Brandspuren - Hinrich Matthiesen - E-Book

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Hinrich Matthiesen

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Beschreibung

Randolph Gehrken, ein Mann um die Sechzig, Verleger in Hamburg, hat vor fünfunddreißig Jahren ein Feuer erlebt, das ihm alle Hoffnung nahm. Und doch führt er scheinbar ein normales Leben, bis an einem Spätsommertag des Jahres 1980 das furchtbare Geschehen wieder auflebt, ausgelöst durch eine kurze Begegnung. Er sieht Miriams Mörder wieder, den Mörder des Mädchens, das er liebte. Er hatte sie monatelang in seinem Elternhaus verborgen gehalten, um sie vor dem ersten Zugriff der Hitler-Schergen zu bewahren. Hinter einer Wand aus Büchern hatte sie versucht zu überleben. Doch das Feuer trieb sie aus dem Versteck ihrem Jäger in die Arme. Der Mann, der ihren Tod zu verantworten hatte, war in das Argentinien Peróns geflüchtet. Und jetzt, ein halbes Lebensalter später, hat er den Schritt zurück nach Deutschland gewagt. Randolph Gehrken entdeckt ihn, und sofort gerät er in den Sog der sich widerstreitenden Gefühle: Soll er den Gegner von einst stellen? Je intensiver Gehrken sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, desto mächtiger leben die alten Gefühle auf und halten ihn in den Fängen: Trauer, Hass, das Verlangen nach Sühne. Er nimmt die Verfolgung auf. Die auf zwei Zeit-Ebenen ablaufende Handlung des Romans zeigt im Wechsel den vierundzwanzigjährigen und den fast sechzigjährigen Randolph Gehrken. Dabei rücken die damaligen und die heutigen Geschehnisse so dicht zusammen, dass der Leser Verbrechen und Sühne in unmittelbarer Folge erlebt. Matthiesens Roman besticht durch seine Redlichkeit. Er ergreift, lässt nicht locker, ruft zur Entscheidung auf.

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Hinrich Matthiesen

 

Jahrgang 1928, auf Sylt geboren, wuchs in Lübeck auf. Die Wehrmacht holte ihn von der Schulbank. Zurück aus der Kriegsgefangenschaft, studierte er und wurde Lehrer, viele Jahre davon an deutschen Auslandsschulen in Chile und Mexico. Hier entdeckte er das Schreiben für sich.

1969 erschien sein erster Roman:MINOU. Dreißig Romane und einige Erzählungen folgten. Die Kritik bescheinigte seinem Werk die glückliche Mischung aus Engagement, Glaubwürdigkeit, Spannung und virtuosem Umgang mit der Sprache. Die Leser belohnten ihn mit hohen Auflagen.

Immer stehen im Mittelpunkt seiner Romane menschliche Schicksale, Menschen in außergewöhnlichen Situationen. Hinrich Matthiesen starb im Juli 2009 auf Sylt, wo er sich Mitte der 1970er Jahre als freier Schriftsteller niedergelassen hatte.

 

»Zum literarischen Markenzeichen wurde der Name Matthiesen nicht zuletzt durch die Kunst, in eine pralle Handlung Aussagen zu verweben, die außer dem aktuellen stets auch einen davon unabhängigen Bezug haben. Gedankliche Strenge, sprachliche Disziplin und ein offensichtlich unauslotbarer  verbaler Fundus lassen Matthiesen zu einem Kompositeur in Prosa werden.«

Deutsche Tagespost

 

»Matthiesen ist zu beneiden um seine Fähigkeiten: Kompositionstalent, menschliche Einfühlung, scharfe Beobachtungsgabe – und vor allem um seinen Stil«

Deutsche Welle

 

»Matthiesen ist für seine genauen Recherchen bekannt. Seine Bücher weichen nicht einfach in exotische Abenteuer aus, sondern befassen sich immer wieder mit deutscher Vergangenheit und Gegenwart. Unterhaltsam sind sie allemal. «

FAZ-Magazin

Werkausgabe Romane Band 10

Herausgegeben von Svendine von Loessl

Der Roman

Randolph Gehrken, ein Mann um die Sechzig, Verleger in Hamburg, hat vor fünfunddreißig Jahren ein Feuer erlebt, das ihm alle Hoffnung nahm. Und doch führt er scheinbar ein normales Leben, bis an einem Spätsommertag des Jahres 1980 das furchtbare Geschehen wieder auflebt, ausgelöst durch eine kurze  Begegnung. Er sieht Miriams  Mörder wieder, den Mörder des Mädchens, das er liebte. Er  hatte sie monatelang in seinem Elternhaus verborgen gehalten, um sie vor dem ersten Zugriff der Hitler-Schergen zu bewahren. Hinter  einer Wand aus Büchern hatte sie versucht zu überleben. Doch das Feuer trieb sie aus dem Versteck ihrem Jäger in die Arme.

Der Mann, der ihren Tod zu verantworten hatte, war in das Argentinien Peróns geflüchtet. Und jetzt, ein halbes Lebensalter später, hat er den Schritt zurück nach Deutschland gewagt. Randolph Gehrken entdeckt ihn, und sofort gerät er in den Sog der sich widerstreitenden Gefühle: Soll er den Gegner von einst stellen

Je intensiver  Gehrken sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, desto mächtiger leben die alten Gefühle auf und halten ihn in den Fängen: Trauer, Hass, das Verlangen nach Sühne. Er nimmt die Verfolgung auf.

Die auf zwei Zeit-Ebenen ablaufende Handlung des Romans zeigt im Wechsel den vierundzwanzigjährigen und den fast sechzigjährigen Randolph Gehrken. Dabei rücken die damaligen und die heutigen Geschehnisse so dicht zusammen, dass der Leser Verbrechen und Sühne in unmittelbarer Folge erlebt. Matthiesens Roman besticht durch seine Redlichkeit. Er ergreift, lässt nicht locker, ruft zur Entscheidung auf.

Hinrich Matthiesen

Brandspuren

Roman

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Werkausgabe Romane

Herausgegeben von Svendine von Loessl

Band 10

1.

Es traf Randolph Gehrken, obwohl der Vorgang sich vor seinen Augen abspielte, wie eine Attacke aus dem Hinterhalt. Er war, wie schon an den beiden voraufgegangenen Tagen, ein kleines Stück am Ufer der Binnenalster entlanggegangen, hatte den Ballindamm überquert, das halbe Dutzend großflächiger Stufen zu dem pompösen Geschäftshaus erstiegen, alles sehr forsch, sehr schwungvoll trotz seines Beinleidens, hatte die schwere doppelflügelige Schwingtür passiert, war durch die geräumige, mit Säulen bestückte Vorhalle gegangen und wollte gerade den Paternoster betreten, da riss es ihn zurück.

Er trat nicht ein in die scheppernde, aufwärtsgleitende Kabine, sondern starrte, gleichermaßen gebannt wie entsetzt, auf die andere Seite, wo es abwärts ging. Er fixierte den Mann, der da in dem Kasten stand und mit beiden Händen einen kleinen Gegenstand in die Höhe hielt, ihn betrachtete, kam gar nicht dazu, sich zu wundern, wieso da jemand in den Keller hinunterfuhr, blickte, wenn auch nur für Sekunden, in das leicht gebräunte, schmale Gesicht, sah die Augen, sah aber nicht in sie hinein, denn sie waren auf das Ding gerichtet, das der Mann in seinen Händen hielt. Ihm fiel der Augenschnitt auf, der aus fast geraden Linien gebildete Winkel, der ihn schon früher dazu bewogen hatte, vom friderizianischen Dreiecksauge zu sprechen. Er sah auch die fast waagerechten Brauen darüber. Und das Haar des Mannes, volles Haar wie damals, jetzt grau, ein Grau mit gelblichem Schimmer. Was aber den Ausschlag gegeben hatte für das profunde Erschrecken, war die verstümmelte rechte Hand des Mannes; ihr fehlten anderthalb Finger.

Alles das sah er, sah es als vertraute, als verhasste Komposition, bevor die in Grau gekleidete Gestalt wie eine weggezogene Kasperpuppe in der Tiefe verschwand.

Die Starre löste sich. Ihm war klar, dass er vor dem Aufzug nicht stehenbleiben konnte, denn gleich würde der andere aus seiner Versenkung wieder herauf kommen und aussteigen, und dann würden sie unweigerlich aufeinandertreffen. Das durfte nicht geschehen.

Aber Randolph Gehrken wollte, er musste den Mann ein zweites Mal vor Augen haben, um sicher zu sein, dass es keine Täuschung war, dass nicht die Fantasie, angeregt vielleicht durch ein einziges, zufällig übereinstimmendes Merkmal, ihm gleich die komplette Erscheinung vorgegaukelt hatte.

Schnell stieg er links ein, fuhr ebenfalls abwärts, warf, während der Kasten im Keller rumpelnd seine Richtung änderte, einen Blick auf seine Uhr, ohne wirklich festzustellen, wie spät es war, schob nervös das metallene Armband hin und her, stellte sich, als sein Gesicht endlich wieder den Estrich des Parterres passierte, auf die Zehenspitzen und reckte sich in die Höhe. Gleich darauf trat er hinaus, machte ein paar Schritte.

Und wieder war es da, das nur Sekunden währende, widersprüchliche Erleben von Faszination und Entsetzen. Der Anblick von hinten diesmal, ebenso vertraut, ebenso verhasst: die Art, wie der andere ging. Nicht um eine Spur verändert trotz der fünfunddreißig Jahre. Das asynchrone Körperverhalten. Dieses Gehen, ohne dabei die Arme zu bewegen, wodurch die Schritte zum Schreiten werden. Es war ein eitles Gehen, so als schöbe der Mann die Wichtigkeit seiner Person vor sich her. Erst an der Schwingtür hob sich der rechte Arm, wandelte sich das alarmierende Bild zur harmlosen Rückenansicht eines beliebigen älteren Passanten.

Die Tür pendelte aus. Randolph Gehrken sah auf ihre dunkelbraune Täfelung, schloss für eine Weile die Augen:

Also doch! Ich hatte Recht! Hermann Lüdeck lebt. Zu Haus in meinem Schrank liegen, wohlverwahrt, zusammen mit dem vergilbten Foto von Miriam, die Todesanzeige dieses Mannes und seine Fingerabdrücke. Den Text der Anzeige kenne ich auswendig: Bei den Kämpfen um Remagen ließ am 7. März 1945 unser geliebter Sohn, Bruder und Neffe Hermann Lüdeck sein junges Leben...

Und hab' das nie geglaubt! Hab' sogar nachgeforscht, monatelang, hab' die Behörden informiert, aber alle Bemühungen waren ergebnislos. Jetzt ist es erwiesen, dass die Meldung eine Finte war, denn ich habe keinen Zweifel, er ist es! Das macht die Natur ja wohl nicht zweimal, diese Augen vergeben und diese Brauen und diese Art zu gehen. Und falls doch, dann wäre da immer noch die verstümmelte Hand, denn es ginge schon ins Groteske, anzunehmen oder auch nur für denkbar zu halten, dass ausgerechnet ein Doppelgänger des Hermann Lüdeck anderthalb Finger seiner Rechten einbüßt. Er ist es, und ich muss ihm nach!

Nein! Nein! Noch nicht! Er braucht sich nur einmal umzudrehen, und dann kann ihm nicht verborgen bleiben, dass ich das Bein nachziehe und einen Stock benutze. Und vielleicht genügt ihm das, so wie seine Auffälligkeiten mir genügten, um in Sekundenschnelle jene fünfunddreißig Jahre zurück zu spulen. Also nicht jetzt. Später!

Oder vielleicht doch lieber... nie? Hat es nach einem halben Menschenalter überhaupt noch einen Sinn, sich an seine Fersen zu heften?

Gehrken machte kehrt und ging langsam zum Aufzug zurück, blieb aber vor den Kabinen stehen, sah mit Beklommenheit hinein, und plötzlich, wie auf einem doppelt belichteten Film, verwandelten sich die auf und nieder gleitenden Gehäuse in ein ganz anderes Bild, in eines, das nun fünfunddreißig Jahre alt war und das ihn von Zeit zu Zeit immer noch heimsuchte.

Er sah den Mann, der das Gebäude soeben verlassen hatte, sah ihn als jungen, herrischen Burschen, der mit einem Feldspaten auf eine Frau einschlug. Er sah keine Gesichter, sah nur die beiden Gestalten sich abheben vor dem leuchtenden Hintergrund eines brennenden Hauses, sah sie in der offenen Tür miteinander ringen, bis die Frau, von einem erneuten Hieb getroffen, in die Flammen taumelte.

Er hörte ihre Schreie, griff sich an den Kopf, presste die Hände gegen die Ohren, obwohl es keinen Lärm gab ringsum, nur die gedämpften, im Schacht verebbenden Geräusche des Aufzugs.

Seine Augen hielt er geschlossen, um die Vision abzuwehren, aber sie wurde dadurch nur stärker. Noch einmal sah er den Mann die Arme heben, sah den kurzschaftigen Spaten emporschnellen und niedergehen. Er zuckte zusammen, so als hätte der Schlag ihm gegolten. Und noch einmal. Er sah den Hieb, und wie in einem Reflex verkrampfte sich sein Nacken. Und ein drittes, ein viertes Mal. Es war ein blindwütiges Dreinschlagen auf die am Boden liegende Frau, und jedes Mal, wenn der Spaten niedersauste, zuckte Randolph Gehrken zusammen.

Dann, plötzlich, ließ er die Hände sinken, stand eine Weile leicht schwankend, öffnete die Augen und sah endlich wieder das, was wirklich da war: die in gleichförmiger Bewegung auf und nieder gleitenden Kabinen. Und hörte die verhaltenen Geräusche des Räderwerks.

Er blieb noch stehen, führte noch einmal die Hände zum Kopf. Mit sanften Bewegungen rieb er sich die Augen. Dann glitten die Hände über die Schläfen, über die Wangen, dann nach hinten, tasteten den Nacken ab. Endlich ließ er sie wieder herabsinken.

Er bestieg eine Kabine und fuhr in den dritten Stock. Als er oben ankam, hatte er sich wieder gefangen. Er suchte die Anwaltskanzlei Behnke & Ahrens auf, mit der er wegen umstrittener Urheberrechte an einem alten Werk über die Hanse zu tun hatte, beschränkte aber seinen Besuch auf eine Viertelstunde und verließ das Gebäude am Ballindamm, um in seinen Verlag an der Esplanade zurückzukehren.

Im Vorzimmer nahm seine Sekretärin ihm Stock und Mantel ab. »Danke, Frau Asmus«, sagte er. Erst jetzt, in den eigenen Räumen, die nur etwa zehn Minuten von der Stätte der unerwarteten Begegnung entfernt lagen, ging ihm eine Möglichkeit durch den Kopf, die er zwar für unwahrscheinlich hielt, aber nicht von vornherein ausschließen mochte. Was, wenn Lüdeck nach ihm forschte?

»War heute morgen schon Besuch da?«, fragte er.

»Nein, Herr Gehrken«, antwortete Frau Asmus, »nur zwei Anrufe. Der Messeausschuss und Frau Bartelt von der Agentur Kröger.«

»Und gestern? Oder vorgestern? War irgendwann in den letzten Tagen ein Mann hier, groß, schlank, ungefähr sechzig Jahre alt, graues Haar, Dreiecksaugen? Vielleicht nur mit einem Vorwand, einer Frage? Haben Sie einen solchen Mann im Hause gesehen und mir nur deshalb nicht davon erzählt, weil es Ihnen belanglos schien?«

»Nein«, antwortete Frau Asmus. Sie hatte sich wieder hingesetzt und einen Bogen in die Schreibmaschine gespannt. »Was ist mit dem Mann?«

»Ach, nichts. Ich hab' vorhin jemanden gesehen, den ich zu kennen glaube, und nun dachte ich, vielleicht sucht er nach mir.«

Frau Asmus begann immer noch nicht mit ihrem Brief; sie maß ihren Chef mit einem skeptischen Blick und hielt ihre Meinung auch nicht zurück:

»Aber der würde dann doch nach Ihnen fragen!«

Gehrken antwortete darauf nicht. Also nicht, dachte er. Besser so. Es wäre dann kein Zufall mehr, sondern... Ja, was wäre es dann eigentlich?

»Die Leute von der Messe muss ich sprechen«, sagte er, »also gleich durchstellen, wenn sie wieder anrufen. Frau Bartelt sagen Sie bitte, ich bin erst am Montag wieder da. Die wollen uns einen Autor verkaufen, der noch keine zwanzig Jahre alt ist.«

Es gehörte zu Frau Asmus' Vorzügen, dass sie sich schnell umstellen konnte, und so ging sie den scheinbar ungereimten Vermutungen ihres Chefs nicht weiter nach, sondern sagte: »Na, das wär doch mal was! Ich muss sowieso immer trocken schlucken, wenn ich höre: ›Junger deutscher Autor‹ und sich dann herausstellt, dass er fünfundvierzig ist.«

»Na ja, aber neunzehn?«

»Ist denn das Manuskript schon bei uns?«

»Nein, darum geht es ja. Der Jüngling besteht darauf, es bei mir persönlich abzugeben.«

»Ah, dann handelt es sich vermutlich um ein sehr bedeutendes Œuvre.«

»Frau Asmus!« Gehrken hob den Zeigefinger. »Nehmen Sie die Ironie aus Ihrer Stimme! Hofmannsthal und Rimbaud waren auch nicht älter, als sie ihre ersten großen Werke schrieben.«

»Den Kaffee gleich oder später?«

»Gleich, bitte. Und einen Cognac.«

»Jetzt schon?«

»Das ist der, den ich gestern Abend ausgelassen habe. Die Post bitte noch nicht.«

»Es ist ein Telegramm dabei.«

Sie gab es ihm. Er las es im Stehen, legte es auf ihren Schreibtisch zurück, sagte: »Hier hätte es wirklich auch ein Brief getan.« Er ging in sein Büro, drückte die Tür zu, setzte sich nicht gleich, ging eine Weile in dem großen, von Büchern umstellten und mit wenigen kostbaren Möbeln eingerichteten Raum auf und ab:

Vor zwanzig Jahren wäre ich ihm gefolgt, auch vor zehn Jahren noch. Spontan. In der Halle von Säule zu Säule, draußen dann die Nischen der Fassaden nutzend, die Hauseingänge, die parkenden Autos. Wäre ihm gefolgt mit Leidenschaft und mit dem ganzen Tricksortiment eines ausgekochten Schnüfflers. Aber heute?

Er setzte sich. Der Kaffee und der Cognac kamen. »Danke, Frau Asmus.«

Die Tür schloss sich wieder. Er trank, zunächst vom Kaffee, dann einen Schluck Cognac, zündete sich eine Zigarette an. Und dann fragte er doch nach der Post. War damit länger als sonst beschäftigt, weil er immer wieder lange Pausen einlegte, ja, zwischendurch erneut aufstand und seinen Weg durchs Zimmer fortsetzte. Wie oft sagt man: Was für ein Zufall! Und meint damit, dass im Roulette zweimal nacheinander die Dreiundzwanzig kommt oder dass man in St. Tropez seinen Nachbarn trifft. Irgendwas Läppisches. Aber dies? Mein Gott, fünfunddreißig Jahre!

Vielleicht war es nur ein spielerischer Impuls, vielleicht war es mehr, dass er seinen Taschenrechner aus der Schublade nahm und zu multiplizieren begann. Er vertippte sich mehrmals, weil die Tasten zu klein waren oder seine Erregung zu groß. Dann hatte er sie endlich, die grünleuchtende, monströse Computerzahl:

18396000.

Sagte halblaut: »Mehr als achtzehn Millionen Minuten!« Staunte, ohne recht zu wissen worüber, und konnte schließlich mit der Summe nichts anderes beginnen als sie für gewaltig halten. Dachte: Wenn mir nach achtzehn Millionen Minuten auf nur einem Dutzend der abermilliarden Quadratmeter dieser Erde ausgerechnet dieser Mann begegnet, dann muss doch etwas mehr im Spiel sein als der Zufall!

Er wusste genau, seine Überlegungen waren nicht logisch, nicht zwingend, doch er brauchte eine gewisse magische Verknüpfung zwischen den Vorgängen von damals und von heute, denn nur der Zufall, das war ihm zu wenig für etwas so Erschütterndes wie die Begegnung mit Hermann Lüdeck nach so langer Zeit.

Und dennoch machte er sich nicht auf den Weg. Er spürte, so unvorbereitet und so erschrocken konnte er die Verfolgung dieses Mannes nicht aufnehmen. Früher einmal hatte er das für seine Lebensaufgabe gehalten, aber jetzt, nach so vielen Jahren, wäre es vor allem dazu geeignet, sein halbwegs ins Lot geratenes Leben noch einmal gründlich durcheinanderzubringen.

Hatte er Angst, der Aufgabe nicht mehr gewachsen zu sein? Wollte er, weil er sich im Grunde für zu alt und zu müde hielt, dem anderen einen Vorsprung lassen, so groß, dass eine spätere Verfolgung keinen Sinn mehr hatte, weil die Spur wieder verwischt war? Er wusste es nicht.

Ich habe dich nie wirklich für tot gehalten, habe dich monatelang gesucht, habe mich in Gaststätten und Hotelzimmern, in Ruinen und zugigen Rohbauten und einmal sogar in der freien Natur eingenistet, überzeugt, dir so nahe zu sein, dass der Zugriff eine Frage von wenigen Augenblicken sein würde. Und dann doch: Nichts! Du legtest mich herein, entwischtest mir, oder ich war falsch informiert, oder ein Mantel, ähnlich wie deiner, hatte mich genarrt. Ja, zeitweilig war ich sogar bereit, die Remagen-Version zu akzeptieren, aber nicht, weil ich an sie glaubte, sondern aus Müdigkeit, aus Überdruss. Irgendwann gab ich auf. Und jetzt, fünfunddreißig Jahre sind vergangen, fahren wir in derselben Minute im selben Paternoster!

Randolph Gehrken setzte sich wieder, trank seinen Kaffee aus, schmeckte nichts, spürte nicht einmal, dass der kalt geworden war, empfand nur immer wieder: Er ist da! Nach einem halben Menschenalter kommen wir uns auf Tuchfühlung nah!

Sein Blick fiel auf den alten Stich von Hamburg, der schon vor fünfzig Jahren im Arbeitszimmer seines Vaters gehangen hatte, im Stammhaus der Familie in Harvestehude. Nun hing er, neu gerahmt, wenn auch mit angekohlten Rändern, in einer Nische zwischen den Bücherregalen seines Zimmers. Es war eine jener äußerst kunstvoll angefertigten Zeichnungen, wie man sie früher schätzte, halb Bild, halb Landkarte. Sein Blick verfing sich nicht, wie sonst beim Betrachten alter Städtebilder, in den Linien der wehrhaften Mauern, der Türme, Giebel und Brunnen, sondern er sah einzig das Geflecht der Straßen, sah es strategisch, als ein Areal für Operation und Taktik. Und fragte sich:

Wo ist er jetzt?

Welche Straßen geht er?

Wo, wenn ich ihm jetzt noch folgen wollte, müsste ich ansetzen?

Ab wann ist er für mich unwiederbringlich verloren?

Ja, unwiederbringlich, denn das Wunder, das sich heute, nach achtzehn Millionen Minuten, ereignete, wiederholt sich nicht.

Noch einmal kam ihm die Idee, es sei vielleicht doch nicht das Wunder gewesen, auch nicht der Zufall, sondern die Initiative des anderen, was immer das dann heißen mochte. Aber dann dachte er: Es ist unwahrscheinlich, denn was, um alles in der Welt, sollte ihn bewegen, diesen aus dreieinhalb Jahrzehnten errichteten Schutzwall preiszugeben und vor mir zu erscheinen? Ausgerechnet vor mir? Trotzdem, nachprüfen muss ich es wohl. Gehrken ging aus dem Zimmer, vorbei an Frau Asmus. Sechs weitere Büros auf dieser Etage gehörten zu seinem Verlag, die Graphik, die Sektion »Werbung«, der Vertrieb, die Buchhaltung, die Presseabteilung und das Lektorat. Er ging in alle Abteilungen, fragte überall:

»War schon Besuch da heute morgen?«

Und erhielt überall die gleiche Antwort: »Nein«.

»Gestern vielleicht oder vorgestern? Ein Mann von sechzig, groß, schlank und mit einer verstümmelten Hand?«

»Nein.«

Kehrte an seinen Schreibtisch zurück, rief die Anwaltskanzlei an, die er am Morgen besucht hatte, beschrieb auch dort Hermann Lüdeck und fragte, ob man ihn im Hause gesehen habe.

»Nein.«

Ließ sich alle Firmen nennen, die in dem Gebäude am Ballindamm untergebracht waren, suchte die Telefonnummern heraus, rief bei allen an. Das waren: eine Reise-Agentur, eine Arztpraxis, eine Spedition, ein Hörstudio, eine Reederei, ein Dachverband aus der Industrie; stellte überall die gleiche Frage. Hörte ein paarmal das »Nein« und erhielt dann doch, und zwar von dem Studio, das Geräte für Schwerhörige herstellte, positive Auskunft. Eine Frauenstimme antwortete ihm: »Ja, ein Herr Harms.«

Schnell sprach Gehrken weiter: »Könnten Sie mir seine Adresse geben? Er hat wahrscheinlich eine Aktentasche im Paternoster stehenlassen, aber ich muss sicher sein, dass sie ihm auch wirklich gehört, und will da mal eben anrufen.«

Er hatte richtig kalkuliert: Die Tatsache, dass er dem Mann einen Dienst erweisen wollte, ließ es zu den sonst üblichen Rückfragen gar nicht erst kommen.

»Einen Moment bitte, ich sehe mal nach.« Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis die Frau sich wieder meldete, ihm das Hotel nannte, in dem Harms abgestiegen war, und dann fortfuhr: »Er hat aber übermorgen wieder einen Termin bei uns. Sie könnten uns die Tasche...«

»Ich ruf da mal eben an«, erwiderte Gehrken, »vielen Dank!« Er legte auf, rief das Hotel an:

»Guten Tag, könnten Sie mich bitte mit Herrn Harms verbinden? Zimmer 216. Oder ist es diesmal ein anderes? Meistens nimmt er das Zimmer 216. Sehen Sie doch bitte nach, bevor Sie durchstellen.«

Wieder das Warten, aber auch diesmal nur kurz.

»Nein, Herr Harms wohnt in Zimmer 407. Ich verbinde.«

»Ach nein, lassen Sie's! Ich hab' es mir überlegt und komme doch lieber selbst vorbei. Danke.«

»Wie Sie wünschen.«

Und dann, es musste einfach sein, noch einmal das Hörstudio:

»Wissen Sie, die Sache mit der Aktentasche hat sich inzwischen erledigt. Der Eigentümer ist gefunden. Es war nicht Herr Harms. Vielen Dank noch einmal. Auf Wiederhören!« Er lehnte sich zurück, sah auf die Uhr. Es war halb elf. Um elf hatte er eine Verlagsbesprechung. Ein Autor hatte zum dritten Mal die Gestaltung eines Schutzumschlags moniert. Sie sei ihm zu vordergründig, hatte er erklärt. Gehrken hatte den Entwurf vor sich auf dem Schreibtisch liegen. Er zeigte eine attraktive Frau im Spiegel. Die Graphiker, hatte Frau Asmus gesagt, waren wegen der neuerlichen Reklamation verärgert. Aber auch mit dem Autor hatte es schon einen telefonischen Disput gegeben. Nun, man würde sehen.

Er machte sich Notizen, schweifte jedoch immer wieder ab. Die Begegnung vom Morgen ließ ihn nicht los. Er dachte an die vielen Misserfolge seiner damaligen Jagd auf Hermann Lüdeck. Und nun war alles so einfach. Ein paar Telefongespräche, und er hatte die Adresse, und sie würde aller Wahrscheinlichkeit nach noch mindestens bis zum übernächsten Tag gelten.

Aber was, wenn die Natur sich tatsächlich diese Extravaganz geleistet und ein ganz bestimmtes Aufgebot an Besonderheiten zweimal ausgeteilt hätte: zweimal das Dreiecksauge und die Balkenbraue und den Imponiergang? Und dieser zweite dann, vielleicht im Krieg, als das Blei wie Regen herunterkam, ein Stück seiner Hand eingebüßt hatte? Randolph Gehrken war sich plötzlich seiner Sache nicht mehr ganz so sicher, aber auf jeden Fall musste er wissen, ob dieser Harms wirklich Hermann Lüdeck war.

2.

Randolph Gehrken lebte allein. Bald nach der Währungsreform hatte er, gemeinsam mit der Mutter, das zerbombte elterliche Grundstück in Harvestehude verkauft und in der Nähe ein neues Haus gebaut. Die Mutter hatte Verständnis gezeigt für den Wunsch des Sohnes, nicht an der Stelle zu bauen, wo er zwar Jahre einer glücklichen Kindheit verbracht, später aber, gegen Kriegsende, jene qualvolle Brandnacht erlebt hatte. Das neue Haus stand etwa einen Kilometer entfernt, und das genügte ihm, um sich wenigstens vor dem täglichen Anblick der unheilbeladenen Stätte zu schützen.

Die Mutter war 1960 gestorben, und seitdem hatte das Haus nur selten Gäste beherbergt. Einmal hatte, allerdings nur für kurze Zeit, eine junge Frau das Leben an Gehrkens Seite versucht. Die Ehe hatte ein Jahr gedauert, und in dieser Zeit war es ihm klargeworden, dass er zu einer innigen Bindung nicht mehr fähig war.

Das Haus, das er nun schon so viele Jahre wie ein Eremit bewohnte, hatte sieben Zimmer. Zwei davon hatte er Frau Seibold überlassen, die seinen Haushalt versorgte. Im Kellergeschoss gab es eine Sauna und ein kleines Schwimmbad. Beides benutzte er regelmäßig. Gelegentlich empfing er Freunde in seinem Haus, wenige nur; Verlagsbesuch fast nie; für den war die Belle-etáge an der Esplanade da.

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