Biosphären - Gottfried Abrath - E-Book

Biosphären E-Book

Gottfried Abrath

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Beschreibung

33 Kurzbiographien zu bemerkenswerten, skurrilen, tragischen oder interessanten Lebensläufen. In 9 Abschnitten, die den Themen "Wachsen und Werden", "Liebe und Leidenschaft", "Schnulzen und tiefergehende Töne", "Tierisch gut", "Wahre und andere Herscher*innen", "Töten", "Durch Zufall berühmt", "Sterben und überleben" gewidmet sind, stellt der Autor auf leichte und dennoch gut wissenschaftlich begründete Art das Leben von bekannten und unbekannten Personen dar. Von grauer Vorzeit in Mexiko bis hin zu Coronazeiten sind alle Epochen und mehrere Kontinente vertreten. Einbezogen wurden: John Ruskin, Pierre d´Ailly, Martin Luther, Abigail, Mariana Alcoforado, Vico Torriani, Theodore Bikel, Billie Holiday, das Pferd der kluge Hans, der weiße Wal im Rhein, Karl Barth und Charlotte von Kirschbaum, Rainer Maria Rilke, Pinyin Cixi, Engelle Kerckerinck, Zita von Bourbon, Jesus, Julia Agrippina d.J., Hypathia, Monika Ertl, Claus Schenk von Stauffenberg, Jean Paul Marat und Charlotte Corday, Tamar, Helmut Eckhoff, Albert Einstein, Abdel-Kader Zaaf, Ellil Bani, Riccardo Ehramn und Günter Schabowski, die Magdalenenflut, Naia, Edith Kwoizalla, Jean Calment und James Dean. Abrath bietet lohnende und leicht verpackte Einblicke in die Weltgeschichte, setzt sich mit Themen wie Tyrannenmord und Kolonialismus, Todesstrafe und Jugendwahn auseinander.

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Bilder auf dem Cover aus gemeinfreien Bilder unter Common zero licence, wikipedia.org, zwei Bilder aus dem Werk Große Frauen in der Bibel, Luzern 1993.

Inhalt

Kurzes Vorwort

WACHSEN UND WERDEN

1 Mal was Schönes

(John Ruskin, 1819-1900)

2 Die irrtümliche Entdeckung Amerikas

(Pierre d´Ailly, 1350-1420)

3 Reformatorische Wundernacht in Worms 1521

(Martin Luther, 1483-1546)

4 Geniale Deeskalationstrainerin

(Abigail, ca. 1000 v. Chr.)

LIEBE UND LEIDENSCHAFT

5 Liebesbriefe aus dem Kloster

(Soror Mariana Alcoforado, 1640-1723)

6 Stern aus der Zerbrochenheit

(Frida Kahlo, 1907-1954)

SCHNULZEN UND TIEFERE TÖNE

7 Wer ist der Erzeuger?

(Vico Torriani, 1920-1998)

8 Dieser Ton saß kindheitstief

(Theodore Bikel, 1924-2015)

9 Bitterfrüchte in Südstaatenidylle

(Billie Holiday, 1915-1959 & Abel Meeropol, 1903-1986)

TIERISCH GUT

10 Ein Pferd, das rechnen kann

(Der kluge Hans, 1895- nach 1916)

11 Der weiße Wal im Rhein

(1966)

12 Noch ´n weißer Wal, eher im Regal

(Karl Barth, 1886-1968 & Charlotte von Kirschbaum, 1899-1975)

13 Haben Tiere eine Seele?

(Rainer Maria Rilke, 1875-1926)

WAHRE UND ANDERE HERRSCHER*INNEN

14 Kaiserin hinter dem Vorhang

(Pinyin Cixi, 1835-1908)

15 Das gefährliche Leben der Königin von Münster

(Engelle Kerckerinck, ca. 1517-1555)

16 Der unerfüllte Herrschaftstitel

(Zita von Bourbon-Parma, 1892-1989)

17 Das erste Bild von Jesus

TÖTEN

18 Vergiftete Atmosphäre

(Julia Agrippina d.J., 15/16 – 59)

19 Frühkirchliche Intoleranz gegen Philosophin

(Hypathia, 355-415/6)

20 Wie Ché Guevara in Hamburg gerächt wurde

(Monika Ertl, 1937-1973)

21 Die tragischen Zufälle am 20. Juli 1944

(Claus Schenk Graf von Stauffenberg, 1907-1944)

22 Der blutende Tod der Revolution

(Das Gemälde von der Ermordung Jean Paul Marats, 1793)

GELINGEN UND GERECHTIGKEIT

23 Mit List schwanger werden

Tamar, 18. Jhr. v. Chr.)

24 Pilgerreise zur Vergebung

(Helmut Eckhoff, 1915-2015)

25 Leben aus dem Gegensatz

(Albert Einstein, 1879-1955)

DURCH ZUFALL BERÜHMT

26 Die tragischen Helden der Tour de France

(1950 u.a.)

27 Der Gärtner wird zum König

(Ellil Bani, 3000 v. Chr.)

28 Der merkwürdige Mauerfall

(Riccardo Ehrmann, *1929 und Günter Schabowski, 1929-2015)

STERBEN UND ÜBERLEBEN

29 Flutkatastrophe in Deutschland

(die Magdalenenflut 1542)

30 Eine 15jährige ist die älteste Amerikanerin

(Naia, 11000 v. Chr.)

31 Der historische Pieks gegen Corona

(Edith Kwoizalla, *1919)

32 Die Frau mit dem höchsten Lebensalter macht ein gutes Geschäft

(Jean Calment, 1875-1997)

33 Unsterbliche Jugend

(James Dean, 1931-1955)

Kurzes Vorwort

Biographien lese ich ausgesprochen gern, denn sie zeigen die Zeit in einer ausgeschnittenen Perspektive und fügen Mosaiksteinchen detaillierten Kennenlernens dem großen Gesamtbild so hinzu, dass man es eher verkraftet.

Aber um eine richtig gute Biographie zu schreiben braucht man Jahre und unter Umständen mehr als 1000 Seiten, man muss vorn beginnen und beim Tod enden, sonst wird es nichts mit dem Ganzen.

Das war nicht meine Absicht. Es sind hier vielmehr ganz kurze Beschreibungen, sozusagen Häppchen entstanden, oft aus einer bestimmten Situation heraus. Weniger wissenschaftliche Analyse als mehr eine interpretierende Zusammenfassung, die ganz sicher nicht dem Ganzen des hier beschriebenen Menschen gerecht wird. Gleichwohl geht es auch nicht um amüsante Anekdoten, sondern sehr wohl um Wesentliches an der betrachteten Person, um historische Zusammenhänge, einen von mir erkannt geglaubten Kern seines Daseins, den ich in künstlerischer aber doch gewissenhaft den Quellen verschriebener Weise ausführe und mit mir selbst verbinde.1

Also, es bleibt bruchstückhaft, freischwebend, interpretierend und ist nicht aus jahrelanger Beschäftigung gespeist. Dennoch meine ich Lesenswertes entdeckt zu haben. Für Hinweise auf offenkundige Fehler bin ich dankbar.

Ich habe mich darum bemüht, die Geschlechter gleichmäßig zu berücksichtigen und auch auf ein Tiere oder sogar ein Gemälde und eine Flut als Bezugspunkt zurückgegriffen. Jedes Ding hat halt seine Zeit.

In neun Rubriken und 33 Kapiteln soll es beschrieben sein. Die Reihenfolge schließt sich in etwa der Logik des Lebenszyklus an, der mit dem Werden beginnt und mit dem Tod endet.2 Letzterer hat leider ein gewisses Übergewicht, leider auch das Töten, woran mag dies liegen? Und selbst das ist nicht immer dasselbe. Doch zuallerletzt geht dann auch noch etwas darüber hinaus.

1 Die Lebenseindrücke wurden im Netz als Podcast veröffentlicht unter anchor.fm/gottfried-abrath: El Schalom. Geschichte und Geschichten (2021). Quellengrundlage war, soweit nicht anders angeführt, das www, insbesondere die Artikel unter Wikipedia, auch viele Filme unter Youtube etc., was ich hierdurch allgemein als Quellenbasis angebe. Was ist nun abgekupfert und was selbst herausgearbeitet? – entschuldigen Sie, das weiß ich nicht immer zu unterscheiden. Doch ich kann versprechen, so gewissenhaft als möglich gearbeitet zu haben.

2 Zu meinem eigenen Bedauern fehlt hier aber eine echte Geburtsgeschichte, die einmal geplant war, dann aber doch nicht passte. Das wird nachgeholt, bestimmt!

I. WACHSEN UND WERDEN

1 Mal was Schönes John Ruskin (1819-1900)

Was ist eigentlich schön? Eine verschneite Winterlandschaft in der Sonne? Ganz bestimmt. Aber wenn ich mit dem Auto da durchmuss, den Schnee wegräume oder wenn ich sogar ausrutsche, na dann wohl weniger. Vielleicht ein Sternenhimmel, eine junge Frau anzuschauen? Aber warum nicht eine Alte oder einen Mann? Wäre es schön, wenn ich alle duzte oder doch lieber nicht? Ein lachendes Kind, ja bestimmt. Im Sessel zu sitzen und ein gutes Buch zu lesen. Dieses Bild da an der Wand? – Was ist schön? Die Ansichten darüber können sehr verschieden sein.

Einer, der sich ganz besonders mit dem Schönen befasst hat, ist John Ruskin, im Norden Englands geboren, nahe der schottischen Grenze, 1819.

Das war eine Zeit als Napoleon bereits auf St. Helena gefangen saß und seinem baldigen Ende entgegenging, während sich England im Sieg von Waterloo sonnte und sein Weltreich aufbaute. In Deutschland träumte man dagegen noch in kleinstaatlichen Strukturen romantisch vor sich hin, Spitzweg malte seine idyllischen Bilder, Schubert und Schumann schrieben ihre Liebeslieder, Goethe dichtete noch und das Theater erlebte seine große Zeit.

John Ruskin jedenfalls wuchs als Einzelkind schon leicht betagter Eltern auf, gut behütet und mit Reichtum gesegnet – der Vater hatte sein Vermögen im Sherry-Handel gemacht. Und hatte man Zeit für Besichtigungen, die Eltern reisten mit ihm durch halb Europa, Paris, Schwarzwald bis in die Alpen und der junge Mann saugte alles in sich auf, wie man sehen wird.

Als er mit 21 Jahren an Tuberkulose erkrankt, nehmen ihn die Eltern zur Gesundung mit nach Venedig, was wohl noch tieferen Eindruck hinterließ, wie sich später in seinem großen Werk über die Lagunenstadt zeigt.

Die Eltern vermittelten dem einzigen Sohn Idealvorstellungen des Schönen. Die Mutter betete, erzählte aus der Bibel und hätte ihn gern als Diener der Kirche gesehen. Der Vater las ihm aus Robinson Crusoe und Shakespeare vor und schenkte ihm Bilder des englischen Malers William Turner. Darauf sind vor allem Schiffe zu sehen, wie es einer Seefahrernation geziemt, doch eher verwischt und undeutlich, vor allem mit viel Licht. So etwas hing im Original im Hause der Ruskins.

Als John seinen 26. Geburtstag feierte, kam Turner als Überraschungsgast hinzu, unter dem Arm eine Anzahl von Zeichnungen, die er dem jungen Bewunderer schenkte.

Als Turner sechs Jahre später stirbt, wird John Ruskin so etwas wie sein Nachlassverwalter, ordnet die vielen Skizzen und stößt schockiert auf erotische Zeichnungen, die er, wie er spät gesteht, verbrannte.

Sein Verhältnis zur modernen Kunst war einseitig geprägt, mit engen Kriterien möchte er beurteilen, was erlaubt ist und was nicht. Das zeigt sich später, als Ruskin schon im Seniorenalter ist und ein Bild von James Whistler niedermacht: dieser Maler habe einen Topf Farbe den Leuten ins Gesicht geschleudert und sei ein ästhetischer Terrorist. So sehr sieht ein Laie nicht den entscheidenden Unterschied zu Turner, schon aber, dass Whistler eher im Finsteren weitermalt als der Lichtkünstler.

Darüber jedenfalls kam es zu einem Prozess, den Ruskin verlor.

Auch sein Verhältnis zu den Frauen scheint alles andere als normal. Vielleicht betrachtete er sie auch eher wie ein Bild, das man nicht anrührt oder eine Skulptur, die man bewundert und war nicht imstande, den Alltag mit ihnen zu leben.

So ging es mit seiner Ehe wenig gut. Effie Gray, durchaus ansehnlich, die er 1848 geheiratet hatte, flirtete schon bald mit anderen, besonders dann mit dem Maler Millais. Es kommt zur Trennung. Effie war danach noch Jungfrau.

So versäumte er das Schönste im Leben.

Ruskin gibt Zeichenunterricht, u.a. der 9jährigen Rose la Touche und ihren Brüdern. Er verliebt sich in diese Unschuld und macht ihr einen Heiratsantrag, als sie 18 ist, er aber bereits 50. Er wird hingehalten, sie erbittet Zeit, lehnt dann aber endgültig ab, drei Jahre bevor sie sehr jung stirbt.

Und da war noch Kate Greenaway, eine Malerin, die er bewundert aber auch dominiert, eine platonische Altersliebe, was nicht hindert, dass sie in Babysprache miteinander kommunizieren und sie ihre Briefe mit zahllosen Küssen unterzeichnet.

Die eigentliche Lebensleistung John Ruskins aber war die Förderung des Kunstsinns auf allen Ebenen und es ist sehr berechtigt, dass er die erste Kunstprofessur in Oxford bekleidet.

Da widmet er sich vor allem der Architektur. Ein Gebäude dient nicht einfach dem Schutz, sondern der geistigen Stärkung und damit der Gesundheit des Menschen. Darüber schreibt er in mehreren wegweisenden Kunstbänden, über die „Steine von Venedig“, über „die sieben Leuchter der Baukunst“. Er malt auch, zeichnet und begründet eine Schule des Sehens: „Es gibt immer noch mehr, was in der Welt zu sehen ist.“ Er plädierte für eine Verlangsamung, ein genaueres Hinschauen.

Ruskin war Kunstkritiker und Pionier des interdisziplinären Dialogs. Am Erstaunlichsten aber ist wohl die Wirkung, die er erzielt hat. Das Betrachten von Kunst hat er durch sein Werk verfeinert und gefördert, es entstanden immer neue Zirkel, in denen Kunst besprochen wurde, Museumsbesuche wurden erstmals zu einer Leidenschaft. Es war die Zeit der großen Ausgrabungen der Antike. Man fühlte dem Mittelalter nach, der Gotik und Renaissance, romantisierte alte Zeiten neu.

Seine Befürchtung war, dass die Städte immer hässlicher würden, was uns nachdenklich machen muss. Und schon damals wurden Blumenbeete angelegt und Pflanzen ins Fenster gestellt, was wir übernommen haben.

Besonders die schöne Landschaft war ihm wichtig, sie sollte nicht durch Eisenbahnen verschandelt werden und er initiierte den Aufkauf von Ländereien mit entsprechenden Auflagen. Was hätte er nur zur heutigen Zersiedelung gesagt!

Auch war er ein Sozialreformer und kümmerte sich um Anliegen der Arbeiterschaft. Für die Laborparty war er wohl eine wichtigere Gallionsfigur als Karl Marx, auch sein Bart wurde lang und länger.

Es wurde von dem „Evangelium der Schönheit“ und von Glaubensbekenntnissen zur Kunst gesprochen, etwas weitgehend. „Was schön ist, bleibt eine Freude für immer“, brachte er es in einem „Lehrsatz“ auf den Punkt. Es gehe nicht um das Nützliche, sondern das Kostbare, etwas, das zusätzlich sei wie ein Schnörkel, eben zur Freude. Damit hat Ruskin sicher den modernen Schönheitsbegriff mitgeprägt, weit über England hinaus. Bis zum Ersten Weltkrieg hielt die große ästhetische Bewegung an und wich erst der scheinbaren Notwendigkeit, die Kunst aus „kriegswichtigen“ Gründen zerstören zu müssen.

Dies musste der Begründer solcher Ästhetik nicht mehr miterleben.

Heute ist man nach zwei Weltkriegen noch immer damit beschäftigt, das Zerstörte wiederaufzubauen und in Verlegenheit einer eigenen Ästhetik bestrebt, das Alte zu restaurieren, anzuknüpfen an dem lange vergangenen Vorher. Das sieht man in Dresden, auch in Berlin, etwa in den Diskussionen um das kürzlich eröffnete Schloss, von dem nun wirklich gar nichts mehr an Ruine stand. Es wird ein umstrittenes Thema bleiben.

Schön aber ist die Wertschätzung, die die Kunst heutzutage hat, die Breitenwirkung der Malerei etwa, auch derer, die die Zerstörung reflektiert und nicht nur die Romantik, die Vielfalt in der Musik, die Aussagekraft moderner Architektur. Schönheit entsteht vor allem im langen Frieden und das ist wirklich schön.

2 Die irrtümliche Entdeckung Amerikas Pierre d´Ailly (1350-1420)

Manche Irrtümer führen dennoch zu beachtlichen Ergebnissen, diese Fehlberechnung revolutionierte in ihrer Folge gar das Verständnis der Welt und markiert den Beginn der Neuzeit. Es geht im wahrsten Sinn um das Welt-Bild.

Dass die Welt eine Kugel sei, ahnte man schon seit Aristoteles und diese Annahme ging durchaus im Mittelalter nicht verloren, wenn es auch wohl einige lustige Gesellen gegeben hat, die weiterhin meinten, unsere Erde sei eine Scheibe und man könne herunterfallen, wenn man über den Rand hinausreise. Wenn sie aber, wie man allgemein dachte, eine Kugel ist, dann kann man auf ihr drum herumfahren und kommt hinterher da wieder an, woher man kam. So einfach uns das heute erscheint, im Mittelalter war es ein Gedankenspiel und für den, der es wirklich wollte, ein so ungewisses Unternehmen wie etwa ein bemanntes Kommando zum Mars, äußerst kostspielig und höchstwahrscheinlich lebensgefährlich.

Zuerst aber brauchte man neben dem Gedanken noch die Berechnung und der, der sie durchführte, hatte wohl Ablenkung nötig, als er 1410 ein Buch über das „Bild der Welt“ – Imago mundi – schrieb.

Es war Pierre d´Ailly, in der Mitte des 14.Jahrhunderts in Nordfrankreich geboren, der zunächst eine Universitäts-Karriere begann und es schnell in vielen Wissenschaften sehr weit brachte: mit 25 Professor, mit 35 Rektor der Pariser Uni, mit 45 Bischof, Beichtvater des französischen Königs und Gesandter des Papstes im Deutschen Reich, erfolgreicher Buchautor und anerkannter Wissenschaftler, schließlich Kardinal, gefragt und gern gehört.

Aber es waren äußerst komplizierte Zeiten. Hoch schlugen die Wogen in der Kirche des Abendlandes. Frankreich und Italien konkurrierten darin, wer den Papst bei sich beherbergen dürfe. Eine Zeitlang war er in Avignon zu Hause, dann wieder in Rom, schließlich aber hatte man einen hier und einen dort. Die Kirche drohte sich aufzuspalten, den großen Fürsten gefiel das, denn sie konnten so ihre Macht besser durchsetzen. Schließlich wählte man einen dritten Papst, doch keiner der beiden anderen wollte wieder abtreten. Zudem hatte John Wiclif sehr offen gegen die päpstliche Allmacht protestiert. Sein „Schüler“ Johann Hus predigte gegen das Lasterleben der Kirchenleute und Hieronymus von Prag wollte gleich die ganze Kirche reformieren.

Pierre nahm regen Anteil an der Sache, rief zu einem Konzil in Pisa auf, stellte überhaupt die Macht eines solchen über den Papst, nicht dieser, sondern das Konzil sei unfehlbar und jeder Christ kann es einberufen, betonte er. Hört, hört! Doch wie viel vergebliche Mühe war es zunächst, dieses Zusammenkommen, die langwierige Kompromisssuche. Man kann es sich denken. Dann scheitern die Verhandlungen inmitten der Machtinteressen Europas.

Da aber stellte sich der deutsche König auf die Seite der Lösungssucher und berief ein neues Konzil nach Konstanz ein. Eine Weltversammlung, die Vereinten Nationen des Mittelalters kamen zusammen, und in die kleine Stadt mit 6000 Einwohner*innen reisten 70.000 Gäste ein. Was für eine Herausforderung, welche Chance aber auch! Man machte Geschäfte, erfand wohl den ersten mobilen Pizza-Service3, wie auf einer Abbildung zu erkennen, beköstigte und bewirtete alle Interessen, erleichtert durch die gemeinsame Sprache, denn alle konversierten lateinisch. Teuer war es, wie der Minnesänger Oskar Wolkenstein bänkelt: „Denk ich an den Bodensee, tut mir gleich der Beutel weh!“4 Und mitten in dieser Enge Pierre d´Ailly, dessen Name sehr an eine deutsche Fernsehshow der 70er Jahre erinnert, ein drängendes Wort im Grunde. Der Franzose war federführend beteiligt und führte im Interesse der Christenheit die streitenden Parteien schließlich nach drei Jahren zueinander, so dass nun wirklich nur noch ein Papst gewählt wurde, der einzige übrigens, dessen Wahl in Deutschland sich vollzog. Bedauerlicherweise zündelte d´Ailly dabei sowohl am Scheiterhaufen für Hus wie für Hieronymus, die er dort verhörte. Diese Kritiker waren ihm dann doch im Weg, wo er die große Einheit suchte. „Den Alten den Glauben zu entziehen wage ich nicht“, hatte er in Imago mundi geschrieben.5

So könnte man sich wohl mit Kopfschütteln von diesem Kleriker abwenden, doch das wäre zu kurz gedacht, denn seine Wissenschaft reicht weit über die Bedeutung des Konstanzer Konzils und die scheußlichen Scheiterhaufen hinaus.

Er sieht auf einer zeitgenössischen Abbildung eher bekümmert aus, wie ein etwas ausgezehrter Asket und offensichtlicher Bücherfreund, wie er da seine Finger über die Buchstaben gleiten lässt. An der Wand hängt ein Hut, der fast an einen Cowboyhut denken lässt. Das hätte gepasst, er gehörte aber wohl zur Kardinalstracht. Pierre d´Ailly also scheint viel mehr Wissenschaftler und Forscher gewesen zu sein, auf der Suche nach Erklärungen, mit der Sehnsucht nach weltumspannender Einigkeit im Herzen. Ja, Ablenkung hatte er nötig, nachdem er das erste Konzil in Pisa hatte scheitern sehen, was ihn schwer erschütterte. Und er ließ seinen Blick schweifen, weit in den Himmel hinein, interessierte sich für Astrologie. Ist dieses Schisma der Kirche nicht ein Zeichen für das nahende Ende der Welt? Da sah er Sonne, Mond und Sterne und weil es eben so logisch schien, die Erde in der Mitte, wie er es aufzeichnet. Selbst Kopernikus traute es sich 113 Jahre später kaum laut zu sagen und heute wissen wir, dass auch die Sonne eher am Rande des Universums liegt. Aber unser Petrus hatte noch andere Ideen: wenn denn nun die Erde eine Kugel ist, wie groß wird sie sein? Und er fing an zu rechnen und kam – das will uns merkwürdig scheinen – darauf, dass man nach etwa 4500 Kilometern von Europa aus gesehen wohl in Cipango wäre, was Japan heißt. Und es wurde aufgeschrieben, natürlich handschriftlich und schön verziert, wie heutzutage natürlich digital anzuschauen6, die Anfangsbuchstaben rot gemalt. Ein paar Skizzen sind auch dabei, wenn man es, wie ich, mit dem Latein nicht so hat. Forschungen kurz danach rechneten näher an der Wahrheit und den Kilometern. Aber nun geriet gerade dieses Werk unsres Pierre, das inzwischen gedruckt vorlag, 70 Jahre später in die Hände eines gewissen Colon aus Genua, ein Seefahrer. Und bei dem keimten die Gedanken des Kardinals auf besondere und jetzt praktische Weise. Hier wuchs die Vorstellung von einem völlig neuen, nie versuchten Weg. Denn dieser Franzose hatte die Gedanken des Altertums zu einer Überquerung des Atlantik nach Westen dargelegt: viel günstiger, viel kürzer und sicher! Wie es doch so schön heißt: „… lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer!“7

Christóbal Colon, im Deutschen unter Kolumbus bekannt, war von dieser Idee und dem Meer und dem Noch-Mehr so befeuert und ohnehin ein weltorientierter Abenteurer, dass er nach langen Überredungskünsten den Königen von Portugal und Spanien gegenüber schließlich lossegeln durfte und wie bekannt am 12. Oktober 1492 eine vermeintlich neue Welt entdeckte. Das aber wäre zu diesem Zeitpunkt sicher nicht geschehen, wenn man die 20.000 Kilometer zugrunde gelegt hätte bis nach Cipango. Folgenschwerer Irrtum, doch eben Gründungsdatum einer neuen Zeit. Entdeckt hatten Amerika viel Tausend Jahre früher Leute aus Asien, von da aus war es auch nahliegend. Später dann die Wikinger, aber sie hatten ihr Wissen nicht so recht zu einem Weltwissen gemacht. Nun war es endgültig klar und die Erde auch bald umrundet. Das hat alles verändert.

Der Kontinent bekam nicht den Namen des Kolumbus, nur ein Staat in Südamerika, wo er allerdings nie war. Noch mehr Pech hatte hingegen Pierre d´Ailly. Er geriet bis 1935 völlig in Vergessenheit, bis dann endlich die Internationale Astronomische Union einen Einschlagkrater auf der Mondvorderseite nach ihm benannte. Wie treffend!

3 Ein Bild aus der zeitgenössischen Chronik von U. v. Richental, vgl. Darstellung in dem Dokumentarfilm des SWR von 2015, https:// www.youtube.com/watch?v=LMIzHtGvCh0, Abruf am 01.11. 2021.

4 Ebd.

5 So nach Felicitas Schmieder, „Den Alten den Glauben zu entziehen wage ich nicht“. Spätmittelalterliche Welterkenntnis zwischen Tradition und Augenschein, in: Gian Luca Potestà, Autorität und Wahrheit. Kirchliche Vorstellungen, Normen und Verfahren, München 2012, 65-77 s. https://ub-deposit.fernuni-hagen.de/receive/mir_mods_00001479.

6 Die Handschrift ist digitalisiert und einsehbar unter https://www.e-codices.unifr.ch/de/ubb/F-IV-0024/1r, Zugriff am 8.2.2021.

7 Antoine de St. Exupery in seinem Gedicht „Das Schiff“.

3 Reformatorische Wundernacht in Worms 1521 Martin Luther (1483-1546)

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