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Johanna Abel hat mit 28 Jahren keine Ahnung, wie sie ihr Leben leben will. Einen viral erfolgreichen TikTok-Kanal hat sie auch nicht. Als sie ein Jobangebot aus London bekommt, nimmt sie es nicht nur an, um der Monotonie ihres bisherigen Daseins zu entfliehen, sondern auch, weil sie heimlich von Vampirinnen träumt. Und London gilt als Stadt der Vampire. Kaum hat sie in der englischen Hauptstadt eine queere Wahlfamilie gefunden, überschlagen sich die Ereignisse. Ihr Arbeitgeber wird ermordet. Niemand außer ihr ist bereit zu vermuten, dass eine Vampirin dafür verantwortlich sein könnte. Nur Tokio, ihr geliebtes, gerade der Pubertät entwachsene Familienmitglied, glaubt ihr. Und so machen sich die beiden auf die Suche und stoßen schon bald auf die Spur einer geheimnisvollen Fremden. Während draußen die Polkappen schmelzen und westliche Demokratien mit Rechtspopulismus flirten, entfaltet sich zwischen Johanna und der fremden Frau ein atemberaubendes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem toxische Männer zu Schaden kommen und eine Menge unterschiedlicher Körperflüssigkeiten fließen Blackburn ist ein romantischer Slowburn und eine Hommage an die Klischees, Serien, Filme, Bilder und Bücher, die queeres Erwachen, Leben und Lieben begleiten, ein Krimi, eine Liebesgeschichte.
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Seitenzahl: 648
Veröffentlichungsjahr: 2025
Anne Bax
Blackburn
Eine aufgrund der Umstände eher komplizierte Liebesgeschichte
Konkursbuch
Verlag Claudia Gehrke
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Zum Buch
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40. Epilog
Zur Autorin
Impressum
Johanna Abel, sie ist gerade 28 geworden, nimmt ein Jobangebot in London an, um der Ziellosigkeit ihres Daseins zu entkommen. Heimlich träumt sie von Vampirinnen, und London gilt als Stadt der Vampire. Kaum hat sie in der englischen Hauptstadt eine Wahlfamilie gefunden, überschlagen sich die Ereignisse. Ihr Arbeitgeber wird ermordet. Sie vermutet eine Vampirin als Mörderin – das glaubt ihr niemand, außer ihrem gerade der Pubertät entwachsenen Wahlfamilien-Mitglied Tokio. Und so machen sich die beiden auf die Suche, eine gefährliche Suche im chaotischen London. und stoßen schon bald auf die Spur einer geheimnisvollen Fremden. Während draußen die Polkappen schmelzen und westliche Demokratien mit Rechtspopulismus flirten, entfaltet sich zwischen Johanna und der fremden Frau ein atemberaubendes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem toxische Männer zu Schaden kommen und eine Menge unterschiedlicher Körperflüssigkeiten fließen. Um sie herum eskalieren globale Krisen. Blackburn ist ein romantischer Slowburn und eine Hommage an die Klischees, Serien, Filme, Bilder und Bücher, die queeres Erwachen, Leben und Lieben begleiten, ein Krimi, eine Liebesgeschichte, ein echter Schmöker für lange Winterabende.
Die dicke schwarze Fliege flog mit einem lauten, anhaltenden Summen durch den Raum, prallte ungebremst gegen die Fensterscheibe und fiel auf das Fensterbrett. Nicht zum ersten Mal blieb sie überrascht dort sitzen, und Johanna fragte sich, wie traumatisch diese Kollisionen mit der zur Wand gewordenen Luft für das Insekt wohl sein mochten. Sie überlegte, mit welchem Thema sie die Aufmerksamkeit der Fliege auf sich ziehen könnte, aber keiner der ‚amüsanten, gesprächseröffnenden‘ Sätze aus dem gleichnamigen kleinen Büchlein, das ihre Mutter ihr vor einem halben Jahr zum Abschied mit einem vielsagenden Blick geschenkt hatte, wollte ihr einfallen. Vielleicht, weil die Verzweiflung wieder übermächtig geworden war, als sie gerade in den E-Mails gelesen hatte, die sie und Clover in den sechs Jahren seit ihrem Abschluss ausgetauscht hatten. Vielleicht, weil sie dem schmalen Buch ungelesen zu seiner wahren Bestimmung verholfen hatte: Es lag unter einem der Beine des Esstisches, wo es für Stabilität sorgte.
Die Fliege war weder an den Problemen mit ihrer Mutter noch an ihrer kommunikativen Inkompetenz interessiert und startete eine weitere Runde durch den Raum. Das monotone Geräusch hatte Jo in den letzten beiden Tagen nicht gestört. Im Gegenteil, es hatte sie getröstet, denn es bewies, dass sie nicht allein war. Es gab noch ein anderes Lebewesen in diesem Raum. Nach allem, was sie angerichtet hatte, ertrug es jemand, in ihrer Nähe zu sein. Auch wenn dieser jemand rote Facettenaugen und sechs behaarte Beine hatte. Sie wusste, dass sie in ihrer Situation nicht wählerisch sein durfte, und außerdem, was wusste sie schon von den Schönheitsidealen der Fliegen? Vielleicht war diese hier ein besonders attraktives Exemplar. Die Fliege setzte sich an die Wand und Jo tat es ihr aus Gründen, die mit der Bodenhaftung ihrer Füße und den Gesetzen der Schwerkraft zu tun hatten, auf einem Stuhl nach. Beide lauschten. Um sie herum erfreute sich die britische Hauptstadt an ihrer modernen Geräuschkulisse aus emsigen Bussen, rasenden U-Bahnen, heulenden Krankenwagen, schleichenden Autos und geschäftigen Menschen. Das alte Haus selbst war still. Ein Erdgeschoss und zwei niedrige Stockwerke, in denen keine Stufen knarrten, keine Töpfe klapperten, keine Stimmen laut und leidenschaftlich über die taumelnde Welt diskutierten. Nur die alten Wasserleitungen rebellierten gegen das plötzliche Schweigen, aber ihr Gluckern klang schwermütig. Das Dröhnen der Beats über ihr, das sonst sanft wie ein beruhigender Herzschlag in allen Wänden des Hauses vibrierte, war bereits verstummt, als sie vorgestern in den frühen Morgenstunden nach Hause gekommen war, kurz bevor die sehr sanft sprechenden Beamtinnen von Scotland Yard eintrafen. Die Art und Weise, wie Tokio nach diesem schrecklichen Moment jedem Blickkontakt ausgewichen war und jede Tür im Haus hinter sich zugeschlagen hatte, machte deutlich, dass es unklug gewesen wäre, diese Türen wieder zu öffnen. Sie hatte endlich eine Familie gefunden, die diesen Namen verdiente, und es war ihr gelungen, sie innerhalb eines halben Jahres mit ihrer Besessenheit zu zerstören.
Die Fliege streckte ein dünnes schwarzes Bein in die Luft, als wollte sie Johannas Geschichte in einem von Pina Bausch inszenierten Ausdruckstanz darstellen. Immer wieder hatten sich Jo und das Insekt in den endlosen Stunden dieses trüben britischen Septemberwochenendes fragend betrachtet. Jos dunkle und in letzter Zeit sehr müde Augen hatten in den vielen winzigen Augenelementen der Fliege nach Verständnis gesucht und es dort ebenso wenig gefunden wie in den völlig unsegmentierten Augen der Polizisten, die sich heute Morgen in ihrem modernen Bürogebäude nahe der Themse geweigert hatten, ihr zuzuhören.
„It has proven to be of little practical use to turn a murder investigation into a supernatural mystery, Miss Able. Please just let us do our job. We are again truly sorry for your loss.“
Das hatte der ältere Beamte mit leicht arrogantem Tonfall zum Schluss gesagt und ihren Nachnamen dabei, wie die meisten hier in England, wie das englische Wort für „fähig sein“ ausgesprochen. Es war ihm anzuhören gewesen, dass er sie für alles andere als das hielt. Sie hatte helfen wollen, aber es war nicht zu übersehen, dass alles, was sie erzählt hatte, wie wirrer Unsinn geklungen hatte. Dass es mit einer beunruhigend hohen Wahrscheinlichkeit wirrer Unsinn war.
Die Fliege wich ihren suchenden Augen vielsagend aus. Stattdessen zog sie das Bein ein und flog davon, um surrend und brummend geheimnisvolle Kreise an die gegenüberliegende Wand zu malen, wo eine alte Korkpinnwand unter den angehefteten Notizen kaum noch zu erkennen war.
Clover Arden III. war nicht nur studierter Historiker gewesen, sondern auch überzeugter Feminist, selbst ernannter Experte für toxische Männlichkeit, die Machenschaften organisierter Religionen und die korrekte Zubereitung von Fingersandwiches. Seine Ideen, Erkenntnisse und Reflexionen der letzten fünfzig Jahre hatte er zu jedem Jahreswechsel fein säuberlich von der Wand entfernt und in Ordnern abgeheftet, die unzählige Regale im Erdgeschoss des Hauses füllten. Alles, was ihn bis zu diesem elenden Freitagabend im Jahr 2024 beschäftigt hatte, hing noch immer von verschiedenfarbigen Stecknadeln gehalten an dieser Wand des Arbeitszimmers im ersten Stock, das Jo seit einem halben Jahr als Büro nutzte. Eine bunte Mischung aus Rezepten, Zeitungsartikeln, wissenschaftlichen Dokumenten und Zeichnungen, die Clover im kommenden Januar nicht mehr selbst in die Ordner einsortieren würde, weil er selbst zu einer Nachricht geworden war.
„The death of a 70-year-old man in Hackney on Friday night has been ruled a homicide by police. Authorities are currently looking into the incident and are particularly interested in any information that might shed light on why the victim was in the area, which is known for its drug-related activities.“
Sie hatte vergessen, den altmodischen Radiowecker auszuschalten, und war heute Morgen von diesen Worten geweckt worden, bevor sie den Wecker gegen die Wand werfen konnte. Die Fliege krabbelte nun über ein Rezept für Katsu Sandos, das neben einem Artikel über einen Käsetoast hing, der für 28.000 Dollar versteigert worden war. Der für Toast ungewöhnlich hohe Preis ergab sich aus der Tatsache, dass Betrachter darin nicht nur das Antlitz der Jungfrau Maria erkannt hatten, sondern er angeblich auch seit Jahren nicht verschimmelt war.
„Isn’t the diversity of white bread impressive? Die Palette reicht von einer Scheibe Toast mit einem schimmelfreien Heiligen bis hin zu einem Sandwich mit buntem Krautsalat und Schweinefleisch mit Tonkatsu-Sauce. Aus evolutionärer Sicht ist es so viel sinnvoller, ständig Büsche mit Bären zu verwechseln, als einmal einen Bären mit einem Busch. Kein Wunder also, dass Jesus, Elvis und der Rest der Bande immer wieder auf Chips und Brot auftauchen.“
Das hatte Clover mit vollem Mund gesagt, als Tokio an einem Sommernachmittag die kleinen bunten Katsu Sandos zum High Tea servierte. Der spezielle High Tea in diesem Haus folgte nur in Bezug auf das Essen den traditionellen Regeln, denn Clover lehnte Heißgetränke ab, die er nicht mit seiner teuren Espressomaschine zubereiten konnte. So wurden aus den Teestunden meist koffeingetränkte Nachmittage mit angeregten Gesprächen über Gott und die Welt, bei denen beide angemessen schlecht wegkamen.
Um dem brennenden Schmerz dieser Erinnerungen zu entkommen, überlegte Jo, was eine Fliege in der Welt der Fliegen verbrochen haben musste, um hier mit ihr eingesperrt zu werden. Sie selbst hatte es geschafft, 28 Jahre lang unauffällig zu bleiben, nur um kurz vor ihrem 29. Geburtstag jemanden auf der Suche nach einer mythischen Legende in den Tod zu schicken. Selbst für eine Zeit, die das Realitätsverständnis der Menschheit in immer kürzeren Abständen mit absurden Ereignissen auf die Probe stellte, war das eine erstaunliche Wendung. Die Wucht ihrer Schuld verschlug ihr den Atem, und sie googelte die Lebensdauer von Stubenfliegen, um sich abzulenken. 28 Tage.
Was konnte man in 28 Tagen anrichten, um mit ihr eingesperrt zu werden? Hatte etwas Banales genügt? Hatte die Fliege in ihrem kurzen Leben weniger als 2000 Eier in verrottendem organischem Material hinterlassen oder nicht ausreichend Krankheiten übertragen? War es notwendig, an etwas Welterschütterndes glauben, um eine solche Einzelhaft zu verdienen? War diese Fliege eine mutige Denkerin im Insektenreich? Hatte sie im Gegensatz zu Johanna darauf bestanden, ihre Ideen öffentlich zu diskutieren?
„Ehrwürdige Fliegen, ich bin mir ziemlich sicher, dass es auf dieser Welt riesige zweibeinige Kreaturen gibt, die für viele Todesfälle unserer Spezies verantwortlich sind. Ja, sie haben nur zwei ziemlich unbehaarte Beine und winzige, seltsame Augen. Dafür haben sie zwei zusätzliche Gliedmaßen und die Fähigkeit, die Luft zu einer unsichtbaren Barriere zu verdichten. Nun, nein, ich weiß noch nicht, warum sie nicht fliegen können und wie es möglich ist, mit so unterentwickelten Augen zu sehen.“
Sechs Monate, umgeben von Tausenden von Notizen, die religiöse Wunder diskutierten, dokumentierten, dass der aufkeimende Rechtspopulismus und die meisten Religionen den Hass auf Frauen gemeinsam hatten, und immer wieder die Rolle von Essiggurken in Sandwichrezepten untersuchten, hatten ihren Blick auf die Welt verändert. Jo verzog das Gesicht zu etwas, das im Spiegel wie ein Lächeln ausgesehen hätte. Bestimmt hätte Clover ihren Gedanken über einen Fall von Ketzerei im Reich der Fliegen etwas hinzugefügt, und sie war sicher, dass er sie nicht ausgelacht hätte. Clover hatte sie nie ausgelacht, er war sein Leben lang bereit gewesen, Glaubenssysteme in Frage zu stellen, mehr noch, das Unvorstellbare war sozusagen eines seiner Forschungsgebiete gewesen, und deshalb war er jetzt tot. War er deshalb jetzt tot oder war sie dabei, den Verstand zu verlieren? Auch wenn die Polizisten ihr diese Frage nicht direkt gestellt hatten, so hatten sie ihr zum Abschied die Visitenkarte eines psychologischen Notdienstes zugesteckt. Womit sich der Kreis zu ihrer Kindheit auf grausame Weise geschlossen hatte. Tränen drängten sich bei dieser Erinnerung aus ihren Augen, verweilten kurz in den Wimpern und verteilten das falsche Lächeln mascaratrunken über ihre Wangen. Die Fliege nutzte den Moment und landete auf dem Schreibtisch, genau in der Mitte, wo das Notizbuch lag, das Clover ihr beim Einzug lächelnd geschenkt hatte. Sie fühlte, wie ihr Herz wieder dort in ihrem Hals schlug, wohin es in der Freitagnacht, als ihr Brustkorb sich zusammengezogen hatte, geflüchtet war. Sie zwang sich, tief einzuatmen, um die Panik zu unterdrücken.
Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.
Konnten Fliegen hören? Clover hätte gewusst, ob Fliegen hören können. Oder er hätte ein Regal in einer alten Londoner Bibliothek gekannt, in dem ungewöhnliche Erkenntnisse über Fliegen von streitbaren Wissensdurstigen gesammelt worden waren. Höchstwahrscheinlich von Forscherinnen, deren Arbeiten es in der Wissenschaftsgeschichte mit beeindruckender Beständigkeit gelang, einer größeren Veröffentlichung zu entgehen oder nach ihrem Tod unter einem männlichen Namen zu erscheinen. Clover hatte sich für so viele verschiedene Dinge interessiert, für das Leben, für Frauen und Männer und für alle, die diese binäre Einteilung durch ihre Existenz infrage stellten, für geschriebene Geschichte, für verborgene Mythen und für eine junge Studentin mit einer seltsamen Leidenschaft. Johanna ging zum Schreibtisch und legte ihre Hände schützend über das alte Leder des Notizbuches, die Fliege flog hektisch zum Fenster und prallte wieder mit einem dumpfen Geräusch dagegen.
„Ich nenne dich jetzt Hildegard und du hast völlig recht, was diese Barriere aus komprimierter Luft betrifft. Wir nennen es Glas, und wenn du mich fragst, ist es eine unserer besten Erfindungen. Auch wenn du das wahrscheinlich nicht so siehst. Offensichtlich nicht sehen kannst. So viel zu Facettenaugen. Wenn es ein Trost ist, meine Art erfindet nicht mehr viele Dinge, die so leicht zu durchschauen sind. Ich gehöre zu einer Generation, die andere Sorgen hat. Wir sind uns nicht einig, ob wir etwas entwickeln sollen, um den Klimawandel zu stoppen, oder etwas, um unsere Gesichter mit einem Dauerfilter gleichzeitig auf Instagram und im realen Leben attraktiver zu machen.“
Draußen wurde es langsam dunkel, und die Temperatur in dem alten Gebäude mit seinen verwinkelten, zugigen Räumen sank weiter. Ich könnte die Heizung einschalten, dachte Jo und fand nicht den Mut, durch die stillen Gänge über die ausgetretenen Treppen hinunter in den alten Keller zu gehen und den dafür vorgesehenen Schalter zu betätigen.Als sie vor einem halben Jahr zum ersten Mal dieses Gebäude betreten hatte, war es Ende März gewesen und ebenfalls kalt. Sie hatte ihre beiden Koffer unsicher die schmale Treppe hinaufgetragen, und aus der Küche hatten sie das Klappern der Töpfe und der Duft fremder Gewürze bis in ihr Zimmer im ersten Stock begleitet. Tokio hatte gekocht und am Abend hatten sie alle drei zusammen gegessen, so wie sie es auch in den folgenden Monaten taten. Tokio war jung, und es war unmöglich, den schnell wechselnden Shorts, den bunten Haaren, den knallbunten Shirts, den kurzen Röcken, den hohen Sandalen und den klugen Scherzen eine genaue Jahreszahl zuzuordnen. Tokio war während der Pandemie bei Clover eingezogen und über die genauen Umstände sprachen beide nicht, aber es war klar, dass die Digitalisierung des Hauses nur durch Tokios Computerfähigkeiten möglich geworden war. Vielleicht war die Idee dazu überhaupt erst mit Tokio eingezogen. Ein kauziger englischer Gentleman und ein kaum der Pubertät entwachsenes, farbverliebtes Computergenie erwiesen sich zu ihrer Überraschung als interessante und interessierte Gesprächspartner*innen. Ihre zum Selbstschutz aufgebaute Distanz wich einem unerwarteten Gefühl der Geborgenheit und ihr aktives Englisch erwachte über einem Teller Cullen Skink, einer köstlichen schottischen Suppe aus der Passivität, dehnte die Grammatik mit hörbarem Knacken, sortierte wild Vokabeln und funktionierte dann ganz passabel. Die jahrelange Brieffreundschaft mit Clover hatte ihr einen so großen Wortschatz beschert, dass das Studienjahr, das sie mit 22 Jahren an der University of East Anglia in Norwich damit verbracht hatte, so wenig wie möglich von ihrem Hauptfach Literatur und so viel wie möglich von Clovers Vorlesungen über klassische Mythen und Legenden zu hören, doch nicht nur eine für diese Generation typische Geldverschwendung gewesen war, wie ihre Eltern in launigen Gesprächen mit Fremden und Bekannten behaupteten.
Wie seine beiden Bewohner*innen war das Haus voller liebenswerter Widersprüche, die Jo nach und nach entdeckte. Von außen war es ein kleiner, unrenovierter Schandfleck mitten in London – zwischen Chinatown und dem West End –, dessen abgeblätterte Fassade die Touristen mit einem Hauch demonstrativer Verwahrlosung davon abhielt, es zu fotografieren. Von innen war es ein leicht verstaubtes Schatzkästchen, das mit seinen mächtigen Bücherregalen und wuchtigen dunklen Möbeln den Eindruck vermittelte, dass die Zeit hier stehen geblieben war, oder dass die Zeit das Haus als einen ihrer Rückzugsorte schätzte und deshalb hier entspannter wirkte. Dieser Eindruck bekam eine interessante Facette, wenn man die auf Fingerabdrücke reagierenden Türen und das beeindruckende Intranet entdeckte, das dezent platzierte Bewegungsmelder miteinander verband. In der Küche gehorchten die meisten Elektrogeräte Stimmbefehlen, und flache Roboter lauerten in unterschiedlichsten Stationen, um in der Nacht lautlos auf dicken Perserteppichen und altem Eichenparkett die Sandwichkrümel einzusammeln, die Clover und Tokio tagsüber großzügig verteilt hatten. Tee und Abendessen waren die Mahlzeiten, zu denen sich die beiden setzten, und Jo hatte sich schnell angewöhnt, die Kuchen, Sandwiches und Scones, die in immer neuen Variationen ab dem frühen Morgen in der Küche auftauchten, als ambulantes Angebot zu betrachten. Als Gegengewicht zu den Errungenschaften des 21. Jahrhunderts kämpfte im Keller eine Heizungsanlage, die vermutlich noch eine Monarchie vor Elisabeth der Zweiten erlebt hatte, zunehmend vergeblich mit dem Londoner Klima.
„Tokio is such a clever kid, Johanna. There’s nothing they can’t do with computers. Not only is the digitisation of my research happening, they’ve gone and digitised my house, too. Which is both brilliant and hilarious.“
Tokio war seit Freitag in erster Linie verzweifelt, stumm und wütend, und das hatten sie eindeutig gemeinsam. Was sie trennte, war die Tatsache, dass Jo es gewesen war, die Clover in den Tod geschickt hatte. Eine Tatsache, von der außer Tokio niemand wusste – oder besser gesagt: an die niemand glaubte. Die letzten beiden Tage hatten bewiesen, dass weiterhin kein vernunftbegabtes Wesen auf diesem Planeten in Erwägung ziehen würde, sie ernst zu nehmen. Aber Clovers Tod war kein Zufall gewesen, war keine der durchaus alltäglichen Messerattacken in einer eher unruhigen Gegend der Stadt.
Die Fliege setzte sich auf das grellbunte Flugblatt, das zwischen den vielen Notizzetteln an der Wand hing. Jo knirschte vor Wut mit den Zähnen, unterließ es aber, nach der Fliege zu schlagen. Letztendlich war es nicht das Flugblatt gewesen, sondern der blinde Eifer, mit dem sie diese Geschichte verfolgt hatte. Die Geschichte über das mystische Wesen, das im Londoner Nachtleben nach Opfern suchte, die niemand vermissen würde. Eine nebelhafte Gestalt, deren Beschreibung nicht einmal ihr Geschlecht enthüllte. Ohne zu überlegen, was passieren konnte, was passieren musste, wenn man sich in die Nähe einer solchen Gefahr begab. In Norwich hatte sie mit Clover regelmäßig außerhalb der Seminare über die Funktion von Mythen und Monstern diskutiert, hatte ihm sogar nach Jahren des Schweigens von ihrem Faible erzählt und dann ausführlich darüber mit ihm korrespondiert.
„Johanna, it is important to recognize what we are supposed to fear and what is truly dangerous. I don’t think your curiosity is misplaced. There need to be people who want to glimpse behind the smokescreen of nonsense that shrouds so many things.“
Hatte ihn diese Einstellung das Leben gekostet? Weil er seiner jungen Mitarbeitenden beweisen wollte, dass wissenschaftliches Interesse an alten Mythen keine Gefahr darstellte? Ein Beweis, den er ohne ihre persönliche Obsession niemals in einem Londoner Nachtclub hätte antreten wollen.
Tokio hatte die digitalen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts ins Haus gebracht und mit ihnen den Fortschritt. Mit ihr war die absurde Suche nach einer gefährlichen Nachtgestalt eingezogen und am Ende der Tod.
Johanna sackte sichtbar zusammen und schlug sich die Hände vor die Augen. Hätte sie doch bloß Clovers Angebot abgelehnt! Aber die Einladung, für ihn in London zu arbeiten, war eine unverhoffte Chance gewesen, ihrem privat und beruflich ziellosen Leben zu entkommen. Diesem Leben, in dem sie nachts hastig durch Beiträge über die alltägliche Gewalt gegen Frauen und die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels scrollte, um dann akribisch das Quiz „Welcher ‚Sex and the City‘-Charakter bist du?“ zu beantworten, ohne jemals eine einzige Folge der Serie gesehen zu haben.
Meine Seele sucht nach etwas, das ich nicht ganz verstehe – das wäre die ehrliche Antwort gewesen, wenn jemand sie nach einem Ziel gefragt hätte. Doch solche Sätze sprach eine Angehörige der Gen Z nicht laut aus.
Mit zwölf Jahren hatte sie den Fehler gemacht, in einem ihrer ersten kleinen Aufsätze in unbeholfenen Sätzen zu beschreiben, dass sie gerne herausfinden wollte, wie es wäre, eine Vampirin zu küssen. Mein geheimer Traum, hatte die Lehrerin an die Tafel geschrieben, und die Klasse hatte mit arglosem Eifer ihre Geheimnisse preisgegeben. Die anderen hatten auf der zu füllenden Seite davon geträumt, Fußballprofi oder Popstar zu werden, in Hogwarts zaubern zu lernen oder Jesus zu ehelichen, was niemand problematisch fand.
Ihr schriftlich festgehaltenes Interesse brachte ihr dagegen eine Reihe von Besuchen bei einer renommierten Kinderpsychologin ein. Für ihre extrovertierten Eltern war der Aufsatz ein willkommener Anlass, ihre unerklärlicherweise introvertierte und potentiell sexuell orientierungslose Tochter endlich in die Obhut der Psychologie zu geben. Doch die Kinderpsychologin enttäuschte den elterlichen Wunsch nach Korrektur mit dem Hinweis auf die schier unendliche Bandbreite kindlicher Fantasie, die keiner Einschränkung bedurfte. Immerhin hatten ihre Eltern endlich eine Art Gutachten, das ihr Normalität bescheinigte und mit dem sie die Fragen der Verwandten beantworten konnten, die immer wieder wissen wollten, warum sie so verschlossen sei. Auch die Fragen ihrer Eltern kreisten in Variationen um ihre Weigerung, „beliebte Kinder“ für ihre Nähe zu begeistern oder ihre Freund*innen gegen umschwärmte Mitschüler*innen einzutauschen. Seit dem Abitur versuchten sie, ihre Vorstellungen von Beruf, Familie und Ehe zu ergründen. Sie reihten sich damit ein in den Chor der Stimmen, die immer lauter von ihr verlangten, sich in ein Leben einzufügen, das sich in ihrem Kopf nicht zu einem Weg formen wollte. Ehemalige Schul- und Studienfreund*innen fragten, warum sie denn nicht auch als digitale Nomadin nach Dubai oder Portugal komme. Warum sie sich nicht mehr um die Personen bemühe, die sie fast willkürlich datete. Ob sie keine Kinder wolle. Und ob sie darüber nachgedacht habe, mit Botox ewig jung zu bleiben. Und mit Semaglutid ewig schlank. Kurzzeitige Arbeitskolleg*innen fragten nach ihren Vorstellungen von Work-Life-Balance und Arbeitgeber*innen wollten wissen, wo sie sich in fünf Jahren sah. Eine Frage, die ihre Eltern auf andere Art formulierten, die sie selbst aber aus finanziellen Gründen definitiv auch beschäftigte. Das Internet wollte wissen, ob sie über Dubai-Schokolade, einen Airfryer, ihre trockene Haut, Baby-Botox oder dreißig Pflanzen nachgedacht habe. All diesen Fragen war gemeinsam, dass sie ihr klarmachen wollten, dass sie nicht so war, wie sie hätte sein sollen. Was stimmte. Denn sie war weiter heimlich in eine Legende vernarrt und sie hatte kein Ziel, keine Beziehung, keine Follower, keine Hautpflegeroutine und kein luftig frittiertes Gemüse.
Wie hätte sie es da ablehnen können, nach dem Ende der Pandemie das Ruhrgebiet gegen London einzutauschen? Nichts gegen ihre Heimat, die sich schon so lange im Strukturwandel befand, dass er zu ihrem natürlichen Zustand geworden war. Die aber immer so müde vom Kohleabbau und der Stahlverhüttung gewesen war, dass sie keine Kraft mehr aufbringen konnte, um sich im kollektiven Bewusstsein als Schauplatz übernatürlicher Ereignisse zu etablieren. In einer Bottroper Spielhalle oder einem Gelsenkirchener Nagelstudio einer Vampirin unverhofft in die unsterblichen Augen zu schauen, hielten selbst diejenigen für unwahrscheinlich, die alljährlich ihr Geld auf eine Schalker Meisterschaft setzten.
London war buchstäblich eine andere Geschichte. Oder besser gesagt: tausend andere Geschichten. Hier, wo Theater mit der Anzahl der Geister, die jede neue Produktion heimsuchten, warben, und wo ein Großteil von Bram Stokers Roman spielte, hatte noch 1970 eine Schlacht zwischen selbsternannten Vampirjägern auf dem Highgate Friedhof weltweit Schlagzeilen gemacht. Hier war alles möglich. Hier raunten die verwinkelten Gassen an nebligen Abenden von den Untaten blutrünstiger Barbiere und anderer messerschwingender Legenden. Wer nicht auf eigene Faust durch die Gassen streifen wollte, dem erzählten über fünfzig verschiedene Stadtführungen von den unheimlichen Morden und übernatürlichen Erscheinungen der Vergangenheit, und im Internet lockten vampirfreundliche Clubs mit außergewöhnlichen nächtlichen Erlebnissen. Und London bot ihr zudem Clover, seine scharfsinnigen Einsichten und seine umfangreiche Bibliothek, die seltene Bücher zu ihrem Lieblingsthema enthielt.
„Sie müssen Camilla lesen, Johanna. Ein Buch über eine Vampirin, das einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Bram Stoker gehabt hat. Wenn man es unfreundlicher ausdrückt, ist seine Version ein typisch männliches Plagiat. Sehen Sie, Bram Stokers Roman dominiert bis heute unsere Vorstellung von Vampiren, obwohl er einfach nur rassistisch ist. Stoker schuf geschickt das Gefühl, dass London sowohl das Herz als auch das Spiegelbild des Empire war, und nutzte dann die vertrauten Schauplätze, um Ängste vor Invasion, Verseuchung und Krankheit zu schüren. Eine Weltanschauung, die das Buch wahrscheinlich so populär gemacht hat. (Trump würde es sicherlich gefallen, wenn er lesen könnte.) Dabei gab es schon lange vor Dracula in nahezu allen Kulturkreisen der Erde ähnliche oder mit dem Vampir verwandte Vorstellungen. Viele der alten Mythen gerieten in Vergessenheit und der Vampir, der vorher zahlreiche Erscheinungsformen und Eigenschaften haben konnte, hat sich im Wesentlichen auf das christliche Vampirbild reduziert und seine Erscheinung auf das, was Stoker schuf: ein Mann, ein Graf von beeindruckender Erscheinung, ein ebenso verführerischer wie beängstigender Aristokrat mit hellem Teint und langen Eckzähnen, Besitzer eines gruseligen Schlosses in Transsilvanien. Und dann hat das 20. Jahrhundert noch High Schools und sexy Glimmer hinzugefügt. Religion, Tod und Sexualität – das sind elementare Themen des Lebens. Vampir-Literatur befasst sich mit den spannenden und interessanten Aspekten, die die Menschheit schon immer fasziniert haben und immer faszinieren werden. In Sunnydale, Forks oder London.“
Clover hatte wahrscheinlich beim Tippen dieser Mail über seine eigenen Scherze gelacht. Unter ihrem Schmerz spürte Jo plötzlich eine selbstzerstörerische Wut, wie ein Lebewesen, das sich dort regte, wo ihr Herz früher geschlagen hatte, und sie ballte ihre Hände zu Fäusten, bis sie schmerzten. Die Fliege krabbelte immer noch über die grellbunten Grafiken und Buchstaben und ihre klebrigen Füße berührten das Datum und den Ort. Die Onlineforen der London Vampire Meetup Group, die fast jede Woche eine neue Party planten oder einen neuen Vorfall diskutierten, waren sich sicher gewesen: Diesmal war es eine Vampirin, der ein vermisster Nachtschwärmer zum Opfer gefallen war. Ein junger Mann brüstete sich damit, Zeuge eines Bisses gewesen zu sein. Und er war im Besitz von zwei unscharfen Fotos, die er nur allzu gerne verkaufen wollte.
„Wenn ich mir erlauben darf, Ihre wirre Rede zusammenzufassen: Sie bitten uns, zu glauben, dass das mutmaßliche Verschwinden einer Reihe von Personen in den letzten Jahren das Werk eines Vampirs oder einer Vampirin sei? Und Sie sehen einen Zusammenhang dieser angeblichen Taten mit dem Mord an ihrem Arbeitgeber? Und mit Fällen, die Jahre zurückliegen – ich korrigiere mich: Sie wollen, dass wir jeden Mord der letzten Jahrhunderte daraufhin überprüfen? Es gibt keine Zeugen, es gibt keine Indizien, es gibt keine Vermisstenmeldungen, niemand wird mit verdächtigen Bissspuren gefunden, die Nachfrage nach Knoblauch ist nicht gestiegen. Alles, was wir haben, sind Ihre ‚Recherchen‘ und ein Internetforum für Leute mit einem Blutfetisch, das ein paar Bilder postet, die ein Junkie verkauft hat? Lassen Sie mich raten, Sie haben einen Podcast zu diesem Thema?“
Warum hatte sie nur in ihrer ersten Wut und in ihrem Schmerz darauf bestanden, dass die ermittelnden Beamten ihr zuhörten? Sie hätte Tokios klugem Beispiel folgen und die Welt mit Schweigen füllen sollen. Die Beamten hatten sie mit mitleidigen Augen angestarrt und ungläubig den Kopf geschüttelt. Sie war eine seltsame junge Deutsche, die Akten für einen kauzigen Alten sortierte, dem die nächtliche Suche nach illegalen chemischen oder körperlichen Vergnügungen zum Verhängnis geworden war. Und jetzt wollte sie wahrscheinlich mit ihrer absurden Story auf irgendeiner Social-Media-Plattform viral gehen. Als könnte die Fliege Jos Gedanken lesen, suchte sie sich mit ihren kleinen schwarzen Fliegenbeinen einen Weg zu einem ausgedruckten Foto, auf dem in verwischten Schwarz- und Grautönen vielleicht eine große, schlanke Gestalt einen Körper mühelos in die Dunkelheit trug. Warum die Fliege das Bild daneben übersprang und nicht über den herangezoomten baumelnden Arm lief, der im Licht einer abgenutzten Straßenlaterne einen Blick auf eine kunstvolle Tätowierung gewährt hatte, bevor er für immer verschwand, blieb ihr Geheimnis. Der Metropolitan Police Service fand die Geschichte, dass jemand aus dem Nachtleben, der ein solches Tattoo hatte, verschwunden war, wenig beeindruckend, und die im letzten Sensitivitätstraining erlernten Umgangsformen der Beamten platzten ab wie dünner Lack auf einer hässlichen Betonmauer.„Erstens kann ich beim besten Willen nicht erkennen, wer auf diesen Bildern was tut. Und zweitens sind in dieser speziellen, multikulturellen Szene feste Beziehungen und ein dauerhafter Wohnsitz nicht gerade eine große Sache. Die Menschen ziehen weiter, werden krank und ja, sie sterben. Meistens jedoch an den riesigen Mengen illegaler Drogen, die sie konsumieren. Es ist in der Tat tragisch. Aber kein Grund, sich in düsteren Dracula-Fantasien zu verlieren. London ist eine tolerante Stadt und es steht jedem frei, seinen sexuellen Fantasien nachzugehen, solange alle Beteiligten erwachsen sind. Sie sind das beste Beispiel dafür. Dass Sie, Ihr Arbeitgeber und …“ – der Beamte hatte sich unterbrochen und in seine Notizen geschaut – „… dieser oder diese Tokio, der sich sogar weigert, uns den vollen Namen oder das Geschlecht zu nennen, also in bestimmten, fragwürdigen Kreisen unterwegs sind, ist Ihr gutes Recht. Aber ich fürchte, der Mörder hat Ihre kleinen Marotten ausgenutzt, um seine eigene Vorliebe zu finanzieren.“
Unsere kleinen Marotten. Es war despektierlich, aber es war sein gutes Recht, Clovers wissenschaftliches Interesse und ihre Leidenschaft für Vampirinnen als Marotten abzutun. Dass Tokios Bestehen auf ein authentisches Leben in dieser Aufzählung auftauchte, offenbarte ein ignorantes, verkrustetes und gefährliches Weltbild, an dem alle Fortbildung abgeprallt war. Jo beobachtete, wie sich die Fliege von den Bildern löste, durch den Raum schwirrte und dann plötzlich wieder mit voller Wucht gegen die Fensterscheibe prallte, als wollte sie die Begegnung ihres kleinen Haushaltes mit der Realität körperlich darstellen.Clover Arden der Dritte war in einer kühlen Londoner Herbstnacht ermordet worden, weil er ihr einen Gefallen tun wollte. Die summende Fliege wurde zu einer winzigen Kettensäge, die Jos Gehirn in kleine Fragmente zerteilte, die in ihrem Kopf wie ein Kaleidoskop des Grauens in ständig neue Muster fielen. Clover, der lachte. Clover und Tokio, die sie liebevoll beobachteten, während sich Pamela in „True Blood“ über Tara beugte. Clover, der konzentriert in seine Bücher schrieb. Clover, der seinen Standort überraschend per WhatsApp mit ihr teilte und schrieb: „Irgendetwas stimmt hier nicht, ich glaube, du solltest kommen.“ Clover, der blutend und allein in einer schmutzigen Gasse hinter einem Nachtclub lag. Jo schloss wieder die Augen und lauschte auf das leise, dumpfe Geräusch, das immer dann ertönte, wenn die Fliege mit blinder Hoffnung gegen die Wand aus Luft, die es nicht geben konnte, prallte.
Plopp. Plopp. Plopp.
„It doesn’t have to be a damn metaphor for your life, you know? It’s still your call, Johanna.“ Sie hörte die Stimme ihres toten Freundes, der sie als einziger immer mit ihrem vollen Namen ansprach, so deutlich, dass sie die Augen weitete und sich umsah. Das Büro war leer, es gab nur sie und die Fliege, die beide auf ihre Weise mit der Realität kämpften. Clover, der auf ihre Hilfe gezählt hatte. Clover, der beschlossen hatte, nicht zu warten. Clover, der als Opfer eines weiteren Überfalls in einem berüchtigten Viertel eingestuft worden war. Clover war tot.
Johanna öffnete das Notizbuch und ihre Finger umkreisten das Wort, das sie verwirrt auf die erste Seite des Buches gekritzelt und dann mit einem schwarzen Stift mehrfach dick umkreist hatte, als wollte sie den Stift zwingen, ihre eigenen kreisenden Gedanken sichtbar zu machen: Blackburn. Das letzte Wort, das Clover ihr getextet hatte. Das letzte Wort, das er ihr jemals schreiben würde.„Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, dass ich denjenigen, der dich ermordet hat, finden und mit meinen bloßen Händen töten werde!“ Jo sagte das langsam und laut, und selbst in dem eher nüchternen Raum klang es wie ein heiliger Schwur. Sie stülpte blitzschnell ein Glas über die Fliege und schob vorsichtig ein Blatt Papier unter die Ränder. Hildegard, die Fliege, akzeptierte das Blatt als neuen Boden und sah sie fragend an. Jo stellte Blatt und Glas und Hildegard auf die Fensterbank, öffnete mit einem Ruck, der das alte Holz erzittern ließ, das Fenster, und entließ das überraschte Insekt in die Freiheit des trüben Abends. Schade nur, dass keine anderen Fliegen da waren, um zu sehen, wie sie den Lauf der Geschichte im Fliegenreich veränderte.
„Stell deine Welt auf den Kopf, Hildegard, und hör nicht auf, mit den anderen über Glas zu sprechen!“
Johanna Abel schloss das Fenster sorgfältig und war froh, überhaupt etwas getan zu haben.
Nein!
Jo schrie so laut, dass sie hochschreckte und verwirrt versuchte, die Bilder ihres Albtraums mit den Händen zu verscheuchen. Doch ihre Arme, die schmerzhaft unter ihrem Oberkörper eingeklemmt waren, hinderten sie daran, sich zu bewegen, sodass sie nur hilflos mit pochendem Herzen und trockenem Mund auf dem Bauch liegen bleiben konnte. Schließlich gehorchte ihr ein Arm genügend, um sich mühsam auf den Rücken zu drehen. Dann lag sie wieder da, schwer atmend, wie ein magerer gestrandeter Zwergwal, der auf dem feuchten Sand zu begreifen versuchte, wo der Rest seines natürlichen Elements geblieben war. Seit vierzehn Tagen war sie so oder ähnlich aufgewacht, und ausgerechnet heute Morgen erinnerte sie das taube Prickeln in ihrem Körper wieder an die Gefühle, die sie beschlichen hatten, als der unangenehme Anwalt sein Anliegen vorgetragen hatte.
Genau eine Woche nach Clovers Tod war er vor ihrer Tür aufgetaucht und hatte ihr und Tokio in Clovers Wohnzimmer mit ernster Miene Dokumente vorgelegt. Er hatte darauf bestanden, dass sie beide anwesend waren, und so hatte sie Tokio eine Nachricht geschickt. Und dann hatten sie zusammen auf Clovers großem Sofa gesessen, wie zwei unglückliche Schulkinder, die sich geprügelt hatten und auf ihre Strafe warteten. Sie hatten nicht miteinander gesprochen, sie hatten sich nicht angesehen. Godwins and Stringer, Attorneys-at-law hatte in verschnörkelten Buchstaben auf dem Briefkopf gestanden, und Jeffrey Godwins persönlich hatte ihnen mit leiser Stimme erklärt, warum er vor ihnen saß.
„Herzliches Beileid, auch im Namen meiner Kanzlei. Clover Arden war ein langjähriger Mandant meiner verstorbenen Mutter und ihr ein guter Freund.“
Er hatte in ihren verwirrten Gesichtern sehen können, dass sie noch nie von der Kanzlei oder Clovers Freundin gehört hatten, und das hatte ihn aus irgendeinem Grund erfreut. Zumindest hatte seine Stimme bei den nächsten Sätzen lebendiger geklungen. Was alles noch absurder und schmerzhafter gemacht hatte.
„Es ist meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass Mr. Arden bereits vor einiger Zeit für den Fall seines Ablebens vorgesorgt hat. Da es keine nahen Angehörigen gibt, war dies eine kluge Entscheidung. Seine anonyme Bestattung an einem von ihm bestimmten Ort wurde von uns organisiert und durchgeführt, nachdem die Behörden seinen Leichnam freigegeben hatten. Ich weiß, dass Sie erst seit kurzem als Hilfskräfte für ihn tätig sind. Für den Fall, dass Sie eine betriebsinterne Gedenkfeier veranstalten möchten, müssen Sie diese eigenständig gestalten. Mr. Arden hat nichts dergleichen veranlasst, weil ihm der Gedanke zuwider war, dass flüchtige Bekannte sich gezwungen fühlen könnten, in schwarzer Kleidung eine Trauer auszudrücken, die sie nicht empfinden. Aber das war natürlich, bevor Sie in sein Leben getreten sind, und es kann sein, dass er einfach vergessen hat, diese Passage für Sie anzupassen, oder dass er verständlicherweise davon ausgegangen ist, dass er noch länger leben wird und Sie dann schon weitergezogen sind. Das entzieht sich meiner Kenntnis.“
Er hatte gesehen, wie sie bei seinen Worten zusammengezuckt waren, und hatte gespielt mitfühlend genickt. Seine Augen, durch einen kosmetischen Eingriff daran gehindert, die Haut um sie herum in Falten zu legen, hatten die Bewegung seines Kopfes Lügen gestraft. Tokio hatte den Anwalt verwirrt angesehen.
„Wir können nicht zu seiner Beerdigung gehen? Meinen Sie das ernst? Jo?“
Sie hatte hilflos nach Tokios kalter Hand gegriffen. Die unruhigen blauen Augen hatten demonstrativ die Papiere überflogen, als wollten sie ihre Worte noch einmal überprüfen.
„Die Urnenbeisetzung hat stattgefunden, wie ich schon sagte. Wir sind verpflichtet, uns in diesem Fall strikt an Mr. Ardens Wünsche zu halten, und die sind eindeutig. Er hat Ihnen allerdings gemeinsam dieses Haus und sein bescheidenes Vermögen hinterlassen. Eine Änderung seines letzten Willens, die er erst kürzlich vorgenommen hat und die Ihnen eine große Verantwortung auferlegt. Über seine Motive für diesen Schritt kann ich nichts sagen, da ich an dieser Verfügung nicht beteiligt war.“
Es war nicht zu überhören gewesen, dass er versucht hatte, einen Ton der Missbilligung zu unterdrücken. Sein maskenhafter Gesichtsausdruck war zudem deutlich an dem Versuch gescheitert, nicht manipulativ zu wirken.
„Er hat was getan?“
Johanna war sich sicher, dass sie sich in ihrem Schmerz verhört hatte. Jeffrey Godwins hatte sich geräuspert, als könne er so den Unwillen in seiner Stimme loswerden, und ihnen ein Schriftstück vorgelesen, in dem Clovers notariell beglaubigter Wille sie zu Erb*innen seiner weltlichen Besitztümer erklärte. Tokio hatte sich mehrmals die Tränen aus dem Gesicht gewischt und dann wieder auf den Boden gestarrt.
„Zu meinem großen Bedauern hat Mr. Clover eine, wie ich finde, sehr restriktive Bedingung an sein Erbe geknüpft. Wenn ich es richtig verstanden habe, sind Sie beide noch nicht sehr lange in diesem Land tätig und haben sicherlich Pläne für die Zukunft, sowohl in beruflicher als auch in privater Hinsicht. Er hat es zur Bedingung gemacht, dass Sie seinen Nachlass ordnen sollen und dieses Haus nicht verkaufen dürfen. Sie wären somit an ein altes, renovierungsbedürftiges Haus gebunden. Eine schwer vermietbare Immobilie, die mit großer Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahren enorme Kosten verursachen wird. Wir haben das in der Kanzlei besprochen und würden Ihnen gerne anbieten, Sie bei der Nachlasssichtung zu unterstützen und uns das Haus zu einem hervorragenden Preis als Bürogebäude zu vermieten. Wir würden im Zuge einer solchen Vereinbarung für anfallende Kosten aufkommen. Auf diese Weise hätten Sie die Wahl, das Geld, das Sie geerbt haben, völlig frei von dieser Verpflichtung zu verwenden und es zu vermehren, anstatt es in diesem Fass ohne Boden zu verlieren. Möglicherweise zieht es Sie ja zurück in Ihre jeweilige Heimat. Ich meine, wir sprechen hier ja auch von einem Nachlass, der professionell erfasst werden sollte. Waren Sie schon in der Lage, sich einen Überblick zu verschaffen? Wenn Sie etwas Zeit für diese Entscheidung brauchen, wäre das gut zu verstehen. Es gibt keinen Grund, das vorschnell zu entscheiden.“
Überraschenderweise hatten sie beide heftig und synchron den Kopf geschüttelt. Jeffrey Godwins hatte sie angestarrt, als könnte sein Blick ihre Entscheidung ändern, sich dann ärgerlich geräuspert und die nächsten Worte widerwillig über die Lippen gebracht.
„Wir sind in diesem Fall auch beauftragt und werden dafür bezahlt, Sie weiter hier vor Ort zu betreuen und uns um die Steuern und alle anfallenden Probleme zu kümmern. Wir sind ab sofort Ihre Anwälte, wann immer Sie unsere Dienste benötigen. Um Ihre Arbeitserlaubnis müssen Sie sich also nicht sorgen, Ihre Verträge sind um zwei Jahre verlängert worden und berechtigen Sie hierzubleiben und ihre Arbeit fortzusetzen. Falls Sie das wünschen. Wir erhalten unser Angebot natürlich gerne aufrecht. Wenn Sie das Erbe annehmen wollen, müssten Sie bitte hier unterschreiben. Sie sollten sich das vielleicht wirklich noch einmal überlegen und nicht unter dem Eindruck ihrer verständlichen Trauer handeln.“
Sein Tonfall hatte hoffnungsvoll geklungen, während sein Zeigefinger widerwillig auf gestrichelte Linien unter zwei sorgfältig gedruckten Namen gedeutet hatte. Tokio hatte den Anwalt wortlos angestarrt und Jo sah, dass sie beide das Gleiche dachten. Wenn Clover gewollt hatte, dass sie im Falle seines Todes seine Arbeit in seinem Haus weiterführten, statt ihn auf einem Londoner Friedhof zu beweinen, dann würden sie das tun. Jo hatte gesehen, wie widerwillig Tokio einen fremden Namen mit dem teuren Füller wiederholt hatte, und sie hatte den bunten Haarschopf unterstützend an ihre Schulter gezogen. Den aufgedruckten Namen hatte sie nicht gelesen, weil Tokio diesen Namen hinter sich gelassen hatte, und es für sie keinen Grund gab, ihn zu kennen. Während sie Namen und Initialen auf mehreren gestrichelten Linien verteilten, hatte Jeffrey Godwins sie mit einem vorwurfsvollen Gesichtsausdruck beobachtet, als hätten sie ihm das Leben durch ihre Entscheidung unnötig verkompliziert. In der Tür stehend, hatte er Johanna mit unangenehm dringlichem Tonfall ein letztes Angebot gemacht, das sie dankend abgelehnt hatte.
„Ich empfehle Ihnen, Clovers Nachlass einer fachkundigen Evaluierung zu unterziehen und könnte ihnen kurzfristig jemanden vermitteln, der sich mit dem Thema sehr gut auskennt.“
Nachdem sie die Tür hinter dem Anwalt geschlossen hatte, war sie in das Wohnzimmer zurückgekehrt, aber Tokio war schon wieder in das Apartment unter dem Dach des Hauses geflohen. Ihre Kopie der Papiere hatte sorgfältig auf dem Tisch gelegen, und die vielen Buchstaben hatten sie vorwurfsvoll angestarrt. Zum ersten Mal wurde ihr wirklich bewusst, wie wenig sie über Clover wusste, obwohl sie jahrelang mit ihm korrespondiert und sechs Monate mit ihm unter einem Dach gelebt hatte. Und die Liste der Dinge, über die Tokio nicht mit ihr reden wollte und über die sie mit niemand anderem reden konnte und wollte, war schlagartig deutlich länger geworden. Wie hätte sie dieses Gespräch beginnen sollen?
Hey, du denkst wahrscheinlich, dass ich für Clovers Tod verantwortlich bin, und das bin ich wahrscheinlich auch. Und jetzt besitzt du ein Haus und ein bisschen Geld mit einer Frau, die du erst seit sechs Monaten kennst und die für den Tod der Person verantwortlich ist, die dir am meisten bedeutet. Hast du auch das Gefühl gehabt, dass dieser Anwalt versucht hat, uns aus dem Haus zu vertreiben? Hast du Lust auf Pizza?
Für ihre Eltern, die es sich zur Gewohnheit gemacht hatten, einmal im Monat gleichzeitig und laut in das wehrlose Mikrofon eines einzigen Mobiltelefons zu schreien, waren Gesprächseröffnungen nie ein Problem gewesen. Ihre Reaktion auf Clovers Tod und die überraschende Erbschaft hatte Jo darin bestätigt, dass sie sie als gescheitertes Projekt betrachteten, um das sie sich immerhin in Zukunft nicht mehr zu kümmern brauchten. Tragisch, aber wenigstens ist jetzt für dich gesorgt, hatte ihre Mutter mit einer wenig schmeichelhaften Erleichterung in der Stimme gesagt, bevor sie zu einer ihrer häufigen Kreuzfahrten aufgebrochen waren.
Jo überprüfte, ob dieses Potpourri unschöner Erinnerungen und unbeantworteter Fragen ihre restlichen Extremitäten geweckt hatte, und schleppte sich unter die Dusche. Während das warme Wasser versuchte, die Anspannung und die schlechten Gedanken der letzten Minuten wegzuspülen, hörte sie den Wecker ihres Handys klingeln. Zumindest war sie früh auf und würde pünktlich zu ihrem Termin im Scotland Yard kommen.
„Siehst du“, würde sie später in ihrem Büro zu Hildegard sagen, „sie wollten noch einmal hören, was ich zu sagen habe.“
Doch dann erinnerte sie sich daran, dass sie der Fliege die Freiheit geschenkt hatte und die sicherlich gerade dabei war, einer Ansammlung aggressiv umherschwirrender Querflieger die Existenz von Glas zu beweisen.
„Was sehen Sie hier, Miss Able?“
„Abel“, korrigierte Jo ihn.
Der ältere Beamte ignorierte ihren Hinweis und tippte auf ein Foto. Es war ein männlicher Körper, den Passanten in einem Gebüsch hinter einem Busdepot in Hackney entdeckt hatten. Drogentod. Sie hatte die Nachricht in Clovers Tageszeitung vor ein oder zwei Tagen am Rande wahrgenommen. Der junge Beamte, der am anderen Ende des langen Tisches saß und wahrscheinlich Protokoll führen sollte, rutschte auf seinem Stuhl hin und her wie ein adretter Grundschüler und wiederholte die Frage.
„Was sehen sie?“
Seine Intonation verriet deutlich, dass er in Eton oder in Oxford zur Schule gegangen war, während sein Verhalten darauf hinwies, dass er ein Arschloch war.
„Einen Mann? Tot, vermute ich. Aber da sind Sie die Experten und ich möchte Ihrem Urteil nicht wieder vorgreifen.“
Jo gab ihrer Antwort einen betont freundlichen Unterton, der niemanden im Raum täuschte.
„Ein toter Mann, in der Tat.“
Der ältere Beamte zoomte das maskenhafte Gesicht des Toten heran und sah Jo wieder an.
„Kommt er Ihnen irgendwie bekannt vor?“
Jo studierte das blasse, eingefallene Gesicht mit den geschlossenen Augen, um Hinweise darauf zu finden, wie er lebendig ausgesehen haben könnte. Der struppige Kinnbart und die bereits ausgeprägten Geheimratsecken erinnerten Jo an den jungen Mann, der einige Forumsmitglieder in einem Nachtklub angesprochen hatte. Sie hatte den Chat nach Clovers Tod verlassen und gelöscht. Sie spürte einen kalten Schauer und rieb sich unwillkürlich über den Unterarm.
„Vielleicht. Ich bin mir nicht sicher.“
„Bemerkenswert. Wirklich bemerkenswert.“
Der jüngere Beamte genoss jedes einzelne Wort.
„Wo Sie doch normalerweise in der Lage sind, rumänische Grafen mit spitzen Zähnen auf verschwommenen Fotos zu erkennen.“
Er kicherte ausgelassen und konnte nicht verbergen, wie sehr er sich freute, bei diesem Treffen dabei sein zu dürfen. Heute Abend im Pub würde er seine Kollegen damit unterhalten, wie sie diese seltsame Möchtegern-Influencerin mit ihrer Vorliebe für unsichtbare Bisse vorgeführt hatten. Jo hatte das Bedürfnis, ihn ganz langsam mit seiner hässlichen Krawatte zu erwürgen, aber sie fürchtete, dass man das zu ihrem Nachteil auslegen würde.
„Darf ich Ihnen die Person vorstellen, die Ihren Arbeitgeber ermordet hat?“
Jo zuckte zusammen, als hätte der Polizist ihr unerwartet ins Gesicht geschlagen, und sie konnte in seinen Augen sehen, dass er auf genau diesen Effekt gehofft hatte.
„Das ist Bruce Mader, 23, Vorstrafen wegen Diebstahls, Drogenhandels und Körperverletzung. Für einen so jungen Menschen eine beeindruckende Karriere, die er zwei Wochen vor seinem Ableben mit einem Mord gekrönt hat.“
Er zog ein weiteres Foto aus einem Ordner und legte es mit großer Sorgfalt vor Jo auf den Tisch.
„Diese beiden Gegenstände wurden nach seinem nicht ganz überraschenden Tod in seinen Taschen entdeckt.“
Jo erkannte Clovers Armbanduhr sofort. Seine Uhr, Brieftasche, Handy und ein altmodisches silbernes Feuerzeug, das er immer bei sich trug, obwohl er nicht rauchte, waren die persönlichen Dinge, die sie auf Nachfrage aufgezählt und beschrieben hatte. Der andere Gegenstand, ein schmales langes Messer, war ihr unbekannt, aber sie wusste sofort, dass es zu der Stichwunde in Clovers Brust passen würde. Die Kälte in ihr verwandelte sich in heiße Wut. Um nicht aufzuspringen und zu schreien, klammerte sie sich an die Tischkante vor ihr. Aus den Worten, die in rascher Folge den Raum erfüllten, wurde deutlich, dass der ältere Beamte auf diesen Moment gewartet hatte.
„Es wird Sie traurig stimmen, zu hören, dass unser Freund Bruce diese Welt ohne jegliche Hilfe verlassen hat. Kein Vampir weit und breit, nur eine Überdosis eines sehr hochwertigen Betäubungsmittels. Die Kollegen haben auf meine Bitte hin ausführlich mit seinen ‚Bekannten‘ gesprochen und erfahren, dass Sie und andere ‚Vampirjäger‘ in den Wochen vor dem Mord in diesem Umfeld eine plötzliche Popularität genossen haben. Ich zitiere nicht ganz wörtlich: ‚Jeder wusste, dass die für Horrorgeschichten und Bilder bezahlen. Am besten blutig und mit Vampiren und so einem Scheiß. Bruce sagte, wenn sie ausgesaugt werden wollen, werden wir das übernehmen. Es war offensichtlich, dass sie immer viel Bargeld bei sich hatten. Und als er diesen alten Typen traf, muss er die Geduld verloren oder einfach seine Chance genutzt haben.‘“
Jo beobachtete die weißen Knöchel ihrer Hände, die aussahen, als würden sie jeden Moment die Haut zerreißen, die sie bedeckte. Sie hob die Augen zu dem großformatigen Poster, das die hintere Wand des Raumes bedeckte. Ein blasses Frauengesicht, der Mund von einem blutigen Kreuz bedeckt, das an die englische Flagge erinnerte. Wenn England geschlagen wird, wird sie es auch, stand in großen Buchstaben darunter sowie die Information, dass nach Niederlagen der englischen Nationalmannschaft die Anzahl der Notrufe wegen häuslicher Gewalt stark anstieg. Jo hoffte, dass die betroffenen Frauen nicht gezwungen sein würden, in diesem Raum zu sitzen und vor diesen Männern ihre Anzeige zu formulieren. Der leitende Beamte hatte ein letztes Bild für sein großes Finale in seinem Ordner behalten und holte es mit einem Lächeln heraus. Jo sah den Arm und das Tattoo. Dieses seltsame Wesen, das sie auf dem unscharfen Foto für einen Drachen gehalten hatte, war ein Pferd mit riesigen Flügeln, die den gesamten Unterarm bedeckten. Pegasus, das Kind der Gorgone Medusa, geboren an dem Ort der Erde, an dem Medusas Blut vergossen worden war.
Überall Blut.
„Sieht aus, als wären Sie und ihresgleichen auf einen ziemlich einfachen Betrug hereingefallen, Miss Able, Bruce Mader trug dieses Tattoo und war wohl das Fotomodell. Niemand mit diesem Tattoo ist demnach von einem Vampir ausgesaugt worden. Die Einzigen, die hier ausgesaugt wurden, waren Menschen, die ihre Gesundheit für ihre sexuellen Vorlieben oder zusätzliche Likes riskiert haben. Und Mr. Arden hat leider mit dem Leben bezahlt.“
Wieder fühlte Jo, wie die Worte wie brennende Ohrfeigen auf ihr Gesicht trafen. Sie verspürte den starken Wunsch, beiden Beamten ihre anklagenden Blicke chirurgisch aus dem Gesicht zu entfernen, aber sie blieb ganz still sitzen. In ihrem Kopf sprangen die Gedanken wie eiserne Kugeln laut klackernd eine steile Treppe hinunter.
Wir
hatten
doch
gar
keinen
neuen
Hinweis.
Warum hatte Clover sich so plötzlich entschieden, in dieser Nacht ohne sie zu diesem Club zu fahren? Wer hatte ihm neue Informationen gegeben? Und was für eine Art von Information, verdammt? In den Foren war es still gewesen. Sie hatten vereinbart, an diesem Wochenende nicht nach Hackney oder Shoreditch oder sonst wohin zu gehen. Clover hatte sich nach dem gemeinsamen Abendessen am Freitagabend – wie so oft – mit zwei Bier in Tokios Wohnung eingeladen, und Jo war zu einem Spaziergang aufgebrochen und spontan in einem koreanischen Klub gelandet. Nachdem sie ein paar Gläser Soju und Bier getrunken hatte, nahm sie zu ihrer eigenen Überraschung die Einladung einer fröhlichen Gruppe Frauen am Nachbartisch zum Karaoke an.
Sei einfach mal nicht du, hatte sie sich gedacht, und dann hatte sie nach unzähligen Getränken unter dem Jubel des Junggesellinnenabschieds Lady Gagas „Shallow“ gesungen. Auf dem kurzen Heimweg hatte sie auf ihr Handy geschaut und war so betrunken gewesen, dass die Buchstaben von Clovers Nachricht getanzt hatten. In ihrem Kopf hatte das Lied laut weiter geschrien vom Abgrund und dem flachen Wasser, das so weit entfernt war. Sie hatte versucht, Clover anzurufen, sie hatte ihm eine Nachricht geschickt. Als ihr Uber endlich vor dem Club Night Tales angehalten hatte, war die ganze Straße in das hektische Blinken unzähliger blauer und roter Lichter getaucht gewesen.
Sie hob den Blick und bemerkte, dass die beiden Beamten sie seit einigen Minuten zufrieden beobachteten. Jo erwiderte ihre Blicke, richtete sich auf, lockerte ihre Hände und tippte mit dem Finger auf das Bild von Clovers Uhr und der Waffe, die ihn das Leben gekostet hatte.
„Die Uhr ist eine Roger W Smith’s Series 2. 150.000 Pfund wert. Mr. Arden ist seit zwei Wochen tot.“
„Your point being?“
Der Gesichtsausdruck des älteren Beamten änderte sich und zeigte gespielte Langeweile.
„Warum hat ein schwer süchtiger Mann diese Uhr noch nicht verkauft? Wo ist Clovers Dupont Feuerzeug? Warum hat niemand versucht, Clovers Kreditkarte zu benutzen? Was ist mit dem Messer? Warum trägt jemand nach zwei Wochen immer noch die Waffe bei sich, die ihn als Mörder identifiziert? Ist das nicht alles zu einfach? Ich bin überrascht, dass er kein handgeschriebenes, notariell beglaubigtes Geständnis in der Gesäßtasche hatte. Oder ist das auf dem nächsten Foto?“
Jo sah ein winziges Flackern in den hellen Augen ihres Gegenübers und sie wertete diesen Riss in der Maske der völligen Überlegenheit als Sieg. So plötzlich wie es aufgetaucht war, war das Flackern auch wieder verschwunden.
„Miss Able, ich glaube, Ihr Leben wird viel unkomplizierter, wenn Sie aufhören sich zu fragen, welcher drogenumnebelte Junkie was wohin trägt, und die Tatsache akzeptieren, dass Sie sich durch Ihren Lebensstil zur Zielscheibe krimineller Elemente gemacht haben – und dass Clover Arden die Konsequenzen tragen musste. Hören Sie auf, in fremden Hälsen nach Bisswunden zu suchen. Von mir aus können Sie sich zu Hause non-binär beißen lassen und darüber auf TikTok tanzen, aber bitte ohne die Polizei einzuschalten. Dieser Fall ist für uns abgeschlossen. In Zukunft möchte ich Ihren Namen nur noch auf den Weihnachtsgrüßen sehen, die Sie zusammen mit einer großzügigen Spende an unsere Dienststelle schicken, um Ihre Dankbarkeit für unsere schnelle Arbeit zu zeigen. Wir mögen es nicht, wenn man sich über uns lustig macht. Sollte ich in einem anderen Zusammenhang von Ihnen hören, werde ich Sie bei der zuständigen Behörde als Risikoperson melden und Ihre Arbeitserlaubnis überprüfen lassen. Nehmen Sie das nicht als Drohung, sondern als Beweis für den englischen Humor.“
Er drehte sich abrupt um und verließ den Raum. Der jüngere Beamte folgte ihm grußlos wie ein kleiner, übereifriger Hund.
In Jos Kopf tobten die Gedanken, als sie das Gebäude verließ. Die Straßen draußen waren voll und laut. Menschen hetzten unbekannten Zielen entgegen, drängten sich eng an sie oder liefen ihr in den Weg. Die gelben Leuchtkugeln an den Fußgängerüberwegen blinkten aggressiv, rote Busse schlängelten sich an schwarzen Taxis vorbei durch die überfüllten Straßen. Die Treppen und Gänge der U-Bahn waren so verstopft mit potenziellen Fahrgästen, dass es schwierig war, überhaupt einen Weg zu finden. Es roch nach dieser typischen Mischung aus Technik und Mensch, die einem von einfahrenden Zügen in unberechenbaren Böen ins Gesicht geblasen wurde. Da hier unten niemand eine Sardine und damit in der Lage war, sich im Schwarm konstruktiv zu bewegen, war jeder Weg durch das enge Röhrensystem von unkontrollierten Zusammenstößen geprägt. Sie hielt inne, als ihr klar wurde, dass alles, was ihr auf dem Weg in die drohende Abschiebehaft noch fehlte, eine weitere menschliche Interaktion war. Höchstens eine. Man könnte auch argumentieren, dass sie ihr Schicksal bereits akzeptiert hatte, denn als ein weiterer Mann sie rücksichtslos anrempelte, musste sie sich ernsthaft zurückhalten, ihn nicht vor die einfahrende Northern-Linie zu stoßen. Irgendwie schaffte sie es durch die Kakofonie aus Mensch und Technik bis zum unteren Absatz der schmalen, alten Treppe, deren vier Stufen in Clovers Haus führten. Sie legte ihren Finger auf den Sensor und atmete tief ein. Der Flur roch nicht wie früher nach frischen Scones oder seltenen Spezialitäten, sondern abgestanden und trostlos, und ihre Aggression verwandelte sich wieder in Trauer. Die Worte der Beamten hatten Spuren hinterlassen, und die toxische Mischung aus Unterstellungen, Vorurteilen und Ignoranz hatte sie erschöpft, was die unebenen Stufen hinauf in den ersten Stock zu einer weiteren Tortur machte. Diese ganze Geschichte, dass dieser Drogentote der Mörder sei, wirkte konstruiert und sehr praktisch für die Behörden. Oder war es so, dass sie alltägliche Zusammenhänge nicht mehr verstehen und akzeptieren konnte, wenn zwei Chauvinisten sie präsentierten? Waren sie wirklich einem einfachen Betrug aufgesessen? War Clover gestorben, weil er sich geweigert hatte, sein Geld für wertlose Informationen herzugeben? Oder weil er einer unsterblichen Vampirin zu nahegekommen war? Einer Vampirin, die einen weiteren Tod inszeniert hatte? Ohne dass Bissspuren zurückblieben?
Jo und ihre Fragen hatten es bis vor die Tür ihrer kleinen Wohnung geschafft, als hektische Schritte die Treppe hinunterpolterten. Tokio war trotz des nahenden Herbstes wie ein Teenager am Strand gekleidet, mit einem bunten Rock, einem grellen Manga-T-Shirt und Doc Martens. Sie sahen sich an. Tokio runzelte die Stirn und blickte dann auf den Boden. Die Lippen bewegten sich, aber Jo hörte keinen Laut und sie schwankte zwischen dem dringenden Bedürfnis, vor Tokio zu fliehen, und dem Wunsch, diese Sommer und Freiheit atmende Gestalt fest in die Arme zu schließen.
„Ich weiß, was ich getan habe. Ich weiß, dass ich es nie wieder gut machen kann. Du hast jedes Recht der Welt, mich dafür zu hassen, aber mein Bedarf an Vorwürfen ist dank der Londoner Polizei für heute gedeckt. Sie haben Clovers Mörder tot aufgefunden. Der Fall ist abgeschlossen.“
Jo versuchte, ihrer Beschreibung der polizeilichen Ermittlungsergebnisse so viel Sarkasmus wie möglich zu verleihen, und das verfehlte seine Wirkung nicht. Tokio schüttelte wütend den Kopf.
„Und das sollen wir jetzt glauben? Wie praktisch für die Ermittler. Warum haben sie nur dich zu diesem gruseligen Termin gebeten?“
Sie standen sich jetzt näher gegenüber.
„Zuerst dachte ich, sie wollten meine Gedanken dazu noch einmal hören und hätten mich deshalb allein vorgeladen. Aber jetzt bin ich mir sicher, dass ihre transphoben Hirnchen mit deiner Existenz überfordert sind und sie die perverse Deutsche lieber ohne eigene Störgefühle demütigen wollten. Und das haben sie auch getan. Wenn du also nicht willst, dass ich mich hier im Flur in ein weinendes, schreiendes Etwas verwandle, das gegen die Wand schlägt, dann solltest du mich gehen lassen.“
Ihr Ton war unwirsch und ihr war klar, dass Tokio jetzt ausbaden musste, was die beiden Beamten und die Gemeinschaft der Subway-Nicht-Sardinen angerichtet hatten. Sie fühlte sich sofort noch schlechter. Tokio trat einen Schritt zurück und verfärbte sich von ungesundem Rot zu sehr ungesundem Blass, weigerte sich aber immer noch, den Weg freizumachen. Schließlich schafften es einige Sätze, kurz vor einem Sturzbach Tränen und einem herzzerreißenden Schluchzer, hörbar in den Flur zu entkommen.
„Du warst das nicht. Ich war es. Ich habe Blackburn gefunden. Es ist meine Schuld, dass Clover tot ist.“
Tokio erschien wenige Minuten später mit Laptop und Smartphone unter dem Arm im Büro und wollte sich in Clovers Sessel setzen. Jo musste sich beherrschen, um nicht sofort alle Informationen über das Wort Blackburn aus Tokio herauszuquetschen, und sagte stattdessen ungewollt schroff:
„Hast du versucht, sein Handy zu orten? Es war nicht bei den Sachen, die sie bei diesem toten Junkie gefunden haben.“
Tokio erstarrte in der Bewegung und sie sahen sich an. Clovers Abwesenheit war hier deutlicher zu spüren als oben in der Wohnung, und Tokio fragte sich, wie Jo das aushielt. Alles erinnerte viel intensiver an den Mittelpunkt ihres Lebens, selbst der feine Geruch nach altem Leder und Papier machte das Atmen hier schwerer als im Obergeschoss. Tokio beobachtete, wie Johanna ihr wirres dunkles Haar ein paar Mal zu einem buschigen Pferdeschwanz am Hinterkopf zusammenband, nur um es nach ein paar Sekunden wieder auf die Schultern fallen zu lassen, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.
„Ich habe es sofort versucht, und es war schon abgeschaltet. Seitdem hat es niemand mehr aktiviert, ich kontrolliere das regelmäßig.“
Jo sah die Anzeichen einer Schuld, die sie selbst empfand, in dem jungen Gesicht, dessen aufgeweckte und intelligente Züge sie so sehr mochte, und ohrfeigte sich innerlich für ihren Ton.
„Entschuldige bitte, ich …“
Sie unterbrach sich und hob hilflos die Schultern.
„Ja, ich auch.“
Tokio setzte sich endgültig in das rote Ungetüm, und die leicht zitternden Handbewegungen auf dem Trackpad und der Tastatur, die in schneller Folge Seiten aufriefen, spiegelten Tokios angespannte Gemütsverfassung.
„Von Anfang an?“
Jo warf einen belustigten Blick auf die zierliche Gestalt, die aussah, als ob das riesige Sitzmöbel dabei war, sie zu verschlingen.
„Gibt es irgendwo in der Mitte einen geeigneten Punkt, der besser passen würde?“
Tokio schüttelte den Kopf, und Jo konnte in den geröteten Augen erkennen, wie es im dahinter gelegenen Gehirn aussah. Sie spürte wieder die Müdigkeit und Wut des Morgens, aber auch ein intensives Gefühl familiärer Fürsorge. Sie hätte es niemals so weit kommen lassen dürfen, dass sie beide einzeln mit dieser Situation kämpfen mussten, aber ihre Schuldgefühle hatten sie in einem eisernen Griff gehalten. Tokio schien ihre Gedanken zu lesen und suchte ihren Blick.
„Ich weiß, wir kennen uns erst ein paar Monate, aber Clover, du und ich, das hat sich endlich wie eine Familie angefühlt, oder?“
Jo nickte vehement.
„Wir sind immer noch eine Familie. Und ich vermisse das, ich vermisse dich, Tokio.“
Sie sah, wie sich Tokios Brustkorb unter einem tiefen Atemzug hob.
„Ich habe unsere Familie zerstört.“
„Was? Nein! Das war ich. Ich habe Clover auf diese Idee gebracht. Du hast gar nichts damit zu tun.“
Jo griff nach Tokios Hand und versuchte, den Schmerz zu unterdrücken, der bei ihrem Geständnis deutlich zu spüren war, der aber auch eine gewisse Erleichterung mit sich brachte. Endlich hatte sie es ausgesprochen. Sie strich sanft über Tokios Handrücken.
„Bitte lass mich ausreden. Ich meine, ich habe euch ja oft nur zugehört, wenn ihr mal wieder Vampir-Theorien diskutiert habt, das ist nicht ganz meine Welt, aber ich war immer froh, ein Teil dieser Gespräche zu sein. Und dann kam Clover Ende August nach oben … und hatte eine Idee …“
Tokio sah das verwirrte Flackern in Jos Augen und sprach schnell weiter.
„… er hatte eine Idee, dass es vielleicht einen besseren Ansatz für eine ernsthafte Recherche gibt als Reddit und die Foren und Flyer der Londoner Clubszene-Sanguiniker*innen … und dass ich dabei helfen könnte. Ich denke, er wollte dich mit den Ergebnissen überraschen. Zumindest habe ich mir das so erklärt.“
Wieder fiel es Tokio sichtlich schwer, die richtigen Worte zu finden. Jo sah Tokio an, es war nicht zu erkennen, was sie dachte.
„Er wollte genau wissen, wie diese neuen Gerüchte im Netz entstanden sind. Ich meine, es gab einfach keine Beweise für Verbrechen an den angeblichen Tatorten. Menschen mit den klassischen Bisswunden werden schon sehr lange nicht mehr gefunden. Irgendwann in den letzten Jahrhunderten hörte das auf und es blieben nur die Mythen. Heutzutage verschwinden Menschen einfach und niemand hat die Chance zu sehen, ob ihnen jemand das Blut aus den Adern gesaugt hat. Wer war also die Quelle dieser Geschichten? Aber das war nicht alles, was ich für ihn herausfinden sollte. Angenommen, hat er gesagt, es gäbe eine Person, die seit Hunderten von Jahren so lebt, jagt und tötet, dann wäre es vielleicht sinnvoller, der Geldspur zu folgen als der Blutspur. Kannst du das versuchen?“
Jo sah, dass Tokio von Clovers Ideen sehr angetan gewesen war, und sie musste zugeben, dass ihr dieser Ansatz auch gefiel. Sie bemerkte, dass es ihr nichts ausmachte, dass Clover diese Ideen zuerst mit Tokio geteilt hatte. Tokios Fähigkeiten im Umgang mit dem Netz waren beeindruckend, und Tokio begegnete ungewöhnlichen Menschen und ungewöhnlichen Ideen mit liebevollem Respekt.
