Planet am Scheideweg - Hanns Kneifel - E-Book

Planet am Scheideweg E-Book

Hanns Kneifel

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Beschreibung

SCHAUPLATZ CHIRIANA IWAKI: Ein kleiner, öder Planet, der 6000 Menschen von der Schwesterwelt Dshina zur neuen Heimat geworden ist. Die Bewohner Chirianas, denen es unter Yebell Le Montes Leitung gelungen ist, ein kleines Stück ihrer Welt in ein wahres Paradies zu verwandeln, sind bereit, dieses mit ihrem Leben zu verteidigen. SCHAUPLATZ DSHINA IWAKI: Chirianas planetarischer Nachbar im gleichen Sonnensystem. Eine einstmals schöne und blühende Welt, die dem Untergang durch Umweltverschmutzung nahe ist, da ihre Bewohner es versäumten, den Bevölkerungszuwachs, die Urbanisierung, die Industrialisierung und die Ausbeutung der Bodenschätze in Schranken zu halten. Jetzt, in der Stunde der Not, greift Energiedirektor Ousmane Diack, der Mann, der die Geschicke Dshinas leitet, nach den Bodenschätzen Chirianas. Und damit beginnt das verbissene Ringen zweier Männer um die Zukunft ihrer Welten. Diack ist bereit, den Generalvertrag zu brechen und das Paradies Chirianas zu zerstören, um die vier Milliarden von Dshina zu retten. Le Monte hingegen weiß, dass er das Paradies bewahren muss, um auch Dshina zu retten. Er hat einen kühnen Plan.

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Seitenzahl: 199

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PLANET

AM

© Copyright Erben Hanns Kneifel

© Copyright 2016 der eBook-Ausgabe bei Verlag Peter Hopf, Petershagen

www.verlag-peter-hopf.de

Cover: © archibald – Fotolia.com

ISBN ePub 978-3-86305-228-7

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Alle Rechte vorbehalten

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Der Roman

SCHAUPLATZ CHIRIANA IWAKI:

Ein kleiner, öder Planet, der 6000 Menschen von der Schwesterwelt Dshina zur neuen Heimat geworden ist. Die Bewohner Chirianas, denen es unter Yebell Le Montes Leitung gelungen ist, ein kleines Stück ihrer Welt in ein wahres Paradies zu verwandeln, sind bereit, dieses mit ihrem Leben zu verteidigen.

SCHAUPLATZ DSHINA IWAKI:

Chirianas planetarischer Nachbar im gleichen Sonnensystem. Eine einstmals schöne und blühende Welt, die dem Untergang durch Umweltverschmutzung nahe ist, da ihre Bewohner es versäumten, den Bevölkerungszuwachs, die Urbanisierung, die Industrialisierung und die Ausbeutung der Bodenschätze in Schranken zu halten.

Jetzt, in der Stunde der Not, greift Energiedirektor Ousmane Diack, der Mann, der die Geschicke Dshinas leitet, nach den Bodenschätzen Chirianas.

Der Autor

Inhalt

1

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5

6

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9

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Epilog

HANNS KNEIFEL

1

Jetzt musste sich El Saghir ganz in der Nähe befinden. Das Boot zerfurchte leise summend die Wasserfläche. Die Wellen waren nicht höher als einen viertel Meter, und die Äquatorsonne brannte senkrecht auf die Wasserfläche und erfüllte den Raum rund um das auffallend gelbe Boot mit Tausenden Reflexen. Der Madeo mit den kupierten Flügeln schrie klagend auf und flatterte aufgeregt. Er spürte El Saghir.

»Die Hitze ist vermutlich zu groß. Er hat keine Lust, sich aus dem Wasser zu wagen!«, sagte Yebell leise.

Er stand im Cockpit, die lange, schwere Harpune in beiden Armen. Yebell Le Monte war ein großer, breitschultriger Mann mit einem scharfen Gesicht. Seine Bewegungen waren bedächtig, aber zielbewusst. Diona wusste, wie hervorragend Yebell schoss; er tat überhaupt die meisten Dinge mit absoluter Meisterschaft.

»Oder der Madeo sendet nicht genügend Angst und Aufregung!«, meinte Yahai Paik, der Pilot. Er saß an der Steuerung des Bootes. Es umkreiste in etwa dreißig Meter Abstand den hilflosen Vogel, der in den Wellen schaukelte. Ein Tier von der Größe eines gemästeten Madeo, sechs bis sieben Pfund schwer, musste auch einem Saghir in großer Tiefe auffallen. Dazu kam der gelbe Farbfleck mit den glänzenden Schwungfedern, die gekappt waren. Wieder schlug der Madeo mit seinen Schwingen und erzeugte eine Wolke Wasserstaub.

»Paik! Vorsicht!«, knurrte Le Monte.

Er schob die dunkle Brille in die Stirn und kniff die Augen zusammen. Jetzt schrie der Vogel in höchsten Nöten. Ein hoher, schmerzhaft greller Ton erscholl über das Wasser.

»El Saghir ist da!«, flüsterte Diona.

Das Jagdfieber der beiden Männer hatte sie angesteckt. Die Aussicht, heute Abend eine Unmenge gegrillten Fisch zu essen, kam hinzu. Das Hotel musste überdies versorgt werden, also gestattete man sich eine Jagd auf zwei oder drei der großen Fische.

Hinter dem Heck huschte ein gewaltiger dunkler Schatten mit dem charakteristischen Längsstreifen in leuchtendem Weiß vorbei, schlug einen Haken und raste auf den angstvoll schreienden und um sich schlagenden Vogel zu. Das Tier erhob sich einige Handbreit über das Wasser und versuchte zu fliehen, aber es platschte wieder gegen den Kamm der nächsten kleinen Welle und riss den langen Kopf in die Höhe. Le Monte schwenkte den Lauf der Harpune herum und hielt sich von Seilrolle und Anschlussstück frei.

»Ein riesiger Bursche!«, sagte er.

Yahai nahm die Fahrt beider Maschinen zurück. Gurgelnd stiegen einige Luftblasen aus den Unterwasserdüsen. Das Boot lag jetzt fast still und schaukelte leicht im Seegang.

»Er verweigert!«, sagte Yahai leise. Er drehte seinen kleinen, glattrasierten Kopf, als er versuchte, das Boot, und somit Le Monte, in eine bessere Position zu bringen. Wieder schlug der Schatten einen Haken, tauchte weg, und der Vogel wurde halb wahnsinnig vor Angst.

Seine schwachen Ausstrahlungen erreichten jetzt einen Höhepunkt. Der große Fisch musste merken, dass hier eine Beute sich in Todesgefahr befand und ihm nicht entkommen konnte, denn sonst wäre der Madeo schon längst aufgeflogen und zu seinem Horst zurückgekehrt. Beim Tauchen des Saghir vermissten sie die eindeutige Bewegung, die den Anlauf kennzeichnete.

»Und ich sage dir, dass er nicht verweigert!«, rief Le Monte.

Seine dunklen, stahlblauen Augen versuchten, das Wasser zu durchdringen und die Bewegungen des sieben oder acht Meter langen Fisches zu erkennen. Er beugte sich leicht vor, nahm aber den Finger nicht vom Abzug der schweren Harpune.

Das Boot fuhr langsam eine kleine Kurve und näherte sich wieder dem Madeo, der in seiner Angst etwa zwanzig Meter zurückgelegt hatte.

Der Fisch war irgendwo in der Tiefe verschwunden. Sein Hunger und seine Gier stritten mit seiner Vorsicht.

Die drei Personen im Boot konzentrierten sich auf die nächsten Handgriffe, die sie auszuführen hatten, falls Le Monte der Schuss doch noch glückte. Der Schweiß lief ihnen in Bächen über den Rücken und tränkte die leichte Badekleidung. Die orangefarbenen Schwimmwesten mit den hohen Kragenpartien waren an den Rändern schwarz und unansehnlich geworden.

Le Monte sagte: »Er kommt wieder!«

»Ausgezeichnet!«, brummte Yahai. Seine Finger lagen über den Schaltern der Steuerung. Die Zwillingsmaschine lief noch ausgekuppelt. Leicht schwankte das Boot hin und her. Diona bekam glänzende Augen und dachte an Rotwein zum Fisch.

»Wo ist der Fisch?«, wollte sie wissen.

»Noch im Wasser!«, gab Le Monte zu. »Aber vermutlich nicht mehr lange!«

Der Fisch kam von links. Er bewegte sich mit rasend schnellen Schlägen seiner mächtigen Schwanzflosse in gerader Linie auf den Madeo zu. Gleich musste er seinen bekannten Angriff starten ... ja! Der Schwanz schlug einen Wirbel, die Steuerflossen bewegten sich, und wie ein Raumschiff schoss El Saghir schräg aus dem Wasser, schlug einmal mit der Finne zu und schnellte sich, halb schwimmend, halb fliegend, auf das Tier zu. Der Madeo kreischte auf, flatterte und schlug wild um sich, erhob sich aus dem Wasser und lief förmlich darauf wie auf festem Land. Der lange, schwarze Fisch schlitterte auf dem Wasser, eine breite Kielspur hinterlassend, geradeaus und änderte mit der Bauchflosse die Richtung, als sich der lebende Köder nach der Seite entfernte.

Le Monte hatte das Rohr herumgeschwenkt. Er musste feuern, wenn der breite Kolben fest am Hüftknochen anlag. Er zielte, indem er eine gedachte Gerade projizierte, dicht hinter die Kiemen des Fisches, auf seine verwundbarste Stelle. Als der Saghir an Yebell vorbeiraste, drückte Le Monte ab und führte das Rohr noch ein wenig weiter.

Die schlanke Rakete heulte aus dem Führungsrohr.

»Fertig!«, brüllte Yebell. Der kahlköpfige Pilot reagierte blitzschnell, gab volle Kraft auf die beiden Hochleistungspumpen, schwenkte das Boot fast auf der Stelle herum und fuhr dann parallel zu der Richtung, die der Fisch eingeschlagen hatte.

Das Projektil durchschnitt in einer Geraden die Luft und zerrte das dünne Tau hinter sich her. Der Widerstand des Taus, das sich rasend schnell von der leerlaufenden Trommel spulte, änderte die Flugbahn nicht. Mit einem hohlen Kreischen fuhr die Harpune durch die Luft und schlug dumpf in den schwarzen Körper ein, fast genau an die Stelle, auf die Yebell gezielt hatte. Augenblicklich krümmte sich der Riesenfisch zusammen, riss den Kopf nach unten und tauchte zwei Meter vor dem tobenden Vogel weg. Beim Tauchen schlug die Schwanzflosse krachend auf das Wasser und erzeugte vier große Fontänen und einen gigantischen Regen aus Tropfen. Brummend arbeiteten die Bootsmotoren.

»Ausgezeichnet, Yebell!«, rief Diona und hielt sich fest.

»Danke! Glück gehabt!«, erwiderte Le Monte, warf das Harpunengewehr auf die Polster und griff nach den beiden Hebeln der Trommel. Das Boot wurde schneller, die Vibrationen der Maschinen erschütterten die Schale, der Pilot steuerte einen weiten Kreis und achtete immer wieder darauf, dass die Leine gerade und gespannt blieb.

»Holst du den Vogel?«, fragte er.

»Selbstverständlich!«, erwiderte Diona und schwang den großen Kescher. Das Boot fuhr mit der Steuerbordseite auf den Vogel zu, der sich kaum mehr bewegte. Der Ring des Keschers fuhr durchs Wasser, der Vogel wurde vom Netz erfasst und mit dem Schwung des Bootes an Bord gezogen. Vorsichtig befreite Diona das Tier und beruhigte es, ehe sie es in den dunklen Korb zurücksteckte, wo der Vogel augenblicklich erschöpft einschlief.

Summend durchschnitt das Seil das Wasser.

Das Boot fuhr jetzt etwas langsamer, und die Leine der Harpune zielte in einem Winkel von zwanzig Grad nach unten und bewegte sich langsam hin und her. Yebell bremste, als noch ein Drittel der Länge auf der Trommel war, das Gerät leicht ab. Knirschend spannte sich die Leine und rutschte auf dem Heckkorb der Reling entlang.

»Es ist ein ziemlich starker, recht junger Fisch!«, sagte Yebell und wischte sich, ohne die Bremshebel loszulassen, den Schweiß mit dem Oberarm von der Stirn. »Es gibt garantiert einen harten Kampf.«

Der Fisch war eine der Lebensgrundlagen der sechstausend Menschen auf Chiriana Iwaki. Sein gesamter Körper wurde verwertet. Er diente den bevorzugten Gästen des Hotels als Essen, sein Fischbein wurde verwendet, und die letzten Reste als Fischmehl unters Futter gemischt. Er stellte unter der Fauna dieses Planeten die größte Erscheinungsform dar und war das bevorzugte Jagdwild der Siedler. Nicht allerdings das der Gäste – hier gab es nur die Taka, und das auch nur dreimal im Jahr, jeweils zehn Tage lang. Der Saghir trug sein Hirn und sein Nervenzentrum hinter einer dicken Platte aus Knochen, mit Luftkammern stabilisiert und von Fettgewebe umgeben. Die Widerhaken der Harpune würden den Kampf des Fisches, wenn sie an dieser Stelle einschlugen, auf das Mehrfache verlängern.

»Kampf oder nicht – wir werden El Saghir in den Hafen und auf den Grill bringen!«, versprach Yahai Paik und verringerte die Fahrt. Die Seiltrommel war jetzt ruhig.

»Zweihundertneunzig Meter!«, las Diona ab.

»Ziemlich lang!«, kommentierte Yebell.

Er stand am Heck, die junge Frau und der Pilot saßen hinter der geschwungenen Scheibe. Es wurde heißer und heißer. Das salzige Wasser trocknete auf der Haut. Diona griff nach der Schutzlotion und rieb sich, während sie Yebell beobachtete, Arme und Schultern ein.

»Achtung! Er kommt!«, sagte Yebell.

Die Leine verlief wie eine Verlängerung des Kiels, also entlang der Längsachse der kleinen ARCHÄOPTERYX. Jetzt kam die Leine höher, der Winkel wurde spitzer, und knapp dreihundert Meter entfernt sprang der Saghir in die Luft. Wie eine dunkle Spindel mit weißem Streifen schraubte er sich hoch und rollte sich in die Leine ein. Yebells Arme ruckten nach hinten, und die Zähne des Getriebes griffen ein. Die Trommel drehte sich in entgegengesetzter Richtung und zog den Fisch ans Boot heran, gleichzeitig bewirkte der Zug der Maschine und des treibenden Bootes, dass sich auch der Fisch drehte.

»Ein riesiger Bursche!«, rief der Pilot.

Für ihn war es in den Pausen zwischen den Flügen immer wieder ein Vergnügen, mit den Leuten von Chiriana Iwaki zu sprechen oder bestimmte Dinge zu unternehmen. Dshina Iwaki könnte so schön sein wie diese Zone hier am Binnenmeer, das eigentlich keines war, wie diese hundertfünfzig mal hundert Kilometer große Zone, die seit eineinhalb Jahrhunderten bearbeitet wurde.

»Nicht nur das. Außerdem sehr schwer. Das Fleisch wird verdammt gut schmecken!«, warf Yebell ein und stieß den langen Hebel wieder nach vorn. Die Trommel hielt an, das Seil spannte sich wie eine Stahlsaite.

Der Fisch überschlug sich nach einem Halbkreis und tauchte wieder ein. Nur noch zweihundertvierzig Meter lang war das Tau. Yebell gab ein Zeichen, und die Kraft der beiden Düsenstrahl-Wassertriebwerke begann voll einzusetzen. Das Boot machte Fahrt und lief in die Richtung auf den Hafen zu, zwanzig oder dreiundzwanzig Seemeilen entfernt. Summend wie eine Hornisse spannte sich das Tau, zischend schnitt es in das Wasser.

»Der Kampf wird länger dauern als dreißig Minuten!«, sagte Yebell laut. »Ich ahne es!«

Sie befanden sich auf der einzigen, etwa zweihundert Kilometer von der Landzunge entfernten Fläche, die den Menschen einigermaßen normale Lebensbedingungen bot. Chiriana Iwaki war eine ungastliche und ausgebeutete Welt, die nur zwei positive Punkte kannte: Wasser und Luft waren dem menschlichen Organismus zuträglich, Oberflächenschwerebeschleunigung und Sonneneinstrahlung ebenfalls. Der Planet war rund 229 Millionen Kilometer von seiner Sonne entfernt, und seine Durchschnittstemperatur lag niedriger als die Dshina Iwakis. Aber da sich die Polachse kaum gegen die Ekliptik neigte, die Siedlung zudem durch die Äquatorlinie geschnitten wurde, bedeutete dies einen Ausgleich.

»Nicht zu lange – ich habe morgen früh einen Start!«, rief Yahai.

Diona zündete eine Zigarette an, stand halb auf und schob sie Yebell zwischen die Lippen. Le Monte hantierte mit Bremse, Arretierung und Ganghebel. Er stellte sich auf den Gegner an der Leine ein. Ließ der Fisch nach, zog er ihn näher ans Boot heran, das seinerseits den Fisch in die Richtung des Hafens drillte. Zog der Fisch an oder tauchte er unter, gab Yebell Leine zu. Minuten um Minuten vergingen in diesem nervenzermürbenden, faszinierenden Kampf. Der Fisch selbst konnte mit seiner Kraft das Boot umwerfen und die Schwimmenden mit Schlägen seiner Schwanzflossen töten. Der Kampf ging unentschieden hin und her, und der Verlierer stand noch lange nicht fest.

»Danke! Eine importierte Wohltat!«, sagte Le Monte zwischen den Zähnen. Er konnte keine Hand von den Hebeln nehmen.

Yebell Le Monte war der Chefplaner der Umwelt von Chiriana Iwaki, der kleinen Welt des Zwei-Planeten-Systems. Er war Biometriker; Fachmann für biologisch-statistische Fragen, für Planung und Interpretation und Analyse komplexer biologischer Systeme. Im Lauf der Zeit hatte diese Berufsbezeichnung eine Art Wandlung ins Praktische hinein erfahren – ein Großteil der Ausführung auf jener Lebenszone war Yebells Werk. Er verteidigte Blacklanders Idea mit aller Kraft. Er war ein großer, schlanker Mann mit breiten Schultern und einem keineswegs gutgeschnittenen Gesicht, das aber zu seiner Erscheinung passte. Er hatte dunkle blaue Augen unter kastanienfarbenen, dichten Brauen, die irgendwie fragend hochgezogen schienen, eine starke Nase mit einem leichten Knick im Nasenrücken, einen skeptischen Mund und etwas zu große Zähne. Die vielen Falten, die weiß leuchteten, weil das Gesicht tiefbraun gebrannt war, machten den Kopf interessant und männlich.

»Eine sogar von mir importierte Wohltat, diese Zigaretten!«, sagte Yahai und lachte. Wieder griff die Mechanik ein und drehte die Trommel in kurzen Intervallen schneller zurück. Der Fisch verschwand in einer riesigen Wasserexplosion und zog nach unten.

»Ich habe mich bereits bedankt!«, sagte Yebell und stieß eine Rauchwolke aus.

Alles, was unter die Kategorie »Luxusartikel« fiel, wurde von Dshina importiert. Wertvolles Fleisch, Zigaretten, Alkoholika, unzählige Kleinigkeiten. Ohne diesen dauernden Import würde das Leben auf Chiriana auf dem Standard eines archaischen Bauernstädtchens ablaufen. Aber Chiriana zahlte diese Importe mit zwei schweren Münzen: mit der Unsicherheit, was die nächsten Jahre des Lebens betraf, und mit den Lieferungen an Mineralien und Spaltprodukten, die ununterbrochen ausgeflogen wurden. Die halbrobotischen Schiffe, von menschlichen Piloten gesteuert, pendelten zwischen Dshina und Chiriana hin und her. Yahai Paik war einer der Chefpiloten, Yebell war sein Freund, und Diona Royan war Yebells Freundin.

»Recht so!« Der Pilot grinste breit und schob beide Beschleunigungshebel nach vorn. Das Boot hob den Bug aus dem Wasser, und die mächtigen Düsen erzeugten hinter dem Heck zwei kochende Dreiecke. Wieder betätigte Yebell die Bremse, als der Fisch sich herumwarf und wieder tauchte.

Am Horizont tauchte bereits der schlanke Stahlmast auf, der an seiner Spitze sowohl das Leuchtfeuer als auch die Funkantennen und Sender für das Fernsehprogramm, die öffentliche Kommunikation und die Raumfahrt trug. Das Boot wurde schneller, aber der Widerstand des Fisches schien zu wachsen, statt abzunehmen.

»Das ist ein Jubiläumsfisch, Yebell!«, sagte die junge Frau aufgeregt.

»Da ist etwas, das ich nicht erklären kann!«, erwiderte Le Monte und sog an der Zigarette. »Das scheint eine sehr merkwürdige Jagd zu werden. Ich habe mindestens schon fünfzig Fische gefangen, aber dieser dort ist ein kleines Wunder.«

Der Kopf des Piloten fuhr herum.

»Wie meinst du das?«

»Zu stark!«, sagte Le Monte unruhig. »Zu schwer. Zu schnell. Ganz einfach zu schwierig. Es ist der Stammvater aller bösen Saghirs.«

Er sah auf den Meterzähler. Noch hundertsechzig Meter Leine trennten Fisch und Boot. Sorgfältig war die schwere Büchse, mit der sie dem Fisch den »Fangschuss« geben würden, an der Bordwand festgeklinkt.

»Im Ernst?«, fragte Diona.

»Natürlich!«

Diona war eine Schönheit. Natürlich wusste sie es, es ärgerte sie auch keineswegs. Nur wenige Dinge im Leben musste sie sich teuer erarbeiten, und diese waren ihr viel wichtiger. Zum Beispiel Yebell Le Monte. Sie genoss jede Minute der relativ kurzen Urlaube, die sie zwischen den Verpflichtungen auf Dshina Iwaki hier verbringen konnte.

»Was kann das für einen Grund haben, Yebell?«, fragte sie.

Le Monte zuckte mit den Schultern.

»Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist es ein Wunderfisch.«

Er blieb misstrauisch und wachsam. Der Fisch kämpfte wie besessen, aber er kam Stück um Stück näher. Noch etwas mehr als hundert Meter Leine. Die Bewegungen der gespannten Leine wurden heftiger, die Geschwindigkeit des Bootes nahm weiter zu. Der Fisch schien ein Symbol für dieses Land zu sein, für den gesamten Planeten. Auch Chiriana hatte sich erbittert gegen die Ausbeutung durch den Menschen gewehrt, obwohl der Planet im Grund aus nichts anderem bestand als aus endlosen öden Flächen, die mit halbhohem Gesträuch bewachsen war und mit kleinen, zerzausten und großblättrigen Bäumen. Es gab eine Handvoll verschiedener Tiere mit sehr vielen Einzelindividuen – der wahre Reichtum des Planeten lag versteckt im Boden. Erze, Mineralien, Edelmetalle und Uranerze. Die Mannschaften der Gruben und der Lagerstättenforscher waren – vor Jahrtausenden – die einzigen Menschen hier gewesen. Sie blieben, zeugten Kinder und machten sich den am wenigsten abstoßenden Teil dieses zerklüfteten Kontinents zur Heimat.

Sie waren die Ärmsten. Blacklanders wurden sie von den Menschen des reichen Planeten Dshina genannt. Oder auch Megamikren, die Großkleinen.

Sie hatten um ihren Lebensraum ebenso verbissen gekämpft wie dieser Fisch um sein Leben.

Nach einer Weile sagte Yebell:

»Ich glaube, er gibt auf. Dort ist er!«

Sie blickten angestrengt nach achtern. Dort schwamm El Saghir hinter dem Schiff her. Von seinem Rücken bis zur achterlichen Reling spannte sich die Leine. Der Riesenfisch schwamm im Zickzack und ließ sich halb ziehen. Ein eigentümlicher Anblick. Die großen Augen starrten die Menschen im Boot böse an. Dann tauchte der Fisch wieder so viel ein, dass nur der Rücken und die Schwanzflosse aus dem Wasser sahen. Yebell schob den Hebel nach vorn, hielt die Trommel an und begann dann wieder aufzuspulen. Als der Leinenmesser nur noch fünfzig Meter zeigte, hörte er auf.

»Verdammt!«, sagte er leise.

Die junge Frau hatte seinen Fluch gehört und schaute ihn fragend an.

»Was gibt es, Yebell?«

»Das habe ich noch niemals erlebt. Ein heimtückischer Bursche, dieser Saghir dort.«

Der Pilot stand halb auf und hielt sich an der Nabe des Steuerrads fest. Er nahm nicht zum ersten Mal an einer solchen Jagd teil. Zusammen mit Le Monte hatte er schon eine ganze Anzahl dieser harten Kämpfe mitgemacht und war immer siegreich geblieben, bis auf das eine Mal, als der Fisch das wesentlich kleinere Boot gerammt und umgeworfen und die Mannschaft attackiert hatte. Gerade dieses Warten, diese untypische Pause zwischen dem letzten Teil des Kampfes und der jetzt bestehenden Situation machte den Piloten und Yebell gleichermaßen nervös. Das hatte weder er selbst noch niemand erlebt, den er kannte. Der Pilot sagte scharf:

»Nimm die Büchse und erschieß diesen Fisch, Le Monte. Ich habe ein verdammt ungutes Gefühl!«

Yebell streckte die Hand nach der Büchse aus, die Spezialgeschosse feuerte, aber dann schüttelte er den Kopf.

»Nein! Das muss geklärt werden. Ich habe einen widerlichen Verdacht. Dieser Fisch dort scheint wahnsinnig zu sein.«

Das Boot schleppte El Saghir an einer vierzig Meter langen Leine hinter sich her. Die Zwillingsdüsen schoben die ARCHÄOPTERYX mit fünfzehn Knoten Geschwindigkeit vorwärts. Jetzt wurden bereits die flachen Ufer unterhalb des Sendemastes und Leuchtfeuers sichtbar. Der Fisch schien, hinter dem Boot ziehend, Kräfte für einen letzten Angriff zu sammeln. Zwischen den Insassen des Bootes breitete sich unbehagliches Schweigen aus. Niemand wusste, was er von dieser Jagd halten sollte. Sie verlief im letzten Drittel völlig untypisch; das Verhalten der Beute war völlig untypisch.

Die Leine tauchte ins Wasser ein, wurde wieder gespannt und schleuderte Tropfen nach allen Richtungen. El Saghir ließ sich schleppen. Der rasende Schmerz der Harpune, die sich mit vier Haken in sein Fleisch bohrte, schien ihn nicht zu stören.

Der Pilot warf Yebell einen langen, nachdenklichen Blick zu. Le Monte spuckte den Zigarettenrest aus, biss sich auf die Lippen und beugte sich nach vorn. Er sah jetzt aus wie ein Schwimmer, der startbereit am Beckenrand kauerte. Er starrte den Fisch an, der zurückzustarren schien.

Plötzlich bewegte sich El Saghir.

Die Leine hing durch und verschwand an zwei Stellen im grünen Wasser. Wie ein Rasender schlug der Fisch mit seiner Schwanzflosse und kam in gerader Linie näher. Er riss die Schnauze auf. Deutlich waren die beiden Doppelreihen der scharfen Zähne zu erkennen. Aber zwischen den kleinen, rasiermesserscharfen Zähnen wuchsen riesige, fast doppelt fingerlange Dolche heraus. Sie sahen aus wie kleine Spitzkegel und waren leuchtend weiß.

Blitzschnell langte Yebell nach der Büchse, lud durch und legte an. Noch zwanzig Meter trennten den angreifenden Fisch und das Bootsheck. Der erste Schuss krachte. Im Schädel des Fisches zeichnete sich eine lange, blutende Schramme ab. Überschlagendes Wasser wusch das Blut herunter und ließ die weiße Wunde erkennen. Der Fisch zuckte nicht einmal zusammen. Mit kraftvollen Schlägen kam er näher. Yebell griff zu den Hebeln, ließ die Waffe neben das Harpunengewehr fallen und spulte schnell die Leine auf. Die Trommel drehte sich, das Getriebe ratterte. Noch zehn Meter ...

Der Fisch schlug einen Haken und rammte das Boot von Steuerbord. Krachend schlug der Bootsboden in die Wellen, das Gefährt verlor einen Augenblick seine Gleitfahrt; eine meterhohe See kam vom Bug über und rauschte entlang der Aufbauten nach hinten und überschüttete die junge Frau und Le Monte mit Gischt. Dann sprang der Fisch hoch. Noch acht Meter Leine. Er beschrieb in der Luft einen Halbkreis, und sein schwarzer Schädel mit dem furchtbaren Gebiss kam senkrecht herunter.

Die Kiefer schlossen sich knirschend über dem Bordrand des Bootes. Der Pilot wusste, dass das Zurückfallen von Gleitfahrt in die Verdrängerfahrt ihren sicheren Tod bedeuten konnte. Er schob beide Geschwindigkeitshebel ganz nach vorn, der schlagende Schwanz des Fisches und die beiden kochenden Düsenausstöße erzeugten drei riesige Schaumwirbel. Gleichzeitig steuerte Yahai Paik gegen die Wirkung des schweren Körpers an. Jetzt arretierte die Trommel. Rasend schnell glitt das Boot in einer Serie kleiner Sprünge von Welle zu Welle und erzeugte Gischt und Schaum. Die schweren Stöße schlugen die junge Frau und den Piloten jedes Mal schwer in die Sitze. Yebell taumelte, aber er hakte ein Bein um den Hebel des Trommelmechanismus und griff nach der Büchse. Der Fisch ließ die Bordwand los, wurde ins Heck zurückgewirbelt und rammte seinen Schädel gegen die Backborddüse. Ein knirschendes Geräusch ging durch den Bootskörper.

»Er bringt uns um!«, schrie Diona auf und versuchte, das hilflose Schwanken ihres Körpers zu verhindern.

Yebell fasste die Büchse dicht hinter dem Schaft, versuchte die Stöße des Bootes abzufedern und wurde wild hin und her geschleudert. Ein Versuch, genau zu zielen, schien sinnlos zu sein. Le Monte keuchte auf und schwenkte die schwere Waffe herum. Die Augen El Saghirs schienen ihn hasserfüllt zu beobachten. Wieder warf sich der Fisch, halb in der Luft, herum und riss den oberen Teil der Reling ab, als er sich aus dem Wasser schnellte und seine Zähne in das Metall bohrte. Dröhnend arbeiteten die Wasserpumpen. Das Boot beschrieb einen waghalsigen Zickzackkurs. Es bockte und schlingerte. Wie Puppen wurden die drei Menschen herumgeschleudert, hielten sich aber krampfhaft fest.

»Verdammt! Schieß ihn endlich ab!«, brüllte Yahai.

»Natürlich! Aber wie!«, schrie Le Monte zurück.