vater, Mr Trenchard.«

Ein junger Mann trat vor. »Wissen Sie, wohin, Miss Trenchard?«

»Ja, vielen Dank.« Sie ging auf einen etwas imposanteren Eingang im Hauptgebäude zu und stieg, die aufgelöste Jane im Schlepptau, die Treppe zum ersten Stock hinauf. Hier traf sie auf weitere Offiziere, die offenbar darauf warteten, vorgelassen zu werden. Aber Sophia dachte gar nicht daran, sich in die Schlange einzureihen, sondern stieß gleich die Tür auf. »Sie bleiben inzwischen hier«, sagte sie zu Jane. Die trat ein paar Schritte zurück und hatte durchaus nichts dagegen, von den Männern neugierig beäugt zu werden.

Der Raum, den Sophia betrat, war groß, hell und ansprechend, eingerichtet mit einem stattlichen Schreibtisch aus poliertem Mahagoni und weiteren Möbeln im selben Stil, aber er diente dem Geschäft, nicht der Geselligkeit, man kam zur Arbeit her und nicht zum Vergnügen. In der Ecke musste sich ein Offizier in Galauniform die Belehrungen eines korpulenten Mannes Anfang vierzig gefallen lassen. Der kleine Dicke fuhr angesichts der Störung herum: »Wer zum Teufel platzt hier so einfach herein?« Doch beim Anblick seiner Tochter hob sich seine Laune sofort, und in seinem zornroten Gesicht leuchtete ein zärtliches Lächeln auf. »Ja?«, sagte er. Sophia warf einen Blick zu dem Offizier. Ihr Vater nickte. »Captain Cooper, Sie müssen mich entschuldigen.«

»Schön und gut, Trenchard …«

»Trenchard?«

»Mr Trenchard. Aber wir müssen das Mehl noch heute Abend haben. Ich musste meinem befehlshabenden Offizier versprechen, nicht ohne Mehl zurückzukehren.«

»Und ich verspreche Ihnen, alles in meiner Macht Stehende zu tun, Captain.« Der Offizier war sichtlich verärgert, musste sich aber damit zufriedengeben, weil er nichts Besseres mehr erwarten konnte. Mit einem Nicken zog er sich zurück, und der Vater blieb mit seiner Tochter allein. »Hast du sie?« Seine Aufregung war mit Händen zu greifen, seine Begeisterung fast anrührend: Dieser beleibte Geschäftsmann mit dem schütteren Haar war plötzlich aufgekratzt wie ein kleines Kind an Heiligabend.

Sophia trieb die Spannung bis zum Äußersten; ganz langsam öffnete sie ihren Pompadour und zog behutsam ein paar weiße Karten hervor. »Ich habe drei.« Sie kostete ihren Triumph voll aus. »Eine für dich, eine für Mama und eine für mich.«

Er riss sie ihr geradezu aus der Hand. Nach einem Monat hungern und dürsten hätte er nicht gieriger sein können. Der Kupferdruck war von schlichter Eleganz:

Die Duchess of Richmond

lädt in ihr Palais

Rue de la Blanchisserie 23

Donnerstag, 15. Juni 1815

Kutschen ab drei Uhr Tanz ab zehn Uhr

Er starrte auf die Einladungen. »Vermutlich ist Lord Bellasis schon vorher geladen, zum Dinner?«

»Sie ist seine Tante.«

»Natürlich.«

»Es wird kein Dinner geben. Kein offizielles. Nur für die Familie und ein paar Leute, die bei ihnen zu Besuch sind.«

»Es heißt immer, dass es kein Dinner gibt, aber in der Regel gibt es doch eins.«

»Du hast doch nicht erwartet, dass du dazugebeten wirst?«

Er hatte davon geträumt, aber nicht damit gerechnet. »Nein. Nein. Ich freue mich sehr.«

»Edmund meint, irgendwann nach Mitternacht wird ein Souper serviert.«

»Edmund darfst du ihn nur vor mir nennen, vor niemandem sonst.« Doch seine fröhliche Laune war wiederhergestellt, die flüchtige Enttäuschung durch den Glanz des Bevorstehenden weggewischt. »Du musst gleich zu deiner Mutter zurück. Sie wird jede Minute für die Vorbereitungen brauchen.«

Sophia war zu jung und besaß zu viel unverdientes Selbstvertrauen, um zu erfassen, was sie da Ungeheuerliches erreicht hatte. Außerdem dachte sie praktischer als ihr Papa, der von der vornehmen Welt wie hypnotisiert war. »Es ist ohnehin zu spät, um neue Kleider nähen zu lassen.«

»Aber nicht zu spät, um alte aufzuputzen.«

»Mama wird nicht hingehen wollen.«

»Wird sie aber, weil sie muss.«

Sophia wandte sich zur Tür, doch dann fiel ihr noch etwas ein. »Wann sagen wir es ihr?« Sie sah ihren Vater eindringlich an. Die Frage überrumpelte ihn; er begann, mit den goldenen Schlüsselringen an seiner Uhrkette zu klimpern. Es war ein merkwürdiger Moment. Alles schien noch wie einen Augenblick zuvor, aber der Ton und der Inhalt des Gesprächs hatten sich verändert. Jedem Außenstehenden wäre klar gewesen, dass Vater und Tochter plötzlich von Gewichtigerem sprachen als von der Wahl der Garderobe für den Ball der Duchess.

Trenchard antwortete sehr bestimmt. »Noch nicht. Alles muss korrekt vonstatten gehen. Wir sollten auf ein Zeichen von ihm warten. Und jetzt fort mit dir. Schick diesen dummen Schwätzer wieder herein.« Seine Tochter tat wie geheißen und schlüpfte hinaus, aber noch nach ihrem Verschwinden hing James Trenchard seltsam unruhigen Gedanken nach. Dann ging die Tür auf, und Captain Cooper trat herein. Trenchard nickte ihm zu. Zeit, wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Sophia hatte recht. Ihre Mutter wollte nicht auf den Ball gehen. »Wir sind nur gefragt worden, weil jemand abgesagt hat.«

»Was macht das schon?«

»Es ist einfach Unsinn.« Mrs Trenchard schüttelte den Kopf. »Wir werden dort keine Menschenseele kennen.«

»Papa wird Leute kennen.«

Es gab Momente, in denen Anne Trenchard sich über ihre Kinder ärgerte. Sie wussten so wenig vom Leben, und dann diese herablassende Art! Sie waren von klein auf nach Strich und Faden verwöhnt worden, ihr Vater hatte sie verhätschelt, bis sie beide ihre glücklichen Lebensumstände für selbstverständlich hielten und kaum einen Gedanken daran verschwendeten. Sie wussten nichts von dem Weg, den ihre Eltern gegangen waren, aber ihre Mutter erinnerte sich an jeden winzigen Schritt auf dem steinigen Pfad. »Er wird ein paar Offiziere kennen, die zu ihm ins Kontor kommen und Proviant ordern. Die werden nicht schlecht staunen, wenn sie den Ballsaal mit dem Mann teilen, der ihre Leute mit Brot und Bier beliefert.«

»Ich hoffe, vor Lord Bellasis wirst du nicht so reden.«

Mrs Trenchards Züge wurden ein wenig weicher. »Liebes«, sagte sie und nahm die Hand ihrer Tochter zwischen die ihren, »hüte dich vor Luftschlössern.«

Sophia riss ihre Hand los. »Du traust ihm natürlich keine ehrenhaften Absichten zu.«

»Im Gegenteil, ich bin überzeugt, dass Lord Bellasis ein ehrenhafter Mann ist. Und ganz gewiss sehr liebenswert.«

»Na also.«

»Aber er ist der älteste Sohn eines Earls, mein Kind, mit aller Verantwortung, die eine solche Position mit sich bringt. Er kann bei der Wahl seiner Frau nicht nur sein Herz sprechen lassen. Das nehme ich ihm nicht übel. Ihr seid beide jung und seht blendend aus, und ihr habt euren kleinen Flirt genossen, der keinem von euch geschadet hat. Bisher.« Dem letzten Wort gab sie besonderes Gewicht, ein klarer Hinweis, worauf sie hinauswollte. »Aber das muss aufhören, bevor schädliches Gerede aufkommt, sonst wirst du darunter zu leiden haben, Sophia, nicht er.«

»Und dass er uns Einladungen zu dem Ball seiner Tante verschafft hat, bedeutet für dich gar nichts?«

»Es bedeutet für mich nur, dass du ein reizendes Mädchen bist und er dir eine Freude machen möchte. In London wäre ihm das nicht gelungen, aber in Brüssel wirft der Krieg auf alles seine Schatten und setzt die normalen Regeln außer Kraft.«

Letztere Bemerkung brachte Sophia mehr auf als alles andere. »Du meinst, nach den normalen Regeln sind wir für die Freunde der Duchess keine akzeptable Gesellschaft?«

Auf ihre Art stand Mrs Trenchard ihrer Tochter an Charakterstärke nicht nach. »Genau das meine ich, und du weißt, dass es stimmt.«

»Papa wäre anderer Meinung.«

»Dein Vater hat erfolgreich einen weiten Weg zurückgelegt, weiter, als es sich die meisten Leute vorstellen können. Deshalb ist er blind für die natürlichen Grenzen, die seinem Aufstieg gesetzt sind. Sei zufrieden mit dem, was wir heute sind. Dein Vater hat es in der Welt weit gebracht. Darauf kannst du stolz sein.«

Die Tür ging auf, und Mrs Trenchards Zofe trat mit dem Kleid für den Abend ein. »Komme ich zu früh, Madam?«

»Nein, gar nicht, Ellis. Kommen Sie nur herein. Wir waren fertig, nicht wahr?«

»Wenn du meinst, Mama.« Sophia verließ das Zimmer, aber ihr hochgerecktes Kinn verkündete, dass sie sich noch lange nicht geschlagen gab.

Ellis schwieg nachdrücklich, während sie ihren Pflichten nachging, ein Zeichen, dass sie nur so brannte vor Neugier, worüber die beiden Frauen gestritten hatten. Doch Anne ließ sie ein paar Minuten zappeln; sie wartete, bis Ellis ihr Nachmittagskleid aufgeknöpft hatte und sie es von den Schultern gleiten lassen konnte.

Dann sagte sie: »Wir sind am Fünfzehnten zum Ball der Duchess von Richmond eingeladen.«

»Ist nicht wahr!« Mary Ellis war in der Regel mehr als geschickt darin, ihre Gefühle zu verbergen, aber diese Nachricht überrumpelte sie schlichtweg. Doch sie erholte sich rasch. »Das heißt, wir sollten eine Entscheidung über Ihre Garderobe treffen, Madam. Ich brauche Zeit, um sie herzurichten, wenn es denn so ist.«

»Wie wäre es mit dem seidenen Dunkelblauen? Ich habe es in dieser Saison nicht oft getragen. Vielleicht können Sie schwarze Spitze auftreiben, um den Halsausschnitt und die Ärmel zu garnieren.« Anne Trenchard war praktisch veranlagt, aber nicht gänzlich frei von Eitelkeit. Sie hatte sich ihre gute Figur bewahrt, und mit ihrem klaren Profil und dem kastanienbraunen Haar konnte sie durchaus als Schönheit gelten. Das wusste sie auch, ohne sich deshalb närrischen Illusionen hinzugeben.

Ellis kniete auf dem Boden und hielt ihrer Herrin ein strohfarbenes Abendkleid aus Taft hin, damit sie hineinsteigen konnte. »Und der Schmuck, Madam?«

»Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Ich werde wohl tragen, was ich habe.« Sie drehte sich um, damit die Zofe das Kleid im Rücken mit den vergoldeten Stiften schließen konnte.

Anne hatte klar und entschieden mit Sophia gesprochen, was sie nicht bereute. Sophia lebte wie ihr Vater in einer Traumwelt, und solche Träume konnten Unvorsichtige leicht in Schwierigkeiten bringen. Anne lächelte unwillkürlich. Sie hatte gesagt, dass James einen weiten Weg zurückgelegt hatte, aber manchmal zweifelte sie daran, ob selbst Sophia wusste, wie weit er tatsächlich gewesen war.

»Ich nehme an, Lord Bellasis hat die Einladung zum Ball arrangiert?« Ellis blickte vom Boden hoch, wo sie noch immer zu Anne Trenchards Füßen kauerte, um ihre Schuhe zu wechseln.

Anne ärgerte sich über die Frage. Warum sollte sich eine Zofe laut Gedanken darüber machen, wie ihre Herrschaften auf den Olymp der Gästeliste gelangt waren? Oder warum sie überhaupt irgendwo eingeladen wurden? Anne enthielt sich jeder Antwort und überging die Frage einfach. Aber sie begann tatsächlich über die Seltsamkeiten ihres Brüsseler Lebens nachzugrübeln. Seit der große Duke of Wellington auf James aufmerksam geworden war, hatte sich viel für die Trenchards verändert. Eines stand fest: Mochte noch so große Knappheit herrschen, mochten die Kämpfe noch so erbittert sein, die Landstriche noch so leer gefegt, James gelang es stets, irgendwo Nachschub aufzutreiben. Der Duke nannte ihn den »Zauberer«, und James schien tatsächlich einer zu sein. Aber der Erfolg hatte seine maßlosen Ambitionen, die unerreichbaren Gipfel der Gesellschaft doch zu erklimmen, nur noch weiter geschürt, sein Drang nach oben nahm obsessive Ausmaße an. James Trenchard, der Sohn eines Markthändlers, den zu heiraten Annes Vater ihr verboten hatte, empfand es als die natürlichste Sache der Welt, bei einer Duchess zu Gast zu sein. Anne hätte seine ehrgeizigen Wünsche gern lächerlich genannt, hätten sie nicht die unheimliche Eigenschaft besessen, sich zu erfüllen.

Anne hatte wesentlich mehr Bildung genossen als ihr Gatte, wie es sich für eine Lehrerstochter von selbst versteht, und als sie einander begegneten, stand sie schwindelerregend hoch über ihm, eine hervorragende Partie. Aber sie wusste nur zu gut, dass er sie inzwischen um Längen überholt hatte. Sie fragte sich sogar, wie lange sie mit seinem grandiosen Aufstieg noch Schritt halten könnte. Oder sollte sie sich, wenn die Kinder erwachsen wären, in ein schlichtes Cottage auf dem Land zurückziehen und ihm das Gipfelstürmen allein überlassen?

Ellis schloss aus dem Schweigen ihrer Herrschaft, dass sie etwas Unpassendes gesagt hatte, und suchte nach einer Bemerkung, mit der sie sich bei Anne Trenchard wieder einschmeicheln könnte, beschloss dann aber, den Mund zu halten und abzuwarten, bis der Sturm sich legte.

Die Tür ging auf, und James streckte den Kopf herein. »Sie hat es dir also gesagt, ja? Dass er es gedeichselt hat.«