Cade Chandra 5: Jäger des Mysteriums - Hanns Kneifel - E-Book

Cade Chandra 5: Jäger des Mysteriums E-Book

Hanns Kneifel

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Beschreibung

Eigentlich gehört Lu Inferru zu den Welten, um die sich niemand in der endlosen Galaxis kümmert. Hier gibt es weder Reichtümer noch schöne Frauen, die auf einen abenteuerlustigen Raumfahrer warten. Plötzlich aber wird das Imperium auf diesen vergessenen Planeten aufmerksam. Einer der vielen Sternenhändler soll dort das Geschäft seines Lebens gemacht haben. Der Agent Cade Chandra wird ausgeschickt, um sich auf Lu Inferru umzusehen. Was zunächst nach einem galaktischen Ausflug aussieht, wächst sich zu einem Alptraum aus. Chandra gerät auf einen Planeten, der gleichsam lichterloh brennt. Überall sind blutige, scheinbar sinnlose Kriege zwischen den Stämmen ausgebrochen. Lu Inferru, die vergessene Idylle, ist zur Hölle des Universums geworden.

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CADE CHANDRA

BAND 5

© Copyright Erben Hanns Kneifel

© Copyright 2016 der eBook-Ausgabe bei Verlag Peter Hopf, Petershagen

www.verlag-peter-hopf.de

© Cover: Thomas Knip | Angela Harburn - Fotolia.com

ISBN ePub 978-3-86305-214-0

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Alle Rechte vorbehalten

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis
JÄGER DES MYSTERIUMS
1 – Landung auf Morach-Center
2 – Das Eisschloss der Negronuit
3 – Ein warmes Fest in der Kälte
4 – Seltsame bewaffnete Expeditionen
5 – Steinkreise, Steinzeitler und Amazonen
6 – Nacht der tönernen Masken
7 – Zum Tempel des Sternenkriegers
8 – Quader, Berggesicht und Rinderherden
9 – Die Stämme am Großen Strom
10 – Eridanus, Fluss der Sterne
Fußnoten

Hanns Kneifel

CADE CHANDRA

1 – Landung auf Morach-Center

Trampkapitän Arkai Shanohyr IV. stieg am Stadtrand aus dem Shuttle, überquerte auf der lianenüberwucherten Sternenbrücke die Piste und sah sich schweigend um, als er die Doppelzeile der Läden, Geschäfte, Märkte und Servicebetriebe unter den mächtigen Baumkronen erreicht hatte. Energiereiche Spannung, zusammen mit rußschwarzen Wolken, kündigte das Gewitter an. Menschen und Nonhumanoide hasteten zwischen Fontänen, Blumenhecken und prächtigen Statuen durch Schatten und Sonnenlicht. Unerträglich schwül brütete die Luft zwischen den Gebäuden. Arkai gehörte zum Kosmischen Klan der langsam sprechenden Zeichendeuter; er sah zwischen einem Tätowierer, dessen Ladenschild in unsystematischen Farben und Strukturen glitzerte, und einem Safari-Shop, dessen Schaufensterpuppen falsche Bewegungen ausführten, den harmonischen Eingang zu einem Grillroom & Bar. Zum Mutigen & Vorurteils-Losen Sternenreysenden.

Arkai ging auf die verspiegelte Panzerglastür zu, gönnte sich ein zuversichtliches Grinsen und wartete, bis die Scheibe zur Seite summte. Das Innere der Bar, in der Leder, Alkohol und exotisches Räucherwerk den richtigen Geruch verströmten, war kühl und leer; hinter der Theke prüfte ein breitschultriger, großer Mann die Sauberkeit von Gläsern. Die Tür schloss sich; Arkai sah durch den einseitigen Spiegel das erste Wetterleuchten, in dessen Glanz eine steinerne Sphinx zwinkerte.

»Einen fetten Imbiss und ein gutes Eridanis-Bier?«

Der Wirt nickte, deutete auf die drei Dutzend Hocker und grinste. Kleine, dunkle Augen musterten den Raumfahrer. Als sich der Wirt ins Licht der Tiefstrahler schob, sah Arkai die Narben und Falten und den fast haarlosen Schädel des hoch gewachsenen Mannes. Bier schäumte in einem Pokal; jede Bewegung ließ große Kraft und völlige Kontrolle erkennen. Arkai atmete erleichtert aus und lehnte sich zurück. Es war der harmonische Platz für die erste Nacht nach der Landung. Er nahm einen angenehm tiefen Schluck, wischte den Schaum mit dem Handrücken ab und sagte:

»Ich weiß, dass ich mit Ihnen gut und langsam sprechen kann. Ich bin Trampkapitän Shanohyr der Vierte. Alligator-Hirsch-Ragout königliche Art, mit Garam masala, Grasnudeln und Chapattis?«

»Sie können auch schnell sprechen, Käpten.« Der Wirt redete mit dröhnendem Bass. »Dauert zwanzig Minuten. Probleme mit den Behörden? Schmuggelgut? Unorthodoxe Überzeugungen? Politische Inkorrektheiten?«

Arkai vollführte die Geste des ehrlichen Verneinens.

»Nicht im geringsten. Vielleicht hat das Imperium Probleme, wenn die Verantwortlichen wissen, was ich weiß.«

»In diesem Fall« – der Wirt grinste und entblößte weiße Zähne, während er eine Pranke auf die Brust legte – »werden Sie schneller kompetente Gesprächspartner finden, als Sie hoffen konnten. Mein Freund löst schwierige Probleme für das Imperium. Richten Sie sich auf eine interessante Nacht ein. Übrigens: Ich bin Jadar Kastor. Manche nennen mich den Hässlichen Wirt.«

Arkai nahm einen gewaltigen Schluck, rülpste leise und musterte den Pokal, als sei er eine Granate mit summendem Auslöseelement.

»Ich hab's gewusst, als ich Ihr Etablissement sah!«

Der Wirt verschwand hinter einem Paravent. Arkai hörte leise Gespräche, Klirren und Klappern und kurzes Gelächter.

Der Geruch scharfer Gewürze wehte hinter Jadar Kastor her.

»Bevor mich die Neugierde zerreißt«, sagte Kastor und griff nach einer bauchigen Flasche. »Was beunruhigt Sie, Käpten? Mein Freund ist ein guter, ehrlicher und zuverlässiger Mann, ganz oben in der Hierarchie. Seine Freunde halten Macht in den Händen, seine Gegner sind die Einfallslosen, Faulen und Bestechlichen des Imperiums. Zufrieden?« Er stellte einen fingergroßen Tonbecher vor Arkai auf die Theke aus tief lasiertem Bronzebaumholz.

»Ein Schluck Naqnaq. Bereitet den Magen auf Garam masala vor.«

»Danke, Meister Kastor. Ich hab mich verflogen. Unser Wasser wurde knapp. Wir haben eine Vergessene Welt gefunden. Ich kann zehn Nächte lang erzählen. Die Leute dort sind mindestens halb verrückt. Jeder Stamm kämpft gegen den Nachbarn. Ehe ein anderer Trampkapitän anfängt, mit Waffen zu handeln, spreche ich lieber mit den richtigen Leuten; sonst rotten sich die Schwarzhäutigen gegenseitig aus.«

Der Wirt ersetzte den fast leeren Pokal durch einen vollen; der gletscherweiße Schaum knisterte leise.

»Sie reden seit ein paar Minuten mit einem der Richtigen, Käpten.« Er sah auf ein Multifunktionsarmband. Obwohl Ziffern und Skalen ebenso groß waren wie das Stahlgliederband, wirkte sie an seinem Handgelenk wie ein Spielzeug. »In zwei Stunden treffen wir hier meinen Freund. Koordinaten? Bilder? Informationen?«

Arkai klopfte auf die Unterarmtasche der Lederjacke.

»Alles hier. Meine Crew kennt nur die unwichtige Hälfte der Unterlagen.«

Aus der Küche ertönte ein Fluch. Jemand hustete lange. Ein orangehäutiger, gedrungener Mann, in weißer Schürze brachte das Essen. Seine Augen tränten; im Glaszylinder glühte das frisch gemörserte Garam masala. Der Geruch erinnerte Arkai an den Brand der Oase, am Savannenrand des Vergessenen Planeten.

Über Pulsar Park rauschte der letzte Schauer des Gewitterregens nieder. Ein fahler Regenbogen mit starkem Rotband baute sich auf Cade Chandra hob den Kopf und betrachte voll plötzlicher innerer Unruhe durch das Panoramafenster den Glanz auf den nassen Blättern. Sein Blick richtete sich auf den Schmuck der Kommunikationswand; kubische Holosternkarten, die Planetenkarten von Ghada Kag/Khalakwolt, 2001 Islands. Pharlevinc und Naronthene, unterschiedlich große Monitore, das Organogramm der Verwaltung und, langsam in einem Antigravfeld rotierend, den Jadewürfel. Seit vierzig Tagen und Nächten arbeitete Cade in seinem neuen Büro mit Blick auf Stadtrand und Raumhafen; die Last der Verantwortung war trotz des dicken silbergrauen Teppichs nicht geringer geworden. Er holte tief Luft, lauschte dem prätelepathischen Flüstern der Zeitansage und senkte, als grelle Blitze über Park und den Turm der Administration zuckten, den Blick auf die schneeweiße Bildplatte im Schreibtisch. Er las schweigend einen längeren Text, stoppte den Fluss der Zeilen und sagte:

»Die Bewohner dieses Landstrichs finanzieren mit ihren Goldfranken unter anderem auch die Flotte, das Militär und vielfältige Organisationen, die sich bis heute selbst verwalten und gelangweilt technisches Gerät polieren. Ich ordne an: Das Siebente Eingreif-Geschwader, die Straßenbaubrigade, Techniker und Material für die fraglichen Pisten und die sechs Brücken sind augenblicklich in Marsch zu setzen. Die Baumaßnahmen sollten in sechs Monaten auf herkömmliche und gute Weise erledigt sein können.« Er räusperte sich; seine Stimme wurde scharf. Donner hallte zwischen den Gebäuden. »Falls die Kommune Schwierigkeiten hat, Material und Unterbringung der Pioniere zu bezahlen, soll sich Maître Altovise direkt an mich wenden. Gezeichnet: Cade Chandra, Generaladministrator. Ende.«

Sein Grinsen war kalt und distanziert. Wieder starrte er den rotierenden Jadewürfel an und sah die vier eingravierten Versalien: viermal C. Cade Chandras Cosmischer Codex. Cade schaltete auf die nächste Vorlage, eine Anfrage der schwer geprüften Beta-Eridanis-Welt Tai-Tai-An:

»Eine Schadensbeseitigung und Rekultivierung des Geländes ist Sache derer, die Schätze des Planeten ausgebeutet haben. Das Imperium lehnt jede Verantwortung für die vorgeschlagenen, oder besser: erbetenen Arbeiten ab. Ohne jede Präjudizierung hilft das Imperium: Zwei Großgeräte mit Mannschaft und Material werden landen und die verseuchte Erde waschen. Die Aktion ist nach einem planetaren Jahr zu beenden; ich erwarte, dass sich die Bevölkerung in nennenswertem Maß an den Arbeiten beteiligt. Gezeichnet Cade Chandra, Generaladministrator. Ende.«

Zugleich mit Blitz und Donner und dem letzten Aufflammen der Sonne hinter schwarzen Wolkentürmen ertönte das Türsignal, ein Motiv der Savannengräser von Peter Gray. Die schalldichte Platte des Schotts zog sich fauchend in die Decke zurück. Amourea Gonavard kam herein. Cade stand auf, umarmte seine Freundin und murmelte:

»Willkommen, Prinzessin! Treibt dich die Angst vor dem Gewitter endlich in meine Arme?«

Amourea schüttelte ihr langes schwarzes Haar in den Nacken und lächelte. Sie schenkte sich ein Glas terranischen Champagners ein und watete genussvoll durch den Teppich.

»Cade, von Silberhaut-Psoriasis genesener General. Ich fürchte nicht einmal dich.« Sie setzte sich ihm gegenüber an den monströsen Schreib- und Arbeitstisch. »Ein orthodoxes Gewitter lässt mich kalt. Wie lange hast du noch zu arbeiten?«

»Endlos lange. Heute noch etwa zwei Stunden, Herrscherin meiner Träume.«

»Jadar hat angerufen. Er will einen Narontene-Erinnerungsabend zelebrieren. DuRoy kommt auch, sagt er. Vielleicht auch Tsamourgeli. Ich bin für heute fertig, Geliebter.«

»Wie schön für dich, Amou.« Schnell, wie im Licht des nächsten Blitzes, zogen die Erlebnisse auf dem Planeten, auf dem er mit Psoriasis stellaris ausgesetzt worden war, vor Cades innerem Auge vorbei: Der Silberne Mann, der die Umweltkatastrophe eines Planeten erkannt, bekämpft und mit Imperiumshilfe aufgehalten hatte. »Wir gehen zu Jadar, selbstverständlich. Ich muss nur noch neunzig Minuten lang den starken Unwillen etlicher Politiker erregen. Noch sechs Tage, dann sind alle technischen Abteilungen der Imperiumsflotte, Pioniere und sämtliches Gerät an vielen Brennpunkten der Galaxis verstreut und endlich sinnvoll angewendet. Mit schwerem Kampfgerät kann auch Boden umgepflügt werden. Ich erwarte eine Menge herrlichen Ärger! Verlass dich drauf.«

Amou strahlte ihn mit großen blauen Augen an und nippte lächelnd am Champagner. »DuRoy deckt dich auf breiter Front. Die Heere der Inkompetenz formieren sich schon, in und hinter den Kulissen.«

»Ich weiß. Es läuft wieder auf eine Kraftprobe hinaus.«

Gleichzeitig blickten sie den Jadewürfel an. Cades CCCC-Codex drückte universale Erkenntnisse aus:

A. Das Leben ist hart, aber es geht vorbei.

B. Wenn etwas schiefgehen kann, geht es auch schief, und dies im schlimmsten und größten Ausmaß; rechne stets mit Katastrophen!

C. Wenn du jemanden brauchst, ist keiner da; und es kommt auch keiner.

D. Den ärmsten Gläubiger behandeln die Schuldner stets am miesesten.

E. Verlass dich auf dich und sonst auf niemanden im Universum!

F. Jeder, der handelt, ist dem klügsten Denker überlegen.

G. Das Leben ist schauerlich, (meist ungerecht) hart und gnadenlos.

Lautlos rotierte der Kubus weiter. Cade zuckte mit den Schultern und sagte halblaut: »Ich sitze hier, versuche nachdrücklich, Verwaltungskosten zu minimieren und eine martialische Flotte in Zeiten des Friedens sinnvoll zu beschäftigen, mache mir tagtäglich neue Feinde – Gründe genug, fröhlich zu sein. Trotzdem bin ich grämlich und unzufrieden. Kannst du mir erklären, Amou, warum ich unruhig bin? Nervös und voller Spannung?«

Sie stellte das Glas klirrend ab und beugte sich vor.

»Seit den zauberhaften Tagen und Nächten unserer Genesung in Chandras Paradies, in der herrlichen Bucht Narontenes, sind dreizehn planetare Monate vergangen. Du langweilst dich, mein Lieber: im neuen Büro, im obersten Stockwerk, an diesem Schreibtisch und mit uralten Problemen!«

Cade runzelte die Stirn, schloss im Reflex des Blitzes die Augen und wartete auf den Donner. Ein Raumschiff orgelte über die Landzunge hinweg und durchstieß den grauschwarzen Gewitterturm. Cade erinnerte sich an Iroyde, die auf Narontene gemeinsam mit Cade und Amourea die unvergessliche Taioli gesundgepflegt hatte, an blaue Milane, sterbende Narroptes und an die letzten silbernen Schuppen seiner Haut. Er zwinkerte in Amoureas Augen.

»Wahrscheinlich hast du Recht, Amou. Ich bin hier, um zu tun, was meine Aufgabe ist. Der einzige Trost in dieser halbwegs funktionierenden Administration bist du. Ich warte auf ein neues Abenteuer – mich dünkt, es kommt keines mehr. Obwohl die Opticomps der Eridanis-Universitäten rechnen wie verrückt.«

Er hob den Arm und deutete anklagend auf die Planetenkarten; zwischen den Kollisionsbahnen der Planetoiden Khalakwolt, den halbentschlüsselten Glyphen des Ebbetempels von 2001 Islands, dem gewaltigen Figurenpuzzle Pharlevincs und den Dherra-Kugeln und Aufzeichnungen aus dem verschrotteten Riesenraumschiff Narontenes bestanden Verbindungen aus dreieinhalb Jahrtausenden alter Vergangenheit, die ein menschlicher Verstand noch nicht verknüpfen konnte, vielleicht vermochten es die Optischen Computer der Universität. Cade Chandra und seine Freunde ahnten, dass sie sich in dem Moment, an dem sich die Seltsamkeiten verbanden und erklärbar wurden, einem einzigartigen kosmischen Geheimnis gegenübersehen würden; wahrscheinlich einer furchtbaren Gefahr, die das gesamte Imperium oder große Teile der Planetengemeinschaft bedrohte. Cade verschränkte die Arme im Nacken, legte die Füße auf den Tisch und meinte:

»Wahrscheinlich hast du Recht, Amou. Die wilden Tage mit Storzia, Jadar und Mokanjis Reiterinnen sind wohl endgültig vorbei.« Er tippte auf eine Taste: Ein anderes Problem in schriftlicher Ausarbeitung erschien auf dem Flachbildschirm.

»Mit unserer administrativen Arbeit helfen wir immerhin vielen Planeten und unzähligen Menschen. Ich bin um acht Uhr bei Jadar. Treffe ich dich dort?«

Amou nickte und strich, als sie hinter Cades Arbeitsplatz vorbei zur Tür ging, über sein Haar. Cade küsste Amous Handrücken und begann weiterzuarbeiten, ehe sich die Tür geschlossen hatte. Während über Stadt und Raumhafen ausdrucksvolle Blitze flackerten, Donner dröhnte und breite. Regenbänder hinwegrauschten, setzte Cade Truppen, Schiffe und Material des Imperiums ein, verteilte Steuergelder, bestimmte den Einsatz von Verantwortlichen und Controllern, tadelte, lobte und forderte auf, mahnte Ergebnisse an und versprach grimmige Strafen.

Die unbestechlichen Frauen und Männer der nachgeordneten Teams, von ihm handverlesen und bei jeder Aktion gedeckt, sorgten für blitzschnelle Erledigung. Obwohl General Chandra dafür sorgte, dass sein privater Kosmos ein Höchstmaß heiler galaktischer Welt widerspiegelte, blieb ein Rest schaler Unzufriedenheit: Er fühlte sich wie ein zahnloser Tiger oder ein Raubvogel mit stumpfen Krallen und gestutzten Schwungfedern. Cade ließ in der folgenden Stunde dieses Gefühl erst gar nicht aufkommen und erledigte bis zum letzten Wetterleuchten das volle Pensum dieses Monats.

Neben dem stählernen ›Auge der Zeit‹, in dessen Wölbung sich Sterne und Mond spiegelten, blieb Cade stehen und sog die kühle, reine Luft in die Lungen. Das Gewitter zog weit im Osten über die Berge. Cade warf einen Blick hinauf zu den Fenstern seines Büros und ging durch den nachtschwarzen Park, vorbei an kleinen indirekten Lichtern, zum Platz des Stadtviertels.

Sein Magen knurrte. Gleichzeitig spürte er, wie sich die Härchen seiner Unterarme und im Nacken aufrichteten. Die Tür des Sternenreysenden glitt zur Seite; aus dem Winkel der Bar winkten Amourea, Jadar und ein unbekannter Mann mit schmalem Gesicht und nackenlangem weißen Haar.

»Hier kommt der Doyen phantastischer Abenteuer«, rief Amou. »Her zu uns, Cade.«

Jadars Bar war etwa zu einem Drittel gefüllt. Hübsche Kellnerinnen huschten hin und her. Jadar thronte hinter der langen Bar; nichts entging seinen Augen. Er deutete auf Cades Stammsessel unter einigen Pharlevinc-Landschaften. Als Cade die silbernen Insignien auf der linken Brustseite des Weißhaarigen sah, wusste er, dass er gleich einem Trampkapitän gegenübersitzen würde – und plötzlich wusste er auch, dass seine Unruhe nicht grundlos war.

»Trampkapitän Arkai Shanohyr der Vierte hat gut gegessen und getrunken.« Jadar stellte unaufgefordert ein großes alkoholarmes Bier vor Cade hin. »Er will mit jemandem sprechen, der sein Wissen nicht missbraucht. Was die Prinzessin und ich bisher erfahren haben, klingt sehr wichtig. Es geht höchstwahrscheinlich um eine Vergessene Welt.«

Cade schüttelte die Hand des Kapitäns. Die Männer tasteten einander mit den Blicken ab. Hinter der Müdigkeit, die nur zum Teil dem Alkohol zuzuschreiben war, glaubte Cade Härte, Besonnenheit und die wortarme Klugheit eines Raumfahrers zu erkennen, der viele Abenteuer überlebt hatte. Amou berührte Cades Arm.

»Wir haben ihm von den vier Vergessenen Planeten erzählt.«

Sie fächelte mit der kleinen Speisekarte vor ihrem Gesicht.

»Arkai weiß, wen er vor sich hat. Ich hab angerufen: DuRoy und Tsamourgeli El Sayr kommen später.«

Cade trank, stützte die Ellbogen auf und sagte:

»Berichten Sie, Kapitän. Wie lange waren Sie seit dem Start von diesem Planeten unterwegs? Ich nehme an, diese Welt hat keinen Namen, die Sonne ihres Systems ist nicht katalogisiert?«

»Richtig. Aber … der Kurs meiner CRYSTAL PYRAMID lässt sich natürlich zurückverfolgen, und mein Erster hat unmäßig viel Stellarfotos gemacht. Vor siebzehn Tagen sind wir gestartet, von der Savanne in Äquatornähe …«

Jadar, Amourea und Cade hörten schweigend zu. Cade stellte insgesamt fünf knappe Fragen. Die Geschichte begann fast alltäglich und endete reichlich verwirrend: Die CRYSTAL PYRAMID war an unbekannter Stelle in den vierdimensionalen Kosmos zurückgefallen und raste auf eine Fünferkonstellation gelber und weißer Sonnen zu, die vor der Kulisse einer lichtdurchglühten Wolke aus Staub und Gas leuchteten. Die Crew versuchte in steigender Verzweiflung, sich zurechtzufinden; die Musterung ergab, dass kein einziger Stern bekannt war. Zwei Sonnen besaßen Planetensysteme. Die PYRAMID näherte sich in vorsichtigen Sprüngen und fand schließlich einen Planeten mit sauerstoffreicher Atmosphäre; die vierte Welt der gelben Sonne vom GO-Typ. Nach einigen Orbits in unterschiedlicher Höhe werteten die sieben Männer des Schiffes die Aufnahmen und Analysen aus.

»Oberflächeschwerebeschleunigung ist neun Komma zwei der alten Terra-Norm. Die Luft: einfach herrlich, noch sauberer und leichter als hier, General Chandra. Ein einziger riesiger Kontinent, auf dem die nördliche Polkappe aufliegt, zerklüftet, voller Gebirge und Buchten, reicht fast bis zum Südpol, der ebenfalls vereist ist. Wir haben die Inseln um den Koloss nicht gezählt – Sie werden die Bilder leicht interpretieren können.«

Die Männer tranken durstig. Zerstreut bestellte Cade ein exotisches Sandwich, mit Käse und Rentierschinken, überbacken.

Shanohyr sprach weiter.

»Unzählbar viele Inseln, kaum eine ist bewohnt. Vom Nordpol bis zum südlichen Delta zieht sich ein Fluss, ein Strom, der Dutzende Nebenflüsse hat, die ihrerseits von vielen Bächen und Flüsschen gespeist werden. Im nördlichen Eisland bis hinunter zu den Schilfsümpfen, überall an den Wasserläufen leben dunkelhäutige Menschen. Kleine Stämme, mit eigenen Tabus und Fetischen und einem teuflischen Arsenal armseliger Waffen. Giftige Dornen, Pfeile, Schleudereisen, keine Explosivwaffen oder Strahler. Narben und Verstümmelungen gibt's; die Krieger sehen aus wie die Vorstufe zum Gulasch. Übertriebene Ehrbegriffe; sie rauben Frauen, und die meisten haben etwas dagegen, wenn etwas mit dem ›heiligen‹ Flusswasser passiert: Umleiten, Staudämme, Wassermühlen – alles ist Frevel. Nicht einmal in den Wadis, den periodischen Wüstenflüssen, darf etwas verändert werden. Also ein reiches Betätigungsfeld für überaus komplizierte und blutige Stammesfehden. Dabei könnten sie alle steinreich sein.«

Arkai Shanohyr öffnete die Tasche am Unterarm und breitete Sternfotografien auf dem Tisch aus, legte Aufnahmen aus dem Schiffsorbit daneben, weidete sich an der Verblüffung und gab Cade schließlich einen Speicherwürfel.

»Steinreich? Was gibt es auf der Namenlosen Welt zu holen?«, sagte Jadar. Cade griff nach Messer und Gabel und machte sich heißhungrig über das Essen her.

»Pelze, Gold, andere Metalle, Bernstein … wir wissen längst nicht alles, obwohl unsere Laderäume bersten. Erzählen Sie mir etwas über die Vergessenen Planeten. Sie waren ja schon auf vier dieser Welten, nicht wahr?« Der Trampkapitän lehnte sich zurück und schob das leere Glas in Jadars Richtung. »Ich kenne natürlich viele Gerüchte, von Besserwissern und Aufschneidern, aus Hafenkneipen und so weiter.«

»Es gab lange vor der Zeit, als sich das Imperium langsam gründete und vergrößerte, lockere Interessenverbände zwischen Planeten und Planetensystemen. Ein kosmischer Krieg brach aus; niemand weiß genau, warum. Viele Raumschiffe starteten von vielen Planeten und jagten, vollgepfercht mit Flüchtlingen, irgendwohin in die Galaxis hinaus. Das war vor sechsunddreißig Jahrhunderten.« Amou studierte die halbstereoskopischen Höhenfotos, die Land und Küsten zeigten.

»Wahrscheinlich sind viele Schiffe für alle Zeiten verschollen oder treiben voller Leichen durchs All. Andere Raumschiffe landeten, vermutlich nach langen Irrflügen.« Shenohyr redete, als wisse er ganz genau, worüber. »Und auf einigen Welten gründeten die Überlebenden neue Zivilisationen und Kulturen. Auch dieser Planet der Uferkultur-Stämme wurde, das glaube ich ganz fest, von Überlebenden jener Massenflucht besiedelt.«

Undeutlich, weil er an der Kruste kaute, sagte Cade:

»Wobei aus Teilen der Geschichte, die jene Planetarier mitnahmen, neuer Unglauben, seltsame Sagen und unverständliche Riten wurden. Wer das weiß, verhält sich vielleicht richtig oder weniger falsch. Warten wir ab, was Vance Horatio DuRoy darüber denkt. Sie, Kapitän, sind sicher daran interessiert, mit dem namenlosen Planeten Handel zu treiben?«

»Und ob ich das bin. Ist das Imperium meine direkte Konkurrenz? Vergessen Sie nicht, dass Sie ohne mich den Planeten nicht wieder finden.« Arkai Shanohyr IV. grinste und nickte heftig. »Oder kriege ich vom Imperium etwa eine Finderprämie?«

»Die Vertreter des Imperiums, mit denen Sie sprechen, sind verantwortungsbewusst. Ihr Anteil an dem Unternehmen wird sicherlich nicht klein bleiben. Mein Wort, Käpten!«

»Ihnen glaub ich's.«

Ein Hauch parfümgeschwängerte Zugluft wirbelte zugleich mit Tsamourgeli und DuRoy in den Raum. Cade trank einen Schluck Naqnaq und winkte seinem Freund. Jadar wuchtete zwei Sessel an den Tisch und stellte den Trampkapitän vor; Shanohyr konnte seine Augen nicht von der üppigen Schönheit der Professorin Tsamourgeli losreißen und begriff langsam, dass er tatsächlich mitten zwischen wichtigen Personen des Imperiums gelandet war. Cades grüne Augen schienen im Halbdunkel zu leuchten, als er General DuRoy über den Fund Arkais aufklärte. Der Kapitän lächelte versonnen und sagte:

»Ich bin glücklich. Die Nacht ist voll harmonischer Ausgewogenheit! Viele glückliche Flüge werden folgen!«

Eine Stunde danach saßen alle in Cades Büro. Die Abtaster summten. Auf den Monitoren bauten sich scharfe Holobilder auf. Die Positionen in der Galaktischen Karte wurden ermittelt und blinkten zwischen den Sternprojektionen, Landkarten breiteten sich aus, und die Videoaufnahmen der PYRAMID-Crew zeigten seltsame Lebensformen des Homo sapiens stellaris. Weit nach Mitternacht drehte Vance DuRoy seinen Sessel herum, deutete auf Arkai Shanohyr und sagte entschlossen:

»Sie verkaufen schnell Ihre Ladung. Oder Sie lagern sie vorübergehend ein. Ihr Schiff wird in der Flottenwerft überholt. Sie und beliebige Mannschaftsangehörige fliegen mit einem Imperiumskreuzer zu diesem vielversprechenden Planeten, der sich auf einer höchst begehrenswerten Position befindet.«

»Genau dort sucht das Imperium seit langem einen Raumhafen samt Stützpunkt.« Tsamourgeli lachte kehlig und strich ihr langes Haar von der nackten Schulter. Der Blick des Trampkapitäns verlor sich in ihrem prachtvollen Dekolleté. »Ist es nicht so, Commander?«

»Wenn die Flotte einen Stützpunkt einrichten will, sind alle Maßnahmen gerechtfertigt«, stimmte DuRoy zu. »Machen Sie mit? Ist das nach Ihrem Geschmack, Kapitän Shanohyr? Wenn jeder an sich denkt, dann denken alle an sich und somit auch ans Wohlergehen des Imperiums. Start: übermorgen. Einverstanden?«

Arkai streckte den Arm aus und packte DuRoys Hand. Der Commander verzog sein faltiges, tiefgebräuntes Gesicht zu einem ungewohnt herzlichen Lächeln. »Kommen Sie mit, General Chandra?«

Cade schüttelte den Kopf. Sein Tonfall drückte ehrliches Bedauern aus. Er streichelte Amoureas Wange.

»Es würde mich reizen. Wahrscheinlich erst nach der nächsten Landung. Ich erkenne noch keine Probleme, die angeblich nur ich lösen kann. Selbst wenn es so wäre, würde ich nicht ohne Storzia Grur und Jadar, Horze lo Venosta und Mokanjis Lanzenreiterinnen aufbrechen. Fliegt hin, stellt fest, was es dort gibt, dann sprechen wir darüber. Ich bleibe hier und verstöre weiterhin die Administration.«

»Deine Freunde, erheblich verstört und zur Mitarbeit gezwungen, wünschen dich inzwischen weit weg. Mindestens bis zum Namenlosen Planeten«, sagte DuRoy und lachte herzhaft. Cade nickte und betrachtete leicht verwirrt das Muster aus Bächen, Flüssen und Mündungen entlang des großen Stromes auf der neuen Planetenkarte. Er versuchte hinter der graphischen Struktur eine Botschaft oder Information zu erkennen, gab es jedoch bald auf: Es war zu spät für klare Gedanken. Er murmelte:

»Morgen, oder genauer in neun Stunden, wird Superintendent Balph Woonseidel mein Büro erstürmen. Aus seinem Amt habe ich hundertsiebzig Langeweiler zu den Pionieren gejagt. Das werden harte Stunden, Freunde. Braucht ihr mich noch?«

»Nein. Danke, Cade. Wir machen das alles mit gewohnter Präzision und Schnelligkeit. Käpten Shanohyr wird seine Freude haben; wären Sie gern mein Gast im Hotel für höhere Flottenangehörige, Sir? Einzelzimmer mit Fernblick?« DuRoy lächelte.

Arkai nickte strahlend. Er verbarg seine Begeisterung nicht.

Cade nahm Amous Hand und winkte matt. Sie gingen eine Wendeltreppe mit breiten Stufen hinauf, schlossen mehrere Türen und entspannten sich in der kühlen Ruhe des Penthouse-Apartments. Cade starrte auf der Terrasse ins Gefunkel der Sterne und atmete tief ein und aus. Leise sagte er zu seiner schwarzhaarigen Freundin:

»Ich ahne, was passieren wird, schönste Geliebte der Sterne. Bald, sage ich, wird dieses famose Büro wieder vorübergehend verwaist sein.«

Sie lächelte und legte ihren Arm um seine Hüfte.

»Ich weiß es schon seit vier Stunden, Cade. Tu nichts Unüberlegtes: Warte, bis der Imperiumskreuzer zurückgekommen ist. Dann werden wir wissen, ob sich das Abenteuer lohnt.«

»Zunächst lohnt sich tiefer Nachtschlaf.«

»Nur an deiner Seite.« Amou deutete auf die weißfunkelnde Meteoritenspur. »Oder besser: in deinen Armen.«

Der Superintendent, in seinem Gefolge zwei blasse Männer mit tragischem Gesichtsausdruck und schmalem Datenträger-Koffer, musterte schweigend die Einrichtung des Raumes. Jede einzelne Daten-, Informations- und Kommunikationsanlage arbeitete sichtbar und hörbar. Cade lächelte und sprach leise und wohlüberlegt. Jeder, der ihn kannte, würde sich von seinem Tonfall gewarnt fühlen müssen.

»Das Ausmaß meines Entgegenkommens umfasst durchaus einen gepolsterten Sitzplatz. Machen Sie es sich bequem, meine Herren.« Er deutete geschäftsmäßig höflich auf Woonseidels verkrampfte Finger. »Die Faust auf dem Tisch ersetzt oft die Gedanken im Kopf. Was kann ich für Sie tun, Superintendent?«

Woonseidel beugte sich vor. Die Adern in seinen Schläfen pochten.

»Sie können augenblicklich aufhören, sich in meine Arbeit einzumischen, Administrator!« Er atmete schwer; hektische rote Flecken verunzierten seine Wangen. Seine Sekretäre klappten gleichzeitig die Koffer auf. »Alles lief bisher zur Zufriedenheit aller. Bis Sie aus dem Exil zurückgekommen waren. Wollen Sie etwa auch mein Amt auflösen?«

Cade war hervorragend präpariert. Ein Fingerdruck rief die Synopsis des Rechnungshof-Prüfberichtes auf das Datenfeld. Er tippte auf einige Zahlenkolonnen und sagte:

»Noch nicht, Sir. Ich bemühe mich aber, die gesetzlichen Vorschriften des Imperiums durchzusetzen. Wenigstens in der Beta-Eridanis-Region. Das Amt für Ausrüstung, Beschaffung, Normung und Kontrolle verstieß, laut erwähntem Bericht, seit Jahrzehnten gegen diese Vorschriften.« Er sah auf, grinste und nickte. »Jetzt nicht mehr, Sir.«

Fassungslos schüttelte Woonseidel den Kopf. Sein Gesicht wurde langsam bleich. Auf der Stirn erschienen winzige Schweißtropfen. Die Sekretäre hantierten auf den Tastaturen ihrer tragbaren Computer. Cade sprach ungerührt leise weiter.

»Ich greife ein paar Beispiele wahllos heraus: Speziallacke für Raumschiff-Außenanstriche und -Dekorationen. Seit zwölfhundert Jahren beliefert die Industrie die Flotte mit dem jeweils modernsten Produkt in neun gleichen Farben. Bei Ihnen beschäftigen sich dreiundzwanzig Mann mit dem Registrieren und Verteilen, als würden Raumschiffe tagtäglich umlackiert. Jetzt schaffen drei Leute die Arbeit. Vierzehn unterschiedliche Tropfbehälter für Spezialöl in neun Typen Raumschiffen: In Zukunft kommt die stolze Flotte mit drei verschiedenen Gebinden aus. Zucker in Tütchen, in Würfeln, Kilopackungen, Containern und Küchengebinden, dasselbe mit Salz oder Zuckersubstrat – wegen einiger Tonnen davon rechnen, registrieren und verwalten einundvierzig Frauen und Männer knapp fünfzig Posten. Seit einem Monat, wer hätt's gedacht, sind die Variationen und die Anzahl der Bearbeiter geringer, Kosten gesenkt, die Behörde verschlankt, alles ist billiger.

Ich erfülle den Auftrag des Gesetzes, Sir, werde weiterhin sämtliche Behörden durchforsten und Leute dazu bringen, nur für vernünftige Arbeiten bezahlt zu werden. Sie haben nach meinen Informationen noch vierzehn Jahre bis zur Altersgrenze; bei mir dauert's länger.«

Er lehnte sich zurück. Balph Woonseidel konnte seine Finger nicht mehr unter Kontrolle halten.

Cade projizierte einige Graphiken auf den wandhohen Monitor.

Von hundertsiebzig einschlägigen Zweigstellen des Imperiums für diese galaktische Region hatte Cade neunundsiebzig seiner gnadenlosen, höchst effizienten Neugliederung unterzogen.

»Die Einsparungen sind immens. Millionen Goldfranken in einem Monat«, sagte Cade. »Kann ich Ihnen mit weiteren Erklärungen dienen? Soll ich aufzählen, wie viele Frauen und Männer verurteilt worden sind, weil sie beim Goldraubzug in den Karawansereien Pharlevincs beteiligt waren? Die Imperialen Räte sind von unserer Exekutive begeistert.«

Woonseidel ließ die Schultern sinken. Seine Stimme war heiser und kippte, als er hervorstieß:

»Jede Dummheit, General, findet einen, der sie macht! Sie haben viele Feinde gefunden. Sie werden Ihre schönen Diagramme nicht zu Ende bringen.« Sein Blick zuckte zur Steilkurve der fallenden Kosten. »Überall baut sich Widerstand auf.«

»Nur nicht an der Spitze des Imperiums.« Cade blieb sachlich; ihm waren die erleichterten Reaktionen seiner wenigen Vorgesetzten bekannt. »Ich bin nicht Ihr persönlicher Feind, Superintendent. Sprechen Sie mit dem Chef des Rechnungshofes. Die Kosten, sprich Steuergelder, haben das Vorstellbare überschritten. Kommt es zur Krise – und Pessimisten rechnen damit – ist nichts mehr bezahlbar. Darf ich Ihnen, bevor Sie gehen und mich weiterarbeiten lassen, einen guten Rat geben?«

»Wir Superintendenten können darauf verzichten, Sir!«

»Schwerlich.« Cade hörte die subtile Drohung und stand auf.

Eine Schaltung ließ die Tür aufgleiten. »Stellen Sie sich nicht gegen die Administration der Beta-Eridanis-Planeten. Sie riskieren ziemlich viel. Die Gilde der Enttäuschten ist bekannt; jeder davon könnte sich profilieren und mehr Anerkennung als ich einheimsen, würde er sein Geschäft in perfekter Ordnung halten: Macht, Herrlichkeit und kultureller Anspruch des Imperiums kosten viel Geld, das andernorts gespart werden muss.« Er machte eine Pause, deutete lächelnd zur Tür und sah, dass die farblosen Mitarbeiter ihre Datenträger zuklappten. An Cades Stimme hätte man ein Schwert schleifen können. »Ich spare in meiner Region, und niemand hindert mich daran. Guten Tag.«

Superintendent Balph Woonseidels Rückzug war lautlos und schnell. Sein Gesichtsausdruck zeigte nur die Hälfte seiner kalten, noch beherrschbaren Wut. Er hasste Cade; ein Gegner mehr in der nahen Zukunft. Cade Chandra blickte sekundenlang die vielfarbige Darstellung seiner Erfolge an. Die Versuche, Imperiumsbehörden zu schlagkräftigen Instrumenten umzuformen, stellten nur einen Teil seiner Arbeit dar. Balph Woonseidel war keine Gefahr. Cade fürchtete nur unbekannte Feinde.

»Beim Gryphon!«, sagte Cade und schaukelte mit dem Sessel. »Würde jetzt jemand entdecken, wo sich Prospektor Olanrevaju versteckt, wäre meine Laune weit besser!«

Olanrevaju blieb verschollen.

Selbst Commander DuRoy war sicher, dass zugleich mit der Verhaftung, Anklage und Verurteilung der Diebe von Pharlevinc die letzten Reste der Balter-Nachfolgeorganisation eliminiert worden waren. Mögliche Zusammenhänge zwischen den bisher entdeckten ›Vergessenen Planeten‹ hatten weder die Flotten-Spezialisten noch die Imperiums-Xenologen feststellen können – außer der Tatsache, dass sie in der Zeit der Kriege besiedelt worden waren. Auch die Aufzeichnungen der fernen Erde gaben wenig Erhellendes preis, ebenso wenig wie über Cades Leben bis zur Volljährigkeit. Berichte, denen zufolge seit langer Zeit und in weit auseinanderliegenden, unregelmäßigen Abständen von Raumfahrern mondgroße Objekte gesichtet worden waren, mehrten sich; ein Umstand, der mehr verwirrte als aufklärte.

Jene Fremden verbargen sich und hatten offensichtlich nicht das Bedürfnis, Kontakt mit dem Imperium aufzunehmen. Cade blieb nichts anderes übrig, als einmal mehr mit den Schultern zu zucken.

Etwa einen Monat später: Die ANGULARITEE landete neben den Parkflächen, die sich auf den Dächern der unterplanetarischen Werftanlagen erstreckten. Jadar stieß Cade den Ellenbogen in die Rippen und grollte:

»Sind die Burschen durch eine Sonne geflogen? Oder haben sie etwa die furchtbaren Gryphons getroffen?«

»Irgendetwas ist ihnen passiert«, sagte Amou ebenso verwundert. »Das Schiff sieht reichlich mitgenommen aus.«

Fahler Rauch zog aus den Düsenöffnungen, als sich der Schnelle Kreuzer auf die geriffelte Betonplatte senkte. Mit markerschütterndem Knirschen öffnete sich die große Hauptschleuse. Die Schiffshülle trug ungewöhnliche Spuren: Beulen, Beschädigungen an Farblinien und Buchstaben, als habe hochkonzentrierte Säure den Stahl angegriffen, unzählige kleine Schnitte, Einschläge und andere Beschädigungen. Cade schüttelte den Kopf, drehte sich herum und sah eine Reihe großer Gleiter mit blinkenden Lichtern und den Zeichen des Medizinischen Dienstes. Sie rasten auf die ANGULARITEE zu, der erste Gleiter hielt neben der Rampe. Trampkapitän Shanohyr IV. kam als erster hinaus, den Arm in der Schlinge und mit einem blutigen Kopfverband. Cade und Jadar rannten zwischen den rangierenden Gleitern zur Schleuse. Hinter Arkai schwebten einige Tragen, auf denen bandagierte Crewmitglieder lagen und stöhnten.

»Dieser verdammte Planet!« Arkai erwiderte Cades Gruß mit der linken Hand. »Nicht mehr namenlos! Wir nennen ihn, fluchend, Lu Inferru. Das absolute Inferno, General. Sehen Sie, wie sie uns zugerichtet haben? Zum Glück keinen Toten, auch nicht bei denen. Sie sind alle verrückt.«

Er humpelte zur Seite, um die Ärzte und Helfer vorbeizulassen. Teile der Schleuseneinrichtung waren demoliert oder verbrannt und notdürftig repariert. Jadar fragte langsam:

»Es hat also Kämpfe gegeben?«

Der Käpten nickte und verzog das Gesicht. »Mehr als genug. Wir waren nur sicher, wenn das Schiff in der Luft oder im Raum schwebte.«

Der Schnelle Kreuzer hatte vierzig Mann Besatzung. Die Hälfte war mehr oder weniger schwer verwundet. In rasender Eile versorgten die Ärzte die Crew. Die Gleiter jagten mit gellenden Sirenen quer über die Landeplattformen. Cade wartete, bis der Lärm im Schiffsinneren aufgehört hatte und Imperiumskapitän Barr Linjwood von der Brücke kam. Seine Hand war verbunden, auf seiner Stirn klebte ein großes Stück Kunsthautgewebe.

»General Chandra!« Barr salutierte mit schmerzerfüllter Miene. »Wir haben überlebt. Ich schwöre Ihnen: Noch niemals habe ich Informationen und Bilder und den ganzen Kram so schwer erarbeitet. Ich kann Ihnen sagen, wo Sie landen müssen, wenn Sie landen wollen.«

»Wo?« Cade hob den Kopf und betrachtete das flugtüchtige Halbwrack.

»Nicht auf diesem Planeten der Verrückten, General. Sir.«

»Offensichtlich waren die Planetarier der Meinung, das Raumschiff verstoße unentwegt gegen ihre zahlreichen t'puoys. Wie sieht es, trotz Ihrer tapferen Gegenwehr, mit den erwünschten Informationen aus?«

»Haben wir, General. Die größte Schwierigkeit war, die Leute von Inferru nicht zu töten. Sie wollten uns umbringen, an jedem Ort und zu jeder Tages- und Nachtstunde.« Der Raumfahrer kicherte nervös. »Wo wir auftauchten, ob mit dem Beiboot, den Gleitern oder mit dem Schiff – überall tauchte ebenso schnell eine Horde auf und griff an. Wenn sie keine Waffen mehr hatten, haben sie mit Steinen geworfen und uns gebissen. Es war wirklich das Inferno.«

»Nomen est omen.« Cade begrüßte die Unverletzten der Crew. »Und wo verbirgt sich dieses liebenswerte Plätzchen?«

»Zielstern war Suhail Hadar, Sonne Lambda Caralis, also der elfte Stern kernwärts. Die Sonne Kitaroo, von uns benannt, hat fünf Planeten. Lu Inferru ist Nummer vier. Zwei Monde, Aegir und Ymir, von den Eingeborenen so genannt.«

»Aegir, der Grauenvolle, und Ymir, der Urriese, das Ungetüm.« Amou hob die Schultern. Jadar unterhielt sich leise mit dem Ersten und Zweiten Offizier. »Es muss nichts bedeuten, aber diese Begriffe kommen aus der nordischen Mythologie der alten Erde.«

»Besonders originell ist es, wenn Dunkelhäutige diese Terminologie gebrauchen. Schwarze Riesen-Eskimos. Schon einmal davon gehört, General? Wir haben gegen sie gekämpft, zwischen Iglus und Eisschollen. Nicht zu vergessen die Gebirgler, die Dünenleute und die Irren in der Savanne.«