Borderline (BPS) - Simone Weber - E-Book

Borderline (BPS) E-Book

Simone Weber

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Beschreibung

Nach einer wahren Begebenheit! Christina ist eine junge Frau, die mit den Geistern ihrer Vergangenheit kämpft. In der Kindheit missbraucht, als junge Erwachsene von ihrem Ehemann gedemütigt. Eines Tages ist ihr alles zu viel. Sie zieht einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben und versucht einen Neuanfang. Als sie einen jungen Mann kennenlernt, hofft Christina auf eine Besserung in ihrem Leben. Ob er ihr helfen kann, sich aus den Fängen ihrer Seelenqualen zu befreien? Dieses Buch zeigt die wirren Gedankengänge einer Betroffenen auf.

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EPUB
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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Simone Weber

Borderline (BPS)

Wenn die Seele Halt sucht

Impressum

© Zodiac Verlag © Simone Weber

2025

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Created by Zodiac Verlag

Druck und Distribution:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Zodiac Verlag

Brandenburgstraße 39

63456 Hanau

www.zodiac-verlag.de

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:

E-Mail: [email protected]

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Epilog

Anlaufstellen für Betroffene

Adressen im Internet

Vorwort

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) ist mehr als nur eine Diagnose. Es ist ein ständiger, innerer Kampf.

In den stillen Momenten, wenn das Chaos im Kopf am lautesten ist, verliert man die Wahrnehmung von sich selbst.

Die Emotionen stürzen auf einen ein – wie ein Sturm, der keine Ruhe lässt. Ein kleiner Auslöser reicht, und plötzlich ändert sich alles. Die Stimmung kippt von einem Moment auf den anderen, von Wut zu Trauer, von Angst zu Hoffnungslosigkeit.

Der Drang, etwas zu tun, ist überwältigend. Ein Schnitt, ein Brennen auf der Haut – und für einen Augenblick wird es still. Endorphine schießen durch den Körper, der Schmerz verblasst, und die Welt wird etwas klarer. Es fühlt sich an wie ein verzweifelter Versuch, sich von der Dunkelheit zu befreien, die so fest in einem verankert ist.

Doch je mehr die Erleichterung gesucht wird, desto heftiger müssen die Folgen sein, um sie zu spüren. Es ist kein Hilfeschrei in der traditionellen Form – es ist ein stiller Ruf nach etwas, das nie richtig greifbar ist.

Dieses Buch lässt uns in den Sturm eines verzweifelten und misshandelten Geistes eintauchen, der immer wieder nach Auswegen sucht, ohne zu wissen, wie er sie finden kann.

Kapitel 1

Christina spürte es ganz genau, als sie an diesem Morgen die Augen öffnete: Es würde ein sonniger Tag werden! Und das, obwohl sie eindeutig zu früh aufgewacht war.

Christina hatte die Angewohnheit, den Rollladen immer einen Spalt offenzulassen, und so verriet ihr ein kurzer Blick zum Fenster, dass es draußen noch stockdunkel war. Was sonst hatte sie geweckt, wenn es nicht die ersten Sonnenstrahlen waren? Plötzlich fing sie an zu kichern, denn in diesem Moment wusste Christina, warum sie schon jetzt wach war. Ein weiches, schnurrendes Gewicht balancierte auf ihrem Bein. Paul, ihr Kater, schlich mit seinen flauschigen Pfoten über die Decke, und seine feinen Schnurrhaare kitzelten ihre Haut. Ein Lachen entfuhr ihr, als sie die zärtliche Berührung spürte.

»Komm her, du kleiner Streuner!« Sie griff nach ihm und zog ihn in ihre Arme.

Paul liebte es, zu seinem Frauchen mit unter die Bettdecke zu schlüpfen. Kaum hatte er es sich auf ihrem Bauch gemütlich gemacht, schaute Christina auf den Wecker, der auf einem kleinen Nachttisch neben ihrem Bett stand. Es war erst 06:03 Uhr. Sie hatte noch zwölf Minuten, bis der Wecker schrill klingelte und sie endgültig aufstehen musste. Zwölf Minuten, in denen sie sich geistig auf ihren ersten Arbeitstag in der neuen Firma vorbereiten konnte.

Die Aufregung war groß. Es war ihr erster richtiger Job. Allein der Gedanke, endlich auf eigenen Beinen zu stehen, jagte ihr ein leichtes Kribbeln durch den Körper. Aber war sie wirklich bereit? Christina war noch so jung, als sie ihre erste Beziehung einging. Gerade mal fünfzehn Jahre alt. Mit achtzehn heiratete sie den Mann, den sie für die Liebe ihres Lebens hielt. Doch schon bald musste sie feststellen, dass die Realität ganz anders aussah.

Damals hatte sie einfach schreckliche Angst vor dem Alleinsein. Zu der Zeit litt sie lieber, als alleine zu sein. Sie konnte die Beziehung nicht beenden, denn das wäre ihr sicherer Untergang gewesen!

Christina war eine hübsche junge Frau. Sie war fest davon überzeugt, dass sie niemals einen anderen Mann finden würde, der sie wirklich liebte. Und dann lernte sie diesen Mann kennen. Dieser Mann, Marc, so glaubte sie jedenfalls, schien der Richtige zu sein. Aber konnte sie sich sicher sein, dass sie auch ihn liebte? Waren ihre Gefühle für ihn jemals so intensiv gewesen?

Heute wusste Christina, dass es nicht so war. Sie hatte ihn gerne gehabt, das stand außer Frage. Am Anfang jedenfalls!

Anfangs gab er ihr das wunderbare Gefühl von Geborgenheit und auch Vertrauen hatte sich aufgebaut in den drei Jahren, die sie zuvor schon gemeinsam verbracht hatten. Doch so tief, dass man von Liebe sprechen könnte, waren Christinas Gefühle nie.

Sämtliche Warnungen ihrer Familie und Freunde stießen bei Christina auf taube Ohren. Alle sagten ihr, dass es ein Fehler sei, sich auf diesen Mann einzulassen, und dass Christina die Beziehung beenden sollte, solange sie es noch konnte.

Damals war sie ein Teenager. Aber welcher Teenager hört schon auf solche Worte? Und trotz aller Warnungen und Ratschläge oder gerade deswegen und aus Starrköpfigkeit, heiratete sie ihn, als sie mitten im Abitur steckte.

Die Wochen vergingen wie im Flug und plötzlich stand Christina vor den Examina, die sie mit Bravour bestand. Stolz auf das Erreichte zeigte sie Marc zu Hause ihr Diplom. Nur Bestnoten. Am Abend gratulierte er ihr, lud sie zur Feier des Tages sogar noch zum Essen ein, doch da ahnte Christina noch nicht, dass sich am nächsten Tag alles ändern sollte.

Bereits in den frühen Morgenstunden stand sie auf, machte ein leckeres Frühstück und wartete voller Vorfreude darauf, dass ihr Mann aus der Dusche kam.

Nichtsahnend kam Marc in die Küche und trocknete sich beim Laufen noch die Haare ab, als er plötzlich Christina bemerkte.

»Warum bist du denn schon wach?«

»Ich habe wunderbare Neuigkeiten und wollte sie dir beim Frühstück erzählen.«

Sie schaute ihm lächelnd hinterher, als er von der Küchentür zum Tisch ging. Das nasse Handtuch legte er blindlings auf einen der Stühle, zog sich seinen eigenen heran und setzte sich.

»Was ist es denn? Du scheinst es ja richtig zu genießen, jetzt spann mich nicht so auf die Folter.«

Christina konnte ihre Vorfreude nicht mehr länger im Zaum halten. Die Worte sprangen ihr geradezu aus dem Mund: »Ich habe einen Job! Ist das nicht fantastisch? Jetzt haben wir beide ein Einkommen und …«

Weiter kam sie nicht.

Marcs Gesicht verfinsterte sich und seine Hände ballten sich zu Fäusten als er Christina anschrie: »Ein Job, ja? Den wirst du sofort wieder kündigen. Meine Frau hat es nicht nötig arbeiten zu gehen. Du bleibst zu Hause, Ende der Diskussion!«

»Aber …!«, wollte Christina einlenken.

Christinas Herz setzte einen Schlag aus. Tränen schossen ihr in die Augen. Hatte er das wirklich gesagt? Sie hatte sich so sehr darauf gefreut, jetzt auch arbeiten zu können. Und dann das?

Sie wollten sich doch zusammen ein Haus kaufen, irgendwo auf dem Land. Dafür brauchten sie Geld und wenn sie beide arbeiten gingen, bekämen sie das Geld doch viel schneller zusammen. Etliche Male hatte Christina zu rechnen begonnen, wie lange es dauern würde, wenn sie keine Arbeit bekäme und Marc für alles aufkommen müsste. So stolz war sie gewesen, als sie die Zusage für den Job bekommen hatte. Zwar sollte dieser erst einmal auf Probe sein, doch wenn alles gut lief und sie Glück hatte, konnte sie dort sogar eine Ausbildungsstelle bekommen. Was wollte man mehr?

Aber in diesem Moment war alles, was sie bekam, ein gnadenloses »Nein«.

Was war nur los mit ihm? So hatte sie ihn noch nie zuvor erlebt. Zumindest konnte Christina sich nicht daran erinnern.

»Kein Aber!«, brüllte Marc, die Wut in seiner Stimme war wie ein Sturm. »Du bleibst zu Hause, habe ich gesagt. Sonst setzt es eine! Aus, Thema beendet!« Um seine Worte zu unterstreichen, schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. Der Klang hallte in der Stille der Küche nach. Mit einem letzten, verächtlichen Blick auf Christina stürmte er aus der Küche, eilte den Flur entlang und schnappte sich seinen Koffer mit den Papieren, die er für die Arbeit brauchte. Das Frühstück stand noch unberührt auf dem Tisch.

Christina blieb sitzen, der Stuhl fühlte sich plötzlich an wie aus Stein. Ihre Hände lagen flach auf dem Tisch, doch sie spürte nichts. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, als sie versuchte, das Gesagte zu begreifen. Er hatte ihr nicht nur verboten zu arbeiten, er hatte ihr auch gedroht.

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. War das wirklich ihr Leben?

Sie konnte kaum glauben, was gerade passiert war.

In diesem Moment fühlte sie sich entmachtet, als hätte er ihr all ihren Willen genommen. Ihre Brust zog sich zusammen, und die Stille um sie herum wurde fast unerträglich. So sollten die nächsten drei Jahre vergehen – wie eine endlose, schleichende Nacht, in der jeder Tag gleich war, in der sich Hoffnung und Schmerz sich vermischten und zur Normalität wurden.

Nach den Schlägen und den Demütigungen kam die Gewalt in der Nacht. Wenn er sie wollte, hatte sie da zu sein. Es spielte keine Rolle, wie sie sich fühlte. Christina versuchte, sich zu verstecken, sich schlafend zu stellen, doch seine Präsenz war wie ein Schatten, der sie immer fand. Ihr Körper versank nicht mehr im Schlaf, sondern in einer starren Erwartung von etwas, das sie nicht mehr kontrollieren konnte. Die Übergriffe hörten nicht auf, sie wurden härter, grausamer.

Die Zeit verging, und mit jedem Tag wuchs in Christina der Wunsch zu fliehen. Aber die Angst lähmte sie. Was, wenn er sie fand? Was, wenn er ihr das antäte, was er ihr schon so oft angedroht hatte?

Außerdem, wer konnte schon eine Frau lieben, die zu dem gemacht worden war, was Christina mittlerweile war?

Sie fühlte sich nicht mehr wie die Frau, die sie einmal gewesen war. Diese Frau schien in der Dunkelheit der vergangenen Jahre verschwunden zu sein.

Ihre grünen Augen, die einst vor Leben leuchteten, waren jetzt leer, stumpf. Ihr langes blondes Haar, das einst in der Sonne glänzte, war jetzt strohig und zerzaust. Ihre einst strahlende Haut war blass und fleckig.

Der Kampf gegen sich selbst hatte begonnen. Die Zwangsstörungen und der Drang, sich selbst zu verletzen, waren ihre ständigen Begleiter.

Aber sie war vorsichtig, immer darauf bedacht, dass Marc nichts bemerkte.

Stets spann sie sich eine passende und glaubwürdige Ausrede zurecht, bevor sie Hand anlegte und sich, zum Beispiel mit einem Küchenmesser, in einen Arm schnitt. Sobald Marc danach fragte, wie das passiert war, erzählte Christina ihm, dass sie beim Gemüseschneiden abgerutscht sei. Selbstverständlich folgten auf ihre Aussage Beleidigungen, wie dämlich sie doch sei und Ähnliches. An manchen Tagen schlug Marc ihr zur Strafe sogar noch auf die Wunden und meinte, er mache das nur, um ihr zu helfen. Der zusätzliche Schmerz solle sie daran erinnern, vorsichtiger zu sein. Ihr dummes Gehirn musste ja wohl eines Tages endlich einmal etwas dazulernen.

Es dauerte ein weiteres Jahr, bis sie den Mut fand, sich zu befreien. Der Entschluss stand fest, als sie mit ihrem Anwalt sprach. Ein Freund ihres Vaters.

Die Scheidung war schneller vollzogen, als sie es sich je hätte träumen lassen. Die blauen Flecken und die Schnittwunde an ihrem Arm wurden Marc zur Last gelegt. Das brach ihm vor Gericht förmlich das Genick. Doch das, was wirklich passiert war, das blieb ihr Geheimnis.

Nun war sie wieder frei, durfte endlich selbst über ihr Leben bestimmen. Von nun an sollte ihr niemals mehr wieder jemand vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen hatte. Es war ihr Leben und das wollte sie voll und ganz selbst gestalten und so, wie es ihr gefiel.

Mit Hilfe des Anwalts fand sie schnell eine Wohnung und sogar einen Job.

Mit ihrem ersten Verdienst lief Christina direkt ins nächste Tierheim. So ganz alleine in ihrer Wohnung fühlte sie sich schrecklich. Der Vorschlag, sich doch ein Haustier zuzulegen, kam von ihrem Vater und Christina war mehr als begeistert davon. Eigentlich wollte sie einen kleinen Hund adoptieren. Doch als sie am Katzenzimmer vorbeikam und den traurigen Blick einer kleinen Katze durch die große Glasscheibe sah, warf sie ihren ursprünglichen Plan sofort über Bord. Die Tierpflegerin wollte Christina zwar noch andere Tiere zeigen, doch sie war nicht mehr zu bewegen, auch nur irgendein anderes Tier sehen zu wollen.

»Das ist mein Paul«, sagte sie ohne zu zögern, als sie den kleinen Kater sah.

Die Tierpflegerin schien skeptisch, öffnete aber die Tür zum Katzenzimmer und ließ Christina herein.

›So wie die aussieht, laufen die Tiere eher vor ihr weg. Das geht doch sicher nicht gut‹, dachte sie bei sich, als sie die Tür hinter sich schloss, damit sich keiner ihrer Schützlinge ungefragt davonmachen konnte.

Doch der Kater kam sofort auf sie zu und schlang sich schnurrend um ihre Beine. Christina ging in die Hocke, und für einen Moment hielt die Welt den Atem an.

Das war's.

Da spürte die Tierpflegerin, wie ernst es Christina war und dass sie sich gut um den kleinen Kater kümmern würde.

Gemeinsam gingen sie ins Büro des Tierheims.

Die Papiere für Paul fanden schnell ihren Weg in ihre Handtasche, und bald war sie im Tierfachhandel und kaufte alles Nötige: Futter, Spielzeug, einen Korb und eine Transportbox. Als sie alles bezahlt hatte, eilte sie zurück zum Tierheim, um Paul abzuholen.

Und tatsächlich bekam sie Paul mit.

»Es wird noch ein bis zwei Nachkontrollen geben, ob sie sich auch gut um den Kleinen kümmern«, teilte ihr die Tierpflegerin mit, doch das war kein Problem für Christina. Ihre Hände zitterten vor Aufregung. Sie konnte es kaum glauben, dass es wirklich passiert war. Niemand schrie sie an. Niemand beleidigte sie. Sie hatte etwas bekommen, was sie sich selbst erkämpft hatte. Und so kam sie nach Hause, Paul in der Kiste, der erste Schritt in ein neues Leben.

Sie wusste, dass sie immer noch viel zu tun hatte, aber an diesem Tag fühlte sie sich wie ein neuer Mensch. Ein Mensch, der wieder entscheiden konnte, was er wollte. Ein Mensch, der sich nicht mehr verstecken musste.

Plötzlich schrak Christina aus ihren Gedanken auf.

»Ach Herr je, die Arbeit!«, rief sie plötzlich aus.

Sie griff nach ihrem Wecker – 06:12 Uhr. Noch drei Minuten, dann würde der Alarm ertönen. Sie schaltete ihn aus und schob Paul vorsichtig von ihrem Bauch.

Das war sein unmissverständliches Zeichen dafür, dass die Zeit zum Kuscheln erst einmal vorbei war. Der kleine Kater streckte sich und sprang vom Bett.

Es war Zeit aufzustehen.

Zeit für ihr neues Leben.

Kapitel 2

Es war schon fast hell, als Christina endlich aus der Dusche kam und nach einem Handtuch griff, dass sie sich um die nassen Haare wickelte.

Paul hatte sich auf dem Badezimmerteppich zusammengerollt, während er darauf wartete, dass sie aus der Dusche herauskam.

»Na, kleiner Mann, jetzt musst du aber raus hier, sonst wird es zu eng.« Christina ging in die Hocke, streichelte über seinen Kopf und gab ihm dann einen leichten Schubs, damit der Kater Aufstand und das Badezimmer verließ.

Beim Aufstehen streifte ihr Blick den großen Ganzkörperspiegel, der an der Wand befestigt war. Er zeigte ihr nacktes Abbild. Ihr Blick glitt zurück zu einem zweiten Handtuch, das noch am Waschbecken hing und das sie sich gerade umlegen wollte, schweift wieder zu ihrem Spiegelbild und bannte ihn dann vollends. Spiegel! Christina hasste Spiegel.

Das war nicht immer so gewesen, doch es war eine Zeit gekommen, die das geändert hatte. Spiegel versuchte Christina zu meiden, seit sie begonnen hatte sich selbst zu verletzen. Seitdem wollte sie sich einfach nicht mehr betrachten. Der Anblick der vielen Narben, die sie über die Jahre angesammelt hatte, war einfach zu viel für sie. Doch nun stand sie hier, ihren Blick fest auf den Spiegel gerichtet. Dieser riesige Spiegel, den sie sich bewusst ins Badezimmer gehängt hatte, war ihr Mahnung und Ansporn zugleich. Er schien zu sagen: »Du wirst es bald wieder tun, du kannst nicht aufhören, du bist süchtig danach!«

Christina schreckte zurück, denn sie wollte diese Gedanken nicht länger zulassen. Seit Längerem versuchte sie, sich mit aller Kraft dagegen zu wehren, und in letzter Zeit gelang es ihr auch immer öfter. Diese Gedanken waren einfach nur schrecklich. Sie wusste, wenn sie erst einmal in ihrem Bann war, würde sie nicht mehr herauskommen, ohne Blut zu lassen. Christina schob den Gedanken mühsam beiseite und schüttelte den Kopf, als könne sie damit alles abwehren.

»Nicht jetzt, bitte nicht an diesem Tag, er bedeutet mir doch so viel!«, flehte sie ihr Spiegelbild an.

Das Gefühl der Benommenheit legte sich, als hätte er sie tatsächlich verstanden.

Christina griff nach ihrem Zahnputzzeug, das auf einem kleinen Regal neben dem Spiegel stand, und putzte sich die Zähne.

Danach cremte sie sich von Kopf bis Fuß ein, trocknete sich die Haare ab und zog sich an. Als Nächstes ging sie vom Badezimmer durch den Flur in die Küche.

»Jetzt ein gutes Frühstück und der Tag ist halb überstanden.«

Sie war unendlich erleichtert darüber, dass sie den Kampf gegen sich selbst, gerade im Bad, gewonnen hatte.

Der Kaffee, den sie vor dem Duschen schon aufgesetzt hatte, war fast durchgelaufen.

Diese Maschinen mit Zeitschaltuhr waren eine tolle Erfindung. Ob sie die Maschine schon abends befüllte, damit der Kaffee morgens fertig war, wenn sie aufstand, oder die Zeit abschätzte, die sie im Badezimmer benötigte und die Maschine daraufhin programmierte. Egal wie sie es machte, immer hatte sie ihren Kaffee bereit, wenn sie ihn brauchte.