Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Böse E-Book

Julia Shaw  

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E-Book-Beschreibung Böse - Julia Shaw

Von Psychopathen wie Charles Manson oder Serienmördern wie Jack the Ripper geht eine unheimliche Faszination aus. Doch woher kommt sie? Und warum verdrängen wir so gern das alltäglichere Böse – von den eigenen Gewaltphantasien bis zum Machtmissbrauch im Büro? Die Kriminalpsychologin und Bestsellerautorin Julia Shaw taucht das Phänomen des Bösen in neues Licht. Shaw sucht und findet das Böse nicht nur in den Gehirnen von Massenmördern, sondern in jedem von uns. Und sie erläutert mithilfe psychologischer Fallstudien und neuester neurowissenschaftlicher Erkenntnisse, wie wir uns mit unserer dunklen Seite versöhnen. Ein augenöffnendes Buch, das die vertrauten Kategorien von Gut und Böse völlig über den Haufen wirft.

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E-Book-Leseprobe Böse - Julia Shaw

Über das Buch

Von Psychopathen wie Charles Manson oder Serienmördern wie Jack the Ripper geht eine unheimliche Faszination aus. Doch woher kommt sie? Und warum verdrängen wir so gern das alltäglichere Böse – von den eigenen Gewaltphantasien bis zum Machtmissbrauch im Büro? Kriminalpsychologin und Bestsellerautorin Julia Shaw taucht das Phänomen des Bösen in neues Licht.

Shaw sucht und findet das Böse nicht nur in den Gehirnen von Massenmördern, sondern in jedem von uns. Und sie erläutert mithilfe psychologischer Fallstudien und neuester neurowissenschaftlicher Erkenntnisse, wie wir uns mit unserer dunklen Seite versöhnen. Ein augenöffnendes Buch, das die vertrauten Kategorien von Gut und Böse völlig über den Haufen wirft.

Hanser E-Book

Julia Shaw

Böse

Die Psychologie unserer Abgründe

Aus dem Englischen von Claudia van den Block und Ursula Pesch

Carl Hanser Verlag

Für die unersättlich Neugierigen

Inhalt

Einleitung: Der Hunger

1  Unser innerer Sadist: Die Neurowissenschaft vom Bösen Über Schmerz, Vergnügen und Psychopathie

2  Mordfantasien: Die Psychologie der Mordlust Über Serienmörder, toxische Männlichkeit und ethische Dilemmata

3  Freakshow: Die Psychologie der Unheimlichkeit Über Clowns, bösartiges Lachen und psychische Erkrankungen

4  Die zwei Gesichter der Technologie: Wie Technologie uns verändert Über Luftpiraten, böse Bots und Cybertrolle

5  Abartig pervers: Die Wissenschaft von der sexuellen Devianz Über BDSM, Coming-out und Zoophilie

6  Schützt unsere Kinder: Pädohebephile verstehen Über Verstehen, Verhindern und Humanisieren

7  Schlangen in Anzügen: Die Psychologie des Bösen in der Arbeitswelt Über Paradoxe, Sklaverei und moralische Blindheit

8  Und ich habe geschwiegen: Die Wissenschaft von der Konformität Über Nazis, Vergewaltigungskultur und Terrorismus

Schlussfolgerung

Danksagung

Anmerkungen

Register

Einleitung

Der Hunger

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen,

daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird.

Friedrich Nietzsche1

Friedrich Nietzsche, einer der bedeutendsten deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts, schrieb 1881: »Böse denken heißt böse machen.«2 Nur wenn wir etwas das Etikett böse verpassen, nur wenn wir denken, dass etwas böse ist, wird es böse. Das Böse, so argumentierte Nietzsche, sei eine subjektive Erfahrung,3 nicht etwas, was einer Person, einem Objekt oder einer Handlung innewohne.

Dieses Buch erforscht einen Teil der Wissenschaft, die diesem Gedanken zugrunde liegt, und zwar anhand eines Spektrums von Konzepten und Vorstellungen, die oft mit dem Wort böse assoziiert werden. Es ist eine Studie der menschlichen Heuchelei, der Absurdität des Bösen, des normalen Wahnsinns und der Empathie. Ich hoffe, Sie dazu herauszufordern, Ihre Vorstellung vom Bösen zu überdenken und zu modifizieren.

Während der vergangenen 13 Jahre hat es mir als Studentin, Dozentin und Forscherin Vergnügen bereitet, mit jedem über die Wissenschaft des Bösen zu diskutieren, der gewillt war, mir zuzuhören. Am meisten Spaß macht es mir, das Denken in Gut und Böse, Schwarz und Weiß zu hinterfragen und durch neue Abstufungen zu ersetzen. Mein Ziel ist es, dass wir über Verhaltensweisen, von denen wir zunächst glauben, dass wir sie weder verstehen können noch verstehen sollten, sachkundiger diskutieren. Viel zu schnell sind wir alle dabei, andere zu entmenschlichen und sie allein deswegen abzuschreiben, weil wir ihre Handlungen nicht nachvollziehen können. Wir können und müssen versuchen, das besser zu verstehen, was wir als »Böse« etikettieren.

Lassen Sie uns mit einer Empathieübung beginnen: Denken Sie an das Schlimmste, das Sie je getan haben. Etwas, für das Sie sich wahrscheinlich schämen und von dem Sie wissen, dass es andere schlecht von Ihnen denken lassen würde. Untreue, Diebstahl, Lügen. Stellen Sie sich nun vor, dass alle davon wüssten. Sie danach beurteilten. Sie deswegen in einer endlosen Tirade beschimpften. Wie würde sich das anfühlen?

Wir würden es hassen, aufgrund von nur ein oder zwei Taten, die wir sehr bedauern, von aller Welt beurteilt und abgestempelt zu werden. Doch genau das ist es, was wir Tag für Tag tun. Bei unseren eigenen Entscheidungen sehen wir die Nuancen, die Umstände, die Schwierigkeiten. Bei anderen sehen wir oft nur das Ergebnis ihrer Entscheidungen. Dies führt dazu, dass wir Menschen in all ihrer Vielschichtigkeit immer wieder durch nur einen einzigen Begriff definieren: Mörder. Vergewaltiger. Dieb. Lügner. Psychopath. Pädophiler.

Dies sind Etiketten, die wir anderen aufgrund unserer Vorstellung davon verpassen, wer sie angesichts ihres Verhaltens sein müssen. Ein einziges Wort soll den wahren Charakter eines Menschen zusammenfassen, um andere wissen zu lassen, dass man dieser Person nicht vertrauen kann: Diese Person ist gefährlich. Diese Person ist im Grunde gar keine Person, sondern eine Abnormität. Eine Abnormität, mit der wir kein Mitgefühl haben sollten, weil sie so böse ist, dass wir nie in der Lage sein werden, sie zu verstehen.

Aber wer sind solche »abnormalen« Personen? Zu begreifen, dass jeder Einzelne von uns Dinge denkt und tut, die andere als verabscheuungswürdig betrachten, hilft uns vielleicht, die Essenz dessen zu verstehen, was wir böse nennen. Ich kann Ihnen garantieren, dass irgendjemand auf dieser Welt Sie für böse hält (wenn auch nicht in dem Sinn, in dem ein Massenmörder als böse betrachtet wird). Essen Sie Fleisch? Arbeiten Sie im Bankenwesen? Haben Sie ein uneheliches Kind? Sie werden feststellen, dass Dinge, die Sie für normal halten, anderen nicht normal erscheinen, ja in ihren Augen möglicherweise völlig verwerflich sind. Sind wir also alle böse? Oder vielleicht auch keiner von uns?

Als Gesellschaft reden wir viel über das Böse und sprechen doch nie wirklich darüber. Wir hören tagtäglich von Gräueltaten und beschäftigen uns ständig oberflächlich mit einer Flut von Nachrichten, die uns das Gefühl geben, dass die Menschheit dem Untergang geweiht ist. Ereignisse, die starke Emotionen hervorrufen, werden auf reißerische Schlagzeilen für Zeitungen und Social-Media-Kanäle reduziert. Unser Appetit auf Berichte über das Böse, die wir vor dem Frühstück sehen und bis zum Mittagessen vergessen haben, ist phänomenal.

Vor allem unser Hunger nach Gewalt scheint größer zu sein denn je zuvor. Im Rahmen einer 2013 veröffentlichten Studie zu Gewalt in Filmen haben der Sozialpsychologe Brad Bushman4 und seine Kollegen festgestellt, dass »sich die Gewalt in Filmen seit 1950 mehr als verdoppelt und die Waffengewalt in Filmen für Kinder unter 13 Jahren derart zugenommen hat, dass sie neuerdings die Gewaltrate in Filmen mit einem R-Rating (ab 17 Jahren) übersteigt«. Filme werden brutaler, selbst jene, die ausdrücklich für Kinder freigegeben werden. Mehr denn je durchdringen Geschichten von Gewalt und schwerem menschlichem Leid unseren Alltag.

Wie wirkt sich dies auf uns aus? Es verzerrt unser Verständnis von der Häufigkeit von Verbrechen und lässt uns glauben, dass sie üblicher sind, als dies tatsächlich der Fall ist. Es beeinflusst, wen wir als böse etikettieren. Es verändert unsere Vorstellung von Gerechtigkeit.

An dieser Stelle möchte ich dafür sorgen, dass Sie keine falschen Erwartungen an dieses Buch stellen. Dies ist kein Buch, das sich eingehend mit einzelnen Fällen beschäftigt. Ganze Bücher sind bestimmten Menschen gewidmet worden, die als böse bezeichnet werden – wie Jon Venables, der jüngsten Person, die je in Großbritannien des Mordes überführt und von den Boulevardblättern als »böse geboren« etikettiert wurde, der Serienmörder Ted Bundy in den USA und die »Ken-und-Barbie-Mörder« Paul Bernardo und Karla Homolka in Kanada. Alles zweifellos faszinierende Fälle, doch dieses Buch handelt nicht von ihnen. Es handelt von Ihnen. Mir geht es nicht darum, dass Sie die Vergehen bestimmter Personen analysieren, sondern Ihre eigenen Gedanken und Schwächen verstehen.

Es ist weder ein philosophisches noch ein religiöses Buch. Und es geht auch nicht um Moral. Es ist ein Buch, das helfen möchte, zu verstehen, warum wir einander Entsetzliches antun. Es ist ein Buch voller Experimente und Theorien, ein Buch, das unsere Aufmerksamkeit auf die Wissenschaft lenken möchte, das versucht, das Konzept des Bösen in Teilaspekte zu gliedern und jeden davon einzeln zu untersuchen.

Es ist auch kein allumfassendes Buch über das Böse. Ein Leben würde nicht ausreichen, diese Aufgabe zu bewältigen. Möglicherweise sind Sie enttäuscht, zu erfahren, dass ich kaum Zeit darauf verwende, auf so wichtige Themen wie Genozid, Kindesmissbrauch, Verrat, Inzest, Drogen, Gangs oder Krieg einzugehen. Zu diesen Themen gibt es unzählige Bücher. Dieses gehört nicht dazu. Es bietet einen Überblick über die Aspekte des Bösen, die ich persönlich für faszinierend und wichtig halte und die gerne übersehen werden.

Monsterjagd

Bevor wir uns mit der Wissenschaft des Bösen beschäftigen, möchte ich kurz erklären, wer ich bin und warum Sie sich mir auf der Reise durch Ihre Albträume anvertrauen können.

Ich stamme aus einer Welt, in der Menschen Monster jagen. In der Polizeibeamte, Staatsanwälte und die Öffentlichkeit sich ihre Mistgabeln schnappen und Mördern und Vergewaltigern auf den Fersen sind – weil sie die Struktur der Gesellschaft aufrechterhalten und jene bestrafen wollen, die ihrer Ansicht nach etwas falsch gemacht haben. Das Problem ist, dass diese Monster manchmal gar nicht existieren.

Als Kriminalpsychologin, die auf falsche Erinnerungen spezialisiert ist, habe ich es ständig mit Fällen zu tun, in denen Menschen nach einem Täter suchen, obwohl es gar kein Verbrechen gegeben hat. Falsche Erinnerungen fühlen sich zwar real an, sind aber kein Abbild von etwas, das tatsächlich geschehen ist. Sie klingen ein bisschen nach Science-Fiction, sind jedoch nur allzu üblich. Erinnerungen stellen, wie die Erinnerungsforscherin Elizabeth Loftus gesagt hat, keine akkurate Schilderung der Vergangenheit dar, sondern ähneln eher Wikipedia-Seiten: Man kann sie aufrufen und verändern, aber das können andere auch.

In extremen Situationen können unsere Erinnerungen am Ende so weit von der Realität entfernt sein, dass wir glauben, Opfer oder Zeuge eines Verbrechens geworden zu sein, das nie stattgefunden hat, oder sogar selbst ein Verbrechen begangen zu haben, das es nie gegeben hat. Dies ist etwas, was ich unmittelbar in meinem Labor untersucht habe. Ich habe die Erinnerungen von Menschen gehackt, um sie – vorübergehend – glauben zu lassen, dass sie etwas Kriminelles getan haben.

Meine Untersuchungen beschränken sich jedoch nicht auf das Labor. Ich forsche auch in freier Wildbahn. Manchmal erhalte ich extrem interessante Post aus dem Gefängnis. Ein Brief kam Anfang 2017. Er war wortgewandt und in einer wunderschön lesbaren Handschrift geschrieben, beides auf den ersten Blick eher ungewöhnliche Charakteristika für einen Brief von einem Häftling.

Der Absender erklärte, dass er im Gefängnis sitze, weil er seinen betagten Vater erstochen habe. Er hatte nicht nur einmal zugestoßen, sondern 50 Mal. Der Täter war zum Zeitpunkt des Mordes Dozent an einer Universität und ohne Vorstrafen. Er gehört nicht zu den Leuten, von denen wir annehmen würden, dass sie andere erstechen.

Warum also tat er es? Ich war überrascht, als ich seine Antwort auf die Frage erfuhr: Er hatte mir den Brief geschrieben, um ein Exemplar meines Buches über falsche Erinnerungen zu erbitten, das »in der Gefängnisbibliothek noch nicht vorhanden war«. Von dem Buch hatte er aus der Times erfahren, und er sagte, dass er mehr über diesen Forschungsbereich wissen wolle, ja wissen müsse, weil ihm im Gefängnis klar geworden sei, dass er seinen Vater wegen einer falschen Erinnerung umgebracht habe.

Folgendes war, wie er behauptete, passiert: Während einer Alkoholismustherapie hatte man ihm gesagt, dass ein sexueller Missbrauch in der Kindheit eine Erklärung für Alkoholabhängigkeit sein könne. Therapeut und Sozialarbeiter wiesen wiederholt darauf hin, dass er missbraucht worden sein könnte. In dieser Zeit kümmerte er sich mehrere Stunden am Tag um seinen betreuungsbedürftigen, betagten Vater. Er war erschöpft. Eines Abends stürzten plötzlich, wie er schrieb, alle Erinnerungen wieder auf ihn ein. Wutentbrannt und aus Rache beging er den Mord. Im Gefängnis wurde ihm schließlich klar, dass er nie missbraucht worden war. Vielmehr hatte man ihn dazu gebracht, sich an Dinge zu erinnern, die sich nie ereignet hatten. Nun hat er Schwierigkeiten, sein eigenes Gehirn, sein eigenes Verhalten zu verstehen. Eine Zeit lang hatte er gedacht, sein Vater sei böse. Dann beging er ein schreckliches Verbrechen. War er nun der wahre Böse? Oder nur fehlgeleitet?

Ich schickte ihm mein Buch und er sandte mir als Dankeschön einen Brief und ein Bild einer rosafarbenen Blume. Es steht auf meinem Schreibtisch als Erinnerung daran, dass Wissenschaft, in dem Fall die vom trügerischen und manipulierbaren Gedächtnis, dabei helfen kann, dass Menschen ihre Handlungen besser verstehen und wir ihnen dadurch ihre Menschlichkeit zurückgeben können.

Wir vergessen leicht, dass die Vielschichtigkeit der menschlichen Erfahrung nicht aufhört, nur weil ein Individuum ein schreckliches Verbrechen begangen hat. Ein Mensch sollte nicht durch einen einzigen Akt definiert werden. Jemanden einen Mörder zu nennen, weil er einmal die Entscheidung getroffen hat, einen Mord zu begehen, ist unangemessen und zu stark vereinfacht.

Strafgefangene sind auch Menschen. Jemand kann 364 Tage im Jahr völlig gesetzestreu sein und am 365. Tag einen Mord begehen. Selbst die ruchlosesten verurteilten Verbrecher verbringen fast ihre gesamte Zeit damit, keine Verbrechen zu begehen. Was tun sie in dieser Zeit? Ganz normale Dinge. Sie essen, sie schlafen, sie lieben, sie weinen.

Es ist leicht, Menschen abzuschreiben, indem wir sie böse nennen. Genau aus diesem Grund betreibe ich so gerne Forschung auf diesem Gebiet. Nicht nur, weil es faszinierend ist, wie das trügerische Gedächtnis zuweilen das Böse erst erschafft, sondern weil die Wissenschaft vom Bösen so viele Disziplinen zur Zusammenarbeit motiviert: Zu meiner wissenschaftlichen Arbeit gehört so etwa auch die Forschung über Psychopathen und moralische Entscheidungsfindung; in meinen Vorlesungsreihen kommen so unterschiedliche Disziplinen wie Kriminologie, Psychologie, Philosophie, Recht und Neurowissenschaft zu Wort. Ich glaube, dass es die Schnittpunkte dieser Disziplinen sind, aus denen ein neues Verständnis des Bösen erwachsen kann.

Das Problem ist, dass ein solches Verständnis in der Bevölkerung nicht gefördert wird. Vielmehr werden abscheuliche Verbrechen im Allgemeinen eher als Zirkusshow betrachtet und nicht als etwas, was wir verstehen möchten. Und wenn wir dann versuchen, den Vorhang zu heben, um die Menschlichkeit im Abscheulichen zu erkennen, hindern uns andere oft daran, genau hinzusehen. Das Konzept des Bösen zu diskutieren, ist nach wie vor weitgehend ein Tabu.

Böse Empathiker

Der Versuch der Einfühlung wird in Fällen starker Abweichung von der Norm allzu gerne unterbunden – und es wird der Verdacht geäußert, dass man sich wohl mit einer Gruppe gemein machen wolle, die doch gesellschaftlich geächtet gehört.

Sie möchten über Pädophilie sprechen? Sie haben also Verständnis für Kinderschänder!? Sie schreiben in Ihrem Aufsatz über Zoophilie? Woher kommt Ihr Interesse an Sex mit Tieren? Sie möchten über Ihre Mordfantasien reden? Denken Sie etwa darüber nach, jemanden zu ermorden? Das Anprangern dieser Neugier stellt den Versuch dar, Abstand zwischen uns und den Menschen zu wahren, die als böse wahrgenommen werden. Es heißt »wir« gegen »sie«. In der Psychologie wird dies als Othering, als Distanzierung von anderen, bezeichnet. Wir distanzieren uns von jemandem, wenn wir glauben, dass er von Natur aus anders ist als wir selbst.

Diese Distanzierung passiert unwillkürlich, auch wenn manche von uns sie für rational halten mögen. Ich möchte Ihnen helfen, die Ähnlichkeiten zwischen Ihnen selbst und den Gruppen, die Sie als böse betrachten, kritisch zu erforschen und zu verstehen.

Unsere Reaktionen auf abweichendes Verhalten verraten uns letztlich weniger über andere als über uns selbst. In diesem Buch möchte ich dazu ermutigen, neugierig zu sein, zu erforschen, was das Böse ist, und zu sehen, was wir aus der Wissenschaft lernen können, um die dunkle Seite der Menschheit besser zu verstehen.

Ich möchte, dass Sie Fragen stellen. Ich möchte, dass Sie hungrig nach Wissen sind, und ich möchte Ihren Hunger stillen. Begeben Sie sich mit mir auf eine Reise, auf der wir sichtbar machen werden, was sich wissenschaftlich betrachtet hinter Ihren Albträumen verbirgt.

Lassen Sie mich Ihnen helfen, Ihr Mitgefühl mit dem Bösen zu finden.

Kapitel 1 Unser innerer Sadist: Die Neurowissenschaft vom Bösen Über Schmerz, Vergnügen und Psychopathie

Es gibt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur

eine moralische Ausdeutung von Phänomenen.

Friedrich Nietzsche1

Hitlers Gehirn

Wenn wir über das Böse nachdenken, kommen wir nicht selten irgendwann auf Hitler zu sprechen. Das verwundert nicht bei einer Person, die u.a. für Massenmord, Zerstörung, Krieg, Folter und Volksverhetzung die Verantwortung trug. Die Geschichte und die Welt werden für immer durch die Erinnerung an ihn beschmutzt sein.

Godwins Gesetz, aufgestellt vom US-amerikanischen Autor und Anwalt Mike Godwin, besagt, dass es im Verlauf jeder Online-Diskussion schließlich zu einem Vergleich mit Hitler kommt. Diese beiläufigen Vergleiche trivialisieren die begangenen Gräueltaten, lassen Diskussionen bis zu einem Punkt eskalieren, an dem es kein Zurück mehr gibt, und bringen Unterhaltungen oft effektiv zum Erliegen. Doch ich schweife ab.

Wegen der Vielfalt und des Ausmaßes der Verwüstung, für die Hitler sowohl direkt als auch indirekt verantwortlich war, sind etliche Bücher über seine Beweggründe, seine Persönlichkeit und sein Handeln geschrieben worden. Die Menschen wollen schon lange wissen, warum und wie aus ihm der Mann wurde, den wir aus unseren Geschichtsbüchern kennen. Statt die Einzelheiten seines Handelns zu analysieren, möchte ich unser Augenmerk in diesem Kapitel auf eine andere Frage richten:

Wenn Sie in der Zeit zurückgehen könnten, würden Sie Hitler als Baby töten?

Die Antwort auf diese eine Frage verrät mir eine Menge über Sie. Wenn Sie mit »Ja« antworten, glauben Sie wahrscheinlich, dass wir mit einer gewissen Veranlagung geboren werden, Schreckliches oder Gutes zu tun. Dass sich das Böse in unserer DNA befinden kann. Antworten Sie mit »Nein«, haben Sie wahrscheinlich eine weniger deterministische Sichtweise menschlichen Verhaltens und glauben vielleicht, dass die Umwelt und die Erziehung eine wichtige Rolle dabei spielen, welche Taten wir als Erwachsene begehen. Vielleicht haben Sie aber auch »Nein« gesagt, weil das Töten von Babys ein Tabu für Sie darstellt.

Wie dem auch sei, ich glaube, dass die Antwort faszinierend ist. Ich glaube auch, dass sie sich nahezu sicher auf unvollständige Beweise stützt. Denn wissen Sie wirklich, ob schreckliche kleine Babys schreckliche große Erwachsene werden? Und unterscheidet sich Ihr Gehirn tatsächlich so sehr von Hitlers Gehirn?

Lassen Sie uns ein Gedankenexperiment durchführen. Wenn Hitler heute lebte und wir ihn in ein CT-Gerät schieben würden: Was würden wir finden? Beschädigte Strukturen, übermäßig aktive Gehirnbereiche, wie Hakenkreuze geformte Hirnkammern? Bevor wir Hitlers Gehirn rekonstruieren können, müssen wir zunächst kurz prüfen, ob Hitler verrückt, böse oder beides war. Eines der ersten Psychogramme von Hitler stammt aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Es gilt als eines der ersten Täterprofile aller Zeiten und wurde 1944 vom Psychoanalytiker Walter Langer2 für das Office of Strategic Services (Amt für strategische Dienste) geschrieben, ein US-Nachrichtendienst, der eine frühe Version der Central Intelligence Agency darstellt.

Der Bericht beschrieb Hitler als »neurotisch«, als »Psychopathen an der Grenze zur Schizophrenie« und traf die korrekten Vorhersagen, dass er nach ideologischer Unsterblichkeit strebe und angesichts einer Niederlage Selbstmord begehen würde. Doch der Bericht enthält auch eine Reihe pseudowissenschaftlicher Behauptungen, die sich nicht verifizieren lassen, einschließlich derjenigen, dass Hitler masochistischen Sex genoss und dass er zur »Koprophagie neige« (zum Kotessen).

Ein anderer Versuch eines Psychogramms wurde 1998 von dem Psychiater Fritz Redlich3 veröffentlicht. Redlich führte durch, was er als Pathografie bezeichnet – die Erforschung des Lebens und der Persönlichkeit eines Menschen unter Berücksichtigung krankheitsbedingter Einflüsse. Anhand der Analyse von Hitlers Krankengeschichte und der Krankengeschichte seiner Familie sowie von Reden und anderen Dokumenten gelangte er zu dem Schluss, dass Hitler viele psychiatrische Symptome gezeigt habe, einschließlich Paranoia, Narzissmus, Angst, Depression und Hypochondrie. Doch obwohl Redlich so viele psychiatrische Symptome fand, dass er damit ein »psychiatrisches Lehrbuch füllen könnte«, behauptete er, dass der größte Teil von Hitlers Persönlichkeit mehr als »angemessen« funktionierte und dass Hitler »wusste, was er tat, und es voller Stolz und Enthusiasmus tat«.

Hätte er Hitler als Baby töten wollen? Oder hätte er mehr Wert auf Hitlers Erziehung gelegt? Laut Redlich hat in Hitlers Kindheit wenig darauf hingedeutet, dass er später einmal genozidale Ziele verfolgen würde. Medizinisch betrachtet sei Hitler ein ziemlich normales Kind gewesen, scheu und ohne Gefallen daran, Tiere oder Menschen zu quälen.

Redlich argumentiert gegen die Vorstellung mancher Psychohistoriker wie zum Beispiel der des Psychoanalysten Michael Stone von der Columbia University, der kleine Hitler habe eine besonders schwierige Kindheit gehabt. Es scheint, dass wir dies nicht als Grund für sein späteres Verhalten heranziehen können, und auch, dass die unbefriedigende Antwort darauf, ob Hitler verrückt war oder nicht, wohl eher »Nein« lautet. Wie sich herausstellt, ist dies nichts Ungewöhnliches. Nur weil jemand abscheuliche Verbrechen begangen hat, ist er nicht zwangsläufig psychisch krank. Anzunehmen, dass jeder, der Verbrechen dieser Art begeht, psychisch krank ist, hieße, die Täter aus der persönlichen Verantwortung zu entlassen – und psychische Erkrankungen zu stigmatisieren. Was also befähigt Menschen wie Hitler, solche Gräueltaten zu verüben?

Die Sozialpsychologen Martin Reimann und Philip Zimbardo warteten bei ihrer Arbeit an einer »Neurowissenschaft des menschlichen Bösen« mit einer anderen Idee auf, warum Menschen zu abscheulichen Taten fähig sind. In ihrem Aufsatz von 2011, The Dark Side of Social Encounters,4 versuchten sie nachzuweisen, welche Teile des Gehirns dafür verantwortlich sind, das Böse zu ermöglichen.

Sie legten dar, dass zwei Prozesse von zentraler Bedeutung sind – Deindividuation und Dehumanisierung.

Deindividuation bezeichnet das Phänomen, dass wir in der Anonymität großer Gruppen häufiger gesellschaftliche Normen verletzen. Dehumanisierung bedeutet, dass wir andere nicht länger als menschliche Wesen, sondern als Untermenschen betrachten. Die Autoren vergleichen Dehumanisierung auch mit einem »Grauen Star«: Unsere Wahrnehmung ist verschwommen. Wir sind nicht mehr in der Lage, andere wirklich zu sehen.

Das ist der Fall, wenn wir über »die Bösen« sprechen. Diese Aussage entmenschlicht. Sie unterstellt, dass es eine homogene Gruppe von Individuen gibt, die »böse« sind und sich von uns unterscheiden. In dieser Dichotomie sind wir, natürlich, die »Guten« – eine bunt gemischte Gruppe menschlicher Wesen, die ethisch vernünftige Entscheidungen treffen. Diese Gliederung der Welt in Gut und Böse gehörte zu Hitlers bevorzugten Methoden.

Noch erschreckender war die Rhetorik der Nationalsozialisten, wenn sie den Mitgliedern der ausgegrenzten Gruppe gleich vollkommen absprachen, Menschen zu sein. Hitlers genozidale Propaganda, in der er Juden als Untermenschen beschrieb, ist ein besonders fürchterliches Beispiel für diese Dehumanisierung.

In jüngerer Zeit hat es nicht nur in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten viele hasserfüllte öffentliche Äußerungen über Immigranten gegeben. 2015 beschrieb die britische Kolumnistin Katie Hopkins Migranten, die in Booten ankamen, als »Kakerlaken«, wofür sie vom UN-Menschenrechtskommissar Said Ra’ad al-Hussein zu Recht gerügt wurde: »Die Nazimedien beschrieben Menschen, die ihre Herren eliminiert sehen wollten, als Ratten und Kakerlaken.«5 Eine derartige Sprache, so fügte er hinzu, sei typisch für »Jahrzehnte anhaltender und zügelloser fremdenfeindlicher Pöbeleien, für Fehlinformationen und Verzerrungen«. Am 1. Mai 2017, dem 100. Tag seiner Präsidentschaft, las dann Donald Trump als Teil seiner Rede den Text eines 1963 von Oscar Brown jr. geschriebenen Songs vor, in dem es um eine Schlange geht.6

Eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit

Entlang des Wegs am See

Erblickte eine liebevolle Frau eine arme, halb erfror’ne Schlange.

Ihre hübsche, farbige Haut war ganz mit Reif bedeckt.

»Oh ja«, schluchzte sie, »ich nehm’ dich mit zu mir und sorge gern für dich.« …

Sie schmiegte sie an ihren Busen: »Du bist so schön«, pries sie. »Aber hätt’ ich dich nicht aufgenommen, wärst du vielleicht jetzt tot.«

Sie liebkoste ihre Haut, küsste sie und drückte sie.

Doch statt zu danken, versetzte ihr die Schlange einen bösen Biss.

Trump nutzte die Geschichte des Songs als plumpe Allegorie der Gefahren durch Flüchtlinge.

Grob vereinfachte Etikettierungen eines imaginären Feindes treffen wir in der Politik immer wieder an, zum Teil deswegen, weil sie sehr eingängig sind. Mit ein bisschen Nachhilfe von einem Führer und ein wenig inspirierender Rhetorik gedeihen gefährliche Ideologien leicht. Und während wir alle hin und wieder in diese Falle geraten, sind einige von uns besonders anfällig dafür.

Dies ist der Punkt, an dem wir nun tatsächlich mit unserer imaginären Rekonstruktion von Hitlers Gehirn beginnen. Angesichts seines ungewöhnlichen Hangs zur Dehumanisierung sind die hierfür verantwortlichen Bereiche des Gehirns vielleicht besonders betroffen. Laut Reimann und Zimbardo könnten Deindividuation und Dehumanisierung »potenziell ein Netzwerk von Gehirnbereichen umfassen, einschließlich des ventromedialen präfrontalen Kortex, der Amygdala und zweier Hirnstammstrukturen (d.h. Hypothalamus und periaquäduktales Grau)«. Hilfreicherweise liefern die Autoren eine Abbildung ihres Modells, das ich für Sie rekonstruiert habe.

Hitlers Gehirn: die Leitungsbahn zum Bösen, die den ventromedialen präfrontalen Kortex (1), die Amygdala (2) und den Hirnstamm (3) mit einschließt.

Dieses Modell deutet darauf hin, dass das, was als ein Gefühl der Anonymität beginnt – als Gefühl, für das, was wir tun, nicht verantwortlich zu sein, weil wir uns als Teil einer größeren Gruppe fühlen –, schließlich dazu führt, dass wir zunehmend fähig sind, anderen Schaden zuzufügen. Auf folgende Weise wird das Böse den Autoren zufolge im Gehirn sichtbar.

Deindividuation.

Die Person hört auf, an sich als Individuum zu denken, und identifiziert sich als anonymen Teil einer Gruppe. Das führt zu dem Gefühl, dass sie nicht persönlich für ihr Verhalten verantwortlich ist. Dies ist verbunden mit einer Abnahme der Aktivität des ventromedialen präfrontalen Kortex – vmPFC (1). Eine Verringerung der Aktivität im vmPFC ist verbunden mit Aggressionen und schlechten Entscheidungen und kann zu enthemmtem und antisozialem Verhalten führen.

Dehumanisierung.

Diese verminderte Aktivität wird begleitet von einer erhöhten Aktivität in der Amygdala (2), dem für Emotionen zuständigen Bereich des Gehirns. Dies ist verbunden mit Gefühlen wie Zorn und Angst.

Antisoziales Verhalten.

Diese erlebten Gefühle triggern dann über den Gehirnstamm (3) andere Empfindungen (4) wie z.B. einen beschleunigten Herzschlag und einen erhöhten Blutdruck. Diese Veränderungen bedeuten, dass der Körper in den Kampf- oder Fluchtmodus geht – weil er Körperverletzungen erwartet und in den Überlebensmodus schaltet.

Es heißt, dass diese Leitungsbahn bei jenen vergrößert ist, die einen hypoaktiven vmPFC haben, was Studien mit Straftätern wiederholt gezeigt hätten. Danach ist die Aktivität im vmPFC vor allem bei Mördern und Psychopathen verringert. So wie eine hypoaktive Schilddrüse darauf hinweist, dass der Stoffwechsel gestört ist und man eher übergewichtig werden wird, so gehen Forscher, einschließlich Reimann und Zimbardo, davon aus, dass ein hypoaktiver vmPFC ein defektes moralisches Urteilsvermögen anzeigt und dazu führt, dass man eher ein Verbrechen begehen und auf andere Weise antisozial handeln wird. Laut Reimann und Zimbardo »legen Forschungen zu Aggressionen nahe, dass eine verringerte Aktivierung von Frontalhirnstrukturen, vor allem des präfrontalen Kortex, oder Verletzungen dieses Hirnbereichs eine zentrale Ursache für Aggressionen sein können«.

Wenn wir einen Blick in Hitlers Gehirn werfen würden, erschiene es uns wahrscheinlich zuerst als ganz normal. Würden wir ihn aber auffordern, moralische Entscheidungen zu treffen, würden wir möglicherweise einen hypoaktiven vmPFC zusammen mit Hinweisen auf seine allgemeine Paranoia und Angst erkennen. Da es bei ihm, soweit wir wissen, jedoch keine größeren Abnormalitäten oder Gehirnschäden gab, ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich den Unterschied zwischen einem Scan von einem durchschnittlichen, gesunden Hirn und einem Scan von Hitlers Hirn erkennen würde.

Auch die Hirnforschung lässt also die Frage danach, wer besonders böse ist und warum, tendenziell unbeantwortet. Wahrscheinlich ist die Frage einfach falsch gestellt. Statt zu fragen, ob eine kleine Zahl von Menschen zum Bösesein veranlagt ist, sollten wir fragen: Sind wir nicht vielleicht alle böse? Wie steht es zum Beispiel um Ihren Sadismus?

Der ganz alltägliche Sadismus

Laut der Sozialpsychologen Roy Baumeister und Keith Campbell (1999)7 stellt der »Sadismus, definiert als das unmittelbare Erleben von Lust durch das Quälen anderer, den offensichtlichsten intrinsischen Anreiz zu bösen Taten dar«. Sie argumentieren, dass das Vorhandensein von Sadismus alle anderen Theorien oder Erklärungen des Bösen obsolet macht; sie meinen also, man brauche keine anderen Theorien des Bösen, Sadismus sei immer der Grund, warum Menschen Böses tun: »Die Leute tun es, weil es sich gut anfühlt; mehr brauchen wir dazu nicht zu sagen.«

Erin Buckels und Kollegen8 argumentieren ebenfalls, dass Sadismus eigentlich ziemlich normal sei. In einem 2013 veröffentlichten Aufsatz behaupten sie, dass »derzeitige Auffassungen von Sadismus selten über jene von sexuellen Fetischen oder kriminellem Verhalten hinausgehen … Doch auch bei offensichtlich normalen Menschen kommt es vor, dass sie Grausamkeit genießen … Diese gewöhnlichen Manifestationen von Grausamkeit implizieren eine subklinische Form des Sadismus oder einfach alltäglichen Sadismus.«

Als Teil ihrer Forschung führten Buckels und ihr Team zwei geniale Experimente durch. Wie sie in ihrem Aufsatz schreiben, ist es »unnötig zu erwähnen, dass von Menschen verübte Morde nicht im Labor untersucht werden können. Deswegen haben wir ein stellvertretendes Verhalten gewählt, das sich besser mit ethischer Forschung vereinbaren lässt, nämlich das Töten von Wanzen.« Statt die Teilnehmer also zu bitten, Menschen zu ermorden, baten die Forscher sie, Wanzen zu töten. Natürlich wissen wir alle, dass Wanzen auf vielen Ebenen nicht mit Menschen vergleichbar sind. Vielleicht verrät uns diese Aufgabe aber dennoch etwas darüber, wer bereit ist zu töten und wer nicht.

Wie funktionierte das Experiment? Die Forscher rekrutierten Teilnehmer für eine Studie zu »Persönlichkeit und Toleranz gegenüber herausfordernden Jobs«. Im Labor angekommen, mussten die Probanden sich für eine von vier Aufgaben entscheiden, die echte Jobs widerspiegelten. Sie konnten entweder ein Kammerjäger (Wanzen töten), der Assistent eines Kammerjägers (dem Kammerjäger beim Töten von Wanzen helfen) oder eine Reinigungskraft (Toiletten reinigen) sein oder aber eine unangenehme, nutzlose Tätigkeit in einer kalten Umgebung verrichten (Schmerz durch eisiges Wasser ertragen). Die Gruppe, der das größte Interesse der Forscher galt, waren die Kammerjäger. Dieser Gruppe gab man eine Kaffeemühle zum Zermahlen der Wanzen und drei Tassen, in denen sich je eine lebende Wanze befand.

Besonders kreativ an dieser Studie war ihr Design. »Um die Grausamkeit zu maximieren, entwarfen wir eine Tötungsmaschine, die ein deutliches Mahlgeräusch erzeugte«, so die Forscher. »Um die Opfer zu vermenschlichen, gaben wir ihnen liebenswerte Namen.« Die Namen waren auf die Seite der Tassen geschrieben – Muffin, Ike und Tootsie.

Glauben Sie, Sie würden sich dafür entscheiden, die Wanzen zu töten? Zu hören, wie sie lebendig zermahlen werden, nur weil Sie darum gebeten wurden, dies zu tun? In dieser speziellen Studie entschieden sich nur knapp über ein Viertel (26,8 Prozent) der Teilnehmer, die Wanzen zu töten. Die nächste Frage ist, ob Sie es auch genießen würden, sie zu töten. Probanden, bei denen man mithilfe eines Fragebogens stärkere sadistische Tendenzen festgestellt hatte, genossen laut den Studienergebnissen das Töten der Wanzen mehr und töteten eher alle drei Wanzen, als aufzuhören, bevor sie ihre Aufgabe vollständig erledigt hatten. Dies waren völlig normale Menschen, von denen viele einfach Vergnügen daran hatten, lebende Kreaturen zu töten.

Ein schneller Test. Haben Sie sich, während ich die Methodik beschrieb, zu irgendeinem Zeitpunkt Sorgen um das Wohlergehen der Wanzen gemacht? Oder haben Sie sich das Töten von Wanzen auch ein bisschen als Abenteuer vorgestellt, als eine Art Spaß? Hmmm. Sie würden wahrscheinlich zu den Probanden gehören, die eine stärkere Neigung zum subklinischen Sadismus aufzeigen. Zum Glück für Muffin, Ike und Tootsie »hinderte, ohne Wissen der Teilnehmer, eine Barriere die Wanzen daran, mit den Mahlklingen in Kontakt zu geraten«. Die Forscher versichern, dass bei diesem Experiment keiner Wanze Schaden zugefügt wurde.

Das Team führte noch ein zweites, völlig anderes Experiment durch. Bei diesem ging es darum, unschuldigen Opfern wehzutun. Hier spielten die Probanden ein Computerspiel gegen einen Gegner, von dem sie glaubten, dass es sich um einen weiteren Teilnehmer in einem anderen Raum handele. Sie mussten schneller als ihr Gegner auf eine Taste drücken, und der Sieger durfte den Verlierer mit einem Geräusch »attackieren«, dessen Lautstärke er kontrollieren konnte. Die eine Hälfte der Teilnehmer durfte dies sofort nach ihrem Sieg tun, während die andere zuvor noch eine kurze, aber langweilige Aufgabe erledigen musste. So musste zum Beispiel gezählt werden, wie häufig ein bestimmter Buchstabe in einem Nonsense-Text vorkam. Die Aufgabe war leicht, aber nervtötend. Der angebliche Gegner wählte, wenn er gewann, immer die niedrigste Lautstärke, sodass kein Grund zur Rache bestand.

Würden Sie Ihren Gegner mit Geräuschen attackieren? Bis zu welcher Lautstärke würden Sie gehen? Und wären Sie bereit, für die Möglichkeit, ihm wehzutun, zu arbeiten? Die Studienergebnisse zeigen, dass viele Leute zwar bereit sind, einem unschuldigen Opfer wehzutun, aber nur diejenigen mit den, laut Fragebogen, höheren Sadismuswerten die Lautstärke erhöhten, sobald sie erkannt hatten, dass die andere Person nicht zurückschlug. Letztere waren auch als Einzige bereit, die langweilige Aufgabe zu erfüllen, um ihren Gegnern dann wehtun zu können.

Es scheint, dass viele »normale« Menschen bereit sind, sadistisch zu sein. Die in diesen Experimenten erzielten Ergebnisse machen den Forschern zufolge deutlich, dass wir uns selbst besser kennenlernen müssen, wenn wir zu einem wirklichen Verständnis von Sadismus gelangen wollten. »Um das Phänomen Sadismus vollständig zu erfassen, müssen wir uns seine Alltäglichkeit und überraschende Häufigkeit eingestehen.«

Welches sind die Gemeinsamkeiten dieser sadistischen Verhaltensweisen? Eine nicht immer, aber häufig auftauchende Begleiterscheinung von Sadismus ist die Aggression. Wenn man Mensch oder Tier wehtut, z.B. eine Wanze tötet, handelt man nicht unbedingt immer, aber eben oft aggressiv. Wenn man aus einer Sache ein großes sadistisches Vergnügen ziehen will, gehört die Aggression dazu, wie es scheint. Schauen wir uns die Aggression etwas genauer an. Welche anderen Formen von Aggression gibt es? Beginnen wir mit einer Form von Aggression, die Sie sicherlich schon einmal empfunden, aber nie richtig verstanden haben: mit dem Wunsch, winzigen, kuscheligen Tieren wehzutun.

Cute Aggression

Etwas, was unsere sadistischen Neigungen überraschenderweise zum Vorschein zu bringen scheint, ist die Anwesenheit niedlicher Tiere. Haben Sie je einen Welpen gesehen, der so niedlich war, dass Sie es einfach nicht ertragen konnten? Dass Sie das Gefühl hatten, Ihre Hände nehmen und sein weiches, kleines Gesicht richtig fest drücken zu wollen? Einige Tiere sind einfach so süß, dass wir den leichten Wunsch verspüren, ihnen wehzutun. Ob Katzenjunge, Welpen oder kleine Wachteln, wir wollen sie hart drücken, in ihre Wangen kneifen, sie beißen und anknurren.

Doch warum ist das so? Sind nicht eher Psychopathen und Serienmörder dafür bekannt, Tieren wehzutun? Forscher versichern, dass die meisten von uns Tieren nicht wirklich Schaden zufügen wollen, sodass diese Emotionen nicht auf ein tiefes, dunkles, in unserem Inneren lauerndes Geheimnis hindeuten. Sie lieben Fluffy einfach nur »hart« und wollen ihm nicht wirklich wehtun. Das erklärt jedoch nicht, warum unser Gehirn uns mit einer quasiaggressiven Reaktion lockt und quält. Dieses Gefühl, Dingen wehzutun, die wir süß finden, ist so verbreitet, dass es einen Begriff dafür gibt – cute aggression.

Oriana Aragón und ihre Kollegen von der Yale University haben dieses seltsame Phänomen als Erste in einer Reihe von Studien untersucht und 2015 einen Aufsatz dazu veröffentlicht.9 In einer ihrer Studien wurden den Teilnehmern Bilder von niedlichen Tieren gezeigt und ein großes Blatt Luftpolsterfolie zur Verfügung gestellt. Teilnehmer, denen Bilder von Tierbabys gezeigt wurden, zerdrückten bedeutend mehr Blasen als diejenigen, die Bilder von erwachsenen Tieren sahen.

Die Forscher fragten sich dann, ob die von den Probanden empfundene Aggression verschwinden würde, wenn sie etwas auf dem Schoß hätten, was einem Tier ähnelt. Etwas zum Knuddeln, zum Liebkosen. Hierzu entwarfen sie ein Kissen »aus extrem weichem, seidigem Material«, das die Hälfte der Teilnehmer auf dem Schoß hielt, während sie niedliche Bilder von Tieren anschaute.

Tatsächlich trat das Gegenteil von dem ein, was sie erwarteten. Die Teilnehmer zeigten mehr cute aggression, weil die Forscher »einen taktilen Stimulus der Niedlichkeit hinzugefügt« hatten. Sie folgerten, dass dies vielleicht darauf schließen lasse, dass es bei Teilnehmern, die es mit echten, flauschigen Tierbabys zu tun hätten, eine weitere »Zunahme dieser aggressiven Gefühle« gebe. Mit anderen Worten: Wenn man Bilder von kleinen Kätzchen online sieht, hält sich die cute aggression noch im Rahmen, aber es wirklich mit ihnen zu tun zu haben, scheint einfach zu viel zu sein.

Laut dem Forscherteam gilt dies auch für Babys. Beobachten Sie, wie Sie auf die folgenden Aussagen reagieren, die aus einem Aussagenkatalog stammen, den Aragón und ihre Kollegen ihren Probanden gaben.

Wenn ich ein extrem niedliches Baby im Arm halte, verspüre ich den Drang, seine kleinen dicken Beinchen zu drücken.

Wenn ich ein extrem niedliches Baby anschaue, möchte ich ihm in die Wangen kneifen.

Wenn ich etwas sehe, das ich richtig niedlich finde, balle ich meine Hände zu Fäusten.

Ich gehöre zu den Menschen, die einem niedlichen Kind durch zusammengebissene Zähne sagen: »Ich könnte dich auffressen!«

Wenn Sie irgendeiner dieser Aussagen zustimmen, leiden Sie nicht nur Kätzchen und Welpen, sondern auch Menschenbabys gegenüber an cute aggression. Auch dies kann für seltsame Emotionen sorgen, ja dazu führen, dass Eltern sich Sorgen wegen ihrer eigenen Gefühle gegenüber ihren Kindern machen. Warum würde ich mein Baby gerade am liebsten kneifen, wo ich ihm doch in Wirklichkeit niemals ein Leid antun würde? Dies ist einer von vielen dunklen Gedanken, die Eltern haben können und mit niemandem teilen wollen, weil sie fürchten, als schlechter Elternteil, als schlechte Person abgestempelt zu werden. Doch falls Sie diesen Gedanken haben, seien Sie unbesorgt.

Dieses Gefühl scheint ziemlich normal zu sein und ist nicht völlig überraschend. »Süße Aggression« ist wahrscheinlich ein Nebenprodukt eines adaptiven menschlichen Merkmals. Wenn wir etwas niedlich finden, wollen wir es im Allgemeinen am Leben erhalten, uns darum kümmern. Das ist vermutlich auch der Hauptgrund dafür, warum wir niedliche Tiere als Haustiere halten.

Höchstwahrscheinlich wird sich dieses Gefühl insbesondere dann einstellen, wenn wir etwas sehen, was ins »Kindchenschema«10 passt – mit großen, weit auseinanderstehenden Augen, runden Wangen und einem kleinen Kinn. Es spielt keine Rolle, ob es sich tatsächlich um ein Menschenbaby oder um ein echtes Tier handelt. Wir finden Cartoons niedlich, wenn sie in dieses Schema passen, wir können diese Empfindungen bei Kuscheltieren haben, und Google entwarf sein erstes selbstfahrendes Auto entsprechend diesem Schema, damit wir weniger Angst vor der neuen Technologie haben.

Da Niedlichkeit so starke positive Gefühle in uns hervorruft, wird unser Gehirn, so die Forscher, von einem Gefühl der Fürsorge überwältigt, dem es mit einem Gefühl der Aggression entgegenzuwirken versucht. Dies geschieht, weil Menschen manchmal »dimorphe Emotionen« haben: Wir reagieren auf Dinge nicht immer mit nur einer Emotion, sondern mit zwei Emotionen gleichzeitig, die sowohl positiv als auch negativ sein können und völlig durcheinandergeraten sind.

Dimorphe Emotionen stellen sich ein, wenn wir so von unseren Gefühlen überwältigt werden, dass wir es nicht aushalten. Der Gefahr einer emotionalen Überforderung, die dem Gehirn Schaden zufügen könnte, steuert das Gehirn dann mit einer konträren Emotion entgegen – z.B. mit Weinen, wenn wir wirklich glücklich sind, mit Lächeln bei einer Beerdigung oder mit dem Wunsch, etwas zu zerquetschen, was uns wirklich am Herzen liegt. Mit anderen Worten: Wenn Sie das nächste Mal ein niedliches Tier zerdrücken wollen, heißt das wahrscheinlich nicht, dass Sie ein verkappter Sadist sind, sondern dass Ihr Gehirn überlastet ist und versucht, nicht kurzzuschließen.

Lassen Sie uns nun wieder die Verbindung zum Bösen herstellen. Die Neigung, kuscheligen Tieren oder kleinen Babys tatsächlich wehzutun, würden wahrscheinlich viele Leute als »böse« bezeichnen. Sie jedoch so sehr zu lieben, dass ihr Gehirn sich davor schützen muss, vor Freude zu explodieren? Das wahrscheinlich nicht.

Apropos Aggressionen gegenüber dem, was wir lieben: Eins meiner persönlichen Zielobjekte ist mein Lebensgefährte. Es macht mir Spaß, ihn spielerisch zu schlagen, ihn zu drücken und zu ärgern. Doch ab welchem Punkt ist dies nicht länger niedlich, sondern aggressiv? Sollte ich mir Sorgen machen? Sollte er sich Sorgen machen?

Wie sich herausstellt, könnte der Begriff süße Aggression unzutreffend sein, eine Bezeichnung, die überhaupt nicht mit allgemein akzeptierten Definitionen von Aggression übereinstimmt. Cute aggression ist wahrscheinlich überhaupt keine Aggression, sie ähnelt ihr nur. Das haben auch die Forscher, die diesen Begriff prägten, mittlerweile akzeptiert. Wenn wir es hier also nicht mit echter Aggression zu tun haben, was ist dann Aggression?

Die in den USA ansässige Sozialpsychologin Deborah Richardson erforscht seit Jahrzehnten die Grundlagen der Aggression. Zusammen mit Robert Baron definierte sie 1994 Aggression als »jedes Verhalten, das auf das Ziel ausgerichtet ist, einem anderen Lebewesen Schaden zuzufügen«. Aggression, so die Autoren, hat vier notwendige Merkmale.11 Erstens ist Aggression ein Verhalten. Es ist kein Gedanke, keine Idee, keine Haltung. Zweitens ist Aggression intentional. Zufälle zählen nicht. Drittens beinhaltet Aggression den Wunsch, Leid zuzufügen. Man muss jemandem wehtun wollen. Viertens ist Aggression gegen ein Lebewesen gerichtet. Nicht gegen Roboter oder unbelebte Objekte.

»Einen Teller zu zerbrechen oder einen Stuhl zu werfen, um seine Verärgerung zum Ausdruck zu bringen, wäre keine Aggression«, erklärt Richardson. »Der Versuch, Ihrer Mutter wehzutun, indem Sie ihren wertvollen antiken Teller kaputt machen, oder Ihrem Freund wehzutun, indem Sie einen Stuhl nach ihm werfen, würde als Aggression gelten.«

Wenn wir einmal von den spielerischen, pseudoaggressiven Verhaltensweisen absehen, die wir zuweilen in Beziehungen an den Tag legen, und uns der ernsteren Aggression zuwenden, lautet die Frage: Warum tun wir denjenigen weh, die wir lieben? Wut scheint ein Hauptmotiv zu sein. In einer 2006 von Richardson und Green12 durchgeführten Studie über Aggressionen gegenüber Menschen, die einem nahestehen, wurden die Teilnehmer gebeten, über ihre Aggressionen gegenüber jemandem zu sprechen, auf den sie im letzten Monat wütend gewesen waren. 35 Prozent der Befragten gaben an, sie seien wütend auf einen Freund gewesen, 35 Prozent auf einen Liebespartner, 16 Prozent auf Geschwister und 14 Prozent auf einen Elternteil. Die Forscher fanden auch heraus, dass die meisten Probanden sich gegenüber denjenigen, auf die sie wütend waren, aggressiv verhielten. Menschen, die uns nahestehen, sind leicht erreichbar und wecken in uns oft starke Gefühle. Außerdem sind wir häufig auf irgendeine Weise von ihnen abhängig. Diese Mischung scheint sie zu einer mächtigen Zielscheibe unserer Aggression zu machen.

Vor allem bei Liebespartnern schließen die Motive für Aggression und Gewalt auch Rache für emotionale Verletzungen, den Wunsch, die Aufmerksamkeit des Partners zu erhalten, sowie Eifersucht und Stress mit ein.13 Wir tun denen, die wir lieben, aus sehr vielen Gründen weh. Einige dieser Gründe sind tief verwurzelt und schwer zu kontrollieren. Doch es gibt ein paar Dinge, die wir kontrollieren können, um die Wahrscheinlichkeit, dass wir aggressiv handeln, zu verringern. Zum Beispiel können wir einfach eine Kleinigkeit essen.

Laut einer Studie von Brad Bushman u.a.14 aus dem Jahr 2014 erfordert Selbstkontrolle Gehirnnahrung in Form von Glukose (Zucker). Da Aggression das Ergebnis einer schlechten emotionalen und physischen Selbstkontrolle sein kann, wollten die Forscher die Beziehung zwischen Glukose und Aggressionen untersuchen. Sie baten 107 verheiratete Paare, drei Wochen lang jeden Morgen vor dem Frühstück und jeden Abend vor dem Schlafengehen ihren Blutzuckerspiegel zu messen. Die Forscher maßen auch die Aggressionslevel ihrer Probanden gegenüber ihren Partnern, indem sie jedem Teilnehmer eine Voodoopuppe und 51 Nadeln mit der Erklärung gaben: »Die Puppe symbolisiert Ihren Ehepartner. Stecken Sie an 21 aufeinanderfolgenden Tagen am Ende des Tages zwischen 0 und 51 Nadeln in die Puppe, abhängig davon, wie wütend Sie auf Ihren Partner sind. Tun Sie dies allein, in Abwesenheit Ihres Partners.«

Am Ende der Studie maßen die Forscher auch unmittelbare Aggressionen, indem sie den Probanden die Möglichkeit gaben, ihren Partner über Kopfhörer mit einem Geräusch zu attackieren, konkret mit einer Mischung aus Sounds, die die meisten von uns hassen: wie Fingernägel, die über eine Tafel kratzen, Zahnarztbohrer und Krankenwagensirenen. Laut den Forschern »kontrollierten die Teilnehmer im Grunde innerhalb der ethischen Grenzen des Labors eine Waffe, die dazu verwendet werden konnte, ihren Ehepartner einem unangenehmen Geräuschangriff auszusetzen«. Glücklicherweise wurden die Ehepartner in Wahrheit keinem derartigen Angriff ausgesetzt, denn die Probanden spielten, ohne es zu wissen, gegen einen neutralen Computer.

Teilnehmer mit niedrigeren Blutzuckerspiegeln steckten mehr Nadeln in die Voodoopuppe und attackierten ihren Ehepartner ausdauernder und mit lauteren Geräuschen. Die Forscher schrieben abschließend, dass regelmäßiges Essen und höhere Blutzuckerspiegel helfen sollten, Aggressionen und Konflikte in Beziehungen zu verringern. Wenn Sie also das nächste Mal das Bedürfnis verspüren, sich mit Ihrem Partner zu streiten, essen Sie einen Schokoriegel. Stellen Sie sicher, dass Sie wirklich wütend sind – und nicht nur hungrig.

Unabhängig davon scheint unser Aggressionsstil auch von unserem Opfer abzuhängen. In ihrer Studie zu Aggressionen gegenüber Nahestehenden stellten Richardson und Green15 auch Folgendes fest: »Wenn Menschen wütend auf ihren Liebespartner oder einen Geschwisterteil sind, suchen sie wahrscheinlich die direkte Konfrontation. Sind sie jedoch wütend auf einen Freund, vermeiden sie eher eine direkte Konfrontation und fügen ihm auf Umwegen Schaden zu – indem sie zum Beispiel Gerüchte verbreiten oder hinter seinem Rücken reden.« Zweifellos kann die Aggression viele Formen annehmen.

Lassen Sie uns die Definition von Aggression nun noch ein wenig genauer untersuchen. Welches sind die unterschiedlichen Formen der Aggression? 201416 fasste Richardson über zwei Jahrzehnte ihrer eigenen Aggressionsforschung zusammen und legte dar, dass es drei Hauptformen der Aggression gibt. Die erste Form, die direkte Aggression, beinhaltet, dass man jemanden mit verletzenden Worten oder verletzendem Handeln angreift, ihn also zum Beispiel anbrüllt oder schlägt. Das kann heißen, dass man einen verbalen Streit mit einem Liebespartner vom Zaun bricht, einen Freund verspottet, um ihm wehzutun, oder verletzend sarkastisch ist. In extremeren Formen kann dies zu häuslicher Gewalt führen.

Die zweite Form, die indirekte Aggression, ist weniger offensichtlich. Indirekt aggressive Verhaltensweisen beinhalten den Versuch, jemandem auf dem Umweg über ein Objekt oder eine andere Person wehzutun. Dies können Aktionen wie die Beschädigung von jemandes Besitz oder die Verbreitung von Gerüchten sein. Indirekte Aggression schließt auch die soziale Aggression mit ein, bei der es darum geht, jemandem wehzutun, indem man seinen Beziehungen Schaden zufügt oder sie zerstört.17

Schließlich gibt es eine dritte Form der Aggression. Diese ist die bei Weitem üblichste und beinhaltet, dass man andere verletzt, indem man mauert – passive Aggression. Zu Ihrem Vergnügen führe ich hier sämtliche Items zur passiven Aggression aus dem überarbeiteten Richardson Conflict Response Questionnaire18 auf. Ich möchte Sie dazu ermutigen, die Beschäftigung damit als Moment der Selbstwahrnehmung zu nutzen. Denken Sie an jemanden, den Sie lieben. Einen Elternteil, einen Bruder, eine Schwester, einen Geliebten, eine Geliebte, einen Freund, eine Freundin. Denken Sie an Ihre Geschichte mit dieser Person, und sehen Sie, ob Sie in dem Versuch, sie zu verletzen, zu bestrafen oder auf andere Weise unglücklich zu machen, irgendwelche der folgenden Dinge getan haben. Haben Sie …

… nicht getan, was die andere Person sich von Ihnen gewünscht hat

… absichtlich den Partner ärgernde Fehler begangen, die nur versehentlich zu sein schienen

… sich an Dingen, die für die andere Person wichtig waren, nicht interessiert gezeigt

… die andere Person mit Schweigen bestraft

… die Beiträge der anderen Person ignoriert

… die Person von wichtigen Aktivitäten ausgeschlossen

… die Interaktion mit der Person gemieden

… falsche Gerüchte über die Person nicht dementiert

… nicht zurückgerufen und nicht auf Nachrichten reagiert

… sich zu spät zu geplanten Aktivitäten eingefunden

… Aufgaben bewusst langsamer erledigt?