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Der zwölfbändige Zyklus "Ein Tanz zur Musik der Zeit" — aufgrund seiner inhaltlichen wie formalen Gestaltung immer wieder mit Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" verglichen — gilt als das Hauptwerk des britischen Schriftstellers Anthony Powell und gehört zu den bedeutendsten Romanwerken des 20. Jahrhunderts. Inspiriert von dem gleichnamigen Bild des französischen Barockmalers Nicolas Poussin, zeichnet der Zyklus ein facettenreiches Bild der englischen Upperclass vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die späten sechziger Jahre. Aus der Perspektive des mit typisch britischem Humor und Understatement ausgestatteten Ich-Erzählers Jenkins — der durch so manche biografische Parallele wie Powells Alter Ego anmutet — bietet der "Tanz" eine Fülle von Figuren, Ereignissen, Beobachtungen und Erinnerungen, die einen einzigartigen und aufschlussreichen Einblick geben in die Gedankenwelt der in England nach wie vor tonangebenden Gesellschaftsschicht mit ihren durchaus merkwürdigen Lebensgewohnheiten.
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Seitenzahl: 397
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Anthony Powell
Bücher schmücken ein Zimmer
RomanEin Tanz zur Musik der Zeit –Band 10Aus dem Englischen übersetzt von Heinz Feldmann
Elfenbein
Die Originalausgabe erschien 1972unter dem Titel
»Books Do Furnish a Room« bei William Heinemann, London.Band 10 des Romanzyklus »A Dance to the Music of Time«
Books Do Furnish a Room©John Powell and Tristram Powell, 1972
Die Übersetzung dieses Bandes wurde mit freundlicher Unterstützung der Brougier-Seisser-Cleve-Werhahn-Stiftung ermöglicht.
© 2017 Elfenbein Verlag, Berlin
Einbandgestaltung: Oda Ruthe
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-941184-85-5 (E-Book)
ISBN 978-3-941184-45-9 (Druckausgabe)
1
Als ich mit vierzig zur Universität zurückkehrte, überkam mich sogleich wieder die ganze bedrückende Melancholie der studentischen Existenz. Während der Zug in den Bahnhof einfuhr, drängte sich mir, bevor noch das örtliche Klima Zeit hatte, der Gesundheit zu schaden, ehe akademische Kontakte den Geist beunruhigen konnten, eine unmittelbarere Niedergeschlagenheit auf, deren sehniger Griff mich mit einem Schlag in die Jugendzeit zurückversetzte. Symptome der Depression, die uns in allen Stätten unserer Jugend bedrohend begegnen, stellten sich jetzt, in dieser Zeit, ohnehin leicht ein, und ich nahm sie hin als verzögerte Folgen der letzten sechs Jahre. Es war seltsam, wie fern mir nun aber auch die jüngste Vergangenheit lag, wie die Armee jetzt in meinem Bewusstsein die gleiche stilisierte Form angenommen hatte wie – um einen anderen Triumphfries zu beschwören – die Legionäre auf der Trajanssäule, exerzierend, schwitzend bei ihrem antiken Drill, stumme Kolonnen bei ewiger Parade zu tonloser militärischer Musik. Dennoch, nicht alle Schatten aus jener Zeit waren gebannt. Nur eine Woche zuvor hatte der Schirm des Khaki-képi eines französischen Generals, der allzu plötzlich aus dem Winterdunst der Piccadilly aufgetaucht war, meine rechte Hand durch bedingten Reflex dazu veranlasst, zur Vorbereitung eines nicht länger angebrachten militärischen Grußes aus meiner Manteltasche zu zucken, der Geste eines Deserteurs ähnlich, der sich so fast selbst verraten hätte. Solche Bodensätze der Erfahrung waren unvermeidlich.
In der Zwischenzeit hatte ich in einem Versuch, so etwas wie eine persönliche Identität zurückzugewinnen, wie immer verschwommen sie auch sein mochte, überkommene Strukturen meiner Existenz mühsam zusammengestückelt. Selbst wenn es sich – wie einige vermuteten – nur um eine vorübergehende Pause in den Militäraktionen handelte, so war diese deshalb nicht weniger willkommen, obwohl es jetzt an der Stimmung der Zeit nach dem früheren Konflikt – wie sie von dem Liedfetzen zusammengefasst wurde, den Ted Jeavons gerne summte, wenn er in schlechter Form war – völlig fehlte:
»Après la guerre,
Kommen nur schöne Tage daher.«
Das nahm mir allerdings nicht die Vorfreude darauf, mich in den folgenden paar Wochen in gewisse Briefe und Dokumente zu vertiefen, die hier in den Bibliotheken lagerten. Die Einsamkeit würde nach den Gedrängtheiten während der Kriegszeit ein Luxus sein, archaische Folianten eine beruhigende Droge. Nach dem Krieg verspürte ich einerseits ein leidenschaftliches Verlangen, ganz viel Arbeit auf mich zu nehmen, aber andererseits auch den Wunsch, nie mehr wieder irgendetwas zu tun. Es war dies ein Geisteszustand, den Robert Burton – über den ich ein Buch zu schreiben gedachte – sehr wohl verstanden hätte. Unentschlossenheit fand er interessant als eine der Myriaden Formen der Melancholie, obwohl er sich natürlich hauptsächlich mit »einem chronischen und anhaltenden Leiden, einem festsitzenden Körpersaft« befasste und nicht mit einer bloß vorübergehenden Depression oder nervösen Unruhe. Dennoch, der Nachkriegsmelancholie hätte er vielleicht in seinem großen Werk doch ein kurzes Unterkapitel gewidmet:
DIE ANATOMIE DER MELANCHOLIE
Was sie ist, mit all ihren Arten, Ursachen, Symptomen,
Anzeichen und mehreren Heilmitteln gegen sie. In drei Hauptabteilungen mit mehreren Unterabteilungen, Kapiteln und Unterkapiteln philosophisch, medizinisch und historisch offengelegt und seziert von Democritus Junior. Mit einem satirischen Vorwort, das in die folgende Abhandlung einführt. Anno Dom. 1622
Die Titelseite zeigte nicht nur ein Porträt von Burton selbst mit Halskrause und Scheitelkäppchen, sondern auch Figuren, die sein Thema illustrierten: Liebeswahnsinn, Hypochondrie, religiöse Melancholie. Die Embleme der Eifersucht und der Einsamkeit waren ebenfalls dort abgebildet, zusammen mit jenen beiden wirkungsvollsten Heilmitteln gegen Melancholie und Wahnsinn, Borretsch und Nieswurz. Burton war lange schon einer meiner Lieblingsautoren gewesen. Eine Studie über ihn würde eine Abwechslung zum Schreiben von Romanen bedeuten. Das Buch sollte den Titel »Borretsch und Nieswurz« tragen.
Als die trostlose Umgebung des Bahnhof den Gebäuden der Colleges wich, wandten sich meine vielleicht banalen, doch ausgesprochen burtonesquen Tagträume der relativ großen Anzahl von Personen zu, die ich in einem früheren Stadium meines Lebens sowohl hier als auch anderswo ziemlich gut gekannt hatte, die aber jetzt entweder tot oder übergeschnappt waren oder sich in Existenzformen zurückgezogen hatten, die zu teilen sie – oder ich – keinen Wunsch verspürten. Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass auch ohne kosmische Umwälzungen nach der halben Lebensstrecke eine gewisse Umorientierung stattzufinden hat – eine These, die durch die Autobiografien bestätigt wurde, die nun in Mengen eintrafen (jeweils drei oder vier in regelmäßigen Abständen), um in einer der Wochenzeitschriften rezensiert zu werden. In diesem Augenblick beschwerten mehrere dieser Bände meine Tasche. Ihnen würde ich mich in den Pausen während meiner Beschäftigung mit dem siebzehnten Jahrhundert widmen müssen: »In Lethe nicht gereinigt« … »Ein Börsenmakler in Sandalen« … »Ein langsamer Starter« … »Nie gerastet, nie gerostet« … – Chroniken individueller Schicksale, im Großen und Ganzen nur wenig fesselnd, außer insofern, als jedes Menschen individuelle Geschichte ihre fesselnden Aspekte hat, obwohl der wesentliche Wendepunkt von den meisten Autobiografen gewöhnlich entweder ausgelassen oder verschleiert wird.
Doch fast alle offenbarten, wenn auch nicht in jedem Fall explizit, eine ähnliche Neuorientierung im Alter von etwa Mitte vierzig; und deren Beschreibungen bestärkten ganz allgemein die Anzeichen, die sich bereits fühlbar angesammelt hatten, dass Freundschaften, wenn überhaupt ein Bedürfnis nach einer Form von ihnen, wie sie in der Vergangenheit existiert hatten, bestand, an diesem Meilenstein größtenteils neu geschlossen werden mussten. Diese Umstellung mochte die Beständigkeit und sogar die Qualität verbessern, sie führte aber gewiss zu einem Verlust an Intimität, zumindest an jener Art von Intimität, die so tröstlich in der Jugend ist, obwohl vielleicht zu verletzlich, um der stetig wachsenden Selbstgewissheit späterer Jahre widerstehen zu können.
Ich wohnte in meinem alten College. Das Gebäude sah noch genauso aus wie früher. Nur ein einziger Pförtner hatte Dienst in dem Häuschen. Es war ein unvertrautes Gesicht. Nachdem er lange die Liste studiert hatte, wies er auf einen entfernten Treppeneingang zu den mir zugewiesenen Zimmern. Die traditionelle Atmosphäre, in prekärer Balance zwischen einem lax geführten Internat und einem zwielichtigen, auch Schlafgelegenheiten bietenden Club, neigte sich jetzt entschieden der des ersteren Typs von Institution zu. Die Zimmer, eiskalt wie in alten Zeiten, gehörten augenscheinlich einem ziemlich karg lebenden jungen Mann, dessen einziges Bild eine ungerahmte Fotografie einer Hockeymannschaft war. Sie stand wellig auf dem Kaminsims. Auf dem Bücherregal eine Menge wirtschaftswissenschaftlicher Werke, die begrenzt wurde von St. John Clarkes »Aus Staub du bist«, einem ziemlich abstrusen Roman über die Französische Revolution, den kritisch neu zu bewerten vielleicht ein Vergnügen sein würde. Ich ging hinüber ins Schlafzimmer. Hier tat sich eine Krise auf. Das Bett war unbezogen. Nur eine düster stimmende, fleckige blaugraue Matratze lag, dreifach gefaltet, auf den rostigen Drahtspiralen des Rahmens. Zurück zum Pförtnerhäuschen, wo ich einer fundamentalen Diskussion über die unvorstellbaren Schwierigkeiten ausgesetzt wurde, dem Mangel an Bettzeug zu dieser Stunde abzuhelfen. Später dann versammelten sich einige Zombie-ähnliche Gestalten im Speisesaal, um ein angemessen Zombie-gedeihliches Mahl einzunehmen.
Dies war der Anfang einer Reihe von Tagen, die durch die Routine bestimmt waren. Tagsüber arbeitete ich in der Bibliothek, und abends wertete ich meine Notizen aus. Die Monotonie wirkte beruhigend. Man glich sich unmittelbar jenen anderen trüben, körperlosen, unnahbaren, auf ihr jeweils eigenes rätselhaftes Interessensgebiet konzentrierten Wesen an, die in der vorlesungsfreien Zeit durch die kopfsteingepflasterten Gassen und gotischen Torbögen einer Universität huschen. Es war das, was Burton selbst »ein stilles, im Sitzen verbrachtes, einsames, privates Leben« nannte, und unter der Woche war es genau das Richtige für mich. An den Wochenenden fuhr ich zurück nach London. Einmal kam Killick, einst ein kräftig gebauter, Rugby spielender Philosophieprofessor an meinem College, mit einem Stoß Bücher unter dem Arm ächzend und mit hochrotem Kopf die Straße heraufgeeilt, und ich sprach ihn an. Ich erklärte ihm, wer ich sei. Killick lud mich geistesabwesend zum Abendessen ein. Als ich in der darauffolgenden Woche zu ihm ging, wurde mir mitgeteilt, dass Professor Killick nach Manchester gefahren sei, um dort zwei Vorträge zu halten. Dieses Versehen überraschte mich kaum. In einer Stadt der Schatten war es nur zwangsläufig, dass auch Verabredungen etwas Fragwürdiges anhaftete.
Gleichzeitig lag etwas ganz anderes, etwas völlig Fassbares und keineswegs Fragwürdiges vor mir, etwas, das nicht länger aufgeschoben werden durfte, auch wenn ein unterschwelliger Widerwille, die Sache anzugehen, mich daran hindern mochte, den Sprung zu tun. Eine moralische Verpflichtung war abzuleisten. Im Laufe der Zeit wurde der hypnotische Zwang, Sillery einen Besuch abzustatten, immer stärker; die Abneigung dagegen – das war natürlich ein viel zu gewichtiges, ja das völlig falsche Wort – nahm kaum ab, während der Magnetismus Sillerys selbst an Kraft gewann. Vorgeblich so nebenbei eingeholte Erkundigungen ergaben, dass Sillery, obwohl er schon seit längerem von allen administrativen Pflichten in seinem eigenen College entbunden war, seine alte Wohnung behalten hatte, wo er gerne, ja sogar begierig, wie man sagte, Besucher mit den soweit wie möglich traditionellen Elementen der Willkommensheißung empfing.
Nach zwanzig Jahren Sillerys Wohnzimmer zu betreten bedeutete, eine verhältnismäßig tiefe Schneise durch die vielfältigen Schichten der Zeit zu schlagen. Als ich durch die Tür trat, erinnerte der leichte Wäscheschrankgeruch wieder an das Aroma des Gebäcks, das auf jenen Teegesellschaften angeboten worden war, dehydrierte ihr unbestimmt sandiger Geschmack erneut meinen Gaumen. Die für Sillerys abendliche Vorstellung entworfenen Requisiten waren fast völlig unverändert geblieben. Die abgewetzten Bezüge der urzeitlich ungefederten Sessel fristeten hier immer noch ihre prekäre Existenz; die seit langem ausgefransten weiten Löcher in dem Teppich vor der Tür bargen jetzt eine nur unwesentlich größere Gefahr für den unachtsam Eintretenden. Wie man vielleicht erwarten konnte, hatte sich die Zahl der gerahmten Fotografien schwungvoller junger Männer beträchtlich erhöht; mehrere der Neuankömmlinge waren in Uniform, einer trug einen Turban, zwei oder drei waren Amerikaner.
In diesem Zimmer, vor diesem Hintergrund, hatten Sillerys Intrigen, wenn man sie denn so nennen konnte, ein halbes Jahrhundert lang Gestalt angenommen. Tausend verschiedene studentische Verhaltensweisen hatten sich hier bußfertig dargestellt. Junge Menschen: vor Verlegenheit Stumme, in ihrem Exhibitionismus Atemlose, vor Nervosität Stotternde, vor Dünkel Sprachlose; solche aus großartigen Kreisen, die robust Muskulösen, die primitiv Uninformierten, die blassen Geschlechtslosen – alle und jeder waren auf Geheiß des Zirkusdirektors Sillery gehorsam durch den Reifen gesprungen; alle und jeder hatten sich der prüfenden Flamme dieses brennenden, feurigen Schmelzofens adoleszenter Erfahrung ausgesetzt. Solche Gedanken drängten sich mir erst auf, als ich schon einige Minuten in diesem Zimmer verbracht hatte. Im Augenblick meiner Ankunft nahm ich zunächst nichts weiter wahr als die Tatsache, dass ein anderer Gast bereits eingetroffen war, dem Sillery gerade unter viel Gelächter und mit mimischen Gesten eine Anekdote erzählte. Jedwedes unmittelbare Wort meinerseits wurde sofort abgeschnitten, denn Sillery, als ob er stets auf der Hut vor einem möglichen Attentat sei, sprang von seinem Stuhl und stürmte auf mich zu, bereit, sich den Angreifer zu packen.
»Timothy? … Mike? … Cedric? …«
»Nick …«
»Carteret-Owen? … Jelf … Kniveton? …«
»Jenkins – wie geht es Ihnen, Sillers?«
»Sie sind also den ganzen Weg von New South Wales hierhergekommen, Nick?«
»Ich …«
»Nein, natürlich, Sie sind schließlich doch zum Direktor dieser Schule ernannt worden, Nick?«
»Es ist …«
»Ich sehe, Sie haben sich noch nicht ganz von dieser Kopfwunde erholt …«
Die Frage der Identifikation wurde schließlich mit Hilfe des anderen Besuchers geklärt, der sich als Short erwies, ein früherer Student an Sillerys College, ein Jahr über mir. Short war nicht nur ein großer Fan von Sillerys Teegesellschaften gewesen, er hatte auch energisch Sillerys Ruf als – in Shorts eigenen Worten – »eine Kraft im Land« verbreitet. Wir hatten einander als Studenten gekannt und so etwas wie eine Bekanntschaft während meiner Frühzeit in London aufrechterhalten, waren dann aber in verschiedene Welten gedriftet. Ich hatte seinen Namen zuletzt während des Krieges gehört, als er im Kabinettsbüro arbeitete, mit dem meine Abteilung im Kriegsministerium gelegentlich zu tun hatte, war ihm jedoch nie persönlich begegnet. Er war wahrscheinlich vorübergehend von seinem eigenen Ministerium dorthin versetzt worden, denn nach der Universität war er in eine andere Abteilung des öffentlichen Dienstes eingetreten.
Wie der Anzug, den er trug, hatte Shorts Betragen, obwohl jetzt eine Spur gewichtiger, autoritärer, denselben bewusst zugeknöpften Charakter beibehalten. Diese milde, höfliche Art verbarg eine Menge an stiller, mit einem gehörigen Maß an Boshaftigkeit gemischter Sturheit. Obwohl er stets eine hohe Position eingenommen hatte, jetzt fast der oberste Chef war, stammte er doch von den gleichen bürokratischen Vorfahren ab wie ein einfacher Stammesangehöriger wie Blackhead, der Prototyp der gesamten Rasse der fonctionnaires, und Short mochte, anthropologisch gesprochen, durchaus, wenn gereizt, auf die gleiche atavistische Obstruktionspolitik zurückfallen.
Auch Sillery, sein Schnurrbart eine Spur struppiger und gelb, die blaue, weiß gepunktete Schleife im Zustand drohender Auflösung, hatte sich kaum verändert. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber sein Körper und sein Gesicht waren geschrumpft, was ihm stärker als früher ein affenartiges Aussehen gab; allerdings nicht das eines gewöhnlichen Affen, eher das von Brueghels Antwerpen-Affen (die Pennistone bewundert hatte) als das der kuscheligen Bewohner in Douaniers »Tropiques«, denen Soper, der Verpflegungsoffizier der Division, geähnelt hatte. Selbst der real existierende Monkey, Maisky, das gestorbene Haustier der Jeavons', kam nicht an Sillerys umwerfende, affenartige Gewieftheit heran. Dieser Eindruck einer Seelenwanderung war so stark, dass er im Begriff zu sein schien, auf das Bücherregal zu springen, die Fotografien gutaussehender junger Männer und den Stapel von Briefen (der oberste an den Innenminister adressiert) bei der Landung zurück auf dem Tisch durcheinanderwirbelnd. Er schien bei blühender Gesundheit. Niemand hatte je mit Sicherheit sagen können, wie alt Sillery war. In den Nachschlagewerken wurde sein Geburtsjahr nie angegeben. Er war wahrscheinlich noch unter achtzig.
»Setzen Sie sich, Nick, setzen Sie sich. Leonard und ich sprachen gerade über einen alten Freund – Bill Truscott. Erinnern Sie sich an Bill? Ganz gewiss doch. Er war natürlich ein winziges bisschen älter als Sie beide…« Sillery hatte sich nun perfekt in der chronologischen Reihenfolge zurechtgefunden … »aber nicht sehr viel. Diese Unterschiede gleichen sich aus in dem Sand der Zeit. Das tun sie wirklich. War ein vielversprechender junger Mann, Bill. Der über-, über-, übernächste Premierminister. Wir alle dachten das. Hat keinen Zweck, es zu leugnen, nicht wahr, Leonard?«
Short lächelte eine moderate persönliche Beipflichtung, die allerdings nicht eine Sekunde lang als sein Ministerium in irgendeiner Weise festlegend interpretiert werden konnte.
»Hat auch einige kompetente Gedichte geschrieben«, sagte Sillery. »Selbst wenn sie etwas leicht Epigonenhaftes hatten. Mark Members hat immer über den Dichter Bill gespottet, obwohl er ihn als einen ›kommenden Mann‹ respektierte. Rupert Brooke in brabbelnder und A. E. Housman in kumpelhafter Höchstform, pflegte Mark zu sagen. Mark ist immer so streng. Das hab ich ihm auch gesagt, als er neulich hier war und eine Rede vor der Studentischen Gesellschaft gehalten hat. Wissen Sie, Marks Haar ist jetzt schneeweiß geworden. Ich frag mich, was die Ursache dafür war; er hat doch immer so sehr auf sich achtgegeben. Steht ihm aber gut. Gibt ihm genau jenes Fluidum der Distinguiertheit, das man braucht, wenn man die Jugend hinter sich hat – und niemand hat mehr daraus gemacht, ein berufsmäßig junger Mann zu sein, als Mark, als alles noch gut lief. Er hat von seinem alten Freund – unserem Freund – J. G. Quiggin erzählt. J. G. hat die Schriftstellerei aufgegeben, höre ich. Vielleicht ein weiser Entschluss. Ein literarischer Kaiserschnitt für sein lange im Entstehen begriffenes Kind, ›Nicht-abgebrochene Brücken‹, war fast unvermeidlich. Ich hatte oft befürchtet, es käme verfrüht als mickrig-winselnder kleiner Artikel in einem Magazin zur Welt. Jetzt wird J. G. literarische Werke fördern, statt sie selbst zu schreiben. Kurz gesagt, er wird Verleger.«
»Das habe ich auch gehört«, sagte Short. »Er gründet eine neue Firma mit Namen Quiggin & Craggs.«
»Wenn ich daran denke, dass ich einmal zusammen mit Howard Craggs in Komitees gesessen habe und wir über Waffenembargos für Bolivien und Paraguay diskutierten«, sagte Sillery. »Klingt jetzt wie ein Embargo auf Waffen für die alten Griechen und Trojaner. Dennoch, ich hab neulich in einer Zeitung einen guten Brief von Craggs über die Notwendigkeit gelesen, dass Sozialisten und Kommunisten ein gemeinsames Programm für den Wiederaufbau Europas zustande bringen.«
»Craggs war während des Krieges zeitweilig im öffentlichen Dienst«, sagte Short. »Rationierung von Papier, glaube ich. Etwas dieser Art.«
»Das war zu der Zeit, als Quiggin sich als vorübergehender Geschäftsführer bei Boggis & Stone nützlich gemacht hat«, sagte Sillery. »Ich vermute, das erklärt, warum J. G. sich jetzt wie ein Partisan kleidet, wie ein Mann direkt aus einem Maquis: karierte Hemden, Lederjacken, Halbstiefel. ›Also, Quiggin war immer schon in der vordersten Front der Widerstandsbewegung gegen Neueinkäufe, wenn es um Kleidung ging.‹ Das war Brightmans Kommentar. ›Auch wenn karg er lebt’ und in Reserv’ sich hielt während des Krieges – zumindest hielt er sich zu dieser Zeit in Reserv’.‹ Wir alle finden Brightmans ziemlich grausamen Witz sehr vergnüglich. Nebenbei bemerkt, Brightman und ich sind jetzt dicke Kumpels; alles vergeben und vergessen. Außerdem, ich vermute, J. G. schränkt der Mangel an Kleiderbezugsmarken ein. Einem wie mir macht das ja nichts aus. Ich trage immer noch den Anzug, den ich mir vor der Sintflut gekauft habe, für den Lunch mit Premierminister Asquith in der Downing Street, aber das war auch ein gutes Stück Stoff, muss ich sagen, nicht wie diese alten Sachen von der Stange, die wir alle von Quiggin so gut kennen. Die mussten ja unter den Belastungen während des Krieges auseinanderfallen. Aber warum nicht Halbstiefel, mein Gott? Ich wäre froh, wenn ich im Winter hier selbst ein Paar hätte.«
Sillery hielt inne. Er schien zu fühlen, dass er sich erlaubt hatte, ein wenig zu unzusammenhängend daherzureden, sich aber gleichzeitig nicht mehr erinnern konnte, was genau das Thema gewesen war. Wie ein Zauberkünstler, der bei seinem Geplauder für einen besonderen Trick den Faden verloren hat, musste er zum Anfang zurückkehren.
»Wir sprachen über Bill Truscott und seine Gedichte. Ich nehme an, er hat jetzt der Muse den Rücken gekehrt. Aber man weiß ja nie. Man kann diese Gewohnheit nur schwer aufgeben. Könnt ihr euch vorstellen, dass ich selbst mal ein schmales Bändchen veröffentlicht habe, als ich ein junger Mann war? Wusstet ihr das, ihr beiden? Ließe den Einfluss von Coventry Patmore erkennen, behaupteten die Kritiker. Ich vermute, die meisten von uns halten sich in diesem Alter für Dichter. Schadet ja nichts. Also, das wäre vielleicht gar kein so schlechter Job für Bill bei der Staatlichen Kohlenbehörde, wenn die Dinge sich so entwickeln, wie Sie es vorhersagen, Leonard. Wenn Bill einmal gut und fest eingeführt ist, sollte er dort eine sichere Lebensstellung haben.«
Wieder erlaubte uns Short, auf seine höfliche Beipflichtung zu schließen, ohne allerdings offizielles Ermessen oder zusätzliches Beweismaterial, das in der Folgezeit zu Tage treten könnte, zu präjudizieren.
»Aber welche geheimnisvolle Mission bringt Sie denn zu unseren akademischen Altären, Nick? Wir wissen nicht einmal, was Sie heutzutage so treiben. Schreiben Sie wieder diese Romane? Ich vermute, ja. Früher habe ich so einiges von Ihren Aktivitäten gehört, als Sie noch ein tapferer Offizier waren und sich um diese Ausländer kümmerten. Sie wissen doch, welches Interesse ich an alten Freunden nehme. Leonard und ich sprachen gerade über den armen Prinzen Theodoric, der uns einst hier alle möglichen Wohltaten zu erweisen beabsichtigte, Stipendien stiften und was nicht noch alles. Donners-Brebner sollte kooperieren, denn Sir Magnus Donners hatte Geschäftsinteressen in jener Gegend. Doch leider lebt der gute Prinz jetzt im Exil und Sir Magnus ist heimgegangen zu seinen Vätern. Die Universität wird von diesen wundervollen Stiftungen nie etwas sehen. Aber wir müssen mit der Zeit gehen. Es existiert jetzt ein neuer Geist in Prinz Theodorics Land, und was immer die Leute auch sagen mögen, es kann überhaupt kein Zweifel an Marschall Stalins Aufrichtigkeit in seinem Verlangen nach einer gutnachbarlichen Politik bestehen, wenn der Westen sie zulässt. Was ich auch an die ›Times‹geschrieben habe. Diese Tolland-Verwandten von Ihnen, Nick? Dieser Sorgen bereitende Junge, Hugo, wie geht es ihm?«
Ich behandelte diese persönlichen Dinge so knapp wie möglich und erklärte ihm den Zweck meines Aufenthalts an der Universität.
»Ah, Burton?«, sagte Sillery. »Ein interessanter alter Gentleman, ohne Zweifel. Es ist viele Jahre her, seit ich in die ›Anatomie‹ hineingeschaut habe.«
Zweifellos stimmte das. Sillery war kein großer Leser. Und er war auch an den Nebenaspekten des Schreibens völlig uninteressiert, ja, hielt insgesamt nicht sehr viel vom Schreiben, außer Bücher machten Furore aus anderen als literarischen Gründen, worauf in meinem Fall keine große Hoffnung bestand. Er verfolgte das Thema nicht weiter, war offensichtlich zufriedengestellt, dass das angebliche Motiv nicht darauf angelegt war, irgendeine weniger prosaische, Kontroversen-schwangere Aktivität zu verbergen, dass ich die langweilige Wahrheit gesagt hatte. Eine Pause in seinem Redefluss, die zu nutzen man nie versäumen durfte, bot mir eine Gelegenheit, die erste bisher, ihm zu der Peerswürde zu gratulieren, die ihm in der jüngsten Ehrenliste verliehen worden war. Sillery lachte schallend über diese Glückwünsche.
»Isset nich absurd?«, rief er. »Wie Sie sich gedacht haben werden, mein lieber Nick, wollte ich dat verflixte Ding gar nich. Überhaupt nich. Aber es schien mir ungehörig, es abzulehnen. Ist nicht gut, sich ungehörig zu verhalten. Ein buchstäblicher Fall von noblesse oblige. So ist es dann also. Ein Lord und Mitglied des Oberhauses. Wer hätte das dem primitiven jungen Sillers prophezeit, jenem unbekümmerten kleinen Kerl von ehedem? Einige Leute hier hat das gewiss fürchterlich wütend gemacht. Ah, die Neidgefühle und Grausamkeiten des menschlichen Herzens. Sie würden es nicht glauben. Ich sage den Dienern hier am College dauernd, sie sollen’s mal langsam gehen lassen mit dem ständigen ›My Lord‹. Gibt mir das Gefühl, ich sei Schauspieler in einem Shakespeare-Stück. Aber sie bestehen darauf, die Guten. Tatsache ist, sie zeigen ein ausgesprochenes Vergnügen daran, ihren alten Freund in einer so erhabenen Form anzureden, genießen es richtig. Seltsam, aber wahr. Sind echt froh, dass der alte Sillers jetzt ein Lord ist. Ah, wenn Sie in meinem Alter sind, liebe Herren, werden Sie verstehen, wie leer weltlicher Erfolg und menschlicher Ehrgeiz sind – aber wir dürfen so etwas nicht zu einer wichtigen Person wie Leonard sagen, oder, Nick? Und ich möchte natürlich auch nicht der verdienstvollen Bewegung gegenüber als undankbar erscheinen, die mich geadelt hat und zu deren treuesten Anhängern ich weiterhin gehöre. Ja, wir sprachen gerade über einige der jungen Löwen der Labour Party, denn Leonard hat seine frühere Verbundenheit mit den Liberalen zugunsten Mr. Attlees und seiner fröhlichen Männer aufgegeben.«
»Als Beamter bin ich streng genommen natürlich neutral«, sagte Short in einem spröden Ton. »Ich hab nur gerade mit Sillers über den parlamentarischen Privatsekretär meines gegenwärtigen Ministers gesprochen, der zufälligerweise in dem gleichen Wohnblock lebt wie ich – einen gewissen Kenneth Widmerpool. Du bist ihm vielleicht schon mal begegnet.«
»Bin ich – und ich hab gesehen, dass er vor ein paar Monaten durch eine Nachwahl ins Unterhaus gekommen ist.«
»Das ergab sich aus dem Gespräch über Bill Truscott und seine Schwierigkeiten«, sagte Sillery. »Ich hab Leonard gerade erzählt, wie ich immer die ruhige, geschickte Art bewundert habe, mit der Mr. Widmerpool es erreichte, dass der arme Bill genau in dem Augenblick von Donners-Brebner entlassen wurde, als er glaubte, eine große Karriere vor sich zu haben. Unter uns gesagt, ich selbst hätte bezweifelt, dass Bill zu dieser Zeit noch eine ernsthafte Konkurrenz darstellte, aber, erloschener Vulkan oder nicht, Widmerpool betrachtete ihn als einen Rivalen und schaltete ihn aus. Es geschah in der geschicktesten Weise, die man sich vorstellen kann. Damit fing es an, dass es bergab ging mit Bill. Brachte ihn auf eine abschüssige Bahn. Er hat nie wieder seinen Status als kommender Mann zurückgewonnen. Das alles kam wieder hoch, als ich Leonard gegenüber zufällig erwähnte, dass Mr. Widmerpool mir geschrieben hat, ich möge einer Gesellschaft – eigentlich zwei Gesellschaften, einer politischen und einer kulturellen – beitreten, um die Freundschaft mit der Volksrepublik des Landes, in dem Theodorics Familie einst die Herrschaft ausübte, zu zementieren.
»Ich bin Widmerpool begegnet, als mich mein eigenes Ministerium an das Kabinettsbüro ausgeliehen hatte«, sagte Short. »Wir haben uns kennengelernt, als ich mich an einem Wochenende bei einer Person von ziemlicher Bedeutung auf dem Land aufhielt. Ich werde keine Namen nennen und nur sagen, dass der Besuch der Arbeit gewidmet war und nicht dem Vergnügen. Widmerpool kam am Sonntag wegen einer offiziellen Sache dazu und brachte einige höchst geheime Papiere mit. Am Nachmittag spielten wir zur leichten Entspannung eine Partie Krocket. Ich werde nie vergessen, wie Widmerpool während des gesamten Spiels – er war natürlich in Uniform – seine Aktentasche unter den Arm geklemmt hielt. Er hätte trotzdem beinahe gewonnen. Unser Gastgeber machte einige Scherze darüber, für wie wichtig er die Geheimhaltung hielt, aber Widmerpool wollte kein Risiko eingehen, die Papiere zu verlieren, auch wenn er einen Schlag ausführte.«
Sillery wippte in stillem Vergnügen vor und zurück.
»Ein sehr fähiger Administrator«, sagte Short. »Natürlich lässt sich nie vorhersagen, wie sich so ein Mann in den Debatten im Parlament selbst schlägt. Er muss nicht notwendigerweise auch die Redegewandtheit für diese sehr spezielle Umgebung besitzen. Ich habe sagen hören, Widmerpool sei besser in Komitees. Seine Reden haben oft die Wirkung, Befremden auszulösen. Dennoch, ich tendiere dazu, ihm Erfolg vorauszusagen.«
Keiner von beiden interessierte sich für meine Versicherung, dass ich Widmerpool schon seit Jahren gekannt hatte, was ja in der Tat auch ohne besondere Relevanz für dessen Wahl in das Unterhaus kurze Zeit zuvor war. Diese hatte sich ereignet, während ich noch zurückgezogen auf dem Land wohnte und von der Abfindung lebte, die ich von der Armee erhalten hatte. Widmerpools Einzug ins Parlament schien nur ein weiteres der vielen seltsamen Dinge zu sein, die sich überall abspielten, und berührte mich nicht weiter, nachdem ich davon in der Zeitung gelesen hatte. Als ich dann zurück nach London kam und mit dem Ordnen des physischen und moralischen Schutts, mit dem man zu kämpfen hatte, beschäftigt war, hatte ich bei meinen Versuchen, sozusagen die angesengten Fragmente der Speisekammer wieder aufzuwärmen, Widmerpools politisches Schicksal – wie auch seine unerwartete Verehelichung mit Pamela Flitton – völlig vergessen.
»Er wäre wahrscheinlich inzwischen zum Brigadegeneral befördert worden, wenn sich die Feindseligkeiten weiter fortgesetzt hätten«, sagte Short. »Ich bin nicht im Geringsten erstaunt über die Richtung, die er eingeschlagen hat. Einen Moment lang, so sagte er mir, sei sein Ehrgeiz auf die Stelle eines Gouverneurs in den Kolonien gerichtet gewesen, habe er sich für diese besonderen Probleme interessiert – aber das Parlament eröffnet ein viel weiteres Feld. Die Frage war nur, wie Abgeordneter werden.«
Sillery tat solche Zweifel bei einem Mann von großen Fähigkeiten als lächerlich ab.
»Ältere Gewerkschaftler sterben oder ernten die Früchte jahrelanger Mühen durch eine Erhebung zum Lord – was sie eher verdient haben, füge ich in aller Demut hinzu, als andere, die ich hier nennen könnte. Die Bergarbeiter können gut einen Sitz von ihrem großen Anteil erübrigen, und die zähen Kleinbauern Schottlands besitzen einen untrüglichen Instinkt für den richtigen Kandidaten.«
»Unter uns gesagt, ich war in der Lage, in einem frühen Stadium ein wenig Liaison-Arbeit zu leisten«, sagte Short. »Das war nach meiner Rückkehr in meine alte Nische. Man hatte mir gesagt, dass es Platz gebe für Leute aus der Finanzwelt, die bereit wären, auf vernünftige Weise zu kooperieren, be-sonders wenn sie nach links tendierten. Widmerpools Hal-tung zum billigen Geld ließ ihn als besonders geeignet erscheinen.«
»Billiges Geld! Billiges Geld!«
Sillery schien diese Worte hinreißend schön zu finden. Wie der Papagei des Piraten »Spanische Dollar« kreischte, wiederholte er sie mehrere Male und ballte dabei seine Faust zum Zeichen der alten Volksfront.
Dann änderte Sillery plötzlich sein Verhalten. Er begann, seine Hände zu reiben, eine Gewohnheit, die normalerweise den Einsatz einer seiner menschvernichtenden Waffen ankündigte, einer explosiven Information, mit zerstörerischer Wirkung angewandt gegen den, der jeweils gerade seine Meinung vorgebracht hatte. Short, der noch über Widmerpools Chancen nachsann, war sich augenscheinlich der drohenden Gefahr nicht bewusst.
»Ich glaube nicht, dass er lange ein Hinterbänkler bleiben wird«, sagte er. »Das ist meine Meinung.«
Sillery löste das Geschoss aus.
»Was halten Sie von seiner Frau?«
Nach dieser Frage hielt Sillery in einer seiner charakteristischsten Haltungen inne, nämlich in der eines chinesischen Scharfrichters, der so geschickt den menschlichen Kopf vom Hals getrennt hat, dass er anscheinend noch mit den Schultern des Opfers verbunden bleibt, während der Köpfende selbst einen unendlich kleinen, nahezu unsichtbaren Spritzer Blutes von der rasiermesserscharfen Klinge seines Schwertes schnippt. Short hustete. Er vermittelte den Eindruck, überrascht zu sein, dass ein Mann von einer so aufgeklärten Intelligenz wie Sillery eine solche Frage stellte.
»Seine Frau, Sillers?«
Short sagte das in einem gleichmütig fragenden Ton, der suggerierte, dass er in der Tat eine schwache Vorstellung davon habe, was hinter Sillerys Erkundigung steckte, dass sie aber kaum einer Antwort würdig sei. Zweifellos versuchte Short so auf Zeit zu spielen.
»Man kann an dieser Universität seine Ohren nicht vor dem Klatsch verschließen, so sehr man es auch versucht«, sagte Sillery. »Er grassiert hier förmlich, muss ich leider sagen. Selbst beim Abendessen der Professoren an diesem College hier. Außerdem, es ist klug zu wissen, was so herumerzählt wird, selbst wenn es unwahr ist.«
Er rieb seine Hände wieder und wieder und bog sich fast vor Lachen.
»Ich habe nicht das Vergnügen, Mrs. Widmerpool so gut zu kennen wie ihren Mann«, sagte Short in einem strengen Ton. »Wir begegnen einander manchmal dort, wo wir beide wohnen, in der Eingangshalle oder im Aufzug. Ich habe gehört, dass die Widmerpools bald ausziehen werden.«
»Attraktiv«, sagte Sillery. »Das war’s, was man mir gesagt hat – attraktiv.«
Er lachte noch stärker.
»Gewiss, gewiss«, gab Short zu. »Sie wird allgemein für sehr gutaussehend gehalten. Wenn ich sie beschreiben sollte, würde ich sagen, sie ist ein wenig …«
Seine Kraft, weibliche Schönheit zu definieren, ließ ihn an diesem Punkt im Stich. Er machte einfach nur eine Geste mit seiner Hand. Selbst unverheiratet, sprach er, als sei er bereit zuzugeben, dass das gute Aussehen einer Ehefrau, zumindest der eines in der Öffentlichkeit stehenden Mannes, vernünftigerweise als ein Grund zur Sorge betrachtete werden müsse.
»Ich nehme an, sie wird ihm eine gute Wahlhelferin sein, eine exzellente Wahlhelferin.«
Sillery wippte hin und her.
»Sillers, worauf wollen Sie hinaus?«
Short sagte das in einem gereizten Ton. Ich lachte.
»Ich sehe, Nick weiß, was ich meine«, sagte Sillery.
»Was weiß Nick denn?«
»Ich habe sie während des Krieges kennengelernt, als sie noch Pamela Flitton hieß. Sie war damals eine Fahrerin beim weiblichen Fahrdienst.«
»Was ist Ihre Geschichte, Sillers? Ich sehe, Sie haben doch eine.«
Short sprach in einem Ton, als beabsichtige er, der frivolen Behandlung eines bis dahin ernsthaften Themas, nämlich desjenigen der Karriere Widmerpools, ein Ende zu bereiten. Da er im Grunde ziemliche Angst vor Sillery hatte, war er sich augenscheinlich nicht sicher, wie er sich verhalten solle. Ohne Zweifel hatte auch Short Gerüchte über Pamelas Treiben gehört, in wie abgeschwächter Form auch immer. Sillery beschloss, noch ein wenig länger mit ihm zu spielen.
»Meine Informationen über Mrs. Widmerpool ergaben ein paar pittoreske Details, Leonard. Nur ein paar pittoreske Details – mehr will ich nicht sagen. Ich nenne sie die junge Mrs. Widmerpool, weil ich gehört habe, dass sie beträchtlich jünger ist als ihr Mann.«
»Ja, sie ist jünger.«
»Der Name eines gewissen Abgeordneten der Opposition ist als der eines ihrer häufigen Begleiter genannt worden.«
»Von wem?«
»Zufällig bin ich mit jemandem befreundet, der Mrs. W. ziemlich gut kennt.«
Sillery kicherte. Short spitzte die Lippen.
»Ein Mann?«
Die Frage schien mir angebracht.
»Nein, Nick, kein Mann. Eine junge Dame. Sie hätten nicht gedacht, dass so ein alter Hagestolz wie ich auch mit jungen Damen bekannt ist, oder? Da lagen Sie ganz schön falsch. Diese kleine Freundin von mir ist zufällig auch eine Freundin von Mrs. Widmerpool – Sie sehen also, ich bin in einer ganz guten Position zu hören, was sie so treibt.«
Über Sillerys eigene sexuelle Neigungen war natürlich von Generationen von Studenten und Professoren debattiert worden. Man stimmte allgemein darin überein, dass sie in ihrem physischen Ausdruck nie darüber hinausgingen, den jungen Männern, mit denen er in Kontakt kam, häufig in die Arme zu kneifen oder die Haare zu zerzausen; und es waren auch nicht unbedingt die besser aussehenden jungen Männer, wenn andere substantiellere Vorzüge in der Welt der Macht zu bieten hatten. Ihm zur Last gelegte weitergehende Indiskretionen entbehrten entweder der Grundlage oder waren im Nebel der Vergangenheit längst in Vergessenheit geraten. Es galt als sicher, dass er nie auch nur das geringste physische Interesse an einer Frau gezeigt hatte, obwohl er andererseits sonstigem Kontakt mit dem anderen Geschlecht keineswegs abgeneigt war. Man könnte Sillerys Haltung in dieser Hinsicht mit der des verstorbenen St. John Clarke vergleichen; beide wussten gleichermaßen Einladungen von Damen mehr oder weniger namhafter gesellschaftlicher Stellung und, gewöhnlich, reiferen Alters – kurz gesagt, von ›Salonnières‹, einer jetzt ausgestorbenen, aber gewiss wie Venus aus einem Meer logistischer Hindernisse wieder aufsteigenden Spezies – sehr zu schätzen. Folglich hatte Sillery Recht in der Annahme, dass seine Angeberei Überraschung hervorrufen würde. Die Klatsch verbreitende Freundin würde sich wahrscheinlich, so dachte ich, als eine junge verheiratete Frau, die Frau eines Professors, erweisen. Ehe Sillery Zeit hatte, das Thema, dem er offensichtlich großes Vergnügen abgewann, weil es ihm erlaubte, Short damit aufzuziehen, klopfte es an der Tür.
»Nur herein, herein«, rief Sillery nachsichtig. »Wer mag das sein? Ist ja ein regelrechter Besuchsabend. Ganz so wie in den alten Zeiten.«
Er muss erwartet haben, eine weitere Version von Short oder mir würde das Zimmer betreten. Falls das so war, hatte er sich gründlich geirrt. Es wurde eine weit dramatischere Note angeschlagen; das heißt, dramatisch für jene, die die traditionelle Gesellschaft, die man in Sillerys Wohnung antraf, gewohnt waren; dramatisch auch angesichts dessen, was er unmittelbar zuvor gesagt hatte. Eine junge, ausgesprochen hübsche Frau spähte in das Zimmer. Sie lehnte sich auf den Türknopf und lächelte zaghaft. Ihre zur Schau gestellte Scheu war nicht völlig überzeugend.
»Es tut mir leid, Sillers. Ich sehe, Sie haben Besuch. Ich werde morgen früh wiederkommen. Ich hatte wirklich gedacht, Sie seien allein.«
Dies war zweifellos ein schlagender Beweis für Sillerys Prahlerei, Kontakte zu jungen Frauen zu haben. Doch dass diese Bestätigung in einer solchen Form stattfand, schien ihm nicht besonders zu gefallen. Ausnahmsweise, und das passierte wirklich sehr selten, war er sich offensichtlich nicht sicher, wie er sich am besten dieser Besucherin gegenüber verhalten solle: sie wegschicken oder auffordern zu bleiben. Er grinste, aber mit herabhängenden Mundwinkeln. Er sah sich in einem Dilemma. Auch Short schien verlegen, ja, er war ziemlich rot geworden. Doch dann fing sich Sillery wieder. »Kommen Sie herein, Ada, kommen Sie herein. Sie erreichen uns gerade im richtigen Augenblick. Wir bedürfen alle der Gesellschaft der Jugend.«
Seine Unentschlossenheit, sowieso nur wahrnehmbar für die, die mit seiner absoluten Entscheidungssicherheit in der Vergangenheit vertraut waren, erwies sich als nur vorübergehend. Jetzt war er wieder er selbst und legte mit diesen Worten einfach fest, dass es praktisch genommen keinen Unterschied zwischen seinem eigenen Alter und dem von Short und mir gab, zumindest in Bezug auf ›Ada‹. Er machte sich sofort daran, auch das letzte Bisschen aus dieser neuen Marionette herauszuholen, wenn sie denn wirklich eine Marionette war. Die Frau war über zwanzig und blond und hatte eine sehr helle Haut. Ein Hauch von Fülligkeit deutete an, dass Veränderungen in der weiblichen Figur bevorstanden.
»Ich wollte Sie nicht stören, Sillers, wirklich nicht. Aber ich bin mir fast sicher, Sie haben mir gestern das falsche Notizbuch gegeben. Es fehlen wenigstens zwei Jahre.«
Ihr Auftreten war selbstsicher, aber auch zuvorkommend. Sie lächelte in die Runde, keineswegs unglücklich darüber, unerwartete Gesellschaft in Sillerys Wohnung anzutreffen. Anscheinend hatte irgendeine Neuerung in der akademischen Verwaltung nach dem Krieg Sillery zu Lehraufgaben verpflichtet, die auch die weiblichen Colleges einschlossen. Früher wäre das ganz gegen alle seine bekannten Prinzipien gewesen, aber veränderte Umstände, möglicherweise im Zusammenhang mit Kursen für Graduierte, hatten vielleicht zu einer solchen revolutionären Situation in der Universität in ihrer jetzigen Form geführt.
»Zwei Jahre fehlen?«, sagte Sillery. »Das ist ja gar nicht gut, Ada, das ist gar nicht gut, aber ich muss Sie zwei alten Freunden von mir vorstellen. Mr. Short, einer von unseren kultiviertesten und höflichsten Bürokraten, und Mr. Jenkins, der – Sie haben es mir gerade erklärt, Nick, aber es ist mir für eine Minute entfallen – nein, nein, sagen Sie’s mir nicht, ich werde mich sofort wieder daran erinnern – hierhergekommen ist, um etwas sehr Gelehrtes zu erforschen, etwas, über das er zu schreiben beabsichtigt – Burton, ja Burton, die Melancholie und so was alles. Dies ist Miss Leintwardine, meine – nun – meine Sekretärin. Das ist es doch, was Sie sind, Ada, nicht wahr? Klingt ein wenig zweideutig. Es gibt jede Menge Witze über uns, da bin ich mir sicher. Nehm’ Se Platz, Ada, nehm’ Se Platz. Ich werde mich um Ihre Beschwerde kümmern – ohne Verzug.«
Miss Leintwardine setzte sich. Sillerys Verhalten und Diktion offensichtlich längst gewohnt, nahm sie die Art, wie er sie vorgestellt hatte, als etwas ganz Natürliches hin. In der Rolle einer Sekretärin war ihre Existenz ein wenig einleuchtender, doch warum in aller Welt Sillery eine Sekretärin benötigen sollte, war völlig unerfindlich. Vielleicht gehörte eine Sekretärin ja dazu, wenn man zum Lord erhoben wurde. Wie auch immer, er zog sich jetzt in eine Ecke des Zimmers zurück, wo er, sich auf den Boden hinunterlassend, sich auf den abgewetzten Teppich hockte und in einer Menge Material, das in dem unteren Teil eines Schrankes verstaut war, herumzuwühlen begann. Während der ganzen Zeit hielt er seinen Kommentarstrom aufrecht.
»Was ist das doch für eine Art, heilige Erinnerungen zu bewahren. Ist das nicht typisch für mich? Könnten genauso gut ’ne Menge alter Stiefel sein, bei all der Mühe, die ich mir gemacht hab. Neunzehnhundertacht … neunzehnhundertvier …Da sind sie ja, glaube ich, da sind sie ja.«
Miss Leintwardine, die sich, wie aufgefordert, gesetzt hatte, war offensichtlich gewillt, mich ihr gegenüber freundlich zu stimmen, indem sie lobend auf einen Roman zu sprechen kam, den ich vor dem Krieg geschrieben hatte. Sie wollte gerade ihre Ansichten zu diesem Thema näher erläutern, aber welche anderen Modifikationen in der Haltung Sillerys in der Vergangenheit auch stattgefunden haben mochten, solche, die dazu führten, dass er es tolerierte, wenn Bücher seiner Gäste in seiner Gegenwart diskutiert wurden, gehörten nicht dazu. Sillerys Feinde waren geneigt anzunehmen, diese Aversion den Schriften anderer Leute gegenüber sei die Frucht puren Neids; es schien jedoch viel wahrscheinlicher, dass ihn Gespräche über Literatur einfach nur langweilten, es sei denn, sie gaben ihm das Gefühl, es seien Konflikte im Spiel. Er begann einen lauten, unzusammenhängenden Monolog, um jedem anderen Gespräch ein Ende zu setzen, fand dann plötzlich, wonach er gesucht hatte, schloss den Schrank und stand, zwei oder drei zerfledderte Hefte in der Hand haltend, ohne Mühe wieder auf. Er warf sie auf den Tisch.
»Hier sind sie. Ich weiß nicht, woran ich gedacht haben kann, Ada. War es der Band von neuzehnhundertzwölf, den ich Ihnen gegeben habe? Lassen Sie mich mal sehen. Ach nein, ich glaub, ich verstehe es jetzt. Dies ist ein Zusatzband. Ada hilft mir, meine alten Tagebücher zu ordnen. Sie tippt sie nicht nur ab, sie schenkt mir auch ihren schätzenswerten – ich sollte sagen unschätzbaren – Rat. Ich erscheine als flehender Bittsteller vor dem unerbittlichen Tribunal der Jugend. Darauf läuft es hinaus. Ich weiß nicht, was ich ohne sie tun würde. Ich wäre verloren, nicht wahr, Ada?«
»Das wären Sie ganz sicher, Sillers.«
»Tagebücher?«, sagte Short. »Ich wusste gar nicht, dass Sie ein Tagebuch führen, Sillers.«
Sillery lachte herzlich und ließ sich wieder in einen gewaltigen, zerfallenden Sessel nieder, wo er dann zusammengekauert lag.
»Niemand wusste das, niemand. Streng geheim. Natürlich ist es möglich, dass nichts davon erscheinen wird, bevor der alte Sillers tot und begraben ist. Das ist aber kein Grund, warum sie nicht in Ordnung gebracht werden sollten. Vielleicht werden dann auch einige Auszüge publiziert. Wer kann das sagen, ehe Ada ihre Arbeit gemacht hat – und wer könnte besser dabei helfen, diese Entscheidung zu treffen, als Ada.«
»Aber Sillers, sie werden absolut …«
Short fehlten wieder die Worte. Nur eine tiefsitzende berufsmäßige Gewohnheit, Superlative zu vermeiden, so deutete er an, hindere ihn daran, seiner Freude darüber, dass Sillery ein Journal führe, lauteren Ausdruck zu geben.
»Sie kannten doch wirklich jeden, Sillers. Sie werden als die bemerkenswerteste Chronik unserer Zeit gelesen werden.«
Sillery machte keinen Versuch, diesem Urteil zu widersprechen. Er kniff seine Augen zusammen, lachte laut und blies seinen Schnurrbart hoch. Miss Leintwardine nahm seine Hefte von dem Tisch und blätterte sie mit einem Blick kalter, professioneller Kompetenz kurz durch.
»Das ist besser, Sillers. Das sind sie. Ich nehme sie am besten gleich mit.«
Sie stand von ihrem Stuhl auf, lächelte freundlich und war im Begriff zu gehen. Sillery hob seine rechte Hand, als wolle er einen feierlichen Eid schwören.
»Bleiben Sie, Ada, und sprechen Sie noch ein bisschen mit uns. Sie müssen manchmal Leute treffen, die jünger sind als ich, begehrte Junggesellen wie Mr. Short. Nebenbei bemerkt, diese Herren hier gehören zu der gleichen Generation wie ein anderer unserer Freunde, Mark Members, den Sie erwähnten, als er neulich hier war und einen Vortrag, über was immer es auch war, gehalten hat. Er ist jetzt nicht mehr beim Informationsministerium.«
»›Kleist, Marx, Satre: das existentialistische Equilibrium‹.«
»Natürlich«, sagte Sillery. »Einer von Vernon Gainsboroughs jeux d’esprit. Ich kann mich nicht erinnern, Leonard, ob Sie schon unseren neuesten Professoren-Kollegen kennengelernt haben. Er ist ein Deutscher – oder besser: war es –, ein ›guter‹ Deutscher natürlich, mit Namen Werner Guggenbühl; aber Gainsborough ist besser, wie wir alle meinen. Hat einen patrizischen Hintergrund, wandte sich aber schon früh der Linken zu.«
»Sie sind an deutscher Literatur interessiert, Miss Leintwardine?«, fragte Short.
Er muss gehofft haben, Sillerys ziemlich bösartigen Hinweis auf »begehrte Junggesellen« überspielen zu können, scheiterte aber kläglich in seinem Versuch, das Gespräch in intellektuelle Bahnen zu lenken.
»Wir sprachen vorhin über alte Freunde wie Mark«, sagte Sillery. »J. G. Quiggin, Bill Truscott – alles Namen, mit denen Sie durch meine Reminiszenzen vertraut sein werden, Ada. Das Gespräch führte von diesen zu jenem interessanten Paar, den Widmerpools, das Sie erwähnten, als wir uns das letzte Mal sahen. Wie steht es mit dieser Verbindung? Gut, hoffe ich.«
Diese letzten Sätze bereiteten dem Zweifel ein Ende, erklärten Sillerys vorübergehende Unsicherheit bei der Ankunft Ada Leintwardines. Er genoss die Überraschung, die sie hervorrief, die Bestätigung durch ihre Gegenwart, dass er »junge Damen« zu seinen Bekannten zähle, aber gleichzeitig sah er sich mit der Entscheidung konfrontiert, ob er offenbaren solle, dass sie seine Quelle der Information über Widmerpool war. Es entsprach der Sillery-Tradition, mit einem Netzwerk von Spionen zu prahlen, während er gleichzeitig die Namen der individuellen Agenten geheim hielt. Dennoch, bei Short und mir als Publikum ließ sich vielleicht dadurch der größte Gewinn aus Miss Leintwardine, jetzt, da sie einmal zugegen war, ziehen, dass er zugab, seine Informationen gingen auf sie zurück. Jedenfalls war es das, was nun geschah. Sillery hatte entschieden, dass es sich nicht lohne, den Schleier der Geheimhaltung noch länger beizubehalten, besonders da Miss Leintwardine selbst die Sache jeden Moment ausplaudern mochte. Es zeigte sich jedoch, dass es ihr sehr wohl bewusst war, dass Kontakte mit der Widmerpool-Ménage viel zu profitabel waren, um anlässlich einer beiläufigen Anfrage verschwendet zu werden. Sie verriet an diesem Abend nichts. Dieses Verhalten hatte wahrscheinlich seinen Grund auch in anderen Dingen im Zusammenhang mit ihrer Beziehung zu Sillery, die erst einige Minuten später ans Licht kamen.
»Es geht ihnen beiden gut, soweit ich weiß, Sillers.«
»Leonard hier lebt in demselben Wohnblock.«
»Ach wirklich?«
Sie sprach in einem höflichen Ton. Das war alles.
»Sie sagten neulich, Mrs. W. finde das Haus ziemlich spießig«, insistierte Sillery.
Miss Leintwardine zog es vor, darauf nicht zu antworten. Stattdessen wandte sie sich mir zu.
»Ich glaube, Sie kennen Pam und Kenneth, Mr. Jenkins. Sie haben von Ihnen gesprochen. Wie so viele Leute leidet Pam an einer ziemlich schmerzvollen Reaktion, jetzt wo der Krieg vorüber ist. Müdigkeit, meine ich, und Teilnahmslosigkeit. Sie ist dauernd krank. Wir sind Freundinnen, seit wir zusammen beim weiblichen Fahrdienst waren.«
»Sie war Fahrerin beim weiblichen Fahrdienst, als ich sie kennenlernte.«
»Danach sind wir beide zu Geheimshows übergewechselt. Zu verschiedenen, aber sind immer in Kontakt geblieben – doch um Himmels willen, lassen Sie uns nicht über den Krieg reden. Das ist so ein langweiliges Thema.«
Sillery stimmte dem laut zu. Er schien eindeutig verstimmt zu sein über dieses Gespräch. Was machte es für einen Sinn, Ada Leintwardine als eine geheimnisvolle Frau zu präsentieren, wenn sie und ein anderer Gast eine Reihe von gemeinsamen Bekannten hatten? Außerdem, seine lange Erfahrung darin, Informationen aus Leuten herauszuholen, muss ihn gewarnt haben, dass sie an diesem Abend nicht bereit war, irgendetwas von größerem Interesse zu liefern, es sei denn, die Dinge nahmen einen ganz unerwarteten Verlauf. Das Erfassen von Fakten war eine von Sillerys starken Seiten. Sie rechtfertigte in gewisser Weise den Respekt, den Short und andere ihm in solchen Angelegenheiten zollten. Er stand wieder von seinem Sessel auf, ließ sich mit erstaunlich geschmeidigen Bewegungen auf den Boden nieder und wühlte erneut in den Materialien im Schrank herum.
»Sind Sie sicher, dass Sie jetzt die richtigen Hefte haben, Ada? Ich lege die, die Sie zurückgebracht haben, wieder weg, ehe ihnen was Schlimmes zustößt. Wir wollen doch nicht, dass sie wegkommen, oder?«
Miss Leintwardine wählte diesen Augenblick, da Sillery in relativer Distanz auf dem Boden saß, um etwas zu verkünden, dass sie ursprünglich wahrscheinlich in einer weniger abrupten Form hatte vorbringen wollen. Möglicherweise war das der eigentliche Anlass ihres Besuches und die Tagebücher nur vorgeschoben. Da sie Sillery nicht allein angetroffen hatte, musste sie die beste sich bietende Gelegenheit nutzen.
»Wir sprachen gerade von J. G. Quiggin; haben Sie von diesem neuen Verlag von ihm gehört?«
Sie sagte das in einem etwas verlegenen Ton. Sillery, der in orientalischer Stellung auf einem der Löcher im Teppich hockte, drehte sich rasch um und hörte gespannt zu.
»Besitzen Sie irgendwelche pikanten Details, Ada? Ich würde gerne mehr über J. G.s Verlagsunternehmen wissen.«
»Ich bin da selbst ziemlich eingebunden. Vielleicht haben Sie das auch schon gehört, Sillers?«
Was immer das heißen mochte, Sillery hatte eindeutig nichts davon gehört. Er richtete sich abrupt auf. Die Art, wie Miss Leintwardine die Frage gestellt hatte, ließ stark vermuten, dass ihm keine Gelegenheit geboten worden war, irgendetwas Derartiges zu hören.
»Wie das, Ada?«
»Es hat sich so ergeben, dass ich mich selbst der Firma anschließen werde. Ich habe schon seit ihrer Gründung Manuskripte für sie gelesen. Ich dachte, ich hätte es Ihnen gesagt.«
»Nein, Ada, nein. Sie haben’s mir nie gesagt.«
»Ich dachte, doch.«
Dies zeigte Sillery auf das Deutlichste, dass er nicht der Einzige war, der Bomben platzen lassen konnte. Er nahm es ziemlich gut hin, obwohl kein Zweifel daran bestehen konnte, dass er erschüttert war. Seine Augen zeigten das.
»Craggs hat den Firmenwert von Boggis & Stone eingebracht, zusammen mit den linken Vertragsautoren, die noch überlebt haben. Natürlich wird die neue Firma in ihrem Programm nicht entfernt so begrenzt sein wie Boggis & Stone. Wir hoffen, die jungen Schriftsteller zu kriegen. Wir haben zum Beispiel gerade X. Trapnel unter Vertrag genommen.«
Sie sagte das alles in einem hohen Tempo; sie war ziemlich verlegen, ja, es schien ihr leid zu tun, Sillery die Neuigkeit mitteilen zu müssen. Er sagte nichts. Sie fuhr in demselben hastigen Ton fort.
»Ich hab mich gefragt, ob es nicht von Vorteil sei, die Möglichkeit einer Publikation ihres Journals zu erkunden, Sillers. Sie haben sich noch nicht für einen Verleger entschieden, oder? Es spricht oft einiges für eine neue, risikofreudige, junge Firma.«
Sillery legte sich in dieser Hinsicht nicht fest.
»Heißt das, dass Sie in London leben werden, Ada?«
»Das nehme ich an, Sillers. Ich kann nicht gut von hier aus pendeln. Aber natürlich wird das nichts an meiner Arbeit für Sie ändern. Dafür werde ich immer Zeit haben. Ich glaube fest, das wird ein interessanter Job, meinen Sie nicht auch?«
