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Romantische Sehnsüchte, glückliche erotische Fügungen, Liebe und Rache und andere alltägliche Absurditäten und Schönheiten des lesbischen Liebeslebens. Bin ich eigentlich Lesbe genug für einen Autoaufkleber? Wie lange dauert „erst mal"? Was will Wendy wirklich? Was ist an Möhren gefährlich und an Austern erotisch? Und wer passt auf uns auf, wenn Superman mit Lois Lane stundenlang Kaffee trinkt? Anne Bax macht sich mal wieder zu viele Gedanken über das Leben, die Liebe und flämische Stillleben. Und sie kann diese Überlegungen schlecht für sich behalten. Deshalb schreibt sie sie auf. Wer ihr durch die Untiefen des lesbischen Liebestreibens folgen möchte, sei an dieser Stelle vor bleibenden Lachfalten gewarnt! „Haarscharf beobachtet sie die Frauen auf ihrer hingebungsvollen, manchmal verzweifelten Suche nach wahrer und ewiger Liebe. Bodenlos amüsant, schreiend komisch werden auch die unsäglichsten Situationen in Anne Bax' schneller Schreibe zu einem atemberaubenden Lesevergnügen." (AVIVA)
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Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2009
Anne Bax
Rachel ist süß
Erzählungen
Zum Buch:
Romantische Sehnsüchte, glückliche erotische Fügungen, Liebe und Rache und andere alltägliche Absurditäten und Schönheiten des lesbischen Liebeslebens.Anne Bax macht sich mal wieder zu viele Gedanken über das Leben, die Liebe und flämische Stillleben. Und sie kann diese Überlegungen schlecht für sich behalten. Deshalb schreibt sie sie auf.Wer ihr durch die Untiefen des lesbischen Liebestreibens folgen möchte, sei an dieser Stelle vor bleibenden Lachfalten gewarnt!„Haarscharf beobachtet sie die Frauen auf ihrer hingebungsvollen, manchmal verzweifelten Suche nach wahrer und ewiger Liebe. Bodenlos amüsant, schreiend komisch werden auch die unsäglichsten Situationen in Anne Bax' schneller Schreibe zu einem atemberaubenden Lesevergnügen.“ (AVIVA)
Inhaltsverzeichnis
Titelseite & Klappentext
Andersrum
Im Inneren der Austern
Was Wendy wirklich wollte
I
II
III
IV
V
VI
Das Ende vom Lied
2007
Zehn Jahre zuvor
2007
Gemischte Gefühle
Zeichen und wundern
Möhren durcheinander
Schnelle Hilfe in Glaubensfragen
Goldener Oktober
Rachel ist süß
Erst mal
Mein Märchen zur Nacht
Zur Autorin Anne Bax
Impressum
Ey, bist du andersrum?“ Ilka bockte wie ein junges Pferd und stieß mit ihrer Hand ziellos nach hinten. Nico kippte von Ilkas nacktem Rücken aufs Bett und biss sich dabei auf die Zunge, die es nicht schnell genug wieder ins Innere ihres Mundes geschafft hatte. Der Schmerz durchzuckte sie an der gleichen Stelle, die Sekunden zuvor Ilkas Hals berührt hatte. Kleine Sünden.
„Wohl zuviel getrunken, was?“ Ilka grinste sie zwar fröhlich an, rückte aber auch ein wenig zur Seite und zog sich ihr T-Shirt über.
„Viel zu viel.“ Nico ließ ihre Stimme absichtlich schlurren. „War wohl schon dabei einzuschlafen.“
„Und du hast mir dabei auf den Hals gesabbert.“ Ilka wischte sich mit dem Handrücken unterm Ohr entlang. „Echt eklig. Pass bloß auf, dass dir das nicht passiert, wenn du endlich bei Marc übernachtest.“
„Da werde ich doch wohl nicht zum Schlafen kommen, oder?“ Nico wusste, dass Ilka nichts lieber tat, als jedes Detail ihrer erst kürzlich erworbenen Kenntnisse im Bereich Beischlaf mit ihr zu teilen, und steuerte sie mit ihrer Frage in vertrautes Fahrwasser. Ilka wickelte sich in ihre Decke und begann mit der ausführlichen Schilderung ihrer Defloration, die sich in den letzten Wochen mehr und mehr von einer leicht blutigen „Jugend forscht“ Lektion zu einem freikirchlichen Erweckungserlebnis entwickelt hatte. Alles war wieder in Ordnung. Nico war wieder Nico und nicht andersrum und Ilka war wieder Ilka und keine begehrenswerte Frau und beide schliefen ein.
Irgendetwas weckte Nico mitten in der Nacht aus unruhigem Schlaf und sie schlug die Augen auf und starrte im Licht einer Straßenlampe genau auf diese besondere Stelle unter Ilkas Ohr. Sie fuhr sich mit der immer noch empfindlichen Zungenspitze über ihre Lippen und war sofort wieder versucht, diesen weichen Hals langsam und sanft abzulecken. Solange sie richtigrum gewesen war, hatte sie an Menschen nie etwas ablecken wollen, weder an Ilka noch an irgendjemandem sonst. Sie war also offensichtlich immer noch andersrum.
Wie war das passiert?
Sie hatten billigen Wein getrunken und sie hatte Ilka eine der Rückenmassagen verabreicht, die sie ihr als Gutschein zu ihrem siebzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Sie hatte sich dazu kichernd auf Ilkas nackten Rücken gekniet. Ilka hatte die Massage offensichtlich genossen und Nicos Drücken und Kneten mit kleinen Seufzern und leisem Stöhnen begleitet. Da hatte es begonnen. Ganz heimlich hatte sich einer dieser kleinen Seufzer durch ihr Ohr in ihren Kopf geschlichen und dort gewartet, bis das Gefühl der weichen Haut unter ihren Händen dazukam. Der Seufzer hatte sich galant vor dem Gefühl verbeugt und dann hatten die beiden mitten in ihrem Kopf zu tanzen begonnen und all ihre klaren Gedanken hatten mitgetanzt und sich gedreht und gedreht mit schnellen Richtungswechseln, bis ihr ganz schwindelig geworden war. Aber sie hatten nicht mehr aufgehört sich zu drehen, nach links, nach rechts, so schnell, so schön, so atemlos, dass Nico sich auf Ilka legen musste, um nicht umzufallen. Ilka hatte sich nicht bewegt; erst als Nicos Zunge feucht ihren Hals entlanggestrichen war, hatte sie Nico aufs Bett gestoßen. Nico schloss die Augen wieder und atmete tief ein. Ihr Kopf war bis zur heutigen Nacht ein leerer langweiliger Ort gewesen, an dessen Wänden ihre Wünsche wie abstrakte Bilder hingen, die sie nie zu entschlüsseln gewagt hatte. Jetzt stand mitten in ihrem Denken eine verwegene Erinnerung und ließ sich bewundern. In dieser Erinnerung legte sich eine Frau auf den nackten Körper ihrer besten Freundin und ihre Brustwarzen fühlten die Haut unter sich durch den Stoff des T-Shirts. Diese Frau leckte mit ihrer Zungenspitze ganz vorsichtig über einen weiblichen Hals, so wie man an einer exotischen Süßigkeit leckt, von der man nicht sicher ist, ob sie wirklich so gut schmeckt, wie sie aussieht. Du wirst es wohl noch einmal probieren müssen, sagte das Gefühl und drehte sich mit der Erinnerung in einem neuen schnellen Walzer. Herum, herum, herum tanzten die beiden in ihrem leeren Kopf.
Andersrum, dachte sie glücklich und schlief wieder ein.
Es war kein guter Tag, um eine Frau zu verführen. Es war eigentlich nicht mal ein guter Tag, um überhaupt vor die Türe zu gehen, aber ich hatte mich zu einem Waldspaziergang entschlossen, in der Hoffnung, dass ich im offenen Gelände schneller war als meine Depressionen. In meiner kleinen Wohnung hatten sie es leicht, ihre schweren, trägen Gestalten hinter mir her in alle Räume zu schleppen, sie schwer seufzend auszufüllen und mich tief in Fernsehsessel, Küchenstühle und schäumende Badewannen zu drücken. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass ich draußen mit etwas gutem Willen immer irgendetwas entdecken konnte, das sie fürchteten. Manchmal war es eine Farbe oder ein Geräusch, es konnte ein Duft sein oder der Anblick eines Schokoladeneisbechers mit Schokoladensoße, Schokoladenstreuseln und Sahne. An diesem Tag aber gab es kein solch einfaches Entkommen, denn meine Lieblingseisdiele war noch für mindestens drei Monate geschlossen.
Es regnete zwar nicht, als ich am hügeligen Wald hinter dem Museum aus dem Bus stieg, aber der Himmel hatte diese schmutzige Novemberfarbe, die keinen Zweifel daran ließ, dass bösartige Wolken auf den richtigen Moment lauerten, um den Aggregatzustand zu wechseln und sich nieselnd, tröpfelnd oder strömend aus dem Himmel fallen zu lassen. Die Bäume starrten mich auf jedem neuen Weg blattlos an und der Waldboden hatte am Morgen eine Extraportion Eau de Verfall aufgelegt. Um mich herum kompostierten lustlose Würmer sterbende Blätter und unwirklich glänzende Käfer drängten sich frierend unter nassem Rindenmulch zusammen. Die Depressionen hatten keine Mühe, mit mir Schritt zu halten. Im Gegenteil. Ihnen gefiel es hier fast besser als zuhause. Dann begann es tatsächlich zu regnen, oder besser gesagt, es begann zu gießen. Ich war noch einen kurzen Moment tapfer und trotzte dem Niederschlag mit hochgezogener Kapuze, aber als ich aus dem Augenwinkel wahrnahm, wie eine Gruppe Waldmäuse sich in Zweierreihen aufstellte, um vorsichtshalber in Richtung Arche zu wandern, erlosch mein schwach glühender Kampfgeist mit einem feuchten Zischen. Ich rannte los.
Als das alte Museumsgebäude hinter den dichten Regenschleiern auftauchte, war ich deutlich am Ende meiner Kondition angekommen. Im riesigen Foyer der ehemaligen Fabrikantenvilla schüttelten sich noch zwei weitere begossene Spaziergänger unter den missbilligenden Blicken des Personals das Regenwasser aus den Haaren. Meine Kapuze hatte dicht gehalten und auch die Regenjacke hatte, wie im Katalog beschrieben, das Regenwasser vollständig an sich abperlen lassen, ohne mein Hemd zu durchnässen. Nicht im Katalog hatte gestanden, dass das Abperlende der Jacke in der Mitte meiner Oberschenkel lag. Da meine Jeans keine ähnlichen wasserabweisenden Fähigkeiten besaß, waren beide Hosenbeine völlig durchnässt und klebten kalt und schwer an meiner Haut.
Ich zog die Jacke aus, stellte mich zu den anderen beiden Regenopfern an die beeindruckend große Heizung und sah mich um. Den Kassenbereich zierte ein großes Plakat, auf dem ich ohne Mühe einen liebevoll und detailliert gezeichneten Totenkopf erkennen konnte. Die Depressionen kicherten. Ich ging etwas näher heran, weil ich erstens den unruhigen Museumsmitarbeitern signalisieren wollte, dass ich nur zufällig nass, aber hauptsächlich kunstinteressiert war, und weil ich zweitens eine kleinere, freie Heizung in Plakatnähe entdeckt hatte. „Flämische Stillleben“ verkündete das Poster in geschnörkelten Lettern und kleinere Bilder am unteren Rand versprachen, dass es in dieser Ausstellung neben toten Köpfen auch tote Fische, tote Hasen, tote Rehe und verwelkende Schnittblumen zu sehen gab. Ich griff nass und niedergeschlagen nach dem Ansichtsexemplar des Katalogs, das sich auf einem Tischchen neben der Heizung langweilte, und blätterte mich durch die in Öl gebannte Sterblichkeit der Dinge.
„Das Licht der Kerze erlischt, der Docht lässt dünnen, transparenten Rauch aufsteigen. Auch der Tabak wird sich in der Tonpfeife auflösen. Selbst Geldmünzen und Schriftsätze unterliegen der Vergänglichkeit“, las ich den begeistert nickenden Depressionen mit leiser Stimme eine Bildunterschrift vor. Das Geräusch meiner Stimme erweckte die Kassiererin auf der anderen Seite der Heizung aus ihrer Starre und sie lächelte mich an. „Einmal? Irgendwelche Ermäßigungen?“ Ich schüttelte den Kopf, um klar zu machen, dass ich den schwermütigen Flamen auf keinen Fall noch näherkommen wollte, aber sie bezog meine Verneinung auf ihre zweite Frage und erklärte mich mit zwei schnell hintereinander gedrückten Tasten ihrer Kasse zu einer vollzahlenden Erwachsenen. „6,50 €, bitte!“ Sie reichte mir ein aufwändig gestaltetes Ticket, das erfreulicherweise einen festlich gedeckten Tisch zeigte. Mir fehlte die Kraft, die aus genügend trockener Hautfläche erwächst, um diesen Irrtum aufzuklären, und die vielen leckeren Sachen auf dem Bild versprachen zumindest einige kulinarische Anregungen. Ich hatte meine Eintrittskarte schon bezahlt, als mir der Titel des Tischbildes ins Auge fiel: Stillleben mit Schweinefüßen.
In den Ausstellungsräumen war es angenehm warm, gemütlich dunkel und die angestrahlten Bilder leuchteten wie geöffnete Fenster mit ungewöhnlichen Ausblicken von den Wänden. Ich trocknete mich langsam von den geistlichen Stillleben zu den Blumen- und von dort zu den Jagdszenen vor. Bei den anschließenden Früchte- und Küchenstillleben hielt ich mich länger auf, denn das perfekt gesetzte Licht ließ das dargestellte Obst und die Kuchen stimmungshebend appetitlich erscheinen. Um mich herum studierten kleine Grüppchen leise murmelnder Kunstinteressierter jede sorgfältig ausgemalte Artischocke und ihre Hände tanzten in gebührendem Abstand zu den edlen Farbschichten durch die Luft. Ich hätte sie vielleicht gar nicht bemerkt, wenn nicht eine der gestikulierenden Hände einen zu kecken Vorstoß in Richtung eines Obstkorbes mit unnatürlich roten Kirschen gewagt hätte und der Ausflug des richtunggebenden Zeigefingers kurz vor der Farbschicht von einem lauten „Vorsicht!“ gestoppt worden wäre. Ich spähte synchron mit dem Zeigefingerbesitzer in die dunkle Ecke zwischen dem Durchgang zu den Marktstillleben und dem Frühstück mit Austern und sah, wie sich eine ganz in schwarz gekleidete Gestalt geschmeidig aus dem Schatten löste.
„Ich hätte das Bild niemals berührt“, beteuerte der Kunstfreund, als der Dienstausweis der dunklen Frau an ihrem Gürtel sichtbar wurde. Sie nickte ihm kurz zu, trat zurück in die Ecke und ließ ihren Blick wieder durch den Raum wandern. Die Kunstfreunde beruhigten sich schnell und murmelten sich vorsichtig, mit demonstrativ herabhängenden Händen, in den nächsten Raum vor, aber mein Blick weigerte sich, die Ecke zu verlassen. Mein Herz klopfte hektisch bei meinem Bewusstsein an und verlangte eine Erklärung für die plötzliche Adrenalinausschüttung. Ich richtete die Augen mit aller Kraft auf die überhängenden gelben Trauben eines Prunkstilllebens von 1650, aber sie hatten jedes Interesse an gemalten Früchten verloren. Ich musste ihnen schließlich recht geben, keine der Obstfarben konnte mit dem appetitlichen Schwarz neben der Tür konkurrieren. Da ich keine Hinweistafel finden konnte, die mir ihre Erscheinung erklärte, musste ich mich auf meine Interpretation verlassen. Schwarze Jeans auf schmalen Hüften, ein schwarzes Hemd, dessen oberste Knöpfe geöffnet waren und ein Dreieck aus leicht gebräunter Haut freigaben. Schwarze, kurze Haare, die sich ganz leicht lockten, über einem geraden, klaren Gesicht. Mir erschien es plötzlich absolut logisch, dass diese Frau in einem Museum stand, sie war eine perfekte Mischung aus verführerischen Rundungen und klaren Linien. Und sie hatte auf meine düstere Stimmung die gleiche Wirkung wie der Anblick von warmer, dunkler Schokoladensoße, die an Vanilleeis mit Erdbeeren hinabrinnt. Ohne dass ich es verhindern konnte, lief mir erwartungsvoll das Wasser im Munde zusammen. Da ich unbeweglich in der Mitte des Raumes stand und sie anstarrte, war es nicht verwunderlich, dass sie meinen Blick nach kurzer Zeit erwiderte. Erst ließ sie ihre Augen bei einem routinierten Rundblick durch beide Räume nur flüchtig auf mir ruhen, dann kehrte sie vor dem Ende der nächsten Runde zu mir zurück und musterte mich, ohne dass mir ihr Gesichtsausdruck verriet, zu welchem Urteil sie gelangt war. Ich stellte mich in den Lichtkegel der Köchin mit Esswaren (vor 1610) und betrachtete das Bild, um ihr Gelegenheit zu geben, meine Vorzüge ungestört zu studieren. Dass meine Jeans immer noch an den Oberschenkeln klebten, kam mir in diesem Moment gelegen, so waren die vielen Stunden auf dem Spinningbike nicht ganz umsonst gewesen. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie sie ihr Gewicht unruhig von einem auf den anderen Fuß verlagerte und mit einer Hand langsam an der äußeren Naht ihrer Hose entlangstrich. Die letzte meiner Depressionen wurde von einer kleinen Erregungswelle in einen vergessenen Nervenknoten gespült und ich musste zum ersten Mal an diesem Tag lächeln. Sie trat einen Schritt vor und spielte betont lässig mit dem Ausweis an ihrem Gürtel. Ich wandte ihr den Kopf zu und sah ihr tief in die Augen. Die Köchin auf dem Bild schaute uns interessiert zu und mir schien, als würde sie den Metallstößel, mit dem sie seit fast vierhundert Jahren Kräuter zerstampfte, ein wenig fester umfassen. Als ich mich gerade entschlossen hatte, sofort herauszufinden, ob die dunkle Museumswärterin so gut schmeckte wie sie aussah, und mich auf sie zubewegen wollte, betrat ein Ehepaar den Raum und schob sich leise redend zwischen uns. „Schon wieder Austern“, flüsterte der Mann mürrisch und wollte seine Frau weiterziehen. Sie aber blätterte in ihrem kleinen Begleitheft und studierte die Austern ausgiebig. „Sie sollen eine Metapher für das weibliche Geschlecht sein“, flüsterte sie ein wenig zu laut und schaute mich peinlich berührt an.
Auch gut, dachte ich und verharrte auf meinem Platz, fangen wir mit der Theorie an. Ich nickte kurz in ihre Richtung, um ihr zu zeigen, dass wir thematisch absolut auf einer Ebene waren, und betrachtete dann die gemalten Austern mit neuem Blick. Sie lagen mit breit gespreizter Schale auf dem Tisch und präsentierten mir willig ihr nacktes Innerstes. Im Inneren des weichen Fleisches erhob sich eine kleine Wulst, die mir einen Anflug von Hitze ins Gesicht trieb. Die schöne Frau in Schwarz räusperte sich heiser und ich ließ mutig meine Augen fort von den feucht glitzernden Austern zu ihrem Mund, ihren Hals hinunter, über ihre Brust zu dem Punkt wandern, wo ihr Gürtel ihren Reißverschluss berührte, und zog ihn mit meinen Blicken langsam hinab. Sie ließ sich von meinen Augen führen und schob langsam die Hüfte etwas nach vorne. Ich mag Austern, formte ich mit meinen Lippen, ohne einen Ton hervorzubringen, aber ich wusste, dass sie es sehen konnte. „Kann ich nichts Erotisches dran finden“, sagte der Mann im gleichen Moment unwillig und zog seine Gattin am Ärmel in Richtung des nächsten Raums. „Dann sollten Sie vielleicht noch ein wenig genauer hinschauen“, vernahm ich ihre Stimme aus der Ecke. Sie klang angenehm rau, so als würden sich die Buchstaben voller Hingabe einzeln an ihren Stimmbändern reiben. „Sehen Sie, wie die Frau auf diesem Bild an den Marktstand herantritt?“ Mein Schokoladentraum trat aus der Ecke und stellte sich neben die Ehefrau. „Flüchtige Beobachter könnten vermuten, dass sie nur auf dem Markt ist, um Fisch zu kaufen, aber das ist es nicht, wonach sie sucht.“
„Ist es nicht?“ Ich stellte mich zu der Gruppe und zog mich selbst ins Gespräch. Die Ehefrau lächelte mir freundlich zu, der Mann starrte feindselig auf den Bilderrahmen. „Nein.“ Die schöne Aufseherin legte ihre Hand wie beiläufig auf meinen Arm und umschloss kurz die nackte Haut auf meinem Unterarm. „Sehen Sie, wie sie dem Fischhändler ihren offenen Krug präsentiert und wie er sie mit aufgekrempelten Ärmeln mustert?“
Das Ehepaar nickte, ich sah fragend auf meine umgeschlagenen Manschetten.
„Beides signalisiert sexuelle Bereitschaft.“
Wie auch immer ich das heute Morgen gemacht hatte, ich hatte mich weitblickend gekleidet. „Und natürlich der Fisch.“ Sie ging hinter mir vorbei zur anderen Bildseite und ließ ihre Hand dabei über meine noch immer feuchten Oberschenkel streichen. „So geschnitten, dass sein Innerstes wie rosige, offene Lippen daliegt, in die der Blick des Betrachters tief eindringen kann.“ Sie fuhr die ovalen Konturen in gebührendem Abstand zum Bild genüsslich mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger nach.
Die Ehefrau nickte begeistert. „Das ist so, so subtil, so weiblich.“
„Kann man so oder so sehen!“ Dem Ehemann reichte es jetzt und er zog seine widerstrebende Gattin in den nächsten Raum.
Wir standen schweigend vor dem erotischen Markttreiben. Mit einem kleinen Schritt trat ich so dicht hinter sie, dass mein Atem die gekräuselten Haare über ihren Ohren bewegte. Ich hätte sie in diesem Augenblick nach ihrem Namen fragen können, aber mir gefiel alles, was ich sah, auch ohne erklärende Bildunterschrift. Dieses eine Mal würde ich das Kunstwerk erst selbst interpretieren und dann nachsehen, wie es hieß.
„Ich glaube nicht, dass sie den Fischhändler will“, ich umfasste die schöne Aufseherin sanft von hinten und zog sie gegen meinen Körper. Sie drängte sich gegen mich und ich leckte ihr einmal kurz über den Hals. Sie stöhnte leise auf und ich lächelte in mich hinein. Sie schmeckte deutlich besser als Schokoladeneis.
„Sie will ihn vielleicht schon, aber ich würde ihn nicht wollen.“ Sie drehte sich in meiner Umarmung und legte ihre Hand ohne Scheu auf meine Brust. Ihre Finger rieben genüsslich über meine Brustwarze und spielten mit ihr, bis die Warze hart wurde und ich hörbar erschauderte. Aus dem Raum mit den Marktstillleben warf uns eine Besucherin einen irritierten Blick zu und meine Erotische Aufseherin mit Ausweis vor 2006 trat einen Schritt zurück. „Ich würde dort auf keinen Fall finden, was ich suche. Wartest du im Foyer auf mich, ich habe in einer halben Stunde Feierabend?“
Am liebsten hätte ich sie sofort neben dem Austernfrühstück sanft an die Wand gedrückt und langsam im Stehen entkleidet, aber es gab Bilder und vor allem Töne, die ich den umherstreunenden Kunstkennern nicht bieten wollte. „Ich werde ganz langsam zum Ausgang gehen und mir dabei noch jede Menge Anregungen bei den Austern und den Artischocken holen. Vielleicht bin ich dann auch wieder trocken, wenn du kommst.“ Ich deutete entschuldigend auf meine Beine.
„Das will ich doch nicht hoffen“, sagte sie lächelnd und lehnte sich wieder mit wachem Blick gegen die dunkle Wand.
Ich bringe dich um, du kleine Schlampe!“ Die Stimme drängte sich hasserfüllt und mit feuchtem Zischeln aus dem Anrufbeantworter. Ich starrte wie hypnotisiert auf das rhythmisch blinkende grüne Licht neben dem winzigen Lautsprecher, als sendete es eine verzweifelte Morsebotschaft in den kahlen Raum. Blink. Blink. Blink. H – I – L – F – E.
Verwirrung, Scham und Angst krochen aus meinem Magen meinen Hals hinauf und schnürten ihn mit kalten Händen langsam zu. „Du nimmst ihn mir nicht weg! Eher zerschneide ich dir dein hübsches Gesicht! Du, du …“ Die Stimme wurde undeutlich und ging in gequältes Atmen über. Das blinkende Licht schien jetzt die Sekunden anzuzeigen, in denen nichts als dieses wortlose Stöhnen aus dem Gerät erklang, schließlich ertönten ein schreckliches Würgen und ein hoher Pfeifton. „Ende Nachricht sieben“, sagte eine freundliche, wenn auch metallische Frauenstimme. Obwohl ich saß, hatte ich für einen kurzen Moment das Gefühl zu fallen. Ich griff mit beiden Händen nach der Tischkante und umklammerte sie so fest, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Der Mann auf der anderen Seite des Tisches verfolgte meine Bewegungen mit dem kalten Blick des erfolgreichen Jägers und räusperte sich. „Nun?“
„Ja …“, gab ich zu. „Das ist meine Stimme, aber das ist schon lange her. Das war ganz kurz nachdem ich von ihr und meinem Mann erfahren hatte. Will sie mich etwa deshalb jetzt anzeigen? Seit der Obstanteil in meinen Cocktails wieder gestiegen ist, drohe ich ihr doch gar nicht mehr.“ Ich lächelte vertrauenerweckend. Der Beamte sah mich regungslos an.
“Wendy Wilms wird seit vier Tagen vermisst, Frau Michaelis.“
Die junge Geliebte meines Mannes war verschwunden. Das war gut! Sie war spurlos verschwunden, ich hatte ihr gedroht, sie umzubringen und die Einzige, die mein Alibi für den Tatabend bestätigen konnte, war eine leere Flasche Sekt. Das war schlecht! Seit einer Woche starrte mich jetzt Wendys makelloses Gesicht vorwurfsvoll aus dem Lokalteil an und die Polizei machte sich bei ihren regelmäßigen Besuchen nicht die Mühe zu verbergen, dass sie auch ohne meine Mithilfe willens war, meine verletzten Gefühle und die verschwundene Wendy in Zusammenhang zu bringen.
„Wundert dich das?“, fragte mein bester Freund Wilfried, während er versuchte, riesige Schnitzel in einer viel zu kleinen Pfanne zu wenden. Ich betrachtete mein Spiegelbild nachdenklich in seiner blitzblanken Dunstabzugshaube und schüttelte den Kopf. Meine besoffene Stimme auf dem Anrufbeantworter der faltenfreien Rivalin, das Doppelkinn, das ich mir im letzten Jahr als Zeichen meiner Charakterschwäche unter meine schwindende Lippenlinie gehängt hatte und die Rachegelüste, die meinen Worten manchmal wie keulenschwingende Barbaren vorauseilten, waren zu Puzzleteilen geworden, die das Bild einer prototypischen Wendy-Entführerin so perfekt zusammensetzten, dass ich selbst versucht war, auf meine verzerrte Reflektion hinter den Kochschwaden zu deuten und zu sagen: „Wenn wirklich jemand dem schönen Kind einen vergifteten Apfel geschenkt hat, dann die da!“
„Die war es aber nicht“, flüsterte ich leise in Richtung Fettfilter. Wilfried deutete entschuldigend auf die blassen, überhängenden Schnitzelenden: „Die große Pfanne hat meine Frau behalten.“ Ich nickte verständnisvoll. Ich hatte alle Pfannen behalten, nicht nur die Großen, aber es war nicht sinnvoll, dieses Thema jetzt zu diskutieren, denn es gab wesentlich Dringenderes.
„Wenn erwachsene Menschen verschwinden, und ich rechne Wendy jetzt der Einfachheit halber zu dieser Kategorie, dann gibt es doch nicht viele Möglichkeiten. Entweder sie verschwinden freiwillig und wollen nicht gefunden werden, oder jemand hat sie entführt und es gibt Lösegeldforderungen.“
Wilfried nickte zustimmend und zerteilte sein Schnitzel mit einem ungewöhnlich scharfen Messer, bevor er flüsterte: „Oder jemand hat sie brutal ermordet. Aus Rache! Aus Hass! Aus Schmerz! Und wenn ihre Leiche verwesend im Wald gefunden wird, dann werden alle sicher sein, dass du es warst!“
Ich hatte Wilfried, den alle außer mir Wilfriert nannten, weil er einen Bofrost-Wagen fuhr, eine solche Vehemenz gar nicht zugetraut, denn er hatte nacheinander kampflos seine Haare, seine Frau und seine Figur verloren.
„Wir beide müssen das verhindern und selbst herausfinden, was passiert ist!“ Wilfried witterte offensichtlich eine Möglichkeit, seinem tiefgekühlten Gemüseeinerlei zu entkommen. „So wie Miss Marple und Mr. Stringer.“
Es gab eine eitle achtundvierzigjährige Frau in mir, die bitterlich weinte, weil Wilfried ausgerechnet diesen Vergleich gewählt hatte, aber dennoch verspürte auch ich einen gewissen Handlungsdrang. „Wenn du unbedingt Vorbilder brauchst, dann lass uns Cagney und Lacey sein.“
„Wer von den beiden war nochmal der Mann?“, fragte Wilfried und begann sich sichtlich für diesen Gedanken zu erwärmen.
„Keine!“
„Da kann ich mit leben. Du rufst jetzt deinen Ex an, und ich unterhalte mich mit Wendys Nachbarn. Glücklicherweise habe ich den tiefgekühlten bürgerlichen Rollbraten noch im Angebot, der öffnet in dieser Gegend viele Türen.“
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