Briefwechsel mit den rheinischen Freunden - Paul Celan - E-Book

Briefwechsel mit den rheinischen Freunden E-Book

Paul Celan

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Beschreibung

Die Freundschaft mit den Autoren des »Kölner Realismus«: eine der intensivsten, dauerhaftesten und fruchtbarsten Beziehungen Paul Celans Es ist die Geschichte einer langen, an Briefen reichen Freundschaft von 1952 bis in die 1960er Jahre hinein: Drei Vertreter des realistischen deutschen Nachkriegsromans, die ehemaligen Wehrmachtssoldaten Böll, Schallück und Schroers, ließen sich gleich bei ihrer ersten Begegnung auf einen verfolgten Juden und Lyriker ein, der von der zeitgenössischen Kritik als Vertreter des Surrealismus und des Elfenbeinturms wahrgenommen wurde. Über manche Differenzen hinweg haben diese »rheinischen Freunde« alles getan, um Paul Celan den Weg in die deutsche Öffentlichkeit zu ebnen: als Verlagsberater, als Rundfunkleute, als Rezensenten. Dies ist ein Buch, das es fast nicht mehr hätte geben können. Als im März 2009 das Historische Archiv der Stadt Köln einstürzte, verschwanden auch die Nachlässe von Paul Schallück und Heinrich Böll unter den Trümmern und mit ihnen die Briefe, die Paul Celan an sie geschrieben hat. Für diese Ausgabe waren die Dokumente aber bereits gesichert.

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Seitenzahl: 1073

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Paul Celan

Briefwechsel mit denrheinischen Freunden

Heinrich Böll,Paul Schallück undRolf Schroers

Mit einzelnen Briefen vonGisèle Celan-Lestrange, Ilse Schallückund Ilse Schroers

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2011

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2011

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,

des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung

durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form

(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)

ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert

oder unter Verwendung elektronischer Systeme

verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

IDer Briefwechsel zwischen Paul Celan und Rolf Schroers

1. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen, 1.6.1952, Widmung in: Rolf Schroers, »T. E. Lawrence. Schicksal und Gestalt. Biographische Studie«, Bremen-Horn: Walter Dorn 1949.

Für Paul Celan

Pfingsten 1952 in Bergen

  Rolf Schroers

2. Paul Celan an Rolf Schroers, Frankfurt a. M., 5.6.1952 (?).

Der Sand aus den Urnen

   ____

Schimmelgrün ist das Haus des Vergessens.

Vor jedem der wehenden Tore blaut dein enthaupteter Spielmann.

Er schlägt dir die Trommel aus Moos und bitterem Schamhaar,

mit schwärender Zehe malt er im Sand deine Braue.

Länger zeichnet er sie als sie war, und das Rot deiner Lippe.

Du füllst hier die Urnen und speisest dein Herz.

Paul Celan

3. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen, 6.6.1952.

Bergen, am 6-VI-52

Lieber Celan,

lassen Sie mich Ihnen mit diesem Gruss noch einmal auf den Fersen bleiben, denn gern liess ich Sie ja nicht entschwinden. Wir sind sehr dankbar, dass wir noch mit Ihnen in der späten Nacht zusammen sein durften, und nicht das misstönende Geschrei der Tafelrunde die letzte Kulisse war, davor unser Zusammensein agierte. Dass doch die Schwätzer nicht schweigen können, wenn der von jenseits der Zeit unter sie tritt. Sie sehen, ich schwärme, und ich bitte Sie herzlich, es mir für diesmal zu erlauben. Die Bosheit ist eh ein bitterer Spass.

Denken Sie manchmal an uns Ärmere, und vor allem, schenken Sie uns Ihre Verse,

 mit herzlichen Grüssen von meiner Frau

  Ihr dankbarer

Rolf Schroers

4. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen, 25.6.1952.

Rolf Schroers

16) Bergen Ffm

Gangstr. 4

Am 25-VI-52

Lieber Celan,

herzlichen Gruß zuvor von uns allen. Gestern war ich endlich in Stuttgart und bin zu meiner Zufriedenheit klar gekommen. Ich sprach mit Dr. Koch und wichtigeren Leuten dabei ausführlich über Sie, und es müssen Ihnen die Ohren geklungen haben. Das Resultat ist Folgendes: Sie werden von der DVA aufgefordert werden, Ihr Gedicht-Manusk. einzureichen. Es besteht eine sozusagen gewisse Aussicht, daß es noch zu Weihnachten gedruckt und verteilt wird. Und zwar als Weihnachtsgabe des Verlages mit einer Auflage von 1.500 Expl., die alle verschenkt werden. Hervorragende, bibliophile Ausstattung, numeriert und solche Liebenswürdigkeiten mehr. Im vorigen Jahr druckte die DVA, und wirklich ausgezeichnet, auf diese Weise einen nachgelassenen Essay von Gide. Natürlich wird die Arbeit honoriert. Die Idee stammt von Dr. Koch, der Ihnen wohl auch sogleich schreiben wird, ohne indessen zugleich diese Absichten zu verraten. Weiter dürfen Sie im Zuge der Sache mit Übersetzungsaufträgen rechnen. Lassen Sie nun nicht auf sich warten, sondern greifen Sie frisch und unbedenklich zu, eine schönere und zugleich günstigere Vorstellung ist kaum zu erwarten. Man will sich um ein kurzes Geleitwort von E. R. Curtius bemühen, um den unbekannten Dichter nicht ganz nackt in die Öffentlichkeit springen zu lassen. Ich bin selbst ganz glücklich, daß eine solche Chance noch gegeben ist, und daß sie gerade an Sie fällt.

Zurückgekehrt fand ich Eisenreich zu Hause, der aber wenig von Ihnen zu berichten wußte, was ich günstig deutete. Ich will diesem Geschäftsbericht nichts weiter hinzufügen, und erwarte nun ein paar Zeilen von Ihnen!

Nochmals herzlichen Gruß

Ihr

Rolf Schroers

5. Rolf Schroers an Paul Celan, Rothenfels, 3.7.1952.

Schroers, zZ. b/ Jos. Werner

3-VII-52

Rothenfels, Unterfranken

Lieber Celan, – Dank für Brief, Ms., und Karte. Ich schreibe Ihnen bald, wegen der anderen Ms. – Adressaten keine Sorge. Ich bin mit meiner Frau hierher geflohen, laufe durch Wälder und schwimme im Main, Genuss der Trägheit. Es hat etwas von einer Hochzeitsreise. – Wir freuen uns, Sie bei uns zu sehen, sollten Sie jetzt Quartier wollen, es ist ein kluger netter Verwalter da.

Dann derweilen Ihr RSchroers

6. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen, 22.7.1952.

Bergen, am 22-VIII-52

Lieber Celan, –

immer noch beschäftigen mich Ihre Gedichte, viele haben sich nun erschlossen, soweit mein Stand dazu heute reicht, manche bleiben noch dunkel, sehr seltene Male bin ich unzufrieden. Es mag seltsam klingen, »soweit mein Stand heute reicht . . «, ich will indessen ganz präzises damit sagen: ich bin überzeugt, dass diese Verse schon deshalb über diese Zeit reichen, weil ein einzelnes Verständnis sie nicht sattsam auslegt. Alle Unausschöpflichkeit beruht darauf, und damit eben die grosse Kunst. Man wird im Umgang eines Lebens bei sich selbst neue, aufschlussreiche Aspekte finden, ein neues Temperament des Verständnisses, nicht anders geht es den Generationen.

Es bedarf noch grösserer Weile, bis ich zu genaueren Auskünften fähig bin, indessen will ich es durchaus nicht bei der Faszination der ersten Aufnahme bewenden lassen. Es entwickeln sich Kriterien, und das ist eine breite Weise der Bereicherung, die ich Ihnen danke.

Kommt hinzu, dass ich einige Unruhe hatte, weil mein Töchterchen arg erkrankt war und viel Gedanken mit sich zog. Es ist jetzt besser. Schlimm ist für meine literarische Beschäftigung auch die leidige Korrektur, die ich an meinem Herbst-Roman (»Der Trödler mit den Drahtfiguren«) zu leisten habe. Das ist ein fürchterliches Werk, das ich im Augenblick so verabscheue, dass mich die unaufhaltsame Veröffentlichung bedrückt. Umso mehr, als sie nur auf mein heftiges Drängen überhaupt gewagt wurde.

Wollen Sie mir Ihre Pläne mitteilen? Trifft Sie dieser Brief überhaupt noch in Paris?

Ich habe von Ihren Gedichten ein paar ausgesucht und Abschriften verteilt, – erlauben Sie mir, dass ich das eine oder andere hier und da zum Druck anbiete? Inkasso bei mir? – Das Gedicht, nach dessen Abdruck Sie fragten, erschien in der »Frankfurter Rundschau«, wohl von Minssen veranlasst. Ich bekam es nicht zu Gesicht. Soll ich mich darum kümmern?

  Gute Wünsche!

Ihr Rolf Schroers

7. Paul Celan an Rolf Schroers, Paris, 9.8.1952.

31, rue des Ecoles

Paris, den 9. August 52.

Lieber Freund,

erst vorgestern, nach meiner Rückkehr aus Österreich, konnte ich Ihren Brief lesen: Sie sind so unsagbar freundlich, und ich weiß Ihnen so schlecht zu danken! Ursprünglich hatte ich die Absicht, auf der Rückreise bei Ihnen vorbeizukommen, Ende August etwa, aber diese ganze Reise und auch der Aufenthalt in Österreich war von so viel Unfreundlichem begleitet, daß ich schließlich alle meine Pläne aufgab und eilends nach Paris zurückfuhr. Eigentlich hätte ich diese Reise kaum angetreten, wenn sie mich nicht über Stuttgart und zur DVA geführt hätte – aber bereits hier, an dem Ort, von dem ich mir alles weitere erwartete, ging alles schief. Es stellte sich nämlich heraus, daß nicht ein richtiger Gedichtband, sondern nur eine Auswahl von ungefähr sechzehn Gedichten erscheinen könnte, in Form eines Anhängsels zur eigentlichen Weihnachtsgabe – ich konnte das aus den Worten Dr. Dingeldeys, der weniger vage als Dr. Koch war, entnehmen –, kurzum, ich hatte bald eingesehn, daß die Begeisterung durchaus nicht so allgemein war wie Dr. Koch sie mir geschildert hatte. Man ließ mich vor ungefähr zwanzig Gästen lesen, lud mich zum Abendessen ein und machte mir ein wenig Hoffnung. Die Übersetzung, von der in den Briefen wiederholt die Rede war, wurde mir für den Spätherbst in Aussicht gestellt.

Ich fuhr nun enttäuscht nach Österreich, blieb ein paar Tage in der Steiermark, eine Woche in Kärnten, hatte wenig Freude an Land und Leuten, suchte ein wenig Trost auf dem Großglockner – wo er um diese Zeit kaum zu finden ist –, und ging schließlich nach Salzburg, mitten in den Festspiellärm, den ich (und mein Geldbeutel) nur zwei Tage aushielt. Nun bin ich also wieder in Paris, und außer Ihrem Brief ist kaum etwas da, das mich an das Eigentliche denken läßt. Haben Sie Dank für Ihre Zeilen, lieber Schroers, herzlichen Dank!

Sie haben sich die Mühe genommen, Abschriften von meinen Gedichten zu machen und Sie verteilen sie unter Ihren Freunden: ich danke Ihnen wieder. An Veröffentlichungen in Zeitschriften oder Zeitungen liegt mir im Augenblick nicht viel: vor kurzem ist einiges abgedruckt worden (ein paar Gedichte im Berliner ›Lot‹ und in ›Wort und Wahrheit‹, Freiburg und Wien), ich besitze im Grunde nur wenig unveröffentlichte Gedichte, und vielleicht entschließt sich Dr. Hirsch schließlich doch noch, sie in der ›Rundschau‹ zu bringen. Aber nein, er entschließt sich kaum dazu – das Manuskript, das ich ihm Mitte Juni einschickte – hat er bisher nicht bestätigt. (Ebensowenig Rowohlt.)

Aber ich glaube, ich kann jetzt wieder längere Zeit warten, und auch das verdanke ich nicht zuletzt Ihnen. Im Herbst, wenn sich hier einiges für mich geklärt haben wird, will ich zu schreiben versuchen, diesmal Prosa. Wenn Sie wüßten, wie ich Sie um Ihren neuen Roman beneide!

Ich war sehr betrübt über die Krankheit Ihres Töchterchens: hoffentlich hat sich mittlerweile alles zum Besten gewendet! Grüßen Sie Ihre Frau Gemahlin und die Kinder von mir und seien Sie selbst auf das herzlichste gegrüßt

von

Ihrem

Paul Celan

Hatten Sie Nachricht von Eisenreich?

8. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen, 11.8.1952.

Am 11-VIII-52

Lieber Celan,

am liebsten käme ich jetzt gleich selbst mit einer großen Motor-Car nach Paris, um Sie mitsamt Ihren Gedichten einzuladen und nach Stuttgart zu fahren. Inzwischen nämlich schreibt mir Koch, mit dem ich in zäher Korrespondenz stand, die DVA habe sich grundsätzlich entschlossen, alle Ihre Gedichte zu bringen und erwarte Sie auf der Rückfahrt von Kärnten in Stuttgart, um mit Ihnen Vertrag zu machen. Ich kann mir Ihr zerzaustes Gemüt wohl vorstellen, und diese Mitteilung wird es noch mehr zerzausen.

Zitat (Dr. Koch an mich vom 8.8.):

WIR HABEN UNS NUN ENTSCHLOSSEN, CELANS MANUSKRIPT »MOHN UND GEDÄCHTNIS« UNGEKÜRZT ZU VERÖFFENTLICHEN! ES KAM CELAN MEHR DARAUF AN, DASS SEINE GEDICHTE ALLE HERAUSKÄMEN, ALS EINE KLEINE AUSWAHL IN BIBLIOPHILER AUSSTATTUNG. ER WIRD SICH ÜBER UNSEREN ENTSCHLUSS DESHALB SEHR FREUEN.

Über Koch brauchen wir nicht zu diskutieren, indessen will er ernstlich drucken, wurde bestärkt von Kasack, der Ihrer Lesung wohl zuhörte, und, über mich, von Ernst Jünger, der mir u. a. schrieb, daß ein Freundeskreis sehr tätig für Sie sei und ihn schon über Sie unterrichtet habe. Ihm gefielen die beigelegten Gedichte (beigelegt einer Kritik seiner Visionen durch mich, die ich mit Ihren Versen legalisieren wollte) sehr.

Ich habe eine recht widerwärtige Zeit, das Haus voller Menschen, denen ich Arbeit und Brot besorgen soll, und in solcher Diffusität wenig Möglichkeiten zur Konzentration. Ich will an sich auskneifen, kann aber auch das schlecht. Hoffentlich löst sich diese nervöse Stauung in umso besserer Arbeit. Eisenreich ist zunächst in Hamburg stecken geblieben, wo er offenbar große Geschäfte macht, sogar seinen guten Anzug hat er sich nachschicken lassen. Fischer hat ihn wohl fallen gelassen. Ich sah Dr. Hirsch noch nicht wieder, bitte verübeln Sie das nicht, es bestehen da einige Schwierigkeiten, einmal wegen meiner früheren Bindung zum Fischer-Verlag, zum anderen wegen meiner jetzigen Bindung zur DVA, die über die reine Autorenverpflichtung hinausgeht. Ich arbeite von hier aus mit im Lektorat (geheim). Sobald Sie mit der DVA vertragsklar sind, oder sich alles zerschlagen hat, kann ich in Ihrer Sache bei Fischer vorsprechen, und nicht nur bei ihm. Ich will die Verse gedruckt sehen, schon damit sie angenehmer zu lesen sind. Es sind durchaus noch andere Möglichkeiten für eine Edition, nur sehe ich nichts so günstiges, als eben die bei der DVA, soweit meine Fänge reichen.

Sagen Sie mir nun schnell Ihre Entschlüsse, ich werde der DVAnoch nicht verraten, daß Sie bereits in Paris sind, andrerseits mögen Sie sich für Ihre Korrespondenz durchaus auf mein Zitat, wenn auch nicht gerade wörtlich, berufen oder beziehen.

Ich habe sehr große Lust, nun meinerseits nach Paris zu kommen, und jedenfalls besorge ich mir in den nächsten Tagen endlich einen Paß!

   Mit herzlichen Grüßen auch von Frau Illa

   Ihr

    Rolf Schroers

9. Paul Celan an Rolf Schroers, Paris, 13.8.1952.

Paris, den 13. August 1952.

Lieber Schroers,

ich bin natürlich – trotz ›zerzausten Gemüts‹ und trotzdem ich mich für einen Esel halte – überglücklich. Ihrem Brief ging gestern ein Schreiben von Dr. Koch voraus, das mich auf dem Umweg über die Steiermark hier erreichte: ich brauche mir wahrhaftig nichts auf meine Hellhörigkeit einzubilden! Wie wenig verstehe ich doch von den Menschen und ihrem eigentlichen Vorhaben! Sie wissen es ja selbst aus meinem letzten Brief: ich hatte bereits den Kopf hängen lassen, gab mich geschlagen und verfluchte meine mir schon so oft zum Vorwurf gemachte Untüchtigkeit in derlei (und jederlei) Dingen.

Nun, es ist ja anders gekommen – Gottlob! Und Kasack hat dazu beigetragen und sogar Jünger! Ich kanns kaum glauben.

Ja, was fange ich nun an? Soll ich etwa nach Stuttgart fahren und so tun, als käme ich aus Kärnten? Ich habe Ihren Brief natürlich kreuz- und quergelesen und nun will mir scheinen, als deuteten Sie mir an, in den nächsten Zug zu steigen. Das täte ich ja auch herzensgern, allein – meine Finanzen haben den Aufenthalt in Österreich kaum überstanden und ich muß jetzt zusehn, daß sich mein Beutel wieder ein wenig füllt. Der Sommer hat mir glücklicherweise zwei besonders lernbegierige Schüler erhalten, und es fällt mir ein wenig schwer, diese einzige Geldquelle durch eine neue Auslandsreise zum Versiegen zu bringen. Außerdem unterliegt man in Paris dem sehr eigenen Gesetz, bei jeder Rückkehr für einen Neuankömmling gehalten zu werden, die Stadt will keiner einzigen der durch Jahre gemachten Erfahrungen Rechnung tragen, alles fängt von vorn an – kurzum, ich habe es im Augenblick nicht gerade leicht und muß obendrein Verschiedenes für die sogenannte Zukunft in die Wege leiten, ohne daß mir dabei etwas Gescheites einfiele. Hoffentlich läßt es sich also einrichten, daß der Vertrag mit der DVA brieflich abgeschlossen wird – ich bitte Sie um diesbezügliche Antwort.

Im Oktober, wenn sich hier einiges geklärt haben wird – es steht zu hoffen, daß es sich klärt –, kann ich wieder auf Reisen gehn.

Lieber Schroers, wie schön wäre es doch, wenn Sie nach Paris kämen! Es wäre jederzeit schön, auch jetzt. Allerdings ist die Stadt zur Zeit nicht ganz so schön wie im Spätherbst oder im Frühling, auch sie hat Ferien, auf den Straßen wimmeln die ausländischen Touristen – ein nicht immer sehr einnehmender Anblick –, Museen, Galerien und Theater sind zu, und – das Wichtigste – ich selbst wäre nicht ganz in der Lage, Sie so zu empfangen wie ich es gern möchte. Lassen Sie sich, lassen Sie mir ein wenig Zeit, lieber Schroers, ein paar Wochen nur, so lange als ich brauche, um das Notwendigste in Ordnung zu bringen. Es darf, es kann nicht sehr lange dauern.

Brauche ich es Ihnen zu sagen: ich habe nichts sehnlicher herbeigewünscht, als den Augenblick, in dem meinen Gedichten die Brücke geschlagen wird zu diesem neuen Ufer – mir ist ein wenig bange beim Gedanken, daß ich ihnen nun folgen muß, aber wenn es für mich je einen Weg gab, so doch nur diesen – Sie helfen mir doch, ihn zu beschreiten, nicht wahr?

Von Herzen

der Ihre

Paul Celan

Die schönsten Grüße an Frau Illa, Nele und die Buben! Und grüßen Sie Eisenreich von mir, wenn Sie ihm schreiben.

10. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen, 16. und 18.8.1952.

Am 16-VIII-52

Lieber Celan,

Sie haben ganz recht, ich hätte Sie gern an den Haaren herbeigezogen; indessen sind Ihre Gründe stichhaltig, zudem ist Dr. Koch in Urlaub, also das ganze durchaus brieflich anzugreifen, und sollte das nicht langen, dann mag die DVA Sie bestellen und Ihre Reise zahlen. Da das Ms. ja in Stuttgart vorliegt, würde ich vorschlagen, Sie schreiben einen lieben netten Brief und bitten um einen Vertragsvorschlag. Ich treffe am 7. IX. den ganzen Verlag bei einem Buchhändlertreffen am Bodensee und werde die Ohren aufstellen, wenn bis dahin noch keine Resultate vorliegen sollten. Doch glaube ich nicht, dass noch Schwierigkeiten entstehen, ausser etwa, was die Vertragsbedingungen betrifft. Soweit ich raten kann und Sie Rat wünschen, bin ich zur Verfügung.

Paris, – es wird wohl zunächst nichts daraus werden; wenn ich die Plage meiner Besucher hinter mir habe, muss ich arbeiten. Eben habe ich einem hungernden Maler hier eine Stellung im Buchversand vermitteln können; aber er bleibt noch Hausgast, er hat sonst kein Dach überm Kopf. Ich bin ganz nervös. Zudem ist der Herbst erfahrungsgemäss für mich eine sehr gute Arbeitszeit, die ich nicht ohne Zwang verbummeln will. So dass also, wenn mich die Laune nicht packt, erst das Frühjahr 53 Paris bringen wird. Der Laune will ich freilich die Pass-Möglichkeit verschaffen.

Was ich über Besucher gestöhnt habe, gilt nun keinesfalls für Sie! Nichts würde mich mehr erfreuen, als wenn Sie hier auftauchten. (Ich bedarf der Ermunterung!) Leider scheint es Ihnen ja nicht besser zu gehen – wenn auch auf andere Weise; ich habe mich wohl schon viel zu sehr auf die »Meisterung der Tatsachen« eingelassen …

Darf ich Ihnen sagen, dass ich mich mit einem Ihrer Gedichte noch nicht anfreunden konnte. »Der Tod«, S. 43 des Ms. Es ist wohl die letzte Zeile, der mein Misstrauen gilt. Das Bild vom Falter ist schön, – doch wird es durch die metaphorische Identifikation mit einem schwanken Halm auf Postkartengrösse gebracht. Mit meiner Vergangenheit belastet ergibt das störende Assoziationen. Aber vielleicht liegt es nur meinem Hirne quer, und Sie können mein Bedenken mit einer Handbewegung verscheuchen.

Seien Sie nicht ungehalten, lieber Celan, wenn ich mich auch diesmal wieder auf die pure Mitteilung beschränke, obwohl mich Ihr Brief, und besonders sein letzter Absatz, sehr beschenkte. Hinter der oberflächlichen Ökonomie materieller Notdürfte steht eine andere, hierarchische, und wenn ich in der ersteren vielleicht Ihnen einige Hilfe leisten kann, so machen Sie mich in der anderen zu Ihrem Schuldner,

mit dankbaren Grüssen, von Herzen

Ihr Rolf Schroers

18 – VIII.

Entschuldigen Sie, der Brief blieb lieben, da Nele wieder Krämpfe bekam und in die Klinik musste. Es ist jetzt schon wieder gut und vorbei.

R

11. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen (?), Ende August 1952, Widmung in: Rolf Schroers, »Die Feuerschwelle. Roman«, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1952.

Für Paul Celan

zur Erinnerung an

schlimme Tage in

Norddeutschland

  Rolf Schroers

12. Paul Celan an Rolf Schroers, Paris, 4.9.1952.

Paris, den 4. September 1952.

Lieber Schroers,

ich muß mich schämen: Ihren Brief habe ich nun zwei volle Wochen (oder länger) unbeantwortet gelassen, und auch für das schöne Buch, das Frau Plattner (oder Plaker?) mir Sonntag brachte, habe ich Ihnen noch nicht gedankt . .

Können Sie diese Versäumnis entschuldigen, lieber Schroers? Ich hatte mich in der Zwischenzeit mit einer ziemlich hartnäckigen Angina auseinanderzusetzen – in solchen Dingen lege ich immer eine ganz ungewohnte Gründlichkeit an den Tag –, kurz, ich war sehr »beschäftigt«. Das klingt lächerlich, ist aber leider wahr.

Im Grunde war ich auf diese Krankheit irgendwie gefaßt, sie war sozusagen fällig, ich war ihr entgegengeeilt, um sie in Paris zu genießen . .

Wissen Sie, ich habe seit Jahren das Gefühl, in einer Art Rekonvaleszenz zu leben – und derlei Gefühle bedürfen hin und wieder gewisser konkreter Anhaltspunkte . .

Dann macht man wieder einmal in Gesellschaft seiner vornehm-resigniert dreinschauenden Lebensgeister seine »ersten Schritte«.

Lieber Freund, Ihre Einwände gegen das Gedicht ›Der Tod‹ könnten nicht richtiger sein. Ich habe jedesmal, wenn ich es neu tippen mußte, ein gewisses Unbehagen dabei verspürt, ohne jedoch den Mut aufzubringen, diese Verse einfach aus dem Ms. zu verbannen. »Postkartenformat«: Sie haben das treffende Wort dafür gefunden. Das Ganze – nicht nur die letzte Zeile – gehört zur billigsten Allegorie –: bei einem solchen Thema wird sie wirklich ganz unerträglich! Wird gestrichen.

Aus Stuttgart, wohin ich, Ihren Rat befolgend, zwei »liebe und nette« Briefe schrieb – ob sie auch »lieb und nett« ausgefallen sind, wage ich nicht zu beurteilen – kam vor einigen Tagen ein kurzer Brief (gezeichnet Günther), in dem mir für die nächsten Tage ein Vertragsentwurf in Aussicht gestellt wird.

Ich lege diesen Zeilen einen Brief von Weyrauch bei, zu Ihrer Unterrichtung. Beides, Absage und Zustimmung, haben mich, so wie sie darin ausgewogen sind, im Grunde gefreut. Ich habe an Andersch, bei dem sich zu meiner Überraschung das Manuskript befindet, noch nicht geschrieben, will es aber in den nächsten Tagen tun. [Sie] sind also nächste Woche am Bodensee und sehen dort die DVA-Allmächtigen – könnten Sie den einen oder anderen der Herren daran erinnern, daß sie mir eine Übersetzung versprochen haben?

Ach, ich bemühe Sie unausgesetzt und weiß Ihnen so schlecht zu danken!

Nein, Sie wissen bestimmt, wie dankbar ich Ihnen bin!

   Von Herzen Sie, Frau Illa

und die Kinder grüßend

Ihr

Paul Celan

12.1 Wolfgang Weyrauch (Rowohlt Verlag) an Paul Celan, Hamburg, 18.8.1952.

ROWOHLT VERLAG GMBH·HAMBURG

Hamburg 1, Reesendamm 3

Fernruf: 33 37 44/33 37 45/33 37 46

Telegrammadresse: Rowohltverlag

Herrn

18. August 1952

Paul Celan

31, rue des Ecoles

Paris 5e

Sehr geehrter Herr Celan,

es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass der Rowohlt Verlag Ihre Gedichte nicht drucken wird.

Ich habe unmittelbar nach dieser negativen Entscheidung Ihre Verse an Herrn Alfred Andersch, Burg Kerpen, Kreis Daun (Eifel) geschickt. Herr Andersch ist der Chef des Abendstudios beim Hessischen Rundfunk, Frankfurt am Main, und bereitet eine Serie neuester deutscher Dichtung, unter dem Titel »Studio Frankfurt«, in der Frankfurter Verlagsanstalt vor. Ich setzte dabei Ihr Einverständnis voraus.

Bevor Ihre Gedichte hier endgültig abgelehnt wurden, fand darüber ein heftiger Streit statt. Da wir uns im Verlag nicht einigen konnten, holten wir zusätzlich mehrere Meinungen von aussen ein. Auch sie waren nicht einhellig. Das war gewiss nicht zu erwarten. Aber zu erwarten wäre gewesen, dass die eine der beiden Parteien gesiegt hätte. Keine der beiden Parteien siegte, die Meinungen waren exakt pro und contra verteilt, und ebendeshalb entschloss man sich zu keiner Annahme.

Lassen Sie mich bitte ein paar Sätze aus meinem Gutachten zitieren: »Ich habe nicht eine einzige Zeile gefunden, die verfehlt wäre. Hingegen habe ich zahllose Zeilen gefunden, die von prononcierter Kraft sind. Es ist eine zarte Kraft. Aber das macht nichts. Sie ist ein Teil der Celanschen Magie. Die Celansche Magie ist gross. Ich habe darüber nachzudenken versucht, worin sie eigentlich besteht. Ich glaube, sie besteht z. B. in dem Konnex Celans mit dem Tod.« Dann: »Celan ist wortwörtlich ein Surrealist. Er ist nie metaphorisch, sondern hat die Kühnheit, die Bilder, die über die Realität hinweggehen, als real hinzuschreiben. Celan schreibt nicht: ›ein Wort, wie von Sensen gesprochen‹, sondern sein Wort wird in der Tat von Sensen gesprochen. Das ist der Unterschied zwischen einer surrealistischen Draperie und einer surrealistischen Realität. Schliesslich: Celan bewältigt die Poesie. Seine Poesie ist nicht bezüglich. Sie steht für sich allein da. Das heisst, sie steht natürlich nicht, sondern fliegt, wie es einer echten Poesie zukommt. Seine Gedichte sind elementar. Trotzdem schildern sie die Wirklichkeit. Wie er das macht, diese Kombination von Vogelhaftigkeit und Wirklichkeitsdurchdringung, weiss ich nicht. Wir haben es zu respektieren«.

 Mit den ergebensten Grüssen 

Ihr

Weyrauch

13. Rolf Schroers an Paul Celan, Lugano, 12.9.1952.

Lieber Celan, – ich machte von einer Buchhändler-DVA-Tagung hier einen Abstecher; ich liebe Italien so, dass ich kaum wegkomme; aber akuter Devisenmangel vertreibt mich aus dem Paradies. – Ich war glücklich zu hören, dass Sie den Vertrag haben und Ihr Buch noch vor Weihnachten erscheint. Hoffentlich alles, alles zum Guten

   Ihr Rolf Schroers

12-IX-52   

14. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen, 15.9.1952.

Bergen, am 15-IX-52

Lieber Celan,

zurück aus Lugano finde ich Ihren Brief. Offensichtlich muss ich Ihnen einmal unmissverständlich sagen, und ich schäme mich durchaus dabei, dass Sie mir ganz und gar keinen Dank sagen sollten. Dass meine geschäftstüchtige Agilität Ihnen nach Möglichkeit hilft, ist mir ein geringes Zeichen für die Dankbarkeit, die ich für Sie hege. Mit Ihren Gedichten haben Sie mir Tiefen gezeigt und brennend gemacht, die durch eben diese Agilität garzu leicht verdeckt werden. Es ist doch so, dass vor einem grossen Anblick einem das Geschwätz im Munde verschlägt. Wäre mein Ernst standhafter, so müsste ich die Feder hinlegen, für mein Teil also die Mauer niederlegen, die den Zugang zur wahrhaft poetischen Offenbarung umstellt. Zugleich aber, – wie sollte ich ein Buchkritiker sein und bleiben können, wenn ich nicht bei der sicher erkannten, so seltenen Grösse, alles, aber auch alles in meine Kraft gegebene tun würde. Und es kann sich doch im Grunde nur um Geringes handeln. Wie also soll ich meinen Dank sagen, wenn Sie mich mit dem Ihren beschämen? Und das ist weiss Gott keine Redensart.

Herr Günther, der Ihnen seitens der DVA schrieb, ist einer der tüchtigsten und gescheitsten Köpfe in jenem Haufen. Der Vertrag, den man Ihnen schickt, wird mager genug sein.

– Ich muss unterbrechen, die Kinder sollen gebadet werden! –

Es hat mich gefreut, dass Sie meine Kritik zu dem fraglichen Gedicht annahmen. Es ist ein heikel Ding um ein Hineinreden bei solchem Œuvre; denn selbst wenn ein Bruchstück misslungen ist, so mag es dem Autor als persönliche Stimme merkwürdig und notwendig sein (wofür gerade Ihr Stutzen und dann doch belassen spräche). Kommt es zum Druck, darf jeder den Finger heben, – so wollte ich verstanden sein und das umso mehr, als Sie mich kennen und an meinem Ernst nicht zweifeln.

Dass es mit Ihrer Gesundheit nicht zum Besten steht, mag zum Stigma Ihrer Person gehören, und es werden Ihnen die Ärzte kaum helfen können. Was mir erstaunlich bleibt, ist, wie Sie Ihr Instrument noch zu stimmen vermögen. Da möchte ich denn gleich eine Bitte anknüpfen: mögen Sie mir gestatten, meinem nächsten Buch, dem woran ich arbeite und davon Sie Kapitel kennen, als Motto zwei Zeilen aus Ihren Gedichten mitzugeben:

 »Mache mich bitter

»zähle mich zu den Mandeln.«

Sie würden den tiefsten Ton der krausen Fabel treffen und in sich schliessen auf eine Weise, wie sie das Prosawort in solcher Konzentration, und ohne jegliche Pointierung, niemals erbringt. Sie erinnern sich vielleicht, der Titel des Buches lautet »Jakob und die Sehnsucht«, da mag denn ein solches Motto den rechten Beiklang bieten.

Mir steht eine gehetzte Reihe von Tagen bevor und dazu Entscheidungen, an die ich mit Bangen denke. Sie kennen vielleicht auch die Situation, in der man mit einem gewissen Fanatismus daran geht, sich selbst eine Katastrophe zu bereiten. Genau das bin ich im Zuge zu tun, bei klarstem Verstand und im Besitz aller Möglichkeiten, es zu verhindern. (Es handelt sich um eine Arbeit im Rheinland, ganz unliterarisch, indessen dämonisch, die ich annehmen werde.)

Wie man zu solchen Verrücktheiten fähig ist … es mischt sich hier alles Mögliche: Ekel vor der Literatur als Betrieb, Langeweile, Neugier, das Verlangen nach schärferem Gift, wie es der Zeitgeist eben bietet, Neugier vor allem der eigenen Person gegenüber, die man in schier unerträgliche Bedingungen geisselt und dort zappeln lässt. (Ich begreife die Lust, mit der Mönche sich peitschen.) Hass spielt auch ein gegen meinen Stolz, ein stolzer Hass, der erwartet, dass mein Stolz sich bewährt.

Wenn eben möglich, komme ich im Herbst doch noch nach Paris, – oder kommen Sie hierher? Ich bat die DVA, Sie zu einer Buchhändler-Tagung nach Honnef einzuladen, irgendein Weibstück, Rezitatorin, hat Ihre Gedichte (nur zwei) am Bodensee unerträglich gelesen, und ich habe ihr für Honnef das Handwerk gelegt, – oder werde es legen.

Lieber Celan, ich möchte Sie sehen!

Ihr

Rolf Schroers

Das Buch in der Anlage: geifernder Schmerz!

14.1 Widmung in: Rolf Schroers, »Der Trödler mit den Drahtfiguren. Roman«, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1952.

Für Paul Celan

am 15-IX-52

Rolf Schroers

15. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen, 13.10.1952.

Bergen, am 13-X-52

Lieber, schweigsamer Freund,

von Eisenreich, der es von seiner Schwester hat, hörte ich schriftlich, dass es Ihnen garnicht gut gehe. Darf ich, muss ich besorgt sein? Bitte schreiben Sie mir auf jeden Fall, wenn Sie einer finanziellen Hilfe bedürfen. Natürlich kann ich nichts versprechen; aber vielleicht lässt sich doch etwas tun. Was Übersetzungen für die DVA betrifft, so sind dort durchaus Absichten, nur scheint es gegenwärtig an Objekten zu fehlen, die man Ihnen antragen könnte.

Wenn Sie mit Ihrem Roman begonnen haben sollten – ich wünsche sehr, Sie fanden genug Kraft – so ist mit einer Textprobe vielleicht (und wahrscheinlich) ein Vorvertrag zu erzielen, der Ihnen etwas Luft schaffen könnte.

Das Heftchen »Konturen« werden Sie erhalten haben. Hoffentlich nehmen Sie mir die Eigenwilligkeit nicht übel, mit der ich über die Gedichte verfügte, und es ging für eine Rückfrage zu schnell. Von Honoraren, die klein sein werden, da die Auflage der Hefte sehr gering ist (zirka 300 Stück, handabgezogen), hörte ich noch nicht.

Der »Frankfurter Allgemeinen« möchte ich nun zum Totensonntag wenn möglich Ihre »Todesfuge« zum Abdruck geben. Wären Sie damit einverstanden? Dann lassen Sie mich das bald wissen. Ob die Zeitungsleute dann Mut haben werden, bleibt freilich abzuwarten.

Ich sitze mit trübem Hirn bei trübem Wetter an meinem Schreibtisch. Die äusserlich verworrene Situation, über die ich in meinem letzten Brief klagte, ist nach Innen geschlagen. Nicht in dem Sinne, dass mich lästige Empfindungen hänselten, sondern das Haus ist auf eine boshafte und unhaltbare Weise in Unordnung geraten, der älteste Sohn zeigt ekelhafte Seiten, und so quält man sich ganz drastisch am eigenen Fleisch und Blut.

Immerhin versuche ich, an der Niederschrift meines Romans zu bleiben; aber wie soll man schreiben, wenn irgendein äusserstes Elend den Augenblick zur Pose macht, in dem man sich vor den weissen Bogen setzt. Es gibt da ein satanisches Nichtigkeitsgefühl, das bei der kleinsten Nachgiebigkeit jeden Impuls zersetzt. Aber ich werde Ihnen davon nichts sagen müssen. Und dann starrt der Tag so nüchtern und grausam durch die Fenster.

Ein Buch von mir, »Der Trödler mit den Drahtfiguren«, kam soeben heraus. Ich will es Ihnen gern schicken, wenn Sie und wann Sie es sich wünschen. Sie werden viel Oberflächliches darin finden, Ungenügen aus Ungeduld.

Aber wie soll man, ausser in Augenblicken, Geduld mit sich finden, und wie auch Vertrauen. Auf Ihren Versen haftet doch bei aller Bitterkeit der Glanz von grossen Festen. Möchte Ihnen ein solcher Glanz auch bei der Prosa gegeben sein. Es ist das, was ich auch am besten Jünger liebe (und was Gottfried Benn garnicht hat).

Zum Monatswechsel tagt die ›Gruppe 47‹; aber Sie werden wohl nicht kommen. Gern hätte ich Sie gesehen, und denken Sie daran, dass Ihnen bei mir immer die Tür offen steht (ich würde ein guter Landesfürst alter Art sein!). Wissen Sie mich bitte in Gedanken oft bei Ihnen und mit Augen und Lippen oft vor der gelben Mappe mit Ihren Versen.

 Mit vielen guten Wünschen

Ihr

Rolf Schroers

16. Paul Celan an Rolf Schroers, Paris, 27.10.1952.

27. Oktober 1952.

Lieber Schroers,

können Sie dieses lange Schweigen verzeihen?

Mir ging es diese letzten Wochen nicht besonders – nun gehts aber wieder besser und ich will Ihnen öfter schreiben, wie bisher.

Nicht an Gedanken fehlts, nicht an Gedenken – nur die Worte zögern so lange.

Wie schön, daß Sie zwei Verszeilen als Motto für eines Ihrer Bücher nehmen – ich danke Ihnen.

Der »Trödler« ist schon vor längerer Zeit eingetroffen – ich hob ihn für eine mir günstigere Zeit auf, die, wie ich hoffe, nun auch anbricht.

Ach, diese Zeilen wissen nicht das zu sagen, was ich sagen möchte – hier sind dafür ein paar Verse, als Brief.

Ich grüße Sie und Ihre Frau

von Herzen

Ihr

Paul Celan

16.1

Da nun die Nacht und die Stunde,

so auf den Schwellen nennt,

die eingehn und ausgehn,

guthiess, was wir getan,

als uns kein Drittes den Weg wies,

werden die Schatten nicht

einzeln kommen, wenn mehr

sein soll, als heute sich kundtat,

werden die Fittiche nicht

später dir rauschen als mir –

Sondern es rollt übers Meer

der Stein, der neben uns schwebte,

und in der Spur, die er zieht,

laicht der lebendige Traum.

Paris, 21.8.52

Nächtlich geschürzt

die Lippen der Blumen,

gekreuzt und verschränkt

die Schäfte der Fichten,

ergraut das Moos, erschüttert der Stein,

erwacht zum unendlichen Fluge

die Dohlen über dem Gletscher:

dies ist die Gegend, wo

rasten, die wir ereilt:

sie werden die Stunde nicht nennen,

die Flocken nicht zählen,

den Wassern nicht folgen ans Wehr.

Sie stehen getrennt in der Welt,

ein jeglicher bei seiner Nacht,

ein jeglicher bei seinem Tode,

unwirsch, barhaupt, bereift

von Nahem und Fernem.

Sie tragen die Schuld ab, die ihren Ursprung beseelte,

sie tragen sie ab an ein Wort,

das zu Unrecht besteht, wie der Sommer.

Ein Wort – du weisst:

eine Leiche.

Lass uns sie waschen,

lass uns sie kämmen,

lass uns ihr Aug

himmelwärts wenden.

Paris, 9.9.52

Stein, aus dem ich dich schnitzt,

als die Nacht ihre Wälder verheerte:

ich schnitzt dich als Baum

und hüllt dich ins Braun meines leisesten Spruchs wie in Borke –

Ein Vogel,

der rundesten Träne entschlüpft,

regt sich wie Laub über dir:

du kannst warten,

bis unter allen den Augen ein Sandkorn dir aufglimmt,

ein Körnchen Sands,

das mir träumen half,

als ich niedertaucht, dich zu finden –

Du treibst ihm die Wurzel entgegen,

die dich flügge macht, wenn der Boden von Tod glüht,

du reckst dich empor,

und ich schweb dir voraus als ein Blatt,

das weiss, wo die Tore sich auftun.

Strähne, die ich nicht flocht, die ich wehn liess,

die weiss ward von Kommen und Gehen,

die sich gelöst von der Stirn, an der ich vorbeiglitt

im Stirnenjahr –:

dies ist ein Wort, das sich regt

Firnen zulieb,

ein Wort, das schneewärts geäugt,

als ich umsommert von Augen

die Braue vergass,

die du über mich spanntest,

ein Wort, das mich mied,

als die Lippe mir blutet' vor Sprache.

Dies ist ein Wort, das ohne mein Wissen geprägt ward,

ein Wort nach dem Bilde des Schweigens,

ein Wort,

umbuscht von Singrün und Kummer.

Niedergehn hier die Fernen,

und du,

ein flockiger Haarstern,

schneist hier herab

und rührst an den irdenen Mund.

Paris, 18.10.52

DER GAST

Lange vor Abend

kehrt bei dir ein, der den Gruss getauscht mit dem Dunkel.

Lange vor Tag

wacht er auf

und facht, eh er geht, einen Schlaf an,

einen Schlaf, durchklungen von Schritten:

du hörst ihn die Fernen durchmessen

und wirfst deine Seele dorthin.

Paris, 27. X. 52

17. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen, 8.11.1952.

Am 8-XI-52

Lieber Celan,

Sie waren mit Ihrem Gedicht »Der Gast« recht leibhaftig bei mir:

»– und facht, eh er geht, einen Schlaf an,

»einen Schlaf, durchklungen von Schritten:

»Du hörst ihn die Fernen durchmessen

»und wirfst deine Seele dorthin.«

So leben Sie hier und tuen Sie noch.

Die unbeschreibliche Erregung, mit der ich die neuen Gedichte las, vor allem »Nächtlich geschürzt« und »Stein, aus dem ich dich schnitzt«, rührt aus der religiösen Erfahrung, die beide Gedichte fassbar machen. Man stürzt durch den Grund seiner oberflächlichen Wahrnehmungen ab in die Zonen des Instinktes, der im eigenen Hirn niemals resultiert, bei Ihnen aber, und damit bei mir, Gestalt gewinnt. Welch ungeheuere Energie muss zu solcher Leistung gehören!

Nein, – schreiben Sie nicht, wenn Ihre Gedanken nicht gerade mich als Adressaten gebrauchen, und entschuldigen Sie, dass ich Sie mit meiner Unruhe beunruhigte.

Auch, was den »Trödler« betrifft, muss ich Sie um Nachsicht bitten, – es ist ein ganz und gar innerlich unfertiges, hastiges, und schrilles Buch, das mir mit jedem Tag leidiger wird. Obschon es aus der Schublade heraus musste, vielleicht nur, um mich bescheidener zu machen.

Der Herbst ist hier böse, und es bedarf vieler Kraft, ihn Tag zu Tag zu bestehen. Eine Woche lang habe ich nicht gearbeitet, davor bin ich gut vorangekommen, und ich will in der nächsten Woche wieder eintauchen. Zu sehr bin ich dem Lärm verknüpft, als dass ich mir nicht manchesmal Zwang antun müsste, zu epischer Arbeit ist das freilich unerlässlich, und dann trägt sie einen freilich dafür.

Lassen Sie sich herzlich von uns allen grüssen, und seien Sie versichert, dass ich Ihrer oft gedenke

Ihr

Rolf Schroers

P. S. Schallück erzählte liebenswert von Ihnen.

Nachschrift.

Der Brief von Weyrauch ist nett und richtig, es wäre interessant, den Wortlaut der Negationen zu erfahren. Weyrauchs eigene Kritik ist erfreulich, so sieht man doch, dass Gottfried Benn in Deutschland Schule macht und den Ton bestimmt; das ist das schlechteste nicht.

Alfred Andersch ist ein tüchtiger Manager, aber doch wohl ein Banause. Ich jedenfalls ertrage ihn kaum. Sympathisch ist seine Unverhohlenheit.

Mit Grüssen nochmals und Dank. Die Übersetzungsfrage rühre ich an!

Ihr

Rolf Schroers

18. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen (?), 28.12.1952.

Am 28-XII-52

Lieber Celan,

Sie haben uns in doppelter Weise reich beschenkt, – einmal mit der Gabe, die Sie aus Paris an uns adressierten, dem kostbaren Brevier, das wir schon mehrmals durchblätterten (mit dem deutlichen Wunsch, es möchten doch wieder edle Könige aus den Völkern erstehen), – zum andern mit dem Gedichtband, den die Verlags-Anstalt gerade zum Fest noch auf unseren Gabentisch legte: und das war eine noch grössere Freude. Da ich über das Gedeihen des Bandes trotz aller Rückfragen nie mehr gehört hatte, war ich seit längerem besorgt gewesen. Diese Besorgnis war nun genommen.

Ihre Gedichte können nun nicht mehr untergehen, soweit menschliches Ermessen einen solchen Gedanken ausdenken kann. Die Ernte ist eingebracht und gesichert. Man musste doch so sehr um die losen Blätter des Maschinenskriptes bangen, und keine Vervielfältigung machte der Not ein Ende.

Nun soll es unsre Sorge sein, das Buch in die rechten Hände zu bringen.

Meine Arbeit am neuen Buch schreitet fort, und ich denke, dass es im Herbst 53 planmäßig gedruckt sein kann. Inzwischen erreicht mich der Ärger und Verdruss, den der »Trödler« offensichtlich erregt. Es sind böse und grelle Stimmen darunter, und ich bin von der Niederschrift des Romans noch so bedrückt, dass ich kein gutes Wort für ihn finden kann. Alles erscheint in einer hektischen Verzerrung, und das Produkt als Ausdruck umfassender Unreife.

Ich hoffe, dass ich nach Abschluss meines Manuskriptes und vor der Korrektur der ganzen Niederschrift, mit meiner Frau nach Paris kommen kann. Ich denke, es wird Mitte Februar etwa so weit sein. Ich möchte auch Georg K. Glaser dort sehen, der einen gewaltigen autobiographischen Roman »Geheimnis und Gewalt« verfasst hat, der mir erst eben in die Hände kam. Glaser lebt als Goldschmied in Paris, – vielleicht kennen Sie ihn?! Ich glaube, dass es sich sehr lohnt, ihn zu treffen, es gibt ja nur wenige.

Ihnen ein gutes, ein förderliches Neues Jahr, und reiche Beglückungen

Ihr

Rolf Schroers

19. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen, 14.1.1953.

Bergen, am 14-I-53

Gang 4 / Tel. Ffm. 988 205

Lieber Celan,

dürfen wir annehmen, dass Gisèle Ihre Frau ist und Ihnen viel Glückliches wünschen? Ein rechter Brief will mir nicht gelingen, ich bin erkältet, müde, missmutig, also nicht in der Façon eines fröhlich lärmenden Gratulanten. Indessen bringt der Aufschub dieses notwendigen Briefes auch keine Aussicht auf Besserung; nehmen Sie ihn also, wie er kommt.

Ich denke, es muss Ihnen gut sein, und Ihre Frau wird viele Freude haben. Wir versuchen, uns Gisèle vorzustellen und malen sie auf Goldgrund. Da sie Ihre Frau geworden ist, gehört ihr unsere herzliche Sympathie, wollen Sie Gisèle dessen versichern.

Wenn eben das Geld dazu reicht, kommen wir im frühen Frühjahr nach Paris. Vielleicht finden Sie ein wenig Zeit.

Viel Freundliches höre ich über Ihre Gedichte; davon ein ander Mal.

Ihr

Rolf Schroers

20. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen (?), 27.2.1953.

Am 27-II-53

Lieber Celan,

die Sonne scheint so freundlich, und Paris, wo ich um diese Zeit sein wollte, könnte und sein sollte, kommt mir um keinen Schritt entgegen. Für die geplante Reise sehe ich noch keine finanzielle Möglichkeit; dabei habe ich sie redlich verdient, denn mein Buch ist fertig, – es soll Sie zu seiner Zeit (Herbst) mit dem Trödler versöhnen. Bei mir sind garzu viele hungrige Mäuler zu stopfen.

Heute machte ich eine Sendung über »Mohn und Gedächtnis« fertig, die am 11-III. über den hessischen Rundfunk kommt. Und im übrigen verschicke ich das schöne Buch gerade an Leute, die es haben sollten.

Als Arbeit beschäftigen mich Vorbereitungen zu einem Theaterstück, und so treibt alles fort. Die grausame Produktionsmaschine, der ich mich verschrieben habe, presst mich wie eine Zitrone aus. So erreiche ich nur sporadisch noch Zustände, statische Tiefpunkte, in denen mich Ihre Gedichte produktiv erreichen. Passiv ist es Arzenei.

Die neuen Gedichte, die Sie mir vor Weihnachten schickten, habe ich Dr. Hirsch für die »Neue Rundschau« gegeben. Er versicherte mir kürzlich, er wolle sie bringen. Wenn Sie damit sonst zum Druck kommen wollen, – vielleicht sind sie nun auch schon erschienen, – dann melden Sie's ihm bitte. – Ich freue mich, Sie als Übersetzer in den »Perspektiven« zu entdecken!

Sie dürfen gewiss sein, dass jetzt schon viele Leute in Deutschland von Ihnen wissen, und das können nach Lage der Dinge nur solche sein, die als Leser zu haben schön sein muss.

Treiben Sie Neues?

Mit herzlichen Grüssen und guten Wünschen von uns für Sie beide

Ihr

Rolf Schroers

21. Paul Celan an Rolf Schroers, Paris, 21.3.1953.

31, rue des Ecoles

Paris, den 21. März 1953.

Mein lieber Rolf Schroers,

können Sie mir dieses lange Schweigen verzeihen? Ich habe wiederholt zur Feder gegriffen, um Ihnen zu schreiben, und immer wieder musste ich dabei merken, dass die Stunden nicht hergeben wollten, worum ich sie bat, ich fiel mir ins Wort, unterbrach mich selber, verzweifelte darüber, dass ich diesen Weg, der frei war wie nur wenige, nicht beschreiten konnte.

Ich bin voller Ungeduld, und dies ist um so seltsamer, als ich ja gerade jetzt keinerlei ersichtlichen Grund dazu habe. Ich versuche mich zu orientieren, aber es will mir keineswegs gelingen, ich bin recht ratlos, greife nach diesem und jenem, nach tausend Dingen zugleich, ohne die Wahl treffen zu können, die nottut. Nicht, dass es mir an Zeit fehlte – es fehlt mir an Besonnenheit, ich atme zu rasch, halte inne am falschen Ort, inmitten falscher Gedankengänge, ich verliere die Uebersicht.

Ich habe kaum etwas geschrieben, und wenn dies auch nicht neu ist, so ist es dennoch schwerer als zuvor, weil jetzt das Gefühl hinzukommt, dass ich dadurch alle jene enttäusche, die in meinem Gedichtband geblättert haben.

Wie schön wäre es, wenn Sie nach Paris kommen könnten! Wir hätten Sie so gern gebeten, unser Gast zu sein, aber wir wohnen immer noch in dem einen, recht kleinen Hotelzimmer, und zur Zeit bestehen keinerlei Aussichten auf eine richtige Wohnung. Gestern las ich in einer Zeitung, dass für Ende Mai ein Zusammentreffen deutscher und französischer Schriftsteller geplant sei – wäre dies nicht eine günstige Gelegenheit auch für Sie? Wenn Sie aber jetzt kommen könnten, jetzt, wo die Stadt sich so deutlich über jedes Auge freut, das ihr zusieht, während sie ihren Frühling verteilt – es wäre noch viel schöner! Ich sehe uns dahinschlendern über die Quais, von Blatt zu Blatt, von Farbe zu Farbe, da und dort ein paar Worte fallen lassend, die der Abend zu ordnen weiss.

Lieber Schroers, eine Bitte noch: darf ich das Manuskript Ihrer Sendung haben? Ich konnte sie leider nicht hören, aber ich fühle, dass ich jedes einzelne Wort brauche.

Meine Frau bittet mich, Sie und Frau Illa auf das herzlichste zu grüßen, und ich selbst

bin von Herzen

Ihr

Paul Celan

22. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen, 23.3.1953.

Am 23-III-53

Mein lieber Paul Celan, –

herzlichen Dank für Ihren Brief: Sie wissen, wie ich mich über ein Lebezeichen von Ihnen freue, und ich kann es dann nicht lassen, wenn mir nur einigermassen wohl zumute ist, Ihnen gleich zu schreiben. Manche Regung bleibt ohnedies unausgeführt, weil man niemanden weiss, an den man sie verschwenden dürfte.

Wie gerne käme ich nach Paris! Leider ist meine Kasse völlig leer, und sollte nicht ein Wunder geschehen, so wird es bei dem Wunsche bleiben. Von der Schriftsteller-Tagung weiss ich nichts. Ich werde horchen, ob sich für mich etwas gewinnen lässt. »Gruppe 47« tagt, wie ich soeben erfuhr, vom 22.-24. V. in Mainz, – vielleicht können und mögen Sie?

Meine Funk-Besprechung lege ich bei. Es ist das nichts sonderliches für Sie, eine solche Sache muss notgedrungen einfach sein, rauscht an den Ohren vorüber, und wenn viel geleistet ist, so ist das ein Aufhorchen, ein Stutzen, das hier und da zu genauerer Betrachtung anregen mag. Wer hat im Grunde Ohren, um zu hören, und wer hat ein Herz, das Gehörte zu vollziehen und zu bewahrheiten, womit es ja erst geleistet wäre. Froh bin ich, dass mir die DVA eine Anzahl Bände zur Verteilung übergeben hat, so dass ich hier und da jemanden erreichen kann, für den es eine gute Kost ist. – Es gehen Überlegungen um, einen Komponisten zu gewinnen, der aus Gedichten von Ihnen ein Oratorium zusammenstellt. (Dr. Hartmann Goertz ist der Tätige). Ich verstehe zu wenig davon, um dazu eine Meinung zu haben, was mich freilich nicht hindert, den Umstand zu begrüssen und zu fördern.

Mein Buch, das schrieb ich wohl schon, ist bis auf die Korrektur fertig gestellt, und ich freue mich darauf, es im Herbst in Ihre Hände legen zu können. Ja, – ich freue mich auf keinen Leser so sehr, wie gerade auf Sie.

Sie werden am deutlichsten wissen, wie hoffnungslos schwierig es ist, in einer längeren Prosa zu Aussagen zu kommen, die von einem Grundgefühl über alle Zerstreuung getragen werden, – zumal dann, wenn man mit dem überwachen Gerechtigkeitssinn behaftet ist, der die Skrupulenten quält. Prosa ist für mich doch eine fürchterliche, moralische Aufgabe, und man muss dann alles aus sich selbst herausheben, hinstellen und garantieren.

Ich habe dem Buch, das 3 Teile hat, mit Ihrer Erlaubnis als Zitat vorangestellt:

»– mache mich bitter,

»zähle mich zu den Mandeln.«

Überdies, und dafür muss ich Ihre Erlaubnis noch einholen, habe ich dem 3. Teil Ihr Gedicht »Der Gast« vorangesetzt, und Sie sind auch zu Gast in einem Kapitel dieses 3. Teils, nicht als billiges Konterfei zwar, doch als Natur, als Person, als ein schwarzer Edelstein.

Im Augenblick tändle ich so hin mit meiner Zeit, spiele mit Plänen, mache mir materielle Sorgen und beschäftige mich obenhin, sogar mit krausen politischen Dingen, an denen ich Impulse abreagieren kann, die mir sonst die Stunden vergällen würden.

Vor ihrer Abreise nach Rom war ich kurz mit Frau Kaschnitz zusammen, und wir bedauerten beide, dass wir in gegenseitiger Scheu uns vor einander zurückgehalten hatten, bis uns der Zufall nun, bei einer Grabbe-Aufführung zusammenbrachte. So versäumt man, was auf der Hand zu liegen scheint. Mit Wärme sprach Frau Kaschnitz von Ihnen und Ihrer beider ersten Begegnung in Paris.

Nehmen Sie nun meine herzlichen Wünsche für das eigene Ergehen und lassen Sie Ihre liebe Frau einbezogen sein in unsere Sympathie. Frau Illa grüsst sehr!

Ihr

Rolf Schroers

P. S. – Könnten Sie mir das Ms. der Sendung zurückschicken? – Ich habe kein 2. Expl. und mir fehlte die Zeit zur Abschrift.

Beilage: »Der Dichter und sein Werk: Paul Celan« (IV.3/1).

23. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen (?), 31.5.1953.

Am 31-V-53

Lieber Celan,

Böll und auch Schallück erzählten mir einiges aus Paris, so dass ich auf diesem Umweg erfahre, dass Ihre Adresse noch stimmt und dass Sie eine reizende Frau haben, woran ich freilich nie zweifelte. Schallück beschrieb mir auch Ihr Zimmer – zwischen den Spiegeln, und so abstrakt mitgeteilt bezeichnet das eine gespenstische Situation.

Leider komme ich nie dazu, meine Pariser Reise zu verwirklichen, zumeist fehlt das Geld, und das ist zumindest solange schlimm, als zusätzlich auch die Erfahrung fehlt. Einmal dort gewesen, würde es kaum noch als Hindernis gelten. Nun, ich hoffe, dass es sich einmal unversehens verwirklicht, wie es die Dinge bei mir zumeist tun.

Vielleicht haben auch Sie schon erfahren, dass die leitenden Herren der Deutschen Verlags-Anstalt samt und sonders vor die Tür gesetzt wurden. In der unmittelbaren Folge auch ich. Ich habe keinerlei Fühlung mehr mit Stuttgart. Hoffentlich wirkt sich die Umstellung (aufs Restaurative, Verkäufliche) nicht auch ungünstig auf Sie aus.

Mein Buch, das ich abgeschlossen habe, wird demzufolge woanders, und zwar beim Eugen Diederichs Verlag in Düsseldorf erscheinen. Ich bin froh über diesen Wechsel, denn wohl fühlte man sich niemals bei der Société Anonyme … Ich schicke Ihnen den Band im Herbst, und Sie werden dann sehen, dass er Ihnen in einem tieferen Sinn gewidmet ist, wohl auch in einem gefährlichen Sinn (für mich gefährlich).

Schreiben Sie mir nur, lieber Celan, wenn Ihnen danach zumute ist! Aber ich darf Ihnen versichern, dass mich keine Post mehr und tiefer beglückt, als eine Zeile von Ihnen. Ich möchte auch, dass Sie ganz rücksichtslos von allen meinen Möglichkeiten Gebrauch machten, so ich Ihnen auch nur im Geringsten eine Hilfe sein kann. Wäre ich Ihnen näher, so würde ich zu raten versuchen, wie …

Mit allen Wünschen und sehr herzlichen Grüssen auch an Ihre liebe Frau

Ihr

Rolf Schroers

24. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen (?), 29.8.1953.

Am 29-VIII-53

Lieber Paul Celan,

Sie können nicht wissen, wie sehr mich ein Brief von Ihnen erfreut. Und dieser kam noch aus einem kleinen französischen Dorf, während alle Schlagzeilen uns versicherten, in Frankreich fänden sich wegen des Streiks kaum noch zwei Hände zusammen.

Sie sind ratlos – nun, so weiss ich denn, dass Sie gründlich sind, denn Rat weiss nur der Oberflächliche, und auch ich meinte mit meinen Worten die Oberfläche: Sie sagen es selbst mit Ihrem Hinweis auf das Paradox, der Forderung, aus seinen Widersprüchen zu leben. Welche andere tiefe Realität gäbe es außer der Ratlosigkeit, und die Wiesenblume weiss nichts anderes.

In der »Neuen Rundschau« erschienen soeben die Gedichte, die Sie mir im Winter anvertrauten, und Ihrem Brief lagen wieder zwei Gedichte bei, die mir Botschaften aus einer Ferne sind, die ich ohne Sie nicht gewahren würde.

»Davor das Fremde, des Gast du hier bist:

»die lichtlose Distel,

»mit der das Dunkel die Seinen bedenkt,

»aus der Ferne,

»um unvergessen zu bleiben. –«

Diese Ferne rückt nah, vergegenwärtigt sich, und ich spüre Ihr ohnmächtiges Aufschluchzen mit Erschütterung, wenn Sie das andere Gedicht enden lassen mit den Worten:

»– Und sah meine Pappel nicht mehr.«

Es wäre garzu unbescheiden, wenn ich oder jemand hier seinen »Rat« anmelden würde. Wie sollte es in dieser echolosen Zeit anders sein, als dass die Öde auch im eigenen Herzen sich dehne, unübersichtlich weit, ein stummer Schrei zwischen zwei Worten, die einander verlangen.

Sie lesen ja nicht nur – und fliehen damit – sondern Sie schlagen die Augen auf, träumen und sehen Wasser vorübergleiten, sehen den Wein reifen und all die fürchterliche Ungeduld, mit der arme Menschen ihr Wissen um den aufgetanen Abgrund verhehlen, am meisten vor sich selbst. Ratlosigkeit – ich kenne keine andere Auskunft vor der Frage nach einem Trost, der doch nur triftig würde, wenn er sich mächtiger als die Distel, tiefer als der Abgrund wüsste.

Seien Sie mit aller Liebe gegrüßt, sagen Sie Ihrer Frau alle guten Wünsche von uns

Ihr

Rolf Schroers

Machen Sie Ihren Winterbesuch wahr! Wenn ich eben kann, finde ich mich zum Herbst in Paris ein.

25. Paul Celan an Rolf Schroers, Paris, 21.9.1953.

5, rue de Lota (16e)

Paris, den 21. September 1953.

Lieber Schroers,

nur ein paar Worte, um Ihnen für Ihren Brief zu danken, ein paar Worte, die verhindern sollen, daß das Schweigen dem Hinübergedachten den Weg vertritt, ein paar Worte endlich, um Ihnen zu sagen, daß wir wieder in Paris sind, in einer neuen Wohnung, die aus einem weit geräumigeren Zimmer als dem früheren und einer kleinen Küche besteht, und daß wir für Ende dieses Monats oder Anfang des kommenden einen kleinen Gast erwarten.

Seien Sie und die Ihren herzlich gegrüßt!

Ihr

Paul Celan

26. Paul Celan an Rolf Schroers, Paris, 10.(?)10.1953.

Angekommen 12-X-53

Lieber Schroers, lieber Freund!

Wir haben unser Kind, unsern Sohn verloren – dreißig Stunden nach seiner sehr schweren Geburt (dreimal Zange, schließlich, zu spät, Kaiserschnitt).

Meiner Frau geht es gottlob gut. Sie wissen kaum, wie sehr wir uns diesen Sohn gewünscht hatten!

   Ihr

     Paul

27. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen, 12.10.1953.

Bergen, am 12-X-53

Lieber, armer Paul

wie sehr wünsche ich mich nach Paris – nicht um Ihrer grossen Trauer zuzuschauen, sondern einfach, um Ihnen erreichbar zu sein für den Augenblick, in dem Sie dessen bedürften.

Ich habe kein Geld, ausserdem machen die Franzosen mir Passschwierigkeiten, die zu beheben ich leider zu bequem war. Sie müssen sich mit meiner schmerzvollen Anteilnahme von fernher begnügen.

Seit Ihrem letzten Brief waren unsere Gedanken oft bei Ihnen und Ihrer zarten Frau (die meine hatte eine komplette Kleinkindergarnitur zusammengestrickt, die als froher Gruss zu Ihnen kommen sollte, als ein recht weiblicher Gruss). Nun denken wir an Ihren »GAST«.

Unser Mitgefühl ist umso bestimmter, als auch wir einen Jungen, der kaum 24 Stunden gelebt hatte, verloren. Das war im Krieg, nach einem Bombenangriff, und ich war zuhause. Man stirbt dann wohl immer selbst. Aber, lieber Paul, Sie wissen genug vom Tod.

Dass Ihre Frau nur die doppelte Qual tapfer und ohne Schäden überstanden hat! Sie wird vieler Liebe bedürfen, nachdem sie soviel verwirklichte Liebe an das Du noch verlor. Sie wird sich jetzt fest an Sie halten müssen in ihrer Bangigkeit, versagt zu haben, der Sie der einzige Richter sind. Sie werden eine solche Rolle von sich weisen, und Sie werden es nur können, wenn Sie sie zu Ende spielen.

Möchten Ihnen die sonnigen Herbsttage einige Kraft schenken. Und denken Sie doch darüber nach, ob Sie nicht für eine Weile mit Ihrer Frau hierher kommen wollen, sobald die Gesundheit nur ungefährdet wiederhergestellt ist.

Wie ich höre, hat Ihr Gedichtband erfreulich viel Käufer gefunden (1400), und das wird, nachdem eine so hohe Zahl erreicht ist, nicht nachlassen. Können wir uns verhehlen, dass ein tiefes Wissen um die Welt tiefe Heimsuchung bedeutet, so als stelle eine böse Macht alles auf unsere Vernichtung ab? Welch törichter Segen ruht auf den Oberflächlichen. Aber das ist eine furchtbare, kalte, harte Rechnung. Ich weiss – das ist auch kein Trost, aber Sie werden nach Trost nicht verlangen; oder der Trost, der Sie erreichen kann, ist anderer, dieser Art, ist ein bitteres, tieferes Wissen, das auch solche Heimsuchung umfasst, ohne sich ihr zu entziehen.

Alle Kraft für die kommenden Stunden, und sagen Sie Ihrer Frau ein gutes Wort von uns

Ihr

Rolf Schroers

28. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen, 11.11.1953.

Rolf Schroers

16) Bergen Ffm

Gangstr. 4

Am 11-XI-53

Lieber Paul Celan –

hier herrscht graues, finsteres Novemberwetter, man wagt sich kaum in den Tag hinein, der einen mühseligen Fortgang nimmt. Man heizt ein, versucht dies und das, liest und wartet auf eine kleine Hoffnung. Ich bin mir ganz fern, und damit jedem möglichen Zugang. Es ist nun einen Monat her, daß ich Ihnen zuletzt schrieb. Der 10. Oktober war mein Geburtstag.

Mein kleines Töchterchen ist nun schon lange wieder im Krankenhaus. Sie hat eine der unheimlichen Krankheiten, bei denen die Medizin weder Ursache noch Art, noch die Möglichkeiten einer Heilung kennt. Encephalitis. Kann nicht mehr laufen, siecht leiblich dahin, dann besserts sich wieder unmerklich, vielleicht wirds gut, und an dieses Vielleicht hält man sich. Schließlich erscheint alles sonstige Tun leichtfertig, und selbst die unsägliche Mühe der Produktion als ein abgründiger Akt des Selbstschutzes.

Das ist eine recht trostlose und auch unrichtige Auslegung. Ich fand gestern ein schönes Wort bei dem auch sonst bemerkenswerten Francis Stuart, einem bedeutenden Iren, der von Dichtern aus dem »Lager« spricht: »Sie mußten tief hinein in die Nacht, dort wo sie am schwärzesten und undurchdringlichsten ist. Aber sie brachten Worte daraus zurück, die nur in solchem Weltdunkel gefunden werden, WORTE DIE DIE DUNKELHEIT EINFASSTEN ABER NICHT VOM DUNKEL EINGEFASST WURDEN.« Dies letztere zumal, dahin zielt wohl die Bemühung. Wie weit man auch jeweils davon entfernt wird – die Produktion ist in diesem Sinne eine Expedition, oder belanglos. Ich weiß, wieviel Dunkelheit der schlechteren Art noch bei mir einschlägt. Darin steckt ein polemischer Akt, eine Drohung an die Behäbigen; das mag verdienstlich sein, doch ist es auch sekundär, – vielleicht ist es sogar wirklich leichtfertig.

Darf ich hoffen, Sie und Ihre liebe Frau, bald, zu sehen? Mir wird es noch nicht möglich sein, nach Paris zu kommen, aber ich habe viel Sehnsucht nach Ihrer reinen Gegenwart!

Ihr

Rolf Schroers

29. Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange an Rolf Schroers, Florenz, 16.11.1953.

Florenz, den 16. XI. 1953.

Lieber Rolf Schroers, lieber Freund!

Das Buch erhielt ich noch vor unsrer Abreise vor zwei Wochen. Ich las und las, bis tief in die Nacht hinein, wie ich seit langem nicht mehr gelesen hatte. Was soll ich nun sagen? Dieses Buch bedeutet mir mehr als Bücher mir bedeuten – was sich mir aufdrängt, ist die Frage, ob wir nicht Du zueinander sagen sollten –

von Herzen

     Paul

______

Ich habe das Buch noch vor meiner Abreise zu Maurice Nadeau, einem der bekanntesten frz. Kritiker gebracht.

Herzliche Grüße auch von mir Gisèle Celan

30. Rolf Schroers an Paul Celan, Bergen (?), 28.11.1953.

Am 28-XI-1953

Lieber Paul –

sehr, sehr herzlichen Dank! Und da ich nicht persönlich zu Euch kommen kann, Euch die Hand zu drücken, bleibt mir nicht viel mit Worten zu sagen.

Hierzulande verbreitet das Buch fast nur Unbehagen, das nach Argumenten sucht. Doch diesmal – anders als bei dem vorigen – weiß ich, auf eine ganz selbstverständliche Art ohne jede Anmaßung.

Es tut gut, ein so uneingeschränktes »Ja« zu hören, wie Du mir geschenkt hast. Ich weiß natürlich, daß nicht alles bis zur letzten Silbe vollkommen ist, aber ich glaube, Du hattest ein Recht dazu, die Summe der Arbeit zu begrüßen, wenn Du sie sauber fandest. Es gibt für mein Buch derzeit keine höhere Instanz, als Dein Urteil.

Dir und Gisèle von uns beiden alle guten Wünsche 

Dein Rolf

31. Paul Celan an Rolf Schroers, Paris, 30.11.1953.

Paris, den 30. XI. 1953.

Mein lieber Rolf Schroers,

wir sind nun wieder hier, seit vorgestern, hier und vielleicht auch daheim, inmitten dieses gebieterischen und zugleich fragwürdigen Zuhause . .

Daheim: zunächst vielleicht darum, weil hier die Briefe warten, aus denen fernher die Nähe, die Freundschaft spricht.

Sie spricht diesmal die Sprache des Kummers, des Schweren, das mit den Händen gegriffen sein will, aufbewahrt und getragen sein will ohne Unterlaß, um des Lebens und seiner Worte willen, bis zuletzt. Ich weiß nichts zu sagen als eben dies, weiß dabei, wie dürftig es ist, weiß aber auch, daß es kaum anders sein kann.

Sie schreiben, Sie warteten auf eine kleine Hoffnung . . Das ist es ja gerade: nicht das Erhoffte selbst gibt sich den Gedanken preis, nicht die Schwelle selbst muß überschritten werden – es ist nur eine Vor-Schwelle, eine der Vor-Schwellen, vor die man zu stehen kommt.