Galaktische Odyssee - Hanns Kneifel - E-Book

Galaktische Odyssee E-Book

Hanns Kneifel

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Beschreibung

Serval Ascander zielte mit dem Strahler auf Shuksparrs Kopf. Der Mann bewegte sich blitzschnell; er ließ das Funkgerät fallen, sackte zu Boden, zog eine Waffe und feuerte. Serval duckte sich unter dem heulenden Lichtblitz, schoss zweimal und wechselte nach dem ersten Schuss die Stellung. Als er am Rand der Treppe auftauchte, kippte und stolperte sein Gegner die Stufen abwärts und überschlug sich zwischen den Steinbrocken. Im selben Augenblick begann das fanfarenartige Blasen des Geysirs und steigerte sich zu einem infernalischen Fauchen ... Nach diesem Kampf auf Leben und Tod wird Serval Ascander zu einem Einsatz gezwungen, der ihn in einer beispielhaften Odyssee auf rätselhafte Welten voll unbekannter Gefahren führt. Bis er schließlich einer Bedrohung wahrhaft kosmischen Ausmaßes auf die Spur kommt und seine eigene Bestimmung erkennt. Perry Rhodan- und Atlan-Autor Hanns Kneifel legte mit "Galaktische Odyssee" seine wohl ambitionierteste Space Opera vor, ein pralles, exotisches Stück Weltraum-SF.

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Seitenzahl: 683

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GALAKTISCHE

© Copyright Erben Hanns Kneifel

© Copyright 2016 der eBook-Ausgabe bei Verlag Peter Hopf, Petershagen

www.verlag-peter-hopf.de

© Cover: Thomas Knip | afxhome – Fotolia.com

ISBN ePub 978-3-86305-219-5

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Alle Rechte vorbehalten

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis
Galaktische Odyssee
Dramatis Personae
001 – Prolog
002 – Port Axis
003 – Im All
004 – Eine von Ascanders Nächten
005 – Albträume
006 – Dr. Med. Catha-Vethen
007 – Eine fast rituelle Jagd
008 – »Sternengötter«-Ruinen
009 – Sonne Sadbewent, Planet Bulumvarga
010 – Mutter der Clans
011 – Die Th'Marb-Eilande
012 – Zwischenspiel
013 – Ascanders Nachtlektüre
014 – Rasend schnell unterwegs
015 – Zeit wie im Fluge
016 – Verschiedene Mutmaßungen im Hyperraum
017 – Eine Welt öffentlicher Melancholie
018 – Nächtliches Dryaden-Scheinleben
019 – Panik unter den Mondmeistern
020 – Welt der Ozeane
021 – Strandleben und Mondkampf
022 – Der große Mondmeister
023 – Sonne, Wüsten und Oasen
024 – Ein Raumschiff voller Kentauren
025 – Ein letzter Start der Seeasme?
026 – Die Dünen der Camargue
027 – Wieder an Bord
028 – Epilog
Fußnoten

HANNS KNEIFEL

Dramatis Personae

Auf dem Vulpeculiden-Planet DISSA BHARAI bzw. in Nysen Axis:

Serval X. Ascander; Leiter des Raumhafens von Port Axis

Demaret; Mutter der Clans von Nysen Axis, Terra-Vulpeculidin

Nuattaghan, Wirt, Besitzer des »Mitternachtfisch«

TyRex, Drac, fingergroßer telepathisch begabtes Maskottchen Servals

Corsadane; Anführerin der Wache (der Mutter aller Klans)

Nayard; Eingeborener von Dissa Bharai

Xar Wynbring; Felinoide, Ascanders Mitarbeiter, ebenso:

Shagar Tendrak, Chamaeleonit,

Catha-Vethen; Aquiliden-Graswurzelarzt von Aggbroise,

Später: Darath Gyarr, Ablösung

Zebar Booci, Kadashgmann

Prof. Thydee Ghislaine Diomede Ruch-Shaunavon; reiche und schöne Besucherin

Doy Shuksparr; Terraner, und

Azon Varlink; Terraner; zwielichtige Gestalten

und: Casmarea Ary, Mikrochirurgin, Formiculidin

Bei STARCHONT, (in der Societaet, im Dodekanat):

Khustar Siard, Sicherheitschef; Felinoide

Ulyx Ophiuchi Huéber, Siards Sekretär, Neo-Terraner

Caia Nethe, Vulpeculidin, Handelsattaché der Bugel-Zezere-Welten

Asemblea (Rats-)Präsident Avigo Nurch, Formiculide,

Florimant Smaag, Wissenschaftskapitän der TKN-T, »Steinwälzer«,

Toydar Zorcminder, Chef des Starchont-Sicherheitsdienstes, Formiculide

Visalon Nas, Großreeder, grünschuppiger parahumanoider Kadasgh-Echsen-Mann

Zorge Zagyra und Bunraddy Camarosa, Reeder

Sargon Brakwader, Kentaur von den (Menefrû-Mirech) Shebellenwelten

Aarth II., Sekrator von Shufurach, Delphinwesen etc.

In der S.E.E.A.S.M.E.:

Kommandant Serval Xerxes Ascander,

Alkhadi Carm, Exopsychologe, Schiffsführer, Pilot, Terraner von Arcaditerra

Marnier Xaruntz, weißhaariger Kolonialterraner von NeaGaia, Kopilot

Tomari Joum, Peo-Cardinerin, Zorcminder-Spezialistin

Nahur Ca; Peo-Cardi-Elefantenwesen, Beiboot, Allroundkraft

Athriaenne Ravon, Bordlogistikerin (Ausrüstung), Felidin

Rasa Zhaxi, Xenobiologe, Chamaeleonit-Echsenwesen

Shamasor Aurar, Formiculide, Mediziner von Janigra

Ndaali Dnaak, Kadasghmann, Informationstechniker

Crayshade Accis, Koch, Troglodyt, (Obscurant), Zorcminder-Raumsoldat

Karazzar Shufim, Astronomin, Vulpeculidin

Ponwindle Alkayd, VR-Programmierer, Aquilide

Aychentueshan »Tush« Grend, Psychologin, Beibootpilotin, Taucherin, Terra-Felinoidin-Halbblut

Vorghan Morf, Astrogator, Bordingenieur, Terratroi

Kurge Aorr, Weltraum-Physiker, Kadashgmann

Wea Ly Spica, Exobiologin, Dokumentation,

Accaudi Valaroith, Astrogatorin, AstroBiologin, Formiculidin

Redenna Sharrim, Exopsychologin, Felidin

Kiltarp Sorok, Technikoffizier, II. Shuttlepilot

Auf den Planeten:

Anghelprang, Sonne M'llirio: Naëmya und Kvough

Iroissray, Sonne Birbirylla: Xassiah, Markatta, Taliska; Gardistinnen; Triger Aa; Kontakter, und die 13 Thloge Navayhke; Herrscher-Rätinnen

Framireanth, Sonne Glinderin: Patriarchen Pongach, Burrach, Nakhas

In den Monden:

AUS: Baron Achill Hylobatosjr., Prof. Yves-Alain Khalil-Mandjaossi und Capitána Sonaidia Sharçais: A.L.A.R. – Atlas, Lexikon und Astronomischer Ratgeber zu allen bewohnten, bewohnbaren und unwirtlichen Welten sowie deren Muttergestirnen. Verlag DIE GALAXIS, Terra/Mars © 3021, XV. Auflage; verschiedene Speicher-Versionen.

»Im Sternbild Cassiopeia liegt die Sonne Staghay-Tinger mit fünf Planeten: Dagion, Dargun, Drais, Dissa Bharai, Dram, von denen nur Sharijar/Dissa Bharai bewohnt ist. Sonne und Planetensystem wurden von Sir Austin Healey Farthingale (Terra, 2936-3028) während der sog. Zweiten Mythologischen Expedition, A.D. 3009-3018 entdeckt. Als Sir F., von den aus dem Weltraum deutlich sichtbaren Großruinen-Strukturen fasziniert, auf dem vierten Planeten landete und ihn nach seinem ältesten Sohn, einem Xenoarchäologen taufte, fand er hochzivilisierte humanoide Felinoiden vor, die ihre Welt Dissa Bharai und die Sonne Staghay nannten. Vor langer Zeit, so eine planetare Überlieferung, hätten die (inzwischen längst verschwundenen, auf Wanderschaft durch das Universum befindlichen) Sternengötter den Eingeborenen den th'marben Ssagis-Baum geschenkt und später die prächtigen Großbauten verlassen, nachdem sie in der Juwelenkammer des Großen Spitzkegels die Startformel für ein einzigartiges kosmisches Wesen errechnet und in die Tat umgesetzt hatten. Dissa Bharai, dessen siderischer Tag 21 h 52 m 46 s beträgt, entspricht herkömmlicher Terra-Norm. Drei Monde: Glaiva, Shigma und Esca ...«

Eine Sagengestalt aus kollektiver Erinnerung der Dissa Bharai-Planetarier: »Der Große Sternenwal, das Lichstrahlenmonster, der Leviathan des Universums ist allemal schneller als der Gedanke, und er vermag alles. Er atmet Sonnenwinde, frisset Sternenstaub und verdauet Monde und Planetenwelten. Sein Auswurf gleichet glühenden Kometenschweyfen; er lieset die Gedanken aller Wesen in allen Sprachen und vermag alles in alles andere zu verwandeln, so wie es ihm gefallet.«

»... stoßen wir bei nahezu allen Sternenvölkern auf die Erwähnung solcher gottähnlicher Wesen, wobei diese jenen keinerlei universale Schöpfer-Bedeutung zumessen, sie also nicht vergöttlichen oder gar anbeten.«

A.L.A.R.

»Ein weißer kosmischer Elefant-Leviathan, eine rasende Sonne, wie ein Pfeil geformt, ein Wesen, wie es nur ein besessener Käpten Ahab des XXXI. Jahrhunderts zu jagen wagte, von schreckenerregender Allgegenwärtigkeit, ausgestattet mit unglaubwürdigen Kräften und völlig undurchschaubarem Verhalten, unberechenbar wie der Blitz ...«

— J. Seydenblum, Orbis universii pictus

»Die wenigen Raumfahrer, die je mit den legendenhaften Râ-Seglern in ihren sonnenrahgesegelten Raumbooten zusammengetroffen waren, hatten sich von jenen, die (nach eigener Aussage!) so alt wie die Galaxis waren, Folgendes berichten lassen: Der kosmische Gigawal, der WalWal, oder die Formel seines Lebens sei aus einem Sternen-Edelstein entwickelt worden, der wie ein Großer Gedanke in den Himmel geragt habe und dessen Reste unter den Ruinen einer unbedeutenden Welt begraben sind.«

Starmagister Rekkeswynth Katatympalo,

Finale Entropie aller Kosmogonien

»Die Existenz eines intelligent agierenden Superwesens, das aus unterschiedlichen Energiepartikeln besteht, einer Art Physeter catodon stellaris, ist trotz aller meist kryptischen Hinweise und scheinbarer Beobachtungen zwar vorstellbar, indes weder nachgewiesen noch real denkbar. Das Gleiche gilt für die Annahme von Sternengöttern, die in atemberaubenden Bauwerken derlei Wunderwesen konzipierten; in den meisten untersuchten Fällen stammen die heutigen Ruinen – so auch das Trümmerfeld auf Dissa Bharai – von Vorfahren der heutigen Planetarier. Auch die letzten Sichtungen der sog. Râ-Segler liegen, wenn sie denn je stattgefunden haben sollten, mehrere Jahrtausende zurück.«

Dr. Janey Sheliak & Sir Nadir Amûnray Marcander,

neues Lexikon aller Mythologien der Starchont-Welten

Mons-Bien-Mediengroup, VI. Auflage, Neu-Athen, Terra

001 – Prolog

MARS. 13. Oktober 3992. Starchont-General-Zeit. Die müde amberfarbene Sonne senkte sich durch zebroid mäandernde Wolken dem Horizont entgegen. Blutrote Schatten krochen die gigantischen Vulkanhänge des Olympus Mons aufwärts, Phobos kletterte funkenblitzend über den Atmosphäretürmen von Niacria Regionis in den purpurnen Himmel. Fern aus nachtschwarzen Gewitterwolken zuckten vielverzweigte dünne Blitze. Wieder raschelte ein kühler Windstoß in den Blättern der blühenden Oxygenkastanie des Habitats und kräuselte die Oberfläche des Pools.

Caia Nethe schwamm mit trägen Bewegungen, tauchte und zog sich am weißen Schaumstein des Beckenrandes hoch. Ihre fuchsrote Haarpracht lag dicht auf der seidigen Haut des Nackens und der Schultern; Wasser perlte aus den Brauen und der feurigen Stirnlocke, lief über den Hals und die Brüste. Ihr Lächeln zeigte schneeweiße Reihen dreieckiger Zähne.

»Noch zwei Tage und Nächte, Eure Machtvollkommenheit.« Schlanke Finger mit goldplattierten Krallen strichen selbstverliebt über ihre Brüste. »Nimm dir Zeit für mich, Khustar, bevor du wieder lange auf meinen Anruf warten musst.«

Khustar Siard senkte den Kopf und musterte die emphatischen Härchen an den Enden ihrer Fuchsohren. Bedächtig goss er grünen Sternennektar in die Gläser, füllte mit gestoßenem Eis auf und platzierte drei quallenähnliche Neshin hinein, die das orangefarbene Getränk durchstrudelten, würzten und sich gleichzeitig in malvenfarbenen Schlieren auflösten.

»Nur galaxisbedrohende Neuigkeiten finden heute ihren Weg zu uns, Schönste«, sagte er. Seine Stimme, ein abgrundtiefer Bass, unterstrich den machtvollen Eindruck des leonidenhaften Gesichts und der sandfarbenen Löwenmähne. »Jede einzelne Stunde gehört uns. Vorausgesetzt, du trocknest dich ab, bevor ich mich über dich werfe.«

Caia Nethe stieg aus dem Pool, der zusammen mit Rasenflächen, Haus, Energiestation und unterschiedlich großen Bäumen in die Struktur des Schwebehabitats eingeformt war. Sie bewegte gespielt und herausfordernd lasziv die Muskeln unter der milchbraunen Haut der langen Schenkel, drapierte ein Tuch mit einem nautischen Knoten um sich und griff nach dem Glas.

»Manchmal tust du, als wärst du der wichtigste Mann Starchonts, und dabei bist du bloß der treue alte grauhaarige Sicherheitschef, der seinen Sohn ausbildet.«

Sie setzte sich ihm gegenüber. Erste Sterne erschienen am Firmament. Phobos feuerte vielfarbige Laserstrahlen, Hinweise auf das Wetter der nächsten Tage, auf seinem rasenden Weg zum östlichen Horizont ab. Caias Zehenkrallen hinterließen auf dem feuchten Fell von Khustars Oberschenkel sechs nadeldünne Spuren.

»Starchont bezahlt auch unsere Getränke, und gegenwärtig warten im Dodekanat fünf oder sechs potenzielle Nachfolger auf meinen letzten großen Fehler. Nicht Bewerber oder Konkurrenten: Nachfolger. Ich versuche etwas anderes, Caia.«

Caia Nethe funkelte ihn über den Rand des Glases an und hauchte: »Ich weiß. Auch ich warte auf das Übermaß deiner spürbaren Leidenschaft, Khustar Siard. Aber keinesfalls endlos lange.«

Lautlos schloss sich, noch bevor der erste Regentropfen fiel, die Energieblase über dem Schwebehabitat, das jetzt die schwach beleuchtete Zone des waldgesäumten Arcadiakanals überflog. Fast unmerklich vibrierte die schaumsteinverkleidete Konstruktion im warmen Sauerstoff-Aufwärtsstrom unzähliger neu gepflanzter geklonter Ssagis-Ahorne. Khustar setzte das Glas ab, zog Caia an sich und begann, ihren Hals und die Schlüsselbeine zu streicheln. Sie schnurrte tief in der Kehle und fauchte; ihr Haar trocknete und ringelte sich knisternd auf.

»Terranorm, Marsschwerkraft oder Bugel-Zezere-Bedingungen?«

»Mir ist alles Recht«, flüsterte Caia und fuhr mit beiden Händen durch seine ergrauende Mähne. »Alles, was länger als eine halbe Stunde dauert.«

Er hob sie auf und trug sie in den kugelförmigen Schlafraum. In der Schwerkraft von Caia Nethes Heimatwelt rotierte langsam die prächtige Liege. Kerzen entfalteten ihr mildes Licht über der leblosen Landschaft des vierten solaren Planeten, Helligkeitsinseln entstanden um Caia und Khustar; ein milder Nebel adstringierender Pheromone durchzog die Sphäre, als Khustar die Frau auf das Laken bettete und leidenschaftlich berührte. Sie wand sich unter ihm und umklammerte ihn mit ihren langen, muskulösen Gliedmaßen. Finger und zurückgezogene Krallen schienen gleichzeitig überall auf der Haut zu sein. Die roten Haarbüschel ihrer Ohren zitterten, die rudimentäre Fellstruktur entlang der Wirbelsäule richtete mit fast unhörbarem Knistern die Härchen auf. Flüstern, Fauchen und Keuchen mischten sich in die Musik, die aus allen Richtungen auf Caia und Khustar einflutete.

»Es ist immer wieder das schiere Vergnügen«, sagte sie, eine Stunde später, leise und vergrub die Finger in seinem Brusthaar, »vom Nektar deiner Leidenschaftlichkeit zu nippen.«

Sie kicherte, als Khustar sich auf den Rücken drehte und die Arme im Nacken verschränkte. Er grinste. »Mir fehlt leider die meiste Zeit des Jahres dein Sarkasmus. Gewiss werde ich traurig sein, wenn du abfliegst.« Er holte frische Drinks und setzte sich neben sie. »Was mir indessen nicht fehlt, sind größere Probleme.«

Aus dem Arbeitsbereich blinkten aufgeregte Signale. Die Lautstärke der Musik nahm ab, eine Stimme sagte: »Dringender Kontaktwunsch an Starchont-Sicherheitschef Siard. Interstellarruf vom Hauptbüro der Societaet!«

Khustar zuckte mit den Schultern und knurrte: »Das ist der Beweis. Wir leben in unsicheren Zeiten, meine schöne Geliebte.«

Er schloss den Adhäsionssaum des bodenlangen Bademantels, schaltete den VidCom ein und wartete zwei Sekunden lang, bis sich das holografische Bild aufbaute. Mikrofone und Gruppen schwach glimmender Linsen richteten sich auf die metallgestickten Wappenfelder auf den Brusttaschen. Er meldete sich mit völlig veränderter Stimme. Noch ehe er die Gestalt seines Gegenübers sah, hörte er die Meldung und bemühte sich, die volle Tragweite der Nachricht zu verstehen.

»Das fünfte Schiff ist gestern verschwunden, Siard.«

Visalon Nas, Großreeder milchstraßenweiter Transporte, ein parahumanoider Kadasghmann mit unverkennbaren Echsenrudimenten, nickte Khustar grüßend zu. Die hornigen Lider schlossen sich langsam, als würde der drittreichste Angehörige der Dodekanats-Societaet zu weinen anfangen.

»Welches Schiff? Auf welcher Route?«

»Die Palladium Queen. Dreiunddreißig Mann Besatzung.« Visalon Nas strich über die Zacken des knöchernen Doppelkammes, der zwischen den Augen begann und sich über den grünschuppigen Schädel fortsetzte. »Zwischen der Erde und unseren Planeten im Carina-Sternenarm. Also, wenigstens im letzten Drittel, die gleiche Route wie die anderen Schiffe.«

Die Männer starrten einander in die Augen. Längere Erörterungen erübrigten sich; sie wussten, wie wenig Aussicht auf schnellen Ermittlungserfolg in diesem Stadium bestand. Kurz nach Jahresanfang war das erste Schiff als vermisst gemeldet worden.

»Ihr Schiff, Nas, wenn ich richtig unterrichtet bin?«

»Was den Verlust noch schmerzlicher macht. Und noch rätselhafter. Ich bilde mir ein, keine mächtigen geschäftlichen Feinde mehr zu haben; wenigstens niemanden, der Schiffe zu entführen in der Lage ist.«

Die Adern auf den Kehlsäcken pulsierten, als würde schwarze Tusche mit Hochdruck hindurchgepumpt. Khustar dachte an Caia Nethe und den zimtzerstäubten Limonengeruch ihres Körpers.

»Ich werde darüber nachdenken, was wir tun können, Sir«, sagte er. »Möglicherweise verlasse ich deswegen den Mars. Es mag sein, dass mir beim Durchmustern meiner Karteien ein Fachmann für einen Selbstmordeinsatz einfällt. Wir haben mehrere Optionen: Piraten – wir haben jede organisierte Gruppe in die Sonnen geschossen. Ein Sargasso im All? Möglich, aber schwer vorstellbar. Dieser Raumsektor ist gut erforscht. Persönliche Rache an Ihnen und Zorge Zagyra, dem die anderen Schiffe gehörten? Schon wahrscheinlicher. Lösegeldforderungen oder Erpressungsversuche gegen Starchont? Darauf läuft es, meiner vorläufigen Beurteilung nach, wohl hinaus.«

»Wir diskutieren das gleiche Schema abnehmender Unwahrscheinlichkeiten. Mein Sekretariat überspielt ihnen anschließend alle Informationen. Vielleicht ist die eine oder andere hilfreich. Auf Mars scheint es Nacht zu sein?«

»Ja, wenigstens in dem Gebiet, in dem ich vergeblich einzuschlafen versuchte, Sir.« Khustar nickte bedächtig. »Ich melde mich nach den ersten Analysen. Von Lösegeldforderungen weiß niemand in meiner Organisation, nicht einmal Ulyx Huéber! Danke, dass Sie mich angerufen haben.«

Die eingeblendeten Daten bewiesen, dass sich Visalon Nas' Luxusyacht Tyrannosaura siebentausend Lichtjahre vom Sonnensystem entfernt aufhielt. Er hob die hornige, siebenfingrige Pranke; Khustar grüßte auf die gleiche Art zurück, dann trennte seine Administration die Verbindung.

Caia Nethe lag auf dem Bauch und polierte mit einem winzigen System rotierender Bürsten ihre platinfarbenen Fingerkrallen. Sie hob den Kopf und musterte ihn wachsam.

»Ärger, löwenmähniger Geliebter?« Sie schien nur mäßig daran interessiert. Er hob den Drink auf und setzte sich. Seine Fingerspitzen zeichneten die Fältchen zwischen glatter Haut und der dünnen, weichen Fellspur entlang des Rückgrats nach.

»Sehr großer, bedeutungsvoller Ärger«, brummte er. »Hunderteinundsiebzig Besatzungsmitglieder und fünf neue Schiffe mit wertvoller Ladung sind seit mehr als acht Monaten spurlos verschwunden. Zuletzt die Palladium Queen. Vielleicht interessiert es dich als Handelsattaché von Bugel Zezere.«

Sie strahlte ihn aus silbergrünen Augen unvermittelt an und vollführte eine mäßig obszöne Geste.

»Es wird mich inbrünstig interessieren, wenn ich in meinem Schiff sitze und mich mit meiner täglichen Arbeit beschäftige, Geliebter. Gegenwärtig habe ich anderes vor; Wichtigeres, wie ich weiß.«

Khustar lächelte und leerte das Glas.

»Ich ertrinke in deinem Lächeln, und der Dichter beneidet dich um die feine, blumenreiche Kunst, in der sich die Messerschneiden deiner zurückhaltenden Antworten listig verbergen.«

Sie streckte den Arm aus, legte die Finger an Khustars Hals und nestelte am Saum des Mantels. Leise sagte sie: »Was willst du? Liebesnächte oder Dichterlesungen zu schmeichelnden Gamespin-Klängen?«

Khustar breitete die Arme aus und wartete, bis Caia ihn, schweigend und konzentriert, die spitze, zuckende Zunge zwischen den Lippen, ausgezogen hatte. Er streckte sich neben ihr aus, und während er ihre Leidenschaft genoss, dachte er in langen, oft unterbrochenen Intervallen an verschwundene Raumschiffe, tote und zerfetzte Besatzungsmitglieder, namenlos-diffuse Gefahren und einen nicht begreifbaren Mahlstrom, der Schiffe verschlang: hochmoderne Einheiten, in denen die beste Technologie eines Dutzends kosmischer Intelligenzvölker vereinigt war.

Khustars Blicke wechselten von den quadratmetergroßen holografischen Monitoren zu der kreideweißen Leseplatte, auf der sich die Zeilen und Absätze, blockweise vergrößert, langsam zum oberen Rand bewegten. Das Habitat schwebte mit blinkenden Positionslichtern über den grasbewachsenen Hügeln von Cryse Planitia. Die Marsnacht war weit fortgeschritten; längst raste Phobos über den Antipoden dahin. Auf einem Holo-Bildschirm erschienen die Ergebnisse von Khustar Siards Suche nach einer Gruppe oder Institution oder einem Einzelnen, der die Kaperung der Schiffe zu klären helfen konnte. Eine reichlich vage Vorstellung kondensierte sich in einem staubigen Winkel von Khustars Erinnerungsvermögen. Um das Auffinden und Konkretisieren durch geistvolle Ablenkung zu erleichtern, las er einige Zeilen aus Jossel Seydenblums Klassiker:

Marginalien zum: A.L.A.R. RATGEBER ALLER BEWOHNTEN WELTEN; XIII. rev. reich illustr. Auflage, Societaets-Verlag, Shorapur, Sigma Vulpecula, 3989 nach der Zeitenwende.

»Es waren keine stahlharten und todesmutigen irdischen Raumfahrer, die rund ein Jahrtausend nach Columbus auf Angehörige anderer Sternenrassen stießen; es verhielt sich, dem Allgeist sei Glanz und Lob, ganz anders: Im Lauf eines Jahrhunderts trafen elf Rassen auf die Schiffe der interstellaren Gojim, die von der guten alten Erde gestartet waren. Nicht ein einziges Mal geriet die Erde in Versuchung anzugreifen, mit Schwert, Kreuz und, nebbich, geballter Finanzmacht zu kolonisieren, ressourcenreiche Welten zu plündern oder fremde Entitäten zu versklaven: Ironischerweise waren die neuen Freunde zahlreicher, besser bewaffnet, verfügten über kleine, seit Urzeiten konsolidierte Planetenreiche und hatten schlichtweg die pragmatischere, praktikablere Moral.

Mein Tate, barúch Rabbi Cohen Seydenblum, ein Pentateuch-Profi, sagte: »Ein einzelnes Auge muss auch schlafen«, und glücklicherweise blieben die Terraner mit all ihrer Chúzpe die Einäugigen unter zwölf beid- oder mehräugigen Weit-, Kurz- und Infrasichtigen.

Nun war es nicht so, dass die Erde in die sog. STARCHONT-SOCIETAET nichts einzubringen gehabt hätte: Terra exportierte mit reichem, umsatzbedingtem Zugewinn Champagner, Trüffel und exzellente Spirituosen, herrliche Lyrik, Musik und Belletristik, gewisse Erfindungen, Patente und, mit Behutsamkeit adaptiert, einige philosophische Thesen (wobei glücklicherweise die wohl mehr sarkastisch aufzufassende Denkschule der sog. Neostoa oder Noa[h?]stoa ein kurzes, auch entschuldbares Intervall für wenige Sybariten blieb!), sowie viele Koordinaten neu entdeckter, besiedelbarer Planeten innerhalb der Hälfte der Galaxis zwischen Perseus- und Carina-Arm. Seit 2600 sind Terra und sämtliche bewohnbaren Planeten des irdischen Sonnensystems sowie eine wachsende Handvoll so genannter Kolonien – deren Bedeutung trotz beeindruckend teurer Highest-Tech-Ausstattung nicht wesentlich über die Wichtigkeit frühkarthagischer Stapelplätze an mittelmeerischen Ufern hinausgewachsen ist – stimmberechtigte Mitglieder STARCHONTs und der SOCIETAET, der wirtschaftlich orientierten Subgemeinschaft des Dodekanats.

›Gibst dem Bär a Weib, werd er auch aufhören zu tanzen‹, sagte Tate Cohen Seydenblum. Recht hat er! Zum ersten Mal in der langen machtpolitischen Geschichte der Erde seit Hammurabi, Ganéw Ramses und The BIG Alexander tanzt Terra nicht nur mit, sondern verhält sich wie ein vernünftiger Teilhaber der Macht, des Reichtums und des kulturellen wie zivilisatorischen Austausches zwischen zwölf unterschiedlichen Gruppen von Lebewesen und deren – zugegeben: oft reichlich bizarren – Mutationen, Modifikationen und Anpassungsveränderungen.

Etwa 750 Planeten unterwerfen sich zum Zeitpunkt der Drucklegung dieser Auflage freiwillig der Jurisdiktion und Legislative der Starchont-Gemeinschaft. Sie teilen technische Normen, einen klar umrechenbaren Kalender, Währung, ein literaturfähiges Basis-Argot und den schnurrigen Umstand, dass die meisten Rassen, sofern mit ausreichender Leidenschaft geschlagen, miteinander biologisch meist folgenlose, aber häufige sexuelle Interaktionen vornehmen können; zwischen Homo sapiens und den Vulpeculiden des Bugel-Zezere-Planeten-Archipels, den Felidae von Kilkissa und den Nöck-Nixen-Wesen von Saundrach (und vice versa) werden sie gern wahrgenommen. Andere Konstellationen überraschend grotesk-barocker Art wurden tatsächlich ernsthaft versucht, führten jedoch bei fast allen Beteiligten zu begreiflicher, andernorts viel belächelter Missstimmigkeit. Ebenso wie die Schönheit, wie's im Buch der Bücher heißt, im Auge des Betrachters liegt, gärt Xenoerotik wohl meist im unteren Rückenmark der Interessenten.«

Khustar Siard zuckte zusammen, als die letzten Namen der Durchmusterung auf dem Monitor neben den Bildern und Filmsequenzen blinkten. Kühle Hände legten sich ruhig auf seine Schultern. Caia Nethe flüsterte neben seinem Ohr: »Ich wusste es längst, Chef Khustar. Dein Pflichtbewusstsein und deine Loyalität stehen außer Zweifel. Bewundernswert.«

Er unterdrückte ein zaghaftes Gähnen und legte seine Pranken auf Caias Hände. Über die Schulter gewandt sagte er bedächtig, als zitiere er den Poeten: »Du schliefst; es schien, als träumtest du Glückliches. Meine Loyalität würdest du, entzöge ich sie dir, schmerzlich vermissen. Ich habe eine Weile gewartet und dich angesehen. Wahrscheinlich weißt du nicht, wie liebenswert du aussiehst, wenn du schläfst.«

»Schwerlich. Ausnahmsweise, wie? Wirklich? Passt gar nicht zu mir, wie?«

»Selbst ein alter grauhaariger Felide weiß, dass sich dein Tagwesen drastisch vom Nachtwesen unterscheidet, Schönste.« Er grinste und deutete mit einer weit ausgefahrenen Kralle auf den Monitor. »Die Societaet ist, glaube ich, einen kleinen Schritt weitergekommen. Die Schwierigkeiten scheinen immens. Und vielleicht irre ich mich auch.«

»Deine Stimme klingt müde, Machtvollkommenheit.«

Khustar speicherte die übermittelten Daten, ließ sie ausdrucken und schaltete einige Geräte ab. Im Marshimmel, diesig vom Sauerstoffnebel, wurde Deimos' perlmuttfarbene Oberfläche zu einem Schemen. Widerschein von Sternenlicht modellierte die Flanken des Eisplanetoiden, der in die Täler des »Labyrinths der Nacht« abgesenkt worden war und die nächtliche Ruhe mit dem peitschenden Knistern des Schmelzvorganges erfüllte.

Langsam drehte Khustar den Sessel und zog Caia auf seine Knie. »Ich bin müde. Lass mich nur noch eine Anordnung durchgeben. Wir verdunkeln alles und schlafen bis Mittag, ja? Ich muss gestehen, dass deine Zuneigung mir wichtiger geworden ist, als dein sensationeller Körper, Caia. Entschuldige den pathetischen Ausrutscher.«

»Wenn du müde bist, redest du wie ein Lyrikstudent.«

»Wenn ich erschöpft bin, vergesse ich zu lügen.«

Khustar wählte eine Verbindung und stützte sich auf das Pult. Völlig ruhig, aber im Tonfall seiner gesamten Autorität, die Stimme brüchig vor Müdigkeit, sagte er: »Khustar Siard spricht. Vor knapp zwei Jahren verschwand ein hervorragender, unorthodox denkender und arbeitender Mann aus unserer Organisation. Ich entnehme den Unterlagen nicht, ob er tot ist oder freiwillig verschwand, oder ob er als ›schlafender Agent‹ irgendwo am heißen Strand liegt. Er hatte vier Decknamen. Sein wahrer Name ist Serval X. Ascander. Vierundvierzig Jahre Terranorm.« Er nahm Caias Hände und küsste die Fingerspitzen. »Serval Xerxes Ascander. Höchste Qualifikation; wohltuend karriereschädlicher Individualismus. Finden Sie ihn. Ich wiederhole: Finden Sie ihn binnen kürzester Zeit. Tun Sie mir den Gefallen, Ulyx.«

Seine Fingerkuppen fuhren über eine Reihe leuchtender Kontaktflächen. Sämtliche Geräte, Monitore und Schaltpulte wurden dunkel und stellten ihre Arbeit ein. Khustar hob Caia auf die Arme und trug sie zurück in den Schlafraum.

002 – Port Axis

PLANET DISSA BHARAI. Demarets Traum endete in der Mitte der Nacht, aber sie blieb mit geschlossenen Augen liegen. Lange Szenen des Traums waren von bronzenem Licht, den Strahlen bronzener Sonnen übergossen gewesen.

Sie versuchte sich zu erinnern und Bruchstücke zu einer sinnvollen Folge zusammenzufügen: Im Inneren des großen Steins ihres Clan-Ringes – das Juwel war aus jenen Kostbarkeiten geschliffen, die der Legende nach aus der Juwelenkammer der Ruinen stammten – hatte sie Raumschiffe dahinjagen gesehen, umflirrt von seltsamen Lichtblitzen, vor den Sternen, die heller zu strahlen begannen und sich in Ssagisblüten verwandelten. Danach kippte der Edelstein, wurde zu einer spiegelnd-kantigen Fläche, auf der Demaret selbst ihren flüchtenden Geliebten verfolgte: Er lief, und sie kroch mit steigender Verzweiflung auf dem glasartigen Stein, zog ihre nutzlosen Beine hinter sich her und schrie; plötzlich verschwand der Geliebte, der Freund, der Stahl- und Blei-Anker ihres schwankenden Lebensboots.

Wie Energieschüsse oder Laserstrahlen prallten weiße Lichtpfeile von der reflektierenden Ebene ab und verloren sich in der Schwärze über der Traumbühne, deren Durchmesser schrumpfte, während Nebel aus geheimnisvollen Tiefen über die Kanten kroch und wallte, sich von allen Seiten auf Demaret zuschob und sie zu ersticken drohte. Bronzene Blitze brachten den Nebel zum Aufglühen, schlugen zunächst in der Ferne ein, näherten sich der Kriechenden und erfüllten den Traum mit der Bedeutung großer Furcht.

An dieser Stelle war Demaret aufgewacht.

Sie schaltete die Beleuchtung ein, wischte mit einem duftenden Tuch den Schweiß von der Stirn, vom Hals und aus den Achselhöhlen und sog den Ssagisgeruch tief in die Lunge ein. Wispernd wich die Furcht, Demaret stemmte sich in eine sitzende Stellung und zog den Saum des Hemdes an den Oberschenkeln hoch. Sie betrachtete schweigend ihre ausgestreckten, leicht gespreizten Beine, und tief in ihrem Herzen mischten sich, als sie die schönen, aber unbeweglichen Gliedmaßen anblickte – die samtene Haut, wie der Geliebte sagte –, vage Hoffnung auf Heilung mit der Gewissheit der Nutzlosigkeit, Selbstmitleid mit Trotz und mit der Angst, den Geliebten zu verlieren: An eine Frau, deren Körper vielleicht nicht so schön war, aber deren Beine den Befehlen der Nerven und den Muskeln gehorchten. Und auch diese Furcht mischte sich wieder mit der Angst aus dem Traum. Demaret hatte erkennen müssen, was ihr Unbewusstes, aus täglich neuen Erlebnissen destilliert, ihr im Traum offenbart hatte: Das größte Geheimnis ihrer Welt konnte aufgedeckt werden. Sie hatte gelernt, mit der Bedeutung ihrer Träume richtig umzugehen.

Sie begann mit sinnlosen Bewegungen das Fleisch der Oberschenkel zu kneten, rutschte schweißüberströmt auf den Rücken und tastete nach dem Kontakt. Schwärze. Mit offenen Augen lag sie im Dunkel des Schlafraums, atmete den Duft des Ssagisöls ein und sehnte sich vergeblich danach, wieder einschlafen zu können.

Der Mann in der khakifarbenen Hose starrte schweigend durch die große Glassartscheibe in die Nacht. Eine Hand hing locker herunter, die andere fasste in die Falten eines altmodischen hellgrauen Vorhangs, der sich über ein Viertel der gesamten Rundwand hinzog. Der Blick von der überhängenden Klippe ging ungehindert über die nächtliche Szene von Nysen Axis; zweihundert Quadratkilometer mitsamt dem Raumhafen, dem langen Strand, der Siedlung und dem Fischerhafen mit dem hölzernen Leuchtturm. Der Scheinwerfer von Port Axis wischte über sein Gesicht. Die drei Laserstrahlen drehten sich unablässig; vierhundertmal in der Stunde, zwei weiße Strahlen und ein grüner; senkrecht blinkte ein vierter Jadelaser zu den Sternen. Nysen Axis war für ihn ohne diese Lichter nicht vorstellbar.

Der Mann war groß, fast hager; nur neun Zentimeter fehlten zu vollen zwei Metern. Er trug kurze Stiefel von der aufwendigen Art, wie sie der Clan der Ledermacher aus gewissenhaft gegerbtem Wildleder herstellte, und über einem handbreiten Gürtel aus dem gleichen Leder einen schwarzen Pullover mit hochgestelltem Kragen. Langsam drehte sich der Mann herum, schaltete zwei Lampen an und setzte sich in einen abgewetzten Ledersessel. Die Lichtkegel zeichneten scharf abgegrenzte Helligkeitszonen in den Raum. Die Haltung des Mannes war leicht unnatürlich; ein früher Unfall hatte dazu geführt, dass zwischen dem sechsten und siebten Brustwirbel des Rückgrats eine Kohlenstoff-Kugel eingebettet war, die ständig, Molekül um Molekül, ein beruhigendes, entzündungshemmendes Medikament emittierte.

Muskulöse Finger schalteten einen komplizierten Satellitenempfänger ein. Leise ertönte terranische Musik aus versteckten Schallquellen. Nach einer langen Pause rückte der Mann ein Mikrofon näher, tippte an einen Feldschalter und begann leise, den Speicher seines Tagebuches-Schreibers zu besprechen. Es klang, als habe er sich jedes Wort sehr sorgfältig überlegt:

»Du verlässt die stinkenden, verwinkelten Gassen des Sukhs, fährst unter der Brücke der Ketten hindurch und befindest dich auf dem Weg der zwei Häfen. Noch etwas weiter – und du siehst die Lichter, die sich auf dem Kamm der Uferberge zu einem Dreiviertelkreis schwingen: gleißende Tiefstrahler, Markierungen weitmaschiger Drahtzäune, glimmende stählerne Pfosten und die gedrungenen Baulichkeiten auf dem Felsvorsprung. Aus ihren Natursteinwänden brechen die Rechtecke heller Fensterelemente. Du siehst die großen Kugeln, deren Flanken tangential von den zylindrischen Elementen der Antriebsunits durchstoßen werden, wie Perlen, an denen ein Stäbchen klebt. Du siehst sie stehen; silbern, mit wilden Farbemaillebildern auf der Flanke, schwarz oder mit bunten Nummern und Ziffern und Namen, die deine Phantasie herausfordern und deine Erinnerungen foltern: Raumschiffe. Und jedes Mal bist du wieder beunruhigt, ergriffen, voll Heimweh und gleichermaßen – beruhigt.

Das Stimmengebrodel des Sukhs wird leiser, Seewind mildert die Gerüche. Du greifst nach der Schaltung. Dein Gleiter schwebt langsamer davon. Die fremden Laute, deren letzte, profunde Bedeutung dir niemals fassbar sein wird, verstummen. Du schwebst dem schütteren Licht entgegen, der Helligkeit, die dich schützend einhüllt, der Helligkeit einer technischen Oase inmitten der rätselvollen Welt von Nysen Axis.

Plötzlich hast du es eilig, dem Eingang des gedrungenen Turms näher zu kommen. Du kennst alle Gefahren? Wahrscheinlich: du hörtest oft genug von ihnen, bist selbst an Gefahr und Aufregung gewohnt, aber nicht an die der Dissa-Bharai-Nächte.

Du stehst vor der Tür aus zweizölligem Kunstglas mit den polierten Stahlgriffen. In den Zweigen kichert ein Nachtvogel. Dich schaudert. Dein Schlüsselchip öffnet das Schloss, der Türflügel schwingt nach innen und rastet mit wohltuend sattem Geräusch hinter dir ein. Du schließt ab und fühlst dich tatsächlich geborgen, lächelst über diese Einbildung – bis heute ist nichts Gefährliches geschehen. Trotzdem bist du froh, dass das nächtliche Nysen Axis hinter dir liegt. Du steigst die Wendeltreppe zum Eingang deiner Wohnung hinauf und lachst kurz. Indes, dein Lachen ist unecht. Du lachst über deine ungerechtfertigte Furcht. Aber du wirst sie niemals endgültig los. Nie. Nicht, solange du auf Dissa Bharai bist. Du wirst lange auf diesem Planeten bleiben. Solange zumindest, bis du zur äußeren Gemessenheit auch die innere Ruhe gefunden hast; jene, die aus dem tiefsten Kern deiner Seele käme; vielleicht gelingt es dir.

Du betrittst deine Wohnung. Lichter modellieren inselhafte Bezirke aus dem Dunkel, dich umgibt die gewohnte Pseudoordnung. In deine Nüstern dringt bekannter Geruch: kalter Zigarettenrauch und der merkwürdige Dunst, der aus vielen mikrotronischen Geräten dringt, auch wenn sie ausgeschaltet sind. Du bist zu Hause. Der Impulschip, ein winziger Schlüssel, hat alles ausgesperrt. Angst, Sorgen, Unruhe, Gedanken und Gefühle. Alles ...?«

Serval X. Ascander schaltete die Aufnahme ab, lehnte sich zurück und starrte in die Finsternis über seinem Kopf, aus der die Kabel der Lampen und andere Versorgungsleitungen senkrecht herunterhingen. Er gähnte, zündete sich ein Stäbchen aus dem Vorrat der Doxylaminsuccinat-Zigaretten an und streifte die Stiefel von den Füßen. Er spürte schon nach vier Zügen, dass eine wohltuende Schläfrigkeit nach ihm griff.

Die Laserstrahlen des Leuchtturms waren vor fünf Stunden abgeschaltet worden, die Drohung der Nacht war im Licht Staghays aus dem Bild des Raumhafens, der Bucht und des Umlandes verschwunden. Hektische Betriebsamkeit erfüllte die Umgebung.

Die TerraStarjammer, ein dunkelgraues Containerschiff, hob vom Standplatz ab. Das Zerogravtriebwerk brachte sie hoch, die Plasmaströme donnerten aus den Öffnungen der Düsen, die Schiffsnummer und die Schriftzüge verblassten, als das Schiff hoch über dem Hafen einen Sonnenstrahl einfing und aufblitzte. Aufatmend lehnte Serval sich zurück.

»Frühstück.« Er tippte auf ein Kontaktfeld vor den Kommunikationspulten. »Was haltet ihr davon?«

Shagar gähnte. »Einen riesigen Topf voll Ssagis. Ich hab verdammt wenig geschlafen heute Nacht.«

Xar Wynbring beobachtete den Chamaeleoniten von Nau Bryne, einen breitschultrigen Mann in mittleren Jahren. Seine Haut, von flachliegenden Rudimentschuppen bedeckt, war morgendlich bleich. Ein Auge blickte Serval an, der Blick des anderen haftete auf dem Hologrammprojektor.

»Du scheinst die Damen im ›Mitternachtsfisch‹ nicht zu vertragen, Shagar. Oder den miesen importierten Schnaps.«

Shagar hob in einer verzweifelten Geste beide Arme und schaute Xar anklagend ins Gesicht. Die winzigen Saugnäpfe in den Fingerkuppen öffneten und schlossen sich. Xar, der Felinoide, lachte auf seine überlaute, dröhnende Art, die den Chamaeleoniten auch nach drei Jahren Zusammenarbeit noch immer störte.

»Hättest du nicht am anderen Ende der Theke gesessen, würde ich dich einer bissigen Antwort würdigen. Etwas anderes ist wichtig: Wir kriegen das Schiff nicht voll, Serval.«

»Die Achernar Delta?«

»Sie muss bis spätestens achtzehn Uhr gestartet sein. Wir brauchen den Platz für die Platinum Empress von Visalon Nas. Hat für heut Abend gebucht.«

»Lass mich überlegen.« Serval rief Daten aus einem Speicher ab. Er hörte das Summen und Klappern des Robots in der Kombüse. Die drei Männer des Außenposten-Raumhafens, die seit Stunden angestrengt arbeiteten, standen unter dem Societaets-Normvertrag und hatten die Aufgabe, den Handelsverkehr Dissa Bharais abzuwickeln. Chef Ascander trug die Verantwortung, die ihn kaum überforderte; er kontrollierte ruhig seine Unterlagen und hob die Hand.

»Wir haben ein halbes Lagerhaus voller Töpferwaren. Verpackt und gekennzeichnet. Ein paar Tonnen Ssagis-Räucherholz stehen auch noch in Nummer Drei. Das Zeug ist im Sonnensystem gerade große Mode. Schwätzt die Ladung dem Käpten der Achernar auf.«

»Schöne Blamage.« Xar Wynbring brummte verdrossen. »Ich, der geborene Händler, muss mir das von einem kurzgeschorenen Terraner sagen lassen.«

Er wählte die Brücke des Schiffes an, sprach mit dem Lademeister und dem Hallencargo. Als er nach einiger Zeit aus dem Panoramafenster schaute, bewegten sich schwere Ladeplattformen zwischen dem Schiff und den Hallen. Der Robot, ein Konglomerat beweglicher Arme unter einem vollbeladenen Servotablett, schwebte durch den Lichtkontakt einer zurückfauchenden Schiebetür auf die Schreibtische zu und stellte Geschirr, Kannen und Tassen zwischen Folien, Stifte, Aschenbecher und Büromaterial. Es roch nach Toast, geschmolzener Butter und starker Khamána. Serval wischte mit dem Unterarm die Folienstapel zur Seite und bediente sich selbst.

Xar und Shagar hoben die Kannen. Das rußschwarze Gebräu rann in die Tassen. Duft breitete sich aus. Serval drehte seinen Sessel und schaltete den Satellitenempfänger ein. Bevor die Pioniere von Starchont mit dem Bau des Raumhafens, der Hallen und der wenigen Arbeits- und Wohngebäude begonnen hatten, war ein Satellit in seine planetostationäre Bahn gebracht und aktiviert worden. Er diente als Relaisstation der benachbarten Planetensender und versorgte die bewohnte Hemisphäre Dissa Bharais mit Musik, Holo-TV-Programmen, Wetterberichten und Nachrichten aus dem Gebiet der Societaet – mit einem dauernden Kauderwelsch aus verschlüsselter Korrespondenz zwischen Raumschiffen, Planetenstationen und anderen offiziellen Organisationen.

Serval wählte aus den neunzig Satellitenkanälen aufmunternde Musik. Die Besatzung im obersten Stockwerk des gedrungenen Rundturms frühstückte schweigend, lauschte der Musik und den mäßig interessanten Nachrichten und ordnete halb gedankenlos die Arbeitsunterlagen. Die entspannende Ruhepause in der ersten Tageshälfte hatte Serval eingeführt. Das Zuschnappen des Feuerzeuges beendete die Stille; er steckte die silberne Kostbarkeit mit dem Monogramm in die Brusttasche, auf der ebenfalls zwei winzige Versalien funkelten.

Schneeweiße kleine Wolken trieben über den dunkelblauen Himmel. Sonnenstrahlen blendeten die Männer durch die Panoramascheibe. Die Luft in der vollklimatisierten Zentrale blieb kühl. Fünfzehn Starts und drei Landungen standen heute auf der Liste, durch konzentriertes Arbeiten hatte das Team ein Dutzend Starts durchgeführt und vorbereitet. Serval brummte: »Ich bleib bis zum Abend hier, meine Herren.«

Zwischen Geschirr und Pultkalkulatoren nahm er flüchtige Bewegungen wahr. Er streckte den Zeigefinger aus. »TyRex, mein Freund«, sagte er, »du scheinst dich wieder an dein gemütliches Heim zu erinnern?«

Der eidechsengroße Dracoide saß auf der Kante des Vidkoms und fing Naqoonfliegen; große, metallisch schimmernde Insekten, die mitunter zwischen den Geräten zu nisten versuchten.

»Bisweilen.« Nur Serval hörte die piepsende Stimme. »Wahrscheinlich weitaus besser als du, mein Lieber.«

»Gehässiges Biest.« Serval lachte. TyRex ging nicht darauf ein. Seine großen schwarzen Augen verfolgten, während Serval sich zurück lehnte und die Stiefel auf die Tischecke legte, die verschwimmenden Figuren des Zigarettenrauchs. Die lichtdurchglühte Ruhe überdeckte das Makabre der Situation; Serval wusste es, sie alle wussten es sehr genau, und deshalb schwiegen sie und rührten nicht daran: Auf Dissa Bharai, im nahen Umkreis der größten Siedlung, in der Geheimnisse, Riten und Götzenglaube das tägliche Geschehen bestimmten, in der Stadt, die startenden und landenden Raumschiffen nur als Kulisse diente, in einer Gesellschaftsordnung, die alles, das erkennbar kränkelte, auswarf wie das Meer einen Korken, saßen die Männer, einsam wie Sterne. Er, Serval Xerxes, der sich als Individualist und Ästhet verstand, von Impulsen getrieben, deren Motor die Unruhe des Herzens und Verstandes war. Ohne Anhang, wechselnd zwischen oberflächlichen Beziehungen, bester Freund und mehr als gelegentlich leidenschaftlicher Liebhaber Demarets, Garant für das Geheimnis der Ssagisbäume; eine mühsam perfekt gestaltete Fassade verbarg das Brodeln in der Tiefe.

Xar Wynbring, der Felide, der Älteste, dessen dröhnendes Lachen Trommelfelle und Nerven seiner Partner strapazierte. Sie würden erschrecken, wenn er nicht mehr lachte. Er war eines Tages mit einem zerfransten Societaetsvertrag in der Tasche auf Port Axis gelandet. Niemand wusste, was ihn hierher getrieben hatte. Er fauchte unwillig und sagte: »Ich gehe heut fischen. Das Boot ist bereit. Die Clanleute mögen mich, wie es scheint.«

»Nur zu«, sagte Shagar mürrisch. Der Chamaeleonit, gewohnt, bei körperlichen Strapazen erst in Schweiß zu geraten, wenn Serval längst zusammengebrochen wäre, dachte und handelte mit einer pragmatischen, fast reaktionären Sachlichkeit, die sogar Serval erstaunte. Er scannte achselzuckend eine Frachtliste mit handschriftlichen Notizen und grollte: »Eines Tages frisst dich so ein Vieh. Und wir müssen Überstunden machen, großer Nimrod.«

»Wenn ich die Robotküche abschalte und das Vieh brate, lasst ihr euch gern einladen, mitsamt dem verkrachten Dichterlingschamanen, nicht wahr?«

»Stimmt.« Xar grinste gequält. »Waidmannsheil.«

»Petri Heil, wenn schon terranisch«, sagte Serval. Xar griff nach dem handgroßen Zeremoniendolch, der mit der Spitze im Holz steckte und meist als Folienbeschwerer diente. Die Platte war voller winziger Einschnitte. Der Drac zog sich zwischen den Printer und einen dicken Schreibblock aus karierter Schreibfolie zurück.

Xar Wynbring war – wovor und aus welcher Umgebung? – geflohen und auf Dissa Bharai gelandet; der typische Sohn typischer reicher Eltern, die seine Zuneigung und Tüchtigkeit hatten kaufen wollen. Nach einer Phase spätestpubertären Trotzes hatte er angefangen zu denken und ein eigenes Leben geführt. Eine Karriere als Handelsschiffer erschien ihm nicht opportun: zu unsauber, moralisch zu sehr angekränkelt – eine Überlegung, die Shagar kein Schulterzucken gekostet hätte –, straffer Kommandoton, schnelle Schiffe und die Notwendigkeit, kämpfen zu müssen, stießen ihn ab wie viele Heranwachsende seines Standes.

Serval erinnerte sich deutlich, wie er dagestanden hatte: Wie jemand, der, nass erschöpft und hoffnungslos, mit einer Kiste auf den Schultern, gerade einem Tsunami entronnen war. Die Kiste voller Buchwürfel, wertvoller Kleidungsstücke und Musikubys wog schwer; Xar war ein Träumer.

Der vierte Mann war schon vor ihnen da gewesen. Woher und warum, wusste nicht einmal die Mutter der Clans. Ein Aquilide, weder als Dichter noch als Arzt erfolgreich.

»Ich bin keineswegs ausgestoßen worden, mein leider viel zu junger Freund«, hatte er zu Serval gesagt, mit schläfriger Stimme aus hornigem Schnabelmund. Gelbe Krallenfinger bewegten die Joysticks des dreidimensionalen Spiels. »Ich zog es lediglich vor, lautlos zu verschwinden.«

Serval studierte den Zug auf dem Rand des Black Hole, verschob einen Delta-Lyrae-Veränderlichen und sah lange in die travertinfarbenen Augen des Vogelwesens.

»Sie lächeln, Serval? So ist es. Ich verschwand so, dass mich kaum jemand meines bemerkenswerten Volkes je wieder finden kann. Aggbroise, Welt der Skrupellosigkeit! Einmal kämpfen sie gegen den Zeitgeist, betrügen diese oder jene, sind tags darauf wieder deren beste Freunde, stehlen die Erfindungen der Freunde und geben sie an die Feinde anderer Freunde weiter, fürchten sich Jahrzehnt um Jahrzehnt vor der Entdeckung ... Fragen Sie mich nie wieder, was ich hier suche.« Er hustete. Die Luft kehrte in die rasselnde Lunge zurück.

Serval nickte. »Wahrscheinlich das gleiche wie ich. Warum soll ich nicht fragen?«

»Weil ich gezwungen wäre, eine Antwort zu finden. Ich will nicht. Bin zu alt, zu eingerostet, tauge nur dazu, ein paar Raumschiffer und obstinate Eingeborene zu behandeln und Notizen für den Großen Galaktischen Roman zu machen. Wenigstens habe ich Zeit, mir neue Züge für dieses dämliche Spiel auszudenken.«

Er nahm einen Planetoiden. Serval konterte mit der Annäherung an einen Neutronenstern und verblüffte Catha-Vethens, irgendwann einmal hochbegabt, ein lebendes Gerippe voller flaumiger Federn, an dem die Kleidung herunterhing wie Stricke eines Galgens, nie um eine sarkastische Antwort verlegen: ein Mediziner, der mit einfachen Mitteln zu heilen wusste. Der vierte Bankrotteur, der sich in der kleinen Gemeinschaft der Gestrandeten wohl fühlte, ein Faktor des labilen Gleichgewichts. Das Team, wusste Serval, vertrug in der gegenwärtigen Zusammensetzung wenig Belastungen und konnte jeden Augenblick detonieren wie eine nukleare Ladung, wenn beide Massenhälften zusammenprallten.

Ein Summer schnitt durch die Stille und riss ihn aus unzweckmäßigen Überlegungen. Er löschte die Glut der den Kreislauf anregenden Zigarette in der Wasserschale und schaltete den VidCom ein. Es knackte. Er sagte in CosmoBasic, dem Starchont-Argot: »Zentrale. Serval.«

»Demaret.« Als er die Stimme erkannte, hatte sich das Bild aufgebaut. Er blickte ins Gesicht der Mutter der Clans.

»Erlaubt dir deine verantwortungsvolle Arbeit einen ablenkenden Besuch? Heut Abend? Im Pueblo?«

»Mit dem allergrößten Vergnügen, Demaret.«

»Komm vor Sonnenuntergang, Serval.« Ihr dreieckiges Gesicht zerfloss in einem warmen Lächeln, Linien bildeten sich in den Winkeln der silbergraugrünen Augen. Die Haarflut war durch einige Perlenschnüre gebändigt. »Allein.«

Shagar kam ums Pult herum, stellte sich hinter Serval und grinste. Serval nickte. »Meine Partner haben ihren freien Nachmittag. Ich versuche, pünktlich zu sein, Mutter der Clans.«

»Ich warte auf dich. Danke.«

Er lächelte zurück, ehe die Verbindung unterbrochen wurde. Serval drehte sich herum, sah zu Shagar hinauf und sagte: »Du hast es verstanden. Allein. Halt dich an die Mädchen im Mitternachtsfisch. Außerdem – draußen warten noch zwei Stunden Arbeit für uns.«

Shagar bog sich zurück, schlug Serval auf die Schulter, und sein dröhnendes Gelächter erfüllte die Zentrale. Der Schall brach sich an den Glasabdeckungen der Schirme und an der Verkleidung des groben Mauerwerks. Serval schrie: »Hinaus, du Trunkenbold!«

Lachend ging Shagar hinaus, um im Raumschiff mit dem Handelskapitän über die Auslastung der Frachträume zu sprechen.

Serval stand inmitten der Zentrale und blickte von Gerät zu Gerät, von Pult zu Pult. Alles war abgeschaltet; die diskrete Künstliche Intelligenz verdaute geräuschlos alle Informationen, mit denen sie tagsüber gefüttert worden war. Diese Nacht würde nur die Anabasis auf dem Raumhafen stehen. Alles war abgewickelt: Landmaschinen und Tiefziehformen für Fischerboote lagerten in Halle Eins. Die grünen Container voller Ssagis-Ahorn-Klon-Setzlinge standen unter dem Ladegerät des Schiffes. Eine Wache war an Bord, der Rest der Crew saß an der langen Theke im Mitternachtsfisch oder hockte in einer der verqualmten Eingeborenenschänken, die nicht th'marb waren.

Die Nysaner, denen – mit wenigen Ausnahmen – von den Götzen der Clanmeister jede Nachtarbeit verboten waren, hatten weder die Container voll gepackt noch den tiefgefrorenen Delikatessfisch für einen Obscuranten-Planeten des Xai-Wibelsuum-Reiches herbeigeschafft.

Serval aktivierte die Alarmanlage und verließ die Zentrale. Zahlreiche Kameras und Monitore, über das gesamte Gelände verteilt, sicherten die Enklave des Raumhafens. Die Stahltür summte zu, Serval steckte den Keychip ein und bog zur Treppe ab, die in seine Wohnung führte. Er betrachtete gedankenlos die Bilder der Korridorwand. Stellarhologramme, Halbakte, ein dreidimensionales Organigramm von Starchont mit den karikierten Bildern der zwölf Sternrassen und eine antike Karte Dissa Bharais, in deren Meeresblau die drei Kontinente noch zusammenhingen, wie sie ein argloser und an Informationen armer Mercator dieser Welt einst gezeichnet hatte. Die Ozeane und das Landesinnere wimmelten von halb vergrabenen Ruinen, Bestien und Barken, Scheusalen, Fabelfischen und grimmigen Aliens; hier leben Sternenbestien, war in der planetaren Schrift im Inneren manch unbekannter Landschaft zu finden.

Serval duschte, zog sich um und wählte aus dem kleinen Vorrat eine Flasche Champagner. Grimmig dachte er, dass man seine Spur am schnellsten fand, wenn man gewissen Lieferungen ungewöhnlicher Waren von Terra nachging. Er packte sie in den Kühlcontainer, schloss sorgfältig hinter sich ab und steuerte den Gleiter gegen die sinkende Sonne auf den Hügelkamm der Nysen Axis-Bucht zu. Selbst im Schutz der Sonnenbrille kniff er die Lider zusammen. Die Maschine summte die Serpentinen hinauf und schlüpfte endlich in den Schatten der riesigen Ssagis-Koniferen, autochthonen Nadelgewächse, die bisher – ohne langwierige Genmanipulationen, die meist schon die Schösslinge in riesigen Gewächshäusern verdorren ließen – nachweislich nur nach schier maßlos großem Aufwand auf andere Welten verpflanzt werden konnten und dort wuchsen und blühten. Sie gediehen prächtig auf dem Mars, dem vierten Planeten des Solsystems. Ein weiteres Mysterium Dissa Bharais, das nur innerhalb enger Grenzen erforscht worden war, und das es unbedingt zu wahren galt.

Die Prallfelder knirschten auf dem weißen Kies, der die Zufahrt zum Pueblo bedeckte. Die Wachen hatten ihn, ohne zu fragen, durchgelassen. Nun befand er sich am höchsten Punkt über der Bucht, etwa in gleicher Höhe mit dem Dach seines Rundturmes. Dichte Ssagis-Wälder trennten beide Bereiche; durch das hügelige Gelände wanden sich zwei Bäche. Serval hielt den Gleiter unter mächtigen Ästen an, von denen blühende Schmarotzerranken hingen und ging auf das Dach aus Solarschindeln zu, das wie der gewellte Hut eines exotischen Pilzes über dem Bauwerk lag und über drei Dutzend Süd- und Westterrassen schattenspendend vorsprang.

Er betrachtete einige Atemzüge lang das Gefüge aus Dutzenden Mauern, Winkeln, Höhlen, Treppen und Rampen, zwischen denen kleine Ssagis wuchsen, schritt an weißverfugten Bruchsteinmauern entlang, vorbei an schmiedeeisernen Gittern vor großen Fenstern und an blühenden Hecken. Der wohlgeordnete Luxus ließ Macht erkennen und die Verehrung, die Demaret genoss. Durch einen kleinen Park und unter einem Dach aus versiegeltem Holz ging er auf die Wachen zu, die aus Nischen neben dem offenen Portal traten.

Junge Vulpeculiden von ausgesuchter Schönheit, scheinbar nicht älter als einundzwanzigjährige Terranerinnen, die ihr Haar im Nacken zu einem lockeren Strang zusammenfassten, hielten Schnellfeuergewehre aus der Fabrikation von Kilkissa. Sie wirkten wie phantastische Kreuzungen zwischen Diana, der Göttin der Jagd, und deren Windhunden. Nicht ohne rustikalen Charme, dachte Serval. Er sprach sie in Hochdissai an und hob sein Gastgeschenk hoch. »Serval Ascander ersucht, die Mutter der Clans auf ihren Wunsch sprechen zu dürfen.«

Für ihn, aber nur für ihn, war diese Bitte eine Formalität; trotzdem wahrte er die Form. Ein Gong pochte im Inneren der Felsräume. Eine Wächterin sagte leise: »Du wirst erwartet, Terraner.«

Serval schenkte der Sprecherin sein schönstes Lächeln und tauchte in dämmerige Kühle ein. Im Raum verbrannte Harz mit strengen Gerüchen. Servals Augen brauchten einige Sekunden, um sich umzustellen. Die Mutter der Clans saß im filigranen Robot-Zerogravsessel, Servals Geschenk, von Terra eingeflogen, einen Meter von der Schreibtischkante entfernt. An der Wand, auf den Lauf eines Gewehrs gestützt, lehnte ein Mädchen der Garde. Eine fast nicht wahrnehmbare Handbewegung Demarets bewirkte, dass die junge Frau den Raum verließ.

Klösterlich-meditative Ruhe erfüllte den Raum. Demaret öffnete die Jalousie; Helligkeit flutete gegen die weißen Wände und zeigte die klassische Schönheit ihres Gesichts. Serval verbeugte sich tief, stellte das Kühlelement auf den Tisch und hob Demarets Finger an seine Lippen. Ihr Blick flirrte von dem auffälligen Ring in seine Augen.

»Du hast gerufen. Schon bin ich hier, Mutter aller Clans. Für eine lange Nacht voller guter Gespräche habe ich ein paar Tropfen Zungen- und Lippenwasser mitgebracht.«

»Mir war mehr denn je nach dir, Serval. Setzen wir uns auf die Terrasse? Sonnenuntergang.«

»Ungern.«

Demarets überlanger Fingernagel tippte an den Gong. Ein kupferner Hauch rief ein Mädchen herein, die Gläser zum Terrassentisch brachte und die Flasche aus der kalten Umhüllung schälte. Demaret lächelte.

»Wie das?«

»Das Sonnenuntergangslicht macht dich zwar noch schöner, meine kluge Freundin – und mich recht hässlich.«

Serval tippte den Sessel mit den Fingerspitzen an und dirigierte ihn zwischen die Büsche und Blumen der Terrasse. Es gab von keiner Stelle des bewaldeten Dreihundert-Grad-Hügels einen schöneren Blick über Nysen Axis, die Bucht und hinaus aufs Meer. Demarets Beine ruhten bewegungslos auf dem schrägen Gitter vor dem Sitz.

»Du kommst, wie immer, als Schmeichler, Serval. Auch dein männlich-terranisches Gesicht gewinnt im Licht der letzten Stunden.«

Sie grinste. Er setzte sich neben sie in einen fellbehängten Holzsessel, wartete, bis im Champagner die Bläschen hochperlten und ließ seinen Blick über das betäubende Panorama gleiten, über die Dächer der Stadt. Er blinzelte in die flachgedrückte Sonnenscheibe und sah in Demarets Augen.

»Da du mich auch bei Kerzenlicht kennst, erübrigen sich ironische Bemerkungen. Auf uns, Demaret.«

»Auf eine sehr schöne Zeit meines Lebens.« Sie sprach Terranisch und CosmoBasic mit reizvollem Bharai-Akzent. Sie hoben die Gläser. Wenn in und um Nysen Axis je eine Frau Macht und Einfluss klug verwaltet hatte, dann sie. Sie war das Ergebnis langer Auslese von Körper und Verstand. Aus ihrem Gesicht, das auch nach objektiven Maßstäben klassisch-schön war, blickten große, traurige Augen.

Demaret war seit drei Jahren von der Hüfte abwärts gelähmt; weder Ssagis noch Societaetsmedikamente schienen helfen zu können. Servals graziler Schwebesitz bedeutete eine große Erleichterung. In früheren Jahren war sie eine der wildesten Fischerinnen und Taucherinnen gewesen, bis der Flossenhieb und das Gift der Shyafischstacheln einige Nerven zersetzt hatte. Eineinhalb Jahre nach diesem Ereignis war sie mit phantastischer Mehrheit zur Mutter der Clans gewählt worden. Serval drehte das Glas in den Fingern und sagte leise: »Sie ist nicht vorbei, die gute Zeit.«

»Ich sehe Störungen, Verwerfungen, wahrscheinlich einige schlimme Monate, Serval. Wir werden beim Essen darüber sprechen. Was sagen die Nachrichten?«

»Nichts, was Dissa Bharai beträfe.« Sie bat mit einer Geste um eine Zigarette. Er zündete zwei an und führte eine zwischen ihre Lippen. »Es sind fünf Schiffe verschwunden, an verschiedenen Punkten einer bestimmten Route. Sehr weit weg von unserer Welt. Durchschnittlich ein Schiff in je zwei Monaten. Ich habe einige Anmeldungen von – was nichts Seltsames ist – Terranern. Es hat genug geregnet, die Ssagis-Bäume brennen nicht, und nach wie vor hat unsere Vertrautheit die Grenzen zwischen Freundschaft und Lust wohlig erodiert.«

Sie sah ihn prüfend an. Serval hob die Schultern. Demaret flüsterte: »Es war immer Wärme und Klugheit, keine Hitze der Unvernunft, Serval. Ich ahne Schwierigkeiten, auch für uns.«

»Nicht heute, und morgen auch nicht«, sagte Serval, rauchte und füllte die Gläser. »Und solange ich hier via Societaetsvertrag auch Starchont vertrete, gibt es genügend Mittel, ernsthaften Ärger rasch zu mindern.«

Schweigend warteten sie, bis Staghay in flammender Farbenpracht hinter dem Horizont versunken war. Ein spätes Fischerboot motorte quer durch die Bucht, deren Oberfläche wie erstarrt war. Die Signale des Hafenturmes begannen zu blitzen, auf dem Gerüst aus weißen Stämmen, das der Clan der Zimmerleute in Form immer kleinerer Kastenelemente hundertzehn Meter hoch aufgetürmt hatte, zuckten weiße Doppelscheinwerfer aufs Meer hinaus. Bei Sturm schwankte die Plattformspitze eineinhalb Meter.

Als die Sterne erschienen, murmelte Demaret: »Ein Gerücht, Serval, das mich ängstigt. Seit Tagen erzählt man, dass Fremde kommen und die Ssagiswälder abholzen, um sie in den Schiffen abzutransportieren.«

»Daran ist nichts Wahres«, sagte er rau. »Vergiss es! Wenn der Vertrag zwischen euch und Starchont verletzt wird, rufe ich die Zorcminder. Obwohl dann ich und mein Versteck enttarnt werden. Lass die Clansprecher verbreiten: niemand wird eure heiligen Bäume antasten!«

»Dir glaube ich, Serval.«

Die Mutter der Clans erfüllte wichtige und seltsame Aufgaben, und obwohl man ihr die Wünsche von den Augen ablas, waren die Lasten für ihre Schultern fast zu schwer. Die Clans Dissa Bharais waren matriarchalisch geleitet; Demaret koordinierte alle großen Vorhaben und war für das reibungslose Zusammenleben der Eingeborenen mit den Raumfahrern aus der Enklave verantwortlich, viel mehr als Serval Ascander. Sie nickte dankend, als er die Flasche in die Gläser leerte und wiederholte: »Ich glaube, wir werden Gefahren und Schaden von unserer Welt fernhalten können. Für alle Zeit?«

»Meine Hellsicht erstreckt sich nur bis zum Ende unseres abendlichen Essens«, sagte er. Einige Dienerinnen deckten in der windstillen Ecke der Terrasse den Tisch und entzündeten Kerzen.

»Ich sehe etwas weiter.« Demaret griff nach seiner Hand. »Mindestens bis zu einer Schale Khamána im Morgengrauen.«

»Ich werde mich hüten, eine deiner Fähigkeiten zu unterschätzen«, sagte er leise. »Noch eine Zigarette?«

Sie schüttelte den Kopf und schien zu warten, dass eine Mondsichel aus der Dämmerungswolke hervorkam. Die Kerzenflammen stachen senkrecht in die Höhe, und ihre Rußfäden verschmolzen mit der Dunkelheit.

Demarets Haar hatte im Kerzenlicht die Farbe dunkel polierten Holzes angenommen. Die schrägen Brauen über den funkelnden Augen verliehen ihrem Gesicht einen ironisch-fragenden Ausdruck. Serval stellte das Glas ab, ergriff ihre Hand und legte sie an seine Wange. Seine Beziehung, mehr begeisterte Vernunft als sexuelle Faszination, zu dieser klugen, liebenswerten Frau war eigentlich nicht aufgrund ihrer Behinderung problematisch; der Adler nagte an seiner, Servals, Leber. Er blinzelte und lächelte, als er sagte: »Ich kann lange bleiben, aber nicht bis zum Morgen, meine anbetungswürdige Freundin.«

Lautlos hatten Demarets Dienerinnen die Reste des Essens abgeräumt. Auf einer tieferen Terrasse erklang leise Musik; Mehrfachflöten, gitarrenartige Instrumente und der behutsame Klang einer winzigen Trommel. Demaret blickte schweigend in Servals Augen; schließlich sagte sie: »Viel Arbeit, Serval? Du siehst müde aus.«

»Weniger das, schönste Ssagisblume. Ich höre sehr genau zu, wenn du sprichst. Deine Worte, deine Bedenken, sie haben mich nachdenklich gemacht. Ich werde der diffusen Quelle dieser Gerüchte – und anderer! – ebenso unauffällig wie intensiv nachgehen. Vergessen wir dieses Thema. Ich weiß, dass du mir vertraust. Ich kümmere mich um meinen Teil.«

»Alles, was die Ssagis-Koniferen betrifft, verletzt mein Volk genau dort, wo's schmerzt. Und wo unsere archaischen th'marb-Themen berührt werden.«

»Ich weiß es, Demaret.«

Serval leerte sein Glas, ging um den Tisch herum und hob sie aus dem Zerogravsitz. Sie legte beide Arme um seinen Nacken, als er sie langsam über die Terrasse und die Treppe in den Schlafraum trug. Er setzte sie zwischen winzigen Windlichtern auf der Liege ab; auch dieser Raum war in stilsicherer Kargheit eingerichtet. Durch weit geöffnete Fenster drang die Musik, zwar leiser, und fing sich unter schenkeldicken Ssagis-Dachbohlen. Serval schob die Finger in Demarets Haar, küsste sie und lehnte sich zurück, als sie flink sein Hemd aufknöpfte. Ihr entrang sich ein fast unhörbares Seufzen, wie ein Laut der Verzweiflung.

Serval schloss lautlos die breiten Säume seiner Stiefel und gähnte. Einige Windlichter waren erloschen, das Sternbild des Drachen zwischen Leier, Schwan und Ursa maior funkelte dicht über dem Horizont. Als er den Ring auf den Finger schob, öffnete Demaret die Augen und richtete ihren Oberkörper auf. Er setzte sich neben sie und streichelte ihre Schultern.

»Ich gehe«, flüsterte er. »Schlaf weiter. In den nächsten Tagen sehen wir, was es mit den verdammten Gerüchten auf sich hat.« Er zögerte. Als ihre Hand über seine Bartstoppeln strich, empfand er die Geste als einen melancholischen Abschied. »Auch diese Nacht werde ich nie vergessen, Demaret.«

Sie nickte und sah ihm nach, bis er hinter dem dicken Vorhang verschwunden war. Serval startete den Gleiter und zwang sich, langsam zum Areal des Raumhafens zurückzukehren.

Die Gerüchte beunruhigten ihn, denn er hatte lernen müssen, dass jedes Wort Demarets wichtig war; für Nysen Axis, die Clans, und schließlich auch für ihn und sein bisher unentdecktes Versteck auf dieser Welt.

003 – Im All

AN BORD DER KOMA EXPRESS. 29. Oktober 3992. Die Abdeckungen der Instrumente und Uhren klirrten sekundenlang. Vibrationen erschütterten die kugelförmige Hülle des Schiffes, und aus dem Bereich der säulenförmigen Antriebseinheit ertönte der gewohnte Kanon auf- und abschwellender Geräusche.

Auf sämtlichen Bildschirmen des Kommandoraums erschienen schlagartig die Sterne. Die Koma schüttelte sich ein letztes Mal und raste auf gerader Flugbahn weiter. Kommandant Sandiacre kannte die gesamte Abfolge der akustischen Hinweise seit einem Jahrzehnt im Schlaf; problemlos hatte die Koma Express den weiten Hyperraumsprung hinter sich gebracht.

»Ausgezeichnet«, sagte er und nickte Kure Jaon zu, dem Aquiliden an den Ortungs- und Astrogatorgeräten. »Mit der Ortsbestimmung wird es wohl keine Schwierigkeiten geben, nehme ich an.«

»Reine Routine.« Die Stereokameras erfassten im Rundblick den Sternenhimmel. Sandiacre drehte den Sessel und musterte die kosmische Kulisse der Achteraus-Holoschirme. Sie hatten längst das schwarze Gefüge des bizarren Dunkelnebels hinter sich gelassen.

Im gleichen Augenblick sagte Kure: »Wir haben's mal wieder ganz präzise geschafft, Käpten. Backbord voraus die Zielsonne. Der Beta-Cygni-Doppelstern.«

NGC (III) 33561 a, »Troublestar«, leuchtete stechend gelb. Der kleinere Begleiter verschwand halb hinter ihm; sein bläulich-grünes Licht mischte sich missfarben mit dem gelben Schimmer.

Sandiacre unterdrückte sein Unbehagen: Die Mannschaft wusste, dass jenseits dieses Gebietes fünf Schiffe verschwunden waren und konzentrierte sich ebenso wie auf dem Jungfernflug. »Wir haben keine Schwierigkeiten«, murmelte er. »Alles läuft bestens. Ich rufe die Sprungdaten ab.«

»Können Sie risikolos tun, Chef.«

Die Computer rechneten, während die Koma Express langsam auf die neue Kursgerade einschwenkte.

Ein Sprung, ein zweiter, kürzerer, dann waren sie in Zielnähe und legten die verbleibende Strecke im unterlichtschnellen Flug zurück. Sie hatten, zwischen den zweihundert Milliarden Sonnen der Galaxis, den Raum geringerer Sterndichte zwischen zwei Spiralarmen durchflogen und steuerten, den rötlichen Omeganebel und dessen schwarze Staubmassen hinter sich, auf das Gebiet der Shabellen-Planeten zu, das kleine Sternenreich der Kentauren. Die Ziffern und Symbolfigurationen, von denen die Koordinaten des nächsten Sprungziels ausgedrückt wurden, kamen zum Stillstand. Der Generator im Zentralbereich des Antriebselements fing an zu summen und winselte. Sandiacre lehnte sich zurück, schaltete und sah sich stirnrunzelnd um.

»Alles klar? Sprung in fünfzehn Sekunden?«

»In bester Ordnung, Käpten!«

Als das Heulen des Generators allmählich unerträglich laut wurde, erfolgte die Entladung. Das Schiff verließ das dreidimensionale Gefüge und schlüpfte in den übergeordneten Raum. Einen Atemzug lang herrschte absolute Stille, die Sterne verschwanden, und das Gefühl, in einen unendlich tiefen Schwerkraftschacht zu trudeln, baute sich langsam ab.

»Geschafft.« Sandiacre verschränkte die Arme im Nacken. »Wie immer. Warum waren wir eigentlich so verdammt unruhig?«

Aus der Kontrollkabine des Maschinenelements meldete sich Arcen Sague, der elefantenhäutige Cardiner. Die drei Finger seiner stumpfen Rüsselnase winkten. »Bestimmt nicht deshalb, weil unsere Maschinen versagen könnten. Hab vier Stunden lang jeden Winkel kontrolliert. Die Technik verhält sich, als wäre alles werftneu.«

»Scheint ja doch etwas dran zu sein am Made on Terra«, brummte der Käpten. »Pause, meine Herren. Die Ablösung an die Pulte!«

Sandiacre verließ den Kommandoraum und glitt die Zickzacktreppe zur Messe hinunter. In Abständen von drei Metern wölbten sich die Abdeckungen der stählernen Klauen, mit denen Schiffskörper und Maschinensäule verbunden waren, in den Korridor hinein. Sämtliche Druckschleusen waren geschlossen, die Statuselemente glühten rot.

Ein Deck tiefer, hinter der massiven Scheibe, wischte sich Chefingenieur Sague die Hände an einem Lappen ab, ließ das Schott aufgleiten und nickte Sandiacre bedächtig zu.

»Dreiundzwanzig Stunden, nicht wahr?«

»Ein paar Minuten weniger.« Der Käpten zog Sague in die Richtung auf die Messe. »Ein, zwei Bier, dann schlaf ich 'ne Runde. Spannend wird's erst wieder beim nächsten Umsteuerpunkt. Auf deine Maschinerie können wir uns also verlassen?«

»Völlig, Chef. Ich hab sie stundenlang poliert und gecheckt. Jemand müsste mit dem Hammer oder einem Blaster auf die Gerätschaften losgehen. Buchstäblich jede einzelne Schraube entspricht dem höchsten Standard.«

Sie setzten sich ans Kopfende des Tisches. Eine Monitorwand zeigte einundzwanzig Ansichten aus allen Teilen des Schiffes, dessen Laderäume bis zum letzten Kubikdezimeter voll gestopft waren. Dünnes dunkles Bier schäumte in den Bechern.

Der Terraner musterte die Farbreste auf Arcen Sagues graugelber Haut.

»Wann fängst du mit der neuen Kriegsbemalung an?«

»Nicht vor der Landung. Jetzt schrubbe ich mir die Malerei erst einmal runter. Vermisst du etwa die Farben, Chef?«

»Bestimmt nicht.« Sandiacre grinste abschätzig. »Mich wundert nur, dass dein Maschinenturm sauberer und gepflegter ist als deine Haut.«

Die Bedeutung von Mustern und Strukturen unterschiedlicher, stets greller Farben, mit denen die meisten Elefantenwesen von Peo Cardi die wuchtigen Gliedmaßen und den Oberkörper bemalten, blieb für viele Lebewesen des Dodekanats geheimnisvoll. Herkunft, Familienstand, soziale Bedeutung und gegenwärtige Stimmung, versinnbildlichten sich in Streifen, Farbfeldern und Mustern. Von Sagues Haut schilferten die Farbreste ab; er roch nach Schweiß und verschiedenen Maschinen- und Hydraulikölen.

»Du wirst mich bald nicht mehr erkennen, Käpten.« Der Cardiner leerte den Humpen in zwei Zügen. »Ich frag's ungern, aber vielleicht minderst du meine Dummheit. Was hat es auf sich mit den fünf verschwundenen Schiffen?«

Kapitän Sandiacre zuckte mit den Schultern und umfasste sein Kinn mit Daumen und Zeigefingern. Das Netzwerk der Falten in den Augenwinkeln trat schärfer hervor.

»Fünf Schiffe sind seit Jahresanfang spurlos verschwunden, zuletzt die Palladium Queen vom Kadasghmann Visalon Nas. Angeblich alle auf der Route, die wir fliegen. Es gibt keinerlei Informationen; keine Trümmer, Notrufe ... nichts. Ich hab deshalb unseren nächsten Umlenkpunkt neu berechnet. Ein Lichtjahr von der alten Kursgeraden aus dem Kartentank entfernt. Vielleicht finden wir heraus, was passiert ist. Alles klar? Grund zur Unruhe gibt es erst, wenn wir die Rote Coleraine voraus haben.«

Arcen Sagues halbrunde Ohren flappten gegen die Schläfen und an den Hinterkopf. Die Greiffinger hatten sich ins Innere der Nase zurückgezogen. »Jetzt bin ich klüger. Nicht viel. Mit unseren Handfeuerwaffen haben wir ohnehin keine Chancen, wenn wir auf Piraten oder bösartige Fremdlinge stoßen.«

Der Kapitän hob die Schultern und brummte: »Die Schiffe sind eher vom Großen Kosmischen Drachen gefressen als von Piraten gekapert worden.« Er zapfte die Krüge wieder voll, strich sein langes schwarzes Haar in den Nacken und gähnte. »Wenn wir beim Roten Riesen sind, schalte ich auf Alarmstufe Rot.«

»Wird wohl das Beste sein, Chef.«

Sandiacre las in den kleinen, tief liegenden Augen des Cardi-Mannes das gleiche Maß an Besorgtheit, wie er sie bei den anderen Crewmitgliedern erkannt hatte. Er schwor sich, dass er und die zehn Männer das Ziel unverletzt erreichen würden. Er trank den schweren Becher leer, blinzelte und gähnte, stellte das Gefäß in die Spülmaschine und brummte: »Schlaf gut, Arcen.«

Der Mann von Peo Cardi nickte und kratzte sich ausdauernd an der runzligen Nasenwurzel.

Auf den Schirmen leuchtete Steuerbord voraus der Rote Riese Coleraine. Sein wilder Glanz überstrahlte die Sterne seiner Umgebung. Problemlos war die Koma Express aus dem Hyperraum hervor geglitten; die elfköpfige Crew steckte in Raumanzügen und war vollzählig im Kommandoraum versammelt.

»Antriebs- und Maschinensektor. Test. Ergebnisse?«

Sandriacres Stimme hatte einen eindringlichen Klang angenommen. Der vibrierende Bass Arcen Sagues ließ die Lautsprecher dröhnen. »Alles in bester Ordnung. Ich halte die Aggregate auf sieben Zehntel Maximalleistung.«

»Verstanden. Ortung?«

Die Fisheye-Objektive und sämtliche Antennen tasteten eine kugelförmige Weltraumzone um das Schiff ab. Der Radius betrug knapp ein Lichtjahr. Abgesehen von winzigen Störungsfilamenten und den Gebieten dichterer Staubkonzentrationen im Vakuum gab es nicht das winzigste Echo, das auf mögliche Angreifer hindeutete.

»Sämtliche Ortungsimpulse negativ, Sir.«

»Danke. Umlenkpunkt anvisiert?«

»In der Kurs-KI.«

Die Crew beobachtete in schweigender Konzentration die Holografien zwischen den dünnen Rahmen der Projektoren, die Monitore der Ortung und die Anzeigen einer Reihe anderer Detektoren. Der schiffsnahe Raum enthielt keine Gefahren, und während die Koma Express auf den Roten Riesen zuraste, herrschte gespannte Stille im Kommandoraum. Einige Minuten später knurrte Monty Noir, der Astrogator, der seinen Kopf unter die VR-Haube geschoben hatte, aus der Höhle seiner nachtschwarzen Beobachtungssphäre: »Anomalien voraus, Chef.«

»Was liegt an, Astrogator?«

»Meine vorläufige Erklärung: Hinter einem Staubwirbel, der sich von uns weg entwickelt und fortsetzt, befindet sich eine Ballung neutronenreicher Atomkerne. Dahinter ein diffusspiraliges Gebilde, das die optischen Charakteristika eines Schwarzen Loches aufweist.«

»Wie lange brauchst du zur Verifikation?«

»Eine Stunde.«