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Was hat diese Büchlein dem interessierten Leser zu bieten? – Das raffinierteste, abgründigste und zugleich kaltblutigste Verbrechen in der Kriminalgeschichte steht im Mittelpunkt des Psychothrillers "Brain". In der Geschichte "Die Prophezeiung" behandelt der Autor die Begegnung mit einem Jungen, der später zum Mörder wird. LESERSTIMMEN: "Eine Riesenleistung ..." (Jerry Deia). "Ich liebe Geschichten mit überraschendem Ausgang!" (liselotterie). "Skurril, makaber, raffiniert!" (Olaf Lahayne). "... brillant ..." (Alexander Zeram) Wieder einmal heißt es: Vorhang auf! Film ab! Gute Unterhaltung wünscht E.S. * Dieses Werk gehört zu den Gewinnerbeiträgen des 8. neobooks-Wettbewerbes.
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Seitenzahl: 43
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Erhard Schümmelfeder
BRAIN
Zwei außergewöhnliche Geschichten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
BRAIN
DIE PROPHEZEIUNG
Impressum neobooks
Abk. für Lithium? - Ich lasse den Stift sinken und blicke von meinem Kreuzworträtsel auf.
Werde ich vergesslich?
Nein.
Aber warum weiß ich nicht mehr, wie ich heiße? - Wen könnte ich fragen? Den Postboten? Den Gärtner? - Nein, so weit soll es nicht kommen. Eine Antwort auf die Frage nach meinem Namen finde ich auf dem Messingschild an der weißen Hauswand neben dem Eingangsportal.
Oft gehe ich nach draußen, um das Schild mit der schwarzen Kursivschrift zu polieren, während ich gleichzeitig versuche, mir den Namen Luise Henke fest einzuprägen. Für eine Weile erlebe ich ein Gefühl von Klarheit in meinem Denken, denn nun weiß ich: Mein Name ist Luise Henke. Dies ist mein Haus. Auch der Garten mit den hoch aufragenden drei Kiefern gehört mir. Ich lebe allein. Einmal im Jahr, zumeist im Winter, besucht mich meine Tochter Erika, die mit ihrem Mann in Zürich lebt. Erika ist Lehrerin in einer Grundschule. - Was fällt mir noch ein? - Früher habe ich Geschichten geschrieben. Heftromane für Frauen. Warum schreibe ich heute nicht mehr?- Ich weiß es nicht, belüge ich mich selbst und gehe zurück ins Haus.
Die Langeweile bedrückt mich. Was soll ich tun? Lesen? Musik hören? Kreuzworträtsel lösen? -
Dt. Luftschiffbauer? - ??
- Zu nichts kann ich mich entschließen, weil mich alles ermüdet.
Gibt es ein Mittel gegen die Langeweile eines brütend heißen Sommertages? Ja, aber ich habe es vergessen. Ich grüble nach einem Wort, das vielleicht eine Erlösung bedeuten könnte.
Am offenen Küchenfenster blicke ich in den durchsonnten Garten und lausche dem Gesang der Vögel, die am grünlich schimmernden Teich in den Büschen hocken. Plötzlich setzt meine Erinnerung wieder ein. Schmerzen helfen gegen die Langeweile. Ich lächle bei diesem sonderbaren Gedanken, denn ich habe keine Beschwerden. Mein Körper ist intakt. Nur mein Geist schwächelt. Es fällt mir schwer, mit anderen Menschen darüber zu reden. Warum eigentlich? Ist es mir peinlich? Ich verdränge die Antwort auf meine Frage und suche im Telefonbuch die Nummer von Dr. Holstein. Es vergeht eine lange Zeit, bis ich begreife, dass die Nummer unter dem Buchstaben A nicht zu finden ist. Ich schüttle den Kopf und wähle bald darauf die Nummer der Praxis.
Doktor Holstein praktiziere seit zwei Jahren nicht mehr, verrät mir die junge Dame am Telefon geduldig zum wiederholten Male und fügt hinzu, Doktor Eisenach behandele mich seither. Ja, nun fällt es mir wieder ein. Ich entschuldige mich für meinen Irrtum und bitte um einen Hausbesuch von Dr. Holstein.
Dr. Eisenach, korrigiert mich die freundliche Dame und sagt, ich könne am Nachmittag mit einem Besuch des Doktors rechnen.
*
Um 15 Uhr klingelt es zweimal an meiner Tür. Unterwegs durch die hohe Eingangshalle verliere ich meinen linken Pantoffel. Als ich mich bücke, um ihn von den Marmorfliesen aufzuheben, fällt meine Brille herunter. Die Gläser bleiben heil. Während ich mir auf dem Polsterstuhl neben der Spiegelgarderobe den Pantoffel anziehe, klingelt es erneut. Ich bilde mir ein, eine Spur von Ungeduld aus dem energischen Ton der Klingel herauszuhören. Wer mag mich um diese Zeit besuchen wollen?, denke ich.
Dr. Eisenach ist in Eile. Ich führe ihn in meinen Salon und bitte ihn, auf einem der Stühle am Tisch Platz zu nehmen. Für das verspätete Öffnen der Haustür entschuldige ich mich höflich bei ihm. Er aber lächelt nur und sagt scherzend:
„Eine alte Frau ist kein Schnellzug.“ Hintersinnig fährt er fort: „In Ihrem Alter kann man sich natürlicherweise nur noch mit Gichtgeschwindigkeit bewegen.“
Gichtgeschwindigkeit. Ich muss unwillkürlich hinter der vorgehaltenen Hand lachen. Es tut gut, nach tagelangem Schweigen wieder mit einem Menschen zu reden.
Dr. Eisenach kommt sofort zur Sache:
„Tja, liebe Frau Henke, wo zwickt es Sie heute?“
Ich erzähle ihm von meinen unerträglichen Zahnschmerzen und frage ihn, ob er ein Mittel dagegen habe.
„Ich habe ein Mittel gegen jedes Wehwehchen, Frau Henke. Das wissen Sie doch. - Zeigen sie mir doch mal, welcher Zahn Ihnen Kummer bereitet.“
Ich öffne meinen Mund, nehme die obere Prothese heraus und reiche sie ihm. Nur zögerlich nimmt er das fleischfarbene U entgegen und fragt:
„Welcher Zahn schmerzt denn nun?“
Ich zeige auf den rechten vorderen Schneidezahn.
„Machen sie sich keine Sorgen, Frau Henke. Das Problem lösen wir sofort. Ich gebe Ihnen eine schnellwirkende Spezialsalbe gegen akute Phantomschmerzen. Allerdings müsste ich diese Sonderbehandlung berechnen. Die Krankenkasse übernimmt hierfür leider nicht die Kosten.“
Ich bin mit allem einverstanden und sehe, wie er aus seinem Koffer neben dem Tisch eine Tube hervorholt. Zwischen Daumen und Zeigefinger drückt er aus der Tube eine fadendünne Spur auf den kranken Zahn und reicht mir die Prothese zurück. Jetzt geht es mir besser.
Nachdem er die hundert Euro eingesteckt hat, frage ich ihn, ob ich seine Hilfe auch nachts und am Wochenende beanspruchen dürfe.
