Cheia - Sandra Busch - E-Book

Cheia E-Book

Sandra Busch

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Beschreibung

Lediglich ein paar leidenschaftliche Stunden wollte Draw von dem jungen Elfen in der Spelunke. Stattdessen bekommt er ihn für den Rest seines Lebens – als zukünftigen Leibwächter, einen sogenannten Cheia. Doch Crid hat für ihn nichts weiter als Verachtung und Abscheu übrig. Erst als Draw erfährt, auf welche Weise Crid zum Cheia ausgebildet wurde, beginnt er dessen Hass und selbstzerstörerisches Verhalten zu begreifen. Als ein Mordanschlag auf Draw ausgeübt wird, findet er sich plötzlich in der Rolle des Beschützers wieder. Aber wird ihn das seinem Cheia näher bringen? Triggerwarnung! In diesem Buch sind Szenen über Ritzen und Jaktation enthalten! Ca. 70.432 Wörter Ca. 343 Taschenbuchseiten

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Cheia

Sandra Busch

 

 

Lediglich ein paar leidenschaftliche Stunden wollte Draw von dem jungen Elfen in der Spelunke. Stattdessen bekommt er ihn für den Rest seines Lebens – als zukünftigen Leibwächter, einen sogenannten Cheia.

Doch Crid hat für ihn nichts weiter als Verachtung und Abscheu übrig.

Erst als Draw erfährt, auf welche Weise Crid zum Cheia ausgebildet wurde, beginnt er dessen Hass und selbstzerstörerisches Verhalten zu begreifen.

Als ein Mordanschlag auf Draw ausgeübt wird, findet er sich plötzlich in der Rolle des Beschützers wieder. Aber wird ihn das seinem Cheia näher bringen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses Buch ist für Sandra und Stine, ohne die es dem grausamsten aller Killer, dem ENTF, zum Opfer gefallen wäre.

Ihr seid schuld daran, dass nun auf meiner Fensterbank eine Dose Pilze auf einem Kissen ruht.

Kapitel 1

 

Der Kodex der Cheia lehrt Gehorsamkeit

 

Unerbittlich drückte ihn die Hand in seinem Nacken vor dem Altar mit der gesichtslosen Statuette des Gesegneten auf die Knie. Bereits jetzt bohrten sich die am Boden liegenden Erbsen schmerzhaft durch die dünne Haut in seine Knochen. Die gesichtlose Statuette des Gesegneten beobachtete ihn ausdruckslos vom Altar her.

„Warum bist du hier?“, fragte der Priester mit den kurzen blonden Haaren. Seine Stimme klang schneidend.

„Ich war ungehorsam, Vater.“

„Du hattest die Anordnung, diesen Mann zu begleiten. Was soll ich von deiner Weigerung halten? Soll ich dich dorthin schicken, woher du kamst? Weißt du, was mit Jungen wie dir auf der Straße geschieht?“

Er schwieg, den Kopf furchtsam gesenkt.

„Die Priesterschaft führt diese Schule seit Generationen aus reiner Nächstenliebe. Wir haben dir ein Dach über den Kopf gegeben, dich gekleidet und lassen dir eine hervorragende Ausbildung angedeihen. Ein derartiger Undank wie von einem solchen Gossenbalg wie dir ist mir allerdings noch nicht untergekommen. Erkläre mir dein Fehlverhalten!“

„Vater, ich … ich wusste nicht, wohin mich dieser Mann bringen wollte. Ein Anwärter verlässt die Schule doch nur, um als Cheia zu seinem Say’imin zu gehen. Ich hatte Angst, dass ich vielleicht wie einige Mitschüler nicht wieder zurückkehre.“

„Angst oder Unwissenheit hält einen Cheia nicht von einem Befehl ab.“

„Ja, Vater. Es tut mir leid.“

„Dir kann ich versprechen, dass du immer zurückkehren wirst. Du bist für unsere Schule … sehr wertvoll.“

„Danke, Vater.“

„Allerdings werden nun deine Mitschüler wegen dir hungern müssen. Dir ist bestimmt klar, dass es für uns nicht leicht ist, so viele hungrige Mäuler zu stopfen. Da müsst auch ihr etwas dazu beitragen. Du hättest für Brot sorgen können, vielleicht sogar für ein bisschen Fleisch, wenn du mit unserem Besucher gegangen wärst. Aber da du nicht gehorcht hast, werden ihre Teller leer bleiben.“

Er unterdrückte ein jämmerliches Aufschluchzen. Wenn die anderen Jungen das erfuhren, würde er auf der Krankenstation enden. Als ob das Knien auf den Erbsen nicht schon Strafe genug war.

„Die nächsten drei Stunden wirst du im Angesicht des Gesegneten darüber nachdenken, ob deinem Sinn für Gehorsamkeit auf die Sprünge geholfen werden kann.“

 

Krachend flog die Tür der Spelunke auf. Wachsam ruckte Crids Kopf in die Höhe. Erst ein paar Herzschläge später entspannten sich seine kampfbereiten Muskeln, da es sich bloß um eine Gruppe von fünf jungen, sichtlich angetrunkenen Adligen handelte, die in den stickigen Schankraum stürmten. Crid musste über seine Reaktion lächeln, da sie ihm deutlich zeigte, wie nervös er tatsächlich war. Der Grund für seine Unruhe war sein neues Leben, das am nächsten Tag beginnen würde und auf das ihn die Priesterschaft des Gesegneten vorbereitet hatte, seit er ein Kleinkind war.

Grölend stolperten und schwankten die Adligen zwischen den Tischen entlang, strauchelten hier über den Fuß eines Nachtwächters, rempelten dort mehrere Handwerksleute an und stießen beinahe mit einem Taschenspieler zusammen. Endlich erreichten sie ihr anvisiertes Ziel – den Tresen – und schlugen lautstark mit den Fäusten darauf.

„Wein!“, riefen sie. „Bring uns Wein.“

Crid, der an einem einsamen Tisch in einer Ecke saß, beobachtete, wie der Wirt eilig mehrere Krüge mit seinem besten Roten füllte. Bestimmt verirrten sich nicht jeden Tag solch zahlungskräftige Kunden in seine Kaschemme. Wie die Schmeißfliegen umschwirrten schon die Huren die edlen Herren, von den sicher locker sitzenden Münzen der Adligen angelockt. Die ersten derben Scherze flogen durch den Raum, begleitet von ausgelassenem Gelächter. Mittelpunkt dieser fröhlichen Runde war ein Bursche, dessen zwanzigstes Wiegenfest die Adligen feierten, wie Crid den frivolen Trinksprüchen entnahm. Sein dunkelbraunes Haar hatte er mit einem Seidenband im Nacken gebändigt und im Gegensatz zu seinen Begleitern wirkte seine Kleidung beinahe schlicht. Doch der Stoff der grünen Tunika war von ausgezeichneter Qualität. An einer silbernen Kette trug er einen einfachen Anhänger in der Form eines Sterns. Crids Brauen zogen sich zusammen, als er das Schmuckstück erkannte. Das konnte unmöglich wahr sein! Dieser ausgelassen feiernde Bursche war der Sohn des Herrschers von Ta’al’baneh, ein kleines Herrschaftsgebiet zwischen mehreren hohen Gebirgszügen. Ob der herrschaftliche Papa wusste, wo sich sein Sprössling volllaufen ließ?

Auch der Wirt erkannte das im Laternenlicht glänzende Rangabzeichen und verbeugte sich tief.

„Darf ich dem ehrenwerten Say’imin eine Mahlzeit servieren?“, erkundigte er sich beflissen. Der Blick des vornehmen Gastes glitt über die Anwesenden und blieb ausgerechnet an Crid hängen, als er an seinem sauren Bier nippte.

„Frisches Fleisch wäre nicht schlecht“, antwortete die herrschaftliche Prominenz anzüglich und nickte in Crids Richtung. Beinahe hätte er sich verschluckt. Natürlich hatte er damit gerechnet, dass die feiernde Gruppe auf ihn aufmerksam wurde. Seine spitzen Ohren und die katzenartigen Augen kennzeichneten ihn überdeutlich als Elfen. Die waren im Herrschaftsgebiet Ta’al’baneh zwar nicht unbekannt, aber man traf nicht gerade jeden Tag einen Angehörigen seiner Rasse. Bereits als Kind hatte er die Erfahrung gemacht, dass er auffiel und er hatte gelernt, neugierige Blicke zu ignorieren. Die Bemerkung des jungen angetrunkenen Mannes konnte er jedoch nicht übergehen.

In Erwartung von Ärger stellte er seinen Humpen auf den Tisch zurück und musterte die Adligen wachsam.

„Ich bedaure, Say’imin, der Herr ist ein Gast und keiner von meinen Huren“, antwortete der Wirt.

„Das eine schließt das andere nicht aus.“

Es fiel Crid schwer, diese Beleidigung auf sich sitzen zu lassen, obwohl er sich empfindlich in seinem Stolz getroffen fühlte. Den Say’imin dafür auf die Bretter zu schicken, würde nicht gerade von einem gesunden Verstand zeugen. Die Adligen lachten und stießen ihren zukünftigen Herrscher aufmunternd an.

„Schnapp ihn dir, Draw“, forderten sie ihn auf. „Einen Ringkampf auf den Laken wird er dir an deinem Wiegenfest gewiss nicht abschlagen. Bestimmt hat er Lust mitzufeiern.“

Na bitte, er hatte es geahnt. Es war immer das gleiche. Trotz seines warnenden Stirnrunzeln trat der Say‘imin auf ihn zu. Fordernd streckte er die Hand aus.

„Komm!“ Das stellte eindeutig einen Befehl und keine Bitte dar. Crid rührte sich nicht, sah dem Gleichaltrigen lediglich abweisend ins Gesicht. Dessen Freunde lehnten inzwischen mit den Rücken am Tresen und verfolgten das Schauspiel, das ihnen der Say’imin auf etwas wackligen Beinen bot.

„Er will umworben werden“, riefen sie. „Pflück ihm ein paar Blümchen, Draw!“

Belustigt drehte der sich zu seinem Publikum um.

„Meint ihr?“ Er wandte sich wieder Crid zu. „Sag mir deinen Namen, Elf.“

Der Kommandoton ärgerte ihn. Zwischen knirschenden Zähnen presste er seinen Namen hervor:

„Crid.“

„Crid?“ Mit einer schwungvollen Geste drehte sich Draw zu seinen Freunden um.

„Sein Name ist Crid, habt ihr’s gehört? Ich werde ihn mir merken müssen, damit ich weiß, an wessen Mund ich gleich stöhnen werde.“

Mit Selbstbewusstsein schien der Say’imin mehr als ausreichend gesegnet worden zu sein. Erneut streckte er Crid auffordernd die Hand entgegen.

„Ich habe einen Blick für Schönheit. Du brauchst dich daher nicht bemühen, deine Qualitäten nach und nach ins Licht zu rücken. Mir steht vielmehr der Sinn danach, gleich zur Sache zu kommen.“

Crid biss die Zähne zusammen, um eine wütende Entgegnung zu vermeiden. Wie kam der aufgeblasene Flegel dazu, ihn wie eine Hure zu behandeln? Glaubte er vielleicht, dass ihm dieses Recht zustand, weil er in einem Palast geboren wurde?

„Er sieht nicht gerade willig aus.“ Die Adligen bogen sich vor Lachen, während Crid um Selbstbeherrschung rang. Draws Finger berührten seine Wange, strichen an ihr entlang und fuhren gleich darauf sanft über seine zusammengepressten Lippen.

„Es wird garantiert eine vergnügliche Erfahrung mit einem Elfen zu vögeln, da alle Welt behauptet, ihr würdet in der Liebe sehr leidenschaftlich sein.“

Crid reichte es.

„Nehmt Eure Finger aus meinem Gesicht.“ Er sprang auf und wischte die Hand des Say’imin grob beiseite. Am liebsten hätte er den unverschämten Kerl erwürgt.

„Und wie leidenschaftlich er ist, Draw!“ Die Adligen johlten vor Vergnügen.

„Nenn mir deinen Preis“, forderte Draw im nächsten Moment. Kochende Wut stieg in Crid auf. Es war geschickter das Feld zu räumen, ehe er etwas tat, das er später bereuen würde. Die übrigen Gäste der Kaschemme schauten ihnen bloß amüsiert zu. Niemand würde eingreifen. Ohne ein weiteres Wort riss er seinen Umhang vom Haken und drängte sich an dem Say’imin vorbei. Eine Sekunde später wurde er unsanft an den Haaren zurückgezogen und gleich darauf mit dem Rücken gegen die Wand gepresst. Draw stand unmittelbar vor ihm und verhinderte mit seinem Körper ein Entkommen. Goldene Sprenkel tanzten übermütig in seinen braunen Augen, als er Crids Kinn umfasste.

„Bist du schüchtern? Oder versuchst du deine Tugend zu verteidigen? Ist es das?“ Er lachte leise. „Bist du sicher, dass du dich nicht mit mir amüsieren magst? Dir würde etwas Unvergessliches entgehen.“

„Ihr seid ja ziemlich von Euch selbst überzeugt“, zischte Crid.

„Natürlich. Und dich werde ich auch noch überzeugen.“

Weinfeuchte Lippen legten sich auf Crids und küssten ihn, während sich eine Hand vorwitzig zwischen seine Beine tastete. Das ging eindeutig zu weit. Zum Glück hatte die Wut Crids Verstand nicht ganz außer Gefecht gesetzt, denn um ein Haar hätte er seinen Dolch gezückt und sich in diesem Fall spätestens morgen auf dem Hinrichtungsplatz vorgefunden. Mit einem heftigen Stoß befreite er sich aus der Umklammerung des Say’imin und schlüpfte gewandt zwischen dessen zupackenden Händen hindurch. Einer der Adligen bekam ihn am Arm zu fassen und lag in der nächsten Sekunde keuchend auf den schmutzigen Dielen. Crid wartete nicht erst ab, bis die anderen auf seine Flucht reagierten, sondern huschte in die Nacht hinaus. Sein letzter Tag ohne einen Herrn bekam einen bitteren Geschmack.

 

Er hatte den Wirt beschwatzen können, dass er im angrenzenden Schuppen der Spelunke schlafen durfte. Seine magere Barschaft hatte gerade für das halb getrunkene Bier und eine schlichte Mahlzeit gereicht. Doch er benötigte nicht mehr, da von morgen an sein neuer Herr für ihn sorgen würde. Crid schnaubte abfällig, als er daran dachte. Der kalte Wind trieb ihn in den dunklen Bretterverschlag und er suchte sich einen Platz zwischen den leeren Fässern, die hier aufbewahrt wurden. Es stank nach schalem Bier und Mäusekot.

Crid fühlte sich müde. Er hatte eine Woche Fußmarsch hinter sich und konnte lediglich einmal im Glück schwelgen, als ihn ein freundlicher Bauer ein Stück auf seinem Wagen mitgenommen hatte. Seine bisherige Heimat, die Schule der Cheia, würde er nicht wieder betreten. In diese Schule wurden auserwählte Waisenkinder gebracht, um von den Priestern und einigen erlesenen Meistern neben den Kampfkünsten in Lesen und Schreiben, Kräuterkunde sowie in unterschiedlichen Handwerken unterrichtet zu werden.

Und schließlich war der Tag gekommen, als man ihm – Crid – den Namen seines zukünftigen Herrn mitteilte und ihn auf den Weg zu seinem Say‘imin schickte. Vom morgigen Tag an, würde er jeden Wunsch und jeden Befehl seines Herrn befolgen müssen, ob er wollte oder nicht. Er würde ihn, wie es der strenge Kodex der Schule verlangte, mit seinem Leben beschützen und zu seinem Schatten werden. Für die meisten Cheia stellte dies eine unglaubliche Ehre dar. Crid dagegen kam es vor, als würde er in die Sklaverei geschickt werden.

Und nichts anderes ist es, sagte er sich grimmig und schlang seinen Umhang um sich, da er zu frieren begann. Gerne hätte er noch eine Weile in der Spelunke gesessen und sich dort am Kaminfeuer gewärmt. Aber wäre er geblieben, dann wäre die Situation mit dem aufdringlichen Say‘imin und dessen betrunkenen Freunden sicherlich eskaliert. Seine Meister und auch die Priester hatten ihm ohnehin seit jeher vorgehalten, ungeduldig zu sein und viel zu schnell wütend zu werden. Crid knurrte. Mit einer ruckartigen Bewegung schob er sich den linken Hemdärmel bis knapp zur Schulter hinauf und zog seinen Dolch. Die Klinge drückte er solange in seinen Unterarm, bis ein erster Blutstropfen hervorquoll. Mit geschlossenen Lidern zog er die Klinge genießerisch durch sein Fleisch, gerade tief genug, dass es schmerzte und Blut floss, aber nicht zu tief, um gefährlich zu werden. Aufatmend lehnte er den Kopf gegen das raue, splittergespickte Holz der Schuppenwand. Mit dem Schnitt kam die Erleichterung, den in der Spelunke aufgestauten Frust zusammen mit seinem Blut abfließen lassen zu können. Crid starrte in die trostlose Dunkelheit. Es waren seine letzten Stunden in Freiheit. Und wie verbrachte er diesen denkwürdigen Abend? Vor Kälte bibbernd zwischen leeren Bierfässern, damit er nicht wie eine Hure behandelt wurde. Was sich bereits morgen ändern konnte, da von diesem Tag an Draw, der Say’imin von Ta’al’baneh, jedes Recht hatte, ihn in sein Bett zu befehlen. Dieser arrogante, aufgeblasene Wicht!

 

***

 

Trotz seines leichten Katers blickte Draw aufgeregt auf die Tür, in der in den nächsten Sekunden sein Cheia erscheinen musste. Heute war der Tag seines Willkommens und er war ungemein gespannt, was für einen Krieger die Schule für seinen zukünftigen Lebensbund auserwählt hatte. Würden sie sich verstehen?

Sicher, redete sich Draw ein. Sie würden einander nicht nur Cheia-Gefährten, sondern auch Freunde sein.

Es war Sitte, dass ein Say’imin nach seinem zwanzigsten Geburtstag einen Krieger der besonderen Art an die Seite gestellt bekam. Mit zwanzig Jahren war er als männlicher Nachkomme berechtigt, den Herrscherstab zu erben und von da an galt sein Leben als besonders schützenswert.

Draw freute sich auf einen Gefährten und versprach sich, dass ihr Verhältnis genauso innig werden würde, wie das seines Vaters zu dessen Cheia Tally. Sein erwartungsfrohes Lächeln gefror allerdings ziemlich rasch, als sein Bündnisgefährte in den Saal gelassen wurde. Das rotbraune glänzende Haar war ihm ebenso bekannt wie die katzenhaften smaragdgrünen Augen der schlanken Gestalt. Augen, die ihn voller Abneigung, wenn nicht sogar Hass anschauten. Beim Gesegneten! Der Elf aus der Spelunke!

„Junger Say’imin, darf ich Euch Euren …“ Der Haushofmeister unterbrach sich verwundert, denn der Cheia begann sich im Annähern das weite weiße Hemd aufzuschnüren.

„Wollt Ihr mich gleich hier?“, fauchte er mit unverkennbarer Aggressivität in der Stimme und warf Draw provozierend das Hemd vor die Füße, um mit entblößtem Oberkörper viel zu dicht vor ihm stehenzubleiben. Den Herrscher von Ta’al’baneh und dessen Cheia, die wie versteinert neben Draw saßen, ignorierte der Elf völlig. Draw selbst fehlten angesichts dieser Unverschämtheit schlichtweg die Worte. Hilflos drehte er sich zu seinem Vater.

„Ihr wart doch so wild auf mich“, sagte der Elf höhnisch in die Stille hinein.

Crid, erinnerte sich Draw an den Namen. Ehe er sich versah, befand sich seine Hand in einer eisenharten Umklammerung und wurde in den Schritt seines Cheia gepresst. Das war empörend! Fassungslos starrte er den Elfen an.

„Hat’s Euch die Sprache verschlagen?“

„Was geht hier vor?“, fragte Eth’dar und begegnete Draws ratloser Miene mit unverhohlener Belustigung in den Mundwinkeln. Sein Vater hatte seit jeher einen ausgeprägten Hang zum Humor besessen. Draw dagegen fand diese peinliche Begrüßung alles andere als komisch. Wenn sein Vater erfuhr, wo er sich gestern weinumnebelt herumgetrieben hatte …

„Es sieht so aus, als wären sich die beiden schon näher gekommen“, flüsterte Tally dem Say’im viel zu laut ins Ohr.

„Vater, das muss ein schlechter Scherz sein.“ Draw riss seine Hand aus dem festen Griff des Elfen. „Dieser … dieser … kann unmöglich mein Cheia sein!“

„Mein Sohn, du weißt genau, dass ich keinen Einfluss darauf habe, wen die Schule schickt.“

Draw erhob sich von seinem Platz, um nicht die ganze Zeit zu dem schmalen feindseligen Gesicht aufsehen zu müssen. Dieser Crid musste am gestrigen Abend gewusst haben, wen er vor sich hatte. Es grenzte an Frechheit, dass er kein Wort gesagt hatte, wer oder was er war.

„Wie kommen die Priester der Schule darauf, mir ausgerechnet einen Elfen zu schicken?“

„Vielleicht kennen sie deine Neigungen zu hübschen Jungs.“ Tally lachte amüsiert und sogar sein Vater gluckste leise. Dagegen schauten der strenge Haushofmeister, Draw und selbst der Elf den älteren Cheia empört an. Mit einer verlegenen Geste wandte sich Draw an seinen Vater, allerdings schien der die Angelegenheit ihm überlassen zu wollen. Und – verdammt! – es war schließlich sein Cheia, der sich hier wie ein Rotzlöffel aufführte und ihm den Traum von einer feierlichen Zusammenführung gründlich verdarb.

„Die Priesterschaft der Schule hielt mich am geeignetsten, mit Euch den Bund einzugehen“, sagte Crid mit vor Wut zitternder Stimme und Draw konnte deutlich die schwelende Glut in seinen Augen erkennen. War sein gestriges Verhalten gegenüber dem Elfen so furchtbar gewesen? Er hatte es ziemlich spaßig in Erinnerung. Zumindest hatten seine Freunde gelacht.

„Aber auch ich glaube allmählich, dass sie sich geirrt haben müssen. Was für eine Zumutung …“, fuhr Crid fort.

„Vorsicht, Cheia“, sagte der Haushofmeister mit mahnend erhobenem Finger. „Für solche Unverschämtheiten kann dich dein jetziger Herr bestrafen. Dir ist bestimmt bewusst, dass du dem Say’imin auf Gedeih und Verderb ausgeliefert bist?“

Crid lächelte spöttisch. „Verderb trifft es ziemlich genau. Und ehe er nicht gewisse Dienste in Anspruch genommen hat, die er bereits gestern einfordern wollte, wird er mir bestimmt nichts antun.“

Unter den belustigten Blicken von seinem Vater und Tally spürte Draw seine Wangen glühen. Es ärgerte ihn, dass ihn der Elf derartig bloß stellte. Immerhin waren sie nicht alleine und ein anderer Say’im hätte ihn für seine Frechheiten längst bestraft. Dieser Crid konnte von Glück reden, dass sein Vater einen solchen Wortwechsel mitunter erfrischend fand.

„Du nimmst dir zu viel heraus“, sagte er daher gefährlich leise. „Es steht Euch frei mich zu maßregeln, wie Ihr es für angemessen haltet“, fauchte Crid sofort wieder los. „Na los! Bringen wir es hinter uns.“

Draw blinzelte. Hörte er etwa richtig? Sein unerwarteter Bündnisgefährte forderte ihn direkt auf, die Peitsche zu benutzen? Gallig fuhr er ihn an:

„Das könnte dir passen, was? Damit du dich gleich am ersten Tag vor deinen Pflichten drücken kannst?“

„So viel Leidenschaft“, sagte Tally überdeutlich an der Seite seines Herrn.

„Halt den Mund, Tally!“, knurrte Draw unbeherrscht. Im nächsten Moment richtete sich sein Vater auf und stieß mit dem elfenbeinernen Herrscherstab einmal hart auf den Boden. Schlagartig erinnerte sich Draw daran, wo er sich befand und das dies hier eigentlich eine feierliche Angelegenheit im engsten Kreise hätte werden sollen. Beschämt senkte er den Kopf.

„Du scheinst da etwas zu verwechseln, mein Sohn. Tally befolgt meine Befehle. Er ist mein Cheia.“ Sein Vater lächelte sanft, dennoch war der Tadel deutlich aus seinen Worten herauszuhören. „Kümmere du dich um den deinen.“

Er wandte sich an Crid und sagte schlicht: „Willkommen in meinem Palast. Mögest du deiner nicht gerade leichten Aufgabe gerecht werden.“

Der Elf hatte zumindest den Anstand, sich respektvoll vor ihm zu verbeugen. „Ich danke Euch für das Willkommen, Say’im. Verzeiht diesen Auftritt, der nicht für Eure Ohren bestimmt war. Und selbstverständlich werde ich als Cheia mein Bestes geben.“

„Das“, sagte Eth’dar mit einem letzten Blick auf Draw, „bezweifle ich nicht. Ich hoffe lediglich, dass ihr zwei eure Differenzen bis zur Schwur-Zeremonie in vier Tagen beigelegt habt. Und jetzt solltet ihr euch in Ruhe kennenlernen.“

 

Gleich darauf war Draw mit seinem neuen Gefährten allein.

„Zieh dich an“, sagte er, weil er nicht länger auf einen sehnigen, sonnengebräunten Körper starren wollte, auf dem ihm eine lange, unansehnliche Narbe entgegenstach. Überrascht nahm er zur Kenntnis, dass Crid sofort gehorchte.

„Was?“, brummte der Elf, während er in die Ärmel schlüpfte und danach folgsam die Bänder seines Hemdes zuschnürte.

„Erkläre mir, wie ich mit dir nach diesem Auftritt den Bund eingehen soll“, sagte Draw frustriert. „Soll ich mein Leben ausgerechnet in die Hände desjenigen geben, der mich hier derartig vorgeführt hat? Wer wird mir für meine Sicherheit garantieren?“

„Wunderbar, dass du mich für einen ehrlosen Mann hältst, nachdem du mich gestern vor deinen Freunden in Grund und Boden beleidigt hast. Als Cheia habe ich einen Eid auf den Kodex geschworen.“ Crid hatte zu einer vertraulicheren Anrede gewechselt und sah ihn eingeschnappt an. „Du dagegen, Say’imin, wirst mir mein Leben zur Hölle machen. Allein die Vorstellung, mit dir ins Bett steigen zu müssen ...“

„Das wäre also so schrecklich für dich?“ Draw spürte, wie die Wut in ihm durch diese deutliche und abfällige Ablehnung geschürt wurde. Als würde er einen Buckel oder faulende Zähne haben.

„Ich habe keine Lust, für dich die Hure zu spielen.“

„Du wirst es tun, wenn ich es verlange.“ Triumphierend verschränkte er die Arme vor der Brust. Crid schwieg, aber Draw konnte deutlich sehen, wie dessen Kiefermuskeln in dem fein geschnittenen Gesicht hervortraten.

„Antworte!“

„Ich werde es tun, Say’imin.“ Crid würgte die Zustimmung regelrecht hervor. Dieser Sieg schmeckte plötzlich schal und für einen Moment schämte sich Draw. Sein Cheia war nach dem uralten Ehrenkodex verpflichtet, jede seiner Anweisungen zu befolgen. Und er, als zukünftiger Say’im von Ta’al’baneh nutzte dies schamlos aus, um Crid zu erniedrigen, weil sich der in der Spelunke nicht von einem Betrunkenen hatte vögeln lassen wollen. Ausgerechnet an dem letzten Tag, den Crid in Freiheit und Unabhängigkeit verbringen durfte.

Draw fühlte die Katzenaugen des Elfen auf sich gerichtet. Sein Cheia wartete auf einen Befehl, eine Regung, eine Äußerung. Bloß wusste Draw gegenwärtig nichts mit ihm anzufangen. Er fühlte sich gerade schlichtweg überfordert. Diese ganze Situation entwickelte sich zu einer riesengroßen Enttäuschung. Unvermittelt unterbrach Crid das Schweigen:

„Darf ich eine Bitte äußern?“

Draw nickte knapp.

„Wenn du mich nicht in der nächsten halben Stunde auspeitschen lassen möchtest, würde ich gerne den Palast besichtigen. Da ich nicht ausschließlich als deine Hure …“

„Es reicht jetzt, Cheia!“

„… sondern hauptsächlich als dein Leibwächter fungieren soll, halte ich es für sinnvoll, die Örtlichkeiten genau kennenzulernen.“

„Also einen Waffenstillstand?“, fragte Draw misstrauisch.

„Wenn du es befiehlst.“ Nach wie vor war Crids Ton ausgesprochen patzig und einem Say’imin gegenüber alles andere als angemessen. Ein solches Verhalten gegenüber seiner Person war Draw überhaupt nicht gewöhnt. Sein Vater zeigte sich ihm gegenüber stets tolerant und großzügig und die Dienerschaft verwöhnte ihn auf eine liebevolle Art und Weise. Selten wurde ihm ein Wunsch abgeschlagen. Allerdings konnte auch er sich großherzig zeigen:

„Wir könnten so tun, als hätten wir uns heute das erste Mal getroffen.“

„Warum? Hast du etwa ein schlechtes Gewissen?“

Mehrere Herzschläge lang konzentrierte sich Draw lediglich aufs Atmen.

„Keineswegs“, zischte er dann. „Außerdem bin ich dir noch etwas für diesen Auftritt eben schuldig. Wie konntest du mich derartig vor meinen Vater demütigen?“

„Du hast mich gestern vor deinen Freunden beschämt. Das habe ich auch nicht gerade als angenehm empfunden. Allein schon die Anmaßung, dir als Say’imin alles herausnehmen zu können und mich ungefragt zu berühren!“

Draw wurde es bewusst, dass sie sich wie zwei Kampfhähne gegenüber standen. War ihm ein Fall bekannt, in dem eine Verbindung zu einem Cheia mit einer Prügelei begann? Nicht, dass er Aussichten hatte, diese Schlägerei zu gewinnen. Er wollte lieber gar nicht erst wissen, welche Kampftechniken der Elf alle gelernt hatte. Dabei sah Crid in seinem Zorn sehr reizvoll aus. Wie wäre ihre heutige Begegnung wohl ausgefallen, wenn sie sich gestern unter anderen Umständen kennengelernt hätten? Draw schüttelte den Kopf und verdrängte diesen Gedanken schnell.

„Also erst eine Palastbesichtigung, bevor wir vögeln?“, fragte er mit einem gemeinen Lächeln nach. Unter Crids Auge zuckte ein Muskel.

„Wie der Say’imin wünscht.“

 

Crid ließ sich den Tag über jeden einzelnen Winkel des Palastes zeigen und Draw schleppte ihn von der Wäscherei zur Küche, vom Verlies zur Bibliothek, vom Festsaal bis zur Waffenkammer. Durch den Park, in dem ständig eine ganze Kompanie Gärtner herumwerkelte, liefen sie ihre letzte Station an: die Stallungen. Nebeneinander gingen sie die Reihen der sauberen Boxen entlang und streichelten die Nüstern neugieriger Pferde. Schließlich blieb Crid bei einem silbergrauen Hengst stehen, den er bewundernd musterte. Draw bemerkte, wie die Miene des Elfen weicher wurde und er sich beim Anblick des Grauen erstmalig zu einem Lächeln hinreißen ließ.

„Sein Name ist Kalech“, erklärte Draw ohne zu wissen, warum er sich herabließ mit dem Elfen über die Pferde zu sprechen.

„Der Zwillingsbruder meines Pferdes Kulyne.“ Er deutete auf die Nachbarbox.

„Sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen“, stellte Crid fest.

„Nicht vollkommen. Kulyne hat schwarze Haare im Schweif.“ Als Draw beobachtete, wie Kalech seinen Cheia mit der Nase anstupste, sagte er spontan:

„Kalech gehört von heute an dir. Er ist mein Geschenk an dich.“ Gleich darauf hätte er sich in den Hintern treten können. Wie kam er dazu, eines seiner Lieblingspferde herzugeben? Crid schien ähnlich zu denken. Seine Haltung wurde erneut steif.

„Warum willst du mir etwas schenken?“, fragte er argwöhnisch.

„Es ist Tradition, dass ein Say’imin seinem Cheia ein Willkommensgeschenk überreicht.“ Das stimmte sogar. Ursprünglich hatte Draw für Crid einen kunstvollen Dolch anfertigen lassen, aber jetzt konnte er keinen Rückzieher mehr machen. Ein seltsamer Zug trat in Crids Gesicht und er brachte es fertig, alles andere als begeistert zu klingen:

„Das Tier ist zu wertvoll. Ich kann andere Pferde reiten.“

Muss er dauernd Widerworte finden? Draw seufzte leise, als ihm bewusst wurde, dass sein eigener Dickkopf ernsthafte Konkurrenz bekam.

„Ich liebe einen schnellen Ritt, Cheia“, sagte er mit einem anzüglichen Ton in der Stimme, auf den Crid wie beabsichtigt mit finsterer Miene ansprang. „Wie willst du mithalten?“

„Glaubst du vielleicht, dass ein schneller Ritt allein einem Say’imin vorbehalten ist und sich ein Cheia nicht ebenfalls amüsieren kann?“

Auf den Mund gefallen war der Elf nicht. Draw hatte keine Ahnung, ob er lachen oder sich ärgern sollte. Wieder wünschte er sich, die Priester der Schule hätten ihm einen anderen Bündnisgefährten geschickt. Einen, mit dem er jetzt Gemeinsamkeiten hätte austauschen und den er voller Stolz seinen Freunden hätte vorstellen können. In diesen Moment knurrte Crids Magen laut und vernehmlich. Siedend heiß fiel es Draw ein, dass er ihm gegenüber gleich am ersten Tag seine oberste Pflicht versäumt hatte. Es war seine Aufgabe für die Grundbedürfnisse seines Cheia zu sorgen.

„Es tut mir leid. Ich habe nicht daran gedacht, dass du hungrig sein musst.“

„Bislang bin ich nicht umgefallen und eine Mahlzeit lässt sich nachholen“, erklärte Crid überraschend friedlich. Eigentlich hatte Draw mit einer scharfen Bemerkung gerechnet.

„Vater und Tally haben sicherlich schon gegessen. Wollen wir uns in die Küche setzen? Da ist die Umgebung nicht so furchtbar formell wie im Speisesaal.“

Crid nickte zustimmend und folgte ihm – nicht ohne Kalech noch einmal die Stirn zu kraulen. Draw unterdrückte ein Schmunzeln. Vielleicht war das Pferd doch ein besseres Geschenk als der Dolch. Und auch wenn Kalech ihm nicht mehr gehörte, so konnte er das wunderbare Tier weiterhin jeden Tag sehen.

 

In der Küche ging es laut und geschäftig zu. Von den riesigen Feuerstellen stieg angenehme Wärme auf und es duftete nach ungewohnten Köstlichkeiten. Draw steuerte direkt den Gesindetisch an, wo er mit einer Selbstverständlichkeit Platz nahm, als wäre dies sein üblicher Platz. Dabei hatte sich Crid im Traum nicht vorstellen können, dass sich der Say’imin freiwillig unter die Dienerschaft mischte. Die zeigten gegenüber ihrem zukünftigen Herrscher überhaupt keine Scheu. Draws Wange wurde liebevoll getätschelt, als wäre er nichts weiter als ein Dreikäsehoch und man rief ihm im Vorbeihasten fröhliche Neckereien zu. Ehe sich Crid über das seltsame Verhalten in diesem Palast wundern konnte, wurde vor seiner Nase eine Platte mit einem dampfenden Brathühnchen abgestellt. Dazu bekam er Schüsseln mit Brot, eingelegtem Gemüse und Obst gereicht.

„Ist dieses Huhn für mich allein?“, fragte er ungläubig.

„Natürlich. Was hast du denn gedacht?“

Es war egal, was er gedacht hatte. In der Schule hatte es selten Fleisch gegeben und die geringen Mengen mussten für alle reichen. Das hier dagegen war der reinste Überfluss. Crid spürte, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Seine letzte Mahlzeit hatte aus wässrigem Haferbrei in der Kaschemme bestanden. Er konnte gerade so die Höflichkeit aufbringen und abwarten, bis Draw die Mahlzeit eröffnete, ehe er wie ein Ausgehungerter über das knusprige Hühnchen herfiel. Erst eine ganze Weile später bemerkte er, wie ihn Draw mit großen Augen anstarrte. Crid stockte mitten im Kauen.

„Das ist unverzeihlich!“

Er ließ den Hühnerschlegel sinken. Hatte er etwas falsch gemacht?

„Crid, es tut mir wirklich leid. Ich habe nicht gewusst, dass du so hungrig warst. Warum hast du mir nicht etwas gesagt?“

Diesen aufgeblasenen Say’imin um Essen anzubetteln? Nie im Leben!

„Es ist nicht meine Aufgabe, dich an deine Pflichten zu erinnern.“ Langsamer aß er weiter und genoss den schuldigen Ausdruck in Draws Gesicht. Sorgfältig nagte er jeden einzelnen Knochen ab und wischte das würzige Bratenfett mit einer Scheibe Brot vom Teller. Noch nie hatte er Brot gegessen, das aus solch fein gemahlenem Mehl gebacken wurde. Es war herrlich.

„Hast du … ich meine …“ Draw stammelte verlegen herum, doch Crid ahnte, was er fragen wollte.

„Die Schule ist ein Ort für Waisenkinder, Say’imin“, sagte er scharf. „Das einzige was es reichlich und sogar mit Nachschlag gab, waren die Lehren, die man uns zuteilwerden ließ. Ein Waisenkind zu sein bedeutet, dass man selten satt wird und sich von Almosen kleidet.“

Betroffen sah ihn Draw an.

„Ihr seid angehende Cheia“, flüsterte er fassungslos.

„Wir sind auserwählte Waisen, Say’imin. Nicht jeder erhält die Gelegenheit, die Prüfungen abzulegen und nicht jeder besteht diese Prüfungen. Der Weg dorthin ist alles andere als leicht. Die Schule ist nicht reich und muss zudem die lehrenden Meister entlohnen, damit die uns ihr Wissen weitergeben. Waisen, selbst wenn es sich um Cheia-Anwärter handelt, leben nicht im Überfluss. Wir müssen neben dem Unterricht zusätzlich für unseren Lebensunterhalt arbeiten.“

„Das habe ich nicht gewusst.“

„Du lebst mit dem Cheia deines Vaters unter einem Dach.“

„Ich bin nie auf die Idee gekommen, ihn über die Schule auszufragen. Ein Leben ohne Tally kenne ich gar nicht. Und heute habe ich einen eigenen Cheia und weiß nicht wirklich etwas darüber.“

„Zumindest hast du eine Ahnung davon, dass ich all deinen pikanten Befehlen gehorchen muss.“ Crid konnte das Sticheln nicht lassen. Er wusste selbst nicht genau, warum er Draw ständig an sein beleidigendes Verhalten vom Vortag erinnern musste. Dabei rückte der Abend näher und mit dem Abend kam die Nacht. Er würde gezwungen sein, Seite an Seite mit seinem Say’imin zu schlafen. Und er musste – wenn es nach Draws Kopf ging – zudem für dessen Entspannung sorgen. Auf einmal schmeckte der Apfel, den er gerade aß, nicht mehr.

„Ich verstehe nicht, dass ihr in der Schule nicht einmal vernünftige Mahlzeiten erhaltet. Die Say’im zahlen doch jährlich ein Lehrgeld“, sagte Draw plötzlich. „Schließlich ziehen wir den Nutzen aus eurer Ausbildung.“

„Die exquisiten Waffenmeister werden teuer sein, ebenso unsere Waffen. Wohin genau die Lehrgelder fließen weiß ich nicht. Die Priester haben uns stets vorgehalten, dass die Schule Unmengen an Münzen verschlingt.“

Er merkte, dass diese Antwort Draw nicht zufrieden stellte, aber was hätte er dazu noch sagen sollen? Auf den Gedanken, die Verwendung der Lehrgelder in Frage zu stellen, war er nie gekommen. Für solche Ideen war sein Tagesprogramm viel zu straff gewesen. Und ganz sicher hätten ihm die Priester auf solche Fragen keine Antworten gegeben.

„Darf ich meinen Say’imin auf eine kleine Sache hinweisen?“

Draw seufzte. „Na, heraus mit der Sprache.“

„Ich werde angemessene Kleidung brauchen. Und ein paar Münzen für einen eventuellen Notfall.“ Irgendwie war es peinlich, Draw auf seine Bedürftigkeit hin anzusprechen. Dabei kam jeder Cheia mit leeren Händen zu seinem Herrn. Crid bemerkte, wie Draw seine Kleidung musterte. Er trug das offizielle weiße Hemd und die schwarze Hose, die ein Cheia bei der ersten Begegnung mit seinem Say’imin zu tragen hatte. Weiß zum Zeichen der Unterwerfung und Schwarz, um zu signalisieren, dass die Bereitschaft bestand, sein eigenes Leben seinem Herrn zu opfern. Wer immer diese Tradition erfunden hatte, kannte offenkundig Draw nicht. Crid hatte nämlich keineswegs das Verlangen für seinen selbstverliebten Herrn zu sterben. Natürlich würde er seine Aufgabe als Cheia erfüllen, es bedeutete jedoch nicht, dass er Gefallen daran fand.

„Gleich morgen lasse ich den Schneider kommen. Bis deine Kleidung fertig ist, kannst du etwas von mir anziehen. Wir haben ungefähr die gleiche Statur.“

„Bitte was?“ Crid starrte Draw verblüfft an. Er war einen deutlichen Kopf kleiner als sein Say’imin und viel schmaler. Draw lachte.

„Das war ein Witz, Crid. Meine Hemden werden dir zu weit sein und die Tuniken wie Säcke an dir hängen. Für ein paar Tage ist es doch egal. Und deine Hose wirst du eben weiter tragen müssen, wenn dir meine beim Laufen nicht über den Hintern rutschen sollen.“

Sauer lehnte sich Crid in seinem Stuhl zurück.

„Soll das zukünftig so weitergehen?“, fragte er.

„Was?“

„Diese Späße auf meine Kosten?“

„Du liebe Güte, bist du empfindlich. Sind alle Cheia so zart besaitet?“

„Und hör auf, mich ständig mit anderen vergleichen zu wollen.“

„Mimose!“

Crid kniff sich in die Nasenwurzel, um nicht zu schreien. Wenn diese Anfeindung Tag für Tag so weitergehen sollte, würde er wahnsinnig werden. Warum konnte sich Draw nicht zusammenreißen und normal mit ihm reden?

„Du bist niedlich, wenn du wütend bist.“

Auch das noch! Jetzt musste er ein Stöhnen unterdrücken.

„Katzenwelpen sind niedlich. Ich bin keine Katze.“

Draw schwieg, saß bloß absolut ruhig da. Angestunken senkte Crid den Blick auf seinen leergegessenen Teller und schob ihn viel zu heftig von sich.

„Also ich weiß nicht“, sagte Draw langsam. „Du fauchst ständig wie ein gereizter Kater.“

Crids Faust sauste auf die Tischplatte, sodass das Gesinde in der Küche bei dem Knall zusammenzuckte. Im nächsten Moment schoss er von seinem Stuhl hoch und war schon ein paar Schritte weit, ehe er sich besann, dass er gar nicht weglaufen konnte. Er musste bei seinem Say’imin bleiben. Mit einem stummen Fluch auf den Lippen drehte er sich zu seinem Herrn um. Draw saß gelassen auf seinem Platz und lächelte ihn spöttisch an.

„Miez“, sagte Draw belustigt. „Vielleicht sollte ich dich zukünftig bei diesem Namen nennen, Elf.“

Crid versuchte gegen seine ohnmächtige Wut anzukämpfen. Sein Say’imin deutete auf seine geballten Fäuste.

„Am liebsten würdest du auf mich losgehen, nicht wahr?“, fragte er und hatte damit gar nicht Unrecht. Crid betete verzweifelt um Selbstbeherrschung. Er erkannte sich selbst nicht wieder. Jahrelang war er von Meistern und Priestern drangsaliert worden, an die Grenzen seiner Fähigkeiten getrieben und war ihren Strafen ausgesetzt gewesen. Immer war es ihm gelungen, sein hitziges Temperament zu zügeln. Nur bei Draw wollte es ihm nicht gelingen. Lag es daran, dass er sich noch nie etwas von einem Gleichaltrigen hatte sagen lassen? Oder lag es an Draws gestriger unverschämter Annährung? An seiner reichlich vorhandenen Arroganz?

„Miez.“

Sein aufgebrachter Schrei hallte durch die Küche.

 

***

 

Allein Draws Schlafgemach war so groß, dass Crid glaubte, sich darin verlaufen zu können. Und er verfügte über weitere Räume. Resignierend wandte sich Crid dem Bett zu, das er fortan mit Draw zu teilen hatte. Wenigstens war es derartig breit, dass sogar mehrere Personen darin Platz gefunden hätten und er sicherlich einen gewissen Abstand zu Draw einhalten konnte. Diese persönlichen Räume hatte Crid während ihrer Besichtigungstour nicht zu sehen bekommen und aus diesem Grund schaute er sich aufmerksam um. Sein Herr schien überall eine heillose Unordnung zu hinterlassen und ein alter Kammerdiener namens Gulf war soeben bemüht, das größte Chaos zu beseitigen.

„Unser Reich.“ Draw breitete die Arme aus und drehte sich dabei um die eigene Achse. „Und?“

„Was und?“

„Wie findest du es, Miez?“

Bleib ruhig, ermahnte sich Crid.

„Wie ich es finde, dass du dich wie ein Kleinkind aufführst?“

Draw ließ seine Arme sinken und runzelte die Stirn.

„Wie ein Kleinkind?“, fragte er ratlos nach.

Crid deutete auf das Chaos.

„Kannst du die Sachen, die du benutzt hast, nicht ordentlich wegpacken?“

Verständnislos runzelte Draw die Stirn und Crid merkte, dass sogar der Kammerdiener verblüfft in seinem Tun inne gehalten hatte.

„Du willst der Say’im von Ta’al’baneh werden und bist nicht in der Lage in deinen Privaträumen für Ordnung zu sorgen?“ Es entging Crid keineswegs, dass Gulf heftig schluckte und auch nicht, dass Draw wie erstarrt dastand.

„Faulheit empfinde ich bereits als schlimm genug, aber wenn du diesen Saustall aus reiner Gedankenlosigkeit verursachst, dann …“

„Gulf, lass das Aufräumen.“ Mit einem herrischen Wink unterstrich Draw seinen Befehl. Offenbar war Gulf diesen Kommandoton von dem Say’imin nicht gewohnt, denn er ließ vor Schreck alles fallen, was er soeben erst aufgehoben hatte.

„Mein Cheia wünscht morgen meine Räumlichkeiten besser kennenzulernen und ich bin geneigt, ihm diesen Wunsch zu erfüllen, damit er nicht an meiner unendlichen Großmut zweifelt.“

„Wenn du glaubst, ich räume für dich auf …“

„Miez? Pssst!“

Jetzt durfte er nicht einmal mehr ausreden?

„Nenn mich nicht …“

Draw legte mahnend einen Finger auf seine Lippen und erneut betete Crid um die Kraft, seinem Herrn nicht an den Hals zu springen.

„Gulf, hilf mir beim Auskleiden. Miez und ich werden uns zur Ruhe begeben.“

Crid blinzelte. Er hatte davon gehört, dass sich die Adligen beim An- und Auskleiden helfen ließen. Bislang war er davon ausgegangen, dass dies lediglich im Falle von komplizierter Garderobe zu besonderen Anlässen geschah. Dass Draw nicht in der Lage war, aus einer Tunika, einem Hemd und seiner Hose zu steigen, war schlichtweg nicht zu fassen.

Er nutzte die Chance, als Gulf direkt vor Draw stand und dem Say‘imin die Sicht auf ihn versperrte, um sich selbst schnell auszuziehen. Hastig kroch er unter die Decken. Um nichts in aller Welt wollte er splitterfasernackt Draws prüfenden Augen ausgesetzt sein. Es reichte, wenn sich gleich seine Befürchtungen erfüllten und der Befehl erteilt wurde, der ihn bis aufs Blut erniedrigen würde. Ein Befehl, der ihm lange nicht erteilt worden war …

Vorsichtig wandte er den Kopf in den Kissen, um einen Blick auf Draw zu erhaschen. Zu seiner Überraschung war an ihm nichts Weiches zu erkennen. Seine Muskeln waren fest, ein Bauchansatz – den viele Adlige nicht verbergen konnten – war nicht zu erkennen. Mit den breiten Schultern und dem etwas scharf geschnittenen Gesicht stellte er zugegeben einen attraktiven Mann dar.

Hätte er sich mir in der Kaschemme auf eine andere Art und Weise genähert, hätte der Abend vielleicht anders verlaufen können, dachte Crid. Nicht, dass ich mit ihm …Aber nein, er muss sich gleich als arroganter, anmaßender Mistkerl offenbaren.

„Soll ich die Lampen löschen?“, erkundigte sich Gulf, der die Kleidung forträumte, während Draw wie der Gesegnete ihn geschaffen hatte zu Crid ins Bett stieg.

„Sei so freundlich.“

Wenn Draw wollte, konnte er wie eine Lichtgestalt lächeln. Crid drehte ihm demonstrativ den Rücken zu und rutschte soweit an die Bettkante, dass er auf seiner Seite beinahe hinausfiel. Es war ungewohnt, derartig tief in eine Matratze einzusinken und zwischen Kissen und Decken regelrecht begraben zu sein. Es stank nicht nach altem Schweiß und sicherlich gab es auch keine Krabbeltiere, die nachts aus der Füllung krochen. Das Licht erlosch und Gulf ließ sie allein. Crid spannte sich an. Gleich würde der demütigende Befehl kommen. Er wartete. Neben ihm drehte sich Draw von einer Seite auf die andere. Crid konnte es an der Bewegung auf der Matratze spüren. Noch etwas, das für ihn neu war, da er bisher stets alleine geschlafen hatte. In der Schule gab es für jeden Jungen eine eigene Strohschütte und dazu eine wärmende Decke.

Eine ganze Weile lag Crid reglos da und lauerte auf ein Kommando oder eine eindeutige Berührung. Nichts geschah. Worauf wartete Draw? Er wurde aus seinem Say’imin überhaupt nicht schlau. In der Spelunke hatte Crid beinahe erwartet, dass Draw aufgrund seines Unwillens handgreiflich werden und sich ihm aufzwingen würde. Jetzt, wo Draw das Recht dazu auf seiner Seite hatte, ließ er ihn zappeln. Sein Benehmen war verabscheuungswürdig und trotzdem überließ er ihm dieses wunderbare Pferd. Bis auf seine Waffen hatte Crid nie etwas Eigenes besessen und Draw schenkte ihm wie nebenbei einen kostbaren Hengst. Dabei hatte Crid ihm angesehen, dass er sich nur schwer von dem Tier hatte trennen können.

„Draw?“, fragte er halblaut ins Dunkel. Ein schläfriges „Hm?“ war alles, was er an Antwort bekam.

„Das Pferd ist großartig“, flüsterte er. Das war kein direkter Dank, andererseits konnte Draw für seine ständigen Beleidigungen nicht mehr erwarten. Sein Say’imin entgegnete nichts. Trotzdem hatte Crid das Gefühl, dass Draw neben ihm lächelte.

 

***

 

Blinzelnd wachte Draw auf. Eigentlich hatte er erwartet, Crids rotbraunen Schopf neben sich zu entdecken, doch der Elf befand sich gar nicht mehr im Bett. Als Draw den Kopf hob, entdeckte er seinen Cheia auf dem breiten Fensterbrett. Er hatte ein Bein angezogen, die Arme darum geschlungen und die Stirn gegen das Knie gelehnt. Einsam, unglücklich und müde sah er aus. Draw wusste, dass sich Crid die halbe Nacht lang unruhig im Bett herumgewälzt hatte und der Gesegnete allein wusste, seit wann er dort am Fenster hockte.

„Guten Morgen“, sagte er in die Stille hinein. Crid hob den Kopf. Sein Gesicht nahm einen resignierenden Zug an, als er den Gruß mit einem Nicken beantwortete. Nun, auch Draw hatte sich seinen Gefährten anders vorgestellt.

„Bist du bereits lange auf?“ Er stopfte sich mehrere Kissen in den Rücken und lehnte sich gleich darauf gemütlich zurück. Crid zuckte zur Antwort mit den Schultern. Sehr gesprächig war er an diesem Morgen nicht. Das schien er zu bemerken, denn er fragte:

„Kann ich etwas für dich tun?“

Unwillkürlich schlich sich ein Grinsen in Draws Gesicht, worauf sich die Miene des Elfen deutlich verfinsterte. War er deswegen so früh auf den Beinen? Weil Crid befürchtete, dass er mit ihm schlafen wollte?

„Ja, du kannst.“

Diese unvergleichlichen smaragdgrünen Katzenaugen funkelten ihn schon wieder wütend an. Wie schnell sich sein Cheia in Rage bringen ließ. Und in seinem Ärger bot er ein hinreißendes Bild.

„Du könntest dort drüben an dem Klingelzug ziehen.“

Crid schaute sich suchend um, erhob sich dann und ging zu dem Leinenstreifen mit den darauf gestickten Tieren hinüber. Vorsichtig zog er daran, als befürchtete er, dass gleich ein wassergefüllter Eimer auf ihn herabkippen würde.

„Und jetzt?“, fragte er.

„Warte es ab.“ Gemütlich verschränkte Draw die Arme vor der Brust und beobachtete Crid, der ziellos im Raum herumwanderte und schließlich in ein paar Büchern blätterte, die auf einem Schränkchen lagen.

---ENDE DER LESEPROBE---