Chefarzt Dr. Holl 1917 - Katrin Kastell - E-Book

Chefarzt Dr. Holl 1917 E-Book

Katrin Kastell

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Beschreibung

Christa Paulsen lebt ihren Traum. Sie hat eine eigene Tierarztpraxis, einen tollen Mann, zwei kleine Söhne und eine schöne Mietwohnung in München. Doch dafür schuftet sie rund um die Uhr wie eine Besessene, ständig mit dem nächsten Termin im Nacken. Nur zu verständlich, dass eines Tages das Unvermeidliche passiert: Mit dem Handy am Ohr prallt Christa in voller Fahrt auf ihren bremsenden Vordermann. Dr. Holl und sein Team müssen die Patientin auf der Stelle notoperieren. Seitdem steht Christas Hamsterrad still, und ihre Sorgen häufen sich: Wer kümmert sich nun um die Kinder, wo sie nichts heben oder sich körperlich anstrengen darf? Wie sollen sie und ihr Mann Jerry jetzt nur all die Rechnungen begleichen? Und die Zukunft der Praxis hängt natürlich auch am seidenen Faden - wie kann sie bloß verhindern, dass ihr alle Kunden abspringen? Christas Herz rast, ihre Brust schmerzt. Mit flachen schnellen Atemzügen keucht sie eines Nachts entsetzt: "Jerry, bring mich schnellstens zurück in die Berling-Klinik! Irgendetwas stimmt hier nicht!"

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Seitenzahl: 123

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Inhalt

Cover

Tausend Splitter, Millionen Tränen

Vorschau

Impressum

Tausend Splitter, Millionen Tränen

Als Dr. Holl absichtlich das Herz seiner Patientin brach

Von Katrin Kastell

Christa Paulsen lebt ihren Traum. Sie hat eine eigene Tierarztpraxis, einen tollen Mann, zwei kleine Söhne und eine schöne Mietwohnung in München. Doch dafür schuftet sie rund um die Uhr wie eine Besessene, ständig mit dem nächsten Termin im Nacken. Nur zu verständlich, dass eines Tages das Unvermeidliche passiert: Mit dem Handy am Ohr prallt Christa in voller Fahrt auf ihren bremsenden Vordermann.

Dr. Holl und sein Team müssen die Patientin auf der Stelle notoperieren. Seitdem steht Christas Hamsterrad still, und ihre Sorgen häufen sich: Wer kümmert sich nun um die Kinder, wo sie nichts heben oder sich körperlich anstrengen darf? Wie sollen sie und ihr Mann Jerry jetzt nur all die Rechnungen begleichen? Und die Zukunft der Praxis hängt natürlich auch am seidenen Faden – wie kann sie bloß verhindern, dass ihr alle Kunden abspringen?

Christas Herz rast, ihre Brust schmerzt. Mit flachen schnellen Atemzügen keucht sie eines Nachts entsetzt: »Jerry, bring mich schnellstens zurück in die Berling-Klinik! Irgendetwas stimmt hier nicht!«

Irgendein kleiner Teil von Christa Paulsen wusste, dass sie ein unhaltbares Leben führte. Hin und wieder flüsterte eine Stimme in ihr, dass sie einen Gang zurückschalten sollte. Aber der Rest von ihr – stark, klug und arbeitswütig – wollte nichts davon wissen.

An diesem frühen Morgen, kurz vor dem Aufwachen, mischten sich diese Gedanken wieder einmal in ihre Träume. Christa warf sich hin und her und öffnete schließlich die Augen. Erst fünf Uhr sechs, fast eine Stunde, bevor der Wecker klingelte.

Christa konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal von dem biep-biep-biep aufgewacht war und nicht von den Geräuschen ihrer Söhne. Die Existenz einer Schlummertaste war nur noch eine ferne Erinnerung. Ihr älterer Sohn Levi war vier Jahre alt, das hieß, dass es ungefähr vier Jahre her sein musste, obwohl Christa oft das Gefühl hatte, als wäre seither ein ganzes Leben vergangen.

»Bist du schon wach?«

Christa spürte, wie sich Jeremias' Hand einen Weg zwischen der Matratze und ihrem Rücken bahnte. Sie rückte zu ihrem Mann hinüber und legte den Kopf auf seine Brust. Haare kitzelten ihr Ohr. Trotzdem blieb sie eine Weile so liegen und lauschte auf seinen Herzschlag und auf das Leben, das draußen begann.

Das Mietshaus mit ihrer Wohnung lag in einer ruhigen Seitenstraße. Nur ab und zu rumpelte ein Wagen über das Kopfsteinpflaster. Der Wind wehte das Geräusch einer einfahrenden Straßenbahn herüber. Vor dem Haus brummte ein LKW, der die tägliche Lieferung frischer Pflanzen für den Blumenladen brachte, der im Erdgeschoss lag.

»Soll ich uns Kaffee kochen?«, fragte Christa mit geschlossenen Augen.

»Bleib lieber noch ein bisschen bei mir«, raunte ihr Mann und wollte sie an sich ziehen, als eine helle Stimme durch die Wohnung hallte.

Christa unterdrückte ein Seufzen.

»Dein Sohn ruft nach dir.«

Jerry stöhnte leise und machte Anstalten aufzustehen. »Also gut. Ich hole ihn.«

Blitzschnell dachte Christa nach.

»Bleib liegen«, beschloss sie. »Ich finde jetzt eh keine Ruhe mehr.«

Sie schälte sich aus der Bettdecke und schlurfte barfuß über den weichen Holzboden.

Als sie die Tür zum Kinderzimmer öffnete, sah sie ihren jüngeren Sohn an den Gitterstäben stehen. So war das jeden Morgen. Statt durch die Öffnung hinauszukrabbeln und ins Elternschlafzimmer zu watscheln, zog Jona es vor, abgeholt zu werden. Mit dem Schnuller in der linken und der zerschlissenen Schmusedecke in der rechten Hand strahlte er seine Mama an wie die Sonne höchstpersönlich.

»Na, du kleiner Häftling, wartest du schon auf deine Freilassung?«, fragte Christa und drückte ihm einen Kuss auf die speckige Babywange.

Nach dem Wickeln brachte sie den Anderthalbjährigen hinüber ins Schlafzimmer. Auch Jerry hatte sich inzwischen den Schlaf aus den Augen gerieben und lächelte seine Lieben an.

Bei seinem Anblick wurde Christa warm ums Herz. In einer der selten gewordenen, ruhigen Minuten konnte sie es immer noch kaum glauben, dass Jerry ihr Ehemann und Vater ihrer beiden Söhne war. Der gut aussehende Jeremias, der der jungen Tierärztin, die sie damals gewesen war, eine Berufsunfähigkeitsversicherung verkauft hatte.

Seither waren acht Jahre ins Land gezogen. Inzwischen hatte Christa ihre eigene kleine Tierarztpraxis, und Jeremias war zum Revisor der Versicherungsagentur aufgestiegen.

Die beiden Söhne hatten das Glück des Paares perfekt gemacht. Kehrseite der Medaille war, dass sich mit zwei kleinen Kindern auch das Stresslevel des Paares verdoppelt hatte. Obwohl Christa die Sprechzeiten der Tierarztpraxis verkürzt hatte und Jerry seiner Frau vieles abnahm, reichten die Stunden des Tages bei Weitem nicht mehr aus, um all das zu erledigen, was zu tun war.

»Kannst du auf dem Weg zur Arbeit heute in der Apotheke vorbeifahren und die Salbe für Levis Ausschlag abholen?«, fragte Christa, ohne den Blick von der ellenlangen Liste zu heben, die neben der Kaffeetasse lag. »Außerdem müssen wir die Hausverwaltung anrufen. Die Toilettenspülung rinnt schon wieder.«

»Das erledige ich vom Büro aus«, bot Jerry an und packte Brote mit Gemüseaufstrich und klein geschnittenes Obst in die Brotzeitboxen. »Levi, hör bitte auf, am Tisch herumzuhampeln! Iss lieber dein Müsli, bevor es matschig wird!«, tadelte er seinen Sohn. Maulend kam der Vierjährige der Aufforderung nach, und Jerry fuhr fort: »Es wäre lieb, wenn du in der Mittagspause bei Zoran vorbeifahren und den reparierten Ersatzreifen abholen würdest. Bei dieser Gelegenheit könntest du auch gleich noch einen Termin für den TÜV ausmachen. Der ist schon seit fast drei Wochen überfällig.«

Christas Hand flog über das Papier.

»Wird gemacht. Und dann gehe ich auch gleich noch fürs Wochenende einkaufen. Dann ist das schon mal erledigt.«

»Und ich fahre beim Getränkehändler vorbei. Das Alkoholfreie ist aus.«

»Vergiss bitte nicht wieder den Bio-Birnensaft. Den verträgt Jona am besten.«

»Alles klar, Chefin!«

Augenblicklich sträubten sich Christas Nackenhaare. Sie klang schon wie ihr Vater damals! Dabei hatte sie doch nie so werden wollen. Urplötzlich stiegen ihr Tränen in die Augen.

»Tut mir leid, das sollte keine Kritik sein.« Erschrocken sprang Jerry vom Stuhl auf und beugte sich über seine Frau. »Hey, Christa-Schatz, was ist denn? Ich weiß doch, dass du das nicht böse meinst.« Er zog ein Taschentuch hervor und betupfte zärtlich ihre Wangen.

»Warum weint die Mama?«, erkundigte sich Levi sichtlich besorgt.

Christa zwang sich ein Lächeln auf die Lippen.

»Schon gut, ihr Süßen. Es ist alles ein bisschen viel zurzeit«, schluchzte sie. »Aber das wird schon wieder.«

Zu gerne hätte sich Jerry zurück an den Tisch gesetzt und mit seiner Familie vom lang geplanten Urlaub geträumt. Doch auch Träume hatten in ihrem Leben momentan keinen Platz. Besser, sich auf erreichbare Ziele zu konzentrieren.

»Am Wochenende soll es wieder richtig heiß werden«, sagte er, während er die Brotzeitboxen in die Kindergartentaschen steckte. »Wir könnten einen Picknickkorb packen und schon ganz früh an den See fahren. Na, wie klingt das?«

Levi brach in lauten Jubel aus, Christa mit Jona auf dem Arm lächelte jedoch nur pflichtschuldig. Früher wäre auch sie begeistert gewesen. Doch inzwischen genügte ihre Energie noch nicht einmal mehr, um sich über Zeit mit ihrer Familie zu freuen.

***

»Frau Mehlkorn ist schon seit einer Stunde in der Backstube«, flüsterte Julia Holl. Sie lag dicht hinter ihrem Mann Stefan im Bett, ihr warmer Atem kitzelte ihn am Ohr. »Bestimmt holt sie die ersten Brote und Semmeln gerade aus dem Ofen. Mhm, riechst du auch diesen köstlichen Duft?«

Stefan täuschte ein Schnarchen vor und rutschte noch ein Stück tiefer unter die Bettdecke. Doch Julia dachte nicht daran, sich davon beirren zu lassen.

»Als Nächstes kümmert sie sich um die süßen Teilchen. Sie bestreicht die Rosinenschnecken dick mit Zuckerguss. Die Schoko-Muffins bekommen eine Sahnehaube. Die ganze Backstube ist erfüllt vom Duft nach Butter und Vanille. Die Regale biegen sich unter den braunen Brotlaiben, du weißt schon, die mit der knusprigen Kruste ...«

»Genug!« Mit einem Ruck setzte sich Stefan im Bett auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. »Hab ich was verpasst? Ist heute etwa schon Wochenende?«

Julia lachte gut gelaunt.

»Nein. Aber ich dachte mir, es wäre schön, ab und zu mal aus der Routine auszubrechen.« Sie küsste ihren Mann, schlug die Bettdecke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. Mit einem Ruck zog sie die Vorhänge zurück und ließ den Sonnenschein herein. »Während du Semmeln und Brezen holst, bereite ich alles für ein schönes Frühstück draußen vor. Na, wie klingt das?«, fragte sie.

Lautlos fiel das Schlafshirt zu Boden. Stattdessen schlüpfte Julia in ein luftiges Sommerkleid, das ihre schlanke Figur umschmeichelte.

»Wenn ich ehrlich bin, ist dein Anblick gerade überzeugender als deine Worte«, sinnierte Stefan und konnte die Augen nicht von ihrer verführerischen Silhouette wenden.

Was war er doch für ein Glückspilz, dass er mit dieser Traumfrau gesegnet war! Im Gegensatz zu vielen anderen Paaren hatten die gemeinsamen Jahre sie nur noch mehr zusammengeschweißt.

Trotz der vier gemeinsamen Kinder hatte das Ehepaar Holl stets darauf geachtet, dass die Zeit zu zweit nie zu kurz gekommen war. Dabei ließ sich nicht leugnen, dass es das Schicksal auch in dieser Hinsicht gut mit ihnen gemeint hatte. Eingebettet in ein stabiles Familiennetz, hatte es ihnen nie an Babysittern gemangelt.

Doch die Zeiten hatten sich geändert. Inzwischen waren Stefan und Julia froh, wenn es ihnen gelang, ihre gesamte Kinderschar um den Esstisch zu versammeln.

Mit wiegenden Hüften ging Julia zu ihrem Mann und beugte sich über ihn.

»Für das, woran du denkst, haben wir das ganze Wochenende Zeit«, raunte sie ihm zu. »Marc und Dani fahren mit Freunden auf eine Hütte in den Bergen, Juju hat einen neuen Nachbarshund aufgetan, mit dem sie unbedingt spazieren gehen will, und Chris hat sich mit Karoline zum Baden verabredet. Du siehst, wir müssen die Feste feiern, wie sie fallen.«

»Wir müssen uns nur entscheiden, für welches Fest zuerst«, gab sich Stefan mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf seine Frau geschlagen und stand auf, um sich auf den Weg zum Bäcker zu machen.

Die duftende Sommerluft zauberte ihm ein Lächeln ins Gesicht. Um diese Uhrzeit war noch nicht viel los auf Münchens Straßen. Es herrschte eine friedliche Behäbigkeit und noch nicht einmal das Taubenpärchen im Grünstreifen ließ sich stören, als Stefan auf seinem Fahrrad vorbeifuhr.

In der Bäckerei waren nur zwei Kunden vor ihm. Eine davon kannte er.

»Christa, wie schön, Sie wieder einmal zu sehen!«, begrüßte er die Frau, deren zwei Söhne er bei ihrer Reise auf diese schöne Welt begleitet hatte.

Wie aus tiefen Gedanken gerissen, zuckte Christa zusammen. Es dauerte einen Moment, bis sie Stefan Holl erkannte.

»Doktor Holl, ich habe Sie ja gar nicht bemerkt«, erwiderte sie fahrig.

»Tut mir leid. Ich wollte Sie nicht erschrecken.«

»Schon gut.« Christa winkte ab. »Ich dachte nur gerade über den vierbeinigen Patienten nach, der in zwanzig Minuten in die Praxis kommt.«

Kaum merklich zog Dr. Holl eine Augenbraue hoch. Er hatte die Familie Paulsen zum letzten Mal ein paar Monate nach der Geburt des zweiten Sohnes gesehen. Seither schien sich vieles verändert zu haben. Und ganz bestimmt nicht zum Besseren, wie Christas Augenringe verrieten.

»Jona müsste jetzt fast ein Jahr alt sein«, sinnierte er.

»Er ist knapp anderthalb.« Christa war verblüfft. »Sie können sich noch an seinen Namen erinnern? Dabei begleiten Sie doch bestimmt jede Menge Geburten.«

»Die Ankunft eines neuen Erdenbürgers ist jedes Mal wieder ein Wunder für mich. Abgesehen davon hat uns der Knirps ja einen gehörigen Schrecken eingejagt. Wahrscheinlich erinnere ich mich deshalb an seinen Namen.«

Christa wollte gerade antworten, als sie an die Reihe kam. Sie kaufte zwei Sandwiches und ein Stück Obstkuchen für den Tag und verabschiedete sich von Dr. Holl.

»Ich würde wahnsinnig gerne noch länger mit Ihnen plaudern. Aber als berufstätiger Vater wissen Sie ja sicher, wie das so ist. Das ganze Leben gleicht einer Hetzjagd.«

Sie hob die Hand und winkte, ehe sie durch die Tür huschte und verschwand.

***

Diese Begegnung beschäftigte Stefan noch, als er längst mit seiner Familie am – für einen Mittwoch reich gedeckten – Frühstückstisch saß. Julias Überraschung hatte eingeschlagen wie eine Bombe. Ausgelassen saß die Kinderschar am Terrassentisch und genoss das außergewöhnliche Mahl.

»Fantastisch«, schwärmte Marc und verdrehte genüsslich die Augen. »An frische Croissants unter der Woche könnte ich mich glatt gewöhnen.«

»In diesem Fall solltest du dir eine Bäckerin als Frau suchen«, neckte ihn seine Zwillingsschwester Dani.

»Mal sehen, was sich da machen lässt«, entgegnete er verschmitzt.

Stefan drückte seiner Frau einen Kuss auf die Wange.

»Du hast wirklich die besten Ideen, mein Schatz«, lobte er Julia mit zärtlicher Stimme. »Meinetwegen könnte jeder Morgen so beginnen.«

»Dann wäre es aber nichts Besonderes mehr«, widersprach Julia. »Nein, nein, ich denke, es ist alles gut so, wie es ist.«

»Ich will auch mal so eine weise Mutter werden wie Mama«, stimmte Juju aus tiefstem Herzen zu.

»Dazu musst du erst mal einen Mann wie Papa finden«, machte ihr Bruder Chris sie aufmerksam. »Und das könnte schwierig werden. Deine Brüder kannst du ja schlecht heiraten.«

»So einen Mann wie dich will ich auch gar nicht«, konterte Juju angeekelt. »Du bist nämlich ein eingebildeter Lackaffe.«

»Bin ich gar nicht! Karoline sagt immer, sie mag mich so gerne, weil ich eben kein solcher Angeber bin wie die anderen Jungs.«

Grinsend duckte sich Chris, um dem Serviettengeschoss zu entgehen, das durch die Luft flog.

Marc schickte Dani einen Blick, aus dem die ganze Weisheit seiner zwanzig Jahre sprach.

»Ein Glück, dass wir aus diesem Alter raus sind. Was, Dani?«

»Wir haben uns nie so viel gestritten wie die beiden Zankhähne da.«

Julia und Stefan sahen sich an und lachten.

»Bislang dachte ich, Vergesslichkeit wäre ein Problem des Alters«, scherzte Stefan. Bevor eine weitere Diskussion entstehen konnte, wandte er sich an seine Jüngste. »Mama hat mir erzählt, dass du einen neuen Freund zum Spazierengehen hast.«

Jujus Augen leuchteten auf. Schlagartig war der freundschaftliche Schlagabtausch mit ihrem Bruder vergessen.

»Der Zorro wohnt nur ein paar Straßen weiter. O Papi, der ist sooo süß! Am liebsten würde ich ihn gleich ganz behalten.«

Stefan zog eine Augenbraue hoch.

»Zorro? Das klingt aber ziemlich gefährlich.«

Juju und ihre Mutter sahen sich an und glucksten vor unterdrücktem Lachen

»Keine Sorge, mein Schatz«, beruhigte Julia ihren Mann. »Zorro ist ein Rauhaardackel.«

Stefan lachte mit seinen beiden Frauen. Dass die Freude seine Augen nicht erreichte, bemerkte aber nur Julia.

»Hast du deine gute Laune in der Bäckerei vergessen?«, fragte sie, als sich der Rest der Familie in Uni und Schule verabschiedet hatte.

Auch Stefan war im Begriff, sich auf den Weg in die Berling-Klinik machen. Er hielt inne und musterte seine Frau mit schief gelegtem Kopf.

In all den Jahren war ein unsichtbares Band zwischen ihnen gewachsen. Sie waren auf einer Ebene miteinander verbunden, die sich Außenstehenden nur schwer vermitteln ließ.

»Ich kann wohl nichts vor dir verbergen«, stellte er mit zärtlicher Stimme fest.

»Ich hoffe, das ist auch gar nicht nötig.«

»Natürlich nicht. Vorhin beim Bäcker habe ich Christa Paulsen getroffen.«