Brot und Spiele - Anja M. Stern - E-Book

Brot und Spiele E-Book

Anja M. Stern

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Beschreibung

Mit Brot und Spielen hielt die römische Oberschicht das gemeine Volk an der Kandare. Dieses „Kulturerbe“ lebt in der modernen Sex- und Vergnügungsindustrie weiter, deren Blüten und Auswüchse alles je Dagewesene verblassen lassen. Ein Thema, das geradezu zur Persiflage einlädt.

Wenn Sie also eine intelligente und geistreiche, hanebüchene und amüsante Story lesen wollen, die durch den Kakao zieht, worüber unsere Großeltern nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert haben, dann sind sie bei diesem Autorengespann genau richtig. Man erkennt die Handschrift der Autorin und des Autors sofort, da bedarf es keiner großen Mühe. Und eben das macht den besonderen Reiz der Geschichte aus.

Tauchen Sie ein in eine Welt, die Sie so nicht kennen, die aber direkt hinter der nächsten Ecke einer vergnügungssüchtigen Zukunft lauert.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Anja M. Stern, Elmar Neffe

Brot und Spiele

Moderne Gladiatoren im Sexcontest

Allen gewidmet, die auch und gerade DARÜBER lachen können.BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Moderne Gladiatoren

Wie war mein Chef nur darauf gekommen, ausgerechnet mich für diese Veranstaltung heranzuziehen. Was dachte er sich nur dabei? Meinte er etwa, ich sei durch irgendetwas für diesen Job prädestiniert? Verdammter Auftrag! Ablehnen konnte ich ihn nicht, das war zu gewagt, das hätte meine Stellung bei der Zeitung gefährdet. Ja, ich durfte nicht einmal im Geringsten versagen, denn nach der letzten Abmahnung wegen mangelnden Einsatzes bei der Nuttengeschichte im Rotlichtviertel konnte ich mir das nicht leisten. Dabei hatte ich wirklich alles gegeben. Noch am nächsten Tag war er rot und tat bei jeder Berührung weh. Also biss ich in den sauren Apfel und machte mich auf den Weg.

Angeblich war die Veranstaltung bis auf den letzten Platz ausverkauft, und Männer hatten keinen Zutritt. Unter keinen Umständen hieß es. Selbst Journalisten wurde kein Eintritt gewährt, lediglich die acht dämlichen männlichen Protagonisten durften in die Arena. Wie sollte ich da einen ordentlichen Bericht zusammenschustern. Ich musste mir irgendetwas einfallen lassen. Am besten ließ ich es einfach auf mich zukommen, der Zufall hatte mir schon oft zur Seite gestanden.

 Die Veranstaltung begann abends gegen 20 Uhr, sodass ich ohne Weiteres am Nachmittag für Interviews zu den acht Helden vorgelassen wurde. Was mich hierbei erwartete, spottet jeder Beschreibung. In acht Kabinen bereiteten sich acht Contestteilnehmer auf den Wettbewerb vor. Ich hatte nicht den blassesten Schimmer einer Ahnung, wie solch eine Vorbereitung aussehen könnte. Ließen sie ihren Schwanz Klimmzüge machen? Oder Liegestütze? Oder trainierten sie ihre Oberarme, indem sie Sektflaschen schüttelten, bis sie explodierten? Langsam begann mir der Auftrag zu gefallen, denn die komische Seite der Angelegenheit versprach einigen Spaß.

 Die erste Tür trug in großen Lettern den Namen „Long Tall John“. Aus der Broschüre, die mir der Manager beim Antrittsbesuch in die Hand gedrückt hatte, wusste ich, dass er aus dem schottischen Hochland stammte. Er war einer der Kandidaten auf den Gesamtsieg, stand dort zu lesen. Gut, dann wollte ich ihn mir mal ansehen.

Ein Naturbursche von mindestens zwei Metern Höhe öffnete auf mein höfliches Klopfen hin. Mit stierem Blick schaute er mich an. Seine Augen standen eng zusammen und ein wenig vor dem Kopf. Das Gesicht erinnerte stark an die Visage einer Bulldogge. Natürlich unterhielten wir uns in Englisch, doch ich gebe hier die Übersetzung wieder.

 „Hallo John, ich bin Elmar Neffe von der hiesigen Zeitung. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“

„Schießen Sie los, guter Mann. Wenn Sie vom Gewinner ein Vorabinterview haben wollen, dann sind Sie hier genau richtig.“

„Was macht Sie so sicher, dass Sie diesen Wettbewerb gewinnen werden?“

„Mann, sind Sie blind? Sehen Sie nicht, wen Sie vor sich haben?“

„Doch, es steht ja auch an Ihrer Garderobe: Long Tall John.“

„Na also, und haben Sie schon mal von einem Wettbewerb gehört oder gelesen, an dem ich teilgenommen und nicht gewonnen hätte?“

„Stimmt, das habe ich wirklich noch nie gelesen. Sie denken also, dass Sie die weiteste Strecke abspritzen werden?“

„Selbstverständlich. Obwohl die letzte Modifikation der Veranstaltungsleitung eine echte Herausforderung ist, werde ich gewinnen. Das steht unumstößlich fest.“

„Welche Modifikation meinen Sie?“

„Na, dass nicht nur ein Orgasmus zählt, sondern deren drei. Die Strecken werden addiert, und wer insgesamt am weitesten gekommen ist, gewinnt. Das habe ich in der Form noch nie erlebt. Eigentlich eine Sauerei, diese Änderung der normalen Prozedur so kurzfristig ins Programm zu nehmen.“

Wow, davon stand bisher nichts in den Zeitungen, das war eine echte Neuheit, da musste ich dran bleiben. Genau genommen hatte ich keine Ahnung von der Materie, hatte nicht einmal gewusst, dass es derlei Veranstaltungen überhaupt gab.

 „Wie viel Zeit wird Ihnen denn zugestanden, um diese drei Orgasmen vor der johlenden Weibermenge zu vollbringen?“

„Die Zeit ist reichlich, insgesamt mehrere Stunden. Doch es wird erheblich darauf ankommen, auch noch beim dritten Abspritzen große Weiten zu erzielen. Das habe ich bisher noch nie trainiert.“

„Wie trainieren Sie denn überhaupt, Herr Long Tall?“

„Am besten, ich zeige Ihnen, wie das geht“, erklärte er sich bereit, mir eine Vorführung zu geben.

 „Annie, komm mal kurz rein!“, brüllte er in den Nebenraum hinüber.

Eine äußerst spärlich bekleidete, junge Dame schob den Vorhang zur Seite und fragte säuselnd:

„Ja John, was gibt’s?“

„Dieser Herr will eine kleine Kostprobe unserer üblichen Trainingseinheit sehen, bist du bereit?“

„Klar, John. Volles Programm?“

„Selbstverständlich, nur keine Änderung der Routine, das führt nur zu Irritationen.“

 Ohne mich weiter zu beachten, vollführte die rassige Schönheit einen klitzekleinen Striptease, sodass sie alsbald nackt vor uns stand. Direkt über ihrer kahlen Pussy war in großen Lettern „LTJ“ eintätowiert. Eine eindeutige Zugehörigkeitsaussage. Mit einem einzigen Ruck riss sich John seine Hose recht publikumswirksam vom Leib, sodass auch er jetzt zumindest unten herum nackt vor uns stand.

Annie trat nun vor den Abspritzhelden, kniete sich hin und bearbeitete das riesige Gehänge des Mannes. Wow, das war wirklich beachtlich. Sein Schwanz stammte aus Brobdingnag, während meiner dagegen eher aus Liliput zu kommen scheint. Und unter meinen staunenden Augen wuchs das Ding, anders kann ich es nicht nennen, noch weiter an. Mannomann, wenn der so weit spritzte, wie er groß und dick war, hatten die anderen Teilnehmer wirklich keine Chance.

 Als ich glaubte, noch größer könne er unmöglich werden, schob ihn sich die schöne Dame in den Mund. Genau genommen hatte nur die Eichel darin Platz, doch diese bearbeitete Annie mit Inbrunst und großer Zungenfertigkeit. Immer wieder leckte sie über die Eichel, schob die Zungenspitze in die Harnröhre, und versenkte dann den bläulichen Riesenschnuller wieder in ihrer Mundhöhle. Mit beiden Händen knetete sie den Sack des Hünen durch, dass mir schon vom bloßen Zusehen angst und bange wurde. Unglaublich, dass das über längere Zeit durchzuhalten war.

 Annie war ein Prachtweib, ihre Titten rieben sich an Johns Beinen, und zwischen den Oberschenkeln hindurch konnte ich ihre nackte Schnecke sehen. Das Wasser lief mir im Mund zusammen und mein eigener Schwanz schwoll in der Hose. Verdammt, das war keineswegs professionell. Doch was diese Annie mit der Prachtlatte anstellte, war extraordinär.

Plötzlich krähte Long Tall John mit hoher Fistelstimme:

„Outadaway!“, und schneller als es das Auge realisieren konnte, sprang Annie zur Seite. Mit ein, zwei Handgriffen half John nach, bog seinen Unterkörper erst nach hinten und im entscheidenden Moment wieder nach vorne. In hohem Bogen schoss eine Fontäne aus seinem Riesending und landete in etwa zweieinhalb Metern Entfernung knapp über dem Boden an der Wand. Wieder erfolgte die gleiche Rückwärts- und Vorwärtsbewegung, und der nächste Spritzer schaffte es an der Wand noch ein paar Zentimeter höher.

 Wie in Trance vollführte der Champion seine Schüsse. Der dritte Spritzer war der Weiteste, danach klatschte der Rest auf den Fußboden.

Ich wusste gar nicht, wie ich jetzt reagieren sollte. Aus purer Verlegenheit begann ich zu applaudieren. Mit geschlossenen Augen verbeugte sich der Muskelprotz, wie wenn er ein riesiges Publikum vor seinem inneren Auge sähe. Doch plötzlich riss er die Augen auf und brüllte:

„Verdammt! Verdammt und zugenäht! Wie konnte ich nur? Heute ist doch kein normaler Wettbewerb mit nur einem Versuch, sondern ich muss drei Mal abspritzen. Wie konnte ich das nur vergessen!?! Du Idiot“, wandte er sich jetzt an mich, „du bist schuld. Du mit deiner beschissenen Fragerei! Wenn ich heute Abend nicht gewinne, bist du schuld, und dann verarbeite ich dich zu Kleinholz. Haben dich am Ende die anderen engagiert? Raus hier, du elender Wichser!“

Obwohl ich, so schnell mich die Füße trugen, das Hasenpanier ergriff, musste ich über die letzte Beschimpfung innerlich grinsen. Johns Glashaus musste ganz schön was aushalten.

 

Schnell machte ich mir ein paar Notizen und klopfte bei „Jager von Soest“ an. Als ganz plötzlich die Türe aufgerissen wurde, stolperte ich in den Raum.

„Was wollen Sie hier? Die Entscheidung wieder umschmeißen? Kommt nicht infrage! Sonst könnt ihr die Veranstaltung ohne mich machen. Geht das endlich in eure Köpfe hinein?!“

Wow, da hatte ich einen Wüterich vor mir. Ein mittelgroßer Mann von ausgesuchter Schönheit stand mir gegenüber. Der Zorn in seinem Gesicht machte ihn noch attraktiver, als er ohnehin schon war. Wie gut, dass ich für schöne Männer nichts übrig hatte, sonst wäre ich in Gefahr gewesen, ihn anzuhimmeln. Ein Bild von einem Mann eben. Ein krasser Gegensatz zu John.

„Ich habe keine Ahnung, werter Herr, wovon Sie reden. Welche Entscheidung meinen Sie denn?“

„Sind Sie nicht vom Komitee? Gehören Sie nicht zu diesen Wichsern, die meinem Freund verbieten wollten, der Veranstaltung hinter der Bühne beizuwohnen?“

 Noch so ein Fall von unzulässiger Verallgemeinerung. Doch darauf ging ich nicht näher ein, sondern stellte mich als Reporter vor, der von der Veranstaltung berichten sollte.

„Um welche Differenzen mit dem Komitee ging es denn“, fragte ich Jager aus, denn mir schien dieser Vorfall durchaus erwähnenswert. Jede Information konnte für den abschließenden Bericht wichtig sein. Wo es doch sowieso erheblich erschwert war, an brauchbare Informationen heranzukommen.

„Nicht nur, dass die Idioten kurzerhand das Reglement geändert und auf drei Orgasmen erhöht haben“, ereiferte sich auch dieser Kandidat, „sie wollen auch nicht zulassen, dass mein Jonathan hinter der Bühne der Veranstaltung beiwohnen kann. Ein Mann sei da nicht zugelassen, wollten sie mir weismachen. Dabei begleitet mich Jonathan seit Wochen auf der Tour und es wurde überall ohne Probleme akzeptiert, dass er in meiner Nähe bleibt. Nur wir acht Männer des Contests dürften auf und in der Umgebung der Bühne sein, sonst niemand, hieß es.“

„Ja, das hat man mir auch gesagt. Deshalb darf ich auch nicht live berichten, sondern muss die Interviews bereits jetzt führen und versuchen, mir ein Bild zu machen. Doch welche Probleme verursacht ihr Freund Jonathan? Und wenn ich Sie richtig verstanden habe, wurde die Entscheidung bereits revidiert, oder?“

„Ja, doch der ganze Hickhack schlägt sich negativ auf meine Potenz nieder. Dabei war das alles Quatsch mit Soße! Im Vorprogramm treten jede Menge Männer auf. Es war also reine Willkür. Wenn Jonathan nicht zusehen darf, nicht in meiner Nähe ist, läuft gar nichts.“

Jagers Wut schien sich langsam zu legen, seit er wusste, dass ich auf seiner Seite stand. Er kam näher und musterte mich von oben bis unten.

 „Weißt du“, ging er zu einer vertraulicheren Anrede über, „Jonathan ist ja so was von eifersüchtig. Schon der Gedanke, dass ich da oben mit sieben anderen nackten Männern stehe und wir gemeinsam unsere Nudeln bearbeiten, während er kein Auge auf mich haben kann, macht ihn wahnsinnig.“

Seine Gesten wurden zusehends weiblicher, jetzt, da seine Wut verraucht war. Die ausführliche Inspektion meiner Person schien zu seiner Zufriedenheit ausgefallen zu sein, denn er rückte mir noch näher auf die Pelle und fuhr fort:

„Dabei ist seine Eifersucht völlig fehl am Platz. Mit diesen Profiwichsern würde ich niemals etwas anfangen. Die haben nicht diesen unglaublichen Charme wie du. Und sind auch nicht so wahnsinnig animalisch.“

 „Wie meinen Sie das jetzt?“, blieb ich bei der förmlichen Anrede, ihn gleichzeitig jedoch aus der Reserve lockend.

„Ich meine, Jonathan kommt erst in einer Stunde, denn er besucht seinen Bruder hier in Köln“, flötete mich der Jager von Soest an.

„Müssen Sie sich denn nicht schonen, so kurz vor dem Auftritt?“, versuchte ich, aus der selbst gestellten Falle zu entkommen.

„Wieso, es schadet doch nicht, wenn ich ein bisschen an deinem Schwänzchen lutsche“, kam der Schönling endlich zur Sache, und da er mittlerweile dicht vor mir stand, genügte eine kleine Handbewegung, um mir ins Gemächt zu greifen.

„Ich glaube nicht, dass ich zwischen Ihnen und Ihrem Freund stehen will“, wehrte ich seine Hand ab und bewegte mich möglichst unauffällig in Richtung Tür. Mein Bedarf an homosexuellen Abenteuern war gerade äußerst gering, und nichts konnte ich weniger brauchen, als einen zum wütenden Stier mutierten eifersüchtigen Liebhaber.

„Dann verschwinde hier und störe mich nicht bei den Konzentrationsübungen!“, steigerte sich Jager schon wieder in einen Wutrausch hinein. Ein richtiger Heißsporn! So schnell ich konnte, machte ich mich vom Acker. Es gab ja um die Trophäe des besten Weitspritzers noch mehr Bewerber, die ich inspizieren konnte.

 

Von den nächsten Kandidaten gibt es allerdings nicht viel zu berichten, außer dass sie mir ziemlich blasiert vorkamen. Allesamt! Der eine schwor auf zweitägiges Fasten vor dem Wettkampf, der andere auf diverse Aphrodisiaka, in deren Rezeptur Hirschhornsalz und getrockneter Mösensaft eine große Rolle spielten. Ein eigenartiges Völkchen, diese Berufsspritzer.

Die Hinterbänklerin

Der silbergraue Mercedes 230 SLK quälte sich durch den dichten Feierabendverkehr. Das war aber nichts im Vergleich zu Tinas nervigem Geplapper. Ihr alter Chef hatte am Nachmittag die Praxis an den jungen Nachfolger übergeben, man feierte bei Sekt und Lachshäppchen. Gelassen hörte ich mir die Highlights der offenbar äußerst spannenden Betriebsfeier nun schon zum dritten Mal an.

„Und weißt du, was er dann gesagt hat … ich hab mich kaputt gelacht und die alte Schulze … aber der Neue ganz trocken … und … oh, das hätte ich fast vergessen.“

Während ich Tinas Sportwagen konzentriert an einem liegen gebliebenen Fahrzeug vorbei steuerte, wühlte sie in ihrer im Fußraum stehenden Tasche, zog grinsend ein Fläschchen Piccolo heraus und riss das Handschuhfach auf.

Tina war cool - auf ihre Art. Sehr kontaktfreudig und offenherzig, aber auch ein bisschen irre. Viele ihrer Taten wunderten mich nicht wirklich, aber jetzt war selbst ich für einen Moment sprachlos. Für ihre Verhältnisse war es sicherlich nichts Außergewöhnliches. Allerdings ... im Wagen?

„Das fass' ich jetzt nicht. Du hast ein Sektglas im Auto?“

„Nicht nur ein Sektglas! Ein mundgeblasenes Kristallglas von WMF. Oder soll ich etwa ganz ordinär aus der Flasche saufen?“

„Mitnichten, meine Guteste. Eine Dame wie du …“

Ob Tina meinen ironischen Unterton absichtlich überhörte, oder ob sie es mal wieder nicht blickte? Wie auch immer. Das stilgerechte Einschenken des sprudelnden Getränks beschäftigte sie voll und ganz.

Ich drehte die Klimaanlage etwas zurück. Den Menschen im Freien schien die Hitze immer noch deutlich an die Wäsche zu gehen, doch mich, nur in einem dünnen Sommerkleidchen, fröstelte es. Denn ich hatte ein ganz anderes, nervendes Problem.

Beim Halt an der nächsten Ampel beschloss ich, des Übels Wurzel beim Schopf zu packen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Beide Hände auf meinen Busen gelegt, versuchte ich, den widerspenstigen BH in eine mir angenehmere Position zu bringen.

„Wenn du mich geil machen willst, nur weiter, Süße!“

„Das Scheißding nervt total.“

„Wer seine Titten in Szene setzen will, muss das in Kauf nehmen ... Schönheit muss halt leiden.“

„Gar nicht.“

„Natürlich nicht, Anja. Du ziehst den Wonderbra nur an, damit er auch mal getragen wird. Schon klar. Willst auch einen Schluck?“

Wie gut, dass uns niemand durch die Frontscheibe filmte, denn ein derartiger Clip würde mich in starke Erklärungsnot bringen: Im Fokus meine beiden Hände, diesmal aber unter dem Kleid und der entgeisterte Blick zu meiner grinsenden Freundin, die mir allen Ernstes Alkohol im Auto anbot. Dann der Schwenk nach links, wo der Fahrer eines Cabrios rhythmisch hupte und seine vier Kumpane stürmisch Beifall klatschten.

Ich legte den Hebel des Automatikgetriebes auf D und gab Gas. Die Räder drehten durch, und Tina fluchte. Während sie in ihrer Tasche nach Tempos suchte, um die nassen Stellen an ihrer Bluse abzutupfen, regulierte ich erneut die Klimaautomatik, denn mittlerweile war es mir wieder deutlich wärmer geworden.

„Wie sieht’s aus?“, fragte ich beiläufig.

„Wie soll’s aussehen? Der verdammte Sekt ist jetzt in meiner Bluse ...“

„Nein, ich meinte: Wie sieht’s aus?“, sagte ich und zeigte mit dem Finger auf meinen Oberkörper.

„Hübsch! Wirklich hübsch. Was man alles so aus Körbchengröße B rausholen kann …“, lästerte meine Freundin.

„Ich spar' mir den Stoff halt weiter unten“, spielte ich auf den knappen Stringtanga an, mit dem ich mich im Kleid so richtig sexy fühlte. Meine Anspielung hatte allerdings einen ganz anderen Hintergrund, und es dauerte einige Sekunden, bis bei ihr der Groschen gefallen war.

„Na danke! Das war ein Bauchweg-Slip, und du weißt genau, dass ich den nur vorübergehend …“

„Kommt davon, wenn man im Urlaub zu viel isst.“

„Drei Wochen Urlaub mit All-Inclusive würden auch an dir nicht spurlos vorübergehen, Anja.“

„Doch! Ich habe Selbstbeherrschung und außerdem …“

„Rechts! Wir müssen abbiegen“, kreischte Tina urplötzlich vom Beifahrersitz.

„Sicher! Wenn du zwei Stunden im Stau stehen willst. Bei Radio Kölle habe sie’s grad durchg'sagt ...“

„Na klasse. Als ob du ein Wort von deren Slang verstehen würdest. Außerdem ist das ein 499 Euro teures, supermodernes Navigationssystem“, schmollte Tina und streichelte sanft über das Hightechgerät.

„ … datt woren de aktuellen Staumeldungen von Radio Kölle, ührem Sender der Region. Jetz kütt jet Werbung, ävver dann, von ohs für üch, uns leev kölsche BAP ... Verdamp lang her ...“

„Auch so ein Lied, wo kein Mensch was versteht“, lästerte ich.

„Jo! Mir schwätze hald badisch, däs verstähe die Leit a ned …“

 

„Radio Kölle präsentiert: Samesohn Vibro 2000. Jetzt in neuer, anatomisch korrekter Form. Auch in XL erhältlich. IHR Experte in allen Handy-Fragen. NEU: Schleck 2000. Ultraflach, dem Emblem der Rolling Stones nachempfundenes Gehäuse mit rauer Oberfläche und stufenlosem Vibrationsalarm.“

„Autsch!“

„Jepp. Wer will sich von seinem Handy lecken lassen?“, meinte Tina.

„Gibt’s bestimmt auch welche. Genauso wie manche – fressen – bis ihnen schlecht ist, nur weil es das Zeug umsonst gibt“, nahm ich meine All-Inclusive Urlaubslästerei wieder auf.

„Nicht nur das Essen, Süße, auch alle Getränke waren frei.“

Ich verdrehte die Augen. Eine sachliche Diskussion konnte ich mir abschminken. Weit mehr wunderte es mich, plötzlich Tinas Hände an mir zu spüren. An einer Stelle, die von einer besten Freundin normalerweise nicht berührt wird.

„Der BH ist ja viel zu eng! Kannst du eigentlich noch atmen?“

Bevor ich überhaupt reagieren konnte, wanderten Tinas Hände schon unters Kleid, über meine Schultern bis zu den Körbchen. „Das Ding lässt sich doch einstellen. Gib her, ich versuch’s mal.“

Wieder mein typischer Blick nach rechts.

„Das ist jetzt ein Witz?“

„Siehst du mich lachen, Süße? Zier dich nicht, bekommt ja keiner mit. Oder willst du bis zur nächsten Ampel warten und eine kleine Tittenshow abziehen?“

„Wie viel Sekt hast du heute schon getrunken. Tina?“

„Drei, vier ... acht Gläser. Was weiß ich. Ein paar genehmige ich mir noch. Kann’s mir erlauben, habe ja eine Chauffeurin“, kicherte sie und fummelte weiter ungeniert an mir herum.

„Jetzt hör mal auf. Tina. Ich muss mich konzentrieren!“

„Brauchst nur dem Navi vertrauen, mit einer Hand lenken und mit dem Füßchen Gas geben. Warte mal, ich schnall' mich ab und komm rüber …“

„Nein!!“

„Doch …“

„Höre jetzt auf, Tina. Wenn ich den Wagen zerleg' …“

„Scheißegal! Ist Vollkasko versichert.“

„Bleib sitzen, oder ich werf’ dich jetzt aus deinem eigenen Auto raus …!“

 

„Mahlzeit!“ Wir zuckten zusammen und drehten gleichzeitig die Köpfe zu der auf der Rückbank sitzenden Person.

„Was zum Henker bist du denn?“

„Nach was sieht’s denn aus?“, herrschte die Figur mich an.

„Two Face? Der Typ aus Batman?“„Wua wua wua! Der war gut.“

„Wirklich?“, fragte Tina erstaunt.

„Nein! Sehe ich vielleicht aus wie ein Kerl?“

„Nun ja – so ganz ‚normal’ siehst du ja nicht grad aus“, stellte ich nüchtern fest, und selbst Tina nickte.„Ha-ha-ha! Ich habe ein goldiges, symmetrisches Gesicht. Eine hübsche süße Nase, sinnliche Lippen, eine …“

„… saudumme Frisur! Den Prozess gegen deinen Friseur gewinnst du auf jeden Fall.“Und das war nicht mal übertrieben. Die exakt mittig gescheitelten Haare waren auf der einen Kopfseite strohblond, lockig, in alle Richtungen abstehend und auf der anderen Seite schwarz, glatt und schulterlang.

„Alle Menschen tragen zwei Seelen in ihrer Brust und versuchen ihr ganzes Leben lang, ihre dunkle Seite zu verbergen. Das sind armselige Wichte. Ich hingegen, ich bin cool. Ich bin blond, und ich bin schwarz! Gut und böse, keusch und leidenschaftlich, lieb und …“

„Ja … ist ja gut. Hab’s geschnallt. Und wieso hockst du bei uns im Auto?“

„Ich habe gehört, es gibt ein paar niedliche Tittchen zu sehen …“

„Und wer bist du überhaupt?“, wiederholte Tina meine anfängliche Frage.

„Namen sind Schall und Rauch. Aber bitte, wenn ihr drauf besteht …Tja, lass mich nachdenken. Ich bin ihr. Anja und Tina oder Tina und Anja. Erkennbar an meiner Frisur. Das zierliche blonde Lockenköpfchen und die frauliche Schwarze.“

„Ich bin aber brünett“, protestierte Tina.

„Egal.“ Das seltsame Wesen gähnte ordinär und schien sich zu langweilen. „Also, zum Mitschreiben für die geistig Armen: Wenn Tina mit mir redet, heiße ich Anti, bei Anja … dann Tinja … oder Jinia, Tani, Atina – nein da dominieren Tinas Buchstaben zu stark ...“

„Wie wäre es mit ... imaginäre, schizophrene Nervensäge?“

„Das ist ja toll, Blondie. Aber zu lang. Nennt mich doch einfach - das Gewissen."

„Wenn schon, dann machen wir’s ein bisschen intellektuell. Nomen est omen. Matrona Conscientia! Aber was willst du eig…“

„Wieso hat denn nicht jede von uns ihr eigenes Gewissen?“, fiel mir Tina ins Wort.

„Schon mal was von der Weltwirtschaftskrise gehört, Lady? In früheren Parodien konnte sich ein Protagonist noch zwei Gewissen leisten, heute reichen die Tantiemen nur noch für ein halbes. Wo geht’s überhaupt hin?“

„Ins Kino. Wir wollen einen alten Disneyfilm ansehen. Die Ritter des Rechts, mit A- und B-Hörnchen als Geheimagenten“, erklärte ich dem Gewissen.

„Ähh … Zeichentrickfilm?“, fragte Tina erstaunt.

„Ja, den gibt’s nicht als Realverfilmung. Die goldigen Backenhörnchen, Chip und Chap oder Chip 'n' Dale, wie sie im Original heißen, kommen nur als Comicfiguren richtig rüber.“

„Dann haben wir ein klitzekleines Problemchen … Das Navi hat nach etwas anderem gesucht …“

„Das verstehe ich jetzt nicht“, sagte ich irritiert, ohne wirklich mit der Funktionsweise solcher Geräte vertraut zu sein. „Was hast du denn eingetippt?“

„Na Chippendales halt.“

„Oh Gott!”

„Oh ja, das sind Götter“, schwärmte Tina, und auch von der Rückbank kam ein laszives Seufzen.

„Tina! Du machst mich fertig! Aber die sind ja wohl kaum heute in der Stadt …“

„Das nicht gerade, aber das Gerät zeigt auch ähnliche Veranstaltungen an ...“, erklärte mir Tina stolz.

Ich verdrehte die Augen, konnte es nicht glauben. Und … seit wann gab es in einem SLK eine Rückbank?

Dieses Spezial-Navigationsgerät funktioniert ähnlich einer Internet-Suchmaschine und zeigt die wahrscheinlichsten Treffer an.

Nachdem ich eine Weile sprachlos gewesen war, wollte ich es doch genauer wissen. „Und wo fahren wir jetzt eigentlich hin?“

„In die größte deutsche Multifunktionshalle, die Kölnarena. Da findet ein sehr geiler Contest statt.“

 

„Radio Kölle präsentiert: Samesohn Vibro 2000 Magic. Extra hart und mit leistungsstarken und ausdauernden Lithium-Polymer-Akkus. Model XXL Black Hammer nur heute. Contest-Teilnehmerinnen bekommen 69 Prozent Rabatt!“

 

Ich schaltete das Radio aus und konnte es nicht wirklich fassen. „Ich würde aber lieber ins Kino gehen.“

„Den Film können wir doch nächste Woche ansehen, oder nicht?“

„Genau! Ich will auch lieber nackte Männer sehen!“, meldete sich eine süffisant klingende Stimme von hinten.

„Du hältst dich da raus, und überhaupt … was soll eigentlich der Schwachsinn mit einem imaginären Gewissen? Das ist doch völliger Blödsinn!“, reagierte ich verärgert.

„Wieso soll das blöd sein? Wir sind hier mitten in einer Geschichte, die befreundete Autoren gemeinsam kreieren. Wir lassen unsere wirren Gedanken kreisen, tauchen in eine kreative Welt ein, und die Fantasien treiben uns zu den absonderlichsten Gedankenspielen.“

„Ich finde das trotzdem Quatsch!“, sagte ich.

„Ganz ruhig, Blondie. Jetzt sei doch nicht so kleinkariert und akzeptier' einfach, dass ich mitspiele.“

„Oh Gott! Das kann ja heiter werden!“, grummelte ich in den nicht vorhandenen Bart.

„Oh Gott, wie sollen wir hier einen Parklatz finden?“, fragte Tina, als wir uns unserem Ziel näherten.

„Oh Gott! Ich bin schon ganz kribbelig, wenn ich an all die geilen Typen denke!“, lechzte das Gewissen von der Rückbank und begann nervös auf dem Polster hin und her zu rutschen.