Chefarzt Dr. Holl 2040 - Caroline Steffens - E-Book

Chefarzt Dr. Holl 2040 E-Book

Caroline Steffens

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Beschreibung

Sophie Gerstner hat kaum Zeit zum Durchatmen. Die alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen stemmt einen Vollzeitjob, den Haushalt und den Alltag. Dann erhält ihre beste Freundin Leonie die niederschmetternde Diagnose Multiple Sklerose - und plötzlich braucht auch sie Sophies Hilfe. Als Leonie einen neuen Schub erleidet, wacht Sophie an ihrem Krankenbett in der Berling-Klinik. Währenddessen läuft zu Hause alles aus dem Ruder. Ihr älterer Sohn Thilo hat sich illegal eine Drohne beschafft. Der jüngere Matteo entdeckt sie - und tut das, was Kinder tun, wenn niemand hinsieht: Er nimmt sie, läuft zur nächsten Wiese und lässt sie heimlich fliegen. Doch dann verliert Matteo die Kontrolle über das Fluggerät. Ein Unglück bahnt sich an ...

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Der Junge mit der Drohne

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Der Junge mit der Drohne

Arztroman über einen Unfall, der zwei Familien zusammenführte

Von Caroline Steffens

Sophie Gerstner hat kaum Zeit zum Durchatmen. Die alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen stemmt einen Vollzeitjob, den Haushalt und den Alltag. Dann erhält ihre beste Freundin Leonie die niederschmetternde Diagnose Multiple Sklerose – und plötzlich braucht auch sie Sophies Hilfe.

Als Leonie einen neuen Schub erleidet, wacht Sophie an ihrem Krankenbett in der Berling-Klinik. Währenddessen läuft zu Hause alles aus dem Ruder. Ihr älterer Sohn Thilo hat sich illegal eine Drohne beschafft. Der jüngere Matteo entdeckt sie – und tut das, was Kinder tun, wenn niemand hinsieht: Er nimmt sie, läuft zur nächsten Wiese und lässt sie heimlich fliegen.

Doch dann verliert Matteo die Kontrolle über das Fluggerät. Ein Unglück bahnt sich an ...

Sophie Gerstner betrat den Personalraum, der sich hinter dem Verkaufstresen von ›Fahrrad-Schmiedel‹ befand. Sie schraubte ihre Wasserflasche auf und füllte ihr Glas bis zur Hälfte. Ihr Mobiltelefon, das in der Tiefe ihrer Korbtasche steckte, läutete.

Sophie erschrak. Sie hatte vergessen, es auf lautlos zu stellen. Ihr Blick ging zur Wanduhr, die über einem halbhohen Aktenschrank hing, auf dem unter anderem die Kaffeemaschine stand.

Es war kurz nach fünf. Um halb sieben hatte sie Feierabend. Bestimmt versuchte entweder ihr achtjähriger Sohn Matteo sie zu erreichen oder sein fünfzehnjähriger Bruder Thilo. Beide wussten, dass sie während der Arbeitszeit nicht privat telefonieren durfte. Sie meldeten sich üblicherweise per WhatsApp, wenn etwas anstand, und warteten darauf, dass sie Zeit fand, um ihnen zurückzuschreiben. Notfalls in der Abgeschiedenheit der Personaltoilette.

In wirklich dringenden Fällen durften die Kinder sich über das Firmentelefon melden, so war es mit ihrem Vorgesetzten, Andreas Achner, abgesprochen. Sophie war alleinerziehend und ihre Söhne nach der Schule sich selbst überlassen. Achner hatte durchaus Verständnis dafür, dass es Notlagen geben mochte, wo sie ansprechbar sein musste. Es gefiel ihm jedoch überhaupt nicht, wenn seine Angestellten während der Arbeitszeit mit ihren Mobiltelefonen beschäftigt waren.

Das Läuten brach ab.

Sophie lugte in den Verkaufsraum. Achner stand ganz am Ende der hallenartigen Ladenfläche und beriet ein Ehepaar, das bereits mehrfach hier gewesen war und Interesse an E-Bikes bekundet hatte.

Rasch wandte sie sich ihrer Tasche zu und holte das Handy heraus.

Verwundert sah sie, dass es keiner ihrer Söhne gewesen war, der angerufen hatte, sondern Leonie, ihre beste und engste Freundin seit Kindertagen. Leonie wusste um Achners Einstellung zu privatem Austausch während der Arbeitszeit. Sie mochte einen sehr guten Grund haben, sich jetzt zu melden.

Sophie nahm das Mobiltelefon, um eine Sprachnachricht für Leonie aufzunehmen.

»Leonie, ist was passiert?«, raunte sie ins Telefon. »Ich bin noch auf der Arbeit.«

Sekunden, nachdem sie ihre Nachricht gesandt hatte, läutete das Telefon erneut. Wieder war es Leonie. Sowohl in Eile als auch nervös nahm Sophie den Anruf an.

»Leonie, ich kann jetzt nicht ...«

Sie wurde von verzweifeltem Schluchzen unterbrochen. Ein kalter Schauer überlief Sophie.

»Sophie, ich war beim Arzt ... ich ...«, stieß Leonie abgehackt hervor.

»Was ist passiert?«, wiederholte Sophie, umklammerte ihr Handy und lugte durch den Türspalt zum Verkaufstresen, dem sich eben ein älterer Herr näherte. Er trug einen Kinderfahrradhelm in der Hand. Die Kasse war nicht besetzt. Ihre Kollegin Ulla arbeitete nie länger als bis vier. Hoffentlich geduldete sich der Kunde einen Augenblick, und hoffentlich bekam Achner nicht mit, dass sie nicht an ihrem Platz stand.

»Ich bin krank. Ich hab Multiple Sklerose ...« Leonie rang nach Luft.

»Leonie, nein. Das kann doch nicht sein«, widersprach Sophie erschüttert.

»Doch. Bitte, Sophie. Kannst du nach der Arbeit zu mir kommen? Ich weiß, du hast jetzt keine Zeit, und es tut mir auch sehr leid, dass ich dich gestört habe, aber ich ... ich wusste sonst niemanden, der ...«

»Schon gut, Leonie. Ich komme, versprochen. Aber nun muss ich wirklich ...« Der ältere Herr blickte in Richtung Andreas Achner.

»Danke, Sophie«, murmelte Leonie hörbar erschöpft und brach das Telefonat ab. Sophie ließ ihr Telefon in die Tasche fallen und eilte hinter den Tresen. Der Kunde lächelte ihr zu. Er schien nicht ungehalten zu sein, weil er kurz hatte warten müssen. Achner war noch immer in das Verkaufsgespräch vertieft.

Sophie rechnete den Helm ab, versicherte, dass ein Umtausch möglich war, verzichtete aber auf den Hinweis, dass das Kind den Helm besser sofort anprobiert hätte, und dachte, dass sie ihren Söhnen Bescheid sagen musste, dass sie heute Abend später kam.

***

Thilo Gerstner lehnte auf eine Armlänge Abstand zu Lars Bauer an dem Bonanza-Zaun, der das Gelände der Skaterbahn zum nebenan liegenden Kindergarten begrenzte. Auf der Skaterbahn waren nur noch Kolja und Ben unterwegs, die versuchten, sich mit ihren Skateboard-Tricks zu übertrumpfen. Sven, der sonst auch mit dabei war, hatte heute eine Verabredung mit Tina. Die gefiel ihm schon lange und nun, wo Sven sich zu seinem neunzehnten Geburtstag einen Gebrauchtwagen gekauft hatte, hatte sie endlich einem Date zugestimmt. Er wollte mit ihr eine kleine Spritztour machen.

Lars drehte sich bedächtig eine Zigarette und hielt sie dann wortlos Thilo rüber.

»Nee, lass mal.« Thilo verschränkte die Arme vor der Brust. Lars grinste wissend, wie er aus den Augenwinkeln sah.

»Haste Sorge, die Mutti bekommt was mit?«, zog er ihn auf.

»Ich mag das Zeug einfach nicht«, wich Thilo aus, ohne ihn anzusehen. Seine Mutter würde ihm tatsächlich die Hölle heiß machen, wenn sie mitbekam, dass er geraucht hatte. Und möglicherweise hatte Lars dem Tabak gar noch was untergemischt, worüber er lieber nicht nachdenken wollte.

Lars klemmte sich die selbstgedrehte Kippe zwischen die Lippen und entzündete sie mit demonstrativer Lässigkeit. Er nahm einen tiefen Zug und stieß ihn aus. Der Qualm ballte sich in der kühlen Luft des späten Frühlingsnachmittags zusammen.

»Ich hab was für dich«, fuhr Lars fort, zog die Lippen auseinander, als wollte er die Zähne blecken, und leckte sich rasch darüber.

»Was?« Misstrauisch sah Thilo zu ihm.

Lars schnippte lässig ein wenig Asche von seinem Glimmstängel.

»Schon mal was von Drohnen gehört?«, fragte er.

»Klar.« Thilo wurde ärgerlich. Was dachte Lars eigentlich von ihm? Dass er ein unwissendes Kind war? Nur weil er vier Jahre jünger war als er und nicht jeden Unfug mitmachen wollte, den Lars cool fand? Oder weil er seine Zigaretten ablehnte? Er mochte das Zeug tatsächlich nicht. Einmal hatte er es probiert, heimlich auf einer Klassenfahrt, vor einem halben Jahr. Ihm war fürchterlich schlecht geworden.

»Und wie findest du die?«, fragte Lars weiter.

Thilo zuckte mit den Schultern. »Schon cool«, erwiderte er und meinte es ernst.

»Kannst eine von mir haben. Ich mach dir 'nen guten Preis.«

Thilo sah ihn an. »Echt jetzt?«

»Voll. Ich hab ein paar zu Hause. So viele brauch ich nicht«, verkündete Lars, streckte die Beine von sich und stützte sich mit beiden Unterarmen gegen das Holz des Bonanza-Zauns. Der harte Rand mochte unangenehm in seine Arme drücken, trotz der Bomberjacke, die er trug. Das obere der beiden flachen Bretter gab ein knackendes Geräusch von sich. Thilo rückte von dem Zaun ab.

»Wie viel willst denn dafür?«, fragte er.

»Also, neu kostet die ja zweihundertfünfzig Euro.«

Thilo schnaufte geräuschvoll.

»Aber für dich ... ich sag mal, gib mir hundert.« Lars richtete sich aus seiner lässigen Haltung auf, die wohl doch unbequem geworden war, und zog wieder an seiner Zigarette.

»Hundert Euro? Vergiss es.« So viel Geld hatte er gar nicht.

»Das ist ein echter Freundschaftspreis«, ging Lars in Verhandlung.

»Trotzdem. Nein.« Thilo schüttelte den Kopf. »Abgesehen davon«, begann er und dachte, dass Lars sich jetzt wieder über ihn lustig machen würde, »hab ich da gar nix davon. Die darf man erst ab achtzehn Jahren verwenden.«

»Nee.« Wider Erwarten verspottete Lars ihn nicht. Er warf den Rest seiner Zigarette zu Boden und trat sie aus. »Ab sechzehn«, korrigierte er ihn.

»Bin ich auch noch nicht.«

»Aber bald«, hielt Lars dagegen.

Bald dauerte noch über vier Monate. Eine Drohne wäre allerdings schon echt was gewesen. Die hatte nicht jeder. Thilo hätte gerne gegoogelt, ob Lars ihm hinsichtlich des Alters die Wahrheit gesagt hatte. Doch das konnte er unmöglich vor ihm machen.

»Also, was ist jetzt?«, fragte Lars, nun mit einem hörbaren Drängen in der Stimme.

»Ich hab keine hundert Euro«, ließ Thilo ihn widerwillig wissen.

Lars zog erneut seinen Tabakbeutel aus der Jackentasche, stopfte ihn aber unverrichteter Dinge wieder zurück. »Mann, du machst es einem echt nicht leicht«, stöhnte er.

»Wo hast denn die Dinger überhaupt her?«, forschte Thilo, um Zeit zu gewinnen. Vielleicht gab ihm seine Mutter einen Vorschuss auf die nächsten drei Monate Taschengeld. Das würde reichen. Aber dann war halt nix anderes mehr drin. Keine Spiele zum Zocken aus dem Internet, keine Energydrinks, die seine Mutter auch nicht leiden konnte, und auch sonst nix.

Lars grinste. »Wo kriegste alles?«, stellte er eine Gegenfrage.

»Internet«, schlussfolgerte Thilo.

»Sag ich doch. Okay, letztes Angebot: Gib mir fünfzig Euro. Ist ein echter Freundschaftspreis. Weiter runter kann ich wirklich nicht. Und das muss unter uns bleiben«, sagte er.

»Was? Der Preis oder das Geschäft?«, forschte Thilo.

»Am besten beides.« Lars grinste erneut.

»Geht klar.« Thilo gab sich lässig. Wohl war ihm nicht. Die Drohne kostete ihn fast seine ganzen Ersparnisse. Er musste sie zu Hause auf jeden Fall sehr gut verstecken. Weder sein kleiner Bruder noch seine Mutter durften sie finden. Matteo nicht, weil er erstens den Mund bestimmt nicht halten konnte und zweitens die Drohne mit Sicherheit ausprobieren wollte. Und seine Mutter nicht, weil sie ihm total zusetzen würde, bis er ihr sagte, woher er die Drohne hatte, und ihm sein Mega-Schnäppchen wegnehmen würde. Das war mal sicher.

»Gut. Morgen gleich nach der Schule bei mir«, verlangte Lars. »Mila und René sind nicht da.«

»Jo«, stimmte Thilo zu. In seinem Bauch kribbelte es. Ob vor Nervosität, weil er sich auf den Kauf eingelassen hatte, oder vor Vorfreude, hätte er nicht sagen können. Immerhin der Übergabeort für das Geschäft war okay. Lars lebte mit Mila und deren Bruder René in einer Wohngemeinschaft. Wenn die beiden unterwegs waren, bekam keiner was mit.

***

Leonie saß zusammengekauert auf ihrem Sessel. Durch die gekippte Balkontür drang die kühle Luft des Frühlingsabends. Sophie stand auf, um sie zu schließen, und nahm wieder auf ihrem Hocker Platz.

»Mir geht es schon eine Weile nicht gut«, flüsterte Leonie. Ihr Gesicht war vom Weinen verquollen. »Ich sehe oft so verschwommen. Und meine Arme und Beine sind manchmal wie taub. Ich bin oft so müde, und schwindelig ist mir auch.« Sie rang nach Luft, und Sophie fragte sich, ob sie die Tür doch wieder öffnen sollte. »Und dann habe ich diesen Post auf Instagram gesehen«, sprach Leonie weiter, und neue Tränen liefen ihr über die Wangen. »Da ging es um einen jungen Mann, der hat diese Krankheit, und bei ihm fing es so ähnlich an.«

Sie schluchzte auf.

»Inzwischen kann er nur noch am Rollator ein paar Schritte gehen. Als Nächstes kommt der Rollstuhl. Sophie! Das steht mir auch alles bevor.« Sie zitterte am ganzen Körper.

Sophie ging zu ihr, setzte sich auf die Kante des Sessels und legte den Arm um sie. Ihr fehlten die Worte. Die Freundin tat ihr unendlich leid.

»Nachdem ich den Post gelesen hatte, bin ich zum Arzt. Und jetzt habe ich die Bestätigung«, fuhr Leonie mit schwankender Stimme fort.

Sophie streichelte die Schulter der Freundin. »Warum hast du mir nicht schon eher davon erzählt?«, fragte sie beklommen. »Ich wäre doch mit dir zum Arzt gegangen.«

Leonie nahm ihre Hand und drückte sie. »Ich weiß. Aber du hast doch wahrlich genug zu tun, mit deiner Arbeit und deinen Jungs. Außerdem habe ich dir schon letztes Jahr wochenlang die Ohren vollgeheult, als Karsten mich verlassen hat«, erwiderte sie und schluchzte erneut auf.

Sophie stand von der Armlehne auf und zog ein Taschentuch aus der Box, die auf dem Couchtisch stand. Sie reichte es Leonie. »Liebes, das ist Monate her«, sagte sie sanft. »Du warst auch für die Kinder und mich da, als Ulrich ...«

»Das war doch was ganz anderes«, unterbrach die Freundin sie und trocknete sich das Gesicht. »Dein Mann ist vom Baugerüst gefallen. Das war ein grauenhafter Unfall. Karsten hat mich verlassen, weil ich nicht mit ihm nach Berlin ziehen wollte. Er wollte unbedingt diese neue Stelle bei der Software-Firma, und er wollte keine Fernbeziehung. Und ich mag Berlin überhaupt nicht.«

Sophie streichelte Leonies Rücken.

»Jedenfalls wollte ich dich nicht schon wieder mit etwas belasten und dir Zeit und Energie nehmen. Deine Jungs brauchen dich. Es tut mir auch leid, dass ich dich auf der Arbeit angerufen habe. Aber vorhin dachte ich, ich drehe durch.«

»Kein Problem. Achner hat nichts gemerkt«, tröstete sie sie und dachte an Thilo und Matteo. Mittlerweile war es nach neun Uhr. Gleich als sie Feierabend gehabt hatte, um halb sieben, hatte sie sie auf dem Festnetz angerufen. Thilo war am Apparat gewesen und hatte ziemlich mürrisch reagiert, weil sie noch zu Leonie fahren wollte, ehe sie heimkam. Vor einer Stunde hatte Matteo ihr geschrieben, dass er Hilfe bei den Hausaufgaben brauchte. Sie hatte ihm versprochen, so rasch wie möglich nach Hause zu kommen. Eine halbe Stunde darauf hatte er noch einmal geschrieben, wann sie denn nun endlich käme, damit er mit seinen Schularbeiten fertig wurde. Daraufhin hatte sie ihn zu Thilo geschickt. Er konnte ihm sicher auch helfen, und sie hatte erneut versprochen, ganz bald da zu sein.

Nun war Leonie aber so abgrundtief verzweifelt, dass sie sie nicht alleine lassen mochte. Ihren Kindern eine weitere WhatsApp-Nachricht zu schreiben, dass sie doch länger brauchte, würde die Situation nicht besser machen.

»Ich bekomme jetzt Physiotherapie und Ergotherapie«, sprach Leonie weiter. Sie klang erschöpft und so unglücklich wie nie zuvor. Nicht einmal damals, als Karsten sich von ihr getrennt hatte, um nach Berlin zu ziehen, war sie Sophie so verzweifelt erschienen. »Und irgendwelche Medikamente.« Sie machte eine unbestimmte Handbewegung zur Kommode, auf der etliche Papiere unter einer leeren Blumenvase klemmten. Vermutlich lag ein Rezept dabei. »Sophie.« Sie griff wieder nach ihrer Hand, drückte sie und sah zu ihr auf. »Du musst nach Hause. Deine Kinder warten.«

Sophie nickte. Erleichtert, weil Leonie ihr Problem wahrnahm, aber auch besorgt, weil es sie beunruhigte, sie alleine zu lassen.

»Ich danke dir sehr, dass du gleich gekommen bist«, fuhr sie fort.

Vielleicht sollte sie sie mit zu sich nehmen?

»Aber jetzt muss ich ein bisschen alleine sein«, sprach Leonie weiter, als hätte sie ihre Gedanken gelesen.

»Gut.« Sophie stand auf. »Versprich mir, dass du dich umgehend meldest, wenn du mich brauchst.«

Leonie nickte nur.

***

Sophie betrat den Flur ihrer Wohnung. Im Wohnzimmer brannte Licht. Thilo saß in flegelhafter Haltung, ein Bein über die Sessellehne gelegt, das andere weit von sich gestreckt, vor dem Fernseher. Sein kleiner Bruder Matteo saß im Schlafanzug neben ihm auf dem Boden und verfolgte ebenso wie Thilo das Programm. Den bedrohlich klingenden Stimmen nach, die aus dem Gerät drangen, war der Film nicht für Kinder geeignet.

»Hallo, ihr zwei«, begrüßte sie ihre Söhne.

Thilo zuckte zusammen und schaltete umgehend mit der Fernbedienung den Fernseher aus.

»Hallo, Mama.« Matteo sprang auf und lief ihr entgegen. »Du bist voll spät da. Und ich hab immer noch meine Hausaufgaben nicht fertig.«

»Immer noch nicht?« Sophies Blick ging zu ihrem großen Sohn, der umständlich aus dem Sessel aufstand.

»Hey«, murmelte er, ging mit finsterer Miene an ihr vorbei und legte die Fernbedienung neben das Gerät auf den Fernsehschrank.

»Ich dachte, Thilo hilft dir?«, sprach Sophie weiter.

»Mann, ey. Ich bin doch nicht sein Babysitter oder mach Hausaufgabenbetreuung«, protestierte ihr großer Sohn unwirsch.

»Einmal helfen sollte für deinen kleinen Bruder schon möglich sein«, erwiderte Sophie und konnte nicht verhindern, gereizt zu klingen.

»Konnte er gar nicht. Er war ja auch ganz lang nicht da«, ließ Matteo sie wissen und sah Thilo vorwurfsvoll an, dem die Hitze ins Gesicht schoss.

»Wo warst du denn?«, fragte Sophie.

»Bisschen abhängen«, erwiderte Thilo mürrisch und zuckte mit den Schultern.

»Wo und mit wem? Doch nicht etwa wieder mit diesem Lars?« Ihr Herz schlug unwillkürlich schneller. »Oder Sven? Wer war noch dabei?«

Es war nicht gut, ihn so ins Kreuzverhör zu nehmen, zumal Matteo mithörte. Und ihr die Energie für eine Grundsatzdiskussion fehlte. Sie war erschöpft, machte sich Sorgen um Leonie, hatte Hunger und musste ihrem jüngeren Sohn noch bei den Hausaufgaben helfen.

»Mann, Mama.« Ungehalten sah Thilo sie an. »Lars ist schon okay. Er hat halt ein bisschen Pech gehabt mit der Schule und dem Job und so.«

»Soweit ich weiß, hat er nur mit Ach und Krach den Schulabschluss geschafft und ist aus zwei Lehrstellen rausgeflogen. Einmal, weil er in die Ladenkasse gegriffen hat, und das zweite Mal, weil er seine Arbeitszeiten nach Gutdünken selbst gestalten wollte. Das nennst du Pech gehabt?«, fragte Sophie aufgebracht.

»Er hat das Geld nur ausleihen wollen«, beharrte Thilo, und sie sah ein Flackern in seinen Augen, das ihr sagte, er wusste genau, dass das nicht stimmte. »Und bei ›Kfz-Riemann‹ ist er nur ein paar Mal zu spät gekommen, weil er halt verschlafen hatte.«

»Man leiht kein Geld unabgesprochen aus fremden Kassen. Und soweit ich weiß, ist er bei Riemann ständig zu spät gekommen.«