17,99 €
Billy zerschneidet Kinosessel und plant eine schillernde Zukunft anderswo, als Autor von Billy England's Book of Pain oder als Psychotherapeut der Reichen und Schönen in Hollywood. Girl ist Billys Schwester, mixt Cocktails, fährt Taxi, schaut sich die Prinzessinnenpuppen im Einkaufszentrum Freezerworld an und ist auf der Suche nach ihrer Mutter und einem Ausweg. Billy und Girl sind jeder Junge und jedes Mädchen, die vom Schmerz ihrer Kindheit gezeichnet sind, die vergessen, was sie vergessen müssen, die Welten erfinden, von denen sie argwöhnisch hoffen, dass sie besser sein könnten. Mit Billy & Girl entfaltet Deborah Levy ein verzerrtes Märchen über das Aufwachsen am Rande der Gesellschaft und die Wut, die in englischen Vororten zu Hause ist. Billy und Girl sind schick, kaputt und sich selbst überlassen, getrieben von zerstörerischer Sehnsucht. Inmitten des kalten Konsumwahns der neunziger Jahre machen sich die beiden dysfunktionalen Teenager auf die Suche nach etwas, das sie zusammenhält. Unverfroren, multiperspektivisch, bissig und skurril zeichnet Levy in diesem frühen Roman – 1996 erschienen, nun erstmals in deutscher Übersetzung – das Porträt einer verlorenen Jugend, die sich durchschlägt in einer Welt, die so kalt ist wie die Tiefkühltruhen in Freezerworld.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Deborah Levy
Aus dem Englischen von Marion Hertle
AKI
Für Jessica
Billy
Schon bald werden alle Kids in England die Radieschen von unten anschauen.
Das sagt Girl jeden Abend, bevor ich einschlafe. Girl ist meine Schwester, und ich habe Angst vor ihr. Sie ist siebzehn Jahre alt und hat Eis in den Adern. Heute Abend liest sie mir meine Rechte vor.
»Billy«, sagt sie mit einer Stimme wie aus Terpentin, »du hast das Recht, dich über das Wetter zu beschweren. Du hast das Recht, Billy-Produkte zu bewerben, wenn du berühmt bist. Du hast das Recht, mir zu helfen, Mom zu finden, und du hast das Recht, mir zu sagen, was mit Dad passiert ist. Was davon darf es sein?«
Gestern hat sie mir ein Geschenk gekauft. Hohe rote Turnschuhe, in weißes Seidenpapier eingeschlagen. Sie freut sich, wenn ich aussehe wie ein kleiner Gangster, und mir macht es nichts aus, aber jetzt muss ich die Schuhe bezahlen. Manchmal tut meine Schwester so, als sei sie etwas zurückgeblieben, damit sie nicht sprechen oder reagieren muss wie normale Menschen. Gerade wenn man denkt, sie sei im Niemandsland, springt sie einen plötzlich an mit ihren weißen Assifäusten.
Einmal war Girl verliebt. Damals war sie nett zu mir und hat mir ein Badminton-Set gekauft, damit wir im Park damit spielen können. Die Liebe hat sie so high gemacht, dass sie sang und hüpfte und mir den Federball mit dem Schläger zurückspielte. Ihr Liebster hieß Prinz. Er hat mir eine Wasserpistole gekauft und ich habe mir selbst ins Ohr geschossen, die Nasenlöcher hoch, in mein Herz, an die Seite meines Oberschenkels, bevor ich für die Nachbarskatzen mit ihren umwölkten Augen starb.
»Welche suchst du dir aus, Billy?« Girls schwarze Augen sind immer leer, womit sie geschickt den Eindruck eines Hirnschadens vermittelt. Ich bin im Bauch meiner Mutter, die später spurlos verschwinden wird. »Wein nicht«, rügt mich Girl und schürzt ihre schmalen Lippen.
Ich bin im Bauch meiner Mutter. Ich höre Autoalarmanlagen und manchmal höre ich meinen Vater. Er sagt: »Hallo Babylein. Hier ist dein Papa. Wir freuen uns darauf, dich kennenzulernen, Ende der Durchsage.« Ich höre Katzen schnurren und Girl rufen: »Du kommst zu spät, Bruder. Komm endlich raus!« Ich will nicht geboren werden. Ich komme niemals raus. Dad versucht es noch mal: »Hallo Babylein, ich bin’s, dein Papa. Es wird Zeit, sich der Welt zu stellen wie ein Mann – freue mich schon, dich bald zu sehen, Sohnemann. Ende der Durchsage.«
Mom streichelte mir immer über den Kopf, behandelte mich wie ein Baby. Ich würde gern was essen mit Zwiebeln drin. Pizza oder Suppe. Wie Mom sie gemacht hat, bevor sie verschwand. Am Abend, bevor sie mich auf die Welt brachte, schwamm sie in einem kurzen Pyjama und aß Zimtschnecken. Das Leben hätte wunderbar werden können. Wir hätten zusammen zur Videothek gehen können und Eis, Jelly Beans und Microwellenpopcorn kaufen können. Wir hätten zu Hause sitzen, einen Film anschauen und reinschaufeln können.
Girl sagt: »Nein, Billy, das ist die Erinnerung von jemand anderem. Wir waren nie in der Videothek.«
Doch, waren wir. Wenn RoboCop sagt: »Halt dich von Ärger fern«, höre ich auf ihn, aber der Ärger ist in meinem Kopf. Er ist in meiner Brust und meinem Nacken. Nach meiner Geburt habe ich das ganze Krankenhaus zusammengeschrien. Ich heulte, als würde das Herz, das neun Monate zum Wachsen gebraucht hatte, zerbersten und auf das Edelstahltablett, das die Hebamme für den Notfall bereitgestellt hatte, spritzen.
Ich sehe mich klar und deutlich, wie ich damals war. So bin ich zu Bruder Billy im englischen Klima geworden. Ich habe das Leben als Zelle begonnen. Die männlichen und weiblichen Chromosomen verschmelzen. Ich bestehe aus zwei Zellen. Jetzt bin ich eine Ansammlung von Zellen. Plötzlich bin ich ein winziger Embryo, eingebettet in Moms Gebärmutterwand. Im Alter von vier Wochen bin ich zwei Millimeter groß. Langsam bildet sich ein Nervensystem. Noch keine Fingernägel zum Abkauen bisher. Meine Hände und Füße haben Dellen, die zu Fingern und Zehen werden. Ein Rückgrat ist im Entstehen. Zehn Wochen und meine Nieren haben mit der Urinproduktion begonnen. Ich wiege acht Gramm, wie ein Hackfleischbällchen. Am Ende des dritten Monats habe ich eine Stirn, eine kleine Stupsnase und ein Kinn. Pass auf, Familie, denn meine Lippen beginnen sich zu bewegen. Ich komme niemals raus. Nicht mal, um sie zur Schnecke zu machen. Ich werde nicht ankommen. Zur Vorbereitung auf Kummer und Abscheu runzle ich die Stirn. Ich lerne zu schlucken und zu atmen. Mom kotzt auf Dads bestes Elvis-Hemd. Danach futtert sie Salt-and-Vinegar-Chips, und Girl, die immer ihre klebrigen weißen Finger in der Tüte hat, hilft ihr dabei. Zwölf Wochen alt kann ich die Chips zwischen ihren spitzen kleinen Zähnen knuspern hören. Ich höre Moms Herzschlag. Ihr Blut rauschen. Mom weint und Dad weint auch. Girl schnieft nur. Ich höre Türen schlagen. Mit achtzehn Wochen will ich in Rente gehen. Nach meiner Rechnung ist das eine lange Lebenszeit. Ich habe genug. Aber verdammte Fehlanzeige. Mom isst weiter und ich wachse weiter. Vor lauter krasser Angst lutsche ich an meinen Fingern. O Gott. Ich kann etwas schmecken. Dad mit seinem Rocker-Gejaule: »Heeeelloooo, Babylein – wir werden dich Billyyy nennen!« Mom sagt Dad, dass er das Haus verlassen und nie wieder zurückkehren soll. Meine Augen sind fest geschlossen. Ich bin seit sechs Monaten in Mom drin, und wenn ich jetzt geboren werden würde, könnte ich womöglich außerhalb ihres Körpers überleben. Ich brauche eine gutaussehende Anwältin, die Kinder liebt, um meinen Fall vor den Europäischen Gerichtshof zu bringen. Ich habe Zehennägel. Mom sagt Dad, dass ich auf ihre Blase drücke und sie dringend aufs Klo muss. Dad lacht und streichelt ihren Bauch. Und genau da mache ich die Augen auf und beginne zu treten. Acht Monate und meine Hoden rutschen langsam ins Skrotum. Ich habe Schluckauf. Warum? Weil Mom Adrenalin produziert. Es fließt in ihren Blutkreislauf. Sie hat Angst. Ihre Angst schickt Hormone in mich: Ich bin im biochemischen Einklang mit Mom und habe ebenfalls Angst in mir. Jetzt haben meine Fingernägel die Fingerspitzen erreicht. Jetzt wandere ich nach unten, Kopf voraus. Ich habe viel Fett angesammelt für die Welt. Girl singt etwas Grauenhaftes. In Moms Brüsten wartet süßes Zeug auf mich. Ja, auf mich. Billyyyy! Der Punkt ist, ich komme nicht zur Verkostung raus. O nein. Draußen wird kühles Wetter sein, das weiß ich. Ich will nicht ankommen. Nein Nein Nein Nein. O Gott, nein! Die Hebamme betupft Moms Stirn mit einem Handtuch. »Er gibt schon nach, keine Sorge, meine Liebe. Er will ja schließlich die ganze Familie treffen, nicht wahr?«
Vergessen wir die Vorstellungsrunde, ja? Sicher wird sich mir die Familie in ihrem eigenen Tempo vorstellen.
Alle normalen Kinder sollen doch lächeln, oder? Lachen ist genetisch im Körper festgeschrieben. Ich klopfe mir auf meine kleinen weißen Schenkel und gluckse schon jetzt.
Dad fuhr zu einer Tankstelle. Er nahm den Schlauch in den Mund und tankte für fünf Pfund. Dann holte er seine Zigaretten raus und machte sich eine an. Es war das größte Barbecue, das Südlondon je gesehen hat. Mein Vater hatte vorher nie geraucht. Das war seine erste und letzte Zigarette und sein Suizid war das Prächtigste, was er je getan hat. Girl und ich haben das immer wieder besprochen. Wir haben beschlossen, dass er die Packung im Zeitungsladen beim Odeon gekauft haben muss. Die Münzen kalt in seiner Hand. Ein schwarzes Geheimnis im Herzen. Streathams einsamer Cowboy ohne Pferd oder Whiskey, nur eine Idee, bisher nie in Worte gefasst. Die Leute, die mit Wurstbrötchen und Fantadosen aus dem Esso-Shop kamen, gingen schreiend zu Boden. Ein Reporter von einer Zeitung bot Mom die Chance, »der Welt ihr Herz auszuschütten«. Danach kaufte sie Girl eine Sindy-Puppe mit langem blondem Haar, einem blauen Bikini, einer kleinen Perlenkette und einem Plastik-Ferrari mit silbernen Reifen. Eines Abends haben wir Sindy angezündet und zugesehen, wie sie vor unseren Augen schmolz. Dann zog ich los, um mir im Einkaufszentrum durch das Fenster des Fernsehladens Bugs Bunny anzusehen.
Nach meiner Geburt nahm Mom spezielle Schmerzmittel, weil sie sie im Krankenhaus aufgeschnitten hatten, um mich rauszuholen. Ich wollte ja nicht rauskommen. Sie schnitten sie auf und sagten ihr dann sie solle ihre Fersen überkreuzen wie eine Katze. »Überkreuzen Sie die Fersen wie eine Katze«, sagte die Hebamme und riss die Plazenta mit beiden Händen heraus. Ich lag auf Moms Brust, während sie zugenäht wurde und Dad draußen im Flur weinte. Irgendwann streckte er den Kopf zur Tür herein und flüsterte: »Alles okay, Liebes?«
Warum kümmert sich eigentlich niemand um mein Willkommen-auf-der-Welt-Frühstück? Zum Beispiel in Form einer bunten Auswahl an Schmerzmitteln und einer Rasierklinge?
Als Mom mich mit nach Hause nahm, untersuchte sie als Erstes meine Fingernägel. »Schau mal, Girl«, sagte sie, »sie sind bis an den Rand gewachsen und darüber hinaus.« Ich kratzte mir mit meinen scharfen Nägeln das Gesicht auf. Machte kleine Fäuste, hob sie an meine Wangen und kratzte, denn es machte Mom unruhig, und dann küsste sie mich mehr. Sie saß in einem blauen Eimer unter der Dusche, hatte dem Wasser den Duft von Lavendel hinzugefügt. Der Dampf erfüllte den Korridor, in dem Girl und ich saßen und auf sie warteten. »Die Lavendelfelder in der Provence, Billy, die kannst du jetzt riechen«, rief sie durch den Dampf, und Girl und ich sahen, wie der Regen gegen die Scheiben platschte, und zitterten in unseren Secondhand-T-Shirts.
Nachdem sie ihre Geburtswunden gewaschen und ihre Haare gemacht hatte – Mom trug eine Beehive-Frisur, von der Dad sagte, sie sei ein bisschen wie die von Priscilla Presley – humpelte sie nach unten, um für Girl Frühstück zu machen. Bananenkrapfen. Girl wollte alles mit Bananen. Bananenmilchshakes, Bananenpudding, Bananencurry. Mom war ein bisschen nervös wegen Girl und gab ihrem Drängen nach, aus Angst, ihre Tochter würde wieder diese katastrophalen Tränen weinen und nie mehr aufhören. Wenn Girl weint, dreht sich die Welt langsamer. Es ist, als würde ihr dünner weißer Körper in zwei Teile zerbrechen, weil ihr Kummer so umfassend und unendlich ist. An den Tagen, an denen wir Ausflüge aufs Land machten, schrie und brüllte sie, wenn wir kein Pferd gesehen hatten, als wäre das ein schlechtes Omen, als würde ihr der Himmel auf den Kopf fallen. Dad verfiel dann in Verzweiflung und zeigte auf eine grasende Kuh auf einem Feld. »Da ist ein Pferdchen, Girl, siehst du?« Die Lüge schien sie zufriedenzustellen, als würde es genügen, das Tier einfach nur zu nennen, um den Zauberkreis in ihrem aschweißen Kopf zu schließen; dann beruhigte sie sich und schlief ein.
Girl erfand immer Spiele, die wir zusammen spielten. Ihr Lieblingsspiel war das Schraubenspiel. Als sie ein Glas mit schweren Eisenbolzen im Regal unter der Treppe fand, wo alle Nägel und Schrauben aufbewahrt wurden, zeigte sie sie mir, als hätte sie in einer Höhle Gold gefunden. Den ganzen Tag lang dachte sie darüber nach, was mit ihnen anzufangen war, und versteckte sich hinter dem Pony ihres aschblonden Haares, wenn jemand es wagte, sie anzusprechen. »Es ist ein Schmerzspiel, Billy«, flüsterte sie, als Mom das Zimmer verlassen hatte, und im nächsten Augenblick hatte sie mich nach draußen gezerrt und eine Kreidelinie auf den Bürgersteig gemalt, hinter der ich stehen musste. Dann maß sie zwanzig Schritte ab und zog eine zweite Linie, hinter der sie stehen musste. Die Spielregeln sahen vor, dass ich vollkommen stillhalten musste, während sie mit den kleinen Schrauben auf meinen Kopf zielte. Wenn sie mich an einer anderen Stelle trafen, an den Schienbeinen oder den Fingerspitzen, durfte ich nicht weinen. Es war ja schließlich ein Schmerzspiel und der Erfolg bemaß sich darin, wie stoisch der Getroffene sein konnte. Wie wäre es, niemals Schmerz zu spüren? An dem Tag, als Girl die Haut an meiner Stirn zum Platzen brachte und mir Blut übers Gesicht auf mein T-Shirt rann, rief sie: »Nicht blinzeln, Billy!« und nahm mich dann in den Arm, weil ich so ungerührt war. Wenn ich vorgab, keinen Schmerz zu spüren, wusste ich, dass Girl es an meiner Stelle tat. »Du bist ein Held«, sagte sie mit ihrer Saure-Drops-Stimme und leckte das warme Blut mit ihrer Zunge weg, während ich miaute wie ein Kätzchen. Girls Schmerzspiel bereitete mich auf die Prügel von Dad vor. Girl trainierte mich darauf, Schmerz zu empfangen. Es war ihre Art, mich zu beschützen. Mein ganz eigener Personal Pain-Trainer. Zum ersten Mal schlug Dad seine Faust in meine Nieren, als ich sieben war. Mom war weg, und Girl war da. Ich schrie, und meine Schwester wurde sehr still. Sie rauchte daraufhin ihre erste Mentholzigarette. Husten, aber kein Wort.
Ein paar Wochen nachdem Dad sich selbst an der Tankstelle angezündet hatte, nahm mich meine Mutter mit auf eine Busreise in die Nähe von Newcastle, damit ich meinen Großvater kennenlernte. Das ist der Vater meiner Mutter. Sie packte Thunfischsandwiches und eine Kanne Tee ein und setzte mich im Bus auf ihre Knie, obwohl ich zehn Jahre alt war, damit sie nicht für ein zweites Ticket bezahlen musste. Ich schwöre, ich konnte den Gummi auf dem Teer der Straße riechen und das Spray in Moms Haaren, und als wir ankamen, hörten wir einen dicken Mann in einem Pub »England! Awake! Awake! Awake!« singen. Ich saß unter der kleinen karierten Decke, kratzte mich an den Augenlidern und dachte die ganze Zeit daran, wie mein Dad geflüstert hatte: »Heeeelloooo Babylein, hier ist dein Vater, Ende der Durchsage.« Kratz, kratz, und Mom schnappte sich meine Finger und hielt sie fest in ihrer Hand. Grandpa flüsterte mit Mom, beugte sich manchmal zu mir herab mit seinen wässrigen Augen und seinem Bieratem, musterte mich und sah dann wieder weg.
Ich schwöre, nach seinem dritten schlechten Witz dachte ich, o Mann, ich brauch wirklich ne Kippe.
»Du bist mein Balaklava-Engel«, flüstert Girl mir zu, während ich ihr den Spiegel halte und sie ihren Pony schneidet. Nein, bin ich nicht. Ich bin ein Loser mit gebrochenem Herzen. Ich will der Typ aus der Häagen-Dazs-Werbung sein, dem hübsche Mädchen in Unterwäsche Eis über den großen, schönen Körper gießen. Stattdessen bin ich arm, weiß und dumm. Ich nehme mein Messer mit ins Kino und steche im Dunkeln auf die Samtsitze ein. Das ist meine stumme Nachricht an die britische Nation. Schmerz ist wie Bier und Wundverband. Er hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Mein Schmerz hat eine Geschichte. Es ist ein Erlebnis, das nach einer Erklärung verlangt, aber ich weiß nicht mehr, was das Erlebnis war. Es gibt keine Salben, keine Operationen oder Versicherungsformulare, die meine Nerven und Neurotransmitter heilen können. Das Erschaffen und Abschaffen von Schmerz. Trauer ist wie Schmerz. Manchmal kann man sie kaum voneinander trennen. Ich spüre es immer noch in meinem Puls. Man kann Schmerz hervorrufen, indem man die Stellen berührt, die wehtun. Und genau das werden wir tun.
Nachts verstecke ich mich in kleinen Gärten und zähle die TV-Antennen. Ich schlage die Fersen meiner neuen roten Turnschuhe drei Mal aneinander, atme tief ein, halte mir die Nase zu und warte, dass mich der Wind an einen besseren Ort trägt.
Girl
Warum hat das Huhn die Straße überquert? Weil seine Mom verschwunden ist und sein Vater sich selbst angezündet hat. Was dieser Dreckskerl Billy nicht versteht, ist, dass Schmerz kein Rätsel ist. Es ist ein Geheimnis, weil uns nämlich grundlegende Informationen fehlen. Billys Haut ist blau. Bei jedem Wetter. Drinnen und draußen. So blau wie wahrscheinlich der Boden auf dem Jupiter. Wenn sie Billy jemals in ein Raumschiff setzen und ihn zu den Planeten schießen, weiß ich, dass er sich zu Hause fühlen wird, solange er einen Fernseher und einen Vorrat an Popcorn mitnehmen kann. Ich habe ihm ein Cowboyhemd gekauft, damit er es warm hat. Es hat Perlenknöpfe, ein zusätzlicher ist innen in den Ärmel genäht, für den Notfall. Billy schaut jedes Mal nach, ob der Notfallknopf noch da ist, wenn er es anzieht. Es beruhigt und tröstet ihn wie fast nichts anderes. Er will einen Notfallknopf für alles: um aus Albträumen herauszufinden, um Hilfe zu rufen, wenn der Aufzug stecken bleibt, um langweiligen Unterhaltungen zu entkommen.
Er hat ein Tattoo an seinem dürren Oberarm. Ein altmodisches, wie so ein jungfräulicher Seemann, der Männer »Sir« nennt und in einer fremden Bar voller Nutten bei seiner ersten Lucky Strike husten muss. Ich kann kaum glauben, dass er sich dieses dämliche Tattoo hat machen lassen, wie diese fetten Typen da draußen. Es ist ein Anker, mit Rosen und Tauben. Natürlich steht darauf Mutter.
Ich weiß nicht, warum meine Mutter mich Girl genannt hat.
Manchmal glaube ich, dass sie einfach zu faul oder zu depressiv war, um mich bei meinem richtigen Namen, Louise, zu nennen. Also gibt es zwei von mir: Eine hat einen Namen, die andere nicht. Louise ist ein Geheimnis. Niemand kennt den Louise-Teil von mir. Girl ist geblieben und so war es schon immer. Louise ist Englands unsichtbare Mitbürgerin und wenn ich irgendwo lese, wie viele Menschen in diesem Land leben, zähle ich immer noch eine dazu: Louise.
Als ich sieben war, lernte ich statt der Stundenpläne die Namen von jedem einzelnen Reinigungsprodukt auswendig. Meine Mutter wollte keine Tochter, sie wollte eine junge Sklavin. Anstatt wie die Mädchen in den Kinderbüchern mit kleinen schwarz glänzenden Lackschuhen und grünen Schleifen um meine Zöpfe durch den Park zu rennen, rannte ich mit Schaufel und Besen in Unterhosen durchs Haus. Meine Hände steckten immer im dreckigen Wasser, spülten Teller oder knoteten schwarze prallvolle Müllsäcke zu. An dem Tag, als die Abschlussprüfung in Kunst anstand, brachten alle anderen Kinder Schalen mit Obst oder Vasen mit Blumen, um sie für die Prüfung in ›Stillleben‹ in Kohle zu zeichnen. Ich kam mit einer Küchenrolle und einer Sprühflasche Möbelreiniger und signierte meine Zeichnung mit »Girl«.
Billy musste nie einen Finger rühren. Mein Bruder bekam nicht nur einen Namen, meine Mutter tupfte auch Lavendel hinter seine Ohren, obwohl er seit dem Tag, als sie ihn im Krankenhaus aus ihrem Körper gezerrt hatten, aussah wie ein dreister kleiner Wanderprediger. Ich bin keine Sklavin, ist das klar? Ich will eine Liebes-Diva sein.
Der Punkt ist, niemand hat mir je beigebracht, wie man küsst.
Louise wartet auf ihren Prinz. Er wird sie finden und auf einem Pferd zu ihr galoppieren. Jedes einzelne Pferd in England muss gezählt werden, damit Louise das edle Ross erkennt, wenn es auf sie zukommt. Sie wird darauf zeigen und sagen: »O natürlich wusste ich, dass es dieses sein wird, der schöne weiße Hengst, den ich in Kent vom Autofenster aus gesehen habe.« Sie sprachen stumm durch das Autofenster hindurch miteinander und Louise wusste, dass sie ihn ausgewählt hatte und es ihm bestimmt war, sie zu finden. Girl sagt: »Du bringst mich wirklich dazu, Eidechsen zu kotzen, Louise. Ich schneide dir deine langen Haare mit einer Nagelschere ab. Ich zerschneide das Pferd zu Steaks und esse sie roh. Ich ritze mit einer Scherbe das Wort GEFAHR in deinen Arm. Pass auf: Die Vorstellung von Pferd und Prinz ist in die leeren Bahnen deines Nervensystems eingedrungen. Es ist ein Komplott. Es ist ein Bazillus wie Tuberkulose, hust und spuck es jetzt aus deinem Körper heraus!« Aber Louise will nicht hören. Sie wartet auf den großen Tag. Der Prinz ist Dad.
Dad hat sich selbst übertroffen. Er war Lastwagenfahrer und hat mir immer den großen Teddy gezeigt, den er in seiner Fahrerkabine als Glücksbringer aufgehängt hatte. Nach seinem Tod mussten wir seine Kleider in den Müll werfen. Die Ärmel seines Lieblings-Elvis-Shirts breiteten sich aus wie Christus am Kreuz. Ein Held. Ein Erretter. Ein König. Ich habe vergessen, wie er gestorben ist. O Gott. Gib mir meinen Vater zurück, gesund und munter. Gib ihm sein Gesicht zurück. Gib ihm einen Lohn, damit er einen Wocheneinkauf machen kann. Lass ihn mir einen Billardtisch zu Weihnachten schenken. Gib ihm Mut (Hoffnung), damit ich etwas davon abbekomme. Gib ihm Elektrizität (Licht), damit ich ihn sehen kann. Gib ihm Worte, damit er mit mir sprechen kann in meiner Stunde der Not. Gib ihm noch eine Chance, damit er Honig auf meine Weißbrotsandwiches streichen kann. Gib ihn zurück mit einer ganz neuen Haut, ganz ohne den Schmerz, aber gib ihn vor allem mit einem Bündel Zehner in seiner Tasche zurück, denn das macht ihn am glücklichsten und er kann ein Pint trinken ohne Angst im Herzen. Ein armer Mann ist eingehüllt in Schmerz.
Nachdem Dad brannte, fuhr Mutter mit Billy zu Grandpa nach Newcastle. »Er hat einen stechenden Blick, dein Junge«, zischte der alte Clown, als er Billys Blick auffing und zu zittern begann. Meine Mutter strich einfach nur über Billys Stirn, wie sie es immer machte, ganz verrückt nach ihrem Jungen. Sie weinte wegen seiner blauen Flecken. Dad sagte, er würde seinen Sohn nie wieder schlagen. Aber es war, als würde Billy ihn herausfordern. Selbst als er noch ein Baby war, betrieb er Schmerzforschung. Verrückt nach Billy. Als Mom verschwand, hätte Großvater kommen und auf uns aufpassen sollen. Das tat er auch eine Zeit lang. Und dann sagte ich ihm, mit meinen zwölf Jahren, dass er gehen soll. Wir hielten seine Witze nicht mehr aus. »Was ist grün und sitzt auf dem Klo? Ein Kacktus.« Das war zu viel für mich. »Klopf klopf. Wer ist da? Feuer. Feuer wer? Tatütata!« Nach einem Monat dieser Art von Kummer schlug ich vor, dass er nach Hause fahren solle, was er heimlich selbst wollte – und uns einfach nur Geld schicken solle. Wir wollten unsere jungen Geister nicht von Großvaterhumor verderben lassen. »Was ist das Gegenteil von Frühlingserwachen? Spät rechts einschlafen.« Es war gut, dass Grandpa so schnell wieder abgehauen ist. Besser jede Woche seine Kohle zu kriegen und ihm kleine Bildchen auf Dankespapier zu malen.
Ich liebe meinen Bruder. Er ist ein verkrüppelter Engel, fliegt und fällt sieben Tage die Woche. Dieser Junge ist ein Gentechniker, denn seit unsere Mutter verschwunden ist, erfindet er jede Nacht eine neue Mom zum Liebhaben. Ließ seine schönen Lippen. Auf die Plätze, fertig, los!
Ja. Grauenhaft, oder?
Billy riecht nach Colgate und Pommes. Manchmal kokelt er einen Korken an und zeichnet sich einen kleinen Schnurrbart auf die Oberlippe. Das ist seine Männlichkeit. Ich meine, von wem hätte er denn lernen sollen, ein Mann zu sein? Sicher nicht von Dad. Aber Billy, der vielleicht nie ein Mann werden wird, nur eine Spielfigur, die Parodie eines Mannes, wird für mich und sich eine neue Welt erobern. Eine Welt ohne Schmerz. Ist das möglich? Himmel, manchmal wünschte ich, ich hätte rheumatische Arthritis und eine süße junge Krankenschwester würde mir erklären, dass es eine chronisch degenerative Krankheit sei, und mich zweimal die Woche zur Physiotherapie schicken. Schmerz ist der Vorort von Wissen, in dem wir aufgewachsen sind. Kleine Häuser nah beieinander, enge Straßen und schiefe Laternenpfähle. Schmerz hat unsere Verankerung gelöst und uns auf die Nervenbahn geschickt, zu Patel’s English and Continental Groceries, um Schokoriegel zu kaufen.
»Warum hängst du dich an dieser Schmerzgeschichte so auf?« Rajmuss sich oft zurückhalten, um sich nicht über Billy totzulachen. Der Junge ist klein für seine fünfzehn Jahre, reicht Raj bis zur Hüfte, nah genug, um seine Gürtelschnalle zu bewundern. Raj ist überzeugt, dass Billy für irgendwas berühmt werden wird, er hat so etwas an sich. Als würde er sich auf den Ruhm vorbereiten.
»Ich sag’s dir Raj, meine Schwester ist nicht die Einzige, der das hier auf die Nerven geht. Kennst du dieses Wort, Raj? Wahnsinnig?«
Jetzt, da Raj eine Teilzeitlehre als Mechaniker macht, arbeitet er nur noch drei Tage die Woche im Laden seines Vaters, Patel’s English and Continental Groceries. Billy unterhält sich gern mit Raj. Zum einen weil der Laden nicht weit entfernt ist, nur kurz die Straße runter, und dann ist Raj auch noch ein Publikum, das nicht fliehen kann. Er kann nicht einfach gehen, wenn er sich langweilt.
»Wie kommt es, Raj, dass du das Wort ›Whiskas‹ kennst, aber nicht das Wort ›wahnsinnig‹? Schmerz ist ein Ereignis, das nach einer Interpretation verlangt. Deswegen rede ich immer davon. Ich schreibe ein Buch, das habe ich dir schon so manches Mal im Pickled Newt erzählt.«
»Ja?« Raj sieht tatsächlich beeindruckt aus. Manchmal nimmt er Billy mit auf ein Bier ins Pickled Newt und gibt ihm eine Aufgabe zu lösen. Der Junge hält sich für einen Experten des menschlichen Geists, und es ist wahr, er hat die Nase immer in einem Buch. Er streckt die Hand nach dem Regal mit den Keksen aus und öffnet eine Packung Jaffa Cakes. Besser Billy England aufpäppeln. Er hat ja keine Mom, die für ihn kocht, nicht wahr? »Wie soll es heißen?«
»Billy Englands Buch des Schmerzes.«
Raj knabbert systematisch die ganze Schoko von seinem Jaffa und wedelt mit der Packung in Billys Richtung. Der Junge schüttelt den Kopf, in Gedanken versunken.
»Ich hätte auf die Universität gehen sollen, als ich sechs war. Das Studium des Geistes ist mein Lebenswerk. Ich hätte in Bibliotheken Bücher lesen sollen, statt zu Hause zu sitzen und Milchshakes für Girl zu machen. Am Rand Notizen machen. Sätze mit meinem Bleistiftstummel unterstreichen. Hätte mit Mädchen auf Dates gehen sollen.«
Raj will den Laden zumachen und ein Pint trinken gehen. Es war ein langer Tag, vor allem weil der Doofenclub, also die Bewohner aus dem Viertel, den Laden genutzt haben, um dort den ganzen Tag über ihre Themen zu sprechen. Sie stehen zusammengedrängt beim Kühlfach, tun so, als würden sie eine Packung Zucker kaufen, und diskutieren, wie es kommt, dass manche Leute ihr Geschirr spülen und dann nicht dran denken, den Schaum unter dem Wasserhahn nachzuspülen. Wenn man sich dann ein Sandwich macht, klar, und es auf einen Teller legt, der nicht nachgespült ist, schmeckt das Brot nach Spülmittel. Das ist nur eins der vielen Themen des Doofenclubs, über die sie Tag für Tag sprechen. Rajs Vater hat mal versucht, den Club aus dem Laden rauszufrieren, und hat die Heizung komplett ausgeschaltet. Seine Familie bekam eine schlimme Grippe, doch der Doofenclub zeigte sich der Situation gewachsen und hielt stand. Sie kamen dick eingepackt in Extra-Pullis und Mützen in den Laden geschlurft, klopften sich auf die Oberarme, vereint und fröhlich, während seine Kinder und seine Frau mit Antibiotika im Bett zitterten.
»Ich habe verzichtet, Raj! Als ich mir die Haare schneiden ließ, hätte ich nervös werden sollen, dass die neue Frisur meiner Freundin nicht gefallen könnte. Wir hätten zusammen ins Kino gehen und eine Packung Schokorosinen essen sollen. Wir hätten für zwei Wochen nach Phuket fahren können! Stattdessen hänge ich hier mit meiner verrückten Schlampenschwester fest.«
Raj interessiert sich für die verrückte Schwester. Es gibt nicht viele gutaussehende Siebzehnjährige in der Straße. »Vergiss ihre Mentholzigaretten nicht.« Er knallt eine Zehnerpackung mit Bildern von schneebeladenen Eukalyptusbäumen auf die Theke. »Geschenk von mir. Sag ihr, sie soll mal vorbeikommen, habe sie schon eine ganze Weile nicht gesehen.«
»Soll ich dir sagen, wo sie ist?« Billy weiß, dass Raj immer gern wissen will, wo Girl ist.
»Wo denn?«
»Sie macht einen Mom-Check.«
»Was ist ein Mom-Check?«
Billy entscheidet sich doch noch für einen Jaffa. »Sie klopft an die Tür von irgendeinem Haus und tut so, als wäre die Frau, die die Tür aufmacht, unsere Mutter.«
»Echt?«
»Traurig«, spottet Billy.
»Warum sagst du ›Mom‹? Das ist amerikanisch, oder nicht?«
»Vom Fernsehen. Wir mögen Moms aus amerikanischen Sitcoms.«
Raj nickt, verwirrt. Es ist ganz schön, ein wenig verwirrt zu sein, mal was anderes, als wenn immer nur der Doofenclub laut die Nahrungsmittelinformationen von einer Packung Margarine vorliest.
Die A27 ist eine Ringstraße, die um London führt. Eine dreispurige Stadtstraße. Der Himmel ist grau und der Beton ist grau. Girl bittet den Taxifahrer kurz anzuhalten, damit sie sich die Häuser aus den dreißiger Jahren am Ufer des Highways anschauen kann. Kieselrauputz. Altmodische Blumen wachsen in der Auffahrt. Hohe, lilafarbene Gladiolen und gepflegte Geißblattbüsche. Vergitterte Fenster. In jeder sauber gefegten Auffahrt ein poliertes Auto.
»Wollen Sie hier ein Haus kaufen?«, höhnt der Fahrer hinter vorgehaltener Hand.
Als Girl das Fenster runterkurbelt, bricht der Hebel ab. Schaumfüllung quillt aus dem Rücksitz. Rostige Federn stechen Girl in die Hüfte. »Ihr Auto ist ein verdammter Haufen Scheiße.«
Der Fahrer kann sich nicht entscheiden, ob sie ein Rockstar oder eine Irre ist. »Kümmern Sie sich nicht drum«, sagt er, um auf Nummer sicher zu gehen.
»Tu ich nicht.« Plötzlich macht Girl die Autotür auf und eine Staubwolke fliegt ihr ins Gesicht.
»Verrückte Fotze.« Der Fahrer lehnt sich in ihre Richtung, versucht aber die Hände am Steuer zu behalten, als die Tür aus ihren losen Angeln reißt. Sie schleift auf dem Beton, und Girl springt raus und schlängelt sich durch den Verkehr auf die andere Seite. Die andere Seite ist wichtig für Girl. Dahin will sie es immer schaffen.
