Lichter des Grauens - Hanns Kneifel - E-Book

Lichter des Grauens E-Book

Hanns Kneifel

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Beschreibung

Die grenzenlose Einsamkeit im All führt zu einer kosmischen Krankheit: Auch der trainierteste, härteste Raumpilot dreht irgendwann durch, jeder weiß es, nur weiß keiner, wann und wo … Bis die Raumbehörde einen ganz neuen Typ von Raumfahrern findet, pflegt und züchtet, für die Öffentlichkeit wahre Volkshelden, in Wirklichkeit dressierte Imbezile, zu dumm, um Angst zu haben. Und wehe, wenn sie losgelassen … Lichter des Grauens erschien zuerst 1966 im Moewig-Verlag, wurde 1984 neu bearbeitet im Pabel-Moewig-Verlag herausgebracht, 1994 überarbeitet im Haffmanns Verlag veröffentlicht und für die vorliegende Ausgabe vom Autor bearbeitet und erweitert.

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Seitenzahl: 218

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LICHTER

DES

© Copyright Erben Hanns Kneifel

© Copyright 2016 der eBook-Ausgabe bei Verlag Peter Hopf, Petershagen

www.verlag-peter-hopf.de

Cover: © adimas – Fotolia.com

ISBN ePub 978-3-86305-227-0

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Alle Rechte vorbehalten

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Lichter des Grauens erschien zuerst 1966 im Moewig-Verlag, wurde 1984 neu bearbeitet im Pabel-Moewig-Verlag herausgebracht, 1994 überarbeitet im Haffmanns Verlag veröffentlicht und für die vorliegende definitive Ausgabe vom Autor gründlich und lange be- und überarbeitet und erweitert.

HANNS KNEIFEL

Inhaltsverzeichnis
Lichter des Grauens
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.

1.

»Wo bliebet ihr, sternschimmernde Nächte über dem Turm von Arcanjuiz? O Himmel über Las Marismas, dich preise ich, verhalten, wie Kranichgesang in den Sümpfen. Wo seid ihr, Gefährten der Nacht – du, Rekkeswynth Katatympalo, Vater reimgewaltiger Söhne, und du, Jossel Seydenblum, mit dem Auge am Okular des Refraktors, dem Ohr halb bei Rodrigos Conciertos, halb beim heiteren Gespräch, und du, Kavagh Venerabilis, herz- und sinnenhafter Vertilger erlesener Rotweine –; wehrhafte Ritter der wirren Ökologischen Inquisition, tot und in prächtig geschmückten Gräbern. Ich blieb allein zurück, und ihr seid Worte, Reime und verhalltes Lachen. Memorias: ein Vers, eine Sternkarte, ein Traktat über prägeriatrische Wonnen des Glases und des Lakens.

Gesegnet ihr melancholischen Sterne! Uns war Alphard, der Einsame, Stern zweiter Größe, der schönste und liebste aller; Kopfstern der Wasser-Schlange am südlichen Himmel. Erbarmen, Schicksal! Jede Erinnerung stirbt mit mir. Ihr, Freunde, ihr führet dahin. Ich blieb; todkrank. Noch einmal raffe ich mich auf. Kein Schatten soll auf meinem Grab sein. Wenig ist's, was ich tun kann, aber ich tu's gründlich. Auch für euch und die Erinnerungen.«

Ritter Capt. Renaut de Beaujeu, SJ.: DISPUTACIONES, Diario de los años 2234-36. Verlag F. Asm Nyhyf, Córdoba, Terra.

Rafael Escobar hob den Kopf, als die Schleusentür aufglitt. Beim nächsten Schritt legten sich zart und dünn wie Spinnweben die Sensorfäden der Virtuality-Steuerkanzel um Schädel und Körper. Rafael spürte sie kaum. Er ging weiter, auf das Schaltpult am fernen Ende der riesigen Bühne zu. Vor neun Tagen war sein Schiff, die Cataluña, von Terra gestartet. Rafael kannte zwar jeden Quadratzentimeter der Instrumentenpaneele, aber noch längst nicht alle Feedback-Partner des Schiffscomputers. Eine Bewegung lenkte seine Aufmerksamkeit ab: rechts, am Strand vor der Kulisse des Kilimandscharo öffnete sich die Klappe des klimatisierten Zeltes. Ernest Hemingway kippte den Lauf der Lee Enfield .303 zu Boden, zeigte mit dem Pfeifenstiel auf die Brandung und sagte:

»Ich weiß, dass du Ruhe, Schweigen und Dunkel liebst, mein Junge. Du behauptest, dass der Weltraum deine zweite Heimat ist. Verdammt schön für dich, wie?«

»Stimmt. Sonst wäre ich nicht hier.«

»Denk dran, Junge – wie ich schon zu Belmonte bei einem Glas Château Margaux sagte: ›Der Ozean ist sehr groß, und ein Boot ist klein und schwer zu sehen‹, sagte (in meiner besten Erzählung) der Alte Mann. Er bemerkte, wie angenehm es war, jemand zum Unterhalten zu haben, anstatt nur mit sich selbst und der See zu reden. Vielleicht bist du schon tot, obwohl du's noch nicht weißt?«

»Wie Sie schon sagten, Paps.« Rafael grinste. »Es ist sehr gefährlich, ein Mann zu sein.«

»Das ist es tatsächlich, mein Junge.« Eine Frauenhand mir schlanken Fingern hielt ein Glas aus dem Zelt und schwenkte drei Finger hoch Haig & Haig darin. »Und nur wenige überleben es.«

Die Zeltleinwand schloss sich. Rafael dachte, dass Hemingways Worte das Verhältnis des Piloten zum Schiff und zu den Sternen treffend schilderten, sah sich um und lächelte: die holografischen Illusionen schienen auf diesem Flug um einige Potenzen dichter und überzeugender. Unglaubwürdig klein stand die Kombination von Pilotensessel, Instrumentenpult und scheinbar schwebenden Paneelen am Horizont der Bühne. Eingerahmt von Felsen und dem Rand eines urweltlichen Waldes glühten pseudoreale Sterne, schräg durchschnitten vom Band der Milchstraße. Der stählerne Riesenpfeil bohrte sich fast gedankenschnell in den stellaren Bezirk zwischen der Erde und dem vierten Planeten des Alphard. Seit zweihundertdreißig Stunden war Rafael an Bord.

Zehn Schritte weiter, geradeaus, hatten sich sämtliche Landschaftsausschnitte und Bauwerke verschoben. Eine efeuüberwucherte Grotte, von Abendsonne umglänzt, glitt hinter Bäumen und Ziersträuchern hervor. Aus dem rechten Auge eines Frauenkopfes – das Alabasterantlitz schien nach Francisco Goyas Doña Isabel Cobos de Porcel modelliert worden zu sein – tropften in langen Abständen Tränen. Sie fielen in eine fast gefüllte Dioritschale, an deren Rand ein Kranich saß und nippte. Klick, machte der Tropfen; der Vogel schrak auf.

Gitarrenakkorde durchsetzten das Hauchen abendlichen Windes. Ein schmalgesichtiger junger Mann, eine Spur zu elegant, stand vom Brunnenrand auf und begrüßte Rafael mit geziertem Nicken. Er schlug die Seite eines Büchleins um.

»Der Diamant eines Sterns.« Er flüsterte und richtete seinen Blick auf die kaltschimmernde Milchstraße. Im Gegensatz zur Illusionswelt der Virtualen Realität übertrugen Vorausoptiken das zuletzt aufgenommene Bild der Sterne. »... hat die Tiefe des Himmels geritzt. Lichtvogel, der das All, jenes unmessbare Nest, flieht, darin er gefangen war.«

»Federico!«, sagte Rafael. Er war gerührt; nicht nur diese Verse Garcia Lorcas kannte er auswendig. »Nachher werden wir uns freuen. Ich weiß: › Außermenschliche Jäger jagen nach Abendsternen.‹ Ich muss arbeiten.«

Lorca verbeugte sich, lächelte, und die Gitarrenklänge verloren sich im Plätschern nächtlicher Brunnen. Rafael streckte die Hand aus, um die Sessellehne zu berühren. Die scheinbar riesige Bühne hatte er mit siebzehn Schritten durchquert. Der Sessel drehte sich um hundertzwanzig Grad, die Kopfstütze fuhr hoch, ein kleines Universum aus verschiedenfarbigen Leuchtfeldern glühte, strahlte und blinkte. Rafael setzte sich, streckte die Beine und berührte einen Sensor. Der Pilotensitz schwang zurück und näherte sich dem Kontrollpunkt.

Mit einer gleitenden Handbewegung aktivierte Escobar ein Dutzend Monitoren.

»Ich bin bereit«, sagte er. »Musik Funktionskontrolle.«

Eine aufgerissene Packung schwarzer Zigaretten lag auf dem Pult. Rafael steckte den Filter zwischen die Lippen und ließ das Feuerzeug aufschnappen. Die eisige Flamme beleuchtete sein Gesicht. Er sah sich im Spiegel eines desaktivierten Bildschirms.

»Zufrieden?«, flüsterte die Altstimme aus einem der vielen Vocoder. »Du bist nicht allein. Terracontrol gab dir ein interessantes Sammelsurium auf den langen Weg.«

»Später.« Rafaels Spiegel-Gegenüber, ein sechsunddreißigjähriger Mann mit dunkelbraunen Augen und kurzem schwarzem Haar, zeigte seltsame Arroganz. Der hohe Kragen schien zu dem Kostüm eines Adeligen zu gehören und unterstrich, was Gudrun behauptete: klassische, abweisende Schönheit eines Mannes, der nichts fürchtete. Escobar flüsterte durch die Wolkenspiralen des Zigarettenrauchs:

»Natürlich fürchte ich mich nicht. Wovor auch?«

Durch Stille und Dunkelheit hörte er das Ticken des nächsten Tropfens aus dem Auge der steinernen Schönen. Der Rest gespeicherter Lesetexte verblich auf dem Schirm:

»Das Zählwerk der Bombe tickt unhörbar. Nach einer bestimmten Zeit, abhängig von kaum beeinflussbaren Gesetzmäßigkeiten, wird die Detonation erfolgen. Der Donner wird laut sein. Auf allen Planeten und selbst auf Terra hört man den Lärm und wird wissen, was geschah ...«

»Kavagh, du stellare Kassandra. Ladekontrolle!«

Wie eine gläserne Mauer schwang sich das Halbrund des Pultes um den Sessel. Auf den unterschiedlich abgeschrägten Flächen huschten Schlangenlinien über Oszillatoren und überstrahlten die selbstleuchtenden Schalter. Die Inhaltsverzeichnisse der Laderäume erschienen, jeder einzelne Posten, verstaut oder in Containern, wurde kontrolliert. Stets blinkten grüne Punkte, auch dann, als die Hibernastasisanlage als letzter Teilbereich abgerufen wurde. Kameras glitten über die Gesichter der tiefschlafenden Passagiere und die Anzeigen der Schlafröhren. Hunderteinundzwanzig Kinder, Mädchen, Jungen, Frauen und Männer lagen regungslos, ein knappes Lächeln um die Münder. Rafael rief die Daten jeder Kühlanlage ab: kein Wert hatte sich verändert.

Er las die Schrift auf dem Hemd der jungen Frau mit dem Nofretetegesicht und den grauen Strähnen im smaragdfarbenen Haar.

niemand ist einsamer als ich

R. Katatympalo

»Zumindest hast du Konkurrenz im Kontrollraum, meine Schöne.«

Durch das Schiff klang mit hallendem Echo eine Art Gregorianischer Gesang. Ein großer Chor, unterstützt von rhythmisch eingesetzten Maultrommeln, Panflöten und pneumatischer Orgel sang etwas aus den Tempeln des Südlichen Alpha-Planeten Ardashil.

»Leiser.«

Rafael Escobar streifte die Asche über dem Abfallschacht ab und tastete sich durch das gesamte energetische System der Cataluña. Sämtliche Subsysteme arbeiteten zuverlässig innerhalb vorgegebener Werte. Als in einer Pause der nächste Tropfen fiel, dachte Escobar an eine Gruft, eine Krypta oder eine Kirche am Nachmittag, wenn schräge Sonnenbalken durch tanzenden Staub fielen und die Verdammten des Höllensturzes grell ausleuchteten.

Metallisches Zirpen kam aus einem Lautsprecher. Escobars Hand glitt ins Licht, verharrte über einem Schalterfeld und regelte Einzelheiten der bevorstehenden Kurskorrektur ein. Das Schiff befand sich im Pararaum und würde in ...

»Wann?«

»Sieben Stunden und fünfundfünfzig Minuten. Eintritt in den Normalraum zur neuen Ortsbestimmung.«

Er nickte. Richtstrahler und Optiken drehten sich auf die erwarteten Sternkonstellationen ein. Rafael Escobar musterte aus halb zusammengekniffenen Augen die Anzeigen vor sich und auf den durchscheinenden, gekrümmten Paneelen in Augenhöhe. Der Rauchfaden der Zigarette kräuselte sich zu den projizierten Gestirnen vor und über ihm. Durch den akustischen Vorhang des Chorgesanges drangen Klicken, Summen, Winseln und kurze, tiefe Funktionsgeräusche. Der Computer schaltete lautlos Teile des Kontrollnetzwerks ab, und nacheinander wechselten Felder von Leuchtanzeigen die Farbe. Die Fracht war ebenso sicher wie das Leben der zukünftigen Kolonisten.

Flüchtig dachte Rafael an die Ladelisten und die Stapel, Container und Tanks, die in grellen Kennfarben die Laderäume füllten. Lebensnotwendige, wertvolle Einzelteile, Werkzeuge, Maschinen und Bausteine für elektrische, hydromechanische und elektronische Anlagen. Medikamente, Stoffe, Chemikalien und vieles von dem, ohne das Homo sapiens colonialis nicht zu leben können glaubte. Die Cataluña war bis zum letzten Kubikzentimeter gefüllt; ein halblebendiger Mechanismus, der durch das Meer der Finsternis jagte, fast zweitausend Lichtjahre weit.

»Überprüfung abgeschlossen, Rafael?« Die Computerstimme erreichte, wie jede weitere Einzelheit im Lebensbereich des Piloten, ein Höchstmaß an Lebensechtheit. Escobar liebte die holografische Scheinwirklichkeit; er konnte sich kaum eine bessere Therapie für die möglichen Probleme stellarer Einsamkeit wünschen. Die Altstimme lachte leise. »Ich habe erkannt, dass jede Winzigkeit deiner geliebten Cataluña in vorschriftsmäßiger Ordnung ist.«

»Da ich das System alle sieben Stunden kontrolliere, muss es in Ordnung sein.« Rafael ließ den Rest der zweiten Zigarette fast im gleichen Augenblick in den Abfallvernichter fallen, in dem der nächste Tropfen in die Schale fiel. Das helle Geräusch schien ein Signal zu sein, die Lautstärke des liturgischen Chores weiter zu drosseln. Rafael stand auf.

»Logbuch«, sagte er. »Der Pilot zieht sich nach beendetem Check zurück.«

»Einen besonderen Wunsch zur Freizeitgestaltung, Rafael?« Die Stimme klang wie Gudrun; eine überaus besorgte Geliebte. Etwas störte Rafael am Tonfall.

»Don Miguel und ich sind mit einer guten, langen Unterhaltung noch nicht fertig. Der Flug nach Tejedor Valladolid dauert länger als ein Kapitel Don Quijote.«

Kaum wahrnehmbar verschoben sich die Positionen einiger Sterne in der Projektion. Rafael ließ seinen Blick noch einmal über die Sektoren der Kontrollinstrumente gleiten und näherte sich der renovierten Windmühle, deren Solarzellenflügel lautlos über ihm rotierten. Vor dem Eingang aus Kastanienbalken breitete sich ein großes Sonnensegel aus, mit Schnüren und alten maurischen Lanzen gespannt. Im Schatten, am Eichentisch, saß Miguel de Cervantes, winkte und goss vorsichtig Rioja in Rafaels Glas.

»In Betreff auf kosmisches Dunkel, gigantische Entfernungen und die Todesangst eines jeden Lebewesens, ist, im Lichte der Wahrheit besehen, es mir klar geworden: Du liebst das Schiff und den Ozean der Finsternis – und du hasst beides.«

Die Illusion war perfekt, der vino tinto besaß die richtige Temperatur und schmeckte, wie es Rafael von den Hügeln des Landes in Erinnerung hatte; ein ehrlicher Roter, trocken und durchgegoren, vino de buen precio y buena cepa. Er hob das dicke Glas, drehte es. Am Rand klebte ein Korkstückchen.

»Du meinst, ich hätte Angst und würde es, auch mir gegenüber, nicht zugeben?«

»Diese Wahrheit ist so gewiss, dass ich beinahe sagen könnte, ich würde die Räder, Hebelchen und Gewichte deiner Angst zu sehen und zu ertasten vermögen. Zu meiner Zeit waren Sterne etwas Heiliges oder Mystisches. Heute begreifst du, begreifen wir sie als Sonnen, als Inseln im Meer endloser Schwärze, Sonnen und Gasnebel, Filamente und leuchtende Schleier in phantastischen Formen; durchsetzt mit Myriaden kalter Feuerdiamanten. So kann ich denn aus deren Eigenarten entnehmen, dass sie, je häufiger du zwischen ihnen fliegst – wie ein nächtlicher Ikarus, der keiner Sonne zu nahe kommt, zu vielen aber ins Antlitz blickte –, dich beeindrucken, beunruhigen, und schließlich kommt der Augenblick, an dem du die summierten Eindrücke nicht mehr ertragen kannst.«

Rafael setzte das Glas ab. Es war halb geleert.

»Ich bin ein Mann von stabilem Verstand. Nicht nur meine Meinung, sondern die von vielen Fachleuten.«

Cervantes wedelte aufdringliche Fliegen weg.

»Du bist stolz auf deinen Mut, Rafael. Mut und Besonnenheit sind Tradition in deiner Familie. Wie oft sah ich deinen Großvater in der Arena Barcelonas; viele toros bravos hat er nach klassischen Regeln getötet. Blut und Todesgefahr, du glaubst es sicher zu wissen, sind für dich nichts Ungewöhnliches.«

Rafael Escobar lehnte sich zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schloss die Augen. Aus dem Inneren der Mühle tropften und perlten die Klänge einer Vihuela; Alonso Mudarras Pavana passte zu Cervantes, dem Wein und der Umgebung.

»Ich versuche zu analysieren, was mich vorübergehend hat unsicher werden lassen.« Stille war er gewohnt; mit Fingerbewegungen konnte er jedes Geräusch, jeden Laut, siebzehneinhalbtausend Musikstücke und unendlich viele Laut- und Geräuschkombinationen erzeugen lassen. Keine Einzelheit des langen Fluges konnte ihn irritieren. Dass Schalterfelder und Regler und zahlreiche Griffe seelenlos funktionierten, rechnete er zu den Trivialitäten der Raumfahrt. Er lächelte. »Wie groß denn, meint Euer Gnaden, Señor de Cervantes, ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich schließlich die Angst umbringt?«

»In Betreff des Zeitpunktes« – Cervantes zupfte am Bart und zeigte die Handflächen – »sind die Meinungen verschieden. Es kann heute, morgen oder in etlichen Jahren sein. Empfindest du nicht Furcht beim bloßen Anblick dieser Ungeheuerlichkeiten? Ungeheuerlich, weil sich so viel dahinter verbirgt: Entfernungen und Bedeutungen. Seht nur, Capitán, aus dem unendlichen Hintergrund weht ein spiraliger Schleier. Diamantstaub vor Wolken purpurn leuchtenden Gases. Sonnen und Doppelsterne stechen daraus hervor. Alphard ist von hier aus ein Gestirn zweiter Größe. Fürchtet sich der Verstand des Menschen weniger vor einem Stern der dritten Größe? Tröstet ein Blauer Riese mehr als ein Weißer Zwerg?«

»Die Bedeutung ist in allen Fällen gleich.« Rafael leerte das Glas. »Für einen wie mich, der aus Barcelonas barrio gotico stammt, haben mittelalterliche Quadern mehr Bedeutung als Formeln der Astrologen oder der frühen Astronomen.«

Cervantes schenkte nach. Irgendwo im Schiff ächzte, kaum wahrnehmbar, eine Verstrebung. CATZUND1 war also wieder unterwegs. Das Schiff, nach Escobars Heimatprovinz genannt, entfernte sich mit jedem Wort Rafaels weiter von der Erde.

»Und einer wie du hat jedes Opfer gebracht, das ein einzelner Mensch für den Pilotenberuf, also für die Sterne, bringen kann. So ist es, ganz ohne Zweifel.«

In regelmäßigen Abständen huschte der Schatten des Windmühlenflügels über die lichtgetränkte Leinwand. Cervantes zerteilte Manchegokäse in daumenlange Stäbchen und rammte das Messer in die rissige Tischplatte. Der Korken rollte davon, niemand hob ihn aus dem Sand auf.

»Nach schwersten Prüfungen drei Jahre Frachterpilot im Systemdienst. Passagiercopilot der Terra-Mars-Jupitermonde-Route, dann Langstrecken im Stellarfrachtdienst. Ich hab fast alles geflogen, was Triebwerke hat. Noch drei Flüge zwischen Terra und den Kolonien, dann bin ich geadelter Capitán.«

Cervantes Saavedras Lächeln war zustimmend. Er blickte durch das Glas; sein rechtes Auge verzerrte sich in glühendem Rot zu einem unerträglich qualligen Organ.

»Dann würdest du Passagierschiffe fliegen, zwischen fünfzehn Kolonien, mit mehr als zweihundert Passagieren. Keine Ultraschallsägen, Motorpflüge und Dreschmaschinen, sondern Jerez, Freixenet und Rioja im Laderaum.«

»Ein tröstlicher Gedanke.« Rafael kaute auf dem harten Käse. »Ich könnte mit Gudrun Zusammensein. Einer der wenigen spanischen Kapitäne.«

»Ich vermisse in den letzten Stunden deine Selbstsicherheit, stets eine Herausforderung für einen armen Poeten. Kann es sein, dass sich eine der gewöhnlichen Krisen deiner bemächtigt hat, Rafael?«

»Durchaus denkbar.« Schon wieder war das Glas voll. »Überdies fehlt mir Schlaf. Die Lademanöver und meine Stichproben dauerten zu lange.«

»Selbst geistige Arbeit erschöpft.« Cervantes deutete auf das Buch, den Federkiel und die Tintenfässer. »Wir werden morgen tiefer in die überaus halsstarrige Materie der Furcht eindringen, Capitán.«

Er schob ein Stück Käse zwischen die Zähne und schwenkte das Glas. Rafael Escobar nickte, trank den Wein aus und durchforschte die Umgebung: die Mancha im Frühherbst bot sich ihm deckungsgleich mit all seinen Erinnerungen dar. Er gähnte und kippte den Stuhl zurück.

»Bis morgen, Meister.«

»Mit einem solch guten Gedächtnis« – Cervantes verbeugte sich – »wie wir es haben, werden wir an dem Punkt fortfahren, an dem wir heute aufgehört haben, an diesem überaus förderlichen Nachmittag.«

Langsam ging Rafael zum Ausgang der pseudorealen Szenerie. Stets war der Ausgang besonders auffällig strukturiert: heute führte ein Kiesweg zwischen Rasenflächen auf die Tür einer Dorfkirche zu, die langsam aufschwang. Ein Blick auf die Fraktur-Digitalziffern: 00 h : 07' : 45" ... 21.04.2144 TNZ Escobar befand sich wieder im kurzen, technisch-kühl gestylten Korridor, schloss das Schott, öffnete ein anderes und betrat die Duschkabine. Bevor er einschlief, rief er den Statusbericht des Computers ab und las einige Seiten eines Buches, das als galaktischer Reiseführer bezeichnet wurde; eine erheiternde, jedoch wenig spannende Lektüre.

Rafael drückte die Hand gegen die Kontaktfläche. Das Schott glitt auf. Er war ausgeschlafen, rasiert, geduscht und satt; ohne sich um die veränderte Virtuality-Umgebung zu kümmern, zündete er die Zigarette an und integrierte sich mühelos an seinem Platz als Bindeglied zwischen Intuition und Höchstleistungselektronik.

Cataluña meldete sich. Die Hintergrundgeräusche suggerierten einen Morgen auf dem Lande.

»Guten Morgen. Deine merkwürdige Stimmung von gestern scheint verflogen zu sein?«

»Ja. Generalcheck aller Systeme. Die Kursänderung wartet nicht.«

»Laderaumkontrolle? Hiberneseanalyse?«

»Kann warten. Irgendwelche Veränderung seit der letzten Überprüfung?«

»Negativ.« Der sinnliche Alt zögerte; Rafael lachte und sah die Diagramme, viele lange Berechnungen und die Kursgerade in holografischer Wiedergabe. Der Kurs schien noch immer gerade auf Alphard zu zielen. Rafael kippte eine Reihe gesicherter Schalter im Mittelteil des Pultes, nachdem der Computer seine Handlinien überprüft und die Stahlplatte zurückgezogen hatte. Der Pilot tippte auf einen Kontakt.

»Zeit läuft. Sechshundert Sekunden bis zur Stellaranalyse.«

Rafael schaltete optische Systeme und Kameras an der Außenhaut des Schiffes ein, rief Spezifikationen von vierzig Bezugssternen ab und hörte das Geräusch der Träne in der Dioritschale. Er sagte, während er das Vergleichsprogramm aktivierte:

»Logbuch: Das Schiff verlässt in vierhundertachtzig Sekunden den Pararaum, bleibt zur Ortsbestimmung dreihundert Sekunden im Normalraum und springt nach – voraussichtlicher – Kursänderung zurück. Nächster Bremspunkt ist Alphard.«

»So wie immer«, flüsterte die Stimme und versprach mehr, als eine Frauenstimme halten konnte. »Volle Schalen laufen über, Pilot.«

»Offensichtlich braucht der denkende Teil des Schiffes eine lange Ruhepause oder einen Satz neuer Megarechner.« Rafael glaubte den pochenden Tropfen gehört zu haben. Er schaltete das Programm ein, das während der Zeit im klassischen Weltraum zu arbeiten hatte. Die Rundumschirme des Pultes leuchteten rötlich, und die Sternprojektion der Kuppel verlor ihren strahlenden Glanz. Rafael zog die Hände vom Pult zurück. Alle wichtigen Anzeigen liefen zum zeitlichen Schnittpunkt zurück. Die künstlichen Sterne erloschen. Sekunden verstrichen; ein leichter Ruck schüttelte den stählernen Riesen. Die Cataluña verließ den Pararaum und befand sich einen Sekundenbruchteil später – so lange brauchten Linsen und Projektoren – zwischen den Sternen.

Escobar war im Zentrum des Universums, vom All umgeben. Ihm war, als schwebe er in einer Glaskugel zwischen Sternen, Sonnenkonstellationen, Silberstaub, Diamanten und schimmernden Wolken. Die Gestirne schienen in sein Hirn hineinzugreifen; durchglühte Finsternis schlug über ihm zusammen wie eine Mantilla. Zum ersten Mal traf ihn der Anblick wie eine Drohung, wie das geschliffene Horn des toro. Ein Eiszapfen schien sich in sein Herz zu bohren. Er schnappte nach Luft: kein Muskel bewegte sich.

Die Subcomputer rechneten, verglichen vorausberechnete Positionen in dreidimensionalen Karten mit der Wirklichkeit, zündeten Korrekturtriebwerke, die Berechnungen wurden zweimal kontrolliert; einige Triebwerke arbeiteten kurz und bugsierten das Schiff in eine veränderte Fluggerade. Der Zielstern Alphard schob sich von irgendwoher in ein Zielkreuz, das vor Rafael Escobar entstand.

Er fand seine Sprache wieder und keuchte.

»Virgen de Montserrat!«

Cervantes Saavedra hatte recht gehabt. Zuerst raste dieser Gedanke durch seinen Verstand. Seit vielen Jahren hatte sich eine Neurose aufgebaut, eine Astrophobie. Die Dioritschale – ein Zeichen, das der Schiffscomputer konstruiert hatte – floss über, aus wenigen Tropfen wurde ein Rinnsal, in seinem Verstand schwoll es zu einem Sturzbach, der jedes Hindernis wegriss und fortschwemmte. An diesem Punkt der Erkenntnis merkte Rafael, noch immer paralysiert, dass er die Selbstkontrolle verloren hatte. Posthypnotische Befehle brüllten halb verständliche Anweisungen. Er stand auf, seine Knie zitterten, ebenso unkontrolliert die Finger. Er stützte sich aufs Schaltpult und durchbrach den Sensorstrahl eines einzigen Schalters. Escobar schrie auf. Panik überschwemmte ihn. Er sah ein, dass er nicht mehr logisch reagieren konnte. Er wusste, dass er die Sprunggeneratoren ausgeschaltet hatte. Die furchtbaren Sterne gingen nicht weg; die Cataluña blieb zwischen zwei Pararaumphasen im Normaluniversum und raste auf Alphard zu.

Detektoren und Optiken glotzten ihn an. Sie übermittelten seinen Zustand an den Computer. Escobar spürte kaum, dass er die unzerreißbaren Fäden dehnte und spannte und verknotete. An den Kreuzungsstellen zischten kleine Entladungen. Das Gespinst zitterte, als führe ein Sturm hindurch. Der hydraulische Arm im Pilotensitz, dessen Arbeitskopf mit einer aktivierten Injektion Anirit forte geladen war, klappte aus, zielte vibrierend und jagte den Ampulleninhalt zischend in das Leder des Sessels, dorthin, wo sich die Halsschlagader Rafael Escobars befunden hatte. Er stand hinter der Lehne und zitterte am ganzen Körper; sein Ego schien sich aus dem Körper zu lösen und an einem Punkt in der lärmenden, farbensprühenden Szenerie der Virtualen Realität zu kondensieren.

Jede weitere Erkenntnis, die Rafaels geschundener Verstand noch mühevoll verarbeiten konnte, steigerte seine Angst. Die Wellen der Emotionen übertrugen sich über die VR-Leitungen in den Computer.

Auf den Monitoren explodierte ein lautloses Gewitter aus Buchstaben und Wörtern. Aus mehreren Richtungen schrien Stimmen durcheinander.

kakonkrise! syndrom einwandfrei erkannt! das leben des piloten ist unmittelbar bedroht! steuerung sofort an schiffscomputer übergeben!

Trockenheit dörrte die Mundhöhle Rafaels aus. Er verließ seinen Platz und taumelte zur Seite. Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung kämpfte sich der Körper auf das Schaltpult zu. Ohne eingreifen zu können, beobachtete das Bewusstsein jede Bewegung des Körpers; er taumelte, riss sich herum und stolperte vom Pult weg, auf das raumhohe Fenster eines Thronsaales zu. Eine Tür krachte auf; Isabel von Kastilien im schmutzigen Hemd, das Haar aufgelöst, rannte herein. Die Schultern trugen blutige Spuren der Selbstgeißelung, schwerer Schmuck klirrte zwischen den Brüsten. Rafael starrte sie an und hob die Hände.

»Ich befehl's und ordne es an! Mando y ordeno! Rette die Cataluña! Bring das Schatzschiff in den Hafen!«

Königin Isabella fuhr mit gespreizten Fingern durch ihr Haar, riss das Hemd auseinander und stürzte sich auf Rafael. Der Pilot stolperte zur Seite und in eine Wolke brenzligen Geruchs hinein. Isabel stampfte mit dem nackten Fuß auf und zertrampelte einen goldenen Pokal.

»Ich will's!«, kreischte sie. Rafael rannte auf das Portal des Saales zu, hinaus ins Freie und über den Strand von Port Lligat. Vor ihm barst ein riesiges weißes Ei. Salvador Dali sprang heraus, breitete die Arme aus und rief unverständliche Worte. Seine olivgrünen Augen strahlten unwirklich. Er wartete, bis Rafael vor ihm stand und zeigte auf die brennende Giraffe.

»Die wahre Kunst zeichnet das Leben.« Eine Schublade öffnete sich, und daraus quoll ein Strom aus Ameisen, deformierten Uhren und Muschelfragmenten. »Was surreal ist, bestimmt Dali.« Er kicherte und umarmte Rafael. Der Pilot klammerte sich, bebend und schluchzend wie ein Kind, an Dalis holografischen Körper, und als er durch knöcheltiefe Brandung stolperte, kreischte Dali:

»Es wird ein herrliches Bild sein, Escobar! Glut, Blitze und Trümmer, fernab von Dali. Weiter so, Pilot.«

Hitze, Kälte und Durst tobten in Rafaels Körper. Ob die Illusion um ihn herumwirbelte oder er durch PseudoZeiten, falsche Bezüge und Projektionen fehlerhaft arbeitender Rechner und Speicher taumelte, erfasste sein Verstand nicht mehr. Druck auf die Augennerven lahmte vorübergehend das Sehvermögen. Er strauchelte, fiel in kotstinkendes Gras, und catzund wieselte jaulend und summend auf neunzehn Gliedern auf die nächste Erdhöhle zu und verschwand schrill pfeifend.

El Cid kam zwischen rostroten Felsen hervor, zog das Schwert und stützte sich schwer auf den Griff.

»Wir standen hinter dir, bewaffnet bis zum Kinn, Rafael. Warum hast du uns verraten, Elender?«

Escobar taumelte und rang nach Luft. Alle Farben verblichen; er sah den Cid in Schwarzweißwerten als Negativabbild. Sonnen waren dunkle Kreise aus widerlichem Grau in einer Umgebung wie ein gebrauchtes Leichentuch. Seine Antwort an den Cid war unverständlich, während er seinen Worten lauschte, versuchte er sich zu erinnern, was er hatte sagen wollen. Schweiß lief an den Armen herunter, tropfte aus den Achselhöhlen und sammelte sich entlang der Wirbelsäule. El Cid packte das Schwert und riss am Kinnband des Helmes. Lichtblitze zuckten vom polierten Metall.

»Schurke! Schuft! Knecht der Mauren! Mit Recht ist Rafael Escobar der Meistgehasste des Universums!«

Der Ritter zog das Schwert aus dem Gras, schwang es über dem Kopf und schlug, während Rafael aufzustehen versuchte, senkrecht herunter. Die Waffe glitt scheinbar durch Rafaels Kopf. Er flüchtete nach links, suchte den Schutz einer dämmerigen Studierstube und fegte ein unfertiges Bild von einer Staffelei. An der Wand hing der Schädel eines Stieres mit weit geschwungenem Gehörn. Aus den knöchernen Nüstern zuckten Blitze durch schwarzen Rauch. Ortega y Gasset stand hinter einem zierlichen Schreibtisch auf, hob den Finger an die Lippen und flüsterte:

»Die Sterne, das ganz andere, sind die Gefahr. Das ich, Rafael, ist die Überraschung. Leise. Wissend. Deine Jagd ist zu Ende.«

Als Rafael die Stufen hinabstürzte, die in eine Zone größerer Helligkeit führten, überschlug er sich. Sein Nasenbein brach; ein Schmerz zuckte bis in die Fingerspitzen und Zehen. Er hörte einen Schrei, der alle Schrecken des Universums in sich vereinigte; war es sein eigener Schrei gewesen? Escobar stemmte sich auf Knie und Ellbogen und robbte durch einen Kreuzgang, zwischen Pfeilern und Wänden auf eine winzige, weißgekleidete Gestalt zu, die an einem steinernen Kruzifix lehnte.

Die roten Flammen und das Zucken von Blitzen kamen von den Bildschirmen. In unterschiedlicher Typografie meldete der Computer, welche Notschaltungen zuverlässig arbeiteten.

aufzeichnungsgeräte voll aktiviert –

bojensicherung gelöst – triebwerk vorbereitet –

notschaltungen ausgeführt –

Escobar kam auf die Füße. Er zog eine blutige Tropfenspur über die Marmorfliesen des Kreuzganges. Juigo von Loyola hob langsam die rechte Hand, deutete auf Rafaels zerrissene, rauchgeschwärzte Uniform und machte eine segnende Geste.

»Im Schatten der Kathedrale wuchsest du auf, geschundener Bruder im Herrn. Dein Gesicht zeigt Wundmale. Dein Blut gibst du für Katalanien. Sieh, auch Ikarus musste scheitern. Er kam der Sonne zu nahe. Wie viel tausend Sonnen mehr hast du sehen müssen!, und so vollendet sich auch dein Leben. Denn höre und sieh! Dein Sturz führt ins Meer der Finsternis.« Loyola segnete ihn dreimal.