Die Herbstläuferin - Anne Bax - E-Book

Die Herbstläuferin E-Book

Anne Bax

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Beschreibung

Die Kuppeln von Firmament sind der einzige Rückzugsort der wenigen verbliebenen Menschen in einer von zyklisch tobenden Stürmen beherrschten, postapokalyptischen Welt. Jeder, der in Firmament geboren wird, stirbt auch dort, ohne je die Kuppeln verlassen zu haben. Alles außerhalb der Kuppeln ist tödlich, feindlich und menschenleer, heißt es, und niemand denkt darüber nach, das in Frage zu stellen. Zumindest nicht öffentlich. Una, die schon in ihrer Kindheit wild gelebt und nicht alles akzeptiert hat, kennt einen streng geheimen Weg ins Freie. In den letzten Wochen einer sturmfreien Zeit wagt die 20jährige einen letzten, wütenden Ausflug in die Stille der dunklen Nacht. Sie soll verheiratet werden, unter Kontrolle gebracht. Doch dieser Ausflug bringt ihr mehr als die erhoffte Gelassenheit im Umgang mit ihrem vorbestimmten Leben, er verändert es für immer. Sie begegnet einer Frau von „draußen“, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Während die nächste Sturmzeit unaufhaltsam näher rückt, stellt die undenkbare Begegnung der beiden Frauen nicht nur alles, was sie gelernt haben, in Frage, sondern bringt sie auch in tödliche Gefahr. Coming-out und abenteuerliche Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Frauen, die in einer unwirtlichen Zukunft spielt. Eine der Protagonistinnen lebt in einer abgeschlossenen Welt, das Draußen gilt als unbewohnbar, von Naturkatastrophen zerstört. Doch auch „draußen“ leben Menschen ...

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Seitenzahl: 428

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Anne Bax

Die Herbstläuferin

Ein Liebesroman

 

konkursbuch

Verlag Claudia Gehrke

 

 

Zum Buch

 

Die Kuppeln von Firmament sind der einzige Rückzugsort der wenigen verbliebenen Menschen in einer von zyklisch tobenden Stürmen beherrschten, postapokalyptischen Welt. Jeder, der in Firmament geboren wird, stirbt auch dort, ohne je die Kuppeln verlassen zu haben. Alles außerhalb der Kuppeln ist tödlich, feindlich und menschenleer - so gibt es das Glaubenssystem vor.

In den letzten Wochen einer sturmfreien Zeit wagt die 20jährige Una, die schon seit ihrer Kindheit einen streng geheimen Weg ins Freie kennt, einen letzten, wütenden Ausflug in die Stille der dunklen Nacht. Da ihre Verbindung mit dem Sohn des obersten Verwalters kurz bevorsteht, wird ihr diese einzige Freiheit mit der nächsten Sturmzeit genommen werden. 

Doch dieser Ausflug bringt ihr mehr als die erhoffte Gelassenheit im Umgang mit ihrem vorbestimmten Leben, er verändert es für immer, als sie auf eine unbekannte Bedrohung im Gebüsch schießt. Schnell wird klar, dass sie keinen unmenschlichen Feind, sondern eine unbekannte junge Frau verletzt hat, eine junge Frau, die es eigentlich gar nicht geben kann ... Während die nächste Sturmzeit unaufhaltsam näher rückt, stellt die undenkbare Begegnung der beiden nicht nur alles, was sie gelernt haben, in Frage, sondern bringt sie auch in tödliche Gefahr.

Ein Roman „für die postapokalytische Romantiker*in“ (Prinz Eisenherz)

Zur Autorin

 

Anne Bax ist bekannt für ihre humorvollen Kurzgeschichten und scharfen Blick aufs lesbische (Liebes-)Leben im Wandel der Zeiten. Sie begibt sich mit diesem SF-Roman in ein neues Genre …

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Zum Buch

Zur Autorin

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Achtundvierzig

Neunundvierzig

Fünfzig

Einundfünfzig

Zweiundfünfzig

Dreiundfünfzig

Vierundfünfzig

Fünfundfünfzig

Sechsundfünfzig

Siebenundfünfzig

Achtundfünfzig

Neunundfünfzig

Sechzig

Einundsechzig

Zweiundsechzig

Dreiundsechzig

Vierundsechzig

Impressum

Eins

 

Una wischte die Staubschicht vom matten Bildschirm, tippte hastig die Zahlenkombination in das alte Keypad und wartete ungeduldig. Wenn sie sich umdrehte, konnte sie im fahlen Licht der Notfallbeleuchtung ihre Schritte, die einsam über den staubbedeckten Boden der leeren Kuppel führten, gut erkennen. Sie schaute vom Boden hinauf zur gewölbten Decke. Der dunkle, hohe Raum hatte etwas Erhebendes, das den aktiven Lagerkuppeln fehlte. Früher hatten hier sicher auch in großen Regalen und Containern dicht an dicht Nahrungsmittel oder Stoffe und Holz gelagert, was genau, wusste Una nicht, denn diese Zeiten waren lange vorbei. Die Container und Regale waren vor Jahrzehnten recycelt worden oder sie beherbergten jetzt Güter in einer anderen Kuppel. Sie nicht zu nutzen war in Firmament undenkbar, dafür waren ihre Ressourcen viel zu knapp. Die Kuppel selber aber wurde ignoriert.

 

Sie war da und gleichzeitig nicht da.

 

Die Filter arbeiten nicht mehr gut genug, dachte Una. Auf der einen Seite war das beruhigend, weil die unberührte Staubschicht zeigte, dass niemand die stillgelegte Kuppel betreten hatte, auf der anderen Seite war es gefährlich, denn wenn es jemand tat, war die alte Schleuse, die versteckt hinter einem abgeteilten Betriebsraum lag, durch ihre Spuren im Staub leicht zu finden.

 

Wer sollte in eine stillgelegte Kuppel kommen? Una schüttelte, ohne es zu bemerken, den Kopf. Die Leere und die Weite zu fürchten war ihnen allen in die Wiege gelegt oder, wie Una es zunehmend empfand, geschrien worden.

 

Draußen war der Tod. Draußen war der Tod. Draußen war der Tod.

 

Darüber wurde gesprochen, geflüstert, gesungen und gedichtet. Nicht in anrührende Reime gefasst wurde die Tatsache, dass sie langsam, aber sicher immer weniger Platz brauchten, weil die Zahl der Bewohner stetig sank. Seit ungezählten Jahren hatte kein Paar mehr als ein Kind bekommen, Kansa wurden missgebildet geboren oder starben im Kindesalter. Wann das angefangen hatte, wusste keiner, denn natürlich wurde auch hierüber nie gesprochen.

 

Das Schwinden war da und es war nicht da.

 

Diese hier, eine reine Vorratskuppel, war eine der ersten stillgelegten gewesen, und hatte lange vor Unas Geburt ihren Sinn verloren. Wie bei den beiden anderen überflüssigen Kuppeln taten alle so, als ob sie nicht mehr existierte. Kinder, die übermütig durch die Gänge streiften, ignorierten die großen leeren Räume und betraten sie nie, obwohl Una für sich beschlossen hatte, dass sie großartige Spielplätze abgaben. Sie wusste aber, dass niemand in Firmament ihre Meinung teilte und behielt sie für sich.

 

Es ist wichtiger, worüber wir schweigen.

 

Ich muss trotzdem die Sauger laufen lassen und die Filter austauschen, damit ich in Ruhe hier sein kann, dachte Una und fühlte, wie die Unruhe in ihr sofort stärker wurde.

 

Ob ich nach der nächsten Sturmzeit noch irgendwo in Ruhe hingehen kann?

 

Auch wenn sie sich gerade erst bestätigt hatte, dass hier niemand unterwegs war, wartete sie ungeduldig auf das leise Zischen, mit dem sich die Tür in den Schleusenraum öffnen würde, und sah sich nervös um. Es wäre Hagen zuzutrauen, dass er ihr auch mitten in der Nacht hinterherschlich. Hagen. Die Wut darüber, wie sehr er sie zunehmend als seinen Besitz betrachtete und behandelte, hatte sie heute Nacht nach langer Zeit wieder auf diese Idee gebracht.

Ich muss raus!

Das kleine Licht über den kaum noch lesbaren Zahlen leuchtete endlich auf und blinkte einen langen Augenblick rot, bevor es grün wurde und die Tür den Blick in den unbeleuchteten winzigen Raum dahinter freigab. Una huschte hinein und sah zu, wie die Tür sich hinter ihr verschloss. Der feine goldene Strich, der sorgfältig von ihrer Nase quer über ihre Wange zu ihrem Ohr tätowiert war, prickelte leicht, während er mit dem elektronischen Schutzschild um die Kuppeln kommunizierte. Bei ihrem ersten Besuch hier hatte sie diese Empfindung erschreckt, denn auch wenn der Strich dafür gedacht war, wurde er schon ewig von niemandem mehr dafür benutzt. Er war ein Relikt aus einer anderen Zeit, eine sichtbare Ermahnung und eingestochene Versicherung.

Wer immer die alte Schleuse modifiziert hatte, hatte dafür gesorgt, dass diese Kommunikation ihr zwar den Durchgang erlaubte, aber weder die Zentrale erreichte, noch registriert wurde. Das Prickeln ihrer goldenen Zeichnung ließ nach und vor ihr öffnete sich die Luke. Sie bückte sich, kroch hindurch und die Öffnung schloss sich sofort hinter ihr. Einen Moment blieb sie in der Hocke und legte die Hand auf das abgedeckte Keypad neben dem kleinen Eingang. Bei ihren ersten Solo-Ausflügen hatte sie mit Herzrasen hier vor der Schleuse gehockt und sich nicht weiter hinausgetraut, aus Angst, die Luke würde sich nicht mehr öffnen oder sie würde den Weg zurück nicht mehr finden. Es war wie ein schrecklicher Rausch gewesen, den Wind zu spüren, den weiten Himmel und den glitzernden Sternenteppich über sich zu sehen und zu wissen, dass man die einzige Kansa außerhalb der Kuppeln war. Die Dunkelheit war in mondlosen Nächten wie ein eigener flüssiger Raum gewesen, der sie mit seiner endlosen Schwärze umhüllt hatte.

Mit den Jahren war sie mutiger geworden. Mut. Sie musste über sich selber lächeln.

Wenn ich mutig wäre, würde ich mich Hagen entgegenstellen.

Sie richtete sich auf und der Wind fuhr ihr sofort durch die langen, hellen Haare und verwirbelte sie vor ihrem Gesicht. Sie zwängte die wehenden Strähnen unter ihre dunkle Kapuze und kramte in der Tasche ihres Overalls nach dem Stab. Erst hier draußen hatte sie begriffen, wie gut eine Kapuze die Ohren vor dem Wind schützte. In den Kuppeln dienten sie nur dazu, den Getreidestaub beim Ernten aus den Haaren fernzuhalten.

Von hier draußen war der Eingang zur alten Schleuse schlecht zu sehen und Una legte einen kleinen Leuchtstab neben die Öffnung, um sicher zu sein, die Schleuse im Ernstfall schnell zu finden. Die Sonne würde noch lange nicht aufgehen und wenn, dann würde sie am frühen Morgen an einem trüben Himmel wenig Helligkeit spenden. Oder vielleicht würde es sofort strahlend hell sein, Una hatte noch nie einen Sonnenaufgang gesehen, sie hatte noch nie gewagt, über Tag hinauszuschleichen, und ihre Vorstellung davon, wie das Veld im Sonnenlicht aussehen würde, wechselte.

Sechs Stunden würde der Stab grünlich leuchten. Sie aktivierte einen Countdown auf ihrer Uhr, bevor sie den Mundschutz hochzog, den Sitz der Wasserflasche und der Pistole in ihren Halftern überprüfte und sich auf den Weg machte.

Freiheit.

Im Licht des vollen Mondes hatte sie nach nicht einmal zwanzig Minuten den Rand der Ebene erreicht und fand den kleinen natürlichen Pfad zwischen den dichten Büschen. Die Hügelkette am Rand war steiler, als sie sie aus der letzten sturmfreien Zeit vor sechs Monaten in Erinnerung hatte. Auf der Spitze angekommen, zog sie den Mundschutz herab, keuchte laut und blickte zurück. Ganz in der Ferne loderte einsam die winzige Flamme, die das träge nachströmende Grubengas der stillgelegten Mine abfackelte.

Eine kleine, vergessene Kerze in einer großen Dunkelheit.

Ihr Herz schlug schnell unter dem alten dunkelgrauen Overall, der sie zu einem Teil der Nacht machte. Ich bin zu alt für diese Abenteuer, dachte sie und musste über sich selber schmunzeln.

»Das ist etwas für junge Kansa, die erst 19 Sturmzeiten erlebt haben«, sagte sie laut in die Nacht hinaus und der Wind zerstreute ihren Satz zwischen den Sträuchern und den Steinen. Die letzte Sturmzeit war ihre Zwanzigste gewesen. Wenn in wenigen Wochen die nächste Sturmzeit anbrach, würde sie sich entscheiden müssen.

Als ob ich eine Wahl hätte.

 

Una schüttelte den unangenehmen Gedanken ab und atmete tief ein. Sie liebte es, sich außerhalb der Kuppeln zu bewegen. Sie liebte den Blick auf die Welt, die niemand außer ihr sehen konnte. Bei ihren ersten Ausflügen hatte sie jede neue Empfindung verwirrt und manchmal erschüttert. Es gab so viel, mit dem sie nicht gerechnet hatte, so viel, über das sie nichts wusste. Die Weite, die kein Ende nahm, der Wind, der fühlbar über ihre Haut fuhr, ihre Haare verwirbelte und laut rauschend durch die Bäume und Sträucher fuhr. Die Nachtluft, die mal feucht und kühl und mal sanft und warm war. Als es bei einem Ausflug geregnet hatte und dicke Wassertropfen auf sie herab prasselten, war sie vor Schreck zurück in die Schleuse gerannt. Sie hatte schnell gelernt, die Regenschauer zu lieben und die seltenen Nächte, in denen sie im Regen draußen sein konnte, waren ihr kostbar geworden. Ein einziges Mal hatte sie ein Gewitter in der Ferne gesehen und der ganze Himmel hatte für eine Sekunde einen blendend hellen Riss bekommen, der sich aus den Wolken bis zum Boden erstreckt hatte. Ein plötzliches Geflecht aus Licht hatte die Dunkelheit durchbrochen, als enthülle die Nacht leuchtende Adern und kleinere Gefäße, die von ihnen ausgingen. Sie hatte sich eng an einen Baum gepresst und dann hatte es einen anderen Riss, an einer anderen Stelle, gegeben, und das Grollen des Donners war drohend und überirdisch durchs Veld gerollt.

Es war ihr nicht gelungen, das ein zweites Mal zu erleben, denn ihre Ausflüge waren selten und sie hatte von innen keine Möglichkeit vorherzusehen, wie es draußen sein würde. Nur der Anfang und das Ende jeder neuen Sturmzeit wurde in den Kuppeln verkündet, weil sie das Jahr einteilte und ihre tobenden Winde, heftigen Gewitter, prasselnden Hagelschauer und Regenfluten eine Gefahr für die Turbinen, die Sonnenkollektoren und die Kanalisation darstellten. Die Sturmzeit war der spürbare Beweis für die tödliche Bedrohung außerhalb der Kuppeln. Ansonsten wussten sie alle nichts über das Veld.

Natürlich nicht. Es gab kein Draußen, nicht für sie und die anderen Kansa in Firmament.

Die Oberfläche ihrer Kuppeln waren komplett mit Sonnenkollektoren beschichtet und ihre mit wechselnden Bildern bespielten Innenflächen gaben keine Auskunft darüber, ob es draußen Tag oder Nacht war. In Firmament kam das Sonnenlicht aus Röhren und die Luft und das Wasser aus Filtersystemen, deren Wirkung auf die Kansa wie alles in den Kuppeln perfekt dosiert war.

So wie es eben sein musste, wenn Kansa überleben wollten.

Für Una roch die Luft hier draußen, außerhalb, frischer, obwohl sie nie staubfrei, nicht sorgfältig gereinigt und nicht künstlich mit Sauerstoff angereichert war.

»Das redest du dir ein, Una. Hier draußen ist nichts frisch. Hier ist der Tod. Alles, was du hier findest, sind die Geister einer Welt, die es nicht besser wusste«, hatte ihre Mutter ihr mürrisch erklärt, als sie sie am achten Jahrestag des Unfalls ihres Vaters zum ersten Mal in der Dunkelheit mit durch die alte Schleuse genommen hatte.

Als ob sie das mit ihren zehn Sturmzeiten nicht gewusst hatte. Jedes Kind wuchs mit der Geschichte der Apokalypse und der letzten Kansa auf. »Wir sind die letzten Kansa. Wir sind die Hüter der Wahrheit.« Una flüsterte unwillkürlich die ersten Sätze des Schwurs, den sie alle zu Beginn jeder neuen Sturmzeit aufsagten.

Warum Elsen, ihre Mutter, ihr den undenkbaren Weg ins Veld damals gezeigt hatte, blieb bis heute ihr Geheimnis, und Una hatte schwören müssen, es um jeden Preis zu bewahren und nur an ihre Tochter weiterzugeben.

Von der es nicht sicher war, ob es sie einmal geben würde.

»Wir werden diese Probleme nicht haben«, hatte Hagen ihr zugeflüstert, als vor einem Monat die erwünschten Verbindungen der nächsten Sturmzeit verkündet wurden und ihre beiden Namen nebeneinander auf den großen Bildschirmen erschienen. Sein selbstbewusstes Grinsen hatte sie abgestoßen, aber er hatte ihre Ablehnung wohl für Schüchternheit gehalten und ihr so demonstrativ zugezwinkert, dass sich eine Gesichtshälfte verzogen hatte und es für einen Moment so ausgesehen hatte, als ob sein Gesicht aus zwei verfeindeten Hälften zusammengezwungen worden war, die jetzt um die Herrschaft kämpften. Widerlich! Sie hatte das Zwinkern zu Hause für ihre Mutter dramatisch dargestellt und sich darüber gefreut, dass Elsen darüber kurz gelächelt hatte. Das tat sie selten.

Einmal nur, als ihre Mutter sie vor Jahren bei den Vorbereitungen zu einem ihrer nächtlichen Soloausflüge ertappt hatte und daraufhin tagelang schweigend mit ihr die Wohnung teilte, hatte Una sie wütend gefragt, warum sie ihr den streng verbotenen Weg nach draußen denn überhaupt gezeigt hatte.

»Das war ein Fehler! Eine Dummheit! Ein tragischer Hang zur Nostalgie! Ich hätte das nicht tun sollen … er hätte das gewollt … er wollte so viel … ich …«, hatte Elsen aus zusammengepressten Lippen hervorgestoßen, sich dann selber unterbrochen und müde und alt ausgesehen. Das war alles, was sie über das Thema sagen wollte, in den ganzen zehn Sturmzeiten, die Una jetzt von der Schleuse wusste. Keine Erklärungen, woher sie den Weg kannte, keine Geschichten darüber, warum sie selber einst hinausgegangen war. Nichts. Nur dieses unglückliche Schweigen, wenn sie das Thema ansprach, und der Satz:

»Wenn du schon rausgehst, dann ausschließlich in der Nacht und nie weiter als bis zur Bank!«

 

Da jetzt keine Sturmzeit war, trieb der Wind nur wenig Staub durch das dornige Gestrüpp, das ihr auch hier oben bis zu den Knien reichte. Über den mächtigen, matt glänzenden Kuppeln von Firmament, die sich kilometerweit über die ganze Ebene erstreckten, hing der volle Mond wie eine vor langer Zeit angebrachte und vergessene Dekoration zwischen der Nacht und den Sternen. Der helle Trabant, das matte Leuchten der Kuppeln und die winzige, bläuliche Flamme ließen die Dunkelheit um sie herum noch bedrohlicher und endloser erscheinen.

Firmament, das einzige, künstliche Gebilde, so weit ihre Augen reichten.

Firmament, ihr Zuhause, ihr Schutz vor der vor langer Zeit aus den Fugen geratenen Welt. Firmament, die letzte Zuflucht der Menschheit.

Firmament, ihr Gefängnis.

 

Sie schaute auf ihre Uhr und stellte fest, dass sie noch genug Zeit hatte, also wandte sie sich ab. Die Hügelkette war auf der anderen Seite steiler und felsiger und sie setzte ihre Füße im Licht ihrer Taschenlampe sorgfältig zwischen die Steine. Die Kuppeln verschwanden hinter ihr und es gab jetzt nur noch sie und den Mond und das kleine Licht, das um ihre Schuhe tanzte. Una liebte das. Es war der einzige Ort auf der ganzen Welt, an dem sie sich nicht beobachtet und gedrängt fühlte. An einem kleinen Vorsprung, der wie eine natürliche Bank aus einem Felsen ragte, hielt sie inne, setzte sich, zog den Mundschutz hinab und trank einen großen Schluck Wasser aus ihrer Flasche. Die Wut, die sie an die alte Schleuse und hier hinaus in die ungeschützte Wildnis außerhalb der Kuppeln getrieben hatte, war längst verflogen, wie sie das immer getan hatte, wenn ihre Pflichten es zuließen, dass sie hinausschlich. Sie schaute hinab in die endlose, mondbeschienene Weite des Velds und ließ es zu, dass die Furcht vor dieser toten Welt und der Stolz darauf, die Einzige zu sein, die sich außerhalb der Kuppeln bewegte, um die Vorherrschaft kämpften. Ein Kampf, den der Stolz ohne große Mühe gewann. Sie zog ihre Kapuze nach hinten, ließ den Wind mit ihren Haaren spielen und prostete in Richtung der Sterne. Auch das Wasser schmeckte hier draußen besser. Sie nahm einen tiefen Schluck und wischte sich den Mund ab, damit der Staub nicht an ihren Lippen kleben blieb. Es war wunderbar hier draußen. Wunderbar und furchterregend zugleich.

 

Es war frei.

 

»Dann geh ich raus ins Veld!«, hatte sie als Sechsjährige wutentbrannt in der Schule geschrien, als man ihr etwas, das die Jungen durften, verweigern wollte. Oder vielleicht auch nur aus Langweile, sie erinnerte sich nicht mehr an den Grund, aber sie war sich sicher, nicht einmal genau gewusst zu haben, was das Veld überhaupt war. Für die Reaktion der Gemeinschaft hatte das keine Rolle gespielt. Die Erziehungsdienerin hatte sie strampelnd und schreiend aus dem Schulraum getragen, die anderen Kinder hatten laut geweint, daran erinnerte sie sich deutlich. Und an Elsen, ihre Mutter, die, dicht neben ihr, still den Worten des obersten Verwalters gelauscht hatte. Dass sie eine tragische Ähnlichkeit mit Aventh, ihrem Vater, aufweise und dass man das besser jetzt in den Griff bekommen solle. Und dann hatte man Elsen einen Verweis erteilt und sie selber für sechs Monate in der Gemeinschaftserziehung untergebracht. Una musste eingesperrt auswendig lernen, wie die Kansa in den Jahrhunderten vor ihr die Kuppeln unter großen Opfern erbaut und verteidigt hatten, wie sie alle Bequemlichkeiten der alten Welt losließen, die die Kuppeln nicht ermöglichten, und wie sie neu erfanden und verbesserten, was sie besaßen. Und täglich musste sie wiederholen, dass jeder Versuch, die Kuppeln zu verlassen, den Tod bedeuten würde. So, wie die Menschen auf der Erde vom luftleeren und tödlichen Weltraum umgeben waren, so war Firmament umgeben vom tödlichen Veld. Das war es, was sie und alle anderen in der Gemeinschaftserziehung auswendig aufsagen mussten. Wie der mühselige Weg in den Weltraum zur Todesfalle geworden war, wie die Technikfeinde die verhassten Technologien zur Waffe gemacht hatten. Wie direkt zu Beginn der Kriege die Raumstationen und Satelliten, die die Menschen verbunden hatten, hinabgestürzt waren und Tausende getötet hatten.

 

Draußen wartete nichts als der Tod.

 

Die goldene Tätowierung, die verhinderte, dass irgendwas oder irgendwer, der sie nicht besaß, ins Innere der Kuppeln gelangen konnte, verhinderte auch, dass irgendjemand sie verließ. Wer darüber sprach, stellte alles, woran die Kansa glaubten, in Frage. Als sie endlich zurück bei ihrer Mutter war und am normalen Schulungsprogramm teilnehmen durfte, hatte sie gelernt, dass es leichter war, ihre Gedanken für sich zu behalten. Die restlichen Schuljahre waren ohne sichtbare Zwischenfälle vergangen.

Aber Elsen schien zu wissen, wie es in ihrer Tochter aussah, sie hatte sie heimlich in vielen vernachlässigten Fächern unterrichtet und als Una alt genug war, um in vollem Umfang zu begreifen, was ein Verrat der Schleuse bedeuten würde, hatte sie sie mitgenommen.

Es war wie ein geheimes Ritual gewesen, das sie mit zehn Sturmzeiten vom Kind zur Erwachsenen gemacht hatte. Sie hatten sich in kleinen, eiligen Schritten immer weiter von den Kuppeln entfernt und den Hügel im Laufschritt erklommen. Und dann hatten sie wort- und atemlos auf dem kleinen Vorsprung gesessen und in die Dunkelheit geschaut. Auf den Mond, der in dieser Nacht eine leuchtende Sichel gewesen war, die sich nie sichtbar bewegt und doch die Position gewechselt hatte. Auf die Sterne, von denen im Wechselspiel der Wolken mal wenige und mal unzählige den Nachthimmel bedeckt hatten. Auf die einsame Flamme, deren Licht von niemandem gesehen wurde. Unas Welt hatte vom Anblick der Weite einen Sprung bekommen, der nie mehr zusammengewachsen war und über den sie mit niemandem hatte reden können.

 

Der Wind wurde stärker und die knorrigen, dicht belaubten Büsche am Rande des Hügels unter ihr raschelten, als ob sie sich Geheimnisse zuflüsterten. Vielleicht waren es auch die kleinen Lebewesen, die sie manchmal gehört, aber selten gesehen hatte. Einmal hatte einer von ihnen wenige Meter von ihr entfernt einen Stein erklommen und mit der kleinen, spitzen Schnauze in die Nacht geschnuppert, ohne sie zu bemerken. Una hatte ihn fasziniert beobachtet, bis er plötzlich, von einer für sie unsichtbaren Gefahr aufgeschreckt, mit einem Satz in der Dunkelheit verschwunden war. Sie hatte sie die Huscher getauft und warum sie hier draußen überleben konnten, war ein weiteres Rätsel, das sie nicht zu lösen vermochte. Ohne viel darüber nachzudenken hatte sie sie zu den Dingen sortiert, die es in Firmament nicht geben durfte und die es hier draußen trotzdem gab.

 

Sie schob die Haare zurück unter die Kapuze. Lange kann ich nicht mehr bleiben, dachte sie und hob die Taschenlampe an, um sich zu erheben. Der aufflammende Lichtstrahl erfasste kurz etwas Großes, Huschendes, das sich nicht synchron zu den Büschen im Tal bewegte und schnell wieder aus dem Lichtstrahl verschwand. Sie ging reflexartig vor dem Felsvorsprung in die Hocke, ließ die Taschenlampe erlöschen und griff nach ihrer Waffe. Nichts hier draußen, außer ihr, war so groß. Es gab laut der Erziehungsdiener Tiere auf der Welt, grässlich verformte Bestien und monströse Raubtiere, die ihnen folgten. Oder es hatte sie gegeben, niemand wusste, wie alt die Berichte waren. Niemand wollte wissen, was die Radioaktivität in den letzten Jahrhunderten angerichtet hatte. Hier draußen gab es für kein großes Lebewesen mehr genug Nahrung, um länger an einem Ort zu bleiben, und die verheerenden Sturmzeiten taten ihr Übriges. Una wusste zwar nach all ihren Besuchen, dass die Radioaktivität in der Gegend der Kuppeln keine große Rolle mehr spielen konnte, aber sie hatte in den vergangenen zehn Jahren noch nie etwas gesehen, das annähernd so groß wie sie gewesen war.

Es gab allerdings eine Gefahr, die jeder Kansa von Kindesbeinen an kannte, obwohl sich niemand daran erinnern konnte, wann jemand zum letzten Mal einen lebendigen Drachen gesehen hatte.

Sie waren da, weit draußen in der unbekannten Öde des Velds, das war sicher, und eine Begegnung mit ihnen war ohne jede Ausnahme tödlich. Die Drachen, mutierte Nachfahren der Irrsinnigen, die die Welt erst in die Katastrophe getrieben und dann alles zerstört hatten, was sich ihnen, ihrem Glauben und ihrem Hass auf jede Form von Technik nicht unterwerfen wollte. In allen Geschichten, die sie gehörte hatte, waren die Drachen der Inbegriff des Chaos. Menschenfeindliche Ungeheuer, die Wasser vergifteten und Sonne und Mond zu verschlingen drohten. Sie waren von mutigen Kansa im Kampf überwunden und getötet worden, damit die neue Welt entstehen und die Menschheit weiterbestehen konnten.

 

Als die Kansa es endlich unter großen Opfern geschafft hatten, die Oberhand zu gewinnen, war es für den größeren Teil der Menschheit zu spät gewesen. In wenigen Jahren waren aus sieben Milliarden ein paar Hunderttausend geworden. In den Jahrhunderten, die seitdem vergangen waren, hatten die Kansa sich auf dem von Klimakatastrophe und Nuklearkrieg zerstörten Planeten auf den Erhalt der Dinge konzentriert, die Menschen zu Menschen machten, hatten die Erinnerung und kleine Teile der Natur bewahrt und die Technologie weiterentwickelt. Hier in Firmament und in weit entfernten Kuppeln auf anderen Kontinenten. Der Kontakt der wenigen weit verstreuten Kansagruppen zueinander war irgendwann im letzten Jahrhundert abgerissen und niemand wusste genau, warum. Radioaktivität war mit den Stürmen in wechselnden Mustern über die Welt gefegt und hatte Tod und Krankheit mit sich gebracht. Die Funkgeräte waren still geworden und man hatte sie abgeschaltet. Vielleicht hatten die Drachen die anderen überfallen und ausgelöscht, vielleicht waren die letzten Menschen verhungert oder verdurstet. Niemand wagte sich hinaus, um das herauszufinden. Wie auch? Die Welt war eine öde, feindliche Wüste mit wenig Wasser und Nahrung. Die alten Transportmittel und Wege waren zerstört, genau wie die Technologien, die sie ermöglicht hatten. Monate andauernde, möglicherweise radioaktive Stürme machten Reisen über größere Distanzen unmöglich. Die kleinen Elektrofahrzeuge, die sie innerhalb der Kuppeln verwendeten, waren die einzigen Transportmittel, die sie besaßen, und sie wären ohne Schutzanzüge und Strom draußen im Veld nutzlos gewesen. Nicht, dass es jemand versucht hätte oder darüber gesprochen wurde, es zu versuchen.

»Es ist wichtig, worüber wir reden, es ist wichtiger, worüber wir schweigen« stand in großen Buchstaben über dem Eingang der großen Zentralkuppel, in der sie sich an Festtagen versammelten, und Una verbeugte sie sich wie alle anderen Kansa, wenn sie am Leitsatz der Gemeinschaft vorbeiging.

 

Die Drachen waren über die Welt verstreut worden und hatten jede Menschlichkeit verloren. Sie hatten keine Siedlungen gebildet, hatten ihre Sprache vergessen und sie kannten keine Gnade. Firmament war zu groß und zu gut gesichert, aber Una kannte die alten Geschichten von kleineren Ansiedlungen, die in den vergangenen Jahrhunderten von gnadenlosen Drachen angegriffen und zerstört worden waren. Sie kannte die alten Bilder der ermordeten und gefolterten Kansa, die sie als Zeichen zurückgelassen hatten. Auf einem alten Film, von dem die Erziehungsdienerin nicht sagen konnte, wann er aufgenommen worden war, warf sich ein gefangener Drache laut brüllend gegen die Gitter seines Käfigs. Er war riesig, dicht behaart und kauerte, wenn er nicht tobte, auf allen Vieren in der Ecke des Käfigs. Eine monströse Karikatur des Menschen, der er einmal gewesen war. Viele der kleineren Kinder hatten in ihrer Klasse vor Angst geweint und Una war froh gewesen, als sie alt genug war, um den Film nicht mehr sehen zu müssen.

 

Sie lauschte angestrengt in die Dunkelheit hinein und saß vollkommen still. Das unruhige Rascheln der Büsche machte es unmöglich zu hören, ob sich etwas außer Blättern und Ästen in ihnen bewegte. Der Mond gab silbriges Licht, aber viel zu wenig, um Details zu erkennen. Sie versuchte, mit ihren Augen die Dunkelheit zu durchdringen, denn sie wollte sich nicht durch das Licht der Taschenlampe verraten.

Das habe ich sicher schon.

Sie sah sich arglos im Licht der Taschenlampe den Pfad zur Bank hinabsteigen, gut sichtbar für alles, was sich in der Ebene verbarg.

Ich war sorglos.

Der Gedanke durchfuhr sie mit kalter Gewissheit und sie fühlte ihr Herz laut und schnell schlagen. Ihr war übel und die Knie schmerzten von der engen Hocke, in die sie ihren Körper gezwungen hatte. Das Tal unter ihr war ruhig und dunkel, nichts außer den unterschiedlich dichten und hohen Pflanzen, die sich leicht im Wind bewegten. Ich habe mich bestimmt geirrt, dachte Una und streckte ein Bein vorsichtig nach vorne, ohne die Augen von der Dunkelheit zu nehmen. Da unten ist nichts. Und überhaupt, wenn ich schnell aufspringe und loslaufe, bin ich in zehn Minuten oben auf dem Hügel, und auf der anderen Seite geht es bergab noch schneller. Ich kenne den Pfad doch gut genug. Heute ist die Tatsache, dass ich größer und sportlicher bin als die meisten Kansa-Frauen, vielleicht endlich mal kein Nachteil. Du weißt doch gar nicht, wie schnell Drachen sind, meldete sich ein Gedanke aus dem Teil ihres Gehirns, der vollständig mit der Angst beschäftigt war. Ich weiß auch nicht, ob das da unten wirklich ein Drache ist, rief sie sich selber zur Ordnung und versuchte das Zittern, das sich langsam von den verkrampften Beinen in ihrem Körper ausbreitete, zu unterdrücken. Das kann alles sein und nichts.

Was das auch ist, ich muss jetzt handeln! Sie entsicherte die Pistole, sammelte sich, befahl sich innerlich ruhig zu werden und dann, nach einem kurzen Countdown, loszusprinten.

Drei …

Zwei …

Sie sah die Bewegung nur noch aus dem Augenwinkel, weil sie sich in der Hocke in Richtung Firmament gedreht hatte, und dieses Mal gab es keinen Zweifel. Aus den knorrigen Büschen unten am Hügel erhob sich eine unförmige, aber menschenähnliche Gestalt und richtete sich mit weit ausgestreckten Gliedmaßen zu bedrohlicher Größe auf. Una schoss, ohne das geplant zu haben, sprang auf und hetzte den Hügel hinauf, als der Wind ihr einen einzelnen Laut zutrug. Ihre Beine hämmerten auf die Spitze der Anhöhe zu und rutschten und stolperten auf der anderen Seite hinab. Sie riss sich ihren Anzug im Fallen an Steinen und Dornen auf und fühlte, wie ihr das Blut an den Waden hinunterlief. Weiter, dachte sie, weiter. Als sie in der Ebene ankam, kämpfte sich ihr Atem im Rhythmus ihrer Schritte mit lauten schmerzhaften Stößen in die Stille der Nacht hinaus.

Ihre rechte Hand hatte die Pistole auf dem ganzen Weg so fest umklammert, dass es ihr schwerfiel, den Code einzutippen, als sie endlich an der Schleuse ankam. Sie hockte sich erschöpft hin, griff nach dem kleinen Leuchtstab und fühlte glücklich das Surren ihrer Tätowierung auf der Haut, als das Tor sich öffnete und sie nach vorne in den kleinen Durchgang fiel. Die Schleuse schloss sich hinter ihr und sie blieb weinend und blutend auf dem staubigen Boden des winzigen Raumes liegen, während vor ihr die Tür in die Kuppel zur Seite glitt.

 

 

Zwei

 

»Hilfe!«

Una erwachte von dem fernen, verzweifelten Schrei und fuhr alarmiert hoch. Es war dunkel. Natürlich, hier draußen im Veld gab es kein Licht. Wo war der Schrei hergekommen? Sie sprang auf. Aus den Büschen im Tal? Sie tastete in die Dunkelheit, ihr Mund war trocken und ihr ganzer Körper schmerzte. Ich muss helfen, dachte sie und sah sich mit wildem Blick um. Ein helles Licht flammte auf und sie schloss mit einem Stöhnlaut die geblendeten Augen.

»Una? Kind?«

Was machte ihre Mutter im Veld? Hatte sie um Hilfe gerufen? Una zwang die Augen auseinander und sah, jetzt erst ganz erwacht, dass Elsen in ihrem Raum vor ihrem blutverschmierten und schmutzigen Bett stand und sie fassungslos anstarrte.

»Una, was ist passiert?«

Elsen half ihr, sich hinzulegen und strich vorsichtig über die vielen blutigen Schrammen, die ihre Beine und Arme bedeckten.

»Du warst gestern Nacht draußen? Bist du so durch die Kuppeln gelaufen? Hat dich jemand gesehen?«

In Elsens Gesicht waren die unterschiedlichsten Sorgen hinter den Fragen deutlich zu sehen. Der dunkle Staub, der Unas Bettwäsche und ihre Wunden bedeckte, sprach für sich. Sie hatte draußen ihr Leben riskiert und hier drinnen ihr beider Leben gefährdet. Sie sah Elsen an. Es war sehr wichtig, dass sie jetzt ruhig wirkte, das wusste sie.

»Ich war draußen, ja. Und ich bin auf dem Rückweg gefallen. Ich habe einen Stein übersehen und bin fast den ganzen Hügel hinuntergekullert. Aber außer meinem Stolz hat nichts wirklich Schaden genommen. Vaters alter Anzug vielleicht noch. Und die Bettwäsche, wenn ich es jetzt so genau betrachte.«

Sie versuchte ein Grinsen, während ihre Gedanken innerlich taumelten und sich schwer sortieren ließen.

»Und nein, mich hat natürlich niemand gesehen.«

Elsen sah sie prüfend und besorgt zugleich an.

»Bist du dir ganz sicher?«

Una nickte mit dem Kopf und hielt Elsens Blick stand, bis diese wieder auf ihre Wunden schaute.

»Gut! Wir müssen das auswaschen, deine Wunden müssen gereinigt werden und den Anzug müssen wir kompostieren. Du bist doch in diesem Monat bei der Wartung der Windturbinen in der Südkuppel, oder? Da hast du gestern Abend spät noch eine Anzeige kontrolliert und bist gestürzt. Diese alten Treppen stehen schon ewig auf der Reparaturliste.«

Sie lächelte resigniert.

»Wie eigentlich alles in Firmament auf irgendeiner Reparaturliste steht. Und es ist ja auch nicht das erste Mal, dass du irgendwo herunterfällst.«

Una musste selbst in diesem seltsamen Augenblick darüber schmunzeln, wie praktisch Elsen veranlagt war. Und sie war froh, dass sie keine weiteren Fragen stellte. Sehr froh! Genau in diesem Moment nahm Elsen ihre Hand und sah ihr ungewöhnlich tief in die Augen.

»Du lebst, du bist hier und niemand weiß von deinen Ausflügen, das ist das Einzige, was zählt! Lass uns großzügig mit der Wasserration sein und dir ein kleines Bad einlassen.«

Una erwiderte den festen Druck der Hand, versuchte aber, dem intensiven Blick zu entkommen. Sie folgte Elsen in den kleinen, kargen Waschraum und sah, wie sich auf ihrer Rationsuhr die Zahlen drehten, während sich der Boden der kleinen Zinkwanne mit warmem Wasser füllte. Auch wenn Firmament eine Quelle hatte und Regenwasser sammelte, sauberes Wasser war kostbar und das hier war ein echter Luxus, für den sie sehr dankbar war. Viel mehr als ein paar Zentimeter über dem Boden stand das warme Wasser noch nicht, als Una sich vorsichtig hineinsetzte und ihre langen Beine ausstreckte, so gut das ging. Ihre Wunden brannten, vor allem an den Knien waren die Abschürfungen tief, aber ihre Muskeln signalisierten, dass ihnen die Wärme guttat. Sie tupfte sich den Dreck und den Staub aus der abgeschürften Haut und lächelte Elsen an, die ihr einen neuen Waschlappen reichte. Was würde es helfen, wenn sie Elsen von ihrer Begegnung im Veld erzählen würde? Gar nichts! Im schlimmsten Fall würde Elsen ihr verbieten, jemals wieder nach draußen zu gehen. Oder sie würde die Verwaltung alarmieren und den Weg nach draußen damit unwiderruflich verschließen.

Und ihr Leben riskieren, weil sie den Weg kannte? Unsinn!

Elsen hatte das Geheimnis der Schleuse über Jahrzehnte bewahrt, sie würde es nicht für einen einzigen Vorfall preisgeben. Wollte sie nach der gestrigen Nacht denn noch nach draußen? Und hatte sie überhaupt eine Begegnung gehabt? Mit was? Mit wem? Alles, was sie gesehen hatte, war ein Schatten im Unterholz gewesen und sie hatte auf diesen Schatten geschossen.

»Leg dich hin, ich trage dich für heute als krank ein und gehe für dich zur Wartung. Du kannst ab morgen in die Agrarkuppeln gehen. Die Sojabohnen haben dich sicher vermisst.«

Elsen kam zurück in den Raum, bekleidet mit einem der praktischen Anzüge, die sie alle zur Arbeit trugen. Una streckte ihr die Zunge heraus, sie hasste die Arbeit in den Agrarkuppeln und Elsen wusste das nur zu gut.

»Kann ich nicht zur Metallurgie? Oder zur Elektrik? In die Schreinerei?«

Elsen schüttelte den Kopf.

»Da sind alle Schichten gut besetzt.«

»Vielleicht sind die Sojabohnen noch nicht dran!«

»Oh, sie sind dran, da kannst du sicher sein. Sie sind gerade mit dem Mais fertig geworden. Gute Ernte beim Mais übrigens, nicht so wie bei den Kartoffeln … ich meine …«

Elsen sah sie bittend an.

»Ich weiß, ich werde darüber nicht mit anderen reden.«

So, wie sie nicht über leere Kuppeln und fehlenden Nachwuchs sprachen, sprachen sie auch nicht über die anderen Schwierigkeiten, über die schlechten Ernten, die technischen Probleme und den Husten.

Sie lächelten sich an und Una war froh, dass ihrem nächtlichen Schrecken jetzt kein tagelanges Schweigen in ihren Räumen folgte, auch wenn sie keine Ahnung hatte, warum Elsen ihren Unfall so leichtnahm. Ich bin nur gestolpert, erinnerte sie sich, das war ihr in den Kuppeln schon oft passiert und hatte nichts mit den Gefahren im Veld zu tun.

»Ruh dich aus, kleine Sojabohne!«

Elsen küsste Una sanft auf den Kopf und ging hinaus.

Una hörte, wie die Haustür hinter ihrer Mutter zufiel. Sie schloss die Augen und tupfte weiter mit dem warmen Lappen an ihren müden Muskeln entlang. Eine Woche Bohnen ernten würde ihre Laune zwar nicht heben, aber es würde Elsen das Gefühl geben, sie für ihre Unaufmerksamkeit bestraft zu haben. So hatte sie das oft gehandhabt, wenn Una wieder einmal unerlaubt irgendwo hinaufgeklettert und oft genug hinuntergefallen war. Das Brennen ihrer vielen kleinen Schürfwunden war mittlerweile zu einem einheitlichen Schmerz verschmolzen, der es schwer machte, die einzelnen Punkte zu unterscheiden. Ich muss schlafen, dachte sie, und wenn ich aufwache, wird alles besser sein und ich werde nicht mehr an den Laut denken.

 

»Hilfe!«

 

Sie musste in der Wanne eingenickt sein, denn sie schreckte mit dem gleichen hellen Schrei im Ohr auf. In den Räumen, die Una und Elsen bewohnten, war es so still, wie es in Firmament sein konnte. Die großen Sauger im Kuppeldach waren gerade mit metallischem Klicken angesprungen und summten leise, die Lichtquelle im Waschraum brummte.

 

Habe ich im Schlaf geschrien?

 

Sie erhob sich mühsam aus der Wanne und ließ das Wasser in den Recyclingkreislauf fließen, bevor sie sich abtrocknete und nach einem anderen alten Overall ihres Vaters suchte. Da sie deutlich größer als die anderen Kansa-Frauen war, konnte sie die Overalls der Männer ohne Probleme tragen. In der Öffentlichkeit wurde das nicht gern gesehen, auch wenn sich die Kleidungsstücke nur in den Farben und der Anzahl der Taschen unterschieden. Während die grauen, weißen und schwarzen Overalls der Männer unterschiedlich große Taschen an den Seiten, der Brust und der Rückseite hatten, zierte die roten und rötlichen Anzüge der Frauen nur eine einzige Tasche mitten auf dem Bauch. Die Dinge müssen ihre Ordnung haben, hatte Elsen ihr ohne jeden Humor eingebläut, wenn sie spöttisch anmerkte, dass sie doch nur ihre Hände in die Taschen stecken wolle, aber dass sie leider mehr Hände als Taschen habe.

 

Aventh, ihr Vater, hätte sicher auch auf die angemessenen Anzüge bestanden, aber Una konnte sich kaum mehr an den stillen Mann erinnern, der kurz vor ihrem zweiten Geburtstag bei einem Unfall umgekommen war. Meist hatte Elsen ihr die Overalls der Frauen und Mädchen verlängert, um ihr die Ermahnungen der anderen zu ersparen. Hier, in ihren Räumen, waren die verblichenen Kleidungsstücke ihres Vaters teils Nostalgie, teils Rebellion und eine weitere kleine Eigenheit ihres Lebens, von der sie wusste, dass sie ihr in der nächsten Sturmzeit genommen werden würde. Sie mischte sich Brei mit Obst und versuchte, während sie aß, den hellen Klang in ihrem Kopf zu ignorieren. Der Kommunikator an ihrer Wand blinkte mit einer Nachricht von Hagen auf, der sich nach ihrem Befinden erkundigte. Natürlich, er war bei den Turbinen aufgetaucht, um nach ihr zu sehen. Manchmal fragte sie sich, wie er es ohne Strafen schaffte, seine Arbeit zu erledigen, so viel Zeit, wie er damit verbrachte, ihr auf ihren unterschiedlichen Wegen durch die Kuppeln zu folgen. Er lebte ziemlich weit entfernt in einer der östlichen Kuppeln und war zu höheren Verwaltungsaufgaben erzogen worden. Was ihm offensichtlich schon im unteren Rang eines jungen Verwalters Zugang zu allen möglichen Informationen verschaffte. Später, wenn er wirklich in den obersten Verwaltungsrat gewählt werden würde, würden weitere Privilegien dazu kommen. Eine freie Woche in jedem Arbeitsmonat zum Beispiel, die der Rat abgeschieden von der Gemeinschaft mit der Zukunftsplanung für die Kuppeln verbrachte.

 

Die Kontemplation der Verwaltung gibt Firmament Zukunft.

 

Una kaute missmutig auf ihren Haferflocken. Sie hatte Hagen bis vor ein paar Monaten flüchtig gekannt, so, wie man in einer Gemeinschaft die Menschen der eigenen Generation kannte. Man sah sich bei Feierlichkeiten, tanzte vielleicht im großen Kreis oder saß in der Zentralkuppel, wenn abends die Geschichten erzählt wurden. Während sein Status als Sohn des obersten Verwalters, sein ewiges Grinsen und die lauten Scherze bei ihren Freundinnen gut ankamen, fand Una ihn selbstverliebt und alarmierend unintelligent. Ihre Verbindung war für die nächste Sturmzeit von der Zentrale als genetisch wünschenswert eingestuft worden und so gab es zwar theoretisch die Möglichkeit, einen anderen Mann zu wählen, sie hatte aber noch nie von einer Frau gehört, die das gewagt hatte.

»Männer-Overalls sind die eine Sache … aber sich gegen die Zukunft der Kansa zu entscheiden …«

Elsen hatte sie traurig angesehen und Una war klar, was das bedeutete. Firmament hatte nur noch ein paar tausend Bewohner unter seinen Kuppeln, die genaue Zahl zu kennen, war der Verwaltung vorbehalten und es war verboten, darüber zu spekulieren. Verbote waren die eine Sache, die in Firmament nie knapp wurde.

Es ist wichtiger, worüber wir schweigen.

Auch auf Unas Schultern lag die Verantwortung für den Fortbestand der Menschheit. Der gesamten Menschheit, denn es gab keine Anzeichen dafür, dass es eine andere Kansagruppe irgendwo auf der Welt geschafft hatte. Una legte den Löffel zur Seite und tippte eine schnelle Antwort auf das Display, nicht, weil sie das wollte, sondern um sich weitere Fragen zu ersparen. Die natürlich trotzdem kamen. Ob er sie besuchen könne?

Nein.

Ob sie morgen erst bei den Turbinen sei oder direkt in die Agrarkuppeln ging?

Nein!

Sie schlug wütend mit der Faust direkt neben das Display, weil der Verwaltersohn seine Position schon wieder genutzt hatte, um ihren Arbeitsplan einzusehen. Jetzt schmerzte die Hand auch noch und sie tippte schnell ein paar ausweichende Worte hinzu, bevor sie das Kom vom Netz nahm. Eine weitere Handlung, die nicht gern gesehen wurde.

»Macht doch eine Liste!«, brüllte Una viel zu laut in den stillen Raum und schämte sich dann dafür. Sie rollte sich zerschlagen und aufgewühlt zugleich auf ihrem Bett zusammen und versuchte Ruhe zu finden. Sie schlief kurz über ihren wütenden und verzweifelten Gedanken ein und erwachte unmittelbar danach.

 

Das war eine Kansastimme! Ich habe eine Kansastimme gehört! Du bist verrückt geworden! Una rief sich selber zur Vernunft. Du hast auf einen Schatten geschossen und bist gerannt, wer weiß, was da gequietscht hat. Vielleicht hat deine Kugel einen der Huscher im Gebüsch erwischt.

Das war kein Quietschen!

Es war auch keine Stimme!

Niemand außer dir geht hinaus ins Veld.

Dann aktiviere das Kom und sieh nach, ob es heute irgendwelche besonderen Ereignisse gegeben hat. Wenn irgendjemand da draußen angeschossen liegt, müsste das doch auffallen. Una tat das und las die wenig aufregenden Nachrichten der letzten vierundzwanzig Stunden sorgfältig durch. Alles war, wie es sein sollte. In einer der Lagerkuppeln für Holz hatte es ein kleines Feuer gegeben, das die Löschanlage sofort erkannt und erstickt hatte, einige Turbinen waren ausgefallen, einige Wohnungen waren ohne Strom gewesen und das Einsatzteam hatte das Problem schnell gelöst, in der Turbinenhalle Süd war jemand von einer Treppe gestürzt und hatte sich leicht verletzt. Sie brauchte einen Moment, bis sie begriff, dass es sich bei diesem Unfallopfer um sie selber handelte. Sonst war nichts passiert. Niemand wurde vermisst, natürlich nicht.

Gut.

Was sie da getroffen hatte, hatte einen Ton von sich gegeben, der in der Dunkelheit nach einer menschlichen Stimme geklungen hatte. Diese Stimme hat »Hilfe!« geschrien. Una hatte damit begonnen, ihr Bett neu zu beziehen, aber jetzt hielt sie inne und setzte sich zurück auf die Bettkante.

Ich muss schauen, ob ich auf einen Menschen, ob ich auf einen Kansa geschossen habe. Wenn ich unbemerkt hinausschleichen kann, kann das vielleicht auch noch jemand anderes. Sie war überrascht, dass sie darüber noch nie ausgiebiger nachgedacht hatte.

Weil es undenkbar ist.

Ich muss sicher sein und dann finde ich Ruhe. Inmitten ihrer Probleme und Sorgen, was die eigene Zukunft betraf, schien ihr diese Aufgabe lösbar und so hatte sie ihre Vorbereitungen abgeschlossen, als Elsen sie zum Essen im Gemeinschaftsraum abholte.

 

 

Drei

 

Una bemühte sich, während der Mahlzeit die geläuterte und extrem müde Tochter so gut zu spielen, dass Elsen nach dem Abendessen ohne Bedenken zum Kreis der Experten gehen würde. Sie ertrug den Spott ihrer Freundinnen, die sich genüsslich andere Missgeschicke erzählten, die Una in ihrem Leben passiert waren.

»Wie war das noch, als du beweisen wolltest, dass man an den Gerüsten, die die Apfelbäume halten, mit verbundenen Augen hochklettern kann? Oder an den Olivenbäumen? Oder dass es ja nicht schwer sein kann, von der obersten Kartoffelkiste auf die Maissäcke zu springen?«

Enne, ihre beste Freundin, die heute am Kopfende des langen hölzernen Tisches saß und damit eigentlich für Ruhe sorgen sollte, löste mit dieser Frage einen Sturm von Anekdoten und lautem Gelächter aus. Die goldenen Tätowierungen auf den Wangen der Mädchen hoben und senkten sich über den aufgerissenen Mündern. Um sie herum lachten und redeten ihre Freundinnen durcheinander und Una schmollte gespielt. Sie war, so lange es erlaubt gewesen war, als Kind mit den Jungen durch die Kuppeln getobt und für ihre Abenteuerlust bei allen jetzt noch bekannt. Das gab ihrer Geschichte heute die nötige Glaubwürdigkeit.

Beim Nachtisch wandten sich die Gespräche unweigerlich den bevorstehenden Verbindungen der nächsten Sturmzeit zu und Una war mit ihren Gedanken, einem sparsam gesüßten Birnenkompott und einem trockenen Keks allein. Sie sah sich vorsichtig um und fragte sich, ob irgendjemand, den sie kannte, schon einmal draußen gewesen war. War das denkbar? Alle saßen ordentlich an ihren langen Tischen, trugen die roten und grauen Anzüge der Frauen und Männer, hatten viele Taschen oder eine einzige und aßen aus den gleichen kleinen Schüsseln. Es wurde geredet, gelacht oder schweigend und hungrig gegessen und über allen Gesprächen lag das metallische Scheppern der Löffel und Gabeln, die beim Essen an die Schüsseln schlugen. Ein kleiner, blasser Junge trug mit großem Ernst seine Schüssel alleine an ihrem Tisch vorbei zum Geschirrband und wurde nach der Rückkehr an seinen Tisch von seiner Mutter mit einem Keks belohnt. Er lachte Una fröhlich an und kaute mit einem Gebiss, in dem schon einige Milchzähne fehlten, hingebungsvoll das harte Gebäck. Una hielt ihren Keks hoch und nickte ihm zu. Er sah zu seiner Mutter, die bestätigend lächelte, und kam zu ihr, um sich den Keks zu holen.

»Danke für deine Mitarbeit.«

Er strahlte sie an und steckte sich den Keks glücklich in eine seiner Taschen. Ob andere Familien geheime Ausgänge kannten und nicht darüber sprachen? Ob jetzt gerade irgendjemand aus einer anderen Kuppel da draußen lag und einsam verblutete? Quatsch, niemand wagte sich hinaus, das war nicht vorstellbar. So wie auf der Erde niemand unbemerkt ins All geflogen war. Und wenn doch?

Worüber wir schweigen ist wichtiger.

 

»Alles in Ordnung?«

Enne hatte offensichtlich gesehen, wie sie bei ihrem letzten Gedanken schmerzhaft das Gesicht verzogen hatte und kam zu ihr herüber.

»Alles, bis auf die Treppen. Und die Birnen!«

Una verzog übertrieben das Gesicht und schüttelte sich in der Hoffnung, dass das Ennes Sorgen zerstreute.

»Seltsam, oder? Ich kann mich nicht erinnern, dass die letzte Zuckerrohr- und Rübenernte so schlecht ausgefallen ist. Diese ewigen Sparmaßnahmen machen mich krank. Morgen ist salzfreier Tag, obwohl die letzte Aussolung nach Plan gelaufen ist, und der Zucker ist die ganze Woche rationiert. Aber ich will mich nicht beschweren. Wir leben satt und in Sicherheit und es ist klug, für die Sturmzeit zu sparen!«

Sie sagte den letzten Satz lauter, beugte sich dicht zu Una und flüsterte:

»Ich will zu meiner Verbindung auf jeden Fall eine süße Torte. Du doch auch, oder?«

Sie kicherte, wandte sich ab und hustete kurz und röchelnd.

Una war es gleichgültig, welche Torte sie bei ihrer Verbindung mit Hagen essen würde, der Gedanke schnürte ihr den Magen so eng zusammen, dass selbst ein perfekt gesüßter Keks es schwer haben würde, Platz zu finden. Aber jetzt war nicht die Zeit, ihren Widerwillen öffentlich zu zeigen, wenn es diese Zeit denn überhaupt jemals geben würde.

»Ich will auf jeden Fall eine süße Torte und Plätzchen für alle!«

»Einigkeit!«

Enne drückte sie kurz, bevor sie weiterging und sich an einem anderen Tisch in ein anderes Gespräch ziehen ließ.

Elsen hatte sich von ihrem Stuhl erhoben und sah Una fragend an.

»Geh ruhig und sorge dafür, dass Firmament noch viel besser wird! Ich bin so müde, dass ich sofort einschlafen werde und keine interessante Gesellschaft bin.«

Una ließ die Schultern ein wenig nach vorne sacken und hoffte, dass sie das müder aussehen ließ.

»Bist du sicher?«

»Wenn ich so sicher auf den Füßen wäre, wie ich mir sicher bin, müde zu sein, würden wir uns jetzt ausschließlich über Alternativen zu diesem Birnenkompott unterhalten.«

Elsen schien im Blick ihrer Tochter nach einem Hinweis zu suchen, der sie von ihren Plänen abhalten würde, fand in Unas hellen grünen Augen aber nur den wachen Spott, der dort in sehr jungen Jahren eingezogen war. Das ist nicht alles, was dort zu sehen ist, korrigierte sie sich, in letzter Zeit war dort eine ungeduldige Wut zu finden, die ihr Sorgen machte. Du bist meine Hoffnung, dachte sie und drückte Unas Hand viel heftiger, als sie beabsichtigt hatte.

Una lächelte müde zu ihr hinauf.

»Jetzt geh endlich und zerbrich dir den Kopf über Materialien, die sich noch besser recyceln lassen. Und wenn ihr schon dabei seid, die Anzüge der Frauen haben unerklärlicherweise weiterhin zu wenig Taschen. Und die Birnen haben eindeutig zu wenig Zucker. Erkennst du das Muster?«

Mutter und Tochter umarmten sich lachend und Una blieb noch einen Moment sitzen, bevor sie den anderen zuwinkte, sich erhob, ihre Schüssel ordentlich wegstellte und ebenfalls den Raum verließ.

»Einigkeit!«

Sie winkte in die Runde und ihr Gruß wurde von allen freundlich erwidert.

 

Es würde wichtig sein, dass sie keinen Fehler machte, nicht überhastet handelte und vor allen Dingen schnell, leise und sauber in die gemeinsamen Räume zurückkehrte. Elsen hatte zwar einen festen Schlaf und ihre Tür war in der Nacht geschlossen, Una wollte aber nicht ausschließen, dass sie in den nächsten Nächten genauer hinhören würde.

Die Abendansprache der obersten Verwaltung, die leicht blechern aus dem Kom hallte, enthielt keine wichtigen Neuigkeiten und Una lauschte der pompös klingenden Stimme von Diest, Hagens Vater, der diese Position, wie sein Vater vor ihm, eine gefühlte Ewigkeit innehatte. Und wahrscheinlich würde Hagen eines Tages diesen Posten für den Rest ihrer Tage übernehmen. Keine Ahnung, wer in jeder neuen Generation für die Söhne dieser Familie stimmte, sie würde es auf jeden Fall nicht tun, wenn sie in der nächsten Sturmzeit ihr Abstimmungsrecht bekam, dachte sie leicht angewidert. Diest verlas ein paar Grußbotschaften zu Ehrentagen und erklärte, wessen Kunstwerke in den nächsten Tagen an welche Kuppelinnenfläche projiziert wurden. Die Asche zweier verstorbener Kansa war in den Agrarkuppeln verstreut worden, damit sie zum Überleben der Gemeinschaft beitragen konnten.

»Lebenszeit«, murmelte Una die vorgeschriebene Reaktion auf diese Nachricht mit allen anderen, die gerade zuhörten. Es gab eine Geburt in der Südkuppel und zwei in der Ostkuppel.

»Lebenszeit.«

Una sprach das Wort zwar hörbar, aber ohne die vorgeschriebene Freude, die es begleiten sollte, in die leere Wohnung. Genetisch wurde es bei diesen Zahlen für die nächsten Generationen zunehmend enger, was natürlich nicht Thema der Ansprache war. Die Ernten waren zumindest in seiner Rede gut, die nächste Sturmzeit war noch Wochen entfernt, die Turbinen und die Solarpaneele lieferten genug Strom und die Wassertanks waren voll. Das Kansalied erklang und die Lampen in den Gängen und Gemeinschaftsräumen aller Kuppeln wurden aufs Nachtniveau gedimmt. Die krakeligen Kinderzeichnungen, die bis jetzt die Innenwände der Kuppeln geziert hatten, wurden durch beruhigende Muster ersetzt.

»Von Feinden umgeben, von Freunden gestärkt, schaffen wir Lebenszeit. Einigkeit, Einigkeit, Einigkeit«, sang Una leise die letzten Zeilen, ohne das zu wollen, mit, während sie die Overalltaschen im Anzug ihres Vaters mit Verbandswolle, einer Kräutertinktur gegen Schmerzen und einer gegen Entzündungen füllte. Sie arrangierte ein paar Decken und Kissen zu einer Form, die unter der Bettdecke einer schlafenden Person ähnlich sah, solange man das Licht nicht einschaltete und näher ans Bett kam.

Das musste sie riskieren.

Una steckte ihre Pistole ins Halfter und machte sie fest. Dass alle Kansa über fünfzehn Sturmzeiten eine Waffe besitzen mussten, hatte die Bedrohung durch die Drachen für ihre Freundin Enne sehr real gemacht, als sie noch jünger waren.

»Wenn sie nicht noch da draußen lauerten, bräuchten wir keine Waffen.«

Enne hatte ihr das ängstlich zugeflüstert, als sie beide ihre Pistolen bekamen. »Meinst du, sie sagen uns nicht die Wahrheit darüber, wie nah sie sind?«

»Es gibt niemanden, der sie in diesem Jahrhundert gesehen hat. JAHRHUNDERT! Die Waffen sind ein Relikt aus einer anderen Zeit. Da draußen ist niemand mehr, und selbst wenn da jemand wäre, Firmament hat ein Schutzschild, wir sind hier sicher. Hier kommt niemand rein!«

Una hatte der Freundin beruhigend über die schmale goldene Tätowierung auf deren dunkler Wange gestrichen und nicht zum ersten Mal bedauert, dass sie ihr nicht von ihren nächtlichen Abenteuern außerhalb der Kuppeln erzählen konnte. Von der stillen, leeren Welt da draußen. Von dem Gefühl, die Einzige unter dem weiten Himmel zu sein. Aber das hätte Ennes Welt erschüttert und Unas und Elsens Leben gefährdet. Una war sich nicht einmal sicher, was die Strafe für ein Verlassen der Kuppeln war, sie hatte nie erlebt, dass es jemand versucht hatte. Es war undenkbar, so wie niemand, den sie kannte, versuchen würde, zu fliegen.